III

„Sie sind ja in der Brodstraße.“ Der Portier setzte sich wieder auf das Bänkchen.

„Wo Herr Knopffabrikant Sinsheimer wohnt?“

„Den hat der Schlag getroffen. Heute mittag. Punkt eins. Kommt von einem Geschäftsgang zurück, liest die eingelaufene Post, da trifft ihn der Schlag ... Auch ein Unglück für die Familie!“

Jürgen überwand seine Scheu, ein Haus zu betreten, in dem ein Toter lag, stieg die Treppe hinauf, vorbei an dem farbigen Treppenhausfenster, auf dem Wilhelm Tell im Ausfall stand, bereit, den Apfel herunterzuschießen von den blonden Locken.

Im Vorzimmer kämpfte Gulaschduft mit Medizingeruch. „Herr Adolf kommt gleich“, sagte das Dienstmädchen und drehte eine schwach und rot brennende Birne an im Salon.

Eichenmöbel, reich geschnitzt, schwarz und unverrückbar schwer, füllten ihn. Zahllose Nippesgegenstände posierten, miauten, sangen, tanzten Menuett auf allen erdenklichen Plätzchen und Kanten. Jürgen wand sich bis zu einem Stuhle durch, dessen hohe Lehne, gebildet durch zwei vielfach geschwungene, schwarzgebeizte Schwanenhälse, mit einer Wasserrose abschloß, in der ein Frosch saß, das Krönchen auf dem Kopfe.

Ohne sich zu rühren, musterte er die Gegenstände, begann schließlich zu zählen: vier meterhohe Petroleumlampen – Geschenke, die niemals gebrannt hatten –, eine große Anzahl nie benutzter Tee-, Kaffee- und Likörservice, entdeckte nachträglich noch zwei hohe, glänzende Gestelle, die er erst auch für Lampen hielt, dann aber als Tafelaufsätze erkannte: Nachbildungen des Eiffelturmes, auf dessen Stockwerken Birnen, Äpfel, Trauben, aus farbigem Tuche, lagen. An der Wand hing, zwischen dem Dackel, der, das weiße Zipfeltuch um den Kopf, an Zahnweh leidet, und dem Kätzchen, das mit dem Wollknäuel spielt, ein kleiner Elefant, der den Rüssel hin und her schleuderte. Das Ziffernblatt auf seiner Stirn stellte Afrika dar.

Unvermittelt schlug der Gedanke ein, daß vielleicht im Zimmer nebenan der Tote liege. Um sich abzulenken, nahm Jürgen den Bronzelöwen in die Hand, der, schleichend zusammengekauert, Tatzen auf dem Rande, die Zunge dürstend in die Aschenschale streckte. Stand auf, sah umher, drehte am Schalter. Mit dem Verlöschen der Birne schwankten alle Möbel, wie betrunken, auf Jürgen zu und versanken in der Finsternis. Er fand den Schalter nicht wieder.

Da sah er in einem Blitze der Angst die Leiche im Salon liegen, schneeweiß aufgebahrt und mit genau der selben Kopfhaltung wie die seines Vaters. Schnell drehte er sich einige Male um sich selbst, bemüht, die Leiche des Vaters nicht im Rücken zu haben, und streckte die Hand frierend hinter sich nach dem Türdrücker aus.

Der Elefant trompetete. Die Tür knallte gegen Jürgens Kopf: Adolf hatte eintreten wollen. „Na, sag mal, sitzt du im Dunkeln! ... Lina! Donnerwetter, Lina!“ Sie kam gesprungen. Jürgen wollte aufklären.

„Ist ja alles sehr schön! Aber weshalb wird denn nicht der ganze Lüster angeknipst, wenn Besuch da ist! ... Bringen Sie Tokaier.“

Seine Hand hatte den Schalter gefunden. Zornig schritt er auch noch in die andern drei Ecken: Immer mehr Birnen glühten auf an Kandelabern und am gewaltigen Lüster. Die tausend Gegenstände standen tot im weißen Lichte. „So, nun mache dirs bequem.“

Jürgen setzte sich wieder auf den hochlehnigen Schwanenstuhl und sprach das Tokaierglas prostend erhoben, verlegen sein Beileid aus über den entsetzlichen Unglücksfall, der Adolf betroffen habe.

„Das passiert meinem alten Herrn öfter. Es geht ihm schon wieder besser. Er hat schon etwas Gulasch gegessen. Jetzt schläft er.“

Nachdem die beiden weggegangen waren, schritt das Mädchen von Schalter zu Schalter und stürzte den Salon wieder in das schwarze Nichts.

Auf der Straße zog Adolf mit weißen Litzen besetzte Glacéhandschuhe an und machte beim Sprechen abgehackte Viertelsdrehungen auf Jürgen zu, wie ein Leutnant, der mit einer Dame spazierengeht. Sein Vater habe diesen Morgen Ärger gehabt, wegen einer Zahlung an eine Londoner Bank. Es habe sich zwar nur um einige zehntausend Pfund gehandelt. „Eine Bagatelle, gewiß! Aber wenn sie momentan nicht flüssig zu machen sind? ... Geht er heute früh dieser Sache halber fort, kommt schon aufgeregt nachhause, da findet er ein Schreiben aus dem Kriegsministerium, des Inhalts, daß wir ...“ Er blieb stehen, hob den Spazierstock wie eine Kerze: „Diskretion?“

„Vielleicht sagst du mir lieber nichts.“

„Aber bitte, dein Wort genügt mir ... daß wir den Auftrag erhalten haben, den neuen Armeeknopf zu liefern. Begreifst du, was das bedeutet? ... Ahnungslos öffnet mein Alter das zweite amtliche Schreiben, liest, daß er zum Kommerzienrat ernannt worden ist: schwuppdich – Schlaganfall ... Bitte, nach dir.“

Schwungvoll ließ der schon zum Kellner emporgerückte, seinen Ober jetzt mit vollkommenster Sicherheit kopierende frühere Pikkolo das Tablett mit den Wassergläsern auf die Marmorplatte auflaufen. Das Knopfexporthaus stand wuchtig und still gegenüber in der Abendruhe.

Ein starker Tourenwagen hielt vor dem Café. Ein blonder Herr trat ein. Adolf verbeugte sich steif und tief und flüsterte: „Sechzigpferdig! Ein Klubmitglied! Sohn des Maschinenfabrikanten Heller ... Die haben ihrem Werke kürzlich noch eine Abteilung angegliedert, in der ausschließlich Eisenbahnweichen fabriziert werden. Staatsaufträge, mußt du wissen! Auch die scheinen die nötigen Verbindungen zu haben. Enorm reiche Leute!“

Jürgen wurde die Seele schwer bei dem Gedanken, daß seit jenem ersten Kaffeehausbesuch schon soviel Zeit vergangen war und er noch immer unklar und ziellos dahinlebe. Abwesend sah er in das glänzende Gesicht, von der Krawattenperle zum seidenen Tüchlein, das glatt und grün aus der Brusttasche wuchs.

„Gestern übrigens – ich unterhalte mich nicht ungern mit dem jungen Heller – erzählte er mir im Klub, er habe den Ingenieur, der das Einrichten der Weichenfabrik überwacht und geleitet hat, husch, die Lerche! rausgeschmissen.“

„Fort möchte ich! Weg von Europa! Weg von dem Ganzen! ... Vielleicht wenn ich Dolmetscher werden könnte in China!“ Und plötzlich erfüllt von Zorn und Hohn: „Bist du schon weit mit deiner Knopfsammlung?“

„Unsinn! Das war ja Kinderei. Hast du eine Ahnung! Es gibt, rein menschlich genommen, nichts, das mir gleichgültiger wäre als Knöpfe ... Ich sammle etwas ganz anderes.“

Er beugte sich zu Jürgens Ohr, flüsterte und lehnte sich wieder zurück. „Von jeder, die ich gehabt habe! ... Kannst dir die Sammlung einmal ansehen.“

„Weshalb hat er ihn denn hinausgeworfen?“

„Überall liegt ein Zettel bei, mit dem Vornamen der Betreffenden und dem Datum.“

„Wenn er doch das Einrichten der Fabrik leitete!“

„Ja, und gleich hinterher hat er die Arbeiter zum Streik aufgehetzt. Ein Blutroter nämlich, verrückter Weltverbesserer, weißt du, Bombenschmeißer und so ... Zeichnet, konstruiert, wählt aus, baut um, rennt und schwitzt, bis das Werk steht – soll übrigens ein brauchbarer Techniker und Organisator sein –, dann hetzt er die Leute auf ... So etwas gibts noch, heutzutage, trotz des enormen Aufschwungs unserer Industrie.“

„Hast du denn schon einmal darüber nachgedacht, daß trotz des Aufschwunges unserer Industrie die große Mehrheit aller Menschen zu schwer arbeiten muß und dabei kaum das Nötigste zum Leben hat, vor allem aber jeglicher Möglichkeit, ihre geistigen Anlagen auszubilden, jeglicher Entwicklungsmöglichkeit vollständig beraubt ist? Im Gegensatz zu anderen, die essen, leben und sich bilden können – wie zum Beispiel wir –, selbst wenn sie wenig oder nichts arbeiten!“

„Deine Sorgen! Übrigens: ich muß auch arbeiten. Und wie wir geschwitzt haben, mein Alter und ich, betreffs des Armeeknopfes! Du solltest nur ein einziges Mal eine Kalkulation für solch eine Riesenlieferung machen müssen, da würde dir das Nichtvorhandensein sämtlicher und noch einiger Dutzend mehr Entwicklungsmöglichkeiten anderer Leute schnuppe sein.“

Wer weiß überhaupt, dachte Jürgen, weshalb der eine denkt und der andere niemals zu selbständigem Denken, nie zu einer eigenen Meinung kommt und deshalb auch nie zu einem Proteste gegen das Bestehende? Ist da die verschiedene Konstitution entscheidend? Oder das Leben, wie es ist, die Ordnung, die Lebensordnung? Oder alles zusammen? ... Das ist ein tiefes Problem. Das sind Fragen, schwer zu beantworten ... Und wer jetzt dazu noch überlegt, daß ganz offenbar diejenigen, die nicht selbständig denken, die Uneigenen, diese Ordnung bestimmen, dem Leben das Gesicht geben, der muß zugeben: Alles, das Ganze, ist verkehrt. Das Ganze!

„Jeder Armeeknopf muß x-mal durch die Maschine laufen. Dazu die Berechnung des Rohmaterials, der Kapitalsverzinsung, der Arbeitslöhne. Wenn du zu hoch kalkulierst, bekommst du den Auftrag nicht; und wenn du dich bei solch einem Riesenauftrag verrechnest, bist du pleite.“

Den kleinen Finger weggespreizt, zog er das grüne Tüchlein aus der Brusttasche und wischte sich die trockene Stirn. „Was sagtest du vorhin? Dolmetscher in China? Kannst du denn chinesisch? Es gibt meines Wissens und gewissermaßen nicht ein Dutzend Leute in Deutschland, die chinesisch können.“

„Gerade deshalb glaube ich ja, daß ich leicht einen Dolmetscherposten in China bekommen könnte“, sagte Jürgen, der bis vor zehn Minuten niemals daran gedacht hatte, Dolmetscher in China werden zu wollen.

„Ich kann ja schon ziemlich chinesisch“, begann er auf der Straße von neuem. „Ich lerne nämlich seit Jahren in einer alten Grammatik, die ich unter den Büchern meines Vaters gefunden habe ... Zum Beispiel als Dolmetscher bei der deutschen Gesandtschaft in China! ... Nur weg von Europa!“

„Solltest du nicht Amtsrichter werden? ... Schön, werde du Dolmetscher! Nichts als Romantik, mein Lieber, sauere Romantik! ... Na, mein Ziel kennst du ja. In einigen Monaten ist das neue Knopfexporthaus unserer Knopffabrik angegliedert. Runde Sache! Konzentration, mein Junge! Aber davon verstehst du ja nichts ... Im übrigen – lebe ich, amüsiere mich und, um es glatt herauszusagen, vergrößere meine Sammlung weiblicher Geschlechtshaare. Später ... natürlich heiraten!“ Er war mit der Bankierstochter Elisabeth Wagner, einer früheren Mitschülerin Katharinas, verlobt.

Der schwere Wagen hielt. Der Fabrikantensohn stieg aus und die läuferbelegte Treppe hinauf. Auch Jürgen und Adolf waren vor dem Klubhause angelangt.

„So einfach, wie du dir das vorstellst, erhält man Staatsaufträge natürlich nicht. Da sind, abgesehen von der Kalkulation, noch ganz andere Kräfte im Spiel, Kräfte, sage ich dir ... Für tausend Knöpfe werden bezahlt“, rief er plötzlich mit starker Stimme und nannte die Summe, „und hundertachtzig Millionen sind bestellt ... Rechne aus! Mein verflossener Chef wird platzen vor Ärger über den Kommerzienratstitel. Und obendrein, schwuppdich! schnappten wir ihm noch den kolossalen Staatsauftrag weg. Kurzum: es geht, husch, die Lerche! schnurstracks in die Höhe. Merkst du das?“

„Schwuppdich!“ murmelte Jürgen; er hatte gar nicht zugehört.

Da klang, wie damals, Klaviergepauke und Refraingesang durch das offene Fenster. Und Adolf, beide Arme weit ausgebreitet, Stock in der einen, Glacés in der andern Hand, sang mit in übersprudelnder Lebensfreude:

„Es haben zwei ne ganze Nacht

Zusammen in einem Bett verbracht.

Was ham se wohl gemacht?“

Während Jürgen die Stadt durchquerte, verlobte auch er sich. Katharinas Vater, Herr Geheimrat Lenz, löste die Verlobung wieder, weil Jürgen ein brotloser Philosoph und nicht bei einer schlagenden Verbindung war.

Am Arme ihres Gemahls – einer berühmten Persönlichkeit – geht Katharina vorüber an Jürgen, ihrem früheren Verlobten, der, total heruntergekommen und versoffen, die Straße kehrt. Bleibt stehen, ergriffen von Mitleid. ‚Sieh mal, wie furchtbar traurig! Er war mein Jugendfreund. Schenke ihm doch etwas.‘

Ihr Mann ist sehr edel, gibt seine ganze Brieftasche dem demütig Dankenden, an dessen abgezehrtem Gesicht die Tränen herunterrollen.

Auch Katharina schluchzt, legt ihre Hand auf die seine, die den Besen hält, und sieht ihren Mann an: ‚Jürgen war nicht immer so. Denke das ja nicht. Wenn du wüßtest, welch wunderbarer Mensch er gewesen ist! Hätte ich ihn sonst geliebt? Keineswegs immer so! Zum Beispiel ernannte ihn die Regierung, obwohl er anfangs nur ein untergeordneter Dolmetscher war, seiner ganz außerordentlichen Fähigkeiten wegen zum deutschen Gesandten in China.‘

Da verschwand Katharinas Mann. Nicht dieser, sondern Jürgen ist mit ihr verheiratet, empfängt die phantastisch wunderbar gekleideten chinesischen Würdenträger, von denen vor lauter tiefen Verbeugungen beständig nur die Rücken zu sehen sind. Der Saal hat keine Decke. Das Sternenfirmament blitzt über dem glänzenden Feste des deutschen Gesandten. Der Reichskanzler hat für außerordentliche diplomatische Dienste an Jürgen ein Danktelegramm geschickt. ‚Empfehlen Sie mich auch Ihrer Frau Gemahlin.‘

‚Katharina, der Kanzler läßt sich dir empfehlen.‘

‚Das alles habe ich nur dir zu verdanken, Jürgen.‘

Der Aufschrei einer Frau und das Schimpfen und heftige Läuten des Trambahnführers stießen ihn zurück in die Wirklichkeit. Er befand sich in einem ihm gänzlich fremden Stadtteil.

„Wenn diese schweinischen Träumereien jetzt nicht endlich aufhören, knalle ich mich nieder. Das ist ja Onanie“, schrie er plötzlich wutentstellten Gesichtes, in dem, ebenso plötzlich, grenzenlose Verwunderung sich auftat, als er bemerkte, daß er vor dem Hause stand, in welchem der Ingenieur wohnte.

Jetzt erst erinnerte Jürgen sich wieder, daß er Adolf nach der Adresse gefragt und auf dem Wege durch die Stadt zweimal Straßenschilder gesucht hatte, in diese Seitenstraßen eingebogen und einmal sogar ein Stück Weges wieder zurückgegangen war, ohne sich des Grundes bewußt geworden zu sein.

Außerdem ist Katharina ja von zuhause weggelaufen, wird sich also von dem Herrn Geheimrat nichts mehr dreinreden lassen, dachte er, schon wieder traumversunken, beim Hinaufsteigen, las auf einem weißen Kärtchen den handgeschriebenen Namen des Ingenieurs. ‚Was soll ich ihn denn fragen? Was soll ich sagen?‘

Da hatte er schon geläutet. Die schweigsame Wirtin, deren Unterlippe mürrisch auf das Kinn herabhing, führte ihn in das große, helle Zimmer. Der Ingenieur saß am Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. „Setze dich.“

Jürgen setzte sich. Betrachtete die hellgelben, leeren Wände.

„In den Sessel!“

Er stand auf und setzte sich in den modernen, bequemen Ledersessel, vor das vollgestopfte Bücherregal, neben dem mehrere Stöße fremdsprachiger Zeitungen auf dem glänzenden Parkettboden standen. ‚Was soll ich sagen? Verflucht, das ist ja wie in der Schule ... Was will ich überhaupt?‘

Lange und nachdenklich sah er den schreibgekrümmten Rücken an. ‚Wenn ich das wüßte, würde ich nicht hier sein.‘

„Genossin, dein Artikel war in einem wichtigen Punkte schlecht. Du solltest den betreffenden Abschnitt noch einmal bei Marx nachlesen. ‚Die Klassenkämpfe in Frankreich‘. Auch bei Engels ‚Ursprung der Familie‘ gibt es darüber eine sehr aufschlußreiche Stelle.“

Jürgen nahm sich vor, diese zwei Bücher gleich zu kaufen. ‚Aber so geht das ja nicht weiter. Schließlich verrät er mir noch Geheimnisse.‘

„Bei Marx nämlich ist die Problemstellung folgendermaßen“, sagte der Ingenieur und wandte sich um. „Entschuldigen Sie! Ich erwartete jemand.“ Er hatte unveränderlich junge Augen in einem männlich fertigen Gesicht, das als Abschluß einen kleinen Spitzbart braucht, der auch vorhanden war.

Jürgen stand auf. Da klingelte das Telephon. Während der Ingenieur horchte und sprach und horchte, verwarf Jürgen zehn verschiedene Gesprächsanfänge. Wünschte sich fort. Vernahm, wie der Ingenieur das Höhrrohr wieder auflegte. „Also, was wollen Sie?“

„Fragen, was ich mit meinem Leben anfangen soll ... Ich bin doch nun einmal da“, antwortete er in einem Tone, als ob er gestanden hätte: Ich habe das Verbrechen begangen, nun machen Sie mit mir, was Sie wollen.

Bleich und rot in einem vor Ärger über seine Verlegenheit, blickte er den Ingenieur wütend an.

„Ja. Aber du solltest mich doch nicht wegen jeder Kleinigkeit anrufen, Genosse“, sagte der Ingenieur, der schon wieder verlangt worden war, in den Apparat hinein.

‚Ich frage ihn, ob ich Philosophie oder meinethalben Astronomie studieren soll, und geh meiner Wege. Denn zu erklären, um was es sich eigentlich handelt – diese ganze Qual –, ist einfach unmöglich.‘

„Und außerdem wurde eben mitgeteilt“, meldete der Hilfsredakteur, der im fünften Stocke des Druckereigebäudes in dem winzigen Redaktionszimmerchen saß, ein Stück Brot in der Linken, das Höhrrohr in der Rechten, „daß die Regierung beschlossen habe, dem Auslieferungsverlangen der spanischen Regierung nachzukommen.“

„Das wäre der erste Fall dieser Art“, entgegnete ungläubig der Ingenieur. „Der Mann hat aus ganz offensichtlich politischen Motiven den Polizeipräsidenten erschossen.“

Ich kann ihn doch nicht fragen: Was soll ich tun, um die Welt zu erlösen? dachte Jürgen.

„Und politische Verbrecher werden bekanntlich nicht ausgeliefert.“

Der Hilfsredakteur legte das Brot weg, ergriff ein Papier. „Es ist eine amtliche Depesche, in der das Attentat als gemeines Verbrechen dargestellt wird. Übermorgen wird er von hier abtransportiert zur Grenze.“

‚Aber so ersticke ich eines Tages noch in diesem zähen Sumpf, wenn nicht etwas geschieht.‘

„Ich werde noch vor Mitternacht eine Notiz über den Fall in die Redaktion schicken für die morgige Nummer.“

Der ist mitten drin in der Umsturzbewegung, dachte, plötzlich entflammt, Jürgen und sah leuchtenden Blickes den Ingenieur an. „Vielleicht können Sie mir doch raten, was ich beginnen soll“, sagte er, als ob er das, was er nur gedacht hatte, ausgesprochen hätte. „Einen Weg zeigen! Ich tue alles. Ich bin nicht feige!“

Der durch viele Publikationen im ganzen Lande bekanntgewordene sozialistische Agitator, vor dem schon öfters idealistisch gesinnte junge Menschen gesessen hatten, im Blick die Frage, was sie mit ihrem Idealismus anfangen sollten, fragte mit mehr Interesse im Ton, als er hatte: „Haben Sie schon Arbeiterversammlungen besucht?“ und lehnte seine Taschenuhr gegen das Tintenfaß.

„Ich nicht. Aber mein Bekannter! ... Er hatte eine Siedlung gegründet. Jetzt ist er Mitglied der sozialistischen Partei, und da wird er wohl ...“ sagte Jürgen und errötete tief, als er sah, daß der Agitator ein Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte.

„Die Siedlung war vollkommen kommunistisch ... Auch diese Siedler konnten es einfach nicht ertragen, das Leben, so wie es ist ... Alles zusammen, das Ganze! ist ja eine einzige ungeheuerliche Niederträchtigkeit.“

„Wenn Sie sich dessen nur auch späterhin bewußt bleiben! Dann ist es ganz gleich, welchen Beruf Sie wählen. Wichtig ist dieses Bewußtsein. Möchten Sie das nie vergessen.“

„Das Bewußtsein?“

„Der Mensch kann auch sein Bewußtsein, nämlich das, was er in der Jugend, als noch Protestierender, schon erkannt und sogar tief empfunden und erlitten hatte, mit den Jahren vergessen.“

Jürgen lauschte hinein in sein dunkles Gefühls-Ich. „Er kann, ich verstehe Sie schon, in eine gefährliche Schicksalspause hineinschlingern, ja? und in dieser Schicksalspause den Kampf aufgeben: alles verraten, was er erstrebt hatte.“

Der Agitator steckte die Uhr ein. „Höchste Zeit! Sie kommt nicht mehr. Wahrscheinlich ist sie von der Redaktion aus direkt ins ‚Paradies‘ gefahren ... Ungefähr das meine ich. Schicksalspause ... Wie die das Mädchen ausnützen! Muß die Artikel schreiben und die Zeitung dann auch noch verkaufen.“

„Dann kommt das Geldzusammenscharren. Und wenn dann einer eine Zeitlang tüchtig, das heißt: brutal genug und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, ist er – husch, die Lerche! wie mein Schulfreund sagt – auf Kosten unterdrückter Elendsmenschen ein geachteter Mann.“

„Aus solchen geachteten Männern besteht die herrschende Klasse.“

„Ich habe nämlich erfahren, weshalb Ihnen gekündigt wurde. Sie sind Sozialist?“ Und ob er ihn noch ein Stück begleiten dürfe, fragte Jürgen auf der Straße. „Sie glauben also, daß im Sozialismus alles von Grund auf besser werden würde?“

Der Agitator sprang auf die anfahrende Straßenbahn. „Ich glaube, daß jede Zeitepoche in sich ihre durch den Stand der Produktionskräfte bedingte Aufgabe trägt, die zu erfüllen der zeitbedingte Inhalt des Idealismus aller Kampf- und Opferbereiten ist, und daß die Aufgabe unseres Jahrhunderts in der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln besteht, in der Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum, in der Verwirklichung des Sozialismus auf dem Wege des Klassenkampfes ... Und was die idealistisch gesinnte bürgerliche Jugend unseres Jahrhunderts anlangt, glaube ich, daß sie den wahren, weil zeitbedingten, Inhalt ihres Idealismus eben auch nur in dem Kampfe um die Verwirklichung des Sozialismus, Seite an Seite mit der Arbeiterklasse, finden kann ... Das gilt auch für Sie persönlich. Alle anderen Befreiungs- und Erlösungsideen sind Nebel und Wolken in verschiedener Beleuchtung und werden von der bürgerlichen Front glatt verdaut, ja, von ihr selbst gestartet und als Fangangeln ausgelegt.“

Erst in dieser Sekunde, da er das echte Interesse des Agitators fühlte, erkannte Jürgen, daß es anfangs nicht ganz echt gewesen war. Das erstemal in meinem Leben, dachte er, gibt ein ernstzunehmender Mensch mir einen ernstgemeinten Rat, und ich weiß mit diesem Rate nichts anzufangen. Verstehe ihn gar nicht. Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum? Er hätte ebensogut sagen können: Der Inhalt des Idealismus eines jungen Menschen unserer Zeit kann nur darin bestehen, daß er lernt, ohne Führer den Montblanc zu besteigen oder das Vaterunser von rückwärts zu beten. Jürgen war ernüchtert.

„Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die idealistisch gesinnte bürgerliche Jugend steht und kämpft gegen die Arbeiterklasse, gegen die Verwirklichung des Sozialismus, und damit gegen den nächsten großen Schritt zur Befreiung der Menschheit, gegen des Menschen nächsten Schritt zu sich selbst. Diese Jugend erkennt ihre Aufgabe nicht und gerät deshalb in die tollsten Verirrungen.“

So allmählich, wie die Trambahn den Prachtstraßen, dem Prunkviertel entrückt und in die Elendszeilen der verluderten, nackten Mietskasernen vorgerückt war, hatten die gutgekleideten Fahrgäste für schlechtgekleidete den Wagen geräumt, der nun, überfüllt mit Arbeitern und Fabrikmädchen, seine schmutzige Ladung weiterschleppte durch das Viertel, wo die Not stand in ihrer ganzen Größe. Hier rollten keine Gummiequipagen, keine Autos mehr. Der Parfümduft gepflegter Damen war niedergeschlagen und aufgefressen worden von dem dicken Schweißgestank der Armut. In dem Wagen, wo noch kurz vorher weiße und frische Gesichter mondgleich geschienen hatten, hingen jetzt graue Antlitze im Dunst, hautüberzogene Schädel mit tief in die Höhlen versunkenen Augen, die blickten.

Zwei Menschheiten: eine Menschheit war ausgestiegen; die andere Menschheit war eingestiegen.

Ein winziger, ganz weißer Schoßhund, von einer vergeßlichen Dame im Wagen zurückgelassen, bekam irrblickende Augen und bellte die fremde, die andere Menschheit an.

Jürgen betrachtete zwei Männerhände, und als er das dazugehörige Gesicht suchte, sah er, daß diese rissigen, hornhäutigen, übergroßen Männerfäuste einem jungen Arbeitermädchen angehörten. Neben ihr wackelte der Oberkörper eines bärtigen alten Briefträgers, in dessen zerklüftetes Wachsgesicht das Ersteigen von millionenmal vier Stockwerken eingezeichnet war, steif und haltlos hin und her.

„Nun sind wir direkt und mitten in das soziale Problem hineingefahren. Mit der Elektrischen! ... Nur dies allein (auch das gilt für Sie persönlich), nur den Übertritt zur Arbeiterklasse, nur diesen letzten Schritt verzeiht der Bürger uns Bürgersöhnen nicht. Denn er weiß, daß wir erst dann gefährlich werden können ... Geist, christliche Menschenliebe, Helfenwollen, Ändernwollen, erlaubt der Bürger noch. Da lächelt er noch. Ja, alles das nimmt er sogar für sich selbst in Anspruch. Denn er ist sozusagen für den Fortschritt. Aber nur ja nicht das! Nur ja nicht tatsächlich ändern! Da wird er wild. Da demaskiert er sich. Da läßt er verfolgen, einsperren und, unter Umständen, erschießen und erschlagen.“

Die drei aneinandergekoppelten Wagen, vollgestopft mit Arbeitern, die bis auf die Trittbretter herausquollen, überholten lose zusammenhängende Arbeitertrupps, die sichtbar alle dem selben Ziele zustrebten. Immer wieder hörte Jürgen den Schrei: „Zum Paradies!“ Der Schaffner kassierte.

Der Agitator, der schweigend vor sich hingeblickt hatte, machte eine Bewegung, als schüttle er etwas von sich ab. „Es ist nichts zu machen.“ Und da Jürgen fragte, teilte er ihm den Inhalt der Depesche mit.

„Und was geschieht dann mit dem Attentäter?“

„Er wird hingerichtet.“

„So ... Wird hingerichtet.“

Vorüber an einer geschlossen und zielhaft marschierenden Gruppe Schutzleute. Krachend vorbei an einem Kanalloch, um das herum Proletarierkinder Ringelreigen tanzten.

Fabrikmädchen, die halb geschlafen hatten, erwachten im Ruck: Alle Fahrgäste und die grau herbeiströmenden Arbeitermassen drängten hinein in das ‚Paradies‘, das schon überfüllt war.

Galerien und Balkone, von denen die Menschenleiber, übereinandergetürmt, gleich Gewächsen aufstiegen, stürzten nicht hernieder. An den Tischen: Oberkörper neben Oberkörper, überragt von denen, die, dicke Menschenschnüre bildend, dichtgedrängt in den Zwischengängen standen. Gebärden der Erregung durchschnitten Stimmengeschwirr und Rauch, hinter dem die Wandmalereien verschwammen: paradiesische Wesen, die alles im Überflusse hatten.

Plötzlich hörte und sah Jürgen, der eine Sekunde die Augen geschlossen hatte, gewaltige, kilometerbreite, gischtige Wassermassen aus blauer Höhe herabklatschen: sah zehntausend klatschende Menschenhände und in weiter Ferne, auf dem Podium, einen Mann.

Da schwoll sein Herz, und das nie empfundene Gefühl rückhaltloser Hingabe erfüllte ihn ganz. Sympathie für den Mann, der das Vertrauen dieser fünftausend Hoffenden besaß. Hingabe an diese fünftausend Vertrauenden. Stürmischen Herzens streckte er die Hand dem jungen Zeitungsverkäufer hin, der rief: „Die Befreiung! Die Befreiung!“

Arbeitsschwarze Hände griffen nach den Blättern, die er über den Kopf hochhalten mußte. Ein Zögernder fragte: „Was kostet die Befreiung?“

„Genossinnen! Genossen! Euer gemeinsamer Kampf, der Klassenkampf, die Gemeinsamkeit all derer, die durch ihr Klassenschicksal die gegebenen und unbedingten Feinde des Kapitalismus sind, dieses Gemeinsame, Euer Klassenbewußtsein, ist der unerschöpfliche Quell Eurer Kraft: Kraftquell für jeden und für das Vertrauen jedes einzelnen auf seine Kraft“, erklang fernher die Stimme des Redners.

Und Jürgen fragte: ‚Ist das so? ... Ich werde dahinter kommen, ob und weshalb das so ist.‘ Ihm entgegen drängte noch einmal der junge Zeitungsverkäufer, auf dem Arme den Stoß, der bis zu seinem Ohre reichte. „Du hast nicht bezahlt.“ Und da Jürgen, verwirrt, ihm in das Antlitz sah: „Zwanzig! ... Umsonst gibts nichts.“

„Zwanzig?“ Der Zögernde blickte wieder den schweißtriefenden Kellner an und überlegte, ob er ‚Die Befreiung‘ oder ein Glas Bier kaufen solle, als wäre beides zusammen unmöglich.

Da erkannte Jürgen an einer Kopfbewegung des Redners den Agitator, der von Monopolisierung, Akkumulation und Mehrwert sprach, worunter Jürgen sich nichts vorstellen konnte.

„Dazu noch das arbeitslose Einkommen, geschluckt von Aktienbesitzern, die in gar keiner Weise arbeiten in dem Betriebe, von dem sie die Dividenden beziehen. Ich lasse mein Kapital arbeiten, sagt der Aktienbesitzer, der auf dem Kanapee liegt, die Kurse studiert, wie die Spinne im Netz in der Börse lauert, erstklassig durch das Leben glitscht, aber den Rasen nicht betritt, kein Holz im Walde stiehlt, sondern für Recht und Ordnung ist.“

Die fünftausend saßen reglos, horchten und blickten, als hielten sie mit ihren Händen den Erdball.

„In den Betrieben schuften Männer und Frauen jahraus, jahrein, von früh bis abends an den Maschinen, machen vom vierzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahre immer die selben Handgriffe, aus denen Zahnbürsten, Lokomotiven, Stecknadeln, Überseedampfer, Schreibmaschinen, Schuhe, Leintücher entstehen; in behaglichen oder eleganten, geschmackvollen oder geschmacklosen Wohnungen sitzen Herren und Damen, deren Lebensarbeit darin besteht, das Dasein zu genießen, ins Theater zu fahren, über Kunst und Literatur dumm oder klug zu reden, Kulturträger zu sein, ihr Dienstpersonal zu schikanieren und ihre Kinder falsch zu erziehen und reich zu verheiraten, Leute, die einen Betrieb nie betreten haben, es seien denn Modegeschäfte und Sekt-, Tanz-, Bordell- oder sonstige Nachtbetriebe gewesen, gepflegte Zeitgenossen, die keinen Dunst davon haben, wie Zahnbürsten fabriziert werden, oder wie ein Webstuhl aussieht, und beziehen Dividenden von einer Bürstenfabrik oder einer Leinenweberei, während die Kinder der Bürstenmacher nicht einmal wissen, daß die Benutzung einer Zahnbürste zur Erhaltung der Zähne beiträgt, und die Leinenweber für ihre armseligen, stinkenden Betten keine Leintücher kaufen können.“

Auch meine Tante besitzt eine Schatulle, gefüllt mit Aktien, sie, die in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht hat, als diese qualvollen Häkeldeckchen, dachte Jürgen.

„So kommt es, daß euch, wenn ihr an einem Werktag, während der Arbeitszeit – um elf Uhr früh, um vier Uhr nachmittags – durch die Geschäftsstraßen einer Großstadt geht, die vor Arbeit brüllt und dampft, Tausende und Tausende und Tausende hübsch und elegant gekleideter, gepflegter Mädchen, Frauen und junger Männer begegnen. Das sind die Töchter – höhere Töchter –, die Gattinnen, die Söhnchen. Sie arbeiten nicht; aber sie essen dennoch, und nicht Kutteln mit Sauce. Kaufen ein, geben viel Geld aus, damit die Arbeiter ihr Brot verdienen können, versteht ihr, wohnen bequem und hygienisch, hören Konzerte, können ausgezeichnet tanzen und zur Not Gesetzesparagraphen auswendig lernen, die gegen Arbeiter anzuwenden den künftigen Staatsanwälten und Richtern dann nicht schwer fällt. Sie sind die Angehörigen ihrer Aktien besitzenden Gatten und Väter, leben von dem Mehrwert, der den Werktätigen abgepreßt wird, und haben, im allerbesten Falle, ein mitleidiges, staunendes Lächeln für demonstrierende Arbeiter, von deren Schweiß und Not und Tod sie leben.“

Aber nicht den schwächsten Reflex des Bewußtseins, daß sie von dem Schweiße dieser Arbeiter leben, dachte Jürgen. Das weiß ich bestimmt. Sind weltenweit entfernt von diesem Bewußtsein.

„Und die Kirche liefert die entsprechende Religion: Du sollst nicht. Du sollst, sollst nicht, sollst! Kürzer: Das Eigentum ist heilig.“

„Im Diesseits“, sagte heiter lächelnd ein neben Jürgen stehender Arbeiter. „Im Jenseits gibts nämlich keine Rittergüter, Bergwerke, Webereien und Möbelfabriken.“

Wer da war in diesem Saale, plötzlich fühlte Jürgen sich mit jedem einzelnen und mit allen zugleich wie durch ein unbegreifliches Wunder verbunden. Der Haß dieser fünftausend war sein Haß, ihre Hoffnung, ihr Ziel waren seine Hoffnung, sein Ziel. Und da geschah es, daß seine lebenslange Unsicherheit und Hilflosigkeit der Umwelt gegenüber urplötzlich verschwanden und das kraftspendende Gemeinschaftsempfinden so mächtig in ihm entstand, daß er an sich halten mußte, nicht loszubrüllen vor innerem Jubel.

‚Da wurde ich vierundzwanzig Jahre alt und ahnte nicht, was Selbstbewußtsein ist. Fühlte es nicht! Fühlte es nicht, wegen meiner unfruchtbaren Einsamkeit, angesichts dieses verruchten Geschehens, dem gegenüber der einzelne sich nimmermehr zurechtfinden kann oder, findet er sich zurecht, verloren ist. So oder so! Denn das Zurechtfinden innerhalb dieses Ganzen bedeutet, wie immer es geschieht, menschlich den Untergang ... Jetzt geht der Kampf an. Kampf bis zum Tode!‘

„Der Klassenkampf! Neueste Nummer! Der Klassenkampf! Die Befreiung! Neueste Nummer: Der Klassenkampf!“

Das Herz schlug nicht mehr. In den Fingerspitzen fühlte er den letzten Schlag, anstürmend, als wolle das Blut herausspringen. So starrte er das verschwitzte, kompakte Antlitz an, den gebogenen Nacken, den kleinen, festen Mund, der rief: „Die Befreiung! Der Klassenkampf!“

Da war Katharina schon wieder verschwunden im überfüllten Zwischengang. Er sah nur noch den über ihrem Kopfe schwebenden ‚Klassenkampf‘. Und noch in diesem selben Augenblick zog ein endlos langer Zug arbeitsunfähig gewordener alter Männer und Frauen grau und düster durch Jürgens Sehnsucht, gleichberechtigt neben Katharina zu stehen.

Sekunden später war das Arbeiterversorgungsheim gegründet. Alles funktionierte tadellos. Alle Zeitungen schrieben darüber. Jürgen empfängt eine Deputation des Berliner Magistrats. Die Herren tragen die Zylinder in der Hand. Vier Herren. Der schmalste, feinste hat einen Scheitel, von der Stirn bis zum Nacken, und führt das Wort.

Gewiß, Jürgen sei bereit, auch in Berlin so ein Versorgungsheim zu organisieren. Warum nicht! Natürlich müsse er erst die besonderen Verhältnisse an Ort und Stelle studieren. ‚Die Konstellation gewissermaßen, Sie verstehen! Außerdem haben andere Stadtverwaltungen sich schon früher bei mir gemeldet, müssen Sie wissen. Und wer zuerst kommt – nicht wahr ...‘

Vier Verbeugungen, die vor Befangenheit und Freude darüber, daß Jürgen den Herren die Ehre zuteil werden läßt, einen Witz zu machen, schief ausfallen. Sogar die Münder lächeln schief. Und der schmale, feine Wortführer sagt: ‚Natürlich, hahaha! gewiß, der mahlt zuerst!‘

‚Und jetzt, meine Herren ...‘ Die vier ziehen sich sofort zurück. Auch die Tante, die respektvoll dabeigestanden war, verläßt leise das Zimmer, den mit Arbeit Überlasteten nicht länger zu stören. Katharina, am Schreibtisch lehnend, sieht Jürgen bewundernd an.

Tausendfaches Händeklatschen. Alle schoben sich der Ausgangstür zu. Jürgen erreichte, halb getragen, die Straße, schwitzend und begeistert. Stand vor der Wirklichkeit, die vier Schutzleute vor das ‚Paradies‘ gestellt hatte, stumm und blickend. Die Proletarierkinder tanzten noch immer Ringelreigen, herum um das dampfende Kanalloch.

Senkrecht sauste Jürgen aus seiner Kirchturmhöhe herab auf das reale Pflaster, empfangen von Ekel und Selbsthaß, weil er wieder geträumt und sich wieder hatte achten und bewundern lassen. Mit einem innerlichen, einem wilden Sprunge langte er wieder an bei sich selbst. ‚Ich werde dir das abgewöhnen. Werde dir das abgewöhnen!‘

Die Masse spülte ihn weiter. Jürgen entfaltete den ‚Klassenkampf‘.

Arbeiter, die den Lesenden überholten, wandten sich um nach ihm. Einige legten, wenn er aufsah, den Finger an die Mütze.

Offenbar ein zäher, langwieriger, trockener Kampf; aber das Ziel, das Ziel – es ist unerhört ... Ob ich herausfinden werde, was schlecht ist an ihrem Artikel? dachte Jürgen und las Katharinas Artikel noch einmal von Anfang an.

Plötzlich vernahm er, stehend im Straßenlärm, deutlich das Summen einer großen Fliege, blickte erstaunt auf und bemerkte, daß er vor dem ‚Platzwirt‘ stand, einer Zuhälter- und Verbrecherkneipe, vor der er, sooft er vorbeigegangen war, immer tiefes Grauen empfunden, und die zu betreten er nie gewagt hatte.

Als er die Tür öffnete, hatte er zuerst die Empfindung, in einen riesigen Fabriksaal geraten zu sein, so ungeheuer war der Lärm. Auch die Töne des alten Klaviers konnten nur vereinzelt durchdringen.

An den vor Alter bucklig gewordenen Wänden hing gar nichts. Vom Schanktisch bei der Tür liefen fünf lange Reihen zwischenraumlos nebeneinander stehender Tische nach rückwärts und verschwanden im Qualm. Kein einziger Stuhl. Zehn Bankreihen: dicht besetzt von Straßenmädchen, Zuhältern, verunglückten oder zu alt gewordenen Artisten und Arbeitern, obdachlosen früheren Angehörigen der bürgerlichen Klasse verschiedenster Berufe, durch den Konkurrenzkampf heraus- und, ohne Station zu machen bei der Arbeiterklasse, gleich hinuntergeschleudert ins Lumpenproletariat, und zum größten Teile Existenzen, die infolge langer Arbeitslosigkeit rettungslos in Verbrechen versunken und ertrunken waren.

Ohne Gesprächsunterbrechung wurde für Jürgen mit selbstverständlicher Bereitwilligkeit Platz gemacht, noch enger zusammengerückt. Nur ein kurzer Blick, prüfend, ob Jürgen ein Spitzel sei.

Schon stand das Bier vor ihm. Und die Hand des Kellners verlangte das Geld.

Niemand wunderte sich über den sorgfältig gekleideten Gast; es kam öfters vor, daß elegante Bummler, Frackherren, oft sogar mit ihren Damen, nach Ball- oder Barschluß als letzte Sensation diese Kneipe besuchten.

Aus den erregten, gespannten und gierigen Gesichtern, aus den Gesprächsfetzen und wilden Gesten, aus dem ganzen Gebaren stach vor allem anderen deutlich das eine hervor: Alles ist erlaubt, nur darf man sich nicht fassen lassen. Hier saßen ausschließlich Existenzen, die das Grundgesetz der bürgerlichen Ordnung, ‚Das Eigentum ist heilig‘, verletzt hatten, für immer außerhalb jeder Ordnung des Geschehens standen und, die drohende Katastrophe unausgesetzt vor Augen, gierig und eisern bestrebt waren, das Letztmögliche noch aus dem Leben herauszufetzen, bevor sie von der Faust der Krankheit oder des Gesetzes gepackt werden würden. Jeder war über jeden orientiert. Mancher konnte manchen ins Zuchthaus bringen. Keiner tat es.

Neben manchem stand das Schafott. Es handelte sich nur darum, das Schafott nicht besteigen zu müssen. Polizeispitzel, auch in der echtesten Verkleidung von den Gästen erkannt, konnten es nicht wagen, sich hier sehen zu lassen, es sei denn in großer Anzahl bei einer Razzia. Entsicherte Revolver. Hände hoch. So wurden von Zeit zu Zeit die Lokalbesucher ausgekämmt. Der ‚Platzwirt‘ war Lieferant des Scharfrichters und der Zuchthäuser. In die Privatangelegenheiten seiner Gäste mischte er sich nicht hinein. Die Grenze des Erlaubten war in seinem Lokal sehr weit gezogen und durfte nicht um einen Millimeter überschritten werden. Er hielt auf Ordnung im stürmischen Aufruhr. Jürgen war betäubt.

Der ‚Hinausschmeißer‘, ein scheinbar ganz unbeschäftigt neben dem Schanktisch emporragender athletischer Brustkasten, machte zwei Schritte auf einen eben eingetretenen alten Mann zu, packte ihn von hinten und wortlos beim Rockkragen und zwischen den Beinen und trug ihn schweigend vor sich her, bis zur Tür, stieß ihn hinaus. Und stand sofort wieder reglos am Schanktisch, den Tumult im Blick: Dem Hinausgeworfenen war das Lokal verboten. Er hatte einmal die Wurst nicht bezahlt und damit die Grenze des Erlaubten überschritten. Der Hinauswurf war von vielen gesehen, von keinem beachtet worden. Das Tosen hatte nicht ausgesetzt.

Jürgen gegenüber saß neben einem Mann ein junges Straßenmädchen, den grünen Hühnerflügelhut schief auf dem Kopfe. Beide hatten sich noch nicht gerührt. Beide stützten beide Ellbogen auf die bierverschmierte Tischplatte, an der die Eßbestecke angekettet waren. An dem gleichartigen, bösen Schweigen erkannte Jürgen, daß die beiden zusammengehörten.

Rechts neben dem Schweigenden hockte männlich breit eine Frau, deren ganzes Gesicht – auch die Stirn – schwarzblau war wie eine Gewitterwolke, und erzählte, ohne sich an jemand besonderen zu wenden, unaufhörlich, daß sie arbeitslos sei, und weshalb sie arbeitslos geworden sei. Ein arbeitsloser, schwindsüchtig aussehender junger Mensch verzog die Lippen, kaum bemerkbar, als habe er schon keine Lust und keine Kraft mehr, noch verächtlich zu lächeln, richtete langsam den Oberkörper auf, sah Jürgen an, der sich erst jetzt dieses fahlen Gesichtes und des haßerfüllten Blickes, dem er kurz vorher in der Arbeiterversammlung mehrere Male ausgesetzt gewesen war, wieder entsann.

Ein erst vor wenigen Tagen nach langjährigem Aufenthalte in Amerika zurückgekehrter, heruntergekommener Aristokrat sagte über die blauschwarze Frau weg ohne jeden Übergang zu Jürgen: „Da gehe ich gestern die große Allee hinunter. Was wollen Sie, ich gehe einfach spazieren. Auf einmal sehe ich eine elegante Equipage stehen. Davor zwei Pferde. Pferde! Ich verstehe mich darauf. Für Pferde interessiere ich mich. Auch jetzt noch ... Und wer, denken Sie, sitzt drin? ... Meine Mutter. Mächtig elegant! Ich habe sie erst gar nicht erkannt. Nun, ich trete zu ihr an den Wagen. Das ist doch klar. Ist das nicht menschlich?

‚Woher kommst du?‘ fragt sie mich. Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus vor der Stadt gekommen sein könnte.

‚Aus Amerika! Am Montag!‘

‚Hast du denn Geld. Von mir kriegst du keines.‘

‚Ich hab doch kein Geld.‘

‚So‘, sagt sie und gibt dem Lakai das Zeichen. Fort ist sie ... Das ist doch gemein. Ist das nicht gemein? ... Fünf Jahre!“ Er wandte sich sofort zu einer anderen Gruppe.

Der Schweigende richtete sich auf, holte wortlos und weit aus und knallte dem Straßenmädchen neben sich die Faust auf den. Mund. Dann stützte er beide Ellbogen wieder auf den Tisch.

Auch das Mädchen, das beinahe rückwärts von der Bank gestürzt wäre, stützte wieder die Ellbogen auf den Tisch. Beide saßen genau wie vorher. Schwiegen genau wie vorher. Kein Wort war gefallen. Der Streit lag weiter zurück. Ihre Oberlippe war sekündlich zu einer schiefen Geschwulst geworden, daß die Zähne hervorsahen.

„Da gehe ich gestern die große Allee hinunter ... Elegante Equipage stehen ...“

„Equipage stehen“, hörte Jürgen den Aristokraten am Nebentisch erzählen. Krachendes Antwortgelächter übertönte für einen Moment den Tumult.

Der Aristokrat lachte mit. „... Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus zurückgekehrt wäre ... Aber ist das nicht gemein?“

„Schlag sie tot! Hau sie nieder!“

Noch leichenblaß, sah Jürgen die zwei Schweigenden an. Die Frau mit dem blauschwarzen Gesicht rief: „Seit zwanzig Jahren trag ich Backstein. Und jetzt bin ich arbeitslos. Und weshalb? Was meinst du wohl, weshalb?“ Der Schwindsüchtige verzog die Lippen. Sie bekam keine Antwort. Viele waren arbeitslos und wußten, weshalb. „Jetzt passen Sie auf, jetzt kommt unser Fotz-Hobel-Quartett“, rief sie Jürgen zu.

Und der sah die vier Männer an, die ihre Mundharmonikas auf die Handfläche stauchten. Der eine Spieler, ein stark schielender, kleiner, ungewöhnlich breitschulteriger Mann mit kantiger Stirn, machte mit der linken Faust anfeuernde Bewegungen. Das Getöse im Lokal verminderte sich nicht. Der Schielende hetzte sich und die drei andern Spieler in das immer wilder werdende Tempo hinein. Die vier Oberkörper, die eingezogenen Köpfe spielten hingerissen mit. Die Gesichter flammten.

Drei zwischen Krücken baumelnde Krüppelkörper zogen langsam vorüber an Jürgen und am Quartett. Das Tempo stieg unter des Schielenden Führung rasend an. Sie fanden nicht mehr Zeit, die Oberkörper mitzuschaukeln; nur die Gesichter zuckten noch knapp im Rhythmus. Der Schielende stampfte hetzend mit dem Absatz den Takt. Der Vortrag endete wie abgehauen. Der Orkan stand wie vorher im Lokal.

Jürgen hörte einen dumpfen Ton: Wieder hatte die Faust des Schweigenden den hochaufgeschwollenen Mund des Mädchens getroffen. Dann saßen beide wieder reglos, die Ellbogen aufgestützt.

Die Frau mit dem schwarzblauen Gesicht spuckte, über den Tisch weg, scharf an Jürgens Wange vorbei. Eine dünne, weiße Wursthaut flog nach und platschte glatt auf den schwarzen Fußboden neben den Schleim.

Der Schweigende schob, als ob nichts geschehen wäre, seiner Freundin die abgezogene Wurst hin. Das Mädchen rührte sich nicht. Die geplatzte Oberlippe glich einem daumendicken, blauen Wurm.

Jürgen war vor dem an seinem Munde vorbeifliegenden Schleim zurückgezuckt und starrte, plötzlich grau am ganzen Körper, den an Jahren noch jungen Mann an, der sich bückte, die mit schwarzem Sande verschmierte Wursthaut vom Fußboden wieder abzog und in den Mund steckte. Mit der ganzen Handfläche schob er nach, kaute zahnlos und ging, auf dem Boden nach Abfällen suchend, langsam weiter. Die Menschen sah er nicht an. Nur den Fußboden. Apathisch, wie ein wandelnder Toter. Und als ihm vom Schweigenden die verschmähte Wurst zugeworfen wurde, versuchte er gar nicht, sie aufzufangen; er ließ sie gegen seine Brust prallen und erst zu Boden fallen. Strümpfe, Weste, Rock, Hemd hatte er nicht an. Nur Hosen und darüber einen Mantel. Seine Augen waren verschleimt und tot. Die Unterlippe, nach außen gedreht, hing unbeweglich, schief und drei Finger breit herab.

Mit Entsetzen sondergleichen fühlte Jürgen: Dieses kranke Stück Fleisch will nur noch Essen zugeführt bekommen, während der Wilde und sogar jeder Hund, auch der elendeste, mit seinem Blicke Zuneigung verlangen und geben kann. Das ist Kultur, dachte er. Kultur.

Stunden vergingen, und immer mehr neue Gäste kamen, Hände in den Hosentaschen, Schultern fröstelnd hochgezogen: Obdachlose. Der Hinausschmeißer musterte prüfend jedes fahle Gesicht, schob im Laufe der Nacht zwei Burschen und ein junges Mädchen, das die Arme hoffnungslos hängen ließ, wieder hinaus.

Der Schweigende rüttelte die Geschlagene am Arm, forderte sie so auf, jetzt wieder gut zu sein.

Was mag sie alles gedacht haben in dieser langen Nacht? dachte Jürgen. Was ihr geschehen ist, als sie noch ein Kindchen war? Oder was ihr noch bevorsteht in diesem Leben? ... Und der Attentäter, er wird hingerichtet.

Mit einer Schulterbewegung schüttelte die noch immer aufgestützt Sitzende die Hand ab, lächelte aber dabei schief und entgegenkommend.

„Dann eben du die Hälfte und ich die Hälfte“, gab er halb nach. „Her mit dem Geld!“

Aufrührerischer, mitreißender Gesang, vom Quartett begleitet, erfüllte unvermittelt und donnernd das Lokal. Alle brüllten mit. Die nach außen gedrehte Unterlippe hing unbeweglich auf das Kinn herab. Er suchte, bückte sich.

„Das war doch nur menschlich! Ist das nicht gemein?“ fragte der Aristokrat den Hinausschmeißer, der, das Lokal im Blick, am Bierfaß lehnte und keine Antwort gab.

Ich also werde mich nicht dabei beruhigen, daß ich fähig bin, die Schönheit eines Goetheschen Wortes zu empfinden, dachte Jürgen, als er gegen Osten schritt, wo schon die zarte Morgenröte stieg.

Auf eine Gruppe Nachtarbeiter zu, die das Trambahngleis ausbesserten und eben die Azetylenlampen verlöschten, da das graue Tageslicht schon erstarkte. Ein Mann im Mantel beaufsichtigte die Arbeiter, die mit wuchtigen Rundschlägen Eisenkeile in den Asphalt trieben.

Zwei Herren, die wie Oberförster aussahen und aus einer Abendgesellschaft zu kommen schienen, blieben stehen. „Wie brav sie wieder arbeiten!“ Und gingen weiter. Wenige Tage vorher war ein Streik mit einer Niederlage der Arbeiterschaft beendet worden.

Auch Jürgen ging vorüber. „In Wirklichkeit sind es ja nur die Hetzer, während die Arbeiter selbst“, hörte Jürgen, „im großen ganzen ...“

Ging aus der Stadt hinaus, am Flußufer hin. Auf der Quaimauer saß ein junger Mensch. Diesmal erkannte Jürgen sofort das leichenfahle Gesicht des Schwindsüchtigen, der den Abend vorher in der Arbeiterversammlung und später beim ‚Platzwirt‘ gewesen war: Ein Gesicht, in dem der Haß sich schon in Verzweiflung und die Verzweiflung sich schon in Gleichgültigkeit abgewandelt hatte.

Der Schwindsüchtige pfiff leise, ließ die Beine über dem fließenden Wasser baumeln. „Guten Morgen“, sagte Jürgen und setzte sich neben ihn, die Beine ebenfalls wasserwärts gestreckt. Von der anderen Seite näherte sich ein einarmiger Invalide, saß auch nieder und begann Geld zu zählen.

Der Schwindsüchtige pfiff, zwinkerte, den Kopf schief gestellt, die glühende Morgendämmerung an, zum Bettler hin und spuckte in großem Bogen aus, pfiff weiter, gleichgültig.

Auch Jürgen tat gleichgültig: „Schönes Wasser. Sind Sie immer hier?“

„Oder wo anders!“ Er lächelte höhnisch. Dann ließ er sich doch herbei: „Arbeitslos! Seit ... Ah, die Saubande! Ich scheiß auf alles.“ Blickte wieder gewöhnlich drein. Dann biß er in einen unreifen Apfel. Die Säure zog ihm das Gesicht zusammen.

Vorsichtig fragte Jürgen: „Wollen Sie etwas zum Essen holen? Wurst?“

Der einarmige Bettler war noch immer mit Zählen beschäftigt. Er kicherte, nachdem der Schwindsüchtige mit Jürgens Geldschein fortgegangen war. „Den haben Sie gesehen. Der kommt nimmer. Iiiii! die Gauner kenne ich ... Und der dort, der jetzt da kommt, den schauen Sie sich an, das ist Herr Knipp. Der hat ausgerechnet, daß er von seinem Steinbruch, wenn er immer nur soviel brechen läßt, wie er fürs tägliche Leben braucht, bis zu seinem achtzigsten Jahr leben kann, ohne selbst was tun zu müssen. Deshalb läßt er seit Jahr und Tag nur zwei Leute im Steinbruch arbeiten. Er selber angelt seit Jahr und Tag. Der will nur angeln. Nichts als angeln! Und pfeifen kann der, sag ich Ihnen! Er hat nämlich ein Klavier. Darauf spielt er, ganz ohne Noten, und pfeift dazu. Schon in aller Früh! Sie können sich nicht vorstellen, wie der pfeifen kann. Das klingt wie Geigen und Flöten. Die Arbeiter, wenn sie früh in die Fabrik gehen, bleiben stehen und horchen ... Und dann angelt er. Den ganzen Tag. Sogar manchmal nachts.“

Herr Knipp hatte umständlich geschnupft, schäkerte freundlich und ganz für sich allein mit dem Wurme, der sich am Angelhaken bäumte: „Warte doch, warte doch ... Er kanns nicht erwarten.“ Dann beobachtete er, zufrieden mit der Welt, den schaukelnden Schwimmer. Herr Knipp war erst einundvierzig Jahre alt.

„Der kommt nimmer ... Ihr Geld ist futsch.“

Gleich darauf erschien der Arbeitslose, aus einer anderen als der erwarteten Richtung kommend, in der Ferne.

„Jetzt sagt er, er hätts Geld verloren.“

„Um zwanzig Brot. Die Wurst kost vierzig.“ Er packte das armlange Stück aus, zählte das übriggebliebene Geld auf Jürgens Handfläche. „Pferdewurst! Die ist billiger. Und besser ist sie auch.“

Der Krüppel blickte von der Wurst weg schief wasserwärts, in der Erwartung, daß seine Verdächtigung dem Arbeitslosen mitgeteilt werden würde, und bekam, als Jürgen, anstatt zu denunzieren, ihn zum Mitessen aufforderte, in seine bösen, einsamen Augen einen Blick wie ein Findelkind, dem unvermittelt gesagt wird, seine Mutter sei gefunden und stehe vor der Tür. Seit Jahren nicht mehr aufgestiegene Schamröte veränderte das verwüstete Gesicht. Er klemmte das Taschenmesser zwischen die Knie, zog die Klinke hoch und schnitt sich ein Stück Wurst ab.

Der schwindsüchtige Arbeitslose kaute langsam, den Blick über den Fluß weg ins weite, dämmerige Hügelland gerichtet. Herr Knipp, dem noch viele tausend Tage zur Verfügung standen, atmete zeitlos.

Die Straßen waren noch menschenleer. Vor dem Gefängnis stand eine Droschke. Stand schwarz in der Dämmerung vor dem düsteren Gebäude. Kutscher und Pferd regten sich nicht.

‚Sicher! Ganz sicher! Sie transportieren ihn heute schon ... Vielleicht um etwaige Befreiungsversuche unmöglich zu machen?‘

Erst nach einer langen halben Stunde schritten zwei dunkelgekleidete Kriminalbeamte, zwischen sich einen bartlosen jungen Mann in hellbraunem Anzuge, durch das Tor zur Droschke. Der eine ging um die Droschke herum. Sie stiegen durch beide Türen gleichzeitig ein, als der Gefangene schon saß.

Die einzigen Geräusche, die Jürgen vernahm in der schlafenden Stadt, waren das Klappern der Räder und das Klopfen seines Herzens. ‚Die Regierung beschließt: Auslieferung. Die Regierungsmitglieder schlafen jetzt. Aber in dieser Droschke fahren zwei beamtete Henker und dieser Mensch zum Bahnhof.‘

Vorüber am Hauptportale, Gleis entlang, Richtung Rangierbahnhof, bis zu einem einzelnen Personenwagen, der auf dem dritten Gleis stand. Hinter dem Rangierbahnhof ertönten Pufferknall und die langgezogenen Rufe der Eisenbahnarbeiter, die den Zug erst zusammenstellten.

Jürgen beobachtete, wie die drei einstiegen, wie der eine Beamte wieder ausstieg, zwischen dem Gleis auf das Bahnhofsgebäude zuschritt, hinein in das Restaurant.

Alles wie im Traume: Hinweg über die Gleise. In den Wagen. Stück durch den Laufgang. Schiebetür zurück, auf der ‚Dienstabteil‘ stand. Sprung auf die Bank. Und von oben herab auf den breiten Rücken des Beamten, der, stehend, durch das geschlossene Fenster geblickt hatte.

„Los! Renn! Renn! ... Los!“

Der schmalgesichtige Attentäter blieb so reglos in der Ecke sitzen, als ginge ihn diese Sache gar nichts an, schüttelte verneinend den Kopf.

Der Mund des Beamten zischte vor Kraftanstrengung. Er bekam einen Arm frei. Griff in die Tasche nach dem Revolver.

Mit dem angesammelten Zorn seines ganzen Lebens schleuderte Jürgen den Beamten von sich, daß dessen Kopf und Oberkörper durch die zerkrachende Fensterscheibe schossen, stürzte aus dem Wagen, über die Gleise, durch die Bahnhofsanlage, Häuser entlang. Vernahm einen Trillerpfiff, schon fernher.

Ruhigen Schrittes ging er in einen offenen Lagerplatz, in dem mehrere Möbelwagen und viele andere Fuhrwerke standen, und setzte sich auf einen Handwagen. Eine Schar Hühner eilte sofort auf ihn zu.

‚Die Rechnung ist einfach: Der eine war im Bahnhofsrestaurant; der andere konnte mir nicht nach, weil er den Gefangenen nicht verlassen durfte. Außerdem war ich, bis er seinen Kopf befreit hatte, schon weg.‘ Dabei zerbrach Jürgen das Brotstückchen, das er in seiner Tasche gefunden hatte, und streute die Krümel unter die übereinandersteigenden und -fliegenden Hühner.

‚Und jetzt? ... Jetzt wird er hingerichtet.‘

Erst als Jürgen, heimwärtsschreitend, schon mehrere Querstraßen hinter sich hatte, rannte der Beamte, der in der Restauration gewesen war, über den Bahnhofsplatz, in der Hand den Browning.

Zierlich gekleidete Zofen eilten im gepflegten Villenviertel an Jürgen vorbei. Gebadete Damen in hübschen Morgenkleidern nahmen das Frühstück und sonnten sich im Liegestuhl auf den Balkonen. Die Gärten dufteten.

Ich scheiß auf all das. Das Ganze ist gemein, dachte Jürgen und klinkte die Tür auf. Die Tante, erzürnt, weil er die Nacht außer Haus zugebracht hatte, ging grußlos an ihm vorüber. ‚Auf alles!‘ dachte er und schlief sofort ein.

„Und ich erkläre Ihnen, das ist ausgeschlossen.“

Aber der feine, schmale Frackherr, mit dem Scheitel von der Stirn bis zum Nacken, ein Herrchen, nur so groß wie ein Tintenfaß, ein winziges Frackherrchen, verbeugt sich, lächelt höflich und sicher und sagt: „Ich bin die Achtung. Bin das Ganze. Und ich erkläre Ihnen: Ich sitze in Ihrem Hinterkopfe.“

„Sie stehen ja vor mir.“

„Und sitze gleichzeitig verborgen in Ihnen. Bin Ich und bin die Achtung. Bin das Ganze und bin Sie, weil ich in Ihrem Hinterkopfe sitze.“

Da erwachte er. Es war ein Uhr nachmittags. Die Tante stand vor seinem Bett. Ohne Einleitung und als lese sie wieder den letzten Willen des Vaters aus ihrem Haushaltungsbuch vor: „Auf das Haus, in dem du geboren wurdest, und auch auf die drei Miethäuser habe ich deinem Vater schon vor zwanzig Jahren die Hypotheken geliehen. Die Häuser gehörten schon zu Lebzeiten deines Vaters ganz und gar mir. Er hat dir nichts hinterlassen. Du solltest dich also nicht länger, als unbedingt nötig ist, von mir ernähren lassen. Das ist eine Schande. Steh auf und geh in dein Kolleg.“

Er stützte sich auf, sah die Tante an, schwieg noch zwei Sekunden: „Ich verzichte auf dein Geld. Ich lebe und bin da. Das Weitere wird sich finden. Und jetzt geh, bitte ... Also geh schon!“

Es waren nicht die Worte selbst, nicht Sinn und Inhalt der Worte, es war das an Jürgen bisher nie bemerkte einfache, ruhige Kraftbewußtsein, das hinter den Worten stand und die Macht der Tante über ihren Neffen verdunsten ließ.

Er kleidete sich sofort an. Ging aus der Stadt hinaus, auf der Landstraße hin. Rückblickend auf sein Leben, ziellos weiter durch den heißen, weißen Staub, mit sich tragend das lastende Gefühl, daß dies die Stunde sei, die seines Daseins folgenschwerste Entscheidung in sich berge: die Möglichkeit, daß heute sein Leben in zwei Teile gespalten werde.

Die alte Sehnsucht nach der Landstraße, die er seit Jahren in sich trug, die Sehnsucht nach den Hafenstädten und fernen Erdteilen, der Wunsch, allen Qualen, allen Pflichten zu entlaufen, schritt hinter ihm her, schob ihn immer weiter auf der Landstraße hin.

Der Wiesenabhang links von Jürgen war von der Sonne braun gebrannt. Die Luft zitterte vor Hitze. Kein Bauer auf dem Felde. Kein Vogel pfiff. Die Mittagssonnenstrahlen sengten senkrecht herab auf die menschenleere Landschaft.

„Und die weiße Straße geht in der Sonne vor Einsamkeit sich selbst entlang“, flüsterte Jürgen. Und glaubte, in dieser Sekunde den tiefsten Sinn des Menschendaseins erkannt zu haben und zu fühlen. Tat einen langen Blick noch auf die weiße Landstraße, weit hinaus.

Und wandte sich, schritt schnellen Schrittes zurück und in die Arbeiterversammlung, deren Ankündigung er im ‚Klassenkampf‘ gelesen hatte.

IV

Jürgen kassierte den Zins ein bei den Parteien der drei Mietskasernen, zu deren Verwalter die Tante ihn unversehens gemacht hatte, füllte neue Mietsverträge aus, beaufsichtigte das Tapezieren einer Wohnung, ging zwischendurch ins Kolleg. An den Abenden in Arbeiterversammlungen.

Eine neue Partei verlangte, daß die Küche frisch geweißt werde. Nach der Tante Meinung war die Küche noch weiß genug. Jürgen mußte vermitteln. Er sah, wie nie vorher in seinem Leben, von Angesicht zu Angesicht die Not. Wurde gegen seinen Willen Zeuge von Haßausbrüchen zwischen Proletarierehepaaren, sah machtlos zu, wie abgearbeitete, machtlose Väter ihren Zorn an den machtlosen Kindern ausließen; wie Gerichtsvollzieher letzte Stücke pfändeten; mußte Mietzins verlangen von Arbeiterfrauen, in deren Augen unvertreibbar Gram und Sorge hockten, und Mietzins für ein Zimmer – nicht vier Meter im Quadrat –, in dem Mann und Frau, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter in drei stinkenden Betten die Nächte, ihr Leben verbrachten.

Der Tapezierer war fertig. Jürgen blickte die Wand an. Die knallroten Rosen der neuen Tapete wurden lebendig, kreisten wie ein Feuerwerksrad. ‚Tragisch – so eine Rosenwohnung! Viele tausend Rosen, und wenn dann die Leute darin leben ... stinkts!‘

Vor dem Hause, herum um das Kanalgitter, drehten sich drei fahle Proletarierkinder im Ringelreigen. In der Mitte kniete eine Vierjährige und machte das zum Spiel gehörige Märchengesicht.

‚Für diese Kinder scheint das Kanalloch der Mittelpunkt zu sein, wie das reich ausgestattete Spielzimmer der Mittelpunkt für die andern Kinder ist. Daß die Faust der Armut auch die Kinder würgt, das hat mich schon als Gymnasiast empört ... Und die Kinder, neben denen die Gouvernante geht? ‚Mademoiselle Katharina, Sie dürfen nicht mit den Armen schlenkern. Mademoiselle Katharina, Sie dürfen sich nicht umsehen. Beim Atmen müssen Sie die Lippen geschlossen halten, Mademoiselle Katharina.‘

Es war die Stunde, da die proletarische Jugend, weil sie eigentlich schon zuhause hätte sein müssen, in der heißesten Spiellust zusammengetan ist. Geschrei durch Straßen. Erhitzte Gesichter. Gespannte Knabenkörper, in Fluchtstellung atemlos den Verfolger erwartend.

‚Die dürfen mit den Armen schlenkern. Umsehen dürfen die sich auch. Und den Mund können sie aufreißen, so weit sie wollen.‘

Abendglocken läuteten, verklangen. Arbeiter marschierten heimwärts. Der warme Sommerhimmel dämmerte der Nacht entgegen. Laternen funkten auf. Der Tag war schön gewesen.

‚Es ist doch schön – man begreifts nur meistens nicht.‘

Viele Geschäfte waren noch beleuchtet. Aus anderen strömten schon die bleichen Ladnerinnen, sahen in den Himmel und streiften dabei die Handschuhe über. Ein Invalide, der seinen verkrüppelten Fuß, der wie eine verkümmerte Hand aussah, nackt auf dem Gehweg liegen hatte, hob die Mütze zu Jürgen empor. „Du wirst nicht wollen, daß ich leide“, sang ein hemdärmeliger Tenor im vierten Stock tragischen Tones vergnügt zum Fenster hinaus.

An dem Theater rollten Autos vor und ab. Toiletten stiegen aus. Ein zahnloser Menschenmund rief: „...tung mit den neuesten Kursberichten!“ Der aus den Zugangsstraßen immer neu genährte Zug derer, die aus den Werkstätten, aus den Fabriken kamen, marschierte vorüber. Alle schritten im gleichen Tempo, nahmen Jürgen mit.

Über eine eiserne Kanalbrücke, neben der ein Schiffer auf dem Deck im Kochtopf rührte. Vorüber an einem Bureau, in dem zwei beleuchtete, einander belauernde Tuchgrossistengesichter noch einen Abschluß ausfochten. Aus offenen Kneipentüren schlug schlechter Fettgeruch heraus.

Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen, lange, verfaulende Bretterzäune (eine Ratte verschwand), Ziegen auf dem Heimtrieb, ein Schuppen, Gestank. Das kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis. Die Haustür war nur angelehnt.

„... Denn überall haben in Wirklichkeit die Monopolisten die ganze Macht: eine Macht, so unbeschränkt, daß auch die Schule, Kanzel, Presse, öffentliche Meinung, Polizei, Militär, Justiz, der ganze Staat ihr Staat ist und die Regierungen in allen Vaterländern nur die Schatten der Monopolinhaber sind, Schatten, die, wie der Schatten eines beweglichen Gegenstandes, jede Bewegung dieser Allmächtigen mitmachen müssen. Schon stehen die Monopolinhaber aller Vaterländer wieder vor dem Knopf, und die Schatten blicken unverwandt auf die Monopolinhaber, bereit und gezwungen, den Krieg – Krieg um Rohstoffquellen, Eisenbahnkonzessionen, Absatzmärkte, um den Weltprofit – zu erklären in dem Moment, da jene auf den Knopf drücken“, schloß der Agitator, der unter dem dösenden Gaslicht auf einem Küchenhocker saß, seinen Vortrag.

Katharinas Zimmer war sehr niedrig. Der Agitator erhob sich, vorsichtig, um mit dem Kopfe nicht anzustoßen an den Gasarm. „Nicht nur für einzelne Menschen, Genosse Jürgen, auch für das Proletariat gibt es, da die ökonomischen Voraussetzungen zur Ablösung der kapitalistischen Konkurrenz-Profitwirtschaft durch die proletarische Bedarfswirtschaft längst gegeben sind, immer wieder das, was du Schicksalspause nennst – weltpolitische Situationen nämlich, in denen das Proletariat sich entscheiden kann für die soziale Revolution oder für einen imperialistischen Krieg, in dem Millionen fallen. Das Weltproletariat steht immer wieder in dieser Schicksalspause. Wie wird es sich das nächste Mal entscheiden?“

Und während er seine Notizen einsteckte: „Der Genosse Jürgen! ... Unsere Bezirksführer! Und hier: Unser Vertrauensmann.“

Die neun standen an der Wand lang, hockten auf dem Fußboden und dem Fenstersims. Zwei rauchten aus kurzen Pfeifen den Tabak, dessen dunkelblauer Qualm, von dem Spaziergänger unverhofft im Freien eingeatmet, gut riecht und im Zimmer wie Gift beißt.

Jürgens Augen folgten dem Blicke des Agitators, der lächelnd sagte: „Ihr beide kennt einander ja schon sehr lange, hast du mir erzählt.“

Katharinas Gesicht, das außerhalb des Lichtkreises hinter der Schreibmaschine im Schatten hing, sah übermüdet aus. Neben ihr stand ein grauer Emailteller mit kaltgewordenem Kraut und kaltgewordenen Fettbrocken, an der Rückwand ein Gaskocher und ihr schmales Eisenbett.

Fühlbar stand die Wirkung des Vortrages im Zimmer und sichtbar in den Blicken der neun Bezirksführer.

Ein noch junger Holzarbeiter, dessen Gesicht, eingetrocknet und kleiner geworden, schon einer gedörrten Frucht glich, sagte, leicht werde es ihm nicht fallen, an die Genossen in seinem Bezirke alles das klar und faßlich weiterzugeben. „Aber faßlich muß es sein, sonst verstehts niemand.“

Der Vertrauensmann, ein dunkelgesichtiger, stoppelbärtiger Metallarbeiter, an dessen rechter Hand zwei Finger fehlten, streckte diese Hand vor: „Vier Hauptpunkte mußt du festhalten“, sagte er, zählte an den Fingern her und mußte schon wieder beim Daumen beginnen: „Und viertens, daß die Arbeiterschaft gegen einen derartig gewaltigen Machtblock eben nur bei schärfster Disziplin und überhaupt nur durch eine ganz starke Organisation etwas ausrichten kann.“

Unter dem Sims, mit dem Rücken gegen die Fensterwand, saß auf dem Fußboden ein schon bejahrter Kartonnagenarbeiter. Seine Hand rückte ununterbrochen und selbsttätig unsichtbare Gegenstände zehn Zentimeter seitwärts: Die arbeitende Hand machte den Griff, den sie ein Leben lang von früh bis abends in der Papier- und Kartonnagenfabrik des Herrn Hommes gemacht hatte.

„Beruhig du dich nur. Die Genossen in deinem Bezirk werden dich schon verstehen. Was dir deiner Lebtag auf die Haut brennt, das begreifst du leicht“, sagte er und setzte sich auf die arbeitende Hand, die sich Sekunden später wieder befreite und weiter ihre Arbeit tat.

„Wegen der Frauenlandeskonferenz! Weil sie eben in dieser Woche in vier Versammlungen das Referat hatte. Und auch sonst viel Arbeit, Sitzungen, Schreibereien und so ... Jetzt mußt du ein paar Tage ausspannen, Genossin Lenz.“

„Ich brauche nur Schlaf. Fünf Stunden!“

„Ja, ja, Schlaf“, sagte der Kartonnagenarbeiter und setzte sich wieder auf seine tätige Hand.

Katharina wandte das Gesicht Jürgen zu. Und es schien, als habe sie den Blick, mit den sie ihn vor acht Jahren im öffentlichen Parke angesehen hatte, in ihre Augen zurückgeholt. Sie lächelte, und hinter diesem Lächeln stand die Antwort auf seine damalige Frage: ‚Aber wie? Wie soll man sich aufopfern?‘

„Der ist erst fünf Tage später abtransportiert worden.“

Dann hörte Jürgen, wie der Metallarbeiter zu den zwei Pfeifenrauchern sagte: „Weil der Kriminaler, der mit dem Kopf ins Fenster gefallen ist, dabei ein Aug eingebüßt hat und deshalb die Reise nicht mitmachen konnte.“ Und trat zu den Dreien in die Fensterecke. Auch der Agitator war hinzugetreten.

„Wenn sie den packen – unter fünf Jahr gehts nicht ab“, sagte der Metallarbeiter noch.

Der Holzarbeiter mit dem vertrockneten, kleiner gewordenen Gesicht sprach schriftdeutsch: „In der Zeitung stand: Ein gutgekleideter, ungefähr fünfundzwanzigjähriger Mensch, Kaufmann oder Student, augenscheinlich ohne Kopfbedeckung.“

Und der Agitator: „Auch heute waren wieder Kriminalbeamte im Parteibureau ... In diese romantischen Polizeischädel geht es nicht hinein, daß die Aufgabe der modernen Arbeiterbewegung nicht darin besteht, Attentate zu organisieren und Attentäter gewaltsam zu befreien.“

Die Mütze hatte ich in der Tasche, dachte Jürgen und fragte: „Was sagten Sie eben?“

„Das Gefühl der Empörung übrigens, das diesen jungen Menschen zu dem Befreiungsversuch veranlaßte, ist dasselbe, das in allen Klassenkämpfern lebendig ist; aber die müssen, so schwer das ihnen auch wird, ihre Empörung oft in sich zurückhalten“, fuhr der Agitator fort, Blick vor sich hin gerichtet und in einem Tone, als dachte er, wie sehr viel leichter das Leben sein würde, wenn der Kampf um den Sozialismus in derartigen Taten bestehen könnte, anstatt in der jahrelangen, lebenslangen, zermürbenden, täglichen Hingabe.

„Ja, aber dazu noch wöchentlich zweimal Bildungskurs in der Jugendorganisation!“ rief bei der Rückwand ein Bezirksführer. Zwei andere sprachen über den letzten Lohnkampf, der die Transportarbeiter sehr geschwächt habe. Im Stock erklang das in sich erstickende Geschrei eines Säuglings.

Unter dem Brustbein empfand Jürgen einen immer schwerer werdenden Druck, als stecke er bis zum Kinn in dickflüssiger Moorerde.

„Wollen wir anfangen?“ fragte der Agitator. Und Katharina hob den Deckel von der Schreibmaschine.

Die zehn schritten durch die Finsternis, vor sich die fensterlosen Rückseiten schmaler, turmhoher, freistehender Mietskasernen: tote Silhouetten. Ein langer Güterzug kroch aus dem Arbeiterviertel heraus, ins flache Land hinein. Wasserglanz in dunkler Ferne und das gedämpfte Rasseln eines Schleppers, der eine Reihe Frachtschiffe stadtwärts zog. Der lange Pfiff der Lokomotive schlug einen Bogen durch die Nacht.

Geschrei brach ihnen entgegen, stieg an: ein Knäuel Wutgebrüll. Über allem die Frauenstimme, die wie die Verzweiflung selber schrie. Und als die zehn den Lichtkegel, der aus dem Parterrefenster auf die Straße fiel, erreicht hatten und ihn durchschritten, war es drinnen völlig still. Drückende Stille. Und dann Wimmern, Weinen, gestoßen ausbrechendes Geheul, fessellos, als weine die Verzweifelte alle Not ihres Lebens und das Leben selbst aus sich heraus.

Darüber entstand ein Gespräch. Ob der Mann die Frau und weshalb er sie wohl geschlagen habe, und warum sie gar so arg flenne. „Die Gründe kennt man“, sagte der Holzarbeiter.

„Ja, das sind im Grunde immer die selben.“

„Wie schön die Nacht ist.“

„Ja, wenn man so marschiert.“

Die neuen Backsteinhäuser des wachsenden Arbeiterviertels, gleichförmig, unverputzt, wie über Nacht hingestellt – lineare Straßen, bei den Feldern endend wie abgehauen –, stießen feuchten Kalkgeruch ab. Kein Fenster war erleuchtet. Die Arbeiter schliefen schon. Vor einer alten Villa, die eingeholt und überholt worden war von der wachsenden Stadt, stand ein Schutzmann mit einem Polizeihund.

Das Weinen war verendet. Die Schritte hallten im Gleichmaß.

„Aber Parteimitglied wurde ich – das sind jetzt sechsundzwanzig Jahre her“, erzählte der Kartonnagenarbeiter. „Seitdem hat sich viel geändert.“

Sechsundzwanzig Jahre, dachte Jürgen. Sechsundzwanzig Jahre.

Hohe, leuchtende Fenster, fünf lange Reihen übereinander, traten aus der Dunkelheit heraus. Die zehn schritten hinein in das Klipp-Klapp-Geräusch der Transmissionen: die Nachtschicht bei der Arbeit.

„Heut ist die Partei eine Macht ... Wenns auch langsam geht ... Mitbestimmungsrecht ... Die straffe Organisation ... Ja, viel Arbeit gewesen“, vernahm Jürgen, der mit dem Holzarbeiter und dem Metallarbeiter einige Schritte voraus war.

Schweigend über die kleine Eisenbrücke. Durch den kühlen Teergeruch. Auf der äußersten Spitze des zugebretteten Frachtschiffes im Kanal stand ein winziger Hund, der blickte. Schon durchbrach dort und hier das Lichtermeer die Baumkronen.

Jürgen konnte nicht durchatmen, als wären seine Lungen luftgefüllt und hermetisch verschlossen. Konnte nur vom Halse weg atmen. ‚Lebenslang außerhalb des Lebens zu stehen, bedeutet es. Und nur ein winziges Teilchen der großen Bewegung zu sein und gewesen zu sein.‘ Der Druck in seiner Brust wich nicht.

Sie gerieten in die Menge hinein, die das Theater verließ und dem Korso zustrebte. Es war erst zehn Uhr. Vor allen Cafés saßen die Gäste im Freien. Auch vor dem Grandhotel ruhten elegante Herren und elegante Damen in Korbsesseln und genossen die herrliche Sommernacht. Auf der funkelnden Weinterrasse, blumenüberhangen, von der Straße leicht abgesondert durch Lorbeerbäume, rollten die Kellner lautlos die Servierwagen an und ab, tranchierten Geflügel, öffneten Weinflaschen. Zu Verbeugungen erstarrte Fragen. Das Streichquartett spielte diskret.

Die vier Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster spritzten weißes Licht in die Menge – Studenten, junge Kaufleute, Fremde und Offiziere mit ihren Kokotten und Damen –, die straßauf, straßab bummelte, in so gemächlichem Tempo, daß die zehn wie ein marschierender Fremdkörper wirkten. Vor dem Juwelier blieben sie stehen. Alle zehn. Jürgen mit dem Blick zur Weinterrasse.

Plötzlich bekam er einen Schlag gegen das Herz. Sagte zweimal den Satz: „Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.“ Sah an sich hinunter, überzeugte sich, daß er sorgfältig gekleidet war, und drehte sich wieder um zum Schaufenster.

„Also, auf morgen!“ rief der Holzarbeiter noch zurück und lächelte bekannt und dennoch fremd.

Die erste Geige sprang mit einem unerwarteten, funkelnden Saltomortale aus der Begleitung heraus, jubelnd empor. Ein übriggebliebener Gedanke irrte noch in Jürgen umher, wurde immer wieder zurückgestoßen, schrie lautlos und gellend das Wort ‚Schicksalspause‘. „Das ist es ja nicht. Das ist ja unwichtig“, murmelte Jürgen und zog die Handschuhe über.

Erst als er schon vor einem weißgedeckten Tischchen auf der Weinterrasse saß, gegenüber zwei schweigsamen, schönen Engländerinnen, bemerkte er Adolf Sinsheimer und noch drei Schulkameraden, die, elegant zurückgelehnt, ihre seidenen Strümpfe sehen ließen und, die ganzen Oberkörper langsam vorbeugend, Jürgen grüßten. Er setzte sich zu ihnen.

Stand sechs Stunden später auf der Straße. Die Vögel pfiffen schon. Die Menschen schliefen noch. „Nun, und jetzt? ... Ich war betrunken.“

Er dachte, von Ekel geschüttelt, an die Szene in dem orientalischen Salon, in dem er mit den Schulkameraden gewesen war. Sah die Amsel an, die auf dem Staketenzaun saß. Seine Knie wurden weich. Er mußte sich auf die Steintreppe setzen. „Das Ganze hat nicht mehr und nicht weniger zu bedeuten, als mein imaginäres Duell mit Karl Lenz.“

Die Amsel sperrte weit den gelben Schnabel auf: „Das stimmt. Und stimmt doch nicht.“

„Denn einmal, meinst du, nicht wahr ...“

„Eben das meine ich!“

Jürgen hatte das Empfinden, in die Tiefe zu stürzen, und fuhr aus dem Schlummer. „Wenn das so weiter geht, werde ich einmal nichts mehr selbst entscheiden können. Das Schicksal wird mir keine Pause mehr gewähren.“

Am Nachmittag – sie hatten eben Kaffee getrunken – blickte Jürgen nachdenklich die im Sessel schlummernde Tante an, lehnte sich auch in den Sessel zurück, Wange auf dem gehäkelten Schutzdeckchen.

Die Heiligenbilder an den Wänden hielten die segnenden Hände erhoben über die beiden. Auch der Vogel im Käfig ließ die Schlafhäutchen über die Augen herab. Die blauen und silbernen und goldenen, kopfgroßen Glaskugeln im Garten funkelten in der Nachmittagssonne. Eine Wolke zog still am Himmel hin. Der Perpendikel sagte: Rich...tig, rich...tig.

Das fadendünne Drahtseil lief von Jürgens bequemem Backenstuhl weg, in viel tausend Meter Höhe vorbei an den in Not und Kampf Stehenden dieser Welt. Jeder hielt sein gepeinigtes Herz in der Hand. Da, wo das Seil endete – in ungeheuer weiter Ferne –, leuchtete Katharinas Stube. Auf Jürgen zu, in blauer, gefährlicher Höhe, bewegten sich die neun Proletarier und erwarteten Jürgen so gläubig, daß er nicht widerstehen konnte, das fadendünne, schwindelhohe Seil ebenfalls zu besteigen.

Ein paar Meter vor ihm balancierte, vom Absturze bedroht, ein Mensch auf dem Seile. Jürgen erkannte in dem gefährlich Schwankenden sich selbst, rief sich an in kaltem Schrecken.

Da marschiert er mit den neun Proletariern den Korso hinauf, sieht die promenierende Menge, die vier lichtspritzenden Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster. Hört die Streichmusik, erkennt die Melodie.

Die Schicksalspause tritt ein.

‚Also, auf morgen!‘ sagt der Holzarbeiter.

Diese photographische Genauigkeit! Ich sah im Traume sogar die gelbe Rose in Adolfs Knopfloch, deren tatsächliches Vorhandensein mir gestern nicht einmal in der Wirklichkeit bewußt geworden war, denkt Jürgen, der träumte, erwacht zu sein. Steckt sich die Rose ins Knopfloch.

Sitzt mit Adolf Sinsheimer und den drei Schulkameraden auf der Weinterrasse. Plötzlich verdichten sich die vier Körper in einen Körper, auf dessen Hals die vier Köpfe stecken.

Alle vier Gesichter haben den selben zotigen Zug um den Mund, denkt Jürgen. ‚Wie Männer, wenn sie eine wehrlose Frau auf der Straße ansehen. Den selben, das Menschenauge schändenden Blick, den kein Tier dieser Erde hat.‘

Alle vier Münder gleichzeitig sprechen ein furchtbares Wort: Ein Menschenschrei, gefangen im Kellergewölbe. Dann nimmt der Vierköpfige ein kleines Küchenmesser mit brauner Holzschale aus der Westentasche und stemmt Jürgens Schädeldecke auf.

Die Hauptmasse des Gehirns reißt er mit der Hand heraus. Das Hängengebliebene kratzt er mit dem Küchenmesser sorgfältig ab.

Dabei hört der zu maßlosem Entsetzen Erstarrte die erste Geige im Weinrestaurant jubelnd in die Höhe steigen.

Der Vierköpfige wickelt ein sorgfältig verpacktes, neues Gehirn aus, um das herum – wie um eine Sektflasche die Steuerbanderole – das Fabrikzeichen klebt, preßt es in Jürgens offenen Kopf hinein und paßt die Schädeldecke wieder auf.

Schmerz und Entsetzen verschwinden augenblicklich.

Die Schulkameraden sind jetzt wieder alle vier da. Als fünfter sitzt Jürgen bei ihnen, spricht wie sie, denkt, lacht wie sie, hat den selben zotigen Zug um den Mund, den selben Blick, weiß das alles und fühlt sich wohl dabei.

Nur der Menschenschrei im Kellergewölbe, der wie gefangener Gesang klagend weiter tönt, stört ihn. Deshalb leert er die bis zum Rande mit Sekt gefüllte große, weiße Kaffeekanne auf einen Zug. Steht plötzlich in dem orientalisch ausgestatteten Salon, in dem fünf halbbekleidete Mädchen auf Ottomanen liegen. Schaudert zurück, weil die Brüste mit kurzhaarigem Pelze bewachsen sind. Und erwachte wirklich.

Der Vogel und die Tante schliefen noch. Und die still am Himmel hinziehende Wolke hatte noch nicht einmal die Krone des Nußbaumes im Garten passiert. Die selbe Fliege saß noch auf der weißen Kaffeekanne und saugte an dem selben Tropfen, der an dem Schnabel hing.

Als ob der Entschluß, der seinem ganzen weiteren Leben eine andere Richtung geben mußte, sekündlich in Jürgens Empfinden übergegangen wäre, hatte sich mit dem Entschlusse unversehens sein ganzes Körpergefühl verwandelt. Gang und Glieder waren schwer geworden. Alles Gewesene und die Umwelt hatten an Gewicht verloren.

Jürgen, entschlossen, sich auf sich zu nehmen, verließ, ein schweres Ganzes, die Villa, um nicht mehr zurückzukehren.

Sein Gefühl wußte, was er auf sich nahm. Dieses Gefühlsbewußtsein lastete von dem ersten Schritte an, den er außerhalb des Gartens tat, so schwer in ihm, als hätte es seit Jahren sein Wesen bestimmt. Das Bisherige war versunken. Dahin gab es kein Zurück mehr.

Er möge ein bißchen warten, rief Katharina durch die verschlossene Tür, trat schnell vom Arbeitstisch weg in die Mitte des dunklen Balkenkreuzes, das den Fußboden vierteilte.

Beide Hände in den Taschen des Sweaters, blickte sie prüfend rundum in ihrem großen Parterrezimmer, ohne sich vom Platze zu bewegen. Die geblümte Tapete, älter als Katharina, war mit vielen kreisrunden Rostflecken übersät, an vielen Stellen gesprungen und mit Markenpapier zusammengeklebt. Nur eine Gasflamme brannte an dem Doppelarm.

Nachdenklich strich sie sich mit dem dünnen Mittelfinger über die braune, gebogene Braue, berührte dabei die Lippe mit der Zungenspitze, wie vor Jahren an dem Abend, da sie, stehend in ihrem Mädchenzimmer, den Entschluß, für immer das Elternhaus zu verlassen, gefaßt und sofort ausgeführt hatte.

Auch jetzt machte sie diese Doppelgebärde, als habe sie einen Entschluß gefaßt, entzündete den zweiten Glühstrumpf, schloß das Fenster, von dem aus die fernblinkenden roten und blauen Lichter des Rangierbahnhofes und der Eisenbahnwerkstätte zu sehen waren, und zog den Vorhang zu. Mehr Verschönerungsmöglichkeiten gab es nicht.

Im Zimmer, nun abgeschlossen von der Außenwelt, war es ganz still. Nur das Herz klopfte. Schon mittenweges zur Tür, kehrte sie noch einmal um, setzte sich, Hand auf dem Herzen, und staunte.

Hinter der verschlossenen Tür stand Jürgen in schwerer Ruhe.

Sie schob, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, beide Hände sofort wieder in die Sweatertaschen, erkannte an Jürgens Blick sofort, daß der Grund seines Besuches ein anderer war, und nahm die Hände wieder heraus.

Er hatte ihr nicht die Hand gereicht. Er saß schwer am Tisch und erzählte, ohne Einleitung, sachlich und ohne Scham, als schildere er das Erlebnis eines andern, was sich gestern mit ihm ereignet hatte. Dabei machte seine Hand, die schwer auflag, kleine verstärkende Bewegungen. Auch als er, bemüht, sich und ihr das gestern Geschehene verständlich zu machen, in großen Zügen sein bisheriges Leben erzählte, schilderte er die Leiden, die Demütigungen und die nicht durchgekämpften Kämpfe des Kindes und Jünglings so, als spräche er von einem beliebigen anderen.

So ergab sich, während sie die Abendsuppe bereitete auf dem Gaskocher, der auf einem niedrigen Kistchen stand, so daß sie öfters in tiefer Kniebeuge sitzen mußte, ein Gespräch über Einzel-Ich und Umwelt.

Einst, vor Jahren, als sie noch nicht Sozialistin gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, was geschehen würde, wenn einmal eine ganze Generation nicht als machtlose Kinder, sondern, ungebrochen durch falsche Erziehung, Autorität und Umwelt, gleich als Zwanzigjährige geboren werden und so auf dem Kampfplatz erscheinen würde. Mit der Kraft ihres unverbogenen Wesens würde diese Generation ohne Schwierigkeit das Ganze über den Haufen werfen.

„Leider aber kommt der Mensch als wehrloser Säugling auf die Welt“, schloß sie und lächelte froh, als sei diese Wehrlosigkeit das Erfreulichste, das dem Säugling geschehen könne. Das Herz klopfte nicht mehr.

Sie gab sich Mühe, besonders gut zu kochen, fragte, ob er die Hafersuppe lieber dick oder dünn, süß oder weniger süß esse.

„Das ist mir ganz gleich. Ich habe noch niemals Hafersuppe gegessen.“ Er beobachtete, wie sie herumhantierte, sich tief zu Boden beugte, wieder senkrecht stand. ‚Glatt und fest wie ein junges Baumstämmchen, junges Nußbaumstämmchen‘, fiel ihm ein.

Sie stand, ein rechter Winkel, über den Gaskocher gebeugt. Von jetzt an wirst du vermutlich sehr oft Hafersuppe essen, dachte sie, während sie die zwei dampfenden, zu vollen Suppenteller vorsichtig durch das Zimmer trug zum Tisch, der am Fenster stand.

Jürgen, tief dabei, die Summe seines bisherigen Erlebens, Erleidens, Erkennens zu ziehen, bereitet und gewillt, von nun an klaren Bewußtseins zu handeln, bedurfte in dieser Stunde, da er im Rückblick auf sein Leben schon und erst den Aufbruch zu sich selbst begann, noch des Verweilens bei den Ursachen, bestrebt, ihr Ineinandergreifen fehlerlos zu erkennen.

Er dachte: Der Sozialismus muß sich auf allen Gebieten des Lebens mit absoluter Notwendigkeit und Ausschließlichkeit ergeben aus dem Wahnsinn des Bestehenden. Die Rechnung muß stimmen. Und sagte:

„Es gibt nicht nur eine herrschende Klasse und unterdrückte Klassen; es gibt auch eine jeweils herrschende Generation, die durch alle Klassen durchgeht: Alle Erwachsenen nämlich, die, machtstrotzend, mit Hilfe der bestehenden Seelenmord-Gesellschaftsordnung, in der sie selbst tödlich verstrickt und untergegangen sind, die heranwachsenden Generationen abwürgen, entselbsten ... In diesem Sinne bilden alle Erwachsenen zusammen eine granitene Einheit, einen Wall, gegen den die Heranwachsenden vergebens anrennen, so lange anrennen, bis sie selbst entselbstete, lebende Leichen sind und Teile des Walles bilden gegen die neu heranwachsenden Generationen.“

Sie stand rückwärts und rieb, betrachtete den Löffel, rieb weiter, hauchte ihn an. Der verzinnte Blechlöffel bekam keinen Glanz.

„Denn wenn es auch eine Tatsache ist, daß jeder Mensch als ‚Reines Ich‘ geboren wird, ist es eine ebenso unumstößliche Tatsache, daß das Reine Ich ganz und gar unentwickelt, ganz und gar versunken und verschüttet und ertötet ist im Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts ... Aber wie steht es mit der Entwicklungsmöglichkeit des Ich im Proletarierkinde? Wie verhalten sich Umwelt und proletarische Eltern zu dem Ich im proletarischen Kinde und umgekehrt?“

Darüber habe sie noch nicht nachgedacht. Katharina stand noch einmal auf, kramte lange in einer Schublade und legte dann eine Papierserviette vor Jürgen hin.

„Das ist aber eine sehr wichtige Frage. Auch hier müßte die Rechnung stimmen.“

Wahrscheinlich könne auch diese Frage nur von dem Standpunkte aus, daß es eine herrschende und eine ausgebeutete Klasse gäbe, richtig beantwortet werden, sagte Katharina. „Vielleicht sollte man diese Frage so stellen: Was erhält das bürgerliche Kind von der Umwelt dafür, daß es seinen Protest, sein Wesentlichstes: sein Ich und damit sein Schöpfertum und die Fähigkeit, das Leben auch psychisch zu erleben, aufgibt, sich unterordnet, sich der Umwelt anpaßt, selbst zu einem Teile der Umwelt wird gegen noch Protestierende? Und was tauscht das proletarische Kind gegen die Aufgabe seines schöpferischen Ich ein? Was widerfährt dem Bürgerkinde, wenn es versucht, zu kämpfen, zu protestieren? Und was geschieht in diesem Falle dem proletarischen Kinde? Erhalten beide und geschieht beiden das gleiche?“

Sie hörten, wie jemand absprang, das Fahrrad gegen die Mauer lehnte. Eine Sekunde später trat der junge Arbeiter ein, atmend, verschwitzt und seelenruhig lächelnd. „Die ganze Belegschaft der Hommesschen Papierfabrik ist in den Streik getreten, Genossin Lenz.“ Er wischte sich mit dem Taschentuch rund um den Hals. „Der Genosse Ingenieur läßt dir sagen, du sollst morgen früh um sieben Uhr in der Redaktion sein.“ Und da sie nickte, war er draußen.

Sie rief ihn zurück. Ob die Werkmeister und Vorarbeiter mitstreikten?

„Ah, wo werden denn diese Arschkriecher mitstreiken! Er will ja auch auswärtige Streikbrecher heranziehen. Aber unsere Streikposten stehen schon. Auch am Bahnhof! Die Polizei, selbstverständlich, ist auch schon aufmarschiert!“

„Da möchte ich gleich Streikposten stehen“, sagte Jürgen, „gegen Herrn Hommes.“

„Das besorgen die Betriebsgenossen schon selber.“ Sie setzten sich wieder. Und da Jürgen mit den Augen fragte, fuhr sie fort:

„So gewiß es ist, daß die Natur die Trennung der Menschen in Klassen, das heißt: die Verhunzung des Menschen durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung, immer wieder aufhebt durch das Hervorbringen körperlich und geistig vollwertiger Kinder bürgerlicher und proletarischer Eltern, so unzweifelhaft ergibt sich aus dem, was ist, daß die Trennung in Klassen auf bürgerliche und proletarische Kinder total verschieden wirkt.“

Unversehens war die Gefühlsschwere von Jürgen gewichen. Entlastet atmete er aus. „Was dem Bürgerkinde, das sich nicht anpassen will, geschieht, weiß niemand besser als du und ich“, sagte er, im Blicke tiefe Freude über die schwer errungene persönliche Befreiung. „Ein zeitlebens seelisch gefährdeter Mensch, Irrenhaus oder Selbstmord! Oder, bestenfalls, als Dreißigjähriger ein zuckendes Nervenbündel! ... Und für die anderen, für die übergroße Mehrzahl, für diejenigen Bürgerkinder nämlich, die den Kampf gegen die Umwelt sofort aufgeben, ist das Nichtmehrprotestieren, das Sichaufgeben, das Sichanpassen gleichbedeutend mit Bequemlichkeit, kampflosem Siegen, mit der uneingeschränkten Möglichkeit, sich zu bilden, mit glattem Emporkommen in eine bevorzugte Stellung, mit standesgemäßer Heirat, mit Reichtum, Macht, Geachtetwerden, kurz: mit dem vollen Genusse des Lebens ... Die geben ihr Ich hin, tauschen aber dafür alles ein, was das Leben bietet.“ Er schob den nicht ganz geleerten Teller auf die Seite.

Durch die rückwärtige Tür trat Katharinas Wirtin ein, stellte einen Krug voll Wasser neben das schmale Eisenbett. „Schläft der Genosse hier? Die letzte 54 ist nämlich weg ... Dann bringe ich die Decke.“

„Er schläft doch nicht hier“, sagte Katharina. „Nein, nein, er schläft nicht hier.“

Und Jürgen fuhr schnell fort: „Das Sichanpassen des Bürgerkindes wäre demnach gleichbedeutend mit dem vollen Lebensgenusse eines Angehörigen der herrschenden Klasse. Dieser Angepaßte ist dann zwar in keiner Weise mehr er selbst, ist eine Ich-Leiche, aber eine geachtete, mächtige, herrschende, die das Leben, wie es ist, mitbestimmt und dieses Leben genießt. Eine Leiche, die lebt und gut lebt! Von dieser Seite ist also gewiß nichts zu erwarten für die Befreiung.“

„Wenn aber die Umwelt“, sagte Katharina, „sich Kindern gegenüber sieht, denen sie, im Gegensatze zu den bürgerlichen Kindern, für das Sichanpassen nichts zu geben hätte als Not, Qual, Prügel in jeglicher Form, die Verweigerung aller Bildungsmöglichkeiten und des Lebensgenusses, nichts als Hunger, Kälte, Schmutz, Arbeitenmüssen für andere und Demütigungen auf allen Wegen? ... Das Proletarierkind, das geneigt ist, sich der Umwelt anzupassen, wird von der Umwelt selbst, wird durch die herrschende Klasse und deren Staat immer wieder in den Protest gegen die Umwelt zurückgestoßen. Dieser brutale, unaufhörliche Stoß verleiht und erleichtert dem proletarischen Kinde die Möglichkeit, etwas mehr von seinem Ich zu bewahren. Die Proletarier kommen aus dem Proteste nie ganz heraus, können folglich ihr Ich nie ganz verlieren und sind auch mit aus diesem Grunde als Klasse schöpferisch und dazu bestimmt, im Gange der Geschichte über die unschöpferisch gewordene bürgerliche Klasse hochzusteigen ... Aber erst in der klassenlosen Gesellschaft tritt dein Reines Ich auf den Plan, wird es jedem Einzelnen verstattet sein, er selbst zu werden und zu sein.“

Jürgen sah den Vierköpfigen, hob langsam den Kopf, empor aus dem Lauschen und seinen Vorstellungen, blickte, den Gedanken erst formulierend, Katharina an: „Auf der einen Seite also, in der kapitalistischen Gesellschaft, meinst du: ungeheuerlichste Ungleichheit in materieller Hinsicht und eine vielleicht noch ungeheuerlichere blödsinnige Gleichheit aller im Geistigen ...“

„Ja, und das wird Individualismus genannt.“

„... auf der anderen Seite, in der klassenlosen Gesellschaft: materielle Gleichheit für alle und infolgedessen, nicht wahr, infolgedessen im Geistigen absolute individuelle Verschiedenheit jedes Einzelnen von jedem Einzelnen. Jeder ein Reines Ich! Ein schöpferischer Mensch!“

„Und das wird die öde Gleichmacherei der Sozialisten genannt ... Zwischen diesen zwei Extremen liegt allerdings zunächst die Revolution.“

„Wie unsäglich wunderbar das sein wird: Die Seele, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und im Gleichgewicht in sich selber ruht.“

Beide schwiegen. In die Stille klang wieder das in sich erstickende Geschrei des Säuglings. Fernher tönten Pufferknall und die monotonen Rufe der Eisenbahnarbeiter, die einen Zug zusammenstellten.

Dieser Befreiungsversuch war ein herrlicher Seitensprung, dachte er stolz, lächelte gerührt, wie über eine teure Jugenderinnerung. Und trat in seinem Gefühle wieder ein in die Reihen der Millionen, die sich auf dem langen, generationenlangen Marsche befanden.

„Dein Zimmer – diese drückende Decke, das kleine Fenster – ist wie ein niederstirniges Gesicht“, sagte er, empfand plötzlich wieder Druck über dem Herzen.

„Ja, wir leben vergraben, geduckt, nur von uns selbst und der Idee beschirmt ... Bist du nun sicher, daß die Rechnung stimmt?“

„Das solltest doch du am ehesten begreifen, daß ich, da hinter mir nicht der materielle Druck stand, der die Massen klassenbewußt macht, zum Teil auch auf dem Wege über den Verstand zum Sozialismus kommen mußte. Das Gefühl war vorher, war ja immer da.“

„Wie wir einander wiederfanden, du und ich! ... Wie schön, wie wunderbar ist das!“

Da schlug das Glück durch ihn durch, legte Jürgens Hand um ihren Nacken. So stand er, Blick in ihrem Blick, nahe seine Lippen dem kleinen, festen Mund. Ihr Körper gab nach, antwortete frei.

Dann sagte Jürgen, halb fragend: „Wo ich heute nacht schlafen werde, bei wem, das weiß ich freilich nicht.“