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„... und auch deshalb, damit Du nicht glauben solltest, ich sei verunglückt, ertrunken, ermordet worden (ich habe mich, im Gegenteil, vor dem Ertrinken, vor dem Erstickungstode gerettet), teilte ich Dir meinen Eintritt in die sozialistische Partei und den Entschluß mit, nicht mehr zurückzukehren.
Wie noch vor kurzem kein Mensch, und wäre er der klügste auf der Welt gewesen, mir hätte begreiflich machen können, daß ich nur durch diesen Schritt mein Dasein in Einklang zu bringen vermöchte mit den Tatsachen des Lebens, so könnte ich die Beweggründe dieses Schrittes auch Dir nicht begreiflich machen, so wenig wie Herrn Papierfabrikant Hommes, Geheimrat Lenz, Bankier Wagner, den Professoren, Studenten, Söhnen und Töchtern, das heißt: allen diesen klugen, gebildeten Menschen Deiner Kreise, für welche die sozialistischen Arbeiter Existenzen sind, die alles gleichmachen und verteilen, nichts arbeiten, sich täglich betrinken wollen, und diejenigen, die sich zu den Sozialisten gesellen, schwachsinnige Schwärmer, Narren oder Verbrecher, ja sogar Verräter an dem Ideale.
Wenn ich versuchen wollte, Dir zu erklären, daß der Sozialismus, über alles Materielle hinaus, auch eine gewaltige Kulturbewegung ist und verwirklicht werden muß, soll nicht die ganze Menschheit zugrunde gehen, müßte ich ein dickes Buch schreiben, und auch dann würdest Du nichts begreifen. Denn sogar Menschen meiner Wesensart vermögen die Größe und geschichtliche Notwendigkeit des Sozialismus erst dann ganz zu erkennen, nachdem sie den kleinen, aber entscheidenden Schritt, den Sprung gemacht haben – hinüber zur Arbeiterklasse, in ihr leben und zusammen mit ihr kämpfen.
Ich habe den Sprung gemacht. Gräme Dich nicht darüber. Glaube mir, liebe Tante, daß dies allein für mich die Rettung sein konnte vor dem furchtbarsten, dem geistigen Tode. Daß dies allein die Rettung sein kann für jeden.
Und glaube mir auch, daß ich, würde ich einmal wieder zurückkehren zu jenen, die mit Blindheit geschlagen sind und offenbar nur noch durch eine Art Staroperation sehend werden können, ein Verräter an mir selbst, Verräter an der Idee geworden wäre: ein verlorener Mensch, gleich allen Angehörigen der bürgerlichen Jugend, deren Tugenden durch die Erziehung in Schule und Elternhaus beschnitten werden auf das schickliche Maß, das ein gutes Fortkommen gewährleistet, und deren solchergestalt noch übrig gebliebener Idealismus auf der Universität von der tätigen Hingabe an die fließende Wirklichkeit vollends abgelenkt, mit falschen, überkommenen, erstarrten Inhalten gefüllt und dem Staate dienstbar gemacht wird, dessen Institutionen sich mit ganzer Wucht gegen diejenigen richten, durch deren Hände Arbeit die Existenz dieses Staates, Reichtum und Zivilisation des Landes und auch die Ausbildung der entselbsteten bürgerlichen Jugend, sowie deren ausschließliche Beschäftigung in den Bezirken des, wenn auch verfälschten, sterilgewordenen Geistes erst ermöglicht wird.“
Den letzten Satz strich Jürgen wieder weg und schickte den Brief an die Tante.
Er wohnte sei Monaten in dem Loch, das durch eine Tür mit Katharinas Zimmer verbunden war. Das windschiefe Fenster ging auf einen Rattenhof hinaus, in dem Küchenabfälle und allerlei Unrat seit Jahren faulten und stanken und tagsüber zwanzig Proletarierkinder an ihrer Welt bauten.
Katharina und Jürgen führten gemeinsamen Haushalt. Ein Anzug nach dem andern, die Uhr, die Hemden waren, auf dem Wege über das Pfandhaus, zu Holz und Kohle, Kartoffeln, Wurst und Brot geworden.
Seit dem Tage, da die Tante zum erstenmal den Namen Jürgen Kolbenreiher in Verbindung mit einer öffentlichen Arbeiterversammlung, gerichtet gegen den Papierfabrikanten Hommes, im Abendblatt gelesen hatte, eingepfeilt zwischen Schimpfworte, Hohn, Verleumdungen und verbrämt mit Bedauern für die hochachtbare alte Patrizierfamilie, die schon im 15. Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe, waren die Bittbriefe, des Inhaltes, Jürgen möge vernünftig werden, sich wieder darauf besinnen, was er sich selbst, seinem Stande und seiner Erziehung schuldig sei, ausgeblieben.
Durch den Streik der Papierarbeiter waren eine kleine Lohnerhöhung und für die stillenden Kartonnagenarbeiterinnen die Erlaubnis, ohne Lohnabzug dreimal täglich je fünf Minuten ihre Säuglinge befriedigen zu dürfen, erkämpft worden. Vier Streikposten, die in eine Schlägerei mit Polizisten und auswärtigen Arbeitswilligen geraten waren, saßen, verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, in Tateinheit mit Störung der öffentlichen Ordnung, noch im Gefängnis und zwei schwerverletzte Streikposten lagen noch im Krankenhause. Herr Papierfabrikant Hommes hatte eine Summe ‚Für wohltätige Zwecke oder sonstige Kulturbestrebungen‘ gestiftet.
Die Zeit ging hin. Jürgen hatte schon in vielen Versammlungen gesprochen. Leitete seit einem Jahre den Bildungskurs des Bezirkes, in dem er wohnte. In den Nächten schrieb er an einem Schriftchen: ‚An die bürgerliche Jugend‘. Denn auch jetzt noch stockte sein Herz, wenn er der Ereignisse gedachte, die ihn zum Schreiben dieses Aufrufes an die Jugend veranlaßt hatten.
Vor dem Staatsgebäude fünfzigtausend Proletarier, demonstrierend für die Forderung, daß es jedem freistehen solle, seine Kinder am Religionsunterricht in der Schule teilnehmen zu lassen oder nicht; vor den demonstrierenden Arbeitern die Polizeikette, und hinter den Polizisten, aufgerufen von den Professoren, die ganze studentische Jugend, demonstrierend für die Beibehaltung des Religionszwanges.
‚Mußte der Student denn nicht zusammen mit der Arbeiterschaft eintreten für die Freiheit des Gedankens, wenn er nicht sich selbst aufgeben wollte in seinem geistigen Bestande? Und was sind die Ursachen der Schande, daß er es nicht tat?‘
Suchend nach den Ursachen saß er an dem als Schreibtisch dienenden Küchentisch. Das Licht von links. Freute sich des Tages über das Licht von links und in den stillen Nächten an dem Gasarm, den er durch eine Rohrverlängerung mit Hilfe eines seiner Genossen über den Schreibtisch montiert hatte.
Wenn alles schlief und nur das Gaslicht summte, spielten im Hofe die Ratten, läutete fein das Glöckchen, das ein Proletarierjunge einer Ratte um den Hals gehängt hatte.
‚Und im Zimmer nebenan atmet Katharina, die ich liebe. Viel mehr Glück kann man vom Leben nicht erwarten!‘ Er berührte den Bleistift zärtlich mit den Lippen. Weil Katharina ihn vielleicht einmal in die Hand nehmen würde.
In diesen nächtlichen Stunden, da das Glöckchen in die Stille klang und die Sätze ihm gelangen, fühlte Jürgen sich und sein Ich organisch eingereiht in das Geschehen.
Der Staatsanwalt hatte gegen die drei jungen Genossen und Katharina, denen es damals gelungen war, durch die Polizeikette durchzuschlüpfen und, unter Hohn und Prügel seitens der Studenten, Flugblätter zu verteilen, Anklage erhoben, ebenfalls wegen Störung der öffentlichen Ruhe, in Verbindung mit Aufreizung zum Klassenhaß. Die drei hatten je sechs Monate Gefängnis bekommen und saßen schon. Katharina, deren Vernehmung und Schlußrede als Sensation von den Zeitungen abgedruckt worden waren, verbrämt mit Bemerkungen tiefsten Bedauerns für Herrn Geheimrat Lenz, sollte am nächsten Tage in das Gefängnis.
Jürgen schrieb bis in den Morgen hinein. Erst als er das Klappern des Waschgeschirres vernahm, klopfte er. Katharina war noch nicht angekleidet. Und wie beide, stehend, in der Umarmung verharrten, erhob sich in der Ecke Katharinas schmutziggelber, langhaariger Schnauz, schritt langsam herbei und blieb, als gehöre er zu allem, was geschah, dazu, vor ihnen stehen, den Blick zu Boden gerichtet.
Es war erst fünf Uhr. Schon fiel der erste Sonnenstrahl auf das Fenstersims, brach sich, huschte schräg an der Wand entlang und verfing sich in der Ecke.
Um acht Uhr mußte sie im Gefängnis sein. Sie saß, im Hemd, auf ihren Händen auf dem Bettrand. Der Schnauz war im Hofe bei den Ratten.
Später sprachen sie von anderen Dingen. Er solle sorgen, daß für die drei Genossen gesammelt werde. Des einen Mutter habe nichts zu essen, solange der Sohn im Gefängnis sei.
„Nach dem Examen nehme ich sofort eine Stellung an als Verwaltungsbeamter in einem großen Betriebe. Dann werden auch wir eine bessere Wohnung haben und regelmäßige Einkünfte. Und ich werde obendrein noch enger bei den Arbeitern sein als jetzt. Wir werden heiraten, um unnötige Scherereien zu vermeiden ... Überhaupt – ein Glück haben wir, ein Glück! ... Es wird ein Jahr vergehen, es werden fünf Jahre, zwanzig Jahre vergehen, und immer werden wir zusammen sein. Was wir alles erleben werden! Ungeheuer viel! Wir sind Lebensgefährten. Katharina, welch ein Glück! ... Sofort nach dem Examen nehme ich eine Stellung an.“
Katharina, die schon als Siebzehnjährige, anstatt Blumen malen zu lernen und für Buddha zu schwärmen, begonnen hatte, das Mehrwertgesetz und die Kapitalskonzentration zu studieren, sagte, wie er, der als linksgerichteter Sozialist bekannt sei, dessen Name schon oft in den Zeitungen gestanden habe, ernstlich glauben könne, in irgendeinem Großbetriebe angestellt zu werden.
„Nun, dann eben nicht!“ Sie blickten einander an, bis das selbe Lächeln in beider Gesichter entstand und sie wieder gleich auf gleich waren.
„Deine Augen, Katharina, ach, deine Augen!“
Wie unsagbar glücklich das eine Frau machen kann, dachte Katharina.
Auf dem Wege bis vor das Gefängnistor erlebten sie eine Stunde vollkommensten Verbundenseins, wie nur zwei Menschen es verstattet sein kann, deren Liebe vertieft ist durch die gemeinsame Hingabe an die selbe Idee. Sie schritten in ihrem Gefühle.
„Über alle Begriffe schön kann das Leben sein.“ In ausbrechender Freude schlug sie die Arme um ihn. Wandte sich, zog die Glocke. Und wurde von dem schwarzen Tore geschluckt.
„Wo ist die Einsamkeit? ... Ah, meine Herren, es gibt keine Einsamkeit. Nicht einmal eine Trennung!“ frohlockte Jürgen und ging an seine Arbeit.
Ob der Herr in Reichtum oder im Elend lebt, aus einem warmen Teppichzimmer in eines mit feuchten Wänden und verfaulendem Fußboden übersiedeln muß, ob er Erfolge erringt oder vom Leben Nackenschläge bekommt, hohe Ehren einheimst oder in Schimpf und Schande gerät – der Hund hängt seinem Herrn immer gleich an. So unvernünftig ist der Hund, dachte Jürgen. ‚Nur eines erträgt er offenbar nicht: getrennt zu werden von dem, dem seine Sympathie gehört.‘
Katharinas Schnauz, bisher ein ausgelassen heiteres Tier gewesen, hatte am zweiten Tage das unruhvolle Fragen eingestellt; er blickte Jürgen gar nicht mehr an, fraß nicht mehr, leckte manchmal etwas Wasser und kroch wieder in seine Ecke zurück. Jürgen mußte ihn gewaltsam füttern.
Der ‚Aufruf an die bürgerliche Jugend‘ war erschienen. Bei dem letzten Besuche, den Jürgen im Gefängnis machte, versuchte er, den Schnauz, der einzugehen drohte, mitzunehmen.
Der Gefängnisdirektor, der aussah wie ein auf der Schwanzflosse aufrechtstehender, schwarzer Fisch mit dickem Bauch und kleinem, rotem Kopfe, ein vollblütiger, fünfzigjähriger Mann, höflich und zurückhaltend, gab nach minutenlangem, von bedauerndem Achselzucken und erschrecktem Augenaufschlagen begleiteten Erklärungen und Fragen, zwischen die er eine Serie korrekten Lächelns gleichmäßig verteilte – Lächeln nicht eines harten Gefängnisdirektors, sondern eines Menschen mit Herz und Gewissen, der aber leider an Pflicht und Gefängnisordnung gebunden ist –, schließlich die Erlaubnis zur Mitnahme des Hundes. Beugte sich plötzlich herab und tätschelte wehmütigen Mundes das Tier. Und dann kam, als sei er schon zu weit gegangen und Jürgen schon zu lange im Direktionszimmer geblieben, unerwartet schnell die knappe Verbeugung und sofort ein Lächeln wehmütig in die Wangen zurückgezogener Mundwinkel. Und sofort wieder das erschreckte Augenaufschlagen.
Jürgen war, wie er mit dem Schnauz die abgetretene Steintreppe hinaufstieg, der festen Überzeugung, daß der Gefängnisdirektor früher oder später ins Irrenhaus kommen werde.
Im Stocke stank es scharf nach Abort. Die Wärterin – lippenloser, strichdünner Mund im festen Gesicht – schloß eine Tür auf. Sie schritten durch einen großen Saal, in dem zwanzig zweimeterbreite, dreimeterlange und zweimeterhohe, engmaschige Drahtgitterzellen nebeneinander standen. Dazwischen die Gänge, wie in einer Menagerie. In jeder Drahtzelle eine Gefangene. Frauen, junge Mädchen und, gleich bei der Eingangstür, in zwei nebeneinanderstehenden Käfigen je eine Siebzigjährige. Alle in grauen Leinensäcken. Der Raum zwischen den gleichhohen Zellen und der Saaldecke war leer.
Einige Gefangene schritten auf das Leben zu: drückten die Gesichter gegen das Drahtgeflecht. Blickende Augen. Eine Siebzehnjährige mit verwüstetem Gesicht lockte mit Zeigefinger und Daumen und sagte zweimal: „Schnauzel!“ Der Schnauz wedelte mit dem Schwanzstumpf.
„Den ganzen Tag macht sie sichs“, rief die Siebzigjährige der Wärterin nach. „Immer hat das jung Luder die Finger unterm Rock.“
Sie schritten durch die entgegengesetzte Tür hinaus, in einen langen Gang, an dessen Ende rot ein Gaslicht brannte. Links und rechts: Zellentür neben Zellentür, jede mit einem Beobachtungsfenster.
Schon als die Wärterin den Schlüssel suchte, stellte der Schnauz die Vorderpfoten gegen die Zellentür. Sein Maul öffnete sich, die Zunge erschien, Spitze nach oben gebogen.
Wimmernd schlüpfte er, durch die Beine durch, voran. Und es wäre Katharina unmöglich gewesen, ihn nicht zuerst zu begrüßen. Denn seine Liebe war stürmischer. So stürmisch, daß er unter Katharinas Liebkosungen nicht lange stillhalten konnte, sondern hin- und herrasen mußte, von der Fensterwand zur Zellentür, beim Wenden jedesmal ausglitschend auf dem glatten Betonboden.
Sogar der strichdünne, lippenlose Mund ließ Zähne sehen.
Sie hatten einander nur die Hand gereicht. Setzen konnte Jürgen sich nicht. Die Pritsche blieb tagsüber an die Wand geschnallt.
„Heute war bei mir, hergeschickt natürlich von meinem Vater, der Irrenarzt.“
Die Wärterin stand bei der Tür, ohne sich anzulehnen, blickte blicklos.
„Das ist so zu verstehen, daß meinem Vater eine geisteskranke Tochter lieber wäre als die Schande, eine Sozialistin zur Tochter zu haben ... Ich ging auf das Gerede gar nicht erst ein, schickte ihn gleich wieder fort, was ihn natürlich auch nicht von meinem Gesundsein überzeugte.“
Der Schnauz hatte sich etwas beruhigt. Er lag, offenen Maules atmend, die Vorderpfoten vorgestreckt, blickend auf den Betonboden, überzeugt, daß seine Leiden nun zu Ende seien: er hierbleiben oder Katharina mitgehen werde. Auch sie steckte in einem grauen Leinensack, etwas kleidsamer gemacht dadurch, daß sie die Bluse beim Hals eingeschlagen hatte.
Bei dem ersten Tone, den die Wärterin sprach, erhob sich der Schnauz und bellte. Die Versicherungen Katharinas, daß sie in einer Woche kommen werde, nützten nichts. Der Schnauz stemmte sich mit allen Vieren und mußte so von Jürgen hinausgeschleift werden.
„Das ist nicht erlaubt.“ Die Wärterin deutete auf den schwachen Schatten, durch dessen Vorhandensein das Vorhandensein von Brüsten vermutet werden konnte. „Immer wenn der zu Besuch kommt – diese Dummheit!“
Katharina nahm den Einschlag heraus, so daß der Sack wieder rund um den Hals anschloß.
„Sie können es gar nicht erwarten, was! ... Direktor melden“, hörte Katharina noch. Die Tür fiel ins Schloß.
Schon überquerte Jürgen den Hof, halb springend, um noch vor Ablauf der Besuchszeit die Männerabteilung zu erreichen. Blieb aber plötzlich stehen: Durch das Tor rollte, gezogen von zwei schweren Pferden, ein auch oben zugebretterter Kastenwagen, aus dem rückwärts ein starkes Gestänge ragte, gleich einem Stück Eisenbahngleis, stabilisiert durch ein eisernes Querstück an der Stirnseite. Der Fuhrmann pfiff. Der Wagen rollte durch das sich eben auftuende zweite Tor in den Hof der Männerabteilung und weiter durch das dritte Tor in den Zuchthaushof, in dem am nächsten Morgen eine Hinrichtung stattfinden sollte.
Sekündlich hatten alle Empfindungen Jürgens Körper verlassen. Er wollte die Genossen mit seinem Zustand nicht zu belasten, umkehren, konnte aber nichts wollen. Selbsttätig trugen die Beine ihn weiter, der Tür zu.
So schritt er, in den Knien kraftlos, zusammen mit zwei Wärtern, die eine Art Tragbahre, beladen mit mehr als hundert Weißblechschüsseln, schleppten, den Gang vor.
Der Wärter, der Jürgen führte, ein großer, alter Mann, der, im Rücken gebogen, mit jedem knieweichen Schritt, den er tat, müden Blickes auf sein Leben zu treten schien, schloß wortlos die Zellentür auf und gleichzeitig reichte wortlos ein Essenträger die verrostete Blechschale Jürgens jungem Genossen, der den Inhalt, eine schwarze Brühe, wortlos in den Abortkübel goß. Die Brotscheibe legte er auf den Klapptisch.
„Das Zeug zu saufen hat gar keinen Wert.“ Er geriet beim Erblicken Jürgens sofort in Erregung. „Die Brüh soll das Abendessen vorstellen. Mittags gibts einen Mansch, den du frißt, weil du mußt. Und morgens die selbe Zichorienbrüh und auch ein Stück Brot. Das ist alles.“
„Sie dürfen nicht über das Essen schimpfen zu einem Besuch.“
„Ein paar Monate hältst du das ja aus. Aber da sind viele ...“
„Wenn Sie davon weitersprechen ...“
„... die schon lang sitzen und noch viele Jahre sitzen müssen.“
„... muß der Besuch sofort raus aus der Zelle.“
„Die, also die müssen verhungern. Die müssen glatt verrecken. Du machst dir keinen Begriff, Genosse, wie die Leute aussehen.“
„Sie haben zu schweigen jetzt!“
„Darüber mußt du in unserer Zeitung schreiben, Genosse!“ rief er Jürgen nach, der die Nummern der Zellen nannte, in denen seine zwei anderen Genossen waren. Der Wärter schritt schon auf die Treppe zu. „Die Besuchszeit ist vorbei.“
Der grüne Wagen, in dem die Gefangenen vom Polizei- und vom Untersuchungsgefängnis in das ständige Gefängnis überführt werden, war eben angekommen. Zehn Verurteilte, Frauen und Männer, standen in dem Bureauraum, wo die Personalien aufgenommen wurden. Die Gefangenen mußten ihre letzten Habseligkeiten abgeben, die männlichen auch ihre Hosenträger abknöpfen. Wärter schleuderten den Gefangenen die graue Anstaltskleidung in die Arme. Gesprochen wurde nichts.
Die Maschine funktioniert, dachte Jürgen und schritt der Ausgangstür zu. Da schoß ein schon älterer, stoppelbärtiger Mann mit schwärenbesetztem Gesicht und verschleimten Augen aus dem Bureau heraus, zuckte suchend hin und her, spähenden Blickes, der blitzhell offenbarte, daß er die Hölle, in die er kommen sollte, schon kannte, und schoß Jürgen nach, bestrebt, auch die aussichtsloseste Situation nicht unversucht vorübergehen zu lassen, um der Freiheit willen. Denn war er erst in der Zelle, dann gab es keine Zufallsmöglichkeiten mehr.
Die Wärter lachten. Unwirsch stieß ihn einer zurück.
Mit seinem letzten Blick fing Jürgen noch das Lächeln des Sträflings auf, der damit den Wärtern gegenüber seinem mißglückten Fluchtversuche die Ernsthaftigkeit nehmen wollte. Und dieses bebende Lächeln schien Jürgen das Grauenvollste von allem zu sein. Die schwere Tür drückte ihn hinaus.
Geblendet stand er im Sonnenschein. Ging langsam weiter. Neben ihm tappte, Hinterteil und Schwanzstumpf kläglich eingezogen, der Schnauz. Jürgen hob ihn auf. „Etwas muß der Mensch doch in den Armen haben.“ Der zitternde Hund bohrte, stürmisch drängend, seinen Kopf unter Jürgens Rock.
‚Wieviel Städte gibt es? Und wieviel Gefängnisse in jeder Stadt? Wieviel Zellen in jedem Gefängnis? ... Und in jeder Zelle ein Mensch! In jeder Zelle das, was von einem Menschen übriggeblieben ist! Hunderttausende Menschenreste! Und in der einen Zelle dort hinten einer, der weiß, daß ihm morgen früh – um fünf? um sechs? um viertelsieben? er weiß die Minute nicht, weiß sie nicht – der Kopf abgeschlagen wird! ... Kultur!‘
Die Machtlosigkeit zog alles Blut aus Jürgens Adern und setzte sich als dunkler Druck unter das Brustbein. ‚Diese Bestien! ... Aber wer ist schuld? Der Gefängnisdirektor? Der Richter? Der Staatsanwalt? Oder gar die Gefangenen? ... Sie so wenig wie der Steinbrucharbeiter, der die Steine bricht, und wie der Maurer, der sie zum Gefängnis fügt, und nicht mehr als diese der Schlosser, der vor das Zellenfenster das Eisengitter einzementiert, hinter welchem den Klassengenossen das Leben vergeht. Es gibt keinen Verantwortlichen ... Der Staat? Der Staat ist ein Machtinstrument gegen die menschliche Gemeinschaft. Ist keine Person. Du findest im bürgerlichen Staate keinen Verantwortlichen. Du greifst in die Luft ... Die Ordnung der Dinge, sie ist schuld.‘
Auf dem Tische lag wieder ein Brief von der Tante. Er schob ihn ungelesen weg. Auch als Katharina schon zurückgekommen war – Jürgen hatte den Fußboden geschruppt, ein Buch verkauft, für das Geld ein paar Blumen gekauft, das kniehohe, eiserne Glühteufelchen geheizt, denn es war an den Abenden schon kühl –, lag der Brief noch ungeöffnet zwischen den Papieren.
Der Schnauz war wieder heiter geworden. Den Winter über schrieb Jürgen Artikel für das Arbeiterblatt, hielt sozialwissenschaftliche Vorträge im Bildungskurs, sprach in Versammlungen. Die Kollegs besuchte Jürgen unregelmäßig.
So lebte er in seinen sechsundzwanzigsten Frühling hinein, ohne irgendwelche Beziehungen zu seinem früheren Leben, auch innerlich durch nichts mehr gefesselt an die Erlebnisse in seiner Jugend. Denn in dieser Zeit überfielen ihn auch die Angstträume nicht mehr, wie früher fast jede Nacht, da der Vater, die Professoren, die Tante machtstrotzend ihn angeblickt hatten und er, der Erwachsene, als Kind bebend in der Zimmerecke gekauert war, ohnmächtig ausgeliefert; andere Träume, von Jürgen bisher nie erlebt, schoben sich ein. Kampfträume, aus denen er siegreich und erfrischt hervorging.
Aber erst nach der Nacht, da er im Traume, anstatt in Angst zu erbeben, auch dem Vater ins Gesicht gelacht und des Vaters Hand mit dem drohend deutenden Zeigefinger furchtlos zur Seite geschleudert hatte, war dessen Macht ganz gebrochen gewesen. Erst nach diesem Erwachen hatte Jürgen ganz sicher gewußt, daß alle Ungeheuer seiner Jugend und Erziehung völlig überwunden waren. Nie mehr war im Traume der Vater erschienen.
‚Jetzt erst entscheidet nicht mehr ein fremder Wille in mir meine Handlungen. Und dazu mußte ich sechsundzwanzig Jahre alt werden ... Jetzt keuche ich einen anderen endlosen Berg hinauf; aber ... ich selbst, ich selbst keuche ihn hinauf. Ich selbst habe mich dafür entschieden, frei entschieden, diesen Weg zu gehen; nicht das Fremde in mir zwingt mich.‘
‚Es denken und fühlen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todesstunde Gedanken und Gefühle, die nicht sie selbst denken und fühlen: es begehen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todessekunde Handlungen, die nicht sie selbst tun; die Summe der Ermordungen, an ihrem Wesen verübt von den Autoritäten, dieser Zwingherren der Seele, denkt, fühlt, handelt.‘
Noch nach Jahren erinnerte Jürgen sich jenes Morgens, da er zum ersten Male die ruhige Sicherheit empfunden hatte, durch nichts Fremdes mehr vergewaltigt, sondern ganz und gar Selbstherrscher seines Gefühlslebens zu sein. Dieser Wendepunkt seines Daseins war begleitet gewesen von der unbegreiflich lastlosen Empfindung, seine Vergangenheit liege nicht mehr hinter ihm, sondern vor ihm.
Kopf in die Linke gestützt, war er seitwärts am Schreibtisch gesessen, mit dem Blicke zur Verbindungstür, und hatte gedacht: Von nun an gibt es für mich keine Abwälzung der Verantwortung mehr durch den Hinweis auf die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden. Es können neue Wunden mir geschlagen werden von der Umwelt; aber alte Wunden für mein künftiges Tun und Unterlassen verantwortlich zu machen, geht nicht mehr an. Ich stehe am Anfang meines Ich. Um so gewaltiger die Verantwortung! Wie ungeheuer wäre der Verrat erst solch eines Menschen, der sein gewonnenes Ich verkaufen würde um des Lebensgenusses willen, angesichts allein nur der einen Tatsache, daß jene hunderttausende Gefangenen nur ein einziges winziges Feld des millionenfeldigen Schachbrettes der Leiden füllen!
Kindergeschrei im Hofe. Frühlingssonne, die den letzten Rest des schmutzigen Altschnees schmolz. Aus der lecken Dachrinne fielen in Pendelregelmäßigkeit die schweren Tropfen, blitzten vorbei an Jürgens Fenster und platschten in die Pfütze. Im Zimmer nebenan klapperte die Maschine. Katharina arbeitete. Sie arbeitete immer.
Auch Jürgen trug in sich das Gefühl, daß in einer Lebensordnung, in der fast jeder Genuß des einen nur auf Kosten eines anderen zu gewinnen sei, der Sozialist alles, was er an Leben gewönne, nur auf Kosten seiner Hingabe an die Idee gewinnen könne.
‚Aber was ist Pflicht? habe ich als Abiturient die Tante gefragt ... Wir stecken, zusammen mit den Entrechteten, tief unten in der Spitze, in der tiefsten Tiefe eines gewaltig großen Trichters. Oben ist der Trichter erdenbreit, oben ist das Leben. Und nur zusammen mit den Entrechteten dürfen wir vorwärtsschreiten, nach oben, wo das Leben ist. Das Bewußtsein, dieses Bewußtsein ist alles. Weh dem, der seine Pflicht verletzt; der die verläßt, die in schweren Leiden und Kämpfen nur in qualvoll langgezogener Spirale aufwärts zu gehen vermögen, im millionenfältigen Schritt der Massen ... Jetzt weiß ich, was Pflicht ist.‘
Wenn Jürgen zurückdachte an den Abend, da er, Kopf in die Linke gestützt, diese Gedanken gedacht hatte, schien es ihm, als sei erst eine Woche vergangen.
Im Bildungskurs immer die selben Gesichter, die selben Fragen und Einwände. Der Verlauf der Versammlungen immer der selbe. Ein halbgewonnener Streik. Einer, durch den eine winzige Lohnerhöhung erkämpft worden war. Und wieder ein verlorener Streik. Dazwischen eine Demonstration. (Der Agitator und einige Genossen waren verhaftet worden.) Bildungskurs. Versammlungen. Kämpfe kleiner und kleinster Art. Enttäuschungen. Und wieder Bildungskurs. Versammlungen.
Ein Tag wie der andere, und alle grau. Die Zeit flog, entschwand seinem Gefühle so schnell, als ob sie stehe, gar nicht vergehe. Es gab kein Ereignis, von dem, erinnernd, er hätte sagen können: das erfrischte mich. Es war, als ob seither erst ein Tag vergangen wäre, der in rasender Schnelligkeit sich selbst immer wieder einhole und so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fresse.
So stand er in der immer gleichen Grauheit des immer gleichen Tages.
Anfangs hatten sich durch seine Verbundenheit mit Katharina in dieser Eintönigkeit die großen Stunden aufgetan, Minuten, Blicksekunden von solcher Tiefe des Glücks, daß die Erfüllung der ältesten Sehnsucht des Menschen – die Überwindung der schicksalhaften Einsamkeit, die jedes Lebewesen dieser Erde trennt vom andern – ihm zuteil geworden war. Aber die Erinnerung daran, daß er dies Unfaßbare des Daseins einmal geschaut hatte, und auch das Wissen, daß dieses Entrücktsein nur solchen verstattet sein konnte, deren Verbundenheit vertieft ist durch ihre gemeinsame Hingabe an die Idee, war verblaßt.
Jürgen stand am Schreibtisch. Seine Hand legte einen Bleistift hin, nahm ihn wieder, legte ihn hin, nahm ihn. ‚Immer das selbe zu tun, das selbe zu tun, selbe zu tun und nichts zu erleben, da verflackert die Flamme ... Jahrelange Hingabe, ausschließlich durch sich selbst genährt! Ist sie menschenmöglich?‘
Er hätte schon fort sein müssen, um rechtzeitig in die Redaktion zu kommen. „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ... Wo war das? Tatsächlich, ungefähr so leben die. Und wir leben so. Das ist ein Leben!“
Wieder tropfte die lecke Dachrinne. Die Proletarierkinder tobten im Hofe, wo der graue Haselnußstrauch schon braunviolette Knospen trug. Wieder war ein Jahr vorbei.
‚Innere Vertrocknung. Ja, ja, innere Vertrocknung.‘ Er horchte auf das Klappern der Maschine. ‚Dieses Mädchen, Menschenkind, Menschheitskind mit dem großen, milden, starken Herzen, lebenslänglich hingegeben der Idee, ganz und gar!‘
Die Erschütterung ging durch den ganzen Mann durch. „Das Leben, sein Leben hinzugeben, auf einmal, ist ein Nichts ... Da drinnen sitzt die Größe. Die Größe bei der kleinen Arbeit! Das Kleine, das Tägliche, das Treue, täglich, durch Jahre, durch Jahre im Dienste der Idee getan, ist die Größe. Der Held ist tot. Der Held gehört vergangenen Jahrhunderten an ... Katharina sitzt, wie der Verurteilte, lebenslänglich im Gefängnis. Hat sich selbst verurteilt ... Verteile, wie sie, ein Leben lang deine Hingabe auf jährlich dreihundertfünfundsechzig Tage – erst dann hebe stillen Blickes die Hand in Stirnhöhe, wenn gerufen wird: Wer noch vermehrte die Zahl der vielen, auf deren dargebrachtem Leben ich, die Menschheit, in die Befreiung schritt? ... Ich weiß, daß dies, daß dies die wahre Größe ist“, flüsterte er bebenden Mundes.
Blickte, umstanden von Grauheit, zurück auf die Grauheit der vergangenen Jahre, suchenden, tastenden, flehenden Blickes auf die Grauheit künftiger Tage. Und hatte, Minuten später, unversehens den verluderten Backsteinwürfel verlassen, durch die Hintertür.
Schritt, von Lebensgier gestoßen, hinaus. Dem Walde zu. Hinaus über fette Schollenäcker. Atmete und schritt. Ihm entgegen stürzte das Leben.
Birken – butterzartes Hellgrün – säumten den Wald, dessen billionenknospiges Geäste violett im Frühlingsdampfe stand.
Der grüne Tunnelberg, strotzend von Brombeer und Schlehdorn, Brennessel, Felsmoos, zugeflogenen jungen Birken, wilden Obstbäumen und allerlei Grün – ein wild und dicht bewachsener Riesenrücken, in der Sonne funkelnd und glitzernd –, war schweißnaß.
Jürgen stand vor dem schwarzen Tunnelloch, blickte hinein, forschend, wie zurück in seine Vergangenheit. „Bis hierher rannte ich, damals, als die Tante mich angespuckt hatte. Wollte ich mich überfahren lassen? Da war ich fünfzehn Jahre alt“, sagte er, ergriffen von Sympathie für den Knaben. „Spuckt ihm ins Gesicht, dem Jungen. So ein Mistvieh! ... Nun, diese Ungeheuer in mir sind tot.“
Dies war nun schon seine vierte Wanderung in diesem Frühling. Immer war er vollgesogen, erfrischt, verdreckt und ausgehungert zurückgekehrt. Und Katharina hatte gesagt: „Das solltest du öfters tun.“
Einmal, schon vor Wochen, waren beide zusammen gewandert. Wachstum und Grün, noch gebunden, erst als Verheißung über den unabsehbaren Buchenwäldern. Schäumende Bäche, nasse Täler, Nebeldämpfe, die wie Rauch und Erde rochen, hatten Kälte verbreitet, in der schon die Glut des Kommenden prickelnd enthalten gewesen war.
Neugierig, was zu sehen sein werde, waren sie seitwärts aus einem von noch kahlem Gesträuche überhangenen Hohlweg emporgestiegen und auf die Landstraße gekommen, die, eben und linealgerade, weit, weit hinaus und zuletzt wie ein weißer Pfeil in den geheimnisvollen Horizont stieß.
Die Vorstellung: ein Mensch geht aus der Stadt hinaus, geht auf der Landstraße hin, läßt alles hinter sich, alle Qualen, alle Pflichten, geht immer weiter, weiter auf der Landstraße hin – hatte Jürgen, der Jüngling, jahrelang in sich getragen.
Katharina saß auf dem Kilometerstein, Jürgen neben ihr auf dem Baumstumpf. Durchwärmte Körper und kalte Wangen, die vor Hitze prickelten.
Während sie Brot und Wurst aßen, hing Jürgen jener alten Sehnsucht nach. „Wenn wir beide jetzt einfach losgingen, da hinaus, jetzt auf der Stelle, und ohne jemals umzukehren, immer weiter, du und ich, fort, immer weiter fort!“
„Ohne Zahnbürste, ohne Nachthemd, ohne Ausweispapiere“, hatte Katharina lächelnd geantwortet. „Ohne Wohin! Nur zusammen!“
„Ja, du und ich! Ohne Geld! Ohne Rückblick! Nicht mehr dies und das, nicht jenes, nicht die Redaktion, der Bildungskurs, nicht Doktorexamen und Ausweispapiere – nur der Mensch ist die Instanz. Wir, der Mensch, gehen und lassen, endlich! endlich! den Menschen atmen, fühlen, tun, erleben. Nur ihn! ... Müde, übermüdet, klopfen wir an ein Bauernhaus und bitten um ein Nachtlager.
‚Wer seid ihr?‘
‚Der Mensch!‘
Wir kommen in eine kleine Stadt, mitten hinein in das verfilzte Mein und Dein, und sagen: ‚Der Mensch ist da.‘
Ungeheures Erstaunen! Alle geben uns, was wir brauchen. Denn in tiefster Heimlichkeit haben alle den Menschen erwartet, an dessen Kommen sie schon gar nicht mehr geglaubt hatten.“
„Der Mensch ist aber noch nicht da, Jürgen. Den gibt es noch nicht, kann es noch nicht geben. Mensch zu sein, kann dem Einzelnen erst dann verstattet sein, wenn es allen verstattet sein wird ... Welch furchtbaren Verrat an der Idee wir begehen würden!“
„Du sprichst so ernst, als ob ich wirklich alles rücksichtslos abschütteln und auf dieser Landstraße weiterwandern wollte, hinaus in das Leben ... Würdest du darunter leiden?“
Wie seltsam tief ergriffen und dennoch heiter sie mich da angeblickt hat, erinnerte Jürgen sich und glaubte Katharinas Worte wieder zu vernehmen, die gesagt hatte:
„Muß denn nicht gerade der Mensch, der, sein Ich um jeden Preis zu gewinnen, jeder Pflicht entläuft, indem er, um des Lebensgenusses willen, rücksichtslos sein eigenes Ich zur obersten Instanz erhebt, sein Ich ganz und gar verlieren? Muß nicht gerade in dem Menschen, der ausschließlich seinen Wünschen und Begierden folgt, der Mensch ganz und gar untergehen? Und wird der Mensch und das in diesem Zeitalter verstattete Maß an Ich nicht erhalten bleiben nur in dem, der sie erfüllt: die Pflicht?“
Langsam hob er den Kopf, tat, wie damals, noch einen Blick in die wunderbare Ferne. Wandte sich wie gezogen um, starrte in das schwarze Tunnelloch: „Das ist die Pflicht ... Wenn ich mich nicht schon entschieden hätte, müßte ich mich doch wieder, doch wieder ... ich müßte mich doch wieder für die Pflicht entscheiden.“
„Doch wieder! Doch wieder!“ Trotzig wiederholte er im Schrittakt diese Worte. Während der letzten Jahre war Jürgen seiner Gedanken und Gefühle so sicher gewesen, daß er sie auch jetzt nicht kontrollierte.
Vor ihm lag sanft gewellt die Hochebene: Schollenäcker, Frühsaatflächen, weit hingebreitet, braun und grün. In der Nähe erklang Frauenlachen, dem eine baßtiefe Lachsalve folgte: Auf dem nächstgelegenen Hügel saßen die Fabrikantensöhne und -töchter beim Picknick. Am Fuße des Hügels standen sechs Kraftwagen, darunter der postgelbe des Bankiers Wagner.
Hand in Hand sprangen zwei weißgekleidete Mädchen herab, die in Jürgen den Bräutigam der einen, der zu Fuß hatte nachkommen wollen, vermuteten.
Enttäuschung, Lächeln und ein kurzer Schmerzensschrei in einem. Gestützt auf ihre Freundin und auf Jürgen, hinkte die Braut, die sich den Fuß übertreten hatte, zurück.
‚Und wenn ich ganz abgerissen wäre, würde mir das auch nichts ausmachen.‘ Die ausgefranst gewesene letzte Hose seines letzten Anzuges war zu einer kurzen Hose zurechtgeschneidert und von den Abfällen war ein Hinterteil frisch aufgesetzt worden, in Breechesschwung.
Adolf Sinsheimer kam lustig entgegen, in der vorgestreckten Hand eine gebratene Hühnerkeule für den Erwarteten. Sein Mund öffnete sich.
„Tut schon nicht mehr weh“, sagte die Braut beruhigend.
Aber die vorgestreckte Hand ließ die Hühnerkeule senkrecht fallen. „Das ist Jürgen Kolbenreiher; und hier: Elisabeth Wagner, meine Braut“, stellte er, während er den Knochen wieder aufhob, das andere Mädchen vor, das auf dem Herwege Jürgen in keiner Weise beachtet hatte und nun, zu plötzlich überrascht, in unverhohlener Spannung ihn ansah.
Jürgen war für Elisabeth Wagner so lange vollkommen uninteressant gewesen, bis sie erfahren hatte, daß ihre Mitschülerin Katharina ihn liebe. Seitdem hielt sie Jürgen, da Katharina schon im Institut für ein unzugängliches, wählerisches Mädchen gehalten worden war, für einen ganz besonders interessanten, bedeutenden Menschen, dessen Bekanntschaft machen zu dürfen sie seitdem immer wieder Drohungen, Spott und alle Mittel ihres überlegenen Verstandes dem Bräutigam gegenüber angewandt hatte.
Sofort begann sie von Katharina zu sprechen, die zwar zwei Jahre älter, aber im selben Institut mit ihr gewesen sei. Und auch als sie bewundernd ausrief, wie Katharina es nur ertragen könne, im Gefängnis zu sitzen, fühlte Jürgen, daß die Bewunderung ihm galt.
Erst viel später gestand er sich ein, daß er, nur um Elisabeths Interesse noch zu steigern, versucht hatte, sich gleich wieder zu verabschieden.
Mit leisem Schmollen, das ihrem kühlen Wesen fremd war, bat sie, er möge doch mit zur Gesellschaft kommen. „Adolf, bitte du ihn!“ Sie hielt Jürgens Hand fest.
„Na, so komm doch mit ... Aber wenn du nicht willst ...“ Jetzt erst bemerkte Adolf, daß er den staubigen Hühnerfuß wieder aufgehoben hatte, und schleuderte ihn seitwärts ins Feld, blickte dabei wütend seine Braut an.
Das angenehme Machtgefühl ließ Jürgen mitgehen. Die drei setzten sich, etwas abgesondert von den andern, auf die Wolldecke.
„Gebratenes Huhn und Rotwein, im Freien genossen – darüber hinaus gibt es nichts.“ Die andere Braut sagte dem Genießer, wer der Gast sei, dann wurde es auch auf dieser Wolldecke stiller.
Die fünfundzwanzig gepflegten, gesunden Menschen gehörten den reichsten Familien der Stadt, die Männer fast alle Jürgens Generation an: Fabrikantensöhne, die in den Geschäften der Väter arbeiteten oder sie schon selbständig führten, wie Adolf die Knopffabrik und das angegliederte Knopfexporthaus.
„Tüchtige Kerle! Daß der dort sich schon einen Namen in der Wissenschaft gemacht hat, weißt du ja. Unser Abiturientenjahrgang kann sich sehen lassen. Einer ist sogar schon Reichstagsabgeordneter. Der war ja immer einer der besten Schüler.“
Elisabeth begann von Literatur zu sprechen, lobte ein jüngst erschienenes Buch. Jürgen, ausgehungert, aß schweigend und viel.
Streitsüchtig nannte Adolf eine Anzahl so schlechter Bücher, die er für weit besser halte, daß Elisabeth lachen mußte. Und zu Jürgen, mit einem Blick des Einverständnisses: „Davon versteht er gar nichts.“
Die sechs Kraftwagen rollten langsam hügelaufwärts. Nachdem Elisabeth erzählt hatte, daß sie erst vor ein paar Tagen wieder Jürgens Tante besucht habe, die bedenklich krank sei, sprach Adolf sehr orientiert von der Wirtschaftslage des Landes. „Die ganze Dichterei ist mir, offen gestanden, natürlich recht gleichgültig, und was du treibst – Arbeiter verhetzen, Bomben fabrizieren, wie? – ist gar der reine Blödsinn ... Sieh dir an, was unsere Industrie auf dem Weltmarkte gilt, und werde vernünftig! Das ist der Rat eines Menschen, der kein Jüngling mehr ist, sondern die Verantwortung für das Wohl und Wehe von sechshundert Angestellten und Arbeitern ganz allein zu tragen hat. Meine Freunde hier, sieh dir sie an – lauter tüchtige Menschen! Der eine im Bankfach, andere in der Industrie oder in der Wissenschaft, in der Politik, Menschen, die sich und ihr Vaterland vorwärtsbringen ... Und Leo Seidel – erinnerst du dich noch an den Sohn des Briefträgers? Die Weltgeschichte, weißt du! Der ist heute, nachdem er eine Zeitlang Impresario und weiß der Teufel was alles gewesen war, Bankier in Berlin. Sitzt im Aufsichtsrat von einem Dutzend großer Aktiengesellschaften. Eine tolle Karriere! In ein paar Jahren kann er durch das Geben oder Verweigern seiner Unterschrift die Börse beeinflussen. Würde mich nicht wundern ... Wirklich, solltest meinen Rat befolgen und die Augen auch aufmachen.“
Jürgen lächelte das Lächeln eines Menschen, der seiner Sache sicher ist, diesen Rat nicht nötig hat, und gab keine Antwort, reichte beiden die Hand, schlug Elisabeths Bitte, im Wagen mit zurückzufahren, ab und schritt, nach einer knappen Verbeugung zur Gesellschaft hin, waldwärts.
‚Wie schloß Adolf seinen Hymnus auf sich und auf die Stellung unserer Industrie in der Welt?: Nur wer auf irgendeinem Gebiete etwas leistet, hat Macht. Und nur dem Mächtigen gehört das Leben.‘
‚Das stimmt. Aber wer sind die Mächtigen und was für Eigenschaften müssen sie besitzen, um mächtig werden zu können? ... Es gibt eine bestimmte große Anzahl solcher, die schon oben geboren werden und sich eben weiter vorwärtsbringen, wie geölt; eine kleine Anzahl Leo Seidels, die nicht nur über Verstand, Begabung und eiserne Gesundheit, sondern auch über eine ganz besonders große Portion Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Gemeinheit verfügen müssen, um durch die erdenbreite Eisenplatte, die auf den Rücken der Millionen lastet, durch- und hinaufkommen zu können. Außerdem gibt es noch einige Jürgens, die oben sein könnten, aber heruntergehen und nur auf der Leiter des Verrats an der Idee wieder hinaufzusteigen vermöchten ... So liegt die ganze Drahtleitung.‘
Innerlich grau geworden, starrte er den sechs Kraftwagen nach, die, schon in weiter Ferne, eben um den Fuß eines bewaldeten Hügels herumsausten, auf der Höhe wieder erschienen und, ein sich schlängelnder, dünner, schwarzer Strich, im Blau verschwanden.
‚Im Auto würde man aus der tiefsten Tiefe des Trichters, in dem das Proletariat kämpft und krepiert, sehr schnell heraus und nach oben kommen, wo das Leben ist ... Ja, ich brauchte sogar nur einen einzigen Gedanken zu denken, den Gedanken: Jeder für sich! Oder: Vervollkommnung der Persönlichkeit! Und schon würde ich oben sein.‘
Erfüllt von Widerwillen gegen alles, gegen das Leben und gegen sein Leben, gegen die Ausflügler und gegen den Bildungskurs, den er heute abend noch abzuhalten hatte, langte er vor der Haustür an. ‚Die Jugend scheint bei mir vorüber zu sein. Die Jugend! Man wird älter und alt!‘ Er nahm dem Postboten einen Brief ab. Die ungelenke Handschrift war ihm nicht bekannt: Phinchen flehte, er solle kommen, die Tante sei noch immer sehr krank. Und weshalb er auf den letzten Brief nicht geantwortet habe.
„Jetzt wirst du großen Hunger haben.“
„Nicht einmal! Ich habe ja ... Ich habe eigentlich wenig Appetit ... Hier, lies den Brief!“
„Fühlst du dich nicht wohl? Ich meine, weil du nicht hungrig bist.“
„Doch, ich bin ganz gesund ... Aber, was meinst du, soll ich da tun?“
„Weshalb solltest du sie nicht besuchen!“
Während des ganzen eineinhalbstündigen Vertrages, den Jürgen im Bildungskurse hielt, fühlte er sich gepeinigt von dem Bewußtsein, seine Begegnung mit den Ausflüglern Katharina verschwiegen zu haben. Erst gegen Morgen, nach einer in unruhigem Halbschlafe verbrachten Nacht, schlief Jürgen ein.
Und stand um zwölf Uhr vor der Villa, die er vier Jahre nicht mehr gesehen hatte. Die Tante saß, in Decken gehüllt, im Lehnstuhl. Phinchens Gesicht, glücklich lächelnd, war tränennaß geworden beim Erblicken Jürgens.
Es sei, wie immer, die Brust, antwortete die Tante. Sie trug, wie immer, ihr schwarzseidenes Spitzenkopftuch, sah ganz unverändert aus. Bei dem linken Ohre beginnend, über Schläfe und Stirn, bis zum rechten Ohr, lagen, platt angedrückt wie immer, die mit der Brennschere sorgfältig gedrehten schwarzen zwölf Fragezeichen.
Erst in diesem Zimmer, wo der Fußboden so rein war wie der Vorhang und so funkelte wie die Fensterscheiben und die polierten Möbel, fühlte Jürgen, sitzend an dem einladend gedeckten Tisch, wie heruntergekommen er in seinem letzten Anzuge aussehen müsse.
Die Tante sprach nicht, fragte nicht. Und bemerkte alles. War entsetzt über Jürgens Aussehen. ‚Seine Manschetten sind ausgefranst, die Hemdbrust und der Kragen ungewaschen. Diese Stiefel! Die Absätze sind schiefgetreten bis zur Kappe.‘
Und ohne Überleitung, als ob sie, während Jürgen aß, an nichts anderes gedacht hätte: „Ich würde ... wir würden noch einen zweiten Stock aufsetzen lassen. Ihr würdet oben wohnen. Die Grundmauern der Villa sind stark.“
„Wer soll oben wohnen.“
„Wenn du heiraten würdest.“
Jürgen schüttelte den Kopf. ‚Es ist doch zu toll!‘ Antwortete nicht, aß weiter. Er saß mit dem Rücken zur Tante. Der Lehnstuhl stand am Fenster in der Sonne.
„Und wenn ich sterbe, könnt ihr unten Wohnzimmer, Eßzimmer und Salon haben, im Stock Empfangsräume, und oben schlafen ... Phinchen würde ja auch bei euch sein ... Und der Garten. Der schöne Garten!“
Phinchen versuchte, das Weinen zu verschlucken, heulte los und rannte mit der vollen Schüssel wieder hinaus. Es war still. Die Tante blickte Jürgens Rücken an, sah durchs Fenster auf den blühenden Magnolienbaum, wieder Jürgens Rücken an. „Aber wissen müßte ich, wem ich mein sauer erworbenes Vermögen hinterlasse. Denn so schwer es mir auch fallen würde ...“
Er legte die Gabel, mit der er ein Stück Fleisch von der Platte hatte nehmen wollen, wieder zurück, wandte sich langsam um. „Du müßtest mich enterben, was?“
„So furchtbar schwer mir das auch fallen würde!“
„Und du glaubst, daß ich mich ... Glaubst du denn wirklich, daß ich mich mit so etwas bestechen lasse?“
Die Tante strich sich über die Augen, legte die Hand an das Kinn, sah weg. Und Jürgen drehte sich wieder um zum Tisch. So stehts denn doch noch nicht mit mir, dachte er. Und, plötzlich im Tiefsten betroffen: ‚Was war das? Was war das? Was?‘
„Ich sage dir nur, was mein Herz mir eingibt.“ Die Tante redete weiter. Er hörte nichts mehr. ‚Was war das? ... Wie also stehts denn mit mir?‘
So sitzt sie immer, wenn sie einem Plane nachhängt, dachte er auf der Straße. Er wußte nicht, wann und wie er die Villa verlassen hatte. ‚Wie ging ich denn weg? ... Was war das? Wie also stehts mit mir? ... Streicht sich mit der Hand erst über die Augen und dann bleiben ihre Fingerspitzen am Kinn haften. So macht sie es immer. Da sitzt dieses winzige, gelbgesichtige Persönchen im Lehnsessel und macht Pläne: über das morgige Mittagessen, oder ob sie ihr Vermögen, ihr sauer erworbenes, vergrößern kann, wenn sie dieses oder jenes Wertpapier kauft oder verkauft, oder über den Tag der nächsten großen Wäsche, oder über mein zukünftiges Leben. Wenn sie Schlitzaugen hätte, würde sie ganz so aussehen wie eine alte Chinesin.‘
Plötzlich blieb er stehen. ‚Alles das stimmt. Ist aber ganz unwichtig; wichtig ist, zu wissen, was eigentlich mit mir los ist ... Was will ich denn?‘ Die weiße, linealgerade Landstraße schoß wie ein Pfeil in den geheimnisvollen Horizont. ‚Das ist Unsinn. Das Fortlaufen ist Unsinn ... Aber das Gefühl, das hinter diesem Wunsche steht, ist kein Unsinn. Dieses Gefühl bin ... ich, ist der Mensch in mir, so wie er ist ... Wie er offenbar nun einmal ist!‘
Und dann geschah es, daß Jürgens Körper selbsttätig auf die Bank in der Anlage zuschritt, sich setzte. Und nun: Hände weg von allem! Alle Muskeln entspannt! Alles Denken und jede Selbstbeobachtung aufgegeben! Den Willen ausgeschaltet! Weg mit dem Bewußtsein! Der Mensch, er allein! soll sagen, was er will, dachte Jürgen noch und schloß, bereit, zur Kenntnis zu nehmen, was auch kommen möge, ganz entspannten Wesens die Lider.
Anfangs kam nichts. Knapp vor den Augen farbige Pünktchen im Grau. Er saß in der Mitte seines Lebens, in dem nichts war. Saß so still, so leblos, daß ein Vogel anflog, auf der Banklehne zwitschernd hüpfte, wieder abflog.
Menschen und Gesichtsausdrücke, Menschengruppen, eine Flußlandschaft: Lebensbilder, die vor langer Zeit Jürgens Gefühl getroffen hatten und deren Sinn ihm unerkennbar blieb, tauchten auf, schemenhaft, verblaßt, und versanken wieder. „Das ist nebensächlich“, flüsterte er einige Male.
Ferne Stadtgeräusche, kaum hörbar von Hupentönen durchstoßen: Das Leben der Gegenwart, die Arbeit, die ihren Gang ging, laut und leise. Bei der Bank war es still.
Ein schwarzgekleideter Herr dreht die Schulter halb rückwärts, grüßt, etwas hochmütig, nach der Seite hin. Viele Herren und dekolletierte Damen bewegen sich unter den lichtblitzenden Riesenkronleuchtern im großen Saale. Alle grüßen den Schwarzgekleideten. Blicke, achtungsvolle, neidische, prüfende, folgen ihm.
‚Der Schulkamerad, der sich in der Wissenschaft schon einen Namen gemacht hat ... Mag er!‘
Sie essen nicht, trinken nicht; sie gehen umher, blicken dem Schwarzgekleideten nach, sprechen über ihn und warten. ‚Nein, Musik ist keine da.‘
Jürgen, in knappsitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern und Brust, beherrschtes, natürliches, berechtigtes Selbstbewußtsein in Blick und Worten, tritt ein, spricht leicht und freundlich mit seinen Partnern, die schnell wechseln, sich unauffällig an ihn heranmachen. Keiner hat ein eigenes Gesicht. Der auf der Anlagenbank sitzende Jürgen sieht und fühlt nur sich, nur den seines Geistes und seiner Kraft und Macht bewußten Frackherrn-Jürgen, der höflich zuhört, knapp und freundlich antwortet.
Der andere Schwarzgekleidete schrumpft zusammen, drückt sich unbeachtet an der Seite umher. Der Mittelpunkt ist Jürgen. Denjenigen, die sich an ihn nicht heranwagen, geht er selbst entgegen, begrüßt sie liebenswürdig, nicht herablassend, nicht hochmütig. ‚Wer eine Leistung vollbracht hat, wer etwas leistet, ist nicht hochmütig, hat es ja auch nicht nötig, hochmütig zu sein.‘
Alle sprechen von ihm. Aller Blicke sind auf ihn gerichtet. Jürgen ist so sehr Mittelpunkt, daß er sich bemüht, weniger Mittelpunkt zu sein, das Interesse etwas auf den anderen Schwarzgekleideten abzulenken, wofür er verhaltenes Lächeln der Bewunderung erntet. Sein Wille, sein Geist wirken in allen, bestimmen Gedanken, Gefühle und Mienen aller Anwesenden.
Jürgen lehnte nicht mehr, entspannt, Augen geschlossen, in der Bankecke; gleichzeitig mit dem Eintritt des Frackherrn-Jürgen in den Saal hatte er sich aufgerichtet, war mit seinen Gefühlen in den Eingetretenen hineingeschlüpft. Seine Schultern und seine Hände, sein Gesicht hatten alle Bewegungen und das Mienenspiel des andern mitgemacht.
Er saß, alle Muskeln gespannt, vorgebeugt, starrte auf den grünen Bretterzaun, in den er das Bild seines Wunsches hineingesehen hatte. Und als er plötzlich nur noch den grünen Bretterzaun sah, strich seine Hand über die Augen und blieb, wie die der Tante, am Kinn haften.
‚Das also wünsche ich ... wünscht er: der Mensch in mir.‘
Langsam lehnte er sich wieder zurück. ‚Aber welcher Art ist denn seine Leistung? Was hat er ... was habe ich ... also, ich meine, was möchte ich denn eigentlich leisten? ... Ist ja ganz gleich, was einer leistet, wenn er nur überhaupt auf irgendeinem Gebiete, ganz gleich welchem, etwas leistet und Macht und Einfluß gewinnt.‘
Eine Stunde später saß er untätig an seinem Küchentisch. Der Artikel, den er zu schreiben hatte, langweilte ihn. ‚Immer wieder der selbe Artikel!‘ Seine Hand legte den Bleistift hin, wurde zur Stütze für den Kopf. Der Frackherr-Jürgen tritt in den großen Saal. Das Bild verschwand sofort wieder.
Denn im Nebenzimmer begann das Klappern der Maschine. Der Haß gegen das Klappern sickerte in jeden Herzschlag hinein. Im besonnten Hofe war es vollkommen still. Die Proletarierkinder trieben sich im Walde umher. Von den alten, faulenden Küchenabfällen stiegen Dämpfe auf. Das Fenster stand offen.
Plötzlich vernahm der reglos Sitzende das feine Klingeln. Horchte. Blickte. Vernahm es wieder. Maßlose Wut stieg in ihm auf. Mit äußerster Vorsicht griff er nach dem Schotterstein, der ihm als Papierbeschwerer diente, schlich auf den Zehenspitzen unhörbar zum Fenster, stand, die Hand wurfbereit erhoben.
Da hörte die Maschine auf zu klappern. Katharina trat ein. „Wollen wir ... Was machst du denn da?“
„So sei doch still!“ brüllte er ihr ins Gesicht, drehte sich wieder um und schleuderte voller Wut den Schotterstein in die Richtung, wo er die Ratte vermutete. „Das verdammte Vieh! Dieses unerträgliche Geklingel!“
„Das Klingeln war dir doch immer so angenehm in den Nächten, wenn du schriebst, und jetzt, auf einmal ...“
„Ja, jetzt, auf einmal! Siehst du, jetzt, auf einmal!“
„Ich wollte dich eben fragen, ob wir heute, weil der Tag so schön ist – einen Spaziergang in den Park, hatte ich gedacht. Aber wenn du so bist ... So warst du noch nie zu mir ... Dann tippe ich lieber weiter.“ Sie schritt zur Verbindungstür. Er, vornüberstürzend, ihr nach.
Später saßen sie, versöhnt, im öffentlichen Parke, in dem sie vor elf Jahren das erstemal miteinander gesprochen hatten, von Duft und Farben, Blumen, spielenden Kindern, Himmelsbläue und Gouvernanten umgeben, wie heute.
„Seither ist jene Generation groß geworden und schon in die Privilegien der damaligen Väter nachgerückt“, sagte Katharina. „Und die Last liegt heute wie damals auf den andern.“
„Ja, wo sind die Erfolge der Arbeiterschaft! Nichts! Der Sozialismus schwebt nach wie vor in blauer Ferne.“
„Das wollte ich damit nicht sagen“, entgegnete ruhigen Tones Katharina.
Auf dem Reitwege, nur durch eine brusthohe Buchshecke von dem Parke getrennt, galoppierte eine Gruppe Damen und Herren vorüber. Die beiden saßen reglos und schwiegen. Auf der breiten Fahrstraße rollten Equipagen, überholt von einzelnen Reitern.
„Es ist am besten, wir kriechen wieder in unser Loch zurück“, sagte Jürgen, dessen Wesen zweigeteilt war wie eine Schleudergabel.
Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Das lange, postgelbe Automobil des Bankiers Wagner rollte vorüber. Die zwei Damen, in die Polster zurückgelehnt, machten eine Spazierfahrt durch den Duft. Eine dunkle Riesenfaust preßte Jürgens Herz zusammen, als er Elisabeth erkannte, die sich umwandte und prüfenden Blickes die beiden ansah. Sie war eben bei der Tante zu Besuch gewesen.
„Das ist Elisabeth Wagner“, sagte Katharina. „Elisabeth war im Institut eines der klügsten Mädchen gewesen ... Gestern wurde erzählt, das Bankhaus Wagner stehe vor dem Zusammenbruch. Ich habe es von den Genossen in der Hommesschen Papierfabrik erfahren. Der Betrieb würde im Falle eines Zusammenbruches geschlossen werden müssen. Elisabeths Bräutigam hat die Verlobung gelöst. Ein konsequenter Herr!“
Schwuppdich, dachte Jürgen.
„Aber hast du das andere Mädchen gesehen. Sie ist wunderschön. Eine Jugendfreundin von mir. Der Garten ihrer Eltern stößt an den Garten meiner Eltern. Von ihr kann ich dir eine traurige Geschichte erzählen. Die traurigste Geschichte, die ich kenne!“
„Nein, nein, nicht umkehren!“ bat Katharinas schöne Jugendfreundin und legte scheuen Blickes ihre Hand auf Elisabeths Hand. Aber der Chauffeur hatte die Schleife schon genommen. Das Auto rollte sehr langsam auf die beiden zu.
„Kennst du sie denn? Elisabeth hat dir zugenickt.“
„Wieso denn mir!“ sagte Jürgen. „Nun, und die traurige Geschichte von der andern?“
Da wandte auch diese sich um und blickte, wie zurück in ihre Kindheit, gefühlsschwer Katharina an, die erzählte:
„Bis zu unserem siebzehnten Jahre waren wir immer zusammen, jeden Tag viele Stunden. Wir haben einander das Versprechen gegeben, uns ganz aufzuopfern, auch nie einem Manne anzugehören. Wir wollten die Welt erlösen. Um jeden Preis!“
„Das wollen sehr viele in ihrer Jugend.“
„Ja, und später lächeln sie darüber ... Wenn sie nur über die Art, wie sie helfen oder die Welt ändern wollten, lächeln würden, hätten sie ja ganz recht; aber sie lächeln, weil sie es überhaupt tun wollten. Sie lächeln nicht nur über den Inhalt ihres Idealismus; sie lächeln über den Idealismus ihrer Jugend überhaupt.“
Und dann sagte Katharina, rätselhaft tief bewegt, den Satz vor sich hin: „Viele Menschen tragen als Kinder in den Augen ein Ideal, das erstrebt zu haben sie später lächeln macht; und doch wiegt vielleicht allein die Tatsache, daß sie dieses Ideal einmal wenigstens erstrebt hatten, schwerer als alle Ziele, die sie später tatsächlich erreichten.“
„Wie du das sagst! Es wird einem kalt. Wie du das sagst!“
„Dieses Mädchen ... du machst dir keinen Begriff, welch leidensfähiges, mildes Herz sie hatte. Und jetzt – wie lebt sie! Sie ist mit dem Oberstaatsanwalt verlobt.“
„Ist das die Geschichte? Ist sie das?“
„Eigentlich ist das schon die ganze Geschichte.“ Und dann erzählte sie doch: Die Mutter ihrer Jugendfreundin, eine sehr gebildete, reiche Frau, habe ihre Tochter ganz bewußt zur Wohltätigkeit erzogen. Immer habe das Kind den Armen die Gaben reichen müssen.
„Und da geschah es einmal – und dies ist die Geschichte –, daß das Kind von seiner Mutter in den Garten geschickt wurde, einer alten Bittgängerin ein abgetragenes Kleidungsstück zu bringen. Da bricht das Kind, wie es unter dem Blicke der Alten steht, vor Trauer und Scham, daß es geben und die Weißhaarige von ihm empfangen muß, in Schluchzen aus, läßt das Geschenk fallen, läuft weinend zurück, kann und kann nicht beruhigt werden, schluchzt sich in eine Krankheit hinein ... Von dieser Zeit an hat es sich nie mehr zu solchen Wohltätigkeitshandlungen brauchen lassen. Denk an, da war sie sechs Jahre alt. Ihr Herz wußte schon alles ... Und jetzt? Wie furchtbar, wie tragisch ist das Leben, daß selbst solch ein Wesen so erkranken, solch ein Herz so verhärten konnte.“
Eine ungeheuere Erregung, die er mühsam zu unterdrücken versuchte, hielt Jürgen gepackt. Nur um etwas zu sagen, fragte er: „Und wenn ihr einander begegnet, grüßt ihr euch nicht?“
„Wie sollten wir! Jeder lebt auf einem anderen Planeten.“
Lebt auf einem anderen Planeten, flüsterte Jürgen innerlich. In weniger als einer Sekunde war der Saal mit dem Frackherrn-Jürgen aufgetaucht und wieder verschwunden gewesen.
Und plötzlich glaubte Jürgen, seine Schädeldecke hebe sich ab vor Grauen. Denn er wußte nicht, ob er selbst oder ob ein anderer in ihm gedacht, gefühlt und gesagt hatte: ‚Wie entsetzlich! Dann ist er unüberbrückbar auch von Katharina getrennt! ... Wer hat das gedacht?‘ fragte er. ‚Das habe nicht ich gedacht.‘
„Es ist im Grunde die Geschichte aller in ihrer Jugend idealistisch gewesenen Menschen“, hörte er Katharina sagen. „Du folgst deinen Wünschen und Begierden gegen das bessere Wissen deines Herzens, betrügst dein Bewußtsein, dein Ich, indem du nach Besitz, Macht, Erfolg, Genuß und Achtung strebst, dann kann es geschehen, daß du viel erreichst oder auch zugrunde gehst, in bürgerlicher Schande oder in bürgerlichen hohen Ehren ertrinkst, oder vielleicht in der Familienbequemlichkeit und einer – mittleren Stellung untergehst ...“
‚Das nun sollte mir nicht passieren.‘
„... daß du Automobile, betreßte Diener, eine Villa, verschönt durch edle Kunstwerke und Bücher, die du nicht nur hast sondern auch verstehst, daß du Fabriken, Ruhm, Achtung, Frauen, einen Kassenschrank voll Aktien und Gewalt über Tausende von Menschen eroberst ...“
‚Das will er, der Mensch, der Frackherr in mir.‘
„... aber in jedem Falle mußt du – und dies ist die Tragik des Menschen unseres Zeitalters – das Bewußtsein von der Wirklichkeit, wie sie sein könnte und wie sie ist, mußt du dein Bewußtsein, die Leidensfähigkeit und Güte deines Kindheitherzens und damit dein Ich, deinen Idealismus verlieren, der in unserem Zeitalter nur in dem hingabebereiten Kampfe um den Sozialismus seinen Inhalt haben kann.“
Und das weiß mein Bewußtsein, dachte Jürgen. Und hatte plötzlich gesagt: „Dagegen kann ich nicht einmal etwas einwenden.“
Zuerst schwieg Katharina. Dann wich sie mit dem Oberkörper seitwärts, sah Jürgen betroffen an: „Weshalb solltest denn du dagegen etwas einwenden?“
Zum zweitenmal empfand Jürgen in seinem Herzen Zorn gegen Katharina und schwieg.
Erst auf dem Heimwege – die freistehende Mietskaserne kam schon in Sicht: „Die Tante hat gesagt, es hänge noch ein ganz guter Anzug von mir im Schrank.“
„Den solltest du dir holen, wenn sie ihn dir gibt ... Ich habe damals, als ich wegging von zuhause, fast nichts mitgenommen. Aber wenn ich die Sachen jetzt holen wollte, die würden mir nichts geben.“
„Ach nein, so ist sie nicht. Enterben, vielleicht ja; aber sonst ...“
Einige Tage sprachen sie selten miteinander; Jürgen hatte in Gegenwart Katharinas das Gefühl, auf Luft zu gehen, und wich ihr aus, sooft er konnte.
Eines Abends, als er diesen Zustand qualvoller Spannung nicht länger mehr ertragen konnte, sagte er: „Wer bis zu seinem dreißigsten Jahre noch nichts geleistet und erreicht hat, wird auch später nichts mehr erreichen.“ Er stand am Schreibtisch, Katharina neben ihm, mit dem Rücken gegen das Fenster. Sie antwortete nicht.
„So wird man schließlich vierzig. Und was kann dann noch viel Erfreuliches kommen! Dann ist das Leben in der Hauptsache vorüber ... Natürlich, wer ganz bedingungslos glaubt an den Sozialismus ... Wer einfach glaubt!“
„Was willst du denn erreichen, Jürgen?“
„Das ist es ja eben. Ich bin kein Jüngling mehr. Man wird doch immer älter – und älter ... Eh man sich versieht, ist das Leben vorbei, nicht wahr?“
Katharina antwortete nicht mehr. Sie ging langsam auf die Verbindungstür zu, ging durch, schloß die Tür. Sie stand in ihrem Zimmer. Sie legte die Hand aufs Herz. Sie wußte alles.
Jürgen sah, durch die verschlossene Tür durch, Katharina stehen, so wie sie stand. Preßte die Hand auf das rasend klopfende Herz. Zuckte auf die Tür zu. Wollte nachstürzen.
Zuckte zwischen der Verbindungstür und der Ausgangstür wie ein von Verfolgern eingekreister Flüchtling im Zickzack hin und her. Und stürzte mit einem innerlichen, furchtbaren Todesschrei aus dem Hause.
Rannte aus der Stadt hinaus, querfeldein, über Schollenäcker zum Bahndamm, zwischen den Schienen weiter, bis vor das schwarze Tunnelloch.
Diesmal blieb er nicht stehen und kehrte er nicht um. „Fort! Fort! Fort!“ befahl der Herzschlag, jagte ihn den Schienen nach, hinein in die Finsternis.
Er stolperte. Seine Hände streiften den Boden. Er empfand darüber Befriedigung. Raste weiter, stieß mit dem Kopf gegen die Mauer. Und blieb keuchend stehen. In undurchdringliche Nacht gestellt, erblickte er plötzlich seine Genossen, klein und weiß. Katharina blickt verächtlich ihn an, deutet mit dem Finger auf ihn.
„Fort! Fort!“ schrie der Herzschlag. Vor sich, weit in der Ferne, sah Jürgen ein rotes Tunnellämpchen. Nach zwei Sprüngen war er schon daran vorbei, stolperte, stürzte. Und blieb hocken, dicht neben dem Lämpchen, das jetzt weit hinter ihm in der Finsternis schwebte.
Glotzend hob er den Kopf, sah die schneeweißen, starren Gesichter seiner Genossen. Duckte den Kopf zwischen die Schultern, schloß die Augen. Sah die schneeweiße Gruppe der Genossen. Katharina dreht sich kalt und gleichgültig weg.
‚Wie sie mich verachtet!‘
Die Schienen im Tunnel begannen zu lispeln.
Gierig suchte Jürgen nach jemand, der ihn nicht verachtete. Sitzt sofort bei der Gesellschaft auf dem besonnten Hügel, neben Adolf und Elisabeth. Die Tante und der Vater treten hinter dem Busch vor, blicken ihn achtungsvoll an.
Plötzlich steht Phinchen vor Jürgen im Tunnel, große Liebe im Gesicht.
‚Phinchen, bin ich ein Verräter? Ja oder nein? Wer hat recht: Katharina oder ich? Sage mir nur ruhig die Wahrheit. Ich halte alles aus.‘
‚Sie haben recht, lieber Herr Jürgen. Sind ein unendlich guter Mensch. Ich weiß, wie sehr Sie schon als Kind und Jüngling gekämpft und gelitten haben.‘ Phinchen kniet nieder.
‚Brauchst nicht zu knien vor mir. Ach nein, vor mir braucht kein Mensch zu knien.‘ Und er steht im großen Saale, beherrschte Kraft in Blick und Miene, begrüßt seine Bewunderer ohne Herablassung und Hochmut.
Katharina, schneeweiß, schreitet im Tunnel vorüber, auf die schneeweiße Gruppe der Genossen zu. Des Hockenden Kopf sank wieder zwischen die Schultern, tief auf die Brust.
Das Lispeln der Schienen war vernehmlicher geworden. Die Luft im Tunnel zitterte leise. Jürgen schluchzte. Warme Tränen rollten.
Die Schienen sangen lauter und stählern. Ganz plötzlich bebte der Tunnel so stark, daß Wassertropfen von der Decke fielen. Einer patschte kalt auf Jürgens Hand.
Er horchte in sekündlichem Entsetzen auf das rapid stärker werdende Geräusch, sprang auf.
Da knallte der Donnerschlag in den Tunnel. Der ganze Berg wankte. Die glänzenden Schienen wurden zu roten Fühlern eines Riesentieres, die Fühler wurden immer länger, strahlten sausend auf Jürgen zu.
Er rannte ihnen entgegen, den Ausgang zu gewinnen. Ein ungeheurer Tumult erfüllte zerstörerisch den Tunnel, umtoste Jürgen und zwang ihn, stehenzubleiben. „... Bin ich verloren?“
Die Lokomotive krachte auf ihn los.
Jürgen fühlte, wie seine Haare weiß wurden, gab sich auf und starb.
Unabänderlich donnerte der Zug auf seiner vorgeschriebenen Bahn weiter. Das Geräusch wurde mit einem Schlage hell.
Noch eine Weile sangen die Schienen. Sandkörnchen fielen in die betäubte Stille.
Ein Mensch lag im Tunnel auf dem Gesicht. Für ihn hatte sich zwischen Leben und Tod ein Drittes eingeschoben, das nicht Leben war und nicht Tod.
Jürgen war bei vollem Bewußtsein und wußte dabei nicht, ob er noch existiere. Seine Augen starrten und erblickten nichts. Der Angstgedanke: ‚Wenn ich jetzt schreie und höre meinen Schrei nicht, bin ich tot‘, verhinderte ihn, zu schreien.
In dieses zeit-, raum- und vorstellungslose Nichts hinein erklang, da Jürgen als einziges erdhaftes Ding plötzlich das rote Tunnellämpchen erblickte, sein tierisch wilder Schrei nach dem Leben.
Von den Flammen des Lebens emporgerissen, drehte er sich, den Ausgang zu gewinnen, einigemal im Kreise und begann schreiend zu rennen, in gieriger Sehnsucht nach dem wilden Nußbaum, der beim Tunneleingang stand.
Galoppierte in rasendem Tempo die Dunkelheit hinter sich und hinein in eine fremde Gegend: Er war auf der anderen Seite des Tunnels herausgekommen. In der Höhe stand still die zerfallende Burgruine, Erker vornübergeneigt, als müsse er jeden Augenblick stürzen.
Jürgen blickte in das schwarze Tunnelloch zurück, klopfte dabei automatisch den Kohlenstaub von seinem Anzug, strich sich über die Haare. ‚Sie werden weiß geworden sein ... Daran wird Katharina erkennen, wie ich gekämpft und gelitten habe. Möge sie nur sehen, wie sehr!‘
Blickte noch einmal hinein in den Tunnel. „Entronnen!“ sagte er. „Entronnen!“ Und wandte sich um. Da war die Welt, fern und nah. Sonne, Blau, Grün und Fluß.
Der Herr solle nur über das Großdorf machen. Von dort aus führe der Weg direkt in die Stadt, sagte die verhutzelte Häuslerin und schob den ächzenden Schubkarren weiter, auf dem eine hohe Ladung Fallholz lag.
Jürgen wußte den Weg; er hatte nur gefragt, um eine Menschenstimme zu hören. ‚Nur wer dem Tode entronnen ist, der, nur der weiß, was leben heißt ... O, Anfang! O, Leben! O, Grashalm! O, Glück des Atmens!‘
So schritt er aus. ‚Komme, was will – ich lebe!‘ Als der hohe Backsteinwürfel in Sicht kam, dachte er: Was sie sagen wird, daß ich mit dem Leben davongekommen bin?
„Wunderst dich, wie ich aussehe, was? Der Anzug, das Loch im Knie!“ Und er erzählte.
Sie aber hatte die schwerste Stunde ihres Daseins erlitten und durchlitten und hatte aufgegeben und hinweggehen lassen, was nicht zu halten war.
„Kommt der Zug auf mich zugerast“, wiederholte er. „Es ist total finster. Zermalmt er mich?“ Gierig suchte er Liebe und Schreck in ihrem Gesicht.
Sie war in dieser Stunde innerlich so grau und alt geworden, daß sie geglaubt hatte, für den Geliebten nicht einmal mehr Verachtung empfinden zu können. Und nun schlug sie, verletzend gleichgültigen Gesichtes, doch verachtungsvoll zurück: „Wenn man sich eng gegen die Mauer preßt, was kann da passieren!“ Auch dies noch ist ja überflüssig. Weshalb sagte ich es. Weshalb rede ich noch, dachte sie. Und fühlte ihr wimmerndes Herz.
„Verstehst du denn nicht ...“
„Ich verstehe dich schon, ich verstehe dich.“ Entschlossen, auf sich zu nehmen, was unabänderlich war, sah sie ihn an, und ihr Blick fragte: ‚Was soll also jetzt geschehen? Was suchst du noch hier?‘
„Wie ich nur zugerichtet bin!“ Er zeigte auf das Loch in der Hose. Und da sie schwieg und weiter fragte:
„Jetzt wird es Zeit, daß ich mir den andern Anzug hole ... Wir könnten uns später in der Stadt treffen, dann in die Redaktion gehen und zusammen nachhause.“
Und als er fort war, dachte sie doch darüber nach, ob es keine Möglichkeit gebe, ihn zu halten, ihn zum Ausharren zu bewegen. ‚Dadurch vielleicht, daß ich mit rücksichtsloser Klarheit ausspreche, was ist?‘
Sie setzte sich an ihren Arbeitstisch, blickte blicklos in das Zimmer, in dem, mächtig wie nie vorher, unvertreibbar die Vereinsamung stand. ‚Aber er ist sich ja klar; er kann ja nicht genommen werden wie ein unklarer Mensch mit phantastisch idealistischen Vorstellungen und Zielen, dessen Idealismus zersplittert, sobald er mit der harten Wirklichkeit zusammenstößt. Jürgen kennt ja die Wirklichkeit, denn er hatte den Inhalt seines Idealismus in dem Kampfe um den Sozialismus gefunden.‘
„Das Bad ist fertig. Die Wäsche habe ich auf den Stuhl gelegt. Die Schuhe stehen darunter“, sagte, glückstrahlend, Phinchen zu Jürgen. „Unterdessen bügle ich den Anzug auf. Er ist noch sehr schön.“
‚Immer wieder sagte er: Man wird alt ... Und etwas erreichen will er. Etwas werden. Einfluß gewinnen und Macht. Er will geachtet sein ... von denen, deren Achtung entwürdigend ist für den, der sie genießt ... Genießt. Er will genießen, leben ... Dies sind auch bei allen anderen die Motive des Abfalls, des Verrates an der Idee, ob die Verräter nun klar oder unklar, Sozialisten oder Phantasten waren. ‚Jeder für sich‘ wird, uneingestanden, ihre Weltanschauung.‘
Auch als Jürgen, gebadet, in frischer Wäsche und in dem gutsitzenden, schwarzen Anzug, die Treppe herunter auf das Wohnzimmer zuschritt, saß Katharina noch am Tische, reglos. ‚Auch das alles weiß Jürgen selbst. Deshalb muß und kann nur er selbst entscheiden ... Er hat entschieden.‘
„Ja, ich erwarte Besuch. Elisabeth Wagner und ihre Freundin. Wenn ich gewußt hätte, daß du kommst, würde ich abgesagt haben.“
Er stand vor dem gedeckten Kaffeetisch. Ich kann ja gehen ... Die Freundin wird wohl das schöne Mädchen sein, das in seiner Jugend ... dachte er und fragte.
„Ja, sie ist sehr schön und mit dem Herrn Oberstaatsanwalt verlobt ... Auch dein Schulfreund, Karl Lenz ... Ist er älter als du?“
„Zwei Jahre. Er war nämlich so blöd, daß er im Gymnasium zweimal sitzenbleiben mußte. Aber was ist mit ihm?“
„Schon Staatsanwalt geworden! Vor vierzehn Tagen. Denk an, so jung!“
‚Das sollte ja auch ich werden. Oder Amtsrichter! Dem bin ich entronnen.‘
„Deshalb glaubte ich, Karl Lenz müsse ein besonders fähiger Schüler gewesen sein.“
„Das nicht; aber Angehöriger der vornehmsten Verbindung.“ Jetzt verschwinde ich, dachte er, als die Wohnungsglocke läutete. Und fragte: „Geht es dir besser?“ Warf einen Blick in den Spiegel, der einen knapp, sorgfältig und schwarzgekleideten Herrn zeigte. „Die Wäsche, die von mir noch da ist, könntest du mir schon spendieren“, sagte er, schalkhaft lächelnd.
‚Das Geld hätten wir schon aufgetrieben. Wenn ihm unser Leben zu ärmlich, zu leer war, wir hätten etwas besser wohnen, manchmal ausgehen, mehr Bücher kaufen, im ganzen etwas besser leben können. Der Ingenieur tut es ja auch. Gewiß ein guter Genosse! Eine Grenze nach unten, eine Grenze nach oben – in der Mitte genug Spielraum, nicht so erlebnisarm zu sein. Verkehr mit einigen sympathischen, klugen Menschen. Auch eine kleine Reise hin und wieder. Innere Erfrischung. Jeder braucht sie. All das würden keine unüberwindlichen Schwierigkeiten gewesen sein ... Aber das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht. Er hat den Kampf aufgegeben. Er paßt sich dem Leben an ... Aber mir, mir, warum hat er mir das angetan. Warum hast du mir das angetan.‘
Gesicht neigte sich langsam auf die verschränkten Arme. Der ganze Körper verzuckte im Weinen. Sie wimmerte immer den selben Ton. Ließ sich versinken, ganz und gar preisgegeben dem Schmerze.
Nach einer Weile tappte der Schnauz zu ihr, berührte sie mit der Pfote. Und da sie reglos blieb, legte er sich in die Zimmermitte, Kopf auf den vorgestreckten Pfoten. Drehte hin und wieder, ohne den Kopf zu heben, die Augen zu ihr hin.
„Plötzlich kommt der Zug angerast ... angerast. Zermalmt er mich? Wohin springe ich? Es war total finster.“
„Allmächtiger!“ rief die Tante. Und Elisabeth: „Ich wäre vor Schreck gestorben.“ Dabei lächelte sie und horchte gespannt; ihre grauen Augen schienen zu sehen, wie das Eisenungetüm den Menschenkörper zermalmte. Unter der zarten Haut ihres Halses tickte der Herzschlag.
Jürgen unterdrückte die Genugtuung und sagte leichthin, auch er habe geglaubt, seine Haare seien weiß geworden.
„Und das erzählt er so, als ob er selbst gar nicht daran beteiligt gewesen wäre“, sagte Elisabeth, mit anerkennendem Wechselblick zwischen Jürgen und der Tante, die sich aufrichtete, einen geradeliegenden Kaffeelöffel geradelegte und glatt heraus sagte: „An allem ist nur dieses Mädchen schuld.“
„Aber Tante, sprich nicht von Dingen, die du nicht verstehst.“
„Und wenn du überfahren worden wärest!?“
„Nun, nun, ich brauchte mich ja nur eng gegen die Mauer zu pressen, was konnte da viel passieren ... Natürlich“ – und er sah heiter lächelnd Elisabeth an – „denkt man in so einem Augenblick nicht an das Nächstliegende.“
„Das eine weiß ich: dein ganzes Unglück ist dieses Mädchen.“
Geschmacklos ist sie nicht, dachte Jürgen, da Elisabeth sich sofort auf Katharinas Seite stellte durch ein Lächeln des Einverständnisses mit ihm. „Das sollten Sie nicht sagen; Katharina ist doch immerhin ein ungewöhnlicher Mensch, den man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen darf.“
„Davon versteht die Tante nichts“, sagte Jürgen in dem selben Tonfall, wie damals auf dem Hügel Elisabeth zu Jürgen gesagt hatte, von Literatur verstehe Adolf nichts.
Warme Sympathie und Achtung für Katharina erfüllte ihn und wohltuender Stolz auf sie, die zusammengesunken und versunken in Schmerz und Vereinsamung am Tische saß und weinte und nur und immer wieder das eine dachte: Warum, warum hat er mir das angetan.
Die Tante wurde mutig: „Daran kannst du sehen, wohin dich diese Beziehung noch bringen würde ... hätte bringen können. Einfach in den Tod! ... Ein zu verrücktes, ein ... unordentliches Mädchen, finden Sie nicht auch?“
„Sie sollten nicht so streng sein gegen Katharina, die doch wirklich nicht so beurteilt werden kann wie irgendein dummes bürgerliches Mädchen.“
Jürgen zeigte die Miene eines Menschen, der es sich erlauben kann, Dummheiten anzuhören, ohne zu widersprechen. Übrigens, auch Elisabeth scheint keine bürgerliche Gans zu sein, dachte er.
„Nichts als Unruhe, ewige Unruhe kommt dabei ... würde dabei ... wäre dabei herausgekommen.“
„Die ist zäh“, sagte Jürgen, kräftig lachend, als die Tante aus dem Zimmer war, sich umzuziehen für den Kirchgang. „Die gibt den Kampf nicht so leicht auf. Jetzt glaubt sie, schon gesiegt zu haben in dieser Sache, in der sie nie siegen kann. Niemals!“
Mit einem Blicke nahm Elisabeth den Kampf offen auf. So daß Jürgen nach langem Blick- und Wortgeplänkel schließlich fragen konnte: „Und Adolf?“
„Er ist mir zu dumm. Einfach zu dumm!“ sagte sie, strahlend vor ehrlicher Überzeugung. Und ob Jürgen sie begleiten wolle, sie müsse Einkäufe machen.
Auch Katharina ging, in der Hand das in Papier eingewickelte belegte Brot, das sie abends in der Redaktion essen wollte, durch die Geschäftsstraße. Der Schreck schlug durch ihren ganzen Körper durch. So stand sie, gedeckt von der kauf- und schaulustigen Menschenmenge, die, ein geschecktes, langes, vielhundertfüßiges Tier, langsam an den Auslagen entlang kroch, und sah, wie Elisabeth Jürgen an der Schulter faßte, ihn vor ein Spielwarenschaufenster führte.
An der Art des Nebeneinanderstehens erkannte Katharina, daß sie schon eine Gegnerin bekommen hatte, berührte mit der Zungenspitze nachdenklich ihre Lippen und ging weiter.
Immerzu sah sie die zwei vor dem Schaufenster stehen, sah Elisabeths zartgegliederte, weiße Hand auf Jürgens schwarzem Rücken liegen und dachte sich den deutenden Zeigefinger dazu. ‚Was sie ihm wohl gezeigt haben mag? Eine Puppe? Ein Schaukelpferd?‘
Die ganze Straße hinunter interessierte Katharina sich dafür, auf was wohl Elisabeth Jürgen aufmerksam gemacht habe, stellte sich die Gegenstände eines Spielwarenschaufensters vor. Erst als sie mit dem innern Blick plötzlich des Geliebten Gesicht sah, stellte sie sich der Hauptsache. Der schneidende Schmerz zwang sie, Hand auf dem Herzen, stehenzubleiben. ‚Und jetzt? Was ist jetzt? Soll ich ... soll ich kämpfen um ihn?‘
Aber das Bewußtsein, daß Jürgen ja nicht ihr, sondern sich selbst und seiner Hingabe entlaufen sei, und daß sie, was sie durch den Kampf um ihn gewönne, nur auf Kosten ihrer Hingabe gewinnen könne, stieß Katharina hinein in die graue Hoffnungslosigkeit.
Dennoch stand sie zur verabredeten Zeit an der Straßenecke, gepeinigt von dem Bewußtsein, daß sie, in ihrem persönlichen Leben nun so ganz und gar verarmt, noch die Gebende sein müsse. Denn der Fraueninstinkt sagte ihr, daß Jürgen nur deshalb für Elisabeth interessant und begehrenswert sei, weil er mit der als merkwürdig und unnahbar geltenden Katharina befreundet war. ‚Wenn sie seine Frau wird, hat er das mir zu verdanken. Wie entsetzlich!‘ Katharina fror bei diesem Gedanken.
Sorgfältig gekleidet, durch Bad, reine Wäsche und durch das Beisammensein mit Elisabeth erfrischt, schritt er, beherrschte Kraft in den Gliedern, lebensfroh dem verabredeten Orte zu, sah Katharina stehen, sah sekündlich den unüberschreitbaren Abgrund, den seine momentanen Gefühle zwischen ihm und Katharina aufrissen, blieb stehen, stand an dem Rande des Abgrundes, der nur gleichzeitig mit diesen neuen Gefühlen verschwinden konnte, die schon nicht mehr verschwinden konnten, tappte über den Rand des Abgrundes hinaus, stand und schritt auf Luft. Wildes, besinnungsloses Aufsiezustürzen kam in seinen Gang und falsche Wiedersehensfreude und gleichzeitig Scham in sein Gesicht.
Sie aber stand, ein Mensch, grau und wissend und bewußt, und nahm auf sich ihr Schicksal. So blickte sie ihn an.
„Wie die leben, die Bürger! Die, ah, die wissen schon, was sie wollen ... Aber was alles sie zusammenredet, die Tante, du machst dir keinen Begriff ... Für die ist alles höchst einfach.“
„Deine Tante will, daß es dir gut gehe; sie will, daß du Elisabeth Wagner heiratest.“ Sie horchte auf sein falsch-herzhaftes Lachen und fühlte: Wie weit, wie weit ist er schon weg.
„Wahrhaftig, du sagst es. Genau das will sie ... So ein Unsinn! ... Hab mich aber ganz gut mit ihr unterhalten. Sie ist nicht dumm, weißt du, und eigentlich gar nicht bürgerlich ... Ein liebenswürdiges Geschöpf.“
„Ja, Jürgen, sie ist ein kluges Mädchen, ein liebenswertes Mädchen.“
„Kennst du sie denn so gut, weil du sagst, sie sei ein liebenswertes Mädchen?“
„Weshalb denn kein liebenswertes Mädchen, Jürgen, weshalb nicht liebenswert“, sagte Katharina in schwerem Leid und dachte: Wie wiegen die Worte so schwer ... fallen wie Blei.
„Sie hat sogar deine Partei ergriffen, hat dich verteidigt.“
‚Wie ist es möglich, daß er mich so beleidigt.‘ Die Häuser neigten sich; die Straße drehte sich um Katharina herum. Sie mußte sich festhalten an Jürgen, nicht zu versinken in dem schwarzen Nebel vor ihren Augen.
„Du arbeitest zuviel; solltest dich schonen, etwas mehr schonen.“
Da riß ihr Blick, in dem nicht Zorn und nicht einmal mehr Verachtung war, alle Masken und jede Selbstbelügung weg und traf ihn so, daß er plötzlich vor der Tatsache stand.
Seine Stimme war rauh: „Entscheide du!“ ‚Laß mich leben oder knalle mich nieder; aber entscheide du!‘ schrie, völlig preisgegeben, sein Wesen. Die Augen glotzten.
Sie schwieg, bewegte den Kopf nicht. Nichts rührte sich an ihr und in ihr. Ihr Blick blieb blicklos.
Und Jürgen wußte, daß auf der Welt nur er allein entscheiden konnte, gestand zum erstenmal sich ein, daß er sich schon entschieden hatte. „Geh, Katharina, geh, geh du nachhause jetzt, Katharina.“ Seine Stimme ertrank in innerlichem Weinen. „Schlafe gut.“
„Schlafe du auch gut.“
Das war der Abschied.
Ihr Leben öffnete sich bis in die frühen Kindheitstage. Sie sah die lange Kette des Leides und der Hingabe. Sah, was ihr noch verstattet und beschieden sein konnte. Sie nahm ihr Leben an die Brust.
„Du auch, schlafe du auch gut“, flüsterte Jürgen immerzu und mußte dem Zwange folgen, immer in die Mitte der Steinplatten zu treten, mit denen der Gehweg belegt war. Um nicht auf eine Ritze zu treten, mußte er drei ganz kleine Schritte machen. „Schlafe du auch gut.“ Und einen Sprung, da eine große Platte kam. „Du auch gut.“
Überquerte halb die Straße, lief zwischen den Schienen weiter. Die Straßenbahn kam auf ihn zugesaust. „Entscheide dich! Entscheide dich!“ schrie er, gepackt von dem Zwange, die Schienen erst verlassen zu dürfen, nachdem er bis zehn gezählt hatte. „... zwei ... fünf ... acht, neun, zehn ...“
„Noch bis fünfzehn!“ schrie er. Zählte: „... zwölf, dreizehn, vierzehn ...“
Und erwachte zwei Tage später im Schlafzimmer der Tante, Kopf und Beine in dicken Verbänden. Elisabeth saß bei ihm.