VI

Duftlose Blumen standen im Krankenzimmer. Phinchen trug ihr Glück auf den Zehenspitzen, auch wenn sie im Keller oder im Dachboden war. ‚Die Pflege muß besser sein, als im besten Sanatorium‘, stand auf unsichtbaren Tafeln. In der Villa wurde nur noch geflüstert. Wenn die Tante einen Auftrag zu erteilen hatte, schlich sie, balancierend, auf Phinchens rund sich öffnenden Mund zu. Jürgen war unumschränkter Herr und zugleich das Kind im Hause, wohlbehütet Tag und Nacht.

Im Garten schaffte der Frühling. Wenn Jürgen auf dem Sonnenbalkon im Liegestuhl ruhte, an warmen Tagen stundenlang wachträumend vor sich hindöste, sah er, wie das Sein, das Leben, die Sträucher in sich leise zuckten, wie ein Blättchen sich aufrollte, der Sonne entgegen.

Halb fühlte und halb dachte er: Mein Leben steigt noch einmal von Grund auf an. Eine zweite Kindheit! Mein Leben rollt sich auf, so sanft, so mild.

Im Halbschlafe ging er über Brücken, immer wieder von neuem und immer weiter über Brücken. ‚In dieser Gegend gibts nur Brücken. Nichts als Brücken!‘

Keine Schärfe war in dem Geschwächten. Kein Wunsch berührte ihn. Alle Kämpfe, alle Leiden lagen weit zurück. Katharina lebte ganz verblaßt in blauer Ferne.

Seine weichen, beglückenden Seelenstimmungen, die Wohlgefühle der Gesundung und seine unbestrittene Macht über die Tante, die den Zurückgekehrten wie einen tausend Gefahren entronnenen, schwerverwundeten Krieger betreute, erhielten ihren Grundgehalt von dem Gefühle: ‚Ich habe diese Ruhe mir verdient!‘ Alles fügte sich widerstandslos ineinander.

„Ich verabschiede mich von Katharina“, konnte Jürgen ohne Erinnerungsschwierigkeit erzählen, als er, frei von den Verbänden, heiler Haut und Elisabeth am Arme, dem weißgedeckten Kaffeetisch unter dem Nußbaum zuschritt, „verabschiede mich wie immer: Gute Nacht, Katharina, schlafen Sie gut. Wie man eben so sagt, nicht wahr. Schlafen Sie auch gut, antwortet sie mir. Und ich gehe die Straße hinunter, beschäftigt mit einem Gedanken, allerdings mit einem jener entscheidenden Gedanken, – ich nenne sie Mittelpunktgedanken – die uns das ganze Leben plötzlich von einer völlig neuen Seite sehen und verstehen lassen.“

Auch an dem Unglücksfall ist dieses entsetzliche Mädchen mit ihren verrückten Ideen schuld, hatte die Tante, als Jürgen ins Haus gebracht worden war, zu Phinchen gesagt. Jetzt ließen Angst und Scheu vor dem Zurückgekehrten nicht einmal die Erinnerung daran, daß sie dies gesagt hatte, in ihr aufkommen.

Bereit, den Satz nicht zu Ende zu sprechen, sagte sie vorsichtig: „So tiefsinnige Gespräche sind vielleicht nichts für einen Rekonvaleszenten.“

„Die Tante hat ein Kind bekommen. Das päppelt sie“, spottete Jürgen, der in Gegenwart Elisabeths nicht als Kind behandelt und nicht bemitleidet sein wollte.

„Du hast viel gelitten, Jürgen.“

Sein Blick, in dem Zorn sich schon ankündigte, ließ die Tante sofort verstummen. Sie häkelte schweigend weiter an dem Sesselschoner und häkelte weiter an ihrem Plane. Ihr Bankier hatte sie lachend beruhigt über den Stand des Bankhauses Wagner; dieses Gerücht sei nur ein Börsenmanöver der Konkurrenz gewesen.

Zwar ist die Familie Wagner sehr jung, der Vater des Bankiers noch Häusermakler gewesen, dachte die Tante. ‚Die Geschichte der Familie Kolbenreiher dagegen kann bis in die Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Aber mit der Zeit werden auch junge Familien alt.‘ Dabei horchte sie auf die Stimme Jürgens, der selbst das Gefühl hatte, selten so mühelos geistvoll gesprochen zu haben.

Von den Zehenspitzen bis zur Schädeldecke voller Ruhe, blickte sie Jürgen und Elisabeth nach, der kein Mensch ansehen konnte, daß noch ihr Großvater ein kleiner, schmieriger Häusermakler gewesen war.

„Und jetzt zeigen Sie mir Ihr Knabenzimmer.“

„Das liegt aber sehr versteckt, oben, unter dem Dach. Dort vermutet uns niemand.“

Sie gab ihm seinen Erobererblick zurück.

„Ich selbst habe es seit vier Jahren nicht mehr betreten“, sagte Jürgen und betrachtete die ovalen Photographien der Familie Kolbenreiher, die, zu einem großen Oval geordnet, über dem schmalen Kanapee hingen.

Vom Fenster aus sahen sie den Nußbaum und den Kaffeetisch, wo die Tante, ein winziger, schwarzer Punkt, häkelnd saß.

Wortlos blickte er Elisabeth an, schritt zur Tür, schloß ab.

Sie trug ein blaßblaues Seidenkleid, stand mit dem Rücken gegen das Fenster, die Hände auf das Sims gestützt. Der Herzschlag tickte unter der zarten, weißen Haut am Halse. Ihr Haar war blond, heller an den Stellen, die Luft und Sonne ausgesetzt blieben, und in den Tiefen gelblichgrün, gleich unreifem Getreide.

Einen kaum bemerkbaren rosa Schimmer im ganzen Gesicht und den blendend klaren Blick fest auf Jürgen gerichtet, sagte sie, selbstbewußt die Schulter leise zuckend, ihm wortlos, daß es nur geschah, weil auch sie es wolle.

Und als sie wieder am Fenster stand, Hände aufgestützt, genau wie vorher, und fragte: „Liebst du Katharina noch?“ dachte er: Daß sie das nicht vorher gefragt hat, ist großartig von ihr. „Unsinn! Katharina lebt sozusagen auf einem anderen Planeten ... Jetzt müssen wir aber hinuntergehen, sonst merkt die Tante, was los ist.“

„Und wenn auch!“ sagte mit aufrichtiger Geringschätzung dieser Möglichkeit Elisabeth: ein Wesen, das, ohne viel eigenes Bemühen lebensklug geworden, ein glatt funktionierendes Gehirn fertig mitbekommen zu haben schien, Fragen an das Leben, Zweifel, Gefühls- und Gewissenskonflikte nie gekannt hatte und, jenseits aller Selbstbelügung, sich und anderen offen eingestand, daß sie für nichts anderes Interesse habe als für sich selbst, ihr Leben und ihre Genüsse.

„Du bist großartig. Wer und was immer sich uns beiden in den Weg stellt, wir werden siegen.“ Sie gingen in gleicher Höhe auf der selben Fläche einander entgegen und standen, Körper an Körper, Mund auf Mund gepreßt,

während Katharina, zusammengerollt wie ein krankes Tier, in den Kleidern auf dem Bette lag. Der Fensterladen war geschlossen, das Zimmer nachtfinster. Nur ein schneidend dünner Sonnenstrahl lag auf dem Fußboden und auf dem Strahle der Schnauz. Ihr Gefühls-Ich, auseinandergerissen, offen, zuckte bei der leisesten Berührung, bei jedem Gedanken an Jürgen: wenn sie irgendeinen Gegenstand sah, der ihm gehörte, den Bleistift, den Schotterstein, ein paar unbrauchbare Schuhe, die wie immer in der Ecke standen.

Als gäbe der Instinkt ihr ein, daß sie nur dann nicht Schaden nehmen würde an ihrer Seele, wenn sie dem schweren Leid ganz rückhaltlos sich preisgebe, ließ sie niemand zu sich, keinen Trost; sie betäubte sich und ihren Schmerz nicht mit Leben, nicht mit Arbeit. Lag Tag und Nacht auf dem Bett, hineingewühlt in das Leid, kämpfend um die Genesung, um ihr Leben.

Jürgen war der erste, war der einzige Mensch gewesen, dem sie rückhaltlos vertraut und mit dem zusammen sie der Einsamkeit den Raum verstellt hatte.

Nach drei so durchkämpften Wochen strich Katharina, an dem Tage, da sie sich schwanger fühlte, zum ersten Male wieder über den Kopf des bettelnden Kameraden, der wegen der wochenlangen schlechten Behandlung sofort vorwurfsvoll zu bellen begann und, da Katharina ihn schon wieder nicht mehr beachtete, sich niederlegte, Schnauze auf den Vorderpfoten, in vergrollendem Vorwurfe.

Noch ein paar Wochen – der Fensterladen war wieder offen, sie hatte wieder begonnen, zu arbeiten – hoffte Katharina, Jürgen werde, nachdem er erkannt habe, daß die Siege, die in dem anderen Lager errungen werden konnten, entwürdigend und wertlos seien, zurückkehren zu der Pflicht, die sein Bewußtsein ihm zum Schicksal mache.

Mit den Monaten und den Tagen immer gleichen treuen Leidens und immer gleicher treuer Arbeit entstand in ihr der neue Anfang. Schon konnte es geschehen, daß Katharina ein Lächeln tiefempfundener Freude in den Augen trug, wenn sie in eine Arbeiterversammlung kam und die Sympathie ihrer grüßenden Genossen fühlte.

Schon als er noch bettlägerig gewesen war, hatte Jürgen, einig mit der Tante, daß dies das zunächst Allerwichtigste sei, sich auf das Doktorexamen vorbereitet.

Weihnachten war die kirchliche Trauung. Jürgen hatte der flehenden Tante endlich mit den Worten: „In des Teufels Namen!“ nachgegeben. Und Elisabeth hatte sich ihre Einwilligung zu einer kirchlichen Trauung von ihrem Vater abkaufen lassen durch ein Brillantgehänge.

Lorbeerbäume bildeten eine Gasse vom Hochzeitswagen bis zum Altar, vor dem die Brautleute knieten, in großem Halbkreise umgeben von den Verwandten und Bekannten beider Familien.

„Verdammte Komödie!“ flüsterte heiter der Kniende, und Elisabeth drückte zum Einverständnis Jürgens Arm und senkte das Haupt, das Lächeln zu verbergen. Das sah aus, als horche sie ergriffen den Worten des Geistlichen.

Während der Trauung sang ein Gemischter Chor mit Orgelbegleitung: „Himmel erhöre, erhöre das Flehen: Liebe laß walten im Heime der Gatten.“

Fast alle Damen und Herren, die damals auf dem Hügel Rotwein und Brathuhn genossen hatten, auch zwei Universitätsprofessoren, der junge Wissenschaftler, ein Chefredakteur und einige Künstler, mit denen Elisabeth Verkehr pflegte, saßen an der Festtafel, die, in Hufeisenform, die ganze Breite des Wagnerschen Gesellschaftssaales einnahm und mit zwölf, aus Treibhausveilchen nachgebildeten, riesigen Hufnägeln geschmückt war. Diese Idee stammte von Jürgens Schwiegermutter.

Die Neuvermählten saßen, mit dem Blick in das Halbrund hinein, genau in der Mitte des Hufeisens, so daß ihre Beine den mittleren Haken bildeten, mit dem das Pferd Funken aus dem Pflaster zu schlagen vermag.

Wurde am seitlichen Haken von Presse, Wissenschaft und Kunst ein Witz gemacht in bezug auf die Neuvermählten, dann langte er, zwinkernd weitergegeben, sehr schnell beim rechten Seitenhaken an, wo er in das Gespräch über das mögliche Fallen oder Steigen eines Börsenpapieres ein Loch riß, das sich nach zwei Sekunden wieder schloß.

„In bezug auf das Bankfach bleibt meine Weltanschauung: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert“, wiederholte Jürgens Schwiegervater, der ohne erhobenen Zeigefinger nicht sprechen konnte.

Das Streichquartett spielte auf Wunsch von Jürgens Schwiegermutter zum zweitenmal die Träumerei von Schumann. Die servierenden Diener hatten weiße Handschuhe an. Das Hufeisen dampfte. Nur der reichste Mann, ein Hütten- und Walzwerkbesitzer, aß beinahe nichts; er war leberkrank, dottergelb, trank Brunnen und hatte noch kein Wort gesprochen. Seine knapp vor dem Sprunge in das volle Leben stehende, sehr begehrte schöne Tochter legte ihm die sorgfältig ausgewählten winzigen Bissen vor.

Den beiden gegenüber saß der unförmig dicke Papierfabrikant Hommes. Der sah beständig aus, als müsse er jeden Augenblick niesen, und hörte dabei aufmerksam einem Gummifabrikanten zu, welcher bewies, daß und warum infolge der schon nicht mehr schönen Preissteigerung des Rohmaterials ein glattes Geschäft überhaupt nicht mehr möglich sei. Man müsse sich winden, nichts als winden.

Herr Hommes griff langsam nach dem Westenknopf des Gummifabrikanten, als wolle er sich anklammern, um beim Niesen nicht vom Stuhle zu fallen, und sagte: „Wer etwas wirklich Großes erreichen will, der muß borniert sein.“

An der Börsianerecke stieg das Wort ‚Montanaktien‘ und konnte, wie die auf dem Springbrünnchen tanzende, silberne Kugel, nicht mehr fallen, bis der reiche Leberkranke den Wasserstrahl abdrehte: „Mit den Flitzautomobilaktien könnte in nächster Zeit eine schnittige Veränderung eintreten.“

„Schnittig“, murmelte Jürgen. Um ihn herum ging etwas vor, das das Leben zu sein schien. „Das Ganze ist unerträglich ekelhaft. Wir machen das nicht länger mit“, flüsterte er. „Ich mache das nicht bis zum Schluß mit.“

Der Ausspruch des reichen Leberkranken wurde an der Börsianerecke auf Hintergründe und Fallen untersucht. „Wer andern eine Grube gräbt“, vernahm Jürgen. „Natürlich, erst wägen, dann wagen, das ist klar.“

„No, was sag ich!“ rief der Schwiegervater. „Eine Hand wäscht die andere. So stehts eben auch mit diesem Papier.“

Schweinezucht, das wolle er Jürgen gestehen, sei das einzige, aber auch das einzige, mit dem noch verdient werden könne, versicherte ein Landwirt, der wegen seines jugendlichen Aussehens Mühe hatte, respektabel zu erscheinen. Es ginge ja auch alles so weit ganz gut. Nicht umsonst habe er die Landwirtschaftshochschule durchgemacht. Er bringe System in die Sache. „Aber, sehen Sie, es fehlt einem doch etwas. Ich weiß selbst nicht recht, was. Man ist unbefriedigt. Die Seele, wissen Sie, die Seele, möchte ich sagen, kommt zu kurz.“

Der Gummifabrikant versuchte vergebens, den Leberkranken über die Flitzautomobilaktien auszuholen. Auch an der Börsianerecke wurde noch gedeutet und geforscht und behauptet, doppelt genäht halte besser.

„No, was sag ich!“

„Das Volk will keine Freiheit; das Volk will Brot. Fressen und Saufen will das Volk, glauben Sie mir“, sagte Herr Hommes, hinein in Jürgens wutbleiches Gesicht.

Der gab keine Antwort. ‚Dieser Fettwanst, dessen Leben in Fressen, Saufen und Huren besteht, könnte, auch wenn er seine Meinung revidieren müßte, ja doch keinerlei Konsequenzen ziehen.‘

Herr Hommes hielt sich an der Tischplatte fest, warf, geöffneten Mundes, den Kopf in den Nacken, stieß ihn nach vorn, nieste aber nicht, sondern sagte: „Sie, ah, Sie werden sehr bald meiner Ansicht sein.“

Jürgen umklammerte das Handgelenk Elisabeths, den Wutausbruch zu unterdrücken, während ihr ganzer Körper vor unterdrücktem Lachen zuckte. Und dann, hilfsbereit: „Wenn du willst, verschwinden wir jetzt unauffällig.“

Da erhob sich Herr Wagner. Er begann seine Rede mit einer Verbeugung zu dem Platze hin, wo die Tante, die plötzlich wieder krank geworden und schon lang nachhause gefahren war, anfangs gesessen hatte.

Er sei sich der hohen Ehre wohl bewußt, die darin liege, daß seine Tochter dem letzten Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie Kolbenreiher angetraut worden sei, sozusagen eingeheiratet habe in die Familie Kolbenreiher, die schon einmal im fünfzehnten Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe. Seine Familie hingegen sei noch jung, aber zukunftsreich. Wie ein junges, gutes Papier!

„Jung und alt verbindet sich miteinander.“ Dabei käme das Richtige heraus, was unser Vaterland nötig habe. „Solidität, in Verbindung mit jungfrischem Wagemut ... Die Fusion ist vollzogen.“ Der Erfolg werde nicht ausbleiben.

„Und die Ehe? ... Es ist mit der Ehe wie mit der Spekulation an der Börse. Licht und Schatten! Sonne und Wolken! Die Aktien steigen und fallen. Das ist nun einmal so. Es kommt eben darauf an“, rief mit starker Stimme Herr Wagner, der schon etwas zu viel getrunken hatte, „in treuer Liebe auszuharren, auch wenn einmal eine Baisse den Ehehimmel bewölkt ... Es kommt auch wieder eine Hausse.“ Ja, es sei sogar besonders wichtig, gerade aus der Baisse Gewinn und Lehren zu ziehen.

Er hatte sich so in den Vergleich verfilzt, daß auch das Schlußhoch auf die Neuvermählten zur Hälfte der Börsenspekulation galt. Alle standen.

Jürgens Gesicht war leinenweiß. Lieber ein gebrochenes Rückgrat, als ein gebogenes, dachte er, entschlossen, nicht zu antworten auf die Rede seines Schwiegervaters. Und da er sich als erster setzte, Elisabeth mit hartem Griffe neben sich zog, setzten sich auch die andern. Die Diener reichten schwarzen Kaffee, Likör und lange Zigarren.

Plötzlich gab Jürgen, ohne zu wissen wem, vielen Menschen die Hand. „Leben Sie wohl.“ Sein Körper bewegte sich automatisch von einem zum andern, endlich auch auf Elisabeth zu. Er reichte ihr die Hand: „Leben Sie wohl.“

Alle brachen in Gelächter aus. Auch Elisabeth war verblüfft über ihren Mann, der in der Eile und Verwirrung es fertig brachte, seiner Frau vor der Hochzeitsreise Lebewohl zu sagen.

Noch einen Augenblick blieben die beiden unter dem Türrahmen stehen. Da näherte sich Jürgens Ohr ein rundes Gesicht mit rundgestutztem Bart, goldbebrillten, zwinkernden Augen und gespitztem Munde, der flüsterte: „Viel Vergnügen!“ Mit den Armen balancierend, schlich der Rundkopf auf den Fußspitzen zum Hufeisen zurück.

Sie reisten zuerst nach dem Süden, wo es im Winter Frühling ist.

Einige Tage später wurde Katharina von einem Knaben entbunden.

Nach zehn in Paris und Rom verbrachten Wochen kamen die Neuvermählten in die südliche Hafenstadt, die mit ihren Orangenbuden, Bazaren und Säulenkolonnaden, durchschwirrt von Matrosen, Chinesen, Negern, vornehmen Fremden, müden Auswanderern und dem Geschrei in zwanzig verschiedenen Sprachen, mit dem Salz- und Teergeruch, Sirenengebrüll und dem Mastgewirr der Ozeanriesen gelb in der Sonne lag, wie ein dem unendlichen Meere entstiegener, wahr gewordener Traum eines Knaben, der Eltern, Lehrern, allen Qualen der Jugend, allen Fesseln und Berufen entfliehen möchte, hinaus in die unbändige Herrlichkeit.

Sie fuhren in der Droschke, überdacht von einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, hotelwärts, vorüber an einer langen, immer neu genährten Reihe Arbeiter und Arbeiterinnen, die aus der Tabakfabrik kamen. Blusen und Umschlagtücher waren farbig, die Gesichter schlaff und fahl.

Jürgen sah weg. Und konnte dennoch nicht verhindern, daß er, als sie schon im Zimmer waren, plötzlich dachte: Da besitzt irgendein Herr Hommes eine Fabrik.

„In sechsundfünfzig Stunden könnten wir in Afrika sein.“ Jürgen bekam keine Antwort. Elisabeth war auf der Ottomane eingeschlafen.

‚Durch dieses Wesen gehen Welt und Dasein in immer gleich unendlich breitem Strome durch, von ihr genossen in jeglicher Sekunde, ohne Vor- und Rückblick, ohne Rücksicht und Bedenken.‘

Elisabeth atmete tief und ruhig und war schön und jung und gesund. Die Sonne, gebrochen durch die herabgelassene Jalousie, zeichnete ein leuchtendes, gestreiftes Fell auf das Morgenkleid der Schlafenden. Es war warm. Fernher brüllte die Sirene. Die Mimosen dufteten.

‚Wie sie atmet! ... Gut, fahren wir nach Afrika! Nach New York! Nach Indien! Telegramme um Geld! Einstweilen überhaupt nicht zurückkehren! Komme, was kommt! Elisabeth würde zu allem Ja sagen, ohne Besinnen. Ein herrliches, wunderbares, einfach organisiertes Tier, das lebt, einfach lebt. Bedenkenlos, glatt und kühl wie ein Fisch. Durch und durch kühl!‘ „... Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht“, summte Jürgen. ‚Nur in der Nacht wird sie heiß. Da kennt sie keine Grenzen ... Sie ist ein vorgeschobener Posten der Lebenskraft.‘

„Es haben zwei ne ganze Nacht zusammen in einem Bett verbracht – was ham se wohl gemacht?“

Da sah Jürgen einen Herrn in der Vorhalle eines großen Pariser Hotels stehen. Der Herr stürzt auf Elisabeth zu, sitzt mit ihr, beständig schwebend in einer Wolke von Lebenslust, im Theater, in Restaurants, Boulevard-Cafés, Kabaretts. Tritt in Elisabeths Schlafzimmer.

Abneigung erfaßt plötzlich den im Sessel lehnenden Jürgen gegen den Jürgen, der durch Paris und Rom schwirrt, sich um nichts kümmert, als nur um sich und seine Genüsse, im Schlafanzug in das Schlafzimmer Elisabeths tritt, heiter in der Hafenstadt ankommt.

„Er betäubt sich ... Widerlich! ... Wo kommt der hin, was wird aus dem, wenn er so weiter macht ... Das bin nicht ich. Das ist ein ganz anderer“, flüsterte der im Sessel Sitzende. „Sonderbar. Sonderbar.“

Bewußt wechselte Jürgen die Blickrichtung, sah durchs Fenster auf das glitzernde Meer hinaus, um den andern nicht mehr zu sehen. ‚Auch er ein vorgeschobener Posten! Das ist die Natur, das Tier, die Lebenskraft, die den treibt, die ... mich treibt, sie, die um der Fortpflanzung, der Arterhaltung willen, die Geschlechter zueinander treibt und, ihr Ziel zu erreichen, bereit ist, uns Menschen zu ausnahmslos jeder Schufterei zu veranlassen.‘

Elisabeth bewegte sich: ihre Hand fand im Schlafe durch das Morgenkleid durch zu der sich entblößenden Brust.

‚Und sie hat Erfolg, die Lebenskraft. Denn sie zahlt als letzten Preis dieses einzigartige Gefühl. Zahlt es Tieren und Menschen, Frauen und Männern, Katzen und Katern, Elisabeth und mir. Mögen die andern, die vielen, verrecken, sie kümmert sich um nichts. Der Mensch ist noch nicht da. Sie kann nicht warten, bis der Mensch da ist. Das ist die ganze Erklärung. Eine naturwissenschaftlich einwandfreie Erklärung!‘

Die Hotelglocke rief zum Mittagessen. Auf den Zehenspitzen schlich er über den Teppich, berührte sanft Elisabeths Schulter. Sie erwachte ohne jeden Schreck, schlug die Augen auf, so einfach, so klar. ‚Sie hat gar keine Untiefen in sich. Sie ist so, wie sie ist. Im Schlafen, wie im Erwachen und im Wachen.‘

Aber das ist noch viel sonderbarer. Wie seltsam! Das ist unheimlich, dachte der an der Tafel sitzende Jürgen, weil er jetzt auch den an der Tafel sitzenden, sich unterhaltenden, lachenden Jürgen beobachtete, scharf und genau beobachtete.

‚Wir sind also zwei. Ich sehe mir zu. Mir selbst! ... Aber das bin ja gar nicht ich. Ich sehe ja ... ihm zu. Bin ich, der zusieht, ich? Oder ist er ich?‘

„Gut, machen wir!“ Elisabeth hatte gewünscht, am Abend auf die Höhe zu steigen und zuzusehen, wie die Sonne ins Meer sinkt.

‚Auf die Dauer natürlich halte ich das nicht aus. Wir müssen uns vereinigen, eins werden. Wenn wir uns nicht einigen können, dann muß einer weichen: der andere oder ich.‘

‚Du standest schon am Anfang deines Ich.‘

Wer hat das gedacht? dachte erschauernd Jürgen und goß dabei Wein ins Glas. „Dir auch?“ ‚Das habe eben nicht ich gedacht. Hat das der andere gedacht? Oder ein Dritter?‘

Er fror im Rückenmark. Gierig leerte er pausenlos hintereinander zwei Glas Wein.

‚Ich befinde mich offenbar in einem Übergangsstadium. In einem Entwicklungsstadium. Ich entwickle mich. Das soll in meinem Alter noch vorkommen. Ich muß trachten, in ein erträgliches Verhältnis zu mir zu kommen. Denn ich muß ja leben mit mir.‘ Auch die Stirn hatte sich gerötet.

Nach Sonnenuntergang saßen sie auf der Terrasse des Hafenrestaurants. Zwei Männer schleppten einen wassertriefenden Bastkorb voll Austern zwischen den Tischen durch in die Küche. Straßenhändler boten den Gästen Kämme, Stickereien, Elfenbeinschnitzereien an. Der Himmel, die Luft, das Meer, das Leben des Hafens und der Straße fluteten durch das vornehme Restaurant durch. Alle Grenzen waren verwischt. Musik spielte. An der Hausmauer gegenüber wechselten die kinematographischen Bilder, genossen von der dicken Menschenmenge.

Sie aßen Austern. Die kosteten nicht viel mehr als Brot. Tranken eine Flasche Champagner dazu. Ein kleines, dickes Mädchen, achtjährig, Kastagnetten in den Händchen, schmale Papierschleifen – blau, rot, grün – im Haar und auf dem Röckchen, das die nackten, dicken Schenkelchen freiließ, trat an den Tisch und begann zu tanzen, sang ein Bordellied dazu, hob das Röckchen hinten hob das Röckchen vorne, spreizte im Tanztakt die Beinchen auseinander, mit obszöner Gebärde.

Ein nach dieser Seite vorgeschobener Posten der Lebenskraft, dachte Jürgen. ‚Ihr sind alle Mittel recht, wenn sie nur zum Ziele führen.‘ Er fühlte in den Gelenken eine Lähmung, die nicht unangenehm war. Elisabeth strich zärtlich über den Kopf der Kleinen.

Eine Stunde später saß sie, den Rücken Jürgen zugekehrt, schon entkleidet vor ihren Kämmen und Bürsten. Das offene Haar leuchtete gelb. Durch den Spiegel nickte sie Jürgen zu, gab ihrer Schulter einen Kuß, der ihm galt.

‚Ich habe eine schöne Frau.‘ Er streckte sich. ‚In das Leben soll man Grübeleien über Entwicklung und Dasein nicht hineintragen. Das Leben entwickelt sich ganz von selbst.‘

Der Hafen schlief. Das Meer sang gleichtönig, ruhevoll und groß. Die Mimosen dufteten stärker in die warme Nacht. Wie in allen Nächten sang auch in dieser Nacht in der Ferne ein Mädchen.

Eine Fabrikstraße, nebelgrau und doch trostlos deutlich. Gestalten, einzeln, in Gruppen, in endlosen Reihen, schritten im Morgengrauen in unabänderlich vorbestimmter Richtung auf das riesenhafte, graue Fabriktor zu. Immer neue Millionen marschierten heran, grau, gespenstisch-lautlos, und verschwanden im Fabriktor der Welt.

‚Und du standest schon am Anfang deines Ich.‘

Elisabeth wandte sich um nach Jürgen, der schwer atmete. Seine Gesichtshaut zuckte und war gespannt, als habe sie, wie eine Ballonhülle, einen ungeheuren Atmosphärendruck auszuhalten. Ein Mensch schlief.

Elisabeth berührte den Stöhnenden. Wie ein vom Tode Erweckter richtete er sich auf. Eine ewige Sekunde lang war letzte Bereitschaft in seinem Antlitz.

„Dein Gesicht sah gar nicht aus wie ein Gesicht. Sah aus wie ein Gefängnis, wie eine Faust.“ Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke. „Was träumtest du?“

„Weiß nicht. Weiß nicht.“ Er wußte es nicht. „Wie du duftest!“ Er riß, aus der Tiefe seines Wesens zurückgekehrt, wild das Leben an sich.

Erst viele Monate nach der Rückkehr – in seinen Tagen tat sich schon die leere, tote Einsamkeit auf, die weder durch Genüsse, noch durch Arbeit zu überwinden war – wurde Jürgen in einer großen Gesellschaft an Katharina erinnert. Adolf Sinsheimer zog ihn in eine Nische. „Warst du wieder einmal da? ... Nun, in dem orientalischen Salon! Ich sage dir, da sind jetzt vier Mädchen! Die sind mit 99½ Salben gerieben. Die eine sieht übrigens Katharina Lenz verblüffend ähnlich. Also verblüffend! ... Sie hat ein Kind bekommen.“

„Wer hat ein Kind bekommen?“

„Katharina. Einen Sohn! Die Familie tut, als ob sie das gar nichts anginge. Frau Geheimrat Lenz soll vor Gram gestorben sein ... Wann gehen wir in den Salon?“

Eine endlos lange Sekunde hatte Jürgen das Empfinden, in seinem Kopfe kreise mit vertausendfachter Schnelligkeit Schläfen-sprengend ein kalter Blitz. Das ganze neue Leben lag in Scherben. Jürgen stieg heraus aus den Trümmern, die Freitreppe hinunter, schritt, gestoßen von etwas, das in gleichem Schritt und Tritt hinter ihm her ging, durch die Stadt.

Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das kleine Fenster hing nah der Erde rot leuchtend in der Finsternis.

Die Nacht war warm, das Fenster geöffnet. Er hörte Stimmen, mehrere Männerstimmen, eine Antwort Katharinas, sah, wie sie, in der Hand einen weißen Teller, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.

Jürgen glaubte den Agitator zu erkennen, der, die Hand vorgestreckt, etwas zu dem Metallarbeiter sagte. Vernahm Katharinas Lachen. Das klang so geheimnisvoll mild in die Sommernacht.

Die Schreibmaschine begann zu klappern. Der Agitator diktierte.

‚Das ist eine Welt für sich ... Welch ungeheuere innere Veränderung in mir wäre nötig, einzutreten ... Die Haustür ist nur angelehnt.‘

Drei Arbeiter traten aus der Tür. Jürgen war verschwunden.

Erst nach Tagen gelang es ihm, sich zu beruhigen mit dem Gedanken, daß es Katharina vielleicht besser gehe als ihm. ‚Sie hat nicht diese Scherereien wie ich. Muß sich nicht mit diesem Gesindel herumbalgen. Sie hat ihre Genossen. Sie lebt ihrer Idee.‘ In dieser Zeit faßte er den Plan, ein großes Werk zu schreiben, betitelt: ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘.

Jürgen hatte den ganzen Vormittag in dem gut durchwärmten Direktionsbureau gearbeitet. Als er hinaustrat in den schneidend kalten, schneidend hellen Wintertag, tränten seine Augen, so daß er einen Laternenpfahl und den Oberkörper und den Kopf eines Spaziergängers doppelt und dreifach sah.

In dieser Sekunde hatte Jürgen das erstemal den Gedanken, daß nicht nur er selbst sondern jeder Mensch aus mehreren, innerlich tatsächlich vorhandenen Menschen bestehe, die, wie der mit tränenden Augen gesehene verdreifachte Spaziergänger, hintereinander und ineinander geschalt, in den Menschen steckten, dachten, wahrnahmen, fühlten und gegeneinander kämpften.

Während er der Trambahnhaltestelle zuschritt, sah er auf die zwanzig Monate seines neuen Lebens und seiner neuen Tätigkeit zurück. War von Jürgen, dem Teilhaber des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher, in Erfüllung seiner Pflicht und Aufgabe, die Interessen des Hauses und der Kunden zu schützen, die Weisung erteilt worden, an der Börse Papiere zu kaufen oder zu verkaufen, dann hatte ein anderer Jürgen klaren Bewußtseins gesagt: Es bleibt eine in alle Ewigkeit unverrückbare Tatsache, daß dieser Gewinn ein Teil des Mehrwertes ist, abgepreßt dem Proletariat, zugunsten des Rentiers Hummel und des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher.

‚Also auch zu meinen Gunsten. Ich also lebe von dem Mehrwert, bereichere mich an dem Mehrwert, den andere hervorbringen. Und ich bin mir dessen voll bewußt.‘

‚Nicht du bist dir dessen bewußt, sondern ich.‘

‚Wer ich? Wer ist sich dessen bewußt?‘

‚Ich! Ich bin schon nicht mehr du.‘

Es hatte sich anfangs sehr oft ereignet, daß der bewußte Jürgen ganz über den Teilhaber-Jürgen vorgetreten war, ihn hinter sich gedrückt, die Schreibfeder auf das Tintenfaß zurückgelegt und glatt herausgesagt hatte: „Aber das ist ja Raub, lieber Schwiegervater. Ich mache das nicht mit, Herr Hummel.“

‚Und jetzt machte der leberkranke Hütten- und Walzwerkbesitzer das Geschäft.‘ Auf diesen Worten schiebt der Teilhaber sich wieder in den Vordergrund, stemmt die Faust auf den Schreibtisch, gibt seine Direktiven und denkt: Das Leben ist Kampf. Wer die Waffen fallen läßt, über den geht es hinweg. So ist das Leben. Und dem Proletariat, das sowieso der Leidtragende ist, kann es gleichgültig sein, wer den Gewinn hat.

‚Aber dir kann es nicht gleichgültig sein.‘

‚Es ist sogar immer noch besser, ich habe den Vorteil als der Leberkranke, der nicht einmal weiß, was er tut, keine Ahnung davon hat, daß er sich bereichert an dem Schweiße und an dem Blute der Arbeitenden.‘

‚Was der Hüttenbesitzer tut, ist kein Freibrief für dich. Außerdem wäre es auf jeden Fall für dich, für dein Selbst, für dein Menschentum immer noch besser, der andere, der gar nicht weiß, daß er ein Schuft ist, zöge den Gewinn, als du, der du auf diese Weise rettungslos erst zum bewußten Schuft und schließlich auch zu einem ahnungslosen, selbstgerechten Schuft werden, endlich nur noch Teilhaber, nichts anderes mehr als ein Teilhaber sein würdest.‘

Das soll mir nicht passieren. Aber es könnte allerdings passieren, dachte Jürgen. Und ich müßte auch dies auf mich nehmen. Das Leben ist hart.

Und plötzlich vernahm er deutlich den Satz: „Die Massen, eingespannt in das graue Joch, müssen noch die Lerche hassen, die emporsteigt ins Blau ... Und dich kümmert es nicht. Das ist es, verstehst du, daß es dich nicht kümmert.“

„Hinter dem steckt etwas“, wurde in bezug auf Jürgen gesagt, wenn er, in knappsitzendem Frack, beherrschte Kraft in Schultern und Gliedern, beherrschten Geist in Wort und Blick, in großer Gesellschaft war, aller Augen auf sich ziehend, genau so, wie er sich damals in den grünen Bretterzaun hineingesehen hatte.

Nachdem er im Parteiblatt gelesen hatte, daß nur durch freiwillige Gaben die Zeitung noch gehalten werden könne, spendete er eine große Summe und bekam einen Dankbrief von der Bezirksleitung.

Den Dankbrief in der Hand, wendet er sich um zu seinem Bewußtsein, das keine Antwort gab. Es war in dieser Zeit schon etwas getrübt gewesen.

‚Ich werde der Arbeiterbewegung auf andere Weise als früher nützen. Zweifellos kann ich, mit meinem Einfluß und meinen Verbindungen, der Bewegung weitaus mehr nützen, als es der Student konnte, der nichts hatte, nichts war und nichts bedeutete.‘ Und er legte den Dankbrief in die Schublade.

Der Schwiegervater war eingetreten. Erhobenen Zeigefingers. „Sowohl der Rentier Hummel als auch wir haben einen großen Verlust erlitten. Dabei lag dieses Geschäft doch vollkommen klar. Und wir hatten unsere Informationen früher als die andern.“

„Mir war dieses Geschäft zu unsauber.“

„Die Bank besteht seit fünfunddreißig Jahren. Von Unsauberkeit keine Spur!“

Der Teilhaber lehnte sich zurück in den Sessel und ließ ganz bewußt das Bewußtsein vortreten. Das war schon trüb wie eine Wasserfläche, auf der ölige Flüssigkeit irisiert, rückt über den Teilhaber vor und spricht von Recht, Moral und Gerechtigkeit. „Das Geschäft war mir zu unmoralisch. Viele kleine Leute würden durch unsere Schuld ihr Geld verloren haben. Ich stehe auf dem Boden der Gerechtigkeit.“

Erst nach einigen Sekunden konnte der staunende Herr Wagner den Zeigefinger heben: „Der gute Ruf unseres Hauses wurzelt in der Gerechtigkeit. Aber sichere Geschäfte einfach nicht zu machen, geht nicht an. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Du kennst meine Weltanschauung. Wir haben eine beträchtliche Summe und obendrein Herrn Hummel, der seit zwanzig Jahren mit uns arbeitet, als Kunden verloren, weil du diese scheinbar entwerteten Papiere nicht gekauft hast. Die ‚Leber‘ natürlich hat sie sofort und samt und sonders aufgekauft. Der lacht.“

„Das allerdings stimmt“, sagte der Teilhaber, „daß die kleinen Leute nun trotzdem um ihr Geld gekommen sind.“

„No, was sag ich!“

Es war aber auch schon vorgekommen, daß Herr Wagner erhobenen Zeigefingers zu seiner Frau hatte sagen können: „Der Schwiegersohn hat eine Nase, eine Nase ... Wir Alten können uns zur Ruhe setzen. Kein Mensch hätte aus der Presse und aus den Reden im Reichstag herauszulesen vermocht, daß an ein Gesetz über neue Schutzzölle auch nur gedacht werde. Hast du etwas von einem Gesetz gelesen, von Schutzzoll? Nicht die leiseste Andeutung. Aber er, der Junge, dieser Junge, mit seiner Vergangenheit und seinem Interesse für Politik, seinen Beziehungen zur Arbeiterbewegung, die unsereins überhaupt nicht beachtet, hat zugegriffen zu einem Zeitpunkt, als die geriebensten Füchse sich noch in Baisse festlegten ... No, was sag ich.“

Am ersten Mai des vergangenen Jahres war Jürgen im Auto in den Demonstrationszug hineingeraten und steckengeblieben, beschossen von Blicken noch gefesselten Hohnes und Hasses.

‚In der Straßenbahn kann ich mich ebenso mit meinen Gedanken beschäftigen. Brauche nicht im Wagen zu fahren.‘

Das schon weit nach rückwärts gedrückte Bewußtsein fand die Sekunde Zeit, zu sagen: Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.

Eine Grenze nach oben muß eingehalten werden, dachte er, stieg aus, ging die zweihundert Schritte bis zur Villa. Und teilte der Tante, während er die eingelaufene Post durchsah, nebenbei mit, daß in den zwei Jahren, seitdem er ihr Bankier sei, ihr gesamtes Vermögen sich schon fast verdoppelt habe.

‚Da irrt er sich. Das gesamte nicht.‘ Sie hatte ihm nur die schwer zu verheimlichenden Papiere anvertraut und den größeren Teil ihrer Aktien bei ihrem alten Bankier gelassen. „Du hast dein Erbe verdoppelt“, sagte die gelb, zerfallen und schweratmend im Lehnsessel Versunkene.

Und er erlebte wieder, wie immer, wenn die Tante das Wort ‚erben‘ aussprach, in Gedanken diese merkwürdige Viertelstunde in dem roten Plüschsalon der Konditorei, sah deutlich die drei erregt durcheinander sprechenden Damen, den kleinen Hut der Jungen, der nur aus Veilchen bestanden hatte.

„Glaubt, sie sterbe, beichtet nach heftigem Widerstreben endlich doch dem Geistlichen, daß sie als zwanzigjähriges Mädchen einen einzigen Fehltritt ...“

„Wer kann das heute noch kontrollieren, ob es der einzige war.“

„... begangen und heimlich einen Sohn geboren hat. Fragt auch ihren Rechtsanwalt, ob das Kind Erbanspruch habe.“

„Wie das Geheimnis dann unter die Leute gekommen ist ...“

„Die Pflegerin im Nebenzimmer soll die Beichte mitangehört haben.“

„... weiß man nicht genau. Die Menschen können ja kein Geheimnis für sich behalten.“

„Sonst würde man diese Geschichte vielleicht überhaupt nie erfahren haben, wenn die Pflegerin ...“

„Ganz genau kenne ich die Einzelheiten auch heute noch nicht“, hatte die Junge gesagt.

„Denken Sie an, siebzig Jahre ist sie jetzt. Und nie hat ein Mensch auch nur den leisesten Verdacht gehabt, müssen Sie wissen. Das Kind wird ins Ausland in heimliche Pflege gegeben, müssen Sie wissen ...“

„Eines Tages entläuft das Kind, geht durch.“

„Wahrscheinlich, weil es schlecht behandelt wurde, Sie verstehen.“

„Die Pflegemutter stirbt.“

„Auf diese Weise hat man ... Ist verschollen ... nie etwas ... Kein Lebenszeichen mehr! ... von dem Fehltritt erfahren ... Als ob sie Jungfrau wäre! ... Ja, was sagen Sie dazu ... Wo mag das arme Kind jetzt sein.“

Ein fünfzigjähriger Mann torkelt betrunken, verdreckt, heruntergekommen auf einer amerikanischen Landstraße, wirft die Arme, schimpft auf die Welt. Wird erstochen. Erleidet als Matrose Schiffbruch, ertrinkt. Krepiert im Berliner Obdachlosenheim. Schuftet nach dem Taylorsystem in Chicago. Ist Gelegenheitsarbeiter im Newyorker Hafen. Magistratsschreiber in einer kleinen deutschen Stadt. Während diesen drei Damen das Kind gegenwärtig ist wie ein Schweißausbruch, hatte Jürgen heiter gedacht.

„Das arme Kind muß doch ... Diese Schande für die bisher so hochgeachtete ... gefunden werden ... alteingesessene Familie Kolbenreiher.“

Und war, getroffen von diesem unverhofften Stoß, beinahe vom Stuhl gefallen.

Nie in ihrem ganzen Dasein hatte die Tante, die nach der Beichte völlig unerwarteterweise wieder gesund geworden war, etwas so tief und schmerzlich bereut wie diese Beichte. Nicht einmal das Jugenderlebnis selbst. Nie in seinem Leben war Jürgen vor einem Menschen gestanden, der so bis in die tiefsten Tiefen erschüttert, so fassungslos gelacht hätte wie Elisabeth. Und nie in seinem Leben hätte Jürgen es für möglich gehalten, dieses Gefühl der Rührung und Sympathie für die Tante empfinden zu können.

Auch sie wollte leben. Und wurde nur ein einziges Mal vom Leben gestreift, dachte er auch jetzt, wie er die Tante ansah, die einer uralten, zähen, endlich zerfallenden Eichbaumwurzel glich. ‚Wie hat sie mich gepeinigt! Wie ganz und gar ist das Geschöpf, ist der Mensch, der sich damals von dem Geliebten umfangen ließ, versunken und ertrunken. Welch Dasein!‘

Seit dem Schlage, den sie selbst der Familienehre zugefügt hatte, war die Kraft der Tante gebrochen gewesen. Ihre zwölf Fragezeichen waren weiß geworden. „Bald erbst du alles“, sagte sie, flackernden Blickes, richtete den gelben Totenschädel auf.

Und Jürgen dachte: Wenn nicht das Kind eines Tages doch noch erscheint und sagt: Da bin ich. Der Erbe bin ich.

Er stieg in den Lift, der eingebaut, fuhr in den zweiten Stock hinauf, der aufgesetzt worden war, und dachte dabei an sein Kind.

Immer, wenn er an den Sohn der Tante erinnert wurde – und dies geschah häufig, denn Elisabeth brach auch jetzt noch oft in Lachen unvermittelt aus –, dachte er an den Sohn Katharinas, der Geld zu schicken er nicht wagte.

‚Zu dem Sohn der Tante, der wahrscheinlich gar nicht mehr lebt, und, lebte er noch, nicht die leiseste Ahnung hätte, wessen Sohn er ist, eine Verbindung herzustellen, wäre leichter als zu meinem Sohne, der eine Gehstunde von hier entfernt im Waschkorb liegt ... Oder kann er schon laufen? ... Sie lebt ja tatsächlich auf einem anderen Planeten.‘ „Merkwürdiges Mädchen“, murmelte Jürgen und trat, da er Elisabeths helle Stimme vernahm, in den Salon, dessen Tapete farbig schmetterte.

Zwischen ornamental geschwungenen, riesigen Schwertlilien und Wasserrosen – blau, rot, violett – und giftgrünem Schilf auf Goldgrund, der den See darstellte, versuchte alle Quadratmeter der selbe Faun die selbe Nymphe zu fangen und konnte sie nie erwischen. Dreiunddreißig Nymphen hatte Jürgen gezählt.

Der Salon erinnerte ihn an den der Frau Knopffabrikant Sinsheimer, wo ihn die Furcht vor der Leiche des Vaters angesprungen hatte. Denn außer den reichgeschnitzten schwarzen, unverrückbar schweren Eichenholzmöbeln – zum Platzen dicke schwarzgebeizte Putten schleppten, himmlisch lachend, ohne jede Anstrengung riesige Füllhörner von links nach rechts, oben um die Prachtstücke herum, und die in der Mitte obenauf sitzenden Putten spielten dazu die Flöte – standen und lagen auch hier viele singende, musizierende, miauende, tanzende Hochzeitsgeschenke und Gebrauchsgegenstände, die nicht benutzbar waren, darunter ein Riesenkäfig, in dem ein ausgestopfter Papagei saß, der alles hatte, was er zum Leben brauchte: Wassernapf, Futternapf, gefüllt mit Wicken aus Holz, und – beladen mit nagelneuen Birnen, Trauben, Äpfeln und Pfirsichen aus farbigem Tuch – die zwei silbernen Tafelaufsätze in Eiffelturmform, von Frau Sinsheimer als Hochzeitsgeschenk geschickt, genau so gut erhalten, wie sie sich bei ihrem eigenen Hochzeitstag eingestellt hatten. Zwei große künstliche Palmen, auf Ständern mit gelben Storchenbeinen, verdunkelten das Fenster.

„Ich wiederhole: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, erklärte gekränkt Frau Wagner, die, während die Neuvermählten auf der Hochzeitsreise gewesen und die Tante, wegen der unaufhaltsamen Verbreitung des Klatsches sterbenskrank geworden, im Bett gelegen war, ganz allein das Einrichten der Wohnung besorgt hatte.

„In dieser Wohnung gibt es vielerlei Tiere und eine große Anzahl Fabelwesen, aber keinen Gaul“, versicherte launisch Elisabeth und sah umher: Vom nie benutzten Kohlenkasten, schwarz lackiert, auf dem die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, bis zu dem zwei Meter hohen seidenen Wandschirm, auf dem ein gestickter, lebensgroßer Storch das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Elefant den Rüssel feierlich-langsam hin und her. Das Ziffernblatt in seiner Stirn stellte Afrika dar. Diese Uhr hatte Frau Wagner, nachdem sie bei Frau Sinsheimer zu Besuch gewesen war, telegraphisch in der Fabrik bestellt.

Arm in Arm verließ das Ehepaar den Salon. Und das Bewußtsein, das hinter Jürgen herschritt, in gleichem Schritt und Tritt, sah Katharina, die, in der Hand einen weißen Teller voll Brei, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.

Katharina befand sich in weiter Ferne, aber überaus deutlich sichtbar; nicht so verblaßt wie damals, als Jürgen gesundend im Liegestuhl gelegen hatte. „Das wechselt.“

„Was wechselt?“ fragte Elisabeth.

„Die Stimmungen wechseln. Einmal ist man ernst, dann wieder heiter. Ein andermal, ich möchte sagen: in gespaltener Stimmung.“

„Das Leben würde ja auch zu langweilig sein, wäre dies anders.“

Frau Wagner durchblätterte noch das in gepreßtes Schweinsleder gebundene und mit einem winzigen goldenen Hängeschlößchen versehene Album, das die repräsentablen Ahnen der Familie Wagner enthielt. Herren ließen den Schnurrbart, Bräute das Hochzeitskleid bewundern. Die Photographieaugen blickten. Wünsche waren erfüllt. Männer standen aufrecht im Leben, die Faust auf der Kante des zerbrechlich zarten Tischchens. Damen, die Frisuren schulterwärts geneigt, Augen halb geschlossen, zeigten, daß sie ohne Ideale nicht leben konnten. Kinder standen noch im Kampf mit der Natürlichkeit.

Frau Wagner schloß das Album: Das zerhackte Gesicht eines degenüberquerten Studenten in Wichs kam auf das Gesicht einer alten Frau im Totenbett zu liegen. ‚So viel Geld und so viel Mühe, und jetzt sind sie nicht zufrieden mit der Einrichtung.‘ Frau Wagner sah umher, den Kopf aufgestützt.

Eine halbe Stunde später, als Jürgen vorbeiging, sah er Frau Wagner noch immer sitzen im Salon, den Kopf gestützt wie vorher, reglos und traurig. Der kostbare Reiherhut hatte sich etwas verschoben.

‚Das würde ein zu schwerer Schlag für sie sein. Wir werden uns eben an die tausend Zentner schwere Einrichtung und an die Menagerie gewöhnen müssen; haben uns ja schon daran gewöhnt. Das ist ja auch unwichtig. Das Leben stellt andere Aufgaben.‘

Ganz andere Aufgaben! dachte er. Und fand sie nicht. Fand nichts, das wert gewesen wäre, sich dafür einzusetzen. Auch heute hatte die tote Einsamkeit, die um und in ihm stand und das ganze Haus durchdrang, ihn eine Stunde früher als nötig fortgetrieben.

Die Tante war ins Bett gebracht worden. Sinnend blickte sie in die Richtung der Mutter Gottes; die gelben, dünnknochigen Finger hielten die geöffnete Schatulle, in der sie das Verzeichnis ihrer Wertpapiere aufhob.

Jürgen liebte es, in die Schreinerwerkstatt neben der Haltestelle einzutreten und, plaudernd mit dem alten Meister, den Gesellen bei der Arbeit zuzusehen, bis der Trambahnwagen kam. Eine Schreinerwerkstätte, die Hobelspäne, der Holz- und Leimgeruch waren für Jürgen der riechbare und sichtbare Ausdruck eines einfachen, lebenswarmen Daseins, wie er es, seitdem er Teilhaber war, für sich gewünscht hätte.

„Ihre Mutter war noch gar nicht auf der Welt und von Ihnen selbst, mein Gott, keine Spur, damals, als mein Vater die Möbel für Ihre Großeltern gemacht hat. Ich war seinerzeit Lehrjunge, und Ihre Tante war so ein huschiges Springerchen von zehn Jahren.“

„Wie war denn meine Tante als Kind?“ fragte Jürgen, plötzlich wieder von Sympathie ergriffen.

„Da, sehen Sie ihn an: der Sägbock war ihr Reitpferd. Auf dem selbigen Sägbock ist sie geritten jeden Tag. Und so manches Mal war sie einfach verschwunden. Nicht zu finden! Da haben wir sie gar oft aus den Hobelspänen rausgezogen. Hat sich hineinvergraben, ganz und gar zugedeckt und ist dann plötzlich wie ein kleiner Teufel rausgefahren. Wollt nie nachhaus. Hat gestrampft und geheult ... Wild war sie. Ein Wildes Kind! Schwer zu erziehen.“

„Was Sie sagen!“

„Das Leben hat nachher das seine getan ... Da kommt Ihr Wagen.“

Jürgen zeigte die Abonnementkarte dem Schaffner, der lächelnd abwinkte: „Gilt schon! Wir kennen ja einander.“

‚Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte das überhaupt nicht für möglich gehalten.‘

„Mir wenigstens brauchen Sie die Abonnementskarte nicht mehr zu zeigen. Jetzt fahren Sie seit zwei Jahren täglich viermal.“

‚Wenn ein wildes, unbändiges, eigenwilliges Kind so werden kann, wie die Tante geworden ist, vom Leben so ruiniert werden konnte, da kann man von Verantwortung des einzelnen ja überhaupt nicht mehr reden. Die Verhältnisse sind schuld. Sicher auch bei Katharinas schöner Jugendfreundin mit dem leidensfähigen, milden Herzen, daß sie so lala eine Gesellschaftsdame und die Frau des Oberstaatsanwaltes wurde ... Oder doch nicht die Verhältnisse? ... Wer könnte entscheiden, ob ein Mensch die Kraft gehabt hätte, weiter zu kämpfen und zu leiden, oder ob stärker als seine Kraft die Verhältnisse und die in ihm lebenden Begierden waren? Es gehört heutzutage schon sehr viel Kraft dazu, sich selbst im Leben vorwärts zu bringen. Wieviel mehr erst, die Sache der Allgemeinheit auf sich zu nehmen und vorwärts zu bringen! ... Man setze erst sich selbst durch und stelle dann sich und seinen Einfluß und seine Macht in den Dienst der Allgemeinheit.‘

‚Und was wird unterdessen, während du dich durchsetzt, so lala mit dir, mit dem Bankier Kolbenreiher, geschehen?‘ fragte mit schon kaum mehr vernehmbarer Stimme das weit zurückgedrückte Bewußtsein. Und stieß plötzlich eine grauenvolle Drohung aus, die aber, von Jürgen nur dunkel vernommen und empfunden, nicht gleich vordrang bis an den Bezirk des neuen Bewußtseins, das in diesen Jahren immer häufiger Sieger geblieben war.

Noch einmal entwand sich die Drohung der tiefsten Tiefe seines Wesens, stieg empor als Hinweis auf eine unentrinnbare Todesgefahr, und Jürgen wurde sekundenlang innerlich gelähmt, so ganz und gar wie in der vergangenen Nacht, da eine fremde Macht im Albtraum ihn gelähmt und unwiderstehlich gezwungen hatte, den Sarg zuzunageln, in dem, noch lebend, er selber gelegen war.

„Wie lange fahren Sie schon auf dieser Strecke?“

Und während der Schaffner sinnend „Zehn, nein, schon elf Jahre!“ sagte, wiederholte in verzweifeltem Ansturme das zurückgedrückte Bewußtsein zum dritten Male seine grauenvolle Drohung. Jürgen fröstelte im Rückenmark, wie damals in der Hafenstadt.

„Bastgeflecht ist sehr praktisch, hält lange, was?“

„Ja, das gibt aus.“ Auch der Schaffner prüfte mit seiner starken Hand anerkennend das Bastgeflecht der Sitzlehne und schritt dabei hinaus auf die hintere Plattform, legte den Zeigefinger an die Mütze, und das junge Bureaumädchen schob ihre Abonnementkarte wieder in das Handtäschchen, sah ernsten Blickes ihr Leben an. Die Alleebäume flogen nach rückwärts.

Das sind nur die Nerven, dachte Jürgen, mit bezug auf die Drohung ... Zwei Jahre! Muß endlich auf ein paar Wochen ausspannen. Mich erfrischen. Eine Reise! Das habe ich mir verdient ... Diese warmen wunderbaren Herbsttage! Das wird schön sein.

Als die Allee endete, die Straßen enger, der Wagenverkehr und der Lärm stärker, die Luft schlechter geworden waren, setzte das Bureaumädchen sich in den Wagen, dankte mit ernstem Nicken für den Gruß ihres Chefs und begann in einem Buche zu lesen. Sie war die Tochter eines in der Papierfabrik des Herrn Hommes beschäftigten Hilfsarbeiters und seit ihrem sechzehnten Jahre in der Buchhaltung des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher angestellt.

Am Vormittag hatte er persönlich die Jahresabrechnung über das Vermögen der Tante in der Buchhaltung geholt und dabei das Mädchen zum erstenmal gesehen. ‚Jetzt sitzt sie genau so in sich verschlossen da und liest, wie die fünfzehnjährige Katharina im öffentlichen Parke gesessen hatte. Der selbe stillbewußte, ernste Blick, wie Katharina ihn heute noch hat. Nur jünger ist sie. Selbstverständlich viel jünger! Äußerlich überhaupt ganz anders. Die Gestalt ist etwas voller. Aber dieser Blick! ... Neue Jugend wächst heran und nimmt den Kampf auf‘, hatte er plötzlich gedacht.

‚Hübsch ist sie. Sehr hübsch! ... Nur eine Geldfrage ... Allerdings ein ernstes Geschöpf ... Gerade deshalb ungewöhnlich anziehend ... Ihrem Chef würde sie nicht widerstehen können.‘ Er entkleidete sie.

Eine zwei Zentner schwere, weißhaarige Frau mit gewaltigem Busen stieg ein, setzte sich Jürgen gegenüber.

‚Der Hilfsarbeiter hat nichts als diese Tochter, die ihrem Chef gegenüber wehrlos ist.‘

‚Dafür – für die Verhältnisse – bin nicht ich verantwortlich ... Das Leben brennt, ist wild und schön und da, gelebt zu werden.‘ Und er überlegte, wo und wie er seine hübsche junge Angestellte verführen könne. „Weshalb lachen Sie?“ fragte er freundlich die dicke Frau.

„Das ist jetzt einunddreißig Jahre her“, sagte die Alte und streckte lächelnd beide Hände vor. „Herr Kolbenreiher, ich war die erste, die Sie in den Händen gehabt hat. So groß waren Sie.“

Alle Fahrgäste lächelten über die alte Hebamme. Das Mädchen wandte ein Blatt um, sah auf und Jürgen an, lächelte auch.

„Was tat ich denn? Wie war ich?“ ‚Es geht doch nicht. Das könnte einen öffentlichen Skandal geben. Und auch die Autorität ginge flöten.‘

„Gebrüllt haben Sie. Gebrüllt, sag ich Ihnen, nicht anders, als ob Sie am Kreuz hingen. Sie wollten nicht. O, Sie wollten absolut nicht.“

Auch der Schaffner grinste. „Endstation! ... Genossin, heut abend ist Bezirksversammlung. Erinnere auch deinen Vater“, sagte er zu dem Bureaumädchen.

„Es ist aber doch ganz gut gegangen. Sind ein schöner, großer Herr geworden. Ein prachtvoller Herr!“

Leider muß ich auf meine Stellung Rücksicht nehmen. Ich bin der Chef. Die Autorität muß gewahrt bleiben, dachte er, während er hinter dem Mädchen auf die Bank zuschritt. Der livrierte Portier riß die Tür auf.

„Niemand kann alle seine Wünsche und Begierden erfüllen. Außerdem ist die Sache die“, sagte, blätternd im Telephonbuch, Jürgen und bat um die Nummer Adolf Sinsheimers, „daß ich das selbe ungefährlicher haben kann und sogar ganz bedeutend reizvoller, falls dieses Mädchen in dem orientalischen Salon tatsächlich Katharina ähnlich sieht.“

Heute abend könne er nicht zum Essen nachhause kommen, teilte er telephonisch Elisabeth mit, die daraufhin ihrem gegenwärtigen Geliebten, einem Maler, sofort telephonisch mitteilte, daß sie heute abend wieder auf eine Stunde zu ihm ins Atelier kommen werde.

Wie damals vor der Animierkneipe, standen die vier Schulkameraden schon wartend vor dem Portal, das auf den Nacken zweier marmorierter Gipsherkulesse ruhte. Adolf hob den Spazierstock wie eine Kerze. „Ich habe uns schon angemeldet ... Noch die selbe Wirtin, eine alte Hure! Du erinnerst dich, Jürgen, wir sind damals vom Korsorestaurant aus hingegangen. Aber andere Damen! In jedem Zimmer zwei Waschschüsseln! Dabei doch dezente Aufmachung! Schon wie in Berlin!“

Jürgen erkannte das von Säulen getragene, mit Gipsmarmorplatten ausgeschlagene Stiegenhaus wieder. Eine flackernde Kerze, eine hohe Frisur, zwei schwarze Riesenaugen und ein violetter Schlafrock kamen lautlos die Treppe herunter. Die geschminkte Wirtin legte sofort den Zeigefinger an den Mund, stieg voran.

„Hols der Teufel, diese Leisetreterei! Warum knipsen wir denn die Nachtbeleuchtung nicht an!“ rief in dem Poltertone seines alten Batteriechefs, der ihm Vorbild war, der Artillerieoffizier.

Die Wirtin legte den Zeigefinger an den Mund. Der Referendar versteckte seine Brieftasche in der Geheimtasche des Westenfutters und lächelte.

„Weil eben ein Menschengesicht zu lächeln vermag“, sagte Jürgen vor sich hin und gedachte mit Erinnerungszärtlichkeit des Jürgen, der damals, um über seine knabenhafte Unsicherheit wegzutäuschen, die Mädchen wie ein erfahrener Lebemann begrüßt hatte. Heute trat er so gelassen in den orientalischen Salon, wie er als Chef in das Direktionsbureau der Bank trat.

Alles spielte sich nahe den Teppichen ab. Niedrige Tischchen. Die Mädchen saßen und lagen auf Ottomanen und auf Polstern am Boden.

„Na, ihr Racker! Brust heraus!“ rief der Artillerieoffizier in dem Tone seines Batteriechefs und schnallte gewichtig den Säbel ab, mit den Gebärden eines Mannes, der nur mit Pferden und Rekruten zu tun haben will.

„Sagen Sie mal, wie gehts denn! Sind ja ne richtiggehende Schönheit.“ Adolf hatte sich, seitdem er Alleininhaber des Knopfexporthauses war, angewöhnt, schnoddrig wie ein Berliner zu sprechen und sich ganz so zu benehmen wie seine Vorbilder: die Berliner Großexporteure, mit denen er in Geschäftsverbindung stand.

Das auf der Ottomane liegende Mädchen streckte ihm die Patschhand hin. Auch sie – schwarzhaarig und bernsteingelb – sah orientalisch aus, kokettierte lässig mit ihrer weichen Hüfte, die sich aus dem orangefeurigen, geschlitzten Schlafrock langsam herauswölbte.

„Sind ne süße Krabbe!“

Jürgen schüttelte den Kopf: ‚Nicht Adolf Sinsheimer, sondern der Berliner Exporteur spricht.‘

Der Artillerieoffizier stand, batteriecheffest, auf gespreizten Beinen, nahm die Mütze ab und wischte sich ächzend die Stirn, die ganz schweißfrei war und zweigeteilt: unten tiefbraun, wie das Gesicht, oben knabenweiß.

Sieht aus wie ein alter Kinderschänder, dachte Jürgen, als der livrierte Diener – stilles, glattes Fuchsgesicht – den Champagner brachte. Der Diener hatte zusammen mit der Wirtin die Pension gegründet und finanziert und bezog die Hälfte des Reingewinnes.

Sie saßen in der gepolsterten Ecke. „Ich komme dir“, sagte, Schultern zurückgezogen, Kopf vorgestreckt, das Sektglas unter der Achselhöhle, der Referendar zu Adolf, dessen Orientalin, Hüfte hochgewölbt, zusammengerollt in der Ecke lag und mit den mächtigen, weichen Schenkeln lockte.

„Ein Dutzend Flaschen Rotspon wäre mir lieber als dieses Weibergesüff.“ Der Batteriechef trank ex, hieb das zarte Glas auf die Tischplatte, hob mit rauhbeinig-väterlicher Gebärde die erst siebzehnjährige Blondine auf seinen Schoß und drückte das Köpfchen an seine breite Brust.

Der Referendar wählte die Älteste und Schönste, ein vierundzwanzigjähriges kühles Wesen, das ein Bankkonto besaß und erst vor zehn Minuten zu einem Mann, der gerne noch eine Stunde geblieben wäre, gesagt hatte: „Ich muß tüchtig sein.“ Beide saßen zurückgelehnt, Arm in Arm.

Der Referendar sprach von Staatsanwalt Karl Lenz. „... Und nächste Woche hat er einen Mordprozeß. Wenn es ihm gelingt, ein Todesurteil zu erzielen, ist seine Karriere gesichert. Dann gehts aufwärts.“ Er zuckte nach vorne, Sektglas unter der Achselhöhle: „Ich komme dir.“

‚Solch ein Staatsschafskopf zu werden wie der, hat auch mir geblüht.‘ Jürgen mußte lächeln über das Gebaren seiner Schulkameraden. ‚Nicht der Referendar A., sondern der Referendar überhaupt, nicht der Knopfexporteur S., sondern der Exporteur und der Artillerieoffizier überhaupt sitzen hier und haben Gefühle‘, dachte er. ‚Und später werden nicht einmal Referendar, Exporteur und der rauhe Artillerieoffizier überhaupt die Mädchen umarmen, sondern sie allein, die Lebenskraft, sie ganz allein wird die Umarmende sein.‘

Die Flügeltür tat sich auf. Und Jürgen, der sich soigniert und dabei freimütig benommen hatte wie einer, der das Leben kennt und ihm seinen Lauf läßt, wich zurück.

Herein schritt Katharina, reichte spitzig die Hand und setzte sich neben Jürgen.

Verblüfft betrachtete er den gebogenen Nacken, den kleinen, festen Mund. Fürchtete sofort, daß er, wenn sie zu sprechen begänne, diese vollkommene Illusion verlieren würde.

„Hab ich zu viel versprochen?!“ rief Adolf Sinsheimer, dessen Hand auf der gewölbten Hüfte der Bernsteingelben lag. „Na, was hab ich gesagt!“

Gedankenschnell, plötzlich, ganz plötzlich verwandelte sich seine Furcht in die atembeklemmende Furcht, sie könnte auch im Ton der Stimme Katharina sein. Dann müßte ich diese Schweine niederschlagen, dachte er erbebend, stellte sich in seinem Gefühle schützend vor Katharina. Und gleichzeitig brach in die Gefühlsleere und tote Einsamkeit der letzten Jahre die Sehnsucht ein mit solcher Gewalt, daß sein ganzer Körper sekundenlang von Lähmung befallen war.

Die Augen waren nicht mehr in dem orientalischen Salon; sahen Katharinas Mädchengestalt.

Sie steht unter dem Gasarm. Sie bewegt sich. Wendet ihm voll das Gesicht zu. Ihre Lippen bewegen sich. Auch Jürgens bebende Lippen bewegten sich. Es war, als hätte er in dieser Sekunde wieder das Unfaßbare des Daseins geschaut.

Die Bernsteingelbe schnellte empor, wiederholte lachend und so laut, daß alle es hörten, was Adolf Sinsheimer von ihr verlangt habe für seine Sammlung.

Nicht der bewußte Gedanke, daß er dann Teilhaberschaft, Stellung und Macht, alles, was er seither erreicht hatte, aufgeben müsse, führte Jürgens Hand; die Hand griff ganz selbsttätig zum Champagnerglas. Er leerte und füllte, leerte und glotzte, leerte.

Auch die andern tranken viel und schnell. Hände griffen. Mädchen schrien. Wehrten sich und gaben sich.

Jürgen, total betrunken, empfand nichts mehr. Füllte. Leerte. Glotzte die Doppelgängerin an, deren Mund beständig in kaum bemerkbarer Ironie verzogen blieb. Sie trug die Haare kurz.

Plötzlich schoß ein spitzes Etwas in ihm empor. Die beiden Wesen verdichteten sich in eines. Schwankend stand er auf.

Die Paare verschwanden in die nur durch dünne Kunststeinwände voneinander getrennten Zimmer der Mädchen.

„Katharina, Wunderbare!“ lallte, plötzlich tränennaß, der Betrunkene und griff nach der Doppelgängerin, in deren Gesicht die Ironie unverhohlenem Widerwillen gewichen war.

Gleichgültigen Blickes ließ sie das Hemd fallen.

„Deine Augen, ach, deine Augen!“

Körper stürzte sich auf Körper. Vergewaltigtes Gefühl brach durch und brüllte: „Katharina!“

Der Artillerieoffizier im Zimmer nebenan polterte auch jetzt: „Na, du kleiner Racker!“ Als ob nicht er und nicht sein Batteriechef, der ihm Vorbild war, sondern der schon seit Hunderten von Jahren verweste Urbatteriechef bei der siebzehnjährigen Blondine liege.

Das Fuchsgesicht trat in den verlassenen orientalischen Salon, horchte unbewegten Antlitzes auf die Geräusche in den vier Zimmern, öffnete das Fenster und betrachtete die in weiter Ferne im Sternenhimmel hängenden großen, leuchtenden Glasquadrate der Malerateliers, die alle im selben Stadtviertel waren.

Hinter einem dieser leuchtenden Quadrate lag, blond und schon entkleidet, Elisabeth auf dem breiten Renaissancebett ihres Geliebten, eines kleinen, geschmeidigen Südländers, blauschwarz behaart.

Als das Fuchsgesicht die Mokkatassen in den Salon trug, stand der Referendar im Zimmer schon vor dem Spiegel und zog sich ihn wieder, genau in der Mitte, von der Stirn bis zum Nacken. Das Mädchen betrachtete ihre polierten Nägel, interesselos und eiskalt den Referendar. Und er, durch den Spiegel, interesselos und eiskalt sie.

Eine halbe Stunde später schloß das Fuchsgesicht, Zeigefinger am Munde, leise die Haustür auf und ließ die Schulkameraden hinaus. Adolf griff an seine Krawatte, die tadellos gebunden war. Ohne eine Flasche Rotspon intus zu haben, lege er sich nicht in die Falle, sagte der Artillerieoffizier. Und Jürgen, wieder nüchtern, in soignierter Haltung, verbarg ein Lächeln über das Gehaben des Artilleristen.

Elisabeth lag im weißseidenen Schlafrock lesend auf der Ottomane, reichte ihm frei und liebenswürdig die Hand, offenen Blickes. Wo er denn herkomme. Sie war so einfach und frisch wie die große Birne, die, von Phinchen am Nachmittag im Garten gepflückt, in Reichweite auf dem Tische lag. Das spitzige Messer lag daneben.

Diese reine Atmosphäre in meinem Hause, dachte Jürgen.

„Ich war auch weg heute abend. Eine Stunde bei den Eltern“, sagte Elisabeth frei und ungezwungen, so ganz erfüllt von sich und ihrem Selbstrecht auf Genuß, daß auch diese Lüge wie die reine Wahrheit ihr von den Lippen ging. Prüfte dabei mit den Fingern ihre Brustspitzen, die noch rosig waren. Und fragte wieder: „Weshalb bekomme ich kein Kind?“ Sie wünschte, viele Kinder zu bekommen. „Und jetzt habe ich gebadet.“

„Gut unterhalten? Wie wars bei den Eltern?“, ‚Das übrigens soll mir nicht wieder passieren, daß ich zusammen mit solchen an Fäden gezogenen Hampelmännern so wohin gehe ... Alle Menschen werden an Fäden gezogen. Wer oder was ist es, das im Mittelpunkt des Lebens hockt und die Fäden zieht?‘ „Nun?“

„Immer das selbe! Der Vater sprach von Geld und von der Börse, von Geld, von der Börse ... Weißt du, es ist keine Luft mehr dort in der großen Wohnung. Er kann nichts greifen. Alle Gegenstände weichen zurück. Er langweilt sich fürchterlich, seitdem er sich vom Geschäft zurückgezogen hat. Sein Leben hat keinen Inhalt mehr.“

„Wie wir das letztemal zusammen dort waren, äußerte er doch, er möchte ein kleines Gut kaufen und es selbst bewirtschaften. ‚Natur, Natur, Gras, Rüben‘, sagte er. Weshalb tut er das nicht?“

„Papa würde auf dem Lande in acht Tagen vor Langeweile schwermütig werden. Und auch so wird er schwermütig. Für Bücher, Kunst, Musik, was unsereinem oft über leere Stunden hinweghilft, interessiert er sich nicht; davon trennt ihn sein ganzes Leben, das er auf der Börse zugebracht hat. Für Frauen ist er zu alt. Bleiben noch die Mahlzeiten. Aber er darf nur das wenigste essen. Bleibt die Langeweile. Ich sage dir, bald wird er wieder ins Geschäft kommen. Er hälts nicht aus.“

„Altgewordene amerikanische Kapitalisten, die sich in dieser Lage befinden, verstehen es, sich einen Lebensinhalt zu verschaffen: Sie werden moralisch. Was sie jedoch nicht hindert, ihr Vermögen auch weiterhin sehr geschickt und ertragreich zu verwalten!“ sagte ironisch lächelnd Jürgen.

Mit einem elastischen Ruck setzte Elisabeth sich aufrecht. „Vor ein paar Jahren war ich mit den Eltern in einem Sanatorium. Da war ein großer Arbeitshof. Die alten Herren Exporteure, Bankiers und Geheimräte, in Badekostüm, scheußlich fett oder abschreckend mager und behaart, solche Hängebäuche! mußten Holz sägen, Sand in Schubkarren schaufeln. Sie karrten ihn über den Hof in die andere Ecke, leerten ihn aus, schaufelten den selben Sand wieder ein, schafften ihn zurück. Aus, ein, hin, her! Immer den selben Sand! ... Schrecklich! Bei dieser Arbeit würde ich verrückt werden.“

„In China wurden Schwerverbrecher damit bestraft, daß sie derartige sinnlose Arbeiten verrichten mußten ... Viele, scheinbar ganz normal gewesene Bürger werden ja auch verrückt. Schwermütig und so! Wissen nichts mit sich anzufangen, treiben sich in Sanatorien und Nervenheilanstalten herum oder kehren, wie du sagst, ins Geschäft zurück und treten weiter die Geldmühle, bis sie an Arterienverkalkung sterben. Diese alten Verdiener! ... Das soll uns nicht passieren, wie?“

Er ließ sich vor der Ottomane auf ein Knie nieder. „Glaubst du“, fragte er, Blick in ihrem Blicke, langsam und lächelnd, „daß ich jetzt noch baden kann?“

Im Schlafzimmer hing über dem Doppelbett eine rote Ampel, auf der ein gläserner Amor kniete. Den Bogen hielt er noch in den Händchen. Den Glaspfeil – Richtung Liebespaar –, der bei brennender roter Ampel blauleuchtend geworden war, hatte Jürgen schon vor Jahren, gleich nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise, in der ersten Nacht abgebrochen. Es gäbe Grenzen.

Elisabeth lag schon im Bett, Hände unterm Kopf, als Jürgen aus dem Bade kam. Lächelnd so im Spiel des Lebens drehte sie die helleuchtende Nachttischlampe ab, lächelnd er die andere. Die Ampel glühte rot auf.

Was ist ein Jahr, wenn jeder Tag dem andern gleicht und das Leben ohne Härten ist ... Ein Tag nur! Ein unbewußter Atemzug! dachte Jürgen nach einem Jahre, das, ausgefüllt mit Arbeit im Bureau, mit Theaterbesuchen, Bilderkäufen, Mahlzeiten, roter Ampel, Bureau, im Fluge vergangen war. Die Zeit stand, so schnell verging sie. Das Vermögen wuchs. Jürgens Ansehen stieg.

„Du sitzt im Lehnstuhl oder liegst im Bett, und über Nacht bist du um soundso viel reicher geworden“, sagte Jürgen scherzend zur Tante, die antwortete: „Du erbst alles.“

Herr Wagner erschien wieder jeden Tag pünktlich im Bureau. Grund zum Klagen gab ihm sein Teilhaber schon lange nicht mehr. „Unser Schwieger ist ein braver, tüchtiger Mensch. Die Interessen des Hauses und der Kunden gehen ihm über alles“, konnte er oft zu seiner Frau sagen, die immer wieder erwähnte: „Aber, daß sie mit der Wohnungseinrichtung nicht zufrieden sind, das ist ... also das versteh ich nicht. Nun, wenn er nur wenigstens im Geschäft tüchtig ist.“

Und dies hatte sich wie von selbst gemacht. Allmählich und unversehens war das Leben zum Gleis geworden, auf dem Jürgen durch die Jahre rollte.

Er war bekannt als großzügiger Philantrop und Mäcen, hatte mit unfehlbarem Stilverstande schon eine ganze Anzahl Antiquitäten und Bilder gesammelt und sie einstweilen in einem unbewohnten Raum der Villa verwahrt, denn er wollte das alte Palais, das auf dem stillen, größten Platze der Stadt stand, erwerben und nach seinem Geschmacke einrichten.

„Einer sammelt, sein leeres Dasein auszufüllen, Pfennige, die älter sind, als er selbst, oder kostbare Werke alter oder hervorragende neuer Kunst, oder macht Bastelarbeiten, die im Laufe von Jahren ein faustgroßes Schweizerhäuschen mit Alm, Sennerinnen, Kühen und fensterlnden Burschen werden“, sagte er zu einem befreundeten Fabrikanten, der eine Riesenvilla voll alter, gotischer Holzplastiken besaß.

„Ja, mein Lieber, etwas muß der Mensch doch haben. Außerdem: ich kaufe billig“, rief der Fabrikant. „Dann machts Freude. Wer nicht aufs Geld sieht, der natürlich bekommt heutzutage eine tadellose Sammlung, ganz gleich welcher Art, auch fix und fertig ins Haus geliefert.“

„Einer macht Buddhas Wort ‚Geh an der Welt vorüber, es ist nichts‘, zu seiner Weltanschauung, und bleibt in seiner Prachtwohnung mit Bad, Warmwasser, Dampfheizung und allem Komfort. Ein anderer gibt, vielleicht gar um das Stimmchen zu beruhigen, Summen für Wohltätigkeitszwecke oder unterstützt begabte junge Künstler. Ich tue beides und sammle obendrein“, schloß er in Selbstironie.

Und wenige Monate später sagte er zu dem selben Fabrikanten: „Die Lebensauffassung des Bürgers ist folgende: Jeder tue seine Pflicht. Dadurch arbeitet jeder für jeden. Das greift ineinander. So entstehen Reichtum und Kultur des Landes, numerierte Häuser, in denen die Menschen leben, Küchen, Geschirr, Schränke voll Wäsche, asphaltierte Straßen, Schulen, Ruhe und Ordnung. Weil jeder seine Pflicht tut. Und Obdachlosenheime, Polizei, Gerichtshöfe und Zuchthäuser sind da für diejenigen, die ihre Pflicht nicht tun ... Schön. Mag sein, daß er recht hat. Unsereiner aber unterscheidet sich von denen, die geradezu platzen vor Selbstgerechtigkeit. Denn Wissen und Geist und Besitz verpflichten zu mehr.“

Und er legte die Hand auf die Krokodilledermappe, in der die Notizen zu seinem geplanten Werke ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘ lagen. Nach dem Essen las er die Abendzeitung.

Seine Tage rückten auch weiterhin, gesichert und getragen von Gewohnheit und Achtung, ohne schmerzliche Ereignisse durch ihn durch und hinter ihn, wie eine verkehrsreiche Straße vorbeirollt und zurückbleibt.

Nur noch in den Träumen stand manchmal das vergewaltigte Ich auf, schrie seine grauenvolle Drohung, die nicht mehr bis in das neue Bewußtsein vordringen konnte. Die Entfernung war schon zu groß, und zwischen dem drohenden Ich und dem inneren Ohre Jürgens stand das Erleben vieler Jahre, das, zusammen mit der Millionenfältigkeit des unausgesetzten Strebens nach Erfolg, Genuß und Achtung, das neue Bewußtsein gebildet hatte. Ein fugenloser Schutzwall.

Das Ich drohte. Der Träumende stöhnte. Sah die graue Straße, auf der die Millionen dem Fabriktore der Welt zuschritten, grau und gespenstisch-lautlos. Sah den Gaskocher, neben dem Katharina steht, kaum bemerkbare Ironie im Blick. Und fleht sie an: „Laß deine Haare wieder wachsen. Was ist dir denn geschehen, sag, mir, was ist dir geschehen.“

Elisabeth blickte kopfschüttelnd das wildverzerrte Gesicht an, hinter dem das vergewaltigte Ich erfolglos um sein Dasein rang und Tränen durch die geschlossenen Lider schickte, weckte den Stöhnenden, der nicht mehr wußte, was er geträumt hatte.

Erleichtert aufatmend, lächelte er das Leben an, das neben ihm lag. Im Garten schrien die Vögel. Auch die tausend Tapetenvögelchen des sonnigen Schlafzimmers zwitscherten.

„Was bist du für ein Mensch, du lächelst mit Tränen in den Augen.“

Und Jürgen, wie er ihren duftenden Kopf sanft zu sich zog: „So ist das Leben: zum Lachen und zum Weinen in einem.“ Der Druck war ganz gewichen.

Nach dem Frühstück und dem Bade ging er in den Garten, sog genießend die warme, aromatische Luft ein, betrachtete über den Zaun weg des Nachbars frisch gegossene Salatbeete, die funkelnd unter der Sonne lagen, blieb vor jedem Rosenstämmchen stehen, freute sich über die kopfgroßen, farbigen Glaskugeln, die, von der Sonne getroffen, sein Gesicht daumengroß widerspiegelten, und bekam Lust, an der Wasserleitung weiterzuarbeiten, die anzulegen er vor einiger Zeit begonnen hatte, um seinen Garten mit einer Wasserkunst zu schmücken. Der Arzt hatte Jürgen körperliche Arbeit anempfohlen.

Das Graben und Schaufeln tat ihm wohl. Die zwölf auf Stangen steckenden Glaskugeln bildeten einen Kreis, in dessen Mitte die Wasserkunst steigen sollte. Die Brunnenfigur, ein lebensgroßer Jüngling in Bronze, erworben von einem jungen, unterstützungsbedürftigen Bildhauer, kniete schon, Kopf geneigt, Hände im Rücken, als wäre er gefesselt, unter dem Schneeballenbusch.

Im Garten nebenan sang der Nachbar die Nationalhymne. Elisabeth, in leichtem Sommerkleide, sah vom Liegestuhl aus ihrem gesunden, starken Manne zu. Phinchen servierte Butterbrote auf dem Tisch unter dem Nußbaum, unter dem die Tante häkelnd gesessen hatte. Sie lag im Bett und konnte nicht sterben.

Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt, die Zigarre im Munde, betrachtete Jürgen zufrieden seine Arbeit. „Nächstes Jahr werden auch wir ein Stück Nutzgarten anlegen: Gemüse- und Salatbeete, etwas Beerenobst. Körperliche Arbeit erhält gesund. Man muß vorbeugen, weißt du.“

Vögel huschten von Busch zu Busch. Die Amsel schnappte einen Wurm aus der frisch aufgeworfenen Erde, überquerte, nah dem Boden, den ganzen Garten und verschwand unter dem Schneeballenbusch.

Das Zwölfuhrläuten zahlreicher Kirchenglocken vereinigte sich über der Stadt, strahlte auseinander, hinaus zu den Gärten. Jürgen legte – wie im Bureau den Federhalter – pünktlich den Spaten aus der Hand. Nach dem Mittagessen schlief er. Die Zeitung war seiner Hand entfallen.

Saß dann am Schreibtisch vor der geöffneten Krokodilledermappe. Rechts stand eine Miniatur-Schillerbüste, geschmückt mit einem winzigen Lorbeerkranz, links der Tintenwischer – ein farbiges Tuchhähnchen mit Glasaugen – und in der Mitte das Tintenfaß: ein sich hochaufbäumender Bronzehirsch, auf dessen Geweih sieben Federhalter lagen. „Nun aber an die Arbeit!“ rief er und rieb die Hände.

In der Ferne ertönte eine Kindertrompete. Vorsichtig nahm er den eheringgroßen Lorbeerkranz vom Haupte Schillers herunter, betrachtete ihn genau, schob ihn auf seinen Finger, streckte sich, daß der Körper knackte und der Mund ein eigroßes Loch wurde, ergriff wieder den Federhalter und sah hinaus, wo der Sonntagnachmittag stand, der, zerteilt in Billionen Teilchen, durch das Fenster und durch alle Ritzen und Wände hereindrang.

„Sogar die Sonne scheint anders als an Werktagen, und alle Geräusche haben einen anderen Klang. Einen ekelhaften Klang! Unerträglich! Man ist wehrlos ... Da stehe ich also sozusagen auf der Höhe des Lebens, habe keine Sorgen, keine Schmerzen, und weiß nichts anzufangen mit dieser Höhe ... Sogar die Spatzen zwitschern Sonntags anders als in der Woche“, sagte, dunklen Druck in der Brust, Jürgen und öffnete ein Buch, legte es wieder weg, ergriff den Federhalter. Plötzlich glaubte er, deutlich gesehen zu haben, daß das Tintenfaß höhnisch gelächelt hatte. „Unsinn!“ rief er zornig sich selbst zu.

Der Wunsch nach dem Montag, nach der gewohnten Bureauarbeit und dem gewohnten Aufenthalt in der Börse huschte durch ihn durch. Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb und wann er an das Fenster getreten war. Die Fichtengruppe im Garten stand reglos. Ein hängender Ast störte die Symmetrie. ‚Auch morgen wird dieser Ast genau so wegstehen und übermorgen auch und auch noch in zehn Jahren. Dieser stupide Sonntag bringt einen um jeden Gedanken. Ah! und diese mörderische Zimmereinrichtung!‘

Der Himmel war gleichmäßig blau und sah aus, als ob er nie mehr nachtdunkel werden würde. In fernen Geräuschen schwammen die Töne der Kindertrompete. Im Garten sang der Nachbar. Jürgen hob die linke Schulter, hob die rechte Schulter, das linke Bein, das rechte. Die Bewegungen wurden zu einem gedrückten Tanz. Die Glaskugeln standen reglos.

Der hin- und herschwingende Elefantenrüssel im Salon zog weiße Fäden und blieb schief hängen. Jürgen sah deutlich den schiefhängenden Perpendikel. Gähnend und die Hände über dem Kopfe erhoben, wie ein Gefangener, der unter entsichertem Revolver abgeführt wird, ging er in den Salon, sah blöd auf den funktionierenden Perpendikel.

Die Sonntagsgeräusche drangen auch durch das offene Fenster in das Wohnzimmer, wo Elisabeth sich langweilte. „Nun, also was? Zu den Alten? Oder im Park spazierengehen? ... Daß du aber auch diese unverständliche Abneigung gegen das Autofahren hast!“

„Eine Grenze nach oben muß eingehalten werden, Herzchen“, sagte er gähnend. „Übrigens, wenn du willst, können wir auch fahren. Laß euer Auto kommen ... Auch langweilig!“

„Die rosa Studie und mein Porträt hängen schon seit Donnerstag. Außerdem noch zwanzig seiner besten Arbeiten.“ Und sie sprach von den großen Fortschritten, die ihr Geliebter gemacht habe. „Gehen wir in die Ausstellung!“

„Warum nicht gleich zum Zahnarzt!“

„Oder sonst jemand besuchen?“

Der Schlund der grauen Leere verschlang alle Vorschläge.

„Wen denn besuchen! Die sitzen sicher auch alle zuhause und wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Ein Glück, daß nicht alle Tage Sonntag ist ... Gehen wir in den Zirkus! Da tritt heute zum erstenmal eine Akrobatin auf, die, Kopf voran, weißt du, aus sechsundzwanzig Meter Höhe herunterspringt in ein Bassin, das nur vier Meter lang und hundertfünfzig Zentimeter breit ist. Denk an: dieses winzige Loch in der Manege und dabei diese riesige Höhe! Unbegreiflich! Das sollte gar nicht erlaubt werden. Das Bassin ist mit scharfkantigem Winkeleisen eingefaßt. Wenn das Mädchen nur um fünf Zentimeter fehl springt, schlägt es sich Schulter und Arm vom Körper weg. Aber aufregend wird die Sache sein. Jedenfalls besser, als hier zu sitzen.“

Die Zauntür drückte die beiden hinaus. Jürgen sah zurück in den gepflegten Garten, betrachtete das glänzende Messingschild, auf dem nur ‚Kolbenreiher‘ stand, und zog den Hut vor der Tante, die, starr blickend, wie ein altes Bild im Fensterrahmen schwebte.

Nachdem die Akrobatin von dem zehn Meter und von dem fünfzehn Meter hohen Standplatze aus gesprungen und wieder am Seil emporgezogen worden war zu dem sechsundzwanzig Meter hohen Standplatz dicht unter der Zirkuskuppel, von der aus gesehen die Manege einem am Boden liegenden Kinderreifen und das Bassin einem schwarzen Bleistiftstrich glichen, erklärte Jürgen ausführlich, jetzt liege die Gefahr sogar noch weniger darin, das schmale Bassin zu verfehlen, als vielmehr darin, daß das Mädchen sich durch die gewaltige Wucht des Sturzes den Kopf auf dem Grunde des Bassins zerschellen müsse, wenn sie nicht, im Wasser angelangt, im entscheidenden Bruchteil der Sekunde blitzschnell die Drehung zurück zur Wasseroberfläche ausführe.

Die Musik schwieg. Das Publikum verstummte. Die Akrobatin blickte hinunter auf den Bleistiftstrich, in den hinein sie sich stürzen mußte, breitete die Arme aus. Frauen sahen weg. Auch Elisabeth sah weg.

„Langweilig ist das nicht. Du siehst, sogar ein Sonntagnachmittag kann ausgefüllt werden“, sagte Jürgen,

während die Tante mit einer ihr ganz fremden Bangigkeit die Bibel aufschlug und Sätze las, die, vor grauen Zeiten ersonnen, oft von ihr gelesen, gehört, ausgesprochen und gesungen, ihr auch jetzt nichts sagten. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, litt unter der Angstbeklemmung, daß dann alle sie betrachten würden und sie vielleicht ein ganz anderes Gesicht haben werde als sie habe.

Und während der Mädchenkörper in der Luft eine weiche Drehung machte und, Kopf voran, Hände wie betend zusammengelegt, gleich einem bleiernen Fische an der obersten Galerie und an der erhöht sitzenden Musikkapelle vorbei senkrecht in die Tiefe stürzte, dem schwarzen Strich und dem rapid größer werdenden Sägmehlkreis in verzehnfachter Schnelligkeit entgegen, blickte die Tante noch einmal auf das breit vor ihr liegende Land hinaus, das in der Ferne schon von der rötlichen Dämmerung genommen wurde, und schaukelte plötzlich in sich zusammen.

„Die hocken immer zuhause, die Alten. Sicher würden auch sie sich hier unterhalten und zerstreuen“, sagte Jürgen in den Beifallssturm hinein, während die Tante, unveränderten Gesichtes, bewußtlos auf dem Boden lag.

Der Arzt wurde geholt, machte einen Aderlaß. Die Tante erholte sich. Um zehn Uhr lagen alle drei im Bett. Elisabeth stand noch einmal auf, ein frisches Nachthemd anzuziehen. Und als sie aus dem alten herausgestiegen und in das frische noch nicht hineingeschlüpft war, ließ Jürgen, an die Gewohnheit gespannt wie ein Pferd an die Droschke, die rote Ampel aufleuchten.

Am andern Tage, einige Stunden vor ihrem Ableben, bekam die Tante noch Besuch. Auf dem Tablett lagen schon siebenundzwanzig Orangen. Atembenommen, schon schwarz beschattet vom Tode, hatte die Tante hocherfreut für die Früchte gedankt.

Auf fünf Uhr war der Geistliche mit den Ministranten bestellt, die letzte Ölung zu erteilen. Die Sterbende überwand ihre tödliche Schwäche und richtete sich noch einmal auf im Bett. „Vielleicht spreche ich jetzt das letztemal mit dir, Jürgen.“

„Du stirbst nicht, Tante, Unsinn!“

„... letztemal mit dir. Ich habe immer meine Pflicht getan. An dir, Jürgen, und überhaupt. Vor allem an dir! Du bist ein geachteter Mann geworden. Das hast du zum Teil auch mir zu verdanken. Weißt du noch, wie das kam? ... Ein sehr geachteter Mann!“

Alles Blut verließ Jürgens Gesicht. Sie bemerkte seine Blässe und Verwirrung nicht, schilderte, mühsam stammelnd, wo er hingekommen wäre, wenn er das, was er Opferbereitschaft und Hingabe genannt habe, weiter verfolgt hätte. „So aber kann ich ruhig sterben.“

Jürgen hörte nichts mehr. Sie zog seinen Kopf neben sich auf das Kissen, nahm ihm das Wort ab, daß er auf dem eingeschlagenen Wege weitergehen werde. „Merke dir: was man einem Sterbenden in die Hand verspricht, muß man halten.“

Jürgen wußte nicht, was er versprochen hatte. Vergangenheit und Gegenwart stürzten ineinander. Er hörte auch nicht, daß die Tante von ihren bisher verheimlichten Aktien sprach.

„Diese Wertpapiere darfst du nur dann verkaufen, wenn mein Bankier dazu rät. Vor allem: Lasse die Hypotheken auf den großen Häusern stehen! Und lasse nicht so viel herrichten! Reparaturen und Handwerker kosten Geld.“

„Da muß ich ja Hypothekenzinsen bezahlen“, sagte Jürgens Mund vom Kissen weg.

Ihre Hand blieb auf seinem Kopfe. „Aber die Grundbesitzsteuer ist viel höher als die Zinsen, die man für Hypotheken bezahlen muß. Deshalb belastet man ein Haus so hoch wie möglich mit Hypotheken“, erklärte sie, unterbrochen von Atemnot, „legt das Geld in Wertpapieren an und bezahlt mit den Zinsen die Hypothekenzinsen. Dafür hat man keine Grundbesitzsteuer zu zahlen, weil einem die Häuser gar nicht gehören.“

„Unsere Häuser gehören mir nicht?“

„Nur scheinbar nicht! Man besitzt sie nur scheinbar nicht.“ Sie konnte vor Schwäche nicht mehr sprechen.

Die Flurglocke hatte geläutet. Weihrauchduft drang ins Zimmer. Jürgen wollte die Tante beruhigen, war aber so verwirrt, daß er sagte: „Also mit den Zinsen von den Wertpapieren bezahle ich die Grundbesitzsteuer.“

„Nein, die Hypothekenzinsen!“

„Aber es gibt doch viel bessere Kapitalsanlagen. Weshalb soll ich denn ...“

„Laß dirs von meinem Rechtsanwalt erklären.“

„... soll ich denn unbedingt Hypotheken aufnehmen, wenn ich Geld und Wertpapiere besitze, die viel besser ...“

„Rechtsanwalt“, flüsterte die Tante.

Der Geistliche und die Ministranten traten ein. Das Weihrauchfaß überquerte dreimal das Bett. „Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo.“

Die ganze Villa roch noch nach Weihrauch, als Jürgen, im Gehrock und schwarz behandschuht, von der Beerdigung zurückkam. Das weiße Taschentuch in der einen, den Zylinder in der rechten Hand, so am Rande gefaßt, daß er einen Gummiball hätte auffangen können, stand er im Sterbezimmer.

Auch eine Woche später, nachdem ihm vom Rechtsanwalt schon eröffnet worden war, daß die Tante das dreifache an erwartetem Barvermögen hinterlassen hatte, stand noch ein schwacher Weihrauchduft in den Zimmern und erinnerte Jürgen an des Vaters Todestag, an die Seelennot, Unsicherheit, an die Kämpfe der Jugend, auf die er, stehend nun auf dem festen, breiten, gefahrlosen Boden der Gegenwart, lächelnd zurückblickte.

Da unten taumelt ein empfindsamer Jüngling umher, getroffen von einem Worte, in Verzweiflung und Leid versetzt durch einen Blick. In ununterbrochene Qualen gestellt durch das Leben, wie es ist. Durch eine jugendliche Sehnsucht nach unerfüllbaren Idealen und nach der Wahrheit, die es nicht gibt, streift den Jüngling sogar öfters der Tod ... Hier sitzt der Mann im Sessel. In Sicherheit. Unverwundbar. Und nicht eine Sekunde der Gegenwart wird ihm, wie früher, vergällt und gestohlen von der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.

‚Und sogar aus dem Sozialismus, aus dieser grauen Sackgasse, in der ich vier Jahre steckte, habe ich wieder herausgefunden ... Jetzt wenn der Vater mich sehen könnte, er würde nicht mehr sagen: Na, du schmähliches Etwas!‘

An dem großen Gesellschaftsabend des Herrn Papierfabrikanten Hommes, der ersten Festlichkeit, die Jürgen nach dem ereignislos vergangenen Trauerjahr besuchte, ließ ein früherer Mitschüler, der als naturalisierter Engländer zwanzig Jahre ununterbrochen in den englischen Kolonien gelebt und eine große Baumwollexportfirma gegründet hatte, sich dem Bankier Jürgen Kolbenreiher vorstellen, der auch auf diesem Feste für viele der Mittelpunkt war.

„Wie erging es Ihrem Herrn Bruder? Ich habe nämlich zusammen mit Ihrem Herrn Bruder das hiesige Gymnasium besucht ... Verzeihung, ich weiß ja nichts. Bin ja ohne jeden Kontakt gewesen“, setzte der Engländer sofort hinzu, als er Jürgens betroffen fragenden Blick bemerkte, und entschuldigte sich, da er durch seine Frage offenbar eine schmerzliche Erinnerung wachgerufen habe.

Jürgen hob die Schulter. Seine Augen suchten. „Ich habe keinen Bruder.“

Aber solch einen Streich könne sein Gedächtnis ihm doch nicht spielen; er sei ja jahrelang mit einem Mitschüler Kolbenreiher in dem selben Klassenzimmer gesessen. „Ich sehe ihn heute noch leibhaftig vor mir. Ein schwärmerischer Jüngling, höchst eigenartig! Ein liebenswerter, ein sehr gefährdeter Mensch, dachte ich noch oft in späteren Jahren ... Er war also nicht Ihr Bruder? Offenbar eine Namensgleichheit!“

Die glänzenden Toiletten, der Kronleuchter, Streichquartett, Champagnertischchen schwankten. Jürgens Gesicht fiel ein, war grau geworden. „Habe ich mich denn so verändert, so furchtbar verändert, daß Sie in mir ... in mir jenen gar nicht mehr zu erkennen vermögen?“

„Also Sie selbst!“ rief, freudig erstaunt, der Engländer. „Das hätte ich, das allerdings hätte ich nie vermutet. Ich gratuliere, gratuliere wirklich von Herzen ... Wie man sich irren kann! Ich habe nämlich gedacht – in den Kolonien ist unsereiner ja recht einsam und denkt viel an die Jugendzeit zurück – habe oft gedacht, dieser Mensch wird entweder ein ganz abseitiges Leben führen, vielleicht auch irgendeine große Tat vollbringen, wenn die Situation das zuläßt – im Krieg und so – oder er wird zugrunde gehen. Und nun – wie ich mich freue! ... Übrigens nur ein Beweis mehr dafür, wie sehr die Menschen, alle Menschen, sich mit den Jahren verändern, sich innerlich sozusagen festigen!“

An diesem Abend betrank Jürgen sich so, daß er in das Fremdenzimmer des Herrn Hommes gebracht werden und Elisabeth allein nachhause fahren mußte. Nach einer mehrwöchigen Reise, ziellos in Europa umher, saß er wieder im Direktionsbureau. Im Nebenraum unterhielten sich zwei Bankbeamte.

Vor einem Jahre sei er an den Alimenten noch unverhofft vorbeigekommen. Das Kind sei gestorben. Aber kürzlich sei sein Mädchen wieder Mutter geworden.

Auch Elisabeth war schwanger. Jürgen freute sich auf das Kind, stellte sich vor, wie es aussehen, ob es ihm oder ihr gleichen werde. Blauäugig? Oder braun? dachte er. Und horchte auf die Worte des Beamten, der seinem Kollegen genau vorrechnete, wie wenig ihm von seinem Gehalte bleiben werde, nach Abzug der Alimente. „Das halte ich nicht aus.“

Gewandt schlüpfte der Beamte in sein elegantes Mäntelchen. „Heute feiere ich Abschied von der Jugend. Ich heirate. Sie hat nichts, ich habe nichts. Sechs versilberte Kaffeelöffel sind der Grundstein unseres Glückes.“

Er steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch. „Extra für heute gekauft. Leichtsinnig, was? ... Vor diesem Glück habe ich jetzt schon Angst. Du schläfst Nacht für Nacht neben und mit deiner Frau. Immer mit der selben! Du siehst sie halb angezogen, unfrisiert, im Schlafrock – wenn sie einen hat –, ißt mit ihr, sprichst mit ihr. Und nicht nur von Veilchen und Tanz, mein Lieber! Das Prickelnde ist bald dahin. In jeder Ehe! Man gewöhnt sich. Dann liebt man eben außerhalb herum, wie? ... Aber kann denn ich mir das leisten, bei meinem Gehalt? Du mußt Blumen kaufen, die Zeche bezahlen. Am Ende bestellt sie sich auch noch etwas zu essen. Das kostet dann ein Heidengeld ... Unserem Chef natürlich, dem jungen Chef mit der gespickten Brieftasche und dem Scheckbuch, dem kann die Gewohnheit nichts anhaben. Der kann sich jede kaufen. Unsereiner aber muß, wenn er heiratet, glatt Abschied nehmen von der Jugend.“

Mir also, meint er, kann die Gewohnheit nichts anhaben, dachte Jürgen noch in der Straßenbahn, suchte zuhause Elisabeth in allen Räumen und fand sie endlich im Schlafzimmer, wo sie erblaßt auf dem Bettrand saß. Ihr Leib stand stark vor.

Tagelang schrie Elisabeth in Schmerzen, schrie die lange Nacht durch, in den trüben Morgen hinein, bis der Arzt sie von einer toten Frühgeburt entbunden hatte.

Die blutigen Messer und Geburtszangen lagen noch auf dem Tisch. Der schweißtriefende. Arzt wollte ein letztes Mittel anwenden, die Entbundene zu retten, da stieß sie ihn weg von ihrem zerrissenen Leib. Ein neuer Blutstrom schoß ins Bett. Der Arzt breitete ein Tuch über die verwüstete Tote und ließ die Arme sinken, ging hinaus in den herbstlichen Garten zu Jürgen. Der Himmel hing voll Regen. Der Garten war naß, die Luft kalt.

Einige Tage später – Elisabeth war schon begraben, Jürgen umwickelte Rosenstämmchen mit Stroh – sagte er leise vor sich hin: „Das Geld ist mir doch sicher ganz gleichgültig. Wie kam ich nur auf diesen abscheulichen Gedanken?“

Der Gedanke war, flüchtiger als ein Vogel, der den Blick schneidet, gleichzeitig mit anderen Gedanken aufgetaucht und wieder verschwunden. ‚Da das Kind tot ist, fällt die Mitgift mir zu.‘

‚Ein böser Gedanke. Enthält aber eine juristisch einwandfreie Tatsache ... Kein Mensch hat die Macht, das Entstehen eines Gedankens zu erzwingen oder zu verhindern.‘ Er sah empor zur beschädigten Dachrinne, von der dicke Tropfen schnell hintereinander herunterfielen, immer auf die selbe Stelle, wie damals im Rattenhof. Hing die Bastfäden über einen Ast und rief Phinchen zu, sie müsse den Spengler holen. „Die Dachrinne ist leck. Siehst du, dort oben.“

Jahrelang trug Jürgen sich mit dem Gedanken, wieder zu heiraten. Auch der Schwiegervater redete ihm zu, nannte sogar einige Töchter vornehmer Familien. Er solle endlich das Palais kaufen, hübsch einrichten. Repräsentieren.

„Ich finde aber“, sagte Jürgen lachend zu Phinchen, „faktisch nicht die Zeit, eine Frau zu lieben.“ Kundenkreis und Finanzaktionen des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher vermehrten und vergrößerten sich in immer schneller werdendem Tempo.

Jürgen verkehrte in Familien, wo nur von Geld gesprochen wurde. Und in Familien, die so reich geworden waren, daß es schon wieder für unvornehm galt, von Geld zu sprechen, anstatt von Humanität und Wohltätigkeit, Kunst, Mystik, Kultur und Goethe. Hohe Räume, stilvoll, von erlesenstem Geschmacke. Wertvolle Gemälde, märchenhafte Bedienung. Junge Künstler, die unterstützt wurden. Geistvolle Gespräche. Und Beklemmung für die Gäste, die noch nicht so reich waren.

Zu diesen gehörte der Berliner Bankier Leo Seidel nicht; seine Worte wurden an dem Herrenabend, den Jürgen zu Ehren seines für wenige Tage in die Heimatstadt zurückgekehrten früheren Mitschülers gab, von den Börsianern ebenso vorsichtig gewogen und auf Fallen untersucht, wie die des reichen, leberkranken Hütten- und Walzwerkbesitzers auf Jürgens Hochzeit gewendet und gewogen worden waren.

Der noch nicht vierzigjährige Seidel, tadellos unauffällig gekleidet, sah viel älter aus, und als könne er von nun an nicht mehr älter werden. Es schien, als sei das winzige sommersprossige Dreieck mit dem erreichten Ziele von nun an stationär.

Seidel, im Ziele sitzend, sichtlich uninteressiert an den Meinungen dieser von ihm weit überholten Fabrikanten und Bankleute, die einzuholen vor zwanzig Jahren sein größter Ehrgeiz gewesen war, zeigte nicht, daß diese Stunden für ihn nur ein Opfer an Zeit bedeuteten, und sprach dennoch nicht einen Satz mehr, als die Höflichkeit gebot.

Er entsann sich, daß er vor zehn Jahren, erst auf dem Wege zum Ziel, erfüllt von altem Hasse gegen diese vornehmen Bürgerfamilien, noch Befriedigung gefunden hatte in der Vorstellung, daß er, der gedemütigte Briefträgerssohn, sich eine dieser Töchter seiner Heimatstadt zur Frau wählen werde.

Mit dem Erreichen des Zieles war dieser Haß vergangen und Interesselosigkeit entstanden. Außerdem hatte er, wie Jürgen, längst die Erfahrung gemacht, daß jede verheiratete Frau dieser Kreise zu gewinnen war, wenn auch nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt.

In Pensionen ging auch Jürgen, obwohl er seit Jahren verwitwet war, nicht mehr. „Diese Mädchen sind entweder arme Tierchen, nur auf Geld aus, also erotisch an uns völlig uninteressiert, folglich langweilig; oder sentimentale Unschuldslämmer, verglichen mit unseren Damen der Gesellschaft, die voller Nervenraffinements und zu allem imstande sind“, hatte er auf Adolf Sinsheimers wiederholte Bitte, wieder einmal mit in den orientalischen Salon zu gehen, geantwortet.

Nach dem Mahle standen Jürgen und Seidel, in der Hand die Mokkatassen, abseits, zwischen sich die hohe Standuhr, deren Ticken das Gespräch für die noch an der langen Tafel sitzenden Börsianer unverständlich machte, und Seidel nannte kurz den Grund seines Hierseins. Er sei gezwungen, den schon eingeleiteten Zusammenschluß einiger großer Bankinstitute zu paralysieren: seinerseits einen großen Finanzkonzern zu organisieren.

Jürgen hatte einige Male genickt. „Ich selbst erwäge schon seit geraumer Zeit diesen Plan, habe auch schon vorgearbeitet. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der betreffenden Werte ist schon in meinen Händen.“ Er sah seine Gäste an, sah Leo Seidel an. „Man wird reicher und reicher ... Wozu?“

„Man muß die Urprodukte, die Erdschätze, in die Hand bekommen. Die Kohle! Wer sie hat, kontrolliert schließlich die ganze Produktion.“

„Sag mal“, begann nach einer Pause Jürgen entschlossenen Tones, zuckend mit der Schulter, als habe er sich selbst versichert, daß es ihm gleich sei, was Seidel über ihn wegen des folgenden denken werde, „weshalb eigentlich ist es nun dein Ziel, die Urprodukte, die Kontrolle über die ganze Wirtschaft in die Hand zu bekommen, oder, mit andern Worten, der mächtigste Mann des Landes zu werden? Welche Idee – hinaus über den Wunsch, persönliche Begierden jeglicher Art stillen zu können, was zu tun du ja schon längst imstande bist – verfolgest du dabei?“

Seidel blickte nachdenklich vor sich hin.

„Macht um der Macht selbst willen? Oder die Erkenntnis, daß geschluckt wird, wer nicht selbst schluckt? Oder um deiner Kinder willen, wenn du welche hast? Das alles hat doch mit einer positiven Idee nichts zu tun.“

„Aber auch zur Erlangung der Kontrolle über Kohle, Brennstoffe, Erze wäre der geplante Zusammenschluß eine wesentliche Voraussetzung.“

„Und das Sichabfinden damit, daß infolge der Konkurrenzjagd von Zeit zu Zeit ein Krieg und der Tod einiger Hunderttausend oder Millionen eben naturnotwendig, die Schattenseite sei, der aber die moderne Zivilisation als Plus gegenüberstehe, ist doch ebenfalls keine tragfähige Grundlage für eine Idee, für eine Lebensordnung, mit der auf die Dauer der Mensch sich abfinden könnte, sondern, scheint mir, nicht mehr als eine peinliche Mischung von Fatalismus und Zynismus.“

Seidel, der gar nicht mehr zugehört hatte, zeigte ein flüchtiges Höflichkeitslächeln und schrieb etwas in sein Notizbuch.

„Willst du mir nicht antworten? Oder weißt du keine Antwort auf meine Frage?“

Rückwärts an der langen Tafel war es plötzlich still geworden. „Ein Straßenmädchen ging mit einem Juden ...“

„Das Nähtischchen deiner Mutter steht noch in meinem Bodenraum. Erinnerst du dich? Das sind jetzt zwanzig Jahre her.“

„Ich erwarte dich also morgen im Hotel oder bringe dir die Unterlagen in die Bank.“

Das Lachen des Herrn Hommes platzte wie das dunkle Brüllen einer Autohupe in die Stille. „Kenn ihn schon! Aber erzählen Sie nur weiter.“

„Auch einen großen Teil der Produktion chemischer Artikel würden wir kontrollieren, falls die Fusion zustande käme.“ Seidel nannte die Fabrik, Gesamtzahl und Kursstand der Aktien, von denen die in Frage stehenden Banken nach der Fusion die Mehrheit haben würden.

Jürgen blickte nach rückwärts auf die acht grauweißen Hinterköpfe, denen gegenüber acht weinrote Gesichter im Zigarrenqualm hingen. „Ja, wir könnten für viele chemische Artikel, Farben und vor allem für die wichtigsten Arzneimittel die Preise bestimmen ... Gewiß keine Kleinigkeit!“

Herr Wagner ergriff den Arm des Herrn Hommes, deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück auf Seidel: „Er hat verdient.“

„Ich weiß eine andere Fassung: Der selbe Jude kommt in ein Bordell ...“

„Kenn ich!“ rief Herr Hommes und brüllte los.

Seidel erwähnte die Krankheit, von der die Arbeiter dieser chemischen Fabrik befallen wurden. Es sei sehr schwer, Leute zu bekommen. Nur durch hohe Gefahrprämien seien sie an die Siedkessel heranzubringen. Diese Geschichte habe sogar schon auf den Kurs gedrückt.

„Ich hörte davon. Die Leute werden gelb. Es ist aber keine Gelbsucht. Auch alle Schleimhäute entzünden sich. Schwere Augenkrankheiten! Die Arbeiterinnen bekommen keine Kinder mehr, werden vollkommen steril.“

„Und eines Tages war die Pleite da“, schloß der Fabrikant, der die Villa voll gotischer Holzplastiken besaß. „Eben eine zu gewagte Spekulation!“

„No, was sag ich!“

„Es sind ja Erfindungen gemacht worden“, sagte Seidel und schrieb und las dabei weiter in seinem Notizbuch. „Die Fabrikleitung hat diese Erfindungen auch erworben. Aber die Konstruktion und Erhaltung dieser Schutzapparatur würde riesige Summen verschlingen. Auch wertvolle Nebenprodukte und Abgase würden durch die Einschaltung dieser Schutzapparate verlorengehen.“

„Nein, nein, uns fehlt nichts“, antwortete Herr Wagner beruhigend auf Jürgens Frage. Und zu Herrn Hommes: „Womit? Das mußt du dir von ihm selber verraten lassen. Ich sag nur: er hat verdient.“

„Daß die Leute diese unheimliche Krankheit bekommen, weil Schutzapparate nicht in Betrieb gesetzt werden, ist ein bißchen drückend für denjenigen, der die Aktien besitzt und die Dividenden bezieht.“

Seidel zeigte sein flüchtiges Lächeln. „Möchtest du zusammen mit mir wieder einen Bund der Empörer gründen? ... Noch eine Sekunde!“ bat er und zog Jürgen wieder neben die Standuhr. „Weshalb ich außerdem hierhergekommen bin. Kannst mir vielleicht einen Rat geben. Ich möchte – es leben ja auch noch viele Leute hier, die meine Eltern gekannt haben; aber auch sonst! – ich möchte eine Stiftung machen. Säuglingsheim, Krankenhaus oder ein Kunstmuseum. Meiner Heimatstadt, weißt du!“

Jürgen griff sofort mit beiden Händen rückwärts nach dem Rauchtischchen; dennoch fiel er, beinschwach geworden vor eruptivem Lachen, in den Sessel. Er hielt die Hand hoch, Zeigefinger und Daumen zusammengepreßt, als ob er ein Ungeziefer gefangen hätte. „Ein Krankenhaus für ... für die Heimatstadt!“

Hände an die Seitenlehnen angeklammert, Oberkörper zurückgeworfen, starrte er, durchschüttert von Lachen, atembenommen Leo Seidel an, dessen Gesicht so weiß geworden war, daß die alten Sommersprossen stärker hervortraten, wie damals, da er Jürgen das Nähtischchen seiner Mutter zum Aufbewahren übergeben und gesagt hatte: „Zweifellos wird die ganze Bande auf den Jahrmarkt kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen.“

„Und obendrein ist das auch die Antwort. Das ganze Systemchen ist steril geworden. Wie die Arbeiterinnen, die nicht mehr gebären können ... Für die Heimatstadt!“ Des Lachenden zuckende Schulter stieß an die Standuhr, die metallisch tönte.

An der Tafel erklang vielstimmiges, speckiges Gemecker. Sechzehn rote Gesichter drehten sich den beiden zu. Sechzehn Paar Augen fragten. Und Herr Hommes rief: „Wir wollen ihn auch hören.“

„Gut, du stiftest ein Säuglingsheim für die Kinder, die von den Arbeiterinnen nicht geboren werden können, ich ein Krankenhaus für diejenigen, die gestorben sind, weil sie die teueren Arzneimittel nicht bezahlen konnten, und zusammen stiften wir ein Kunstmuseum, von wegen der Kultur.“

Seine linke Gesichtshälfte lachte noch. Er hakte ein, zog ihn zur Tafel. Dort legte er die Hand auf Seidels Schulter. „Soeben sagte mir Herr Leo Seidel, der bekanntlich ein Kind unserer Stadt ist, daß er seiner Heimatgemeinde ein mit allen hygienischen Errungenschaften eingerichtetes Säuglingsheim in beliebiger Größe stiften wird ... Aus ... aus Anhänglichkeit.“

Er leerte sein Glas. Füllte und leerte. Begann wieder zu lachen. Trank. ‚Dieser harte, mächtige Mann – ein kleines Schuftchen, ein winziges Ungeziefer, das in seiner Heimatstadt noch ganz besonders geachtet werden will ... als Wohltäter!‘

Herr Hommes bedeckte Mund und Nase mit der Hand, warf den Kopf in den Nacken und dann tief zur Tischplatte, als müsse er niesen, nieste nicht; er sagte zu Herrn Wagner: „Da muß er aber groß verdient haben.“

„No, was sag ich!“

‚Entzündete Augen, entzündete Schleimhäute, Eierstöcke, Knochen, Lungen, entzündete Maschinengewehre und Schwergeschütze, entzündete Seelen, eiternde Seelen – und ein Krankenhaus für alle, finanziert mit Kapital, das entstanden ist durch das Systemchen, welches diese planetare Entzündung verursachte. Das ist die Antwort. Hoppla, das ist sie ... Und die Fusion wird zustande kommen. Und die Kontrolle über die wichtigsten Arzneimittel. Und ich werde noch mächtiger werden. Und das ist nicht zu ändern. Es gibt keinen Ausweg. Mir kann nichts passieren – denn ich bin schwerlich zu entlausen, denkt mit Recht die Laus.‘

Er saß abseits rittlings auf dem Stuhle und glotzte vergnügt. Stellte das geleerte Glas auf den Fußboden. ‚Eiternde Seelen‘, begann er wieder, diesmal von rückwärts, und zählte an den Fingern her, wie der Metallarbeiter mit der verstümmelten Hand. Sah plötzlich eine Riesenebene, auf der Millionen Menschen reglos blickten. Die Gesichter derer, die am allerweitesten, die kilometerweit zurückstanden, waren größer als die der Nächststehenden. Alle Gesichter waren gelb.

„Gelb! Gelb! Gelb! ... Bin ich denn in China? ... Wollte ja Dolmetscher in China werden.“

Er stürzte vom Stuhle. In seinem Hinterkopfe klopfte dunkel ein Hammer aus Gummi.