VII

Phinchen mußte sich strecken, um mit der Bürste den Rockkragen erreichen zu können. Wie jeden Morgen trat Jürgen, als probiere er eine neue Hose an, einigemal am Platze, sich richtig in den Anzug hineinzudrücken, nahm den Spazierstock aus Phinchens Hand und verließ pünktlich die Villa. Der Schaffner, im Laufe der vierzehn Jahre auf dieser Strecke ergraut, half dem schwer gewordenen täglichen Fahrgast in den Wagen.

Unwillkürlich rückte Jürgen etwas ab von einem dürftig gekleideten Manne, dem die Nase fehlte. Außer diesem Arbeiter saß im Wagen ein kleines Mädchen, das, die Augen angstvoll vergrößert, seine Hausaufgabe im Katechismus repetierte und immer wieder begann: „Aber Jesus sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen ...“

Der Schaffner kassierte. Der Nasenlose hatte kein Geld.

„Aber Jesus sprach ...“

„Dann müssen Sie aussteigen.“

Der Nasenlose, entschlossen, sitzen zu bleiben, geriet in Erregung. Er sei monatelang arbeitslos gewesen. Wenn er nicht mitfahren dürfe, komme er zu spät und erhalte die Aushilfsstelle nicht. Alle Qualen seines Lebens sammelten und verwandelten sich in Widerstand und Zorn gegen den Schaffner.

Auch der war wütend geworden, gab das Haltesignal. „Wie kann einer einsteigen, wenn er das Fahrgeld nicht hat! So etwas gibts nicht.“ Der Wagen hielt. „Wenn ich Sie ohne Schein mitfahren lasse, verliere ja ich meine Stelle.“

„Wenn einer arbeiten will!“ schrie verzweifelt der Mann und schimpfte los auf die reichen Nichtstuer, die nicht nötig hätten, zu arbeiten.

„Auf! Sie müssen aussteigen.“ Er mußte den sich Wehrenden am Arme packen und aus dem Wagen hinausdrücken.

„Aber Jesus sprach ...“ lernte das Mädchen in so großer Angst, die Hausaufgabe in der Schule nicht hersagen zu können, daß es von der ganzen Szene nichts bemerkte.

Auch Jürgen, der die Kursberichte gelesen und dabei, tief beunruhigt, an den Traum der letzten Nacht gedacht hatte, wußte nicht, weshalb des Schaffners Lippen und die Hand, die die Zange hielt, bebten. Automatisch zog er die Abonnementskarte, in die seine Jugendphotographie eingeklebt war. ‚Welch ein fürchterlicher, fürchterlicher Traum!‘

Der Schaffner war noch zornig. „Sie sollten auch einmal ein neues Bild einkleben. Das sind ja gar nicht mehr Sie.“ Er hielt die Photographie prüfend von sich weg. „Das ist ja ein ganz anderer, könnte man glauben.“

Jürgen blickte auf die Augen des Jünglingsbildes, die aus ungeheurer Ferne groß und ernst zurückblickten. Das Gesicht des Nasenlosen tauchte neben dem Fenster mit Sprungregelmäßigkeit auf und nieder.

‚Träume seien nun einmal nichts als Schäume, sagt der Hausarzt ... Ist aber auch dieser entsetzliche Traum nur flaumleichter Abfall des Lebens und ohne tiefere Bedeutung?‘ Selbst jetzt noch, während der Fahrt durch den sonnigen Tag, stockte Jürgens Herz:

Er steht, befrackt, weiß behandschuht und im Halbkreise umgeben von den zwölf schwarzgekleideten Zeugen, in der Mitte des festlich erleuchteten Gesellschaftssaales vor dem Hinrichtungsblock, tritt zurück, hebt das Beil - und läßt es hineinsausen in den Nacken. Der Kopf geht nicht herunter. Und jetzt erst sieht er, daß er selbst, als Student, am Blocke kniet und von sich selbst hingerichtet werden muß, im Namen des Lebens, wie es ist. Gezwungen von den Blicken der zwölf stummen Zeugen, muß Jürgen noch einige Male in die furchtbare Nackenwunde hineinschlagen, bis der Kopf Jürgens, des Studenten, herunterfällt. Die Streichmusik endet.

Tirolerinnen, die schiefe Münder haben, reichen lebendes Fruchteis. Um nicht essen zu müssen von diesem schauerlichen, lebenden Eise, wühlt Jürgen sich durch die empört nachblickenden Damen und Herren durch, flüchtet die Treppe hinunter und stürzt in fliegender Eile durch die menschenleeren Mondstraßen heimwärts, durch den schimmernden Garten.

Da kniet, an Stelle der Brunnenfigur, der Rumpf in der Mitte des Bassins, Hände im Rücken gefesselt, symmetrisch umstanden von den zwölf auf Stangen steckenden, farbigen, kopfgroßen Glaskugeln, die jetzt die zwölf Hinrichtungszeugen sind, und aus dem Halsstumpfe steigt das Blut als Springbrünnchen empor. Die Symmetrie wird gestört durch Jürgens Jünglingskopf, der anstelle der gelben Glaskugel auf der Stange steckt und die grauenvolle Drohung ausspricht.

„In Vollmondnächten sollten Sie nicht bei unverhängten Fenstern schlafen. Auch abends keine schweren Speisen essen. Die verursachen gleichfalls Albträume“, hatte der Hausarzt gesagt.

Das Schulmädchen stieg aus, schlug auf der Straße den Katechismus wieder auf und lernte weiter. Jürgen saß allein im Wagen. Er überlegte, welche Weisungen er heute dem Prokuristen zu geben habe für die Börse. Plötzlich fletschte er, Mundwinkel in die Wangen zurückgezogen, die zusammengebissenen Zähne, drehte den Kopf seitwärts und bewegte die Lippen, als verhandle er mit einem hinter ihm Stehenden, der Befehle erteile, die Jürgen nicht befolgen könne.

Erst als er hinaus auf die rückwärtige Plattform trat und mit dem Schaffner eine Unterhaltung begann, entspannte sich sein Gesicht wieder.

Angefangen hatten diese Zustände vor einem Jahre. Er geht spazieren und muß plötzlich stehenbleiben, hat Atembeschwerden, ist nicht imstande, an einem Ecksteine oder an einem Baume oder an einem Laternenpfahle, der sich durch nichts von anderen Laternenpfählen unterscheidet, vorüberzugehen. Kopf seitwärts gedreht, Zähne gefletscht, kämpft er gegen das Unsichtbare, das unausführbare Befehle erteilt.

Schnell tritt er in den nächsten Laden, setzt sich, studiert die Gesichter der Kunden, unterhält sich mit der Verkäuferin und bittet sie, ihm sechs besonders hartborstige Zahnbürsten in die Villa zu schicken. In dem unbewohnten Raume der Villa, wo auch die Antiquitäten und Gemälde für das Palais aufbewahrt waren, hatte sich im Laufe des letzten Jahres auf diese Weise ein großes Lager verschiedenster Artikel angesammelt.

Gleich vielen Menschen, kann auch Jürgen es nicht ertragen, daß auf der Straße jemand hinter ihm geht. Auch am hellen Tage muß er stehenbleiben, interessiert eine Fassade betrachten oder schnell in einen Laden eintreten.

Außerhalb der Stadt, wo keine Leute sind, spazierenzugehen, wagte Jürgen schon lange nicht mehr. Jemand geht hinter ihm her. Jürgen dreht sich um und wieder um und ganz um sich selbst. Immer steht in seinem Rücken der Andere. Und da Jürgen nicht in einen Laden flüchten kann, wirft er sich zu Boden.

Einmal hatte er sich durch Adolf Sinsheimer retten können vor dem Verfolger. Er steht, Zähne gefletscht, in menschenleerer Landschaft unter den unausführbaren Befehlen des Unsichtbaren. Da erblickt er den Jugendfreund, der, in der Hand ein Notizbuch voll Rechnungen, an einem Baume lehnt und gedankenversunken die ferne Hügelkette betrachtet, als dichte oder zeichne er. Damals war das Unternehmen des Knopffabrikanten dem Konkurse nahe gewesen.

Jürgen macht einige Fluchtsprünge auf den Jugendfreund zu und bittet flehend den Erschreckenden: „Verkaufe mir deinen Bleistift.“

„Weshalb verkaufen? ... Hier, nimm ihn!“ Und er will ihm den goldenen Patentbleistift in die Hand drücken.

„Unmöglich! Das ist ganz unmöglich!“ Jürgen zwingt den Schulfreund, die Banknote zu nehmen, und steckt, befreit aufatmend, den Bleistift ein.

Die Straßenbahn hielt. Der Wagenführer drehte die Kurbel heraus. „Endstation“, sagte der Schaffner zweimal zu Jürgen, der verzerrten Gesichtes über die Schulter zurücksprach und nicht aussteigen konnte.

Junge Beamte eilten durch die Gänge, grüßten den Chef. Er ahmte die Stimme des Hausarztes nach: „Abends nur ein paar weichgekochte Eier essen. Wachsweich! Auch schadet es nicht, wenn Sie täglich dreimal etwas Brom nehmen.“

Das Bromsalzglas stand auf dem Schreibtisch. Sooft Jürgen die Feder in die Tinte stach, sah er das Salzglas, das herauszuwachsen schien aus dem Nacken des verheirateten Beamten, der, reglos wie ein Eingeschlafener auf das Pult gebeugt, vor seinem Chef saß, schon Vater dreier Kinder war, Sorgenfalten im grauen Gesicht hatte und keine Veilchen mehr im Knopfloch trug.

Auf das Bankgebäude wurde ohne Betriebsunterbrechung ein Stockwerk aufgesetzt. Während des Vergrößerungsumbaues mußte Jürgen mit drei Angestellten zusammen in einem Raume arbeiten. Ringsum, fern und nah, auf dem Dache und in allen Stockwerken wurde gehämmert, geschrien, gekratzt, gesägt, gehobelt.

In dem Bureau selbst stand katastrophenferne Ruhe.

Jürgen tauchte die Feder ein. Und wie er schreiben will, steht auf dem Pulte anstelle des Tintenfasses ein winziges, lebendiges Herrchen, das sich höflich verbeugt und lächelnd auf das Bromsalzglas deutet, mit einem feingegliederten Zeigefingerchen.

Jürgen kann nicht atmen, fletscht die Zähne, taucht die Feder noch einmal ein. Sticht sie auf den Kopf des Herrchens, das zum Tintenfaß zusammenschrumpft. Und wie Jürgen schreiben will, steht es wieder lebendig da, höflich vorgebeugt. Das Zeigefingerchen deutet, das Mündchen lächelt und sagt:

„Mit Bromsalz kann eine Menschenseele nicht zum Schweigen gebracht werden. Ich versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als neunundneunzig Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele reden, durch ihre Seele in gar keiner Weise mehr gestört werden, weil sie sie schon längst eingetauscht haben gegen Dinge, die ihren Marktwert haben ...“

Das ist wahr, dachte Jürgen. Das ist wahr.

„... so wahr ist es, daß bei gewissen Individuen die Seele spielend leicht durch den allerstärksten Schutzwall durchschlüpfen und ihr vorbestimmtes Recht verlangen kann.“

Das Herrchen legte das Händchen an den Mund, als habe es ein tiefes Geheimnis zu offenbaren: „Die Seele will fließen. Und fließt unter Umständen bei gewissen Individuen selbst auf die Gefahr hin, überzufließen und alles in Verwirrung zu bringen. Denken Sie nur an die vielen, vielen Irrenhäuser, die es gibt auf dieser Erde. Voll! Überfüllt! Wer bezahlen kann, kommt in die erste Klasse und kann seine Seele preisentsprechend behandeln lassen ... Nun, das ist ja Nebensache, der Preis nämlich, wenn er auch in unserem Zeitalter bei allem die Hauptsache ist. Aber verzeihen Sie die Abschweifung.“

Jürgen strich sich über die Augen, blickte zum Fenster hinaus. „Was heißt Abschweifung! Das ist eine Halluzination. Nein, es ist nur eine Sinnestäuschung. Und das nicht einmal, ich habe nur, wie der Arzt sagte, zu viel gegessen. Oder ich bin übermüdet. Es sind nur die Nerven. Dieser Umbau macht einen ja ganz verrückt.“

Er schielte auf das Tintenfaß. Das stand leblos, schwarz, breit und niedrig an seinem Platze. Dennoch ertönte eine Stimme: „Wenn die Seele überfließt und spricht, nennen das die Ärzte eine Halluzination.“

„Ich werde mich aber jetzt doch einmal von einem Nervenarzt untersuchen lassen!“

„Das hilft Ihnen nicht“, behauptete, schülterchenzuckend, das Herrchen. Es saß auf dem Löschblattbügel, ein Beinchen übergeschlagen, und sah nicht aus, als ob es bald weggehen würde.

Der verheiratete Beamte wechselte die Schutzärmel, damit sie sich im Laufe der Jahre gleichmäßig abnützen sollten. Er war aus Erfahrung klug geworden. Ihm konnte es nicht mehr passieren, jahrelang einen schwarzen und einen grünen Schutzärmel tragen zu müssen, wie einmal in seiner Jugend, da er es unterlassen hatte, den schneller sich abnutzenden rechten Schutzärmel Öfters mit dem linken zu wechseln.

Die beiden noch farbig schillernden, eleganten jungen Beamten, die vor Jürgen an einem Doppelpulte saßen, machten einander mit den Beinen aufmerksam auf die Pedanterie ihres älteren Kollegen.

Jürgen übergab seine Weisungen für die Börse dem Prokuristen, einem runden Manne, dessen Lippen immer aussahen, als habe er eben eine fette Speise gegessen.

„Sagte es denn eben wirklich: Sie standen schon am Anfang Ihres Ich. Oder sagte ich selbst das?“ Jürgen konnte nicht ermitteln, ob er selbst sprach.

„Ich, natürlich, ich bins, der spricht! Niemand anderer als ich sagte: Sie standen schon am Anfang Ihres Ich.“

„Dieses Wort ist doch von mir. Ich selbst habe diesen Gedanken in genau der selben Formulierung vor Jahren einmal ausgesprochen.“

„Wie meinen?“ fragte der Prokurist.

Drei schreibgekrümmte Rücken und zwei starr blickende Augen, die einmal des Verheirateten Nacken, das Salzglas, dann wieder das Tintenfaß doppelt sahen. „In meinem Hinterkopf geht etwas vor sich; nicht in der Stirn.“

„Ich bins, der vor sich geht.“

„Und was wird mit mir geschehen?“

„Sie sind nicht mehr vorhanden.“

Die Stirn knallte auf die Schreibtischplatte. Die Bureauwände neigten sich lautlos auf ihn zu. Er sah die ineinander verschwimmenden Gegenstände vervielfacht und hatte das mit Übelkeit verbundene Empfinden, alles Blut vergehe in seinem Körper.

Der Prokurist sprang herbei, das Wasserglas in der dicken Hand, richtete den Haltlosen auf.

„Kaufen Sie! Kaufen Sie!“

„Selbstverständlich! Wird geschehen! Seien Sie ohne Sorge ... Hier, ein Schluck Wasser.“

„Nein, irgend etwas! Für mich! Kaufen Sie ... Vielleicht Orangen. Was Sie wollen!“

Der Prokurist eilte zur Tür. Jürgens Lippen waren weiß. In seinem Hinterkopfe klopfte dunkel der Hammer aus Gummi. „Möglichst schnell“, schrie er, Zähne gebleckt, dem Prokuristen nach.

„Das hilft Ihnen nicht mehr.“

„Die Stimme klingt, als spräche jemand mit mir aus weiter, weiter Ferne und doch aus nächster Nähe. Sie klingt wie ein telephonisches Ferngespräch. Mir ist, als spräche ich mit einem Wesen, das ich in Qualen liebte ... Bitte“, sagte Jürgen, bebend in Angst vor der Erfüllung seiner Bitte und so laut, daß die Beamten aufblickten, „legen Sie jede Verkleidung ab.“

Da sah er nichts Gegenständliches mehr, keine Augen; er sah einen Blick, nicht von Augen entsandt. Nur den Blick selbst, der unversehens zu dem ernsten Blicke des Jünglingsbildes in der Abonnementskarte wurde und, vergehend, weit zurückwich.

Heiß durchzogen und atembenommen starrte er dem vergehenden, ergreifend ernsten Blicke nach, beobachtete, Zähne gefletscht und Kopf seitwärts gedreht, wie der Blick sich in das Herrchen verwandelte, das sich so schnell erhob, daß der Löschblattbügel schaukelte.

„Das war mein erster offizieller Besuch.“ Es blickte auf die Bureauuhr. „Fünf Minuten vor zwölf.“ (Der Verheiratete nahm schon die Schutzärmel ab). „Existenzen Ihresgleichen gibt es in dieser Sekunde auf der Erde ...“ Das Herrchen nannte eine Zahl, die riesengroß und winzig klein in einem war und wie ein anklagendes Wort klang, gesprochen in der Nachtstille.

„Sie sind in allen Schichten und Lagern zu finden. Ich besuche sie alle. Jeden zu seiner Zeit. Es sind Universitätsprofessoren darunter, die als Studenten noch die Bereitschaft zur Hingabe in den Augen trugen. Industrielle, die als Jünglinge Gedichte gemacht haben. Hohe Geistliche, die in das falsche Christentum reisten. Dichter, die um des Erfolges und des Ruhmes willen von dem Protest und der Gesinnung weg in den Erfolg und Ruhm und immer tiefer in das Publikum hineinreisten. Männer, die sich der Wissenschaft hingegeben hatten und aus ihr später ein Geschäft machten, ein Namensschild mit Titel, angeschlagen an der Haustür. Und Existenzen Ihresgleichen, die Sozialisten waren und Bürger wurden. Verruchte Existenzen! Denn sie konnten, kraft naturverliehener Kraft, sich durch das heucheleidurchwirkte, blutnasse, dicke, dichte Dickicht dieses Jahrhunderts durchschlagen zu dem Bewußtsein, daß die im Zeichen befreiter Arbeit stehende menschliche Gemeinschaft, in der die Seele ihr Ich durch den Körper gewinnen und im Gleichgewicht in sich selber ruhen kann, erkämpft werden muß, sollen die lebenden und kommenden Generationen bewahrt bleiben vor Krieg und Hungerbarbarei, dem Wahnsinn, vor dem großen Tode!“

‚Ich muß mir das Ganze notieren, so kann ich es nicht behalten‘. „... Unmöglich! Unmöglich!“ rief er, ohne den Blick vom Stenogrammblock zu erheben, die Linke abwehrend ausgestreckt, dem Prokuristen zu, der einen Stoß Papiere in den Händen hielt, erstaunt sich die Lippen leckte und, auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, wieder verschwand.

„Jeden zu seiner Zeit. Einmal bin ich ein Herbsttag, ein welkes Blatt, das vom Baume fällt und bei einem ruhmverkalkten Dichter plötzlich die Frage auslöst: Habe ich alles verraten, was in der Jugend mir teuer war? Die Frage, die zugleich die Antwort und der Beweis ist. Manchmal schreite ich in ein Buch hinein, werde zu einem Satze, der in dem Lesenden blitzhaft die Gewissensfrage auslöst. Manchmal bin ich ein Traum. (Wie bei Ihnen zum Beispiel. Auch kann ich der Umbau eines Bankgebäudes sein).“

Oder ein Engländer, der fragt: Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? dachte Jürgen und stenographierte auch diese Erinnerung.

„Ich bin ein zwanzigjähriges Mädchen, das im Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihre Verachtung in dem Abtrünnigen die Sekunde aufreißt, in der er den tragischen Rückblick tun muß. Manchmal werde ich durch einen Ton in grauer, leerer Stunde zur Gewissensfrage. Durch den Ton einer Kindertrompete! Ich bin ein regnerischer Tag, verhindere einen Ausflug in den Genuß und werde so zum Tage des Versinkens in den Ekel vor sich selbst. Oft bin ich ein Sonntagnachmittag. Ich werde als Bild an der Wand zur Gewissensfrage und als Spaziergang in menschenleerer Landschaft, wo es keine Läden gibt. Ich steige als Weinrausch in das Herz eines Satten, und er sinkt in die Selbsterkenntnis hinein. Es kann einer seinen Teppich ansehen und plötzlich aus dem Muster, das ich bin, die Gewissensfrage herauslesen, grauenvoll deutlich. Manchem wird der Rückblick zum Konflikt, der ihn ins Irrenhaus bringt.“

Das Herrchen deutete: „Das ist Ihr Fall.“

Jürgen schauerte im Rückenmark.

„Andere glauben, sich in Selbstgerechtigkeit hineinretten zu können. Viele ertrinken völlig in ihr und erleiden die Strafe erst in spätem Alter, wenn sie eines Tages, veranlaßt durch mich, die Nichtigkeit ihres Lebens einsehen müssen und, entsetzt über ihr verdrecktes, mit Achtung, Gemeinheit, Lüge, Erfolg, Ruhm und Selbstgerechtigkeit poliertes Dasein, an einer Kugel, an einem Stricke oder an Ekel vor sich selbst sterben. Auch die feinste Selbstbelügung schützt den Verräter nicht. Keiner kann in Selbstgerechtigkeit sein Leben beschließen. Dies vermögen nur diejenigen, die schon als wehrlose Kinder ganz entselbstet, enticht, entseelt werden konnten, sich der Umwelt anpaßten und dafür das Leben, wie es ist, eintauschten, im Gegensatz zu Ihnen, der Sie die Kraft hatten, sich das Kostbarste und Leidvollste auf Erden zu erkämpfen: das Bewußtsein.“

„Wer vermöchte zu entscheiden, ob stärker als die Verhältnisse und größer als meine Begierden die Kraft in mir war, weiter zu kämpfen! Was ist der Beweis meines Verrates?“

„Wer fragen muß: Bin ich ein Verräter, der ist es; Ihrem Schwiegervater fällt dies gar nicht ein. Die Frage enthält schon die Antwort und den Beweis des Verrates.“

Diese Worte trafen ihn mit solcher Beweiskraft, daß er minutenlang die Fähigkeit, zu denken, vollkommen verlor. Auch das Klopfen im Hinterkopfe hatte geendet.

Die Bureauuhr schlug zwölf. Die drei Beamtenoberkörper richteten sich auf. Drei Federhalter wurden weggelegt.

Auch Jürgen legte den Federhalter weg, richtete sich auf. Vor seinen Augen schwebten rundum und durcheinander blitzweiße, goldumränderte Sternchen, als ob er mit dem Kopfe nach unten aufgehängt gewesen wäre. Eine Fliege glitt auf weißem Papier schnell vom Tintenfaß zum Löschblattbügel.

„Wieviel Beine hat eigentlich eine Fliege? Vier oder sechs? ... Da wurde ich zweiundvierzig Jahre alt und weiß nicht, wieviel Beine eine Fliege hat. Was bin ich doch für ein Dummkopf! Sitze da und grüble seit Stunden über diesen Unsinn nach. Kann mir doch vollkommen gleichgültig sein“, sagte er und horchte befreit auf den stärker gewordenen Straßenlärm, den die dem Suppenteller Zueilenden verursachten. Die Glocken der Trambahnen läuteten stärker.

„Es muß ja nicht gleich morgen sein, aber bei Gelegenheit sollten Sie sich einmal neu photographieren lassen. Sie sind zu verändert“, sagte freundlich der Schaffner und gab die Abonnementkarte zurück. „Das hier ist ein junger Mensch, während Sie doch schon in die besten Mannesjahre kommen.“

Der grauhaarige Bürger, der neben Jürgen saß, schob den zusammengerollten Fahrschein unter den Ehering.

Ja, die liegen Gott sei Dank noch vor mir ... Kann mich ja photographieren lassen, bei Gelegenheit, dachte er, stieg aus. Und ging, im selben Tempo wie jeden Tag, die zweihundert Schritte bis zur Villa. Summend durch den Garten, auf die farbigen Glaskugeln zu.

Den Bruchteil einer Sekunde stutzte er vor den Glaskugeln. Es war ein grauer Tag. Die Glaskugeln standen öd in ihren eigenen Farben. Im Garten regte sich nichts.

Der Mantel hing sich von selbst an den Haken. Die bereitstehenden Hausschuhe schlüpften über Jürgens Füße. Gewohnheitsmäßig zupfte er das Tischtuch zurecht. Die Schüsseln entleerten sich.

Das Kanapee gab mit den vertrauten Tönen dem Körper nach. Die Augen lasen die Mittagszeitung.

Bis sechs Uhr im Bureau. Dann im Garten. Wachsweiche Eier zum Abendessen. Von neun bis zehn Uhr die Abendzeitung. Auf den Rat des Arztes hin punkt zehn Uhr ins Bett. Am langen Sonntagnachmittag die gewohnte Billardpartie mit dem befreundeten Fabrikanten, der die Sammlung gotischer Plastiken besaß. Montag ins Bureau.

So verging noch eine kurze Zeit, bis eines Tages die Abendzeitung ausblieb.

Punkt neun erklang das Stöhnen des Kanapees, zusammen mit Jürgens wohligem A-Seufzer. Seine Hand griff automatisch nach der Abendzeitung, die seit Jahren immer an der selben Stelle auf dem Tische bereit gelegen war, und griff in die Leere.

Die Zeit bekam ein Loch, das sich durch das Rufen nach Phinchen vorerst noch einmal schloß. „Wo ist das Abendblatt?“

„Die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen.“

„So, die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen. Das Blatt wurde nicht eingeworfen, wie? Du hast nichts gehört?“

„Nein, es wurde nicht eingeworfen. Die Zeitungsfrau ist wahrscheinlich am Hause vorübergegangen.“

„Du meinst also, die Zeitungsfrau sei vorübergegangen.“

„Sie hat zweifellos vergessen, die Zeitung einzuwerfen. Ging am Hause vorüber.“ Als er das Wort ‚vorüber‘ aussprach, schlug er sich, das Gähnen zu verdecken, einige Male leicht auf den Mund, so daß das Wort in mehrere Laute getrennt wurde. Dieses Geräusch erinnerte ihn an das Geräusch, das der leerlaufende Motor verursacht, wenn die Trambahn hält. (Der Schaffner gibt ihm die Abonnementkarte zurück.)

‚Gut, kann ja ein neues Bild machen lassen, bei Gelegenheit ... Den Fahrschein zusammengerollt unter den Ehering zu schieben, ist übrigens ganz praktisch. Man hat ihn gleich, wenn der Kontrolleur kommt.‘ Seine Hand griff nach dem Abendblatt. „... Ah so!“

Er versuchte, das Loch, das die Zeit bekommen hatte, auszufüllen, indem er das linke Bein über das rechte schlug und heiter zu summen begann. Sobald er still lag, war das Loch wieder da. Groß, schwarz, endlos.

Der grüne Hügel, wo vor vierzehn Jahren die Fabrikantensöhne und -töchter Huhn und Rotwein genossen hatten, schob sich in das Loch, verschwand wieder. Er dachte: Was jetzt, zwischen neun und zehn Uhr, in der Welt alles vor sich geht ... Gewiß sehr viel.

Warf das rechte über das linke, legte den Kopf auf die harte Sofalehne, dann auf das weiche Kissen. Betrachtete die Tapetenblumen. (‚Einer sieht seinen Teppich an, und das Muster, das ich bin ...‘) Er warf sich herum. Das Kanapee ächzte. Er begann zu pfeifen.

Plötzlich wurde er, bei dem Gedanken, hier zu liegen und eine Stunde zu pfeifen, von solchem Grauen gepackt, daß er, mit noch pfiffgespitztem Munde, versteinert die Decke anstarrte.

„Sie hätte nur die Zeitung einwerfen brauchen, dann könnte ich mich zerstreuen. Zerstreuen ... Früher konnte ich in Gesellschaft gehen oder ins Varieté, in den Zirkus, ins Theater, in die Oper. Andere gehen in ihr Stammlokal, in die Gesangvereinsprobe, zum Kegeln, spielen Karten ... Das ist eine Zerstreuerei! Ganz Europa zerstreut sich.“ Er pfiff wieder.

„Aber die andern, die schon als wehrlose Kinder – Sie wissen schon: die leben, wenn sie kegeln.“

Da öffnete sich der pfiffgespitzte Mund; Jürgen glaubte zu fühlen und zu sehen, wie hinter seiner Stirn die schwarzen Buchstaben zu der Frage entstanden: „Wer hat das gesagt?“

Er schnellte in Sitzstellung empor und brüllte ins totenstille Zimmer hinein: „Wer hat das gesagt? Wer?“

Die Amsel verließ, heftig flatternd, auf einem scharfen Pfiff den Mauerefeu beim Fenster. „Wer? Die Amsel? Wer hat das gesagt?“

Von den an der Decke kreisenden Fliegen fiel eine auf die Tischplatte. Und Jürgen, Oberkörper lauernd vorgebeugt, Hand fangbereit gekrümmt, flüsterte: „Muß doch einmal ...“ Die Gefangene drückte gegen das Faustinnere.

Schneller als eine Fliege vorbeizuckt, wich das Interesse, zu erfahren, wieviel Beine sie hat, der Frage, was ihn noch retten könne.

„Für Sie gibt es keine Rettung mehr. Sie werden wahnsinnig werden.“

Langsam ließ er sich auf das Kanapee zurücksinken. „Wahnsinnig? Weshalb?“ Fuhr sofort wieder in Sitzstellung auf. „Was? Wer hat gesagt, ich würde wahnsinnig werden? Wer? Das habe nicht ich gesagt. Wer hat das gesagt? Wer! Wer!“ Plötzlich brüllte er wild: „Die Abendzeitung! Ich will die Abendzeitung. Alle haben ihre Abendzeitung. Die Abendzeitung! Die Abendzeitung!“ Wut entstellte sein Gesicht.

„Auch die Zeitung würde Ihnen nichts mehr nützen.“

Pünktlich auf die Minute trat, wie jeden Abend, Phinchen ein und zog die Wanduhr auf: Die zwei Bleigewichte berührten den Rand des Ziffernblattes.

„Dann ist es jetzt genau halb zehn“, sagte Jürgen, als Phinchen wieder draußen war. „Ich brauche gar nicht hinzusehen. Genau halb zehn ... Und morgen abend um halb zehn ist die Uhr abgelaufen und die Gewichte hängen unten. Dann ist ein Tag vorbei. Die Uhr wird aufgezogen. Und übermorgen um halb zehn hängen die Gewichte wieder unten. Dann ist wieder ein Tag vorbei. Sie wird aufgezogen ... Aufgezogen ...“

„Und dann ist das Leben vorbei.“

„Ja, dann ist das Leben vorbei ... Und doch fahre ich morgen ins Bureau und übermorgen. Und dann kommt der Sonntag. Und dann der Montag. Der Samstag. Ich arbeite, mache Pläne. Fusion. Werde reicher und reicher. Die Jahre vergehen ...“

Und dann kam die Frage nach dem Sinn und nach dem Ziele, die Frage nach der Idee, nach dem Zwecke, für den zu arbeiten und zu kämpfen sein Lebensinhalt sei.

Sein Inneres und die Umwelt – alles war grau und leer. Er wartete. Lange.

„Aber ich bin ein geachteter Mann.“

„Einmal sagten Sie, dies sei die größte menschliche Katastrophe.“

„Kann sein! Kinderei! Lassen wir das einstweilen. Jetzt will ich erst einmal Bilanz machen. Dann werde ich überlegen, was zu tun ist. Ich will methodisch vorgehen. Reich, sehr reich und geachtet, gebildeter und wissender, kultivierter als die meisten und imstande, mir jeden Genuß, den das Leben bietet, zu verschaffen.“

„Sie haben also alles schon erreicht, was den andern von Jugend an als Ziel vorschwebt und zum Sarg wird für diejenigen, die das Ziel erreicht haben. Was also ist der Zweck? Was Ihr Ziel?“

„Auch bin ich nicht schmutzig, nicht geizig. Im Gegenteil; ein Zehntel der Summe, die ich für Wohltätigkeitszwecke gegeben habe, würde genügen, daß ein halbes Dutzend Männer mit Frauen und Kindern ein vollkommen sorgenloses Leben in eigenem Hause führen und selbst in kleinerem Ausmaße wohltätig sein könnten.“

„Das stimmt. Zum Teil wahrscheinlich auch daher die große Achtung, die Sie genießen und vor sich selbst haben.“

„Auch möglich! Aber das ist, wie gesagt, jetzt Nebensache, die Achtung.“

„Nee, die ist mit die Hauptsache.“

Jürgen machte eine ärgerliche Abwehrbewegung mit der Hand. „Nun, wenn Sie wollen, ich pfeife auf die Achtung. Ich könnte, wenn ich auf der selben Linie weiterschreiten würde, noch mächtiger, einflußreicher und in noch weiteren Kreisen geachtet werden.“

„Das können nur die Bewußtseinslosen, deren Weltanschauung in den drei Worten besteht: Jeder für sich; Sie aber können das nicht. Denn Ihr Bewußtsein sagt Ihnen, daß Sie nicht das geringste zur Verwirklichung des unverrückbaren Menschheitszieles beizutragen vermöchten, auch wenn Sie, weiterschreitend auf dem Jeder-für-sich-Wege, der mächtigste Mann des Landes werden würden.“

„Ich will ja auch gar nicht fortschreiten auf diesem ziellosen Wege.“

„Nicht Sie wollen nicht, sondern ich will nicht. Ich! Ich lasse nicht zu, daß Sie in dem bisherigen Trott weitermachen. Sie selbst können gar nicht mehr wollen oder nicht wollen. Sie sind nur noch eine Willensmaske.“

Jürgen preßte beide Fäuste an den Kopf. „Seit einiger Zeit führe ich fortwährend Selbstgespräche. Nun, und wenn auch! Viele Menschen führen Selbstgespräche.“

„Sie aber führen Gespräche mit Ihrem Selbst.“

Jürgen sah auf. „Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß ich ohne Ziel, ohne Idee, ohne Zweck nicht weiterleben kann. Das halte ich nicht aus. Ich halte diesen Zustand einfach nicht mehr aus.“

„Dies ist es, was Sie von dem Vollbürger unterscheidet. Der hält diesen Zustand sehr gut aus. Denn sein Ziel ist: Haben, haben, haben und immer noch mehr haben. Und er bleibt in der Regel gesund dabei. Fragt sich nur, ob diese seine Gesundheit nicht die Krankheit ist, an der die Menschheit zugrunde geht.“

„Daß an dieser Gesundheit die Menschheit zugrunde geht, scheint mir gar keine Frage mehr zu sein. Ich habe da“, flüsterte Jürgen, „zweifellos einen richtigen Gedanken ausgesprochen ... Wie steht es aber damit, daß trotz dieser tödlichen Gesundheit es offenbar keinen Menschen gibt, der ohne Ideal zu leben vermöchte. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, und sei er der übelste, habgierigste, härteste Schuft, hat sein Ideal, und wenn es auch nur Selbstbelügung ist. Mittel zur Beruhigung des Gewissens.“

Zuerst blickte Jürgen mit zugekniffenen Augen mißtrauisch seitwärts, wie einer, der sich vergewissern will, ob er nicht beobachtet wird. Langsam richtete er sich auf. Die Hand wurde auf der Tischplatte zur Faust. Auf der Stirn entstand die Energiefalte. So saß er, reglos, alle Muskeln gespannt, plötzlich ganz erfüllt von dem Entschlusse, mit der Niederschrift seines seit langem geplanten Lebenswerkes ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘ zu beginnen. „Das ist meine Rettung.“ Freude rötete sein Gesicht.

Und wie er den Kopf hob, sah er auf der gegenüberstehenden Wand ein winziges, höhnisches Lächeln.

Senkte sofort den Kopf. Durch dieses Werk werde ich zu meinem kleinen Teile dem Fortschritt und der Erkenntnis der Menschheit dienen können, dachte er, schielte zur Wand, wo wie ein Bild das höhnische Lächeln hing.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Ihr tönendes, tiefes Gefasel über Moral, Gerechtigkeit, Humanität, Ideal und Seele in bezug auf die Volkswirtschaft nicht zulassen, sondern während der Niederschrift mit einer Hartnäckigkeit ohnegleichen immer wieder darauf hinweisen werde, daß es sich um die Moral und die Gerechtigkeit der herrschenden Klasse, der Nutznießer des bestehenden Produktions- und Verteilungssystemes handelt, welches den entscheidenden mörderischen Einfluß hat auf das Wesen und das Sein, das Kranksein und das Nichtsein auch der Einzelseele.“

Jürgens hervortretende Augen starrten rettungsuchend umher. Schlaff geworden, sank er in die Kanapeecke. „Keine Möglichkeit der Hingabe? Ich sehne mich so sehr danach.“

„Diese Sehnsucht entspringt schon dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus bringen wird.“

„Ich will, ich will zurück zu mir ... Ich fühle, ich fühle ...“

„Sie ... denken Gefühle. Sie können weder vor- noch rückwärts.“

„Eine tote Mitte? Das halte ich nicht aus. Ich werde wahnsinnig.“

„Wahnsinnig! Sie sind gestellt.“

„Eingekreist?“

„Eingekreist! Das, was Sie während der letzten vierzehn Jahre waren, können Sie nicht länger mehr sein; so, wie Sie als Kämpfender waren, nicht mehr werden. Sie sind nicht mehr vorhanden. Sie sind nicht mehr Sie.“

„Das hat auch der Trambahnschaffner gesagt.“

„Aus dem heraus habe ich gesprochen.“

„Sind Sie auch die Abendzeitung, die nicht gekommen ist?“

„Ich bin das Nichtgekommensein der Abendzeitung und habe auch aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen. Der sogenannte normale Bürgersmann hört aus des Schaffners Worten ‚Das sind ja gar nicht mehr Sie‘ nur heraus, daß sein Bart länger oder grauer geworden ist.“

„Wenn Sie ich sind und aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen haben, dann habe ja ich selbst aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen und zugleich als Fahrgast seine Worte vernommen. Seine? Ihre? Oder meine? Ich weiß nicht. Bin ganz verwirrt.“

„Sie haben Ihre eigenen Worte vernommen, die der Trambahnschaffner, aus dem ich sprach, gesprochen hat.“

Angsterregung riß Jürgen vom Kanapee auf. „Wer denkt das alles? Ich Will wissen, wer da denkt.“

„Ihr Bewußtsein.“

„Wer spricht die ganze Zeit mit mir? Ich höre Stimmen.“

„Wahnsinnige hören Stimmen.“

„Und ich bin nicht wahnsinnig. Bin nicht wahnsinnig! Ich bin der Bankier Jürgen Kolbenreiher. Und ich brauche nur nicht mehr in das Bureau zu gehen, brauche nur da wieder anzuknüpfen, wo ich vor vierzehn Jahren abgebrochen habe, dann werde ich wieder ein Ziel haben, werde hingebungsvoll kämpfen, und alles wird gut sein.“

„Auch dieser Wunsch entspringt dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus bringen wird.“

„Suchet, so werdet Ihr finden, heißt es in der Schrift.“ Jürgen lauschte, das Gesicht seitwärts gedreht. Im Nachbargarten ertönte eine Lachsalve.

„Ich muß Schluß machen, Schluß! und sofort neu anfangen. Auf der Stelle! Vor allem: ich gehe nicht mehr in die Bank. Schluß!“

Er war aufgesprungen, lauschte nach innen, was der Strom der Gefühle ihm zuerst bringen werde:

Schreibmaschinen klapperten. Der Mahagoniaufzug stieg lautlos empor. Angestellte eilten durch die Gänge des Bankgebäudes. Der Prokurist verbeugte sich, reichte Jürgen die wichtigen Telegramme.

Angewidert von dem eigentümlichen Geruch des Bankgebäudes, schob er das ganze Geschäft von sich weg, wartete auf den Strom der Gefühle. Die Frau des befreundeten Fabrikanten, eine junge, schöne Blondine, die zu Jürgen in die Villa gekommen und von ihm verführt worden war, tritt ein, nimmt, wie damals, den Schleier ab. Das sah, wie damals, aus, als ob sie sich entkleidete. Jürgen schüttelte abwehrend den Kopf.

Das Billardbrett tauchte grün auf. Jürgen hatte nur noch einen schwierigen Stoß zu machen. Der gelang ihm. Er hatte die Partie gewonnen. Der Freund mußte bezahlen.

Jürgen lächelte zu Boden. „Das war eine interessante Partie“, flüsterte er erfreut und machte seinem Freunde noch eine Serie schwierigster Stöße vor.

Die Billardbälle wurden immer größer, kopfgroß, wurden zu den farbigen Glaskugeln. Erst als er im roten Ball seinen abgeschlagenen Studentenkopf erkannte, der lächelte, so daß nicht ein Billardball, sondern ein gefährliches Lächeln kopfgroß über das grüne Tuch hopste, ließ er das Queue sinken.

In tiefster Bestürzung flehte er um ein Gefühl aus der Vergangenheit. Er empfand nichts, ließ sich, gebrochen und ergeben, in den Sessel sinken. ‚Ich gehe eben morgen wieder ins Bureau und übermorgen und in zwanzig Jahren auch noch.‘ „Unmöglich!“ rief er. „Unmöglich!“

Da stieg die Wut hoch in ihm. Um die innere Leere zu füllen, stieß er starke Worte aus: „Blutig ans Kreuz geschlagen! Proletarier aller Länder ...! Sturm! Untergang!“ Er empfand nichts dabei. Brüllte wahllos: „Kinderbewahranstalt! Apfelknecht! Reifeisen!“

„Was, Apfelknecht? Nun, weshalb nicht auch Apfelknecht! Jetzt erst recht: Apfelknecht! Apfelknecht! Apfelknecht!“

Entstellt vor Wut, raste er durch alle Zimmer durch in den Salon. Zwischen dem schwarzlackierten, nie benutzten Kohlenkasten, auf den die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, und dem gestickten Wandschirmstorch, der das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Perpendikel hin und her.

Vor übergroßer Wut ganz ruhig geworden, schritt er zur Uhr und riß mit einem Ruck den Perpendikel heraus, schleuderte ihn durchs Fenster in das Springbrunnenbassin. Die Amsel zuckte aus dem Garten hinaus. „Das wäre das“, frohlockte er, hob die meterhohe Vase über den Kopf empor und schmetterte sie zu Boden. Die Nippsachen flogen an die Wand. Die Fenster klirrten. Er demolierte die ganze Einrichtung. Rückte den schweren Eichenholzschrank von der Wand, betrachtete die Zerstörung. „Nun, nun“, sagte er ratlos und schob den Schrank wieder zurück.

Schluchzen stieß ihn. Da fühlte er sich innerlich berührt und ließ sich führen, hinauf in das Zimmerchen, das er als Kind und Jüngling bewohnt hatte. In der Hand den silbernen Leuchter, den nach bestandenem Abiturientenexamen die Tante ihm mit den Worten geschenkt hatte: ‚Wenn ich tot bin, bekommst du alles‘, betrat er scheu die Kammer, in der seit vielen Jahren kein Mensch mehr gewesen war.

Über dem versessenen Lederkanapee hingen noch, oval gerahmt und symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien der Familie Kolbenreiher. Und auf dem Bücherbrett standen verstaubt die Reisebeschreibungen in bilderreichen Umschlägen. Die Luft war stockig wie in einer Totenkammer.

Der große, schwer gewordene Mann blickte, tief erschüttert von dem Besuche bei seiner Jugend, atembenommen die verblaßten Wände an und seinen riesenhaften Schatten. Und begann, traumwandlerisch, sich wie ein Jüngling zu benehmen, räumte, durchbebt von innerlichem Weinen, die Bücher heraus, ordnete sie wieder hinein und schlich, den Zeigefinger am gespitzten Munde, mit der ‚Schreckensvollen Reise ins Erdinnere‘ zum Kanapee. Ein irr-schlaues Lächeln im Gesicht, erhob er sich noch einmal, zog mit seinem Taschenmesser einen Riß um die Kerze herum, zwei Zentimeter unter dem Docht, und begann zu lesen.

„Nein, nein, ach, nein, das hilft Ihnen nicht.“

Jürgen blickte auf. Die Stimme hatte so traurig und mitleidig geklungen. „Das hilft mir nicht“, flüsterte er weinend. „Das hilft mir nicht.“

Vor ihm lag, weit hingebreitet, ein fremdes Stück Land, entzweigespalten durch einen gewaltigen Abgrund. Rechts war eine blanke Asphaltfläche. In deren Mitte stand ein gelbes Streichholzschächtelchen. Alle Schulkameraden, Geschäftsfreunde und Bekannten Jürgens schritten auf das gelbe Schächtelchen zu, in dem eine Banknote lag. Auf dem Schächtelchen stand das Wort ‚Achtung‘. Von allen Seiten kamen sie herbei und verbeugten sich vor dem Streichholzschächtelchen, stießen einander weg, verbeugten sich.

Auf der andern Seite des Abgrundes: eine milde Wiese. Darauf weidet ruhig ein altes Pferd. Weiter rückwärts ist die Wiese wild, und da, wo sie mit dem Himmel zusammengeht, sind Jugend, Begeisterung, Ziele, feurig beleuchtete Gesichter: Jünglinge, die unter Hingabe ihres Lebens sich bemühen, das Pferd, das die Liebe ist, über den gewaltigen Abgrund weg zu den Bürgern zu schaffen.

„Die bemerken es ja gar nicht. Und aus diesem unheimlichen Grunde ist es den Jünglingen ganz unmöglich, das Pferd über den Abgrund herüberzuschaffen“, sagte Jürgen.

Da wurde seine Hand gezwungen, ein Streichholzschächtelchen zu entleeren und eine Banknote hineinzulegen. Er stellte das Schächtelchen auf den Fußboden, verbeugte sich. Die Fäuste zur Brust hochgehoben, sprang er in gleichmäßigem Trabe um das Schächtelchen herum. Die Villa zitterte. Jürgen keuchte und schwitzte, verbeugte sich, rannte weiter im Kreise.

Die Uhr schlug zehn. Die Macht der Gewohnheit beendete sofort den Tanz. „Schlafen“, sagte er, verzerrten Gesichtes gähnend und keuchend in einem. Griff nach dem Leuchter.

Stand bei der Tür, als ob er eben eingetreten wäre. Sein Kopf war frei. „Ich muß die Kammer einmal gründlich durchlüften lassen“, sagte er und ging in das Schlafzimmer.

Punkt acht Uhr betrat er am andern Morgen das Bureau.

Erst nachdem er einen halben Kanzleibogen vollgeschrieben hatte, hörte er mitten im Worte auf. „Ich wollte ja nicht mehr ins Bureau gehen ... Aber ist denn das möglich? Halte ich das aus? Oder halte ich das nicht aus?“

„Weder – noch!“

Da wurden die drei Beamten von einem Knall in die Höhe gerissen: Jürgen hatte das Tintenfaß durch das zerbrechende Fenster hinunter in den Lichthof geschleudert. Ein Tintentropfen rollte langsam an der Stirn herunter, am tobsüchtig glotzenden Auge vorbei, über die dicke Backe.

„Wenn Sie solche Sachen machen, zieht man Ihnen ja die Zwangsjacke an. Nun sind Sie selbst aber schon eine Zwangsjacke von Ihrem Selbst. Sie würden also über die Zwangsjacke eine Zwangsjacke angezogen bekommen. Bedenken Sie, welch entsetzliche Hilflosigkeit.“ Die Stimme hatte vorwurfsvoll und dabei sehr milde geklungen.

„Jawohl, da ist es schon besser, ich gehe wieder“, sagte Jürgen und griff nach seinem Hute. Die zwei jungen Beamten machten unabgewandten Blickes mit den Beinen einander aufmerksam.

Von einer fremden, hinter seinem Rücken stehenden Macht wurde Jürgen durch die Straßen geschoben zum Nervenarzt.

Bein übergeschlagen, beide Ellbogen so auf die Sessellehnen gestützt, daß die gefalteten Hände und das Kinn vor der Brust zusammentrafen, hörte der schweigende Neurologe dem Patienten zu. Und Jürgen empfand Dankbarkeit diesem Manne gegenüber, der offenbar alles schon zu wissen schien und sich dennoch alles erzählen ließ.

„Na“, unterbrach der Professor und schnellte, ein abschließendes, vertrauenerweckendes Lächeln im Gesicht, vor, griff nach Jürgens Puls. Der Sprungdeckel des goldenen Chronometers gab mit einem beruhigenden Knacken das Ziffernblatt frei. Die Arztaugen blickten zur Decke.

Das Herrchen saß schwarz auf dem Tintenfaß aus schwarzem Marmor und schüttelte verneinend und mitleidig das Köpfchen.

„Und jetzt die Zunge!“ Jürgen streckte die Zunge heraus.

„Sie sind vollblütig und haben leider trotzdem, ich sage es Ihnen auf den Kopf zu, täglich Suppe gegessen, Fleisch, auch Eier! Stimmt das?“

„Wachsweiche Eier zu essen, hat mein Hausarzt mir geraten.“

Das überhörte der Professor. „So viel über Ihren körperlichen Zustand. Und was Ihren seelischen Zustand betrifft, über den, wie Sie sich ausdrückten, Sie keine Kontrolle mehr zu haben glauben, so ist dazu zu sagen, daß es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, einen seelischen Zustand in Ihrem Sinne gar nicht gibt, aus dem einfachen Grunde, weil es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, verstehen Sie, eine Seele, in dem Sinne, wie Sie sie auffassen, nicht gibt.“

Er blickte Jürgen ermunternd an, als wolle er sagen: Sehen Sie, so einfach ist diese Sache, wenn man sie wissenschaftlich betrachtet.

„Es gibt nur Körper, Herr Kolbenreiher, Körper, angefangen bei dem mit Vernunft und Bewußtsein bedachten, höchst entwickelten Tier, nämlich dem Menschen, zurück über den Affen, das Pferd, den Esel, den Hund, den Wurm, die Schnake, die Laus (wenn Sie gestatten), die Pflanze und den leblosen Dingen, die, ebenso wie die Pflanzen, die Tiere und wir, aus Atomen bestehen. Das ist, von der Naturwissenschaft aufgebaut und bis in die letzten Winkel durchleuchtet, der für uns glasklar gewordene Kosmos, in dem die mittelalterliche Hypothese ‚Seele‘, wie Sie sie auffassen, keinen Raum mehr hat.“

Jürgen warf schnell einen Blick Richtung Tintenfaß, das schwarz und glänzend auf seinem Platze stand.

„Sie, Herr Kolbenreiher, sind ein intelligenter Patient; anderen gegenüber würde ich mich zu solchen Erklärungen nicht herbeilassen. Repetieren wir: Es gibt also erstens vernunftlose Atomverdichtungen und zweitens vernunftbegabte Atomverdichtungen, von denen die höchstentwickelte Verdichtung der Mensch ist. Wir haben es demnach nicht mit der Zweiteilung ‚Seele und Körper‘ zu tun, wie Ihr Herrchen behauptet ...“

„In dieser Form habe ich das nie behauptet“, sagte das Herrchen.

„... sondern mit der Einheit ‚Körper‘, der von Vernunft bewegt wird, und zwar von der Zentralstation aus, dem Gehirn. Sie, Herr Kolbenreiher, sind eine vernunftbegabte Atomverdichtung, merken Sie sich das, und eine Einheit. Das heißt, Ihre Vernunft, Ihr Bewußtsein, Ihr Ich kann nicht, wie Sie mir da erzählen, für sich allein sprechen, auf der Straße spazierengehen, einen Separatspaziergang machen oder Sie besuchen und, sagen wir: ein Bankkonto besitzen; sondern Sie besitzen infolge Ihrer Vernunft ein Bankkonto.“

„Aber ich habe die Kontrolle über mein Bewußtsein verloren.“

Der Arzt erhob sich. „Das werden wir schon wieder deichseln. Sie sind Bankier. Sie machen sich nützlich. Dienen durch Ihre Leistung der Allgemeinheit. Das sollte Ihr Selbstbewußtsein stärken. Sind allerdings vollblütig. Also vorerst: keine Fleischsuppen, keine Eierspeisen. Vor dem Schlafengehen kalte Waschungen und, wie Ihr Hausarzt sagt, etwas Brom ... Ordnung. Arbeit. Hin und wieder etwas Zerstreuung, eine hübsche Frau. Sie verstehen. Das ist das Leben. Freuen Sie sich, daß es diese dunkle Kalamität ‚Seele‘ in Ihrem Sinne nicht gibt.“

Auch das Frackherrchen erhob sich.

„Dort, sehen Sie, dort steht es.“ Zurückweichend deutete Jürgen auf das Tintenfaß.

Der Professor nahm es in die Hand. „Was ist das?“

„Ach, nichts von Bedeutung. Das bin nur ich. Eine Kleinigkeit! Nur zwei Buchstaben: I–ch. Nicht der Rede wert“, sagte, bescheiden lächelnd, das Herrchen.

Und der Arzt: „Nun, was ist das?“

„Das ist ein Tintenfaß.“

„Na, sehen Sie, jetzt müssen Sie selbst lachen.“

Jürgen trug die Lachfratze durch die Straßen.

„Glauben Sie mir, Ihnen kann auch der nicht helfen.“

Dennoch ging Jürgen unverzüglich zu einem Psychiater, erzählte ihm alles, auch alles, was der Professor gesagt hatte. „Aber diese ganze Auffassung ...“

„Sie haben Recht. Verglichen mit der modernen Seelenforschung, ist die Auffassung des Herrn Kollegen etwas primitiv ... Ja, Herr Kolbenreiher, die Behandlung dürfte wahrscheinlich Jahre in Anspruch nehmen. Wir müssen Ihre ganze Kindheit durchforschen. Erst, nachdem die schweren, von Ihnen total vergessenen Kindheitserlebnisse ...“

Das Frackherrchen winkte ab: „Ach, hören Sie auf, Herr Doktor.“

„Wie meinen?“

„Ich habe nichts gesagt.“

„... welche zweifellos die Ursache Ihrer Krankheit sind, Ihnen vollkommen bewußt geworden sein werden und Sie sie mit der Kritikfähigkeit des Verstandes eines Zweiundvierzigjährigen ...“

„Aber Doktor! Ein Mensch, der, um nur das eine zu nennen, im Traume dem Vater ins Gesicht gelacht hat, ein Mensch also, der die fremden Mächte in seiner Seele besiegen, sich das Bewußtsein erkämpfen und an den Anfang seines Ich gelangen konnte, kann nicht mehr die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden verantwortlich machen.“

„Ja“, sagte fein lächelnd der Psychiater, „sagen Sie das nicht.“

„Was?“ fragte Jürgen.

„Was Sie eben sagten.“

„Ich habe nichts gesagt.“

Das Frackherrchen lächelte.

Auch Jürgen lächelte verschmitzt. „Also, in bezug auf die Kindheitserlebnisse wenigstens sind wir einer Meinung.“

„Dann ists ja gut. Kommen Sie morgen zu mir.“

„Nein. Denn mir können auch Sie nicht helfen.“

„Das sollten Sie, wie gesagt, nicht so ohne weiteres sagen.“

„Was?“

„Daß auch ich ... Denn diese Kindheitser...“

„Steckenpferd!“

Der Psychiater hob die Augenbrauen und notierte das Wort ‚Steckenpferd‘. „...erlebnisse, vor allem natürlich die sexuellen ...“

„Gehn wir!“ sagte brüderlichen Tones das Frackherrchen aus Jürgens Munde. „Guten Tag, Herr Doktor.“

Aus dem Gymnasium, in dem auch er neun Jahre gesessen hatte, platzten mit Geschrei die Jünglinge. Fragende, junge Augen. Feurige Gesichter. Biegsame, junge Körper, Bücher unterm Arm, dem Leben schräg entgegengestreckt.

„Deshalb muß ich jetzt gleich zum Photographen gehen.“ Weshalb das Erblicken der Gymnasiasten ihn veranlaßte, zum Photographen zu gehen, hätte Jürgen nicht sagen können. Plötzlich sah er eine tiefe Verbeugung und folgte der einladenden Photographenhand.

Während er vor der Linse saß, betrachtete er die lebensgroßen Brustbilder, deren tote Augen auf ihn zurückblickten. „Ob man diese Jugendphotographie wohl auch vergrößern kann?“

Der Photograph prüfte das verblichene Jugendbildnis, das Jürgen darstellte, wie er im Garten am Nußbaum lehnte, unter dem die Tante gehäkelt hatte. „Aber mit Vergnügen! Geht großartig!“

„Nicht nur Brustbild? Ganz in Lebensgröße? Auch mit den Beinen?“

„Das allerdings hat bis jetzt noch niemand gewünscht. Aber es ist zu machen ... O, das kommt vielfach vor, daß die Herrschaften sich vergrößern lassen. Gerade die Jugendphotographien immer will man vergrößert haben. Erst vor einigen Wochen kam Herr Geheimrat Lenz – sehr berühmter Mann, wie Sie wissen – und bestellte eine Vergrößerung nach seinem Jugendbildnis. Zwanzig Jahre! Nicht mehr zu erkennen! Kein Mensch würde glauben, daß Herr Geheimrat Lenz einmal so ausgesehen hat. Und dies ist der Sohn: Herr Oberstaatsanwalt Karl Lenz. Er ist, gemessen am griechischen Schönheitsideal, zu dick geworden ... Zu sehen, wie man früher war, macht Spaß, nicht? ... Nur etwas verblaßt, verwischt, sozusagen vergangen sehen die Vergrößerungen von Jugendbildern aus. Aber sie haben gewissermaßen etwas Traumschönes. Traumschön! Das ist das richtige Wort ... Etwas höher den Kopf ...“

Vor dem Schlafengehen nahm Jürgen Brom, wusch sich kalt ab, schlief fest, träumte schwer, wußte am Morgen nicht mehr, was er geträumt hatte, erschien pünktlich im Bureau. Die Beamten beobachteten ihn unausgesetzt.

Auf dem Rückwege zur Haltestelle blieb Jürgen stehen, berührte mit seinem Spazierstockgriff die Brust des Partners, der nicht da war, und erklärte: „Die Sache verhält sich anders. Hören Sie gut zu“, ging weiter, nach der Seite hin sprechend. Seine Hände gestikulierten. Er blieb stehen. Lachte. „Das war ein Witz.“ „Aber ein recht guter Witz“, sagte der Partner. „Nun, es geht“, gab Jürgen zu, schritt aus. „Sehen Sie, da sprach ich letzthin mit Katharina ...“

„Was sagte ich eben?“ fragte er entsetzt sich selbst und zog den Kopf ein, schwieg.

Und schon nach zehn Schritten begann er ein neues Gespräch. Der Partner konnte ein fremder Mensch sein, den Jürgen kurz vorher in der Bank gesprochen, ein Kind, das ihm nachgesehen hatte, die schon längst verweste Tante. Jürgen, der Student, war anfangs nur sekundenlang der Partner des zweiundvierzigjährigen Jürgen. Denn Jürgen versah den Studenten sofort mit einem Vollbart, setzte ihm eine Brille auf, zog ihm einen Pelzmantel an, so daß er an einen fremden Herrn seine Worte richten konnte. Aber späterhin wehrte sich der Jüngling erfolgreich gegen die Verkleidung, ließ Mantel, Brille und Bart fallen, wurde gedankenschnell zum Studenten und erklärte mit ruhiger Stimme dem Zweiundvierzigjährigen: „Sie sind ein ganz niederträchtiges, verräterisches Nichts.“

„Warum bin ich ein Nichts? Erlauben Sie mir!“

Der Student, der die abgeschnittene Hose trug, auf die das Hinterteil aufgenäht war in Breechesschwung, wies genau nach, weshalb Jürgen ein Nichts sei, hielt eine feurige Rede, geriet in Begeisterung. Jürgen hörte verzückt zu und versuchte, selbst in dieser Tonart weiterzusprechen: von Hingabe, Kampf und Zielen.

„Halt, das sage ich. Ich sage das. Sie haben nicht das Recht, so zu sprechen. Sie haben dieses Recht verwirkt.“

Da ließ Jürgen dem Studenten sofort wieder einen Vollbart wachsen. Aber als er ins Wohnzimmer trat, erblickte er den Studenten, der lebensgroß an der Wand lehnte. Etwas verschwommen, fern, vergangen. Und ungeheuer gegenwärtig.

„Das ist ja großartig“, rief Jürgen frisch, stellte den Spazierstock in die Ecke und sich selbst vor das Bild. „Du gefällst mir ... Je, je, weshalb denn gar so ernst! Schlechte Geschäfte?“

Die Photographie antwortete nicht.

„Nein, nein, entschuldige. Ein Scherz! Soll nicht mehr vorkommen.“ Er schritt zur Tür, wollte Phinchen rufen und ihr das Bild zeigen.

„Sind nicht vorhanden.“

„Wer ist nicht vorhanden?“ Jürgen war herumgeschnellt; ganz deutlich hatte er die drei Worte gehört, die laut und tonlos gesprochen worden waren. Er starrte hinaus in den Garten. Da war niemand. Auf den Zehenspitzen schlich er zum Bilde zurück, wiederholte gedankenverloren: „Wer? Wer ist nicht vorhanden?“ Ging zur Tür, Phinchen zu rufen.

„Sie sind nicht vorhanden.“

Er ließ die Türklinke los und trat, beide Hände in den Hüften, wieder knapp vor das Bild hin. „Nein, Sie, mein Lieber, Sie sind nicht vorhanden. Sie sind ganz gewöhnliches Bromsilberpapier. Verstanden!“

„Ich bin da. Ich bin.“ Die Photographie deutete mit dem Zeigefinger auf Jürgens Brust: „Sie dagegen nicht. Was von Ihnen da ist, bin ich. Aber ich habe mit Ihnen nichts mehr gemein. Also sind Sie gar nicht mehr vorhanden.“

Da packte Jürgen die schmal gerahmte Photographie und stellte sie mit der Bildseite gegen die Wand. „Und was sind Sie jetzt, he? Nichts als Pappe! Ganz gemeine graue Pappe!“ Er trat zurück.

Und sah, von unermeßlichem Entsetzen geschüttelt, zu, wie das Bild auf der Papprückwand erschien, und hörte die bekannten Worte: „Ich versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als neunundneunzig Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele schmusen, in gar keiner Weise mehr von ihrer Seele gestört werden, so wahr ist es, daß bei gewissen Individuen in gewissen Momenten die Seele spielend leicht durch den Schutzwall durchschlüpfen und ihr vorbestimmtes Recht verlangen kann.“ Die Photographielippen hatten sichtbar die Worte geformt.

„Du Lump bist nichts als Pappe“, brüllte Jürgen, stürzte hinaus, zerrte Phinchen vor das Bild. „Dreh es um! ... Wer ist das?“

„Das ist der gnädige Herr, wie er jung war.“ Phinchen bekam vor Rührung nasse Augen.

„Also ich bin das, nicht wahr, ich?“

„Wie Sie jung waren.“

„Das heißt doch aber: ich bin es. Ich!“

„Ja, wie Sie früher waren.“

„Jetzt sage mir: wen hast du lieber, den da oder mich?“

„Sie natürlich, gnädiger Herr! Das ist ja nur eine Photographie.“

„Das ist ein Irrtum. Ich bin er. Und er ist ein Nichts.“

Jürgen führte Phinchen schnell in die Küche. „Sag mir, Phinchen, hast du ihn sprechen hören, den da drinnen? ... Nein, schweige! Ich will nichts wissen.“

Schnelle Schritte stellten ihn wieder vor das Bild hin. „Hör mal, du bist nichts als eine Photographie und kostest mich soundso viel. Mit Rahmen ... Hier ist die Rechnung.“

„Sie irren sich. Ich bin alles, was Sie verraten haben, und koste Ihnen den Verstand.“

„Das wollen wir sehen.“ Er stieg sofort ins Bad, duschte sich minutenlang kalt ab, schluckte Brom und legte sich ins Bett.

Die Photographie stand im dunklen Wohnzimmer. Lebensgroß. Jürgen saß aufrecht im Bett und glotzte durch sechs Wände durch auf die Photographie.

„Sie hat Augen. Sie blickt ... Kann man einen Blick photographieren? Ob wohl mein Blick von damals auch mitphotographiert, ganz genau, wie er war, mitphotographiert worden ist? ... Und das, was hinter dem Blicke ist? Was hinter einem Jünglingsblicke ist?: Sehnsucht, Bereitschaft zur Hingabe, die großen Gefühle – die Seele? Wurde damals auch meine Seele mitphotographiert?“

Jürgen sah deutlich den Jünglingsblick, der als große Frage an das Leben in den Augen stand.

Ohne die photographierte Frage an das Leben aus den Augen zu lassen, legte er den Kopf langsam und sanft auf das Kissen, schlief ein. Und im Schlafe war nichts auf der Welt, als seine Augen und die zwei photographierten Augen. Die Blicke der zwei Augenpaare trafen sich stundenlang, bis dieses lautlose Sichtreffen der Blicke Jürgen aus dem Schlafe hob.

Die brennende Kerze in der Hand, schlich er ins Wohnzimmer, vor das Bild hin. „Und wenn ich nun“, sagte er und nahm das Bild aus dem Rahmen, „mich in den Rahmen stelle?“

Das Nachthemd reichte bis zu den behaarten Waden. Eine Weile blieb er vollkommen reglos im Rahmen stehen und starrte wild auf den gegenüberstehenden Jüngling.

Dessen ernster, vergangenheitsferner Blick zwang Jürgen, wieder aus dem Rahmen herauszutreten. Überwältigt von der Unerbittlichkeit des Jünglingsblickes, brach er vor dem Bilde in die Knie. „In dir lebt das ewig unverrückbare Ziel.“

Die Kerze in der einen, die Photographie in der andern Hand, stieg er hinauf in das Zimmerchen, das er als Jüngling bewohnt hatte, lehnte das Bild an die Wand. Und als er den Türdrücker gefaßt hatte und fortgehen wollte, stieg aus den seit Jahren verschütteten Gefühlen ein Strom von Hilfsbereitschaft auf. „Kannst nicht immer stehen. Kannst nicht dein Lebenlang stehen.“

Er knickte das lebensgroße Bild in der Rumpfmitte ab, nach vorne, daß es einen rechten Winkel bildete, dann bei den Knien nach rückwärts und setzte die Photographie auf das Kanapee.

Tränennaß und fassungslos schluchzend kam er im Schlafzimmer an. Und hatte, wie er stöhnend und wimmernd in das Kopfkissen hineinklagte, das von Hoffnungslosigkeit durchbebte Gefühl, lebenslänglich getrennt zu sein von sich, von seiner Jugend, die im modrigen Studentenzimmer auf dem Kanapee saß.

Andern Tages wollte er auf der Straße schon den Hut ziehen vor Herrn Fabrikbesitzer Hommes, der grußlos vorüberschritt. Jürgen blieb stehen, Hand auf dem tobenden Herzen. „Sieht er – sieht man mich nicht? Bin ich unsichtbar? ... Ich bin doch aus Fleisch und Knochen, habe Augen, Stirn, Hände.“ Er umfaßte sein Handgelenk, wollte sich überzeugen, preßte das Gelenk.

Da öffnete sich sein Mund in grenzenlosem Entsetzen: die umfassende Hand war zur Faust geworden: kein Handgelenk war in ihr. Noch einmal umfaßte er das Handgelenk. Wieder wurde die Hand zur Faust.

„Nicht mehr vorhanden?“ fragte er, hob die Augenbrauen. „Überhaupt nicht mehr?“ Er pfiff bedeutsam. „Jürgen Kolbenreiher ist also überhaupt nicht mehr da. Ist einfach weg? Ist Luft? Und das nicht einmal? Ein glattes Nichts?“

Hastig öffnete er das Taschenmesser, stach die Spitze hinein in seinen Schenkel, wollte vor Freude über den Schmerz schon einen Triumphschrei ausstoßen. Und fühlte nichts.

Er bohrte tiefer, drehte die Messerspitze in der Wunde herum, fühlte nichts.

Da marschierte sein in das Grauen hineingeduckter Körper nachhause und legte sich auf das Kanapee.

„Was ist, wenn ich jetzt aufstehe, hinausgehe in die Küche und Phinchen sieht mich nicht?“

Plötzlich stand, von Phinchen hereingeführt, der Bankdiener im Zimmer. Der Herr Prokurist lasse fragen, ob Herr Kolbenreiher auch heute nicht ins Bureau komme.

„Wo? Wo ist er? Sehen Sie ihn denn, da Sie ihn fragen? Wissen Sie denn, wo Herr Kolbenreiher sich momentan aufhält?“

Und da der Diener den Mund aufsperrte: „Ich bin nicht vorhanden, nicht anwesend, ich bin nicht da, kann also auch nicht in die Bank kommen.“

„Ich werde also ausrichten, Herr Kolbenreiher seien verreist.“

„Ah!“ rief Jürgen, als der Diener fort war. „Vielleicht bin ich nur verreist. Einfach verreist! Nach Italien! Paris! So wirds sein.“

Jürgens Gesicht wurde flach; die Augen sprangen vor. Er stürzte in die Küche. „Hilf mir, Phinchen, rate mir, wie erfahre ich, wo er ist. Die Welt ist groß. Was soll ich tun, ihn zu finden ... Rufe schnell den Diener zurück.“

Und als das entsetzte Mädchen den Diener wieder in das Zimmer führte: „Besorgen Sie mir einen Reisepaß. Aber auf den Namen Jürgen Kolbenreiher!“ Er zwinkerte schlau. „Wenn Sie sich geschickt anstellen, merkts vielleicht niemand, daß nicht ich selbst es bin.“

„Das ist gar nicht schwer“, sagte der Diener und ging. Phinchen weinte.

„Im Gegenteil! Sehr schwer! Man kann es ertragen, sein Vermögen zu verlieren, aber sich selbst zu verlieren erträgt kein Mensch.“

„Das ertragen die andern großartig; aber, zum Beispiel, das Vermögen zu verlieren, ertragen sie nicht. Und aus diesem einfachen und unheimlichen Grunde ertragen sie es so leicht, sich selbst zu verlieren. Die sind nicht vorhanden und haben davon nicht die leiseste Ahnung.“

Ganz langsam legte Jürgen beide Handflächen an die Schläfen, noch einmal zu kontrollieren, ob sein Kopf da sei. Die Handflächen trafen zusammen. Kein Kopf war dazwischen. Jürgen stieß einen kurzen Schrei aus. Und lag leichenstill bis in die Nacht hinein. Der Reisepaß war schon gebracht worden.

Die Stadt schlief. In Haus und Garten rührte sich nichts. Der volle Mond hing am Himmel. Jürgen schlich ins Arbeitszimmer, einige Minuten später durch den Garten, heftete einen Kanzleibogen an den Türpfosten, an den er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ angebracht hatte, und las:

„Wer den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers anzugeben vermag, erhält jede gewünschte Summe. Hier werden Begeisterung, unverbrauchte Wahrheit, Bewußtsein und Hingabe gekauft.“

Befriedigt stieg er die Treppe hinauf und packte seinen Reisekoffer, wusch sich, kleidete sich um.

Noch einmal schlich er in das dunkle Schlafzimmer, vor den mannshohen Ankleidespiegel. Die Hand am Schalter, wartete er erst einige Sekunden, bevor er das Licht andrehte.

Lebensgroß erschien das Spiegelbild. Jürgen schrie vor Freude, hob dabei den linken Arm.

Das Spiegelbild hob den Arm nicht.

Jetzt erst bemerkte er, daß im Spiegel der Jürgen stand, der, in knapp sitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern, Brust und Blick, die Blicke aller im Saale Anwesenden auf sich zog: der Jürgen, den er, sitzend auf der Anlagenbank, als zu erstrebendes Ziel in den grünen Bretterzaun hineingesehen hatte.

Jürgen hob die Augenbrauen, pfiff, tanzte, schnitt Grimassen, ballte die Fäuste. Das Frackherrspiegelbild rührte sich nicht. Das Entsetzen war ungeheuer.

Er drehte das Licht aus, verbrachte atemlos einige Sekunden, drehte an, stierte in den Spiegel.

Im Spiegel war nichts. Jürgens Finger drückte den Knopf.

Phinchen, die weinend vor der Schlafzimmertür gekniet hatte, trat sofort ein, wurde vor den Spiegel gezerrt. Ob sie ihn sehe?

Händeringend beteuerte sie, daß er neben ihr im Spiegel stehe. Sein wütendes Fragen und ihr jammervolles Deuten dauerten so lange, bis Jürgen, durchblitzt von einem letzten Rettungsgedanken, langsam sagte: „Wenn ich mich jetzt mit dir zusammen ins Bett lege, dann muß ich doch fühlen, daß ich bin. Denn dies, es ist das starke Gefühl.“

Phinchen ließ die Arme sinken, war bereit.

„Aber mit wem denn? Ich bin ja nicht. Hab ja keine Arme zum Umarmen ... Weißt du, Phinchen, die Hauptsache ist, daß ich wieder ein Fetzchen Gefühl bekomme. Gefühl! Dann suche ich ihn. Dann finde ich ihn auch. Geh, Phinchen, geh!“

Bis zum Morgen lag er mit offenen Augen im dunklen Schlafzimmer.

Der Kolonialwarenhändler von nebenan und der Antiquitätenhändler, der in der Hauptstraße des Villenviertels eine Filiale hatte, sahen Jürgens Zettel zuerst. Arbeiter und Weiber, Kinder, auf dem Wege in die Schule, Milch- und Semmelausträger sammelten sich an. Der Antiquitätenhändler machte einen Witz über die neue Konkurrenz. Das Gelächter drang bis zu Jürgen hinauf.

Der stritt sich mit einem Fremden herum, der seine Gefühle nicht verkaufen, sondern sie nur gegen andere Gefühle eintauschen wollte.

„Aber ich besitze ja keine ... Hören Sie“, er faßte den Fremden bei der Schulter, „ich gebe Ihnen mein gesamtes Vermögen gegen etwas Gefühl, gegen ein Bruchstückchen Begeisterung, gegen den leisesten Hinweis auf ein Ziel. Nur ein bißchen Bewußtsein! Ich bitte Sie.“

„Geht nicht! Gefühl hin – Gefühl her! Hingabe gegen Hingabe!“

Jürgen warf die Hände vor: „Meine Villa, die drei Mietskasernen, meinen ganzen Aktienbesitz, meine Stellung und Macht, mein Geachtetsein, alles will ich Ihnen geben und will dafür nur mich.“

Vor dem Hause ertönte stürmisches Gelächter. Das klang wie fernes Möwengeschrei. Der Antiquitätenhändler witzelte: „Ankauf gut erhaltener Ideale. Stil Louis XVI.“

Auch der Nachbar war hinzugetreten, las den Zettel. „Da ist etwas nicht in Ordnung“, sagte er und klinkte die Gartentür auf.

Jürgen horchte auf das vielfüßige Getrappel, nahm seinen Koffer, stürzte die Vordertreppe hinunter und davon.

Im Auto fuhr er – Oberkörper vorgebeugt, als gelte es, ein Rennen zu gewinnen – zum Bahnhof. „Was kostet die Fahrkarte nach Paris?“

Der Schalterbeamte nannte die Summe, griff in das Billettregal.

„Und nach Rom? ... Nach Odessa?“

„Wohin also?“

„Zu mir! ... Verzeihung – es könnte ja sein –, wissen Sie vielleicht zufällig, ob Jürgen Kolbenreiher momentan in Berlin oder in Wien ist?“

„Wie meinen?“

„In London oder Madrid?“

„Was? Wer? Was wollen Sie?“

„Um Himmels willen – in New York?“

Der Schalterbeamte starrte wütend.

Und Jürgen sagte: „Sie wundern sich? Tun Sie das nicht! Auch Sie können nicht wissen, wo und was Sie sind, in Rom oder in Chikago, Matrose in der südlichen Hafenstadt oder Schreiber in einer Beamtenstube Norddeutschlands, die Sie nie betreten haben. Oder sitzen Sie in hunderttausend Schalterkästen gleichzeitig? Keine Ahnung haben Sie. Kommen Sie mit! Denn hier in diesem Schalterkasten werden Sie sich nie finden. Oder glauben Sie gar, Sie seien Sie? ... Bruder, verwandt mit mir durch dein Schicksal, steige heraus aus deinem Kasten. Denn hier kannst du dich bis an das Ende deines Lebens niemals finden. Suche dich ... Suchet, so werdet Ihr finden ... Aber dir, ich weiß es, dir Armen ist nicht einmal das Suchen verstattet.“

Eilige Reisende drängten Jürgen vom Schalter weg. Die Abfahrt eines Zuges wurde ausgerufen. Jürgen sprang in ein Abteil dritter Klasse.

Zu der alten, verhärmten Arbeiterfrau, die ihm gegenübersaß, sagte er noch, er suche, was jeder Mensch auf dieser Erde lebenslang suche. Und schlief ein. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, als streite er heftig mit jemand.

Die Frau glaubte, Jürgen friere, betrachtete erst eine Weile mitleidig und unschlüssig das zerklüftete Gesicht. Dann wagte sie es doch, ihre Wolldecke vorsichtig über seine Knie zu breiten.