VIII

Wochenlang wußte niemand, wo er war. Phinchen, von neugierigen Nachbarn befragt über das scheue Verhalten Jürgens in der letzten Zeit, verweigerte jede Auskunft. Und Herr Wagner, bestrebt, unliebsame Gerüchte, die das Ansehen der Bank schädigen könnten, nicht aufkommen zu lassen, sprach von einer wichtigen Geschäftsreise so vorsichtig und wortkarg, als würde schon ein einziges schlechtgewähltes Wort Riesenverluste für die Bank bedeuten.

Endlich erzählte ein Kunde, er habe Jürgen in Rom gesehen – nannte Tag und Stunde – und zwei Tage später noch einmal in der Halle des selben Hotels, leider nur sehr flüchtig, da Jürgen, offenbar in besonders dringenden Geschäften, in größter Eile auf das wartende Auto zugeschritten sei.

Herr Wagner machte ein wissendes Gesicht. Und schwieg auch dann noch, leise zwinkernd, als ein Pariser Geschäftsfreund ruhig lächelnd behauptete, das sei nicht gut möglich, denn an dem dazwischenliegenden Tage habe er selbst in Paris im Direktionsbureau sich mit Jürgen unterhalten und persönlich ihm eine große Summe gegen einen Scheck des Hauses Wagner und Kolbenreiher ausbezahlt. „Das war am ...“

„Stimmt!“ unterbrach Herr Wagner. „Beides stimmt. Es gibt Fälle, meine Herren, wo die Geschäftskonstellation unsereinen zwingt, schneller als eine Schwalbe zu sein.“

Der Zeigefinger sank. Was aber, wenn jetzt noch einer kommt und behauptet, er habe ihn um die selbe Zeit in London gesehen? dachte Herr Wagner,

während Jürgen, in der Droschke ungeduldig vorgebeugt, überdacht von einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, vom Bahnhof der südlichen Hafenstadt in das Hotel fuhr, in dem er vor vierzehn Jahren als Neuvermählter mit Elisabeth gewohnt hatte.

Ein Servierkellner verscheuchte mit der Serviette Fliegen von den blumengeschmückten, weißgedeckten Tischchen. Gegenüber schliefen zwei braungebrannte Männer auf den breiten Steinstufen im Schatten des Palastes.

„Sagen Sie mir, aber aufrichtig: ist Herr Jürgen Kolbenreiher im Hause?“

Zurückweichend drehte der Kellner sich um sich selbst und schlug dabei mit der Serviette heftig in die Luft nach einer großen Bremse. „Ich werde sofort nachsehen.“

Der dicke, befrackte Oberkellner blieb, den Zahnstocher noch im Munde, im kühlen Hausflur stehen, zeigte Jürgen, der draußen im Sonnenbrande stand, fragend und verneinend beide Handflächen und deutete plötzlich und schwungvoll mit beiden Händen einladend flurwärts.

„Nicht dagewesen? ... Ist das Zimmer Nummero 7, mit Aussicht auf den Hafen, frei? ... Dieses Zimmer nämlich hätte er genommen“, sagte er beim Hinaufgehen. Und erkannte sofort den geblumten Überzug der Ottomane wieder.

Setzte sich in den Sessel. Plötzlich sah er, wie damals, Jürgen mit Elisabeth in der Halle eines Pariser Hotels stehen. ‚Das bin ja gar nicht ich. Das ist ein ganz anderer. Nicht der, den ich suche ... Wenn ich wenigstens nur den finden würde, der hier in diesem Zimmer gesessen hatte. Denn auch der wußte, daß der in Paris herumlebende Schuft nicht Jürgen war. Aber wo, wo ist er, der dies wußte? Wo?‘

„Hier ist er also nicht? In diesem Zimmer wohnt er nicht?“

„Dieses Zimmer ist frei, Herr.“

„Aber es war doch nicht immer frei! Sagen Sie mir – aber denken Sie scharf nach –: ist Herr Jürgen Kolbenreiher nicht doch hier gewesen in der letzten Zeit? Dieser selbe Herr Kolbenreiher nämlich, der vor vierzehn Jahren einige Tage in diesem Zimmer gewohnt hat mit seiner Frau! Mit einem Fisch! Sie erinnern sich! Unveränderlich in ihrem Wesen. Kühl! Kühl! Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht ... Er bezahlte damals – ich erinnere mich genau –, da er anderes Geld nicht hatte, Ihnen persönlich die Rechnung in Mark.“

„Eine blonde Dame? Mark! Ah, Mark! ... Der Herr ist damals gleich abgereist und seither nicht mehr hier gewesen.“

„Abgereist?“ Jürgen fuhr sofort zum Bahnhof und reiste ab. Mit dem ersten Zuge, der ausgerufen wurde. Endstation Berlin.

Wurde achtzehn Stunden später von den hastig und zielbewußt Auseinanderstrebenden mitgerissen durch die Berliner Bahnhofshalle und hinausgestellt auf den Platz, zwischen brüllende Zeitungsverkäufer, schnelle Radler, brüllende Autos, hetzende Fußgänger, und verharrte reglos: eine Achse, um die herum das Leben der flachen Stadt sauste.

Auf dem Potsdamer Platz, dem Mittelstück verkehrreichster Straßen, stand der Schutzmann, das Blasinstrument am Munde, die Hand dirigierend erhoben.

„Die Richtung! Bitte! Ich bitte. Die Richtung! Welche Richtung führt zu mir?“ fragte er den Schutzmann.

Der antwortete: „Nicht stehen bleiben! Vorwärts!“

„Im Gegenteil! Das Ganze Halt! Ich sage Ihnen, auf diese Weise nähern die Menschen sich, auch wenn sie ihr ganzes Leben lang so weiter rasen, nicht um einen Millimeter dem Ziele, während vielleicht ich, ah, glauben Sie mir ...“

Der Schutzmann hielt, als schwöre er zu Jürgens Worten, die Hand erhoben, senkte sie: Zeitbesessene Menschengruppen, Straßenbahnen, überfüllte, dunkelbrüllende Riesenautobusse, springende Häuser, nahmen das Rennen wieder auf, die Leipziger Straße hinauf, schwemmten Jürgen mit, der, ein Lächeln unbegreiflicher Zuversicht im Antlitz, mitten auf dem Fahrdamm schritt.

Autos, von rückwärts und von vorne kommend, sausten auf ihn zu und, sekündlich ausweichend, in unvermindertem Tempo vorbei, knapp, daß nicht handbreit Zwischenraum geblieben war. Chauffeure glotzten wütend, schimpften, waren weg. Passanten staunten.

Das Lächeln der Zuversicht verschwand. „Unverwundbar? Luft? Nicht vorhanden? Autos fahren durch mich durch!“ Beide Handflächen schnellten zu den Schläfen, fanden keinen Kopf. Das graue Entsetzen stieß ihn weiter.

Menschen, einer flüchtenden, schwarzen Tierherde gleich, rannten, von der Straße weg, eine Treppe hinunter, rissen Jürgen mit, hinab in das mit Reklamebildern austapezierte Erdmaul, hinein in die verhalten bebende Maschine.

Eingeklemmt zwischen Passagiere, die, vorausblickend, in Gedanken schon bei ihrer Zielstation angelangt waren, sauste Jürgen unter der Stadt durch, flüsterte, die Hand am Munde, in ein Menschenohr: „Alles rennt und hetzt, hin und her, kreuz und quer, Tag und Jahr. Komisch und bedeutsam! Denn – denn die Banken schießen auf. Neue Stockwerke werden aufgesetzt, Kutscherkneipen umgebaut zu Wechselstuben. Dies, ich sage Ihnen, dies ist das Zeichen.“ Er hob, wie vorhin der Schutzmann, die Hand, warnend, als wolle er aufmerksam machen auf eine heranrollende ungeheure Katastrophe.

Die Bahn sauste empor, über eine gespreizte Eisenbrücke. Jürgen wurde auf den Asphalt gestellt, blickte umher. Trambahnen, Hoch- und Stadtbahnzüge kreuzten einander, spien Menschenmassen aus, nahmen andere auf.

Zum beschäftigten Hotelportier sagte er in falscher Gleichgültigkeit, er sei und heiße Jürgen Kolbenreiher. „Hier, mein Paß! Überzeugen Sie sich!“ „Gilt schon!“ Füllte den Meldezettel aus.

Und hüpfte in seinem Zimmer vor Vergnügen, den Portier getäuscht zu haben. „Was die andern können, kann auch ich. Auch ich kann ein Vorhandensein vortäuschen, das keines ist. Muß mich nur auch selbstbewußt benehmen, darf niemand merken lassen, daß ich nicht bin. Denn jemandem, der nicht ist, gibt niemand Auskunft. Und ich werde viele nach mir fragen, werde lange nach mir suchen müssen, eh ich mich finde.“

Er horchte auf das Brausen der Stadt. Das klang wie das Bellen von Millionen vor Hunger irrsinnig gewordener Hunde.

Plötzlich sah er deutlich, wie Jürgen langsam durch eine Straße ging, vorbei an einem Hutgeschäft, und im Gewühle verschwand. Konnte nicht ermitteln, ob er diese Straße und dieses Hutgeschäft in Paris, Berlin oder Rom gesehen hatte.

„Es gibt so viele, ach, so viele Straßen und so viele Hutgeschäfte auf der Welt.“ Mutlos ließ er sich in den Sessel sinken.

„Was mag er jetzt denken? Was fühlte er in dieser Sekunde?“ Jürgen zog die Uhr. „Wenn ich ihn gefunden habe, frage ich ihn, was er in diesem Augenblick, um dreiviertel sechs, gedacht hat. Ach, wie wunderbar wäre es, zu wissen, was ich gegenwärtig denke ... Der Mensch denkt. Welch unbegreifliches Wunder ist das Denken! ... Daß er aber auch gleich wieder verschwunden ist! Wird schwer zu finden sein. Ich muß mir ein System ausdenken. Ein Schema. Ich muß systematisch vorgehen.“

Mit Bedacht setzte er die Maske der Gleichgültigkeit und Sicherheit auf, schritt zur Klingel. Und kramte dann doch, das Gesicht abgewendet, im Koffer, als er zum Kellner sagte: „Bitte, bringen Sie mir einen Stadtplan ... Sie können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie wollen.“

„Ausgezeichnet! Das habe ich ausgezeichnet gemacht. Denn ein Mensch, der ein Schinkenbrot verzehren kann, ist vorhanden. Das ist klar. ‚Sie können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie wollen.‘ Großartig! Dieses ‚Wenn Sie wollen‘ war sehr gut.“

Und als der Kellner den Stadtplan brachte und ein Brot mit Wurst, da Schinken nicht im Hause sei, tat Jürgen verdrießlich. „Ich hätte lieber Schinken gegessen. Nun, es kann auch Wurst sein.“ Der Kellner wollte gehen.

„Einen Augenblick!“ Er schnitt ein Stück ab, steckte es vor des Kellners Augen in den Mund. „Wieviel Einwohner hat Berlin? Ich suche nämlich jemand“, sagte er und kaute eifrig für des Kellners Augen. „Deshalb habe ich mir den Stadtplan bringen lassen. Die Wurst ist übrigens sehr gut. Sehr gut! ... Und morgen bringen Sie mir zum Frühstück warme Milch und eine Semmel. Nur etwas warme Milch! Ich habe nämlich einen schwachen Magen.“

„Sehr gut gemacht! Bewundernswert! Nur etwas warme Milch. Ich habe nämlich einen schwachen Magen.“ Er hüpfte. „Es wird. Es wird.“

Eifrig studierte er den Stadtplan, zog Blaustiftstriche von Schmargendorf nach Wilmersdorf, über Charlottenburg weg nach Rixdorf, bohrte auf das e von Steglitz ein i und kicherte: „Stieglitz“. Trillerte wie ein Stieglitz. Trillerte noch, als er schon im Bett lag. Und trillerte sich lustig und hoffnungsvoll in den Schlaf hinein.

Erwachte morgens mit dem Rufe: „Hahaha, einen schwachen Magen! O, hätte ich nur einen schwachen Magen, ein Magengeschwür, qualvoll und lebensgefährlich. Wäre doch immerhin ein Magen.“

Trank hastig die warme Milch und stellte, die staunenden Augen vergrößert, die leere Tasse auf den Tisch. „Aber ich trank ja eben Milch. Ich! Ich trank. Ein Mensch trank Milch. Also muß dieser Mensch doch einen Magen haben und muß ein Mensch, muß vorhanden sein.“

Da lächelte er ein schlaues, anerkennendes Lächeln, als habe er einen besonders fein angelegten Betrug durchschaut. „Ist es mir also tatsächlich gelungen, sogar mir selbst vorzutäuschen, ich hätte einen Magen. Wunderbar! Kein Mensch wird merken, daß ich nicht vorhanden bin.“

Langsam und vorsichtig, um nichts zu verschütten, trug er die leere Tasse zum Kübel, leerte die nicht vorhandene Milch aus, hörte das Plätschern. Und riß sich zusammen. „Jetzt aber los!“

Es war erst sieben Uhr. Die starke Luft stand noch unverbraucht in den Straßen. Jürgen hatte große Eile, sprang in Stadtbahnzüge, die schon angefahren waren, wurde von der Untergrundbahn im Westen abgesetzt, von der Straßenbahn quer durch die ganze Stadt nach Berlin N getragen, auf dem Dache eines Autobusses nach Wilmersdorf zurück.

Sein Schema benutzte er nicht. Denn immer, wenn er planvoll vorgehen wollte, fürchtete er, Jürgen werde zu der Zeit, da er ihn in Berlin O suche, in Berlin W sein. Er fragte viele Vorübereilende, ob sie wüßten, wo Jürgen Kolbenreiher sich momentan aufhalte.

„Der Vortragskünstler? Ah, das Weinrestaurant mit der Bar?“

„Nein, ein sehr entfernt Bekannter von mir.“

„Und ich soll wissen, wo der ist?! Sind Sie wahnsinnig!“

„Ja.“

„Frechheit!“ Der Wütende sauste weiter.

Nach vielen verständnislosen Rückfragen des dicken Dienstmannes, der auf seinem Bänkchen saß, sagte Jürgen: „Vielleicht ist er in Odessa.“

„Na, denn fahren Sie man nach Odessa.“

„Können vielleicht Sie mir sagen ...“

„Keine Zeit!“

„Er hat ... keine ... Zeit.“ Traurig blickte er den Händen nach, die den Weg hinter sich schaufelten.

Wurde von den Hetzenden da- und dorthin gewiesen, angeschrien, stehengelassen, von Bummlern ausgelacht. Durchstreifte Restaurants, Kaffeehäuser, Kirchen, Warenhäuser, Kutscherkneipen, wurde in das Reichstagsgebäude nicht hineingelassen und aus einem Automatenrestaurant herausgeworfen, weil er, anstatt in den Schlitz, die Metallmarke dem verblüfften Kellner in den Mund geschoben hatte.

Als er nach langer Fahrt vor dem Meldeamt ankam, war es schon geschlossen. Als erster stand er um zwei Uhr wieder vor dem Schalterfenster, bekam einen Zettel zum Ausfüllen. Sog den Staub- und Papiergeruch ein. Riecht wie in unserer Buchhaltung, dachte er. Und reichte, bebend vor Erwartung, den Zettel dem Beamten.

Der unterhielt sich mit seinem Kollegen, schimpfte über die schlechte Beleuchtung, stand plötzlich reglos und sah aus, als denke er.

‚Alle Menschen denken in jeder Sekunde ihres ganzen Lebens irgend etwas. Nur ich ...‘ „Was denken Sie momentan?“

„Nichts“, bekannte mechanisch der Beamte. Dann erst staunte er und begann zu suchen.

„Ist er hier gemeldet?“ fragte Jürgen gierig. „Kolbenreiher mit H!“

Der Beamte gab keine Antwort; er unterhielt sich weiter mit seinem Kollegen über die Tatsache, daß ein Teppichgeschäft in Berlin N den Mitgliedern der Beamtenorganisation zehn Prozent Rabatt gewähre, fragte, ob er diesen Rabatt wohl auch bekäme, wenn er nur zwei ganz einfache Bettvorleger kaufe. „Wenn nicht, würde ich lieber Strohmatten nehmen. Kosten kaum die Hälfte.“

„Und halten auch vierzehn Tage!“

„Haben Sie den Personalakt gefunden?“ Jürgen streckte den Oberkörper durch das Schalterquadrat.

„Man darf eben nicht mit den Schuhen darauftreten ... Nun, wenn man früh aufsteht ...“

„Ist er hier gemeldet?“

„... hat man ja in Berlin keine Schuhe an ... Nein, ein Jürgen Kolbenreiher ist bei uns nicht gemeldet.“ Das Schalterfenster klatschte knapp vor Jürgens Stirn herunter.

‚Vielleicht lebt er einfach unangemeldet. Ich natürlich weiß am allerwenigsten, ob er dazu fähig ist.‘

Vollkommen gefühl- und empfindungslos geworden, stand er in der verkehrreichen Straße, gleich einem zu Eis erstarrten Gegenstand, der in der lebendigen, sengenden Sonne steht und nicht schmilzt.

In allen Menschengesichtern, die an ihm vorbei auf Körpern straßauf, straßab getragen wurden, stand, ob sie sprachen oder schwiegen, lachten oder dachten, die selbe eisesstarre Einsamkeit.

So unabänderlich einsam, wie die Fliege, die, mit dem dicken Kopf voran, im Zickzack durch die Luft zuckt, dachte Jürgen und beugte sich, durchschüttert plötzlich von wunderbarem Wehgefühl, hinab zu zwei kleinen Kindern, die im Erdrund eines Baumes hockten und, in den Augen noch das volle Leben, hingegeben mit Steinchen spielten.

‚Und in zehn Jahren wird die große, lebendige, schmerzliche Sehnsucht kommen, in weiteren zehn Jahren auch für sie die unlebendige graue Einsamkeit, da auch sie gleich allen dann die Sehnsucht nicht mehr haben werden.‘

Ihn trieb die Sehnsucht, wiedererstanden in ihm durch das Erblicken der zwei noch im Fluß des Lebens spielverbundenen Kinder, weiter straßauf, straßab.

„Ja, der wohnt dort in dem gelben Haus.“

Das Herz blieb stehen. Klopfte noch immer nicht wieder. Begann in rasendem Tempo zu hämmern. Die Schläfen, graukalt geworden, stiegen über den Kopf empor. Todesangst packte und erfüllte ihn bei der Vorstellung, ihm, den er verraten und verkauft hatte, in die Augen zu blicken.

Der am ganzen Körper Zitternde wußte, daß er auf der Stelle tot zusammenbrechen werde, angesichts des Andern; dennoch trug letzte Bereitschaft, die Glieder lösend selig ihn durchströmte, Jürgen auf das gelbe Haus zu, bis vor das Porzellanschild.

Er sank, sank, sank. Stand endlich, Beine und Füße aus Blei, auf dem Asphalt und las wieder und wieder den nur ähnlich klingenden Namen.

Alles Leben, das ganze Gewicht seines Körpers schien in den Beinen zu sein, so schwer waren sie geworden, als er sich weiterschleppte, toten Blickes.

Die Detektei erreichte Jürgen noch knapp vor Bureauschluß. Mit dem ersten Blick schätzte der Inhaber den gut gekleideten Kunden auf die Vermögensverhältnisse hin ein, bemerkte schon nach zehn Sekunden, daß der vor ihm stand, den er suchen sollte, ließ sich eine Anzahlung geben. Am Morgen hatte Jürgen zu seiner Verwunderung gegen einen Scheck, unterschrieben mit dem Namen Jürgen Kolbenreiher, anstandslos eine große Summe ausbezahlt bekommen. „Haben Sie Hoffnung?“

„Aber gewiß doch! Von der Hoffnung lebt man heutzutage ... Wie wärs mit einer Extraprämie, Herr ... Pardon, wie ist Ihr Name?“

Und da Jürgen den Kopf schüttelte: „Ich habe keinen.“

„Den wollen Sie nicht sagen, verstehe schon. Das kommt bei uns öfters vor ... Mit einer besonderen Prämie, die Sie demjenigen meiner Leute auszubezahlen hätten, der den Aufenthaltsort dieses Schuftes nachweist.“

„Er ist kein Schuft. Im Gegenteil: wir sind Schufte!“

„Erlauben Sie! Gewöhnlich sind meine Auftraggeber sehr achtbare Leute, die irgendeinen Schuft suchen lassen.“

„Glauben Sie mir, es ist genau umgekehrt.“

„Wie also sieht dieser Herr Jürgen Kolbenreiher denn nun eigentlich aus, im großen ganzen? ... Sie wohnen doch im Hotel, nicht wahr?“

„Ich habe im Hotel einen falschen Namen angegeben. Den Namen desjenigen, den ich suche. Sie verstehen?“

„Verstehe schon!“

„Ich bin nämlich ... Ach nein, ich bin nicht. Das heißt, ich wollte sagen: ich bin inkognito hier, ganz und gar inkognito ... Wie Jürgen Kolbenreiher jetzt aussieht, das weiß kein Mensch auf der Welt. Denn es ist ganz unmöglich, zu wissen, wie ich aussehen würde, wenn ich so geworden wäre, wie ich bin. Das ist ja das Hoffnungslose.“

„Nichts ist hoffnungslos. Ich habe schon schwerere Fälle mit gutem Erfolge zu Ende geführt. Beruhigen Sie sich. Nur Ruhe! Ich selbst werde den Fall bearbeiten. Und was die Extraprämie anlangt, so ist sie fällig, nachdem Sie selbst zugegeben haben werden, daß dieser von Ihnen gesuchte Jürgen Kolbenreiher gefunden ist. Welche Summe also ...?“

„Jede Summe! Meine Villa, drei Mietkasernen, ein Riesenvermögen in Wertpapieren. Nehmen Sie alles, was ich habe, und geben Sie mir dafür Ihn!“

Hinausbegleitet, verließ Jürgen das Bureau, nicht weniger Hoffnung im Herzen als der Detektiv, der, tief in Grübelei versunken, einen Bratensaucetropfen von seinem seidenen Rockaufschlag abkratzte, an die Villa, die Mietkasernen, an das Riesenvermögen dachte und keine Lust mehr hatte, des Dienstmädchens Alimentationsfall zu bearbeiten.

Jürgen stand schon vor einer Plakatsäule, an der ein roter Zettel klebte, mit der Aufschrift: ‚Es geschieht alles, was du willst, nur kehre zurück.‘ Im Auto fuhr er in das Plakatinstitut.

„Mit jedem Tausend mehr, das Sie drucken lassen, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß Sie diesen Herrn Kolbenreiher finden.“ Der Unternehmer ließ die Augenbrauen fallen. „Das ist doch klar, nich?“

„Fünftausend? ... Zwanzigtausend?“

„Sind besser als zehntausend! Jetzt die genaue Beschreibung.“

„Die gibts nicht.“ Er zog die Jugendphotographie aus der Tasche. „Hier ist das Bild dieses Menschen. Mein Jugendbild! Aber jetzt kann Jürgen Kolbenreiher unmöglich so aussehen. Und auch nicht so.“ Er deutete auf sein Gesicht.

„Sagten Sie vorhin nicht, Sie selbst seien Jürgen Kolbenreiher?“

„War ich! Bin ich wieder, wenn ich ihn gefunden habe.“

„Hören Sie mal, einem Schwachsinnigen nehme ich kein Geld ab. Nee, ich bin doch keen Schnapphahn. Hab ich nich nötig ... Greifen Sie sich an den Kopf und sagen Sie sich: Da hab ich mich.“

„Wenn das so einfach wäre! Wenn ich einen Kopf hätte!“

„Na, denn rin in die Gummizelle!“

Die Konkurrenz machte das Geschäft. Und schon am folgenden Tage war an allen Plakatsäulen zu lesen, welche Summe demjenigen ausbezahlt werde, der den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers angeben könne. Auf den knallroten Zetteln klebte Jürgens Photographie, die eigens zu diesem Zwecke aufgenommen worden war. Ein gewisser Anhaltspunkt sei die Photographie ja doch, hatte der Plakatmann gesagt.

Den ganzen Tag durchquerte Jürgen suchend die Stadt. Niemand erkannte ihn. Der Detektiv machte den Versuch, das Geld zu verdienen. Einen Irrenarzt brachte er gleich mit ins Hotel.

Jürgen zeigte den beiden seine Jugendphotographie. „Nehmen Sie an, dieser Mensch wäre auf dem Wege, den zu gehen er als seine Pflicht erkannt hatte, weitergeschritten, vierzehn Jahre älter geworden: wie würde er dann jetzt aussehen? Sicher nicht so wie ich ... Schaffen Sie mir den richtigen Mann bei, dann bezahle ich.“

„Ich habe den richtigen Mann für Sie mitgebracht. Der wird Ihnen fix klarmachen, daß Sie selbst der Gesuchte sind“, sagte resolut der Detektiv. „Nicht wahr, Herr Doktor?“

Der grinste. „So einfach wird das nicht sein.“

Der Detektiv wurde energisch: „Sie müssen sich untersuchen lassen.“ Und der Doktor zog die Uhr. „Also, erst mal Ihren Puls, bitte.“

„Was Puls! Meinen Puls? Sind Sie nicht bei Sinnen! Puls? Wenn ich einen Puls hätte!“

„Nur los!“ rief der Detektiv, ging zu auf Jürgen, der zurückwich, die Bronzefigur vom Schreibtisch nahm.

Als der Psychiater eine halbe Stunde später mit zwei Wärtern und einem Schutzmann zurückkam, war Jürgen schon in ein anderes Hotel übergesiedelt.

Auf das Protokoll des Arztes hin wurde eine Anzahl Schutzleute ausgeschickt auf einen Streifzug durch die Hotels, Pensionen, Absteigquartiere, den Irren zu suchen, während dieser hoffnungsfroh die Stadt durchquerte, sich selbst zu suchen.

„Kennen Sie einen Herrn Jürgen Kolbenreiher? Möglicherweise trägt er – ich, selbstverständlich, weiß das nicht – einen Schnurrbart.“

Der Angeredete fragte zurück: „Verzeihung, sind Sie Schutzmann? In meinem Hotel waren nämlich heute Schutzleute, die einen entsprungenen Irren namens Kolbenreiher suchten. Viele Schutzleute durchsuchen ganz Berlin nach diesem Verrückten.“

„Viele? ... Wunderbar! Sie werden mich sicher finden.“

Getragen von Zuversicht, schritt er federnd und pfeifend auf das kleine Hotel zu, in dem er die letzte Nacht geschlafen hatte. Die Vorüberhetzenden, die Schutzleute, Chauffeure, alle blickenden Menschenaugen, alle Menschen auf der Erde suchten ihn.

Da sah er wieder diese von einer unsichtbaren Last erdrückte Frau, der er schon am Morgen und noch einmal gegen Abend des selben Tages beinahe an der selben Stelle begegnet war, und die anzusprechen und nach sich zu fragen er nicht gewagt hatte, wegen der erstarrten Hoffnungslosigkeit in ihrem Antlitz.

Die Frau, deren Lebensgefährte vor zwei Tagen gestorben war, trug, in Blick und Gang schon wie körperlos geworden, seit zwei Tagen die Last der hoffnungslosen Vereinsamung ziellos im Kreise immer um den selben Häuserblock herum.

Das bange Gefühl, diese Frau sei in ihrem armen Herzen so ertötet, daß sie nicht mehr geben und nicht mehr empfangen könne, verhinderte ihn auch jetzt wieder daran, einmal bei der Hoffnungslosigkeit anzufragen, nachdem alle von Hoffnungen und Zielen noch Erfüllten ihm nicht hatten helfen können.

Nur den Bruchteil einer Sekunde sah sie Jürgens bangen Blick auf sich gerichtet. Ein stöhnendes Schluchzen brach aus. Drei Töne. Dann trug sie, wieder starren Gesichtes, weiter langsam durch die Straße ihre hoffnungslose Vereinsamung.

Vor dem Hotel sprach der Portier mit einem Schutzmann. Zurückweichend blieb Jürgen stehen, bewegte den Zeigefinger vor der Brust verneinend hin und her, pfiff, die Brauen hochgezogen, einen Ton und kehrte um.

„Die suchen ja mich, den Falschen, den Scheinjürgen, den Scheckfälscher, den, der im Hotel den Namen Kolbenreiher auf den Meldezettel schrieb. Sie suchen das Nichts, das sich anmaßte, zu sein.“

Die Angst, festgenommen und eingesperrt zu werden und sich dann nicht mehr suchen zu können, jagte ihn fort. In ein anderes Hotel zu gehen wagte er nicht. Er wagte nicht mehr, sich sehen zu lassen. Ganz plötzlich sah er keine Möglichkeit mehr, sich zu finden.

„Eingekreist! ... Im Freien schlafen! Eingekreist!“

Ein letzter Rest von Hoffnung, Hilfe zu finden bei der Hoffnungslosen, trieb ihn ihr nach, die Straße hinunter, die in den Tiergarten mündete. Sein Gesicht war in Abwehr verzerrt. Die Zähne bleckten.

Sein Körper fiel auf die erste Bank, die am Spreekanal stand. Die Vereinsamte neben ihm hatte sich nicht gerührt. Sie ängstigte sich nicht. Sie blickte blicklosstarr auf das Leben, das weiter ging, hinweg über ihr Leben: Zwei Stadtbahnzüge, leuchtende Lineale, schoben sich aneinander vorbei, durch die Nacht.

Sah das Sterbezimmer, wo der, mit dem zusammen sie in Kampf und Leid des Lebens ein Leben gelebt hatte, noch auf dem Bette lag, weiß zugedeckt, bis zum Kinn.

Am Tone schon des ersten Wortes, das sie sprach, fühlte Jürgen, daß neben ihm das Schicksal saß.

Zu Füßen der beiden regte sich leise das Leben: streifte das Wasser die Mauer.

Sie hob die kraftlose Hand. Sie sagte, verzuckenden, tränenrauhen, warnenden Tones, als warne sie jeden einzelnen dieser Erde: „Kein hartes Wort kann mehr zurückgenommen werden.“

Erschlossen plötzlich und schmerzlich berührt von der erhabenen Größe dieses schicksalhaften Leids der Hoffnungslosigkeit, berührte er die Schulter der Vereinsamten.

Sofort brach sie in stöhnendes Weinen aus. „So früh gestorben, weil er für diese Zeit zu gütig war. Zu gütig war.“ Stand schwer auf. „Zu viel, zu viel ist mir geschehen.“ Und ging. Das Dunkel nahm sie.

Vor dem reglos Sitzenden, der schmerzlich bewegt den verklingenden Schritten lauschte, ankerte neben der kleinen Eisenbrücke im Kanal ein Frachtschiff, auf dessen äußerster Spitze unter dem roten Signallicht ein junger Hund stand, der aufmerksam blickte. Und wie damals, da er, kommend aus Katharinas Zimmer, zusammen mit den neun Bezirksführern stadtwärts marschiert war, wehte auch jetzt kühler Teergeruch, und durch die Baumkronen schimmerten die Lichter der Stadt.

Entbunden durch seine tiefempfundene Hilfsbereitschaft, die ihm verstattet hatte, das eigene Leid zurückzustellen, und verstärkt noch durch das erinnerungsträchtige Landschaftsbild, war in Jürgen plötzlich Sehnsucht nach Katharina und zugleich mit dieser brennenden Sehnsucht das Gefühl, körperlich vorhanden zu sein, mit solch blitzhafter Schnelligkeit entstanden, als ob es ihm nie entschwunden gewesen wäre.

So gewaltig war die Freude, daß ihm nicht Kraft blieb, den Freudeschrei auszustoßen. Weichheit tat sich milde in ihm auf. Tränen drangen durch die Lider. Machtvoll zog die Hoffnung in ihn ein.

„Schnauzl“, flüsterte er zärtlich und lockte mit Daumen und Zeigefinger.

Der Hund erhob sich, wedelte mit dem Schwanzstumpf, lief, zutraulich wimmernd, auf dem Bordrand hin und her, stand, blickte, bellte verlangend einen Ton. Stille ringsum.

„Ein Hund und am Himmel die Sterne. Das ist zu viel und zu wenig für den Menschen. Zu wenig und zu viel. Der Mensch leidet ... Er erkenne im Leide und kämpfe!“ sagte Jürgen. Das war wie ein Gelübde.

Ohne Eile, ohne Weile schritt er stadtwärts, zum Bahnhofe. Und fuhr mit dem nächsten Zuge zurück in die Heimatstadt. Seine Haare waren ergraut, Gesicht und Körper ganz vom Fleische gefallen.

Einige Tage nach seiner Rückkehr – Herr Wagner und drei Ärzte waren bei Jürgen gewesen – stand in der Zeitung, Herr Kolbenreiher, Teilhaber der bekannten Bankfirma (deren Stammhaus übrigens schon in den nächsten Tagen in neuer, verschönerter und bedeutend vergrößerter Gestalt dem Parteienverkehre übergeben werden würde), habe sich durch seine unermüdliche und hingebungsvolle Arbeit eine Nervenentzündung zugezogen, die zwar sehr schmerzhaft, aber bei der kräftigen Konstitution des Patienten nach Ansicht der Ärzte allein schon durch Ruhe und den Aufenthalt in frischer Luft rasch zu beheben sei, so daß Herr Kolbenreiher seine bewährte Arbeitskraft bald wieder in den Dienst der Firma werde stellen können.

Auch Jürgen las diese Notiz. Ihn interessierte nur das Wort ‚Konstitution‘. Er fragte Phinchen, ob sie glaube, daß er ein konstitutioneller Schuft oder ein Schuft aus freier Entscheidung, also ein für seinen Verrat verantwortlicher Schuft sei, der die Kraft gehabt hätte, keiner zu werden. Er stand unter dem Türrahmen der Küche und blickte gespannt in das fassungslos zurückfragende Gesicht. „Was meinst du, Phinchen?“

Unabgewendeten Blickes ließ Phinchen den Spüllappen fallen, trocknete, wie immer, wenn Jürgen die Küche betrat, gewohnheitsmäßig die violetten Hände an der Schürze ab. Der Jammer um ihren abgezehrten Herrn gab ihr die Worte, Jürgen sei immer der beste Mensch von der Welt gewesen; sicher habe er niemals absichtlich Böses getan.

Da geriet er in Erregung. „Dann wäre ja alles hoffnungslos. Denn wie könnte ich aus diesem Wuste menschlicher Niedertracht herausfinden, wenn ich ohne Schuld, ganz ohne eigenes Zutun hineingeraten wäre ... Aber du kannst das ja nicht wissen. Sechzehn – und jetzt bist du vierzig. Hast dein Leben in dieser Küche verbracht.“

Wochenlang verließ Jürgen das Haus nicht. Er kleidete sich gar nicht mehr an, aß und schlief außer jeder Regel. Manchmal wandte er sich mit einer Frage an Phinchen, deren Herz die Antwort gab.

Sehnsucht und Grübelei kreisten immer um den selben Punkt. Auf der Welt war nichts als er und der Panzerplattenturm, vor dem er grübelnd saß und stand und lag und kniete, dieses Panzerplattengewölbe in ihm selbst, zudem er Einlaß suchte und nicht fand.

Zäh, gequält und unverdrossen machte er sich jeden Tag und jede Nacht von neuem an die Aufgabe. Jeden Gedanken dachte, jeden Schritt machte der Wahnsinn mit. Und auf dem Tisch lag der Revolver.

Schon hatte er die Fähigkeit erworben, sich im Wachtraum und auch im tiefsten Schlaftraum zu beobachten. In der Finsternis unterirdischer Gewölbe, durch die er traumsicher schritt, traf er den Andern, den er suchte, führte mit ihm traurig geflüsterte Wechselreden. Im Blick des Andern stand sehnsuchtslose Bereitschaft. „Geh und miß!“

„Ja, messen! Ich werde messen. Dies ist das Mittel.“ Da saß er aufrecht im Bett: blickte die Schranktür an. „Messen?“

So ausschließlich lebte er seiner Aufgabe, daß es ihm trotz Unterbrechung des Traumes auch diesmal gelang, die Fortsetzung des Traumes zu träumen, in das Gewölbe, das tief unter dem Leben lag, zurückzugelangen, vor die Augen des Andern, die sehnsuchtslos und unerbittlich ihn anblickten.

Jürgen wußte, daß er nicht fragen dürfe, was er messen solle. Und als er flüsternd dennoch fragte, verschwand das Gesicht. Logikferne Gebilde zuckten auf, verzuckten in Finsternis. Lichtbündel verzischten in Finsternis, aus der sekündlich wieder Licht aufspritzte.

Da schoß eine dicke, schmerzhaft weiße Lichtfontäne auf, in deren Mitte unirdisch weiß das Wesentliche lebte, das, im Tiefsten ihn durchschauernd, plötzlich sein eigen wurde.

Inbrünstig bemühte er sich, das Wissen vom Wesentlichen aus dem Halbschlafe heraus in das Wachsein herüberzuretten, öffnete mit großer Vorsicht wiederholt die Lider, nur einen Millimeter: Immer war das Wesentliche weg und nur die Schranktür da.

Und als er ganz erwacht aufrecht im Bette saß, wußte er nicht mehr, wann und wie und durch wen ihm der Rat zuteil geworden war, noch einmal, wie in der Jugend, eine Wanderung durch die Menschheit zu machen, unverstellten Blickes.

„Dann werde ich wieder dorthin gelangen, wo ich schon war. O, Bewußtsein!“ Sein sehnsuchtsvoller Freudeschrei riß ihn aus dem Bett.

Bereit, jedes Leid und selbst den Tod zu erleiden, verließ er das Haus, in der Tasche den entsicherten Revolver.

Der Sonntagmorgen tat sich vor ihm auf. Glocken läuteten. Ein roter Sonnenschirm überquerte die Straße. An Jürgen vorbei marschierte eine Knabenklasse, in Viererreihen streng geordnet und geführt vom Lehrer, der kommandierte: „Links! Rechts! Links! Rechts!“

„Wenn die Schwerter blitzen und die Kugeln fliegen ...“ „Links! Rechts!“

An dem Lehrer sah Jürgen das erstemal dieses Gebilde, das im Rücken hing, verkümmert, eingeschrumpft, vertrocknet. „Das ist, mitgeboren, aber ganz verödet, das Eigene, das in gar keiner Wechselwirkung mehr zu seinem Träger steht“, flüsterte er und ließ sich auf den Lehrer zugehen. „Auch Sie machen sich mitschuldig an einem furchtbaren Verbrechen, und ich kann Ihnen sagen, weshalb.“

Erst als er den Lehrer schüttelte und in das empörte Gesicht sagte: „An einem entsetzlichen Verbrechen! Denn Sie lassen sich als Seelenmörder gebrauchen“, stutzte der Lehrer, riß sich los, eilte der Klasse nach und richtete die in Unordnung geratenen Viererreihen wieder aus mit dem Kommando: „Links! Rechts!“

Von einem visionären Blitz erleuchtet, sah Jürgen sämtliche Knabenklassen Europas, die, kommandiert von den Lehrern, auf einer Riesenebene in linearer Ordnung kreuz und quer umhermarschierten und unter Geschützesbrüllen unversehens Infanterieregimenter wurden. Ununterbrochen stiegen die erstickten Seelen aus den strenggeschlossenen Schülerquadraten in die Höhe und verschwanden mit klagendem Gesange.

„Wohin?“ fragte Jürgen. „Wohin sind sie verschwunden?“ Er stand, noch durchzogen von der Vision, reglos und entrückt, bis drei alte Herren ihm in das Blickfeld hineinspazierten. Der eine erzählte etwas, verteidigte sein ablehnendes Verhalten. „Da kam es darauf an, ein Charakter zu sein.“

„Sie aber haben keinen Charakter. Denn was würde geschehen, wenn Sie Ihr Vermögen, Ihre Stellung, Ihre Privilegien und die Achtung der geachteten Männer verlören? Wo bliebe dann Ihr Charakter? Sie, meine Herren, sind Charaktermasken.“ Und er deutete auf die eingetrockneten Gebilde, die sich mit den dreien fortbewegten.

Als habe eine Hand ihn durch die vielen Straßen hin geführt, stand plötzlich, die düsteren Fensterlöcher quadratiert mit dicken Eisenstäben, vor ihm das Gefängnis, ein steingewordener Schrei.

Dunklen Druck in der Brust, blickte Jürgen die zufriedenen Sonntagsspaziergänger an. „Sie gehen vorüber, unberührten Gemütes.“ In seiner Brust stand das ganze wuchtende Gebäude.

Und er schritt, stehend vor der Mauer, wieder durch die Gänge, Gänge, die in seinem Herzen waren, durch den Saal, in dem die engmaschigen Drahtgitterkäfige standen, jeder ein menschliches Wesen trennend von den menschlichen Wesen.

‚Schnauzl!‘ lockt mit Zeigefinger und Daumen die verwüstete Siebzehnjährige. Katharinas Schnauz wedelt kläglich mit dem Schwanzstumpf.

Qualvolle Machtlosigkeit, wie damals, preßte Jürgens Herz zusammen.

Die Zellentür tut sich auf. Vor ihm steht Katharina im grauen Gefängniskleid, das verschönt ist durch den ordnungswidrigen Einschlag beim Halse. Der kleine, feste Mund lächelt froh.

Stürmische Liebe, wie damals, brach in Jürgen los. Da blickt Katharina gleichgültig und kalt ihn an. (‚Auch kann ich ein Mädchen sein, das im Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihr verächtliches Abweisen ...‘)

Mit beiden Händen griff Jürgen in die Luft und taumelte gegen die Gefängnismauer, blickte flehend Katharinas Blick an, der lautlos sprach: ‚Nimm erst von neuem auf dich alle Qualen!‘

Zwei paar Arme, an denen Spazierstöcke baumelten, breiteten sich aus, fielen schenkelwärts. Schultern zuckten. Jürgen betrachtete die eingeschrumpften Gebilde. „Auch ganz und gar entselbstet!“ Und folgte, berührt von dem Interesse des Leidensgenossen für die Leidensgenossen, den zwei Männern.

„Da bin ich ganz deiner Meinung, Vorstand“, wiederholte der zweite Vorstand und ließ den ersten Vorstand vorangehen, hinein in das Gesangvereinslokal, in dem die Tenor- und Baßtische schon voll besetzt waren.

Unbemerkt stand Jürgen hinter dem großen Kachelofen. Aus dem Gastzimmer klangen, durch die geschlossene Tür durch, die Klüpfelschläge des Wirtes, der den Hahn in das Bierfaß schlug.

Er habe die außerordentliche Singprobe einberufen, weil das hochverehrliche Gründungsmitglied, Herr Simon Ott, im Sterben liege. „Er liegt in den letzten Zügen.“

In diesem Moment wurde Jürgen von einer Möwe besucht. Lautlos. Sie stand vor ihm, glich einer nordischen Frau – groß, hellblond – und hatte ein gefühlsentferntes, vollkommen seelenloses Gesicht.

Jenseits aller Verwunderung sagte Jürgen zu ihr: „Nur wußte ich bis jetzt nicht, daß Möwen schöne, kühle Frauen sind.“

Die Möwe antwortete nicht, blickte auf das weite, kalte Meer hinaus. Auch Jürgen blickte auf das Meer hinaus.

„Deshalb müssen wir rechtzeitig das Trauerlied einstudieren, das am Grabe gesungen werden soll, damit wir uns nicht wieder blamieren.“

„Er ist ja noch gar nicht tot!“

Ein kleiner, dürrer, bebrillter Schuhmachermeister schoß vom Stuhle empor und forderte etwas mehr Pietät. Er war der Schriftführer.

„Wenn er doch noch lebt!“

„Aber es kann nicht mehr lange dauern. Ich bitte also den Herrn Dirigenten, das Trauerlied vorzunehmen.“ Der Vorstand breitete die Arme aus: „Oder sollen wir uns wieder blamieren?“

Der zweite Vorstand erhob sich, klopfte ans Bierglas: „Ich bin ganz der Meinung unseres ersten Herrn Vorstandes ... Wenn ein altes Mitglied, ein Veteran des Männergesanges, stirbt, kann er verlangen, daß das Lied, das wir an seinem Grabe singen, vorher ordentlich geprobt wird. Und die Ehre unseres Vereins steht auch nicht so bombenfest, daß wir uns wieder blamieren dürften, wie das letztemal.“

Die Möwenfrau trug in den reglosen Augen einen Blick, als schaue sie das unabänderliche Schicksal.

Der Brillenschuster verteilte schon die Gesangbücher. Die zehn Bässe gruppierten sich um das Klavier herum. „Dort unten ist Friede“, intonierte der Dirigent. Und die Bässe setzten ein: „Im kühlen Haus.“

„Nur die Bässe singen, bitte ich mir aus. Warten Sie, bis Sie daran kommen.“ Der Brillenschuster hatte mitgesummt. Er sang den ersten Tenor.

„Es ruhet der Schläfer vom Leben aus.“

Gabelförmige Schwingen kamen fühlergleich und steif vorne aus der Körpermitte der Möwenfrau heraus, verschwanden wieder. Sie bewegte sich wie ein Vogel, der zum Fluge anhebt, sah mit inhaltslosen, blauen Augen Jürgen an, der dachte: Will sie fort?

„Und über dem Hügel: sum, sum, sum, sum.“

„Mehr piano! Nicht: sum, sum, sum, sum; sondern: sum, sum, sum, sum ... Sie, meine Herren, sind doch keine Schmeißfliegen; Bienen summen viel zarter.“

Plötzlich sah Jürgen vierzig zur Decke gerichtete Augenpaare, vierzig eirund geöffnete Münder und an den Rücken der Sänger, die jetzt im Halbkreise alle um das Klavier herumstanden, die vierzig eingetrockneten Gebilde.

Die Schwingen kamen gabelförmig vorne aus der Leibesmitte der Möwenfrau heraus; Jürgen setzte sich darauf und schwebte, den Kopf an die nebelumflorte, schöne Brust der Frau gelehnt, über das kalte, weite Meer, ruhend in der Überzeugung, daß er zu dem unbekannten Orte gelangen werde, wo sein Bewußtsein auf ihn warte.

Die Möwenfrau selbst darf, da sie erstickte Seelen fortträgt, natürlich keine Seele haben, dachte Jürgen während des lautlosen Fluges. Und sagte zu ihr: „Wenn ich nun dem Arzte erklären würde, daß auch diese Sänger ganz und gar entselbstet sind, und daß ihre Seelen, von dir und deinen Schwestern hingebracht, irgendwo im Weltenraume schmerzlich warten, in ungeheuerer Einsamkeit, würde er mir nicht glauben, sondern behaupten, mein Zustand habe sich verschlimmert ... Die Psychiater sind doch zu dumm. Glauben Sie das nicht auch?“

Die Möwenfrau antwortete nicht, flog weiter, leicht vorgebeugt. Ihre Augen hatten sich während der ganzen Zeit nicht bewegt. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert.

Weil sie eben keinen Gesichtsausdruck hat, dachte Jürgen und drehte das Gesicht nach oben, blickte ihr in die Augen.

Ringsum war nur noch Wasser und Nebel.

Jürgen wußte nicht und dachte auch nicht darüber nach, wie er hierhergelangt war. Er saß auf der Bank in der Anlage, gegenüber dem grünen Bretterzaune, in den er vor vierzehn Jahren als erstrebenswertes Ziel den Frackherrnjürgen hineingesehen hatte.

Ein Lächeln tiefinnerster Sicherheit erhellte sein Antlitz, als er, jeden Willen ausschaltend, alle Muskeln entspannte, in dem Bestreben, wie damals wieder nur die Begierden, nur den Menschen in sich sprechen zu lassen, um zu erfahren, was der Mensch in ihm ersehne.

Der Bretterzaun blieb Bretterzaun und leer. „Dieses nicht! Dieses wenigstens begehrt er nicht mehr“, flüsterte Jürgen. „Was aber ersehnt es, mein Herz?“

Er schloß die Augen und lauschte und wartete und fühlte nichts. Die Lider der inneren Augen blieben geschlossen. Da saß er, reglos, leid- und freudlos, leblos.

Leiser Wind bewegte die Baumkronen. Schläfriges Zwitschern eines Vogels im Sonnenbrand. In der Ferne brauste die Stadt.

„Das ist die weiße Sekunde“, flüsterte Jürgen in plötzlicher Erregung. Denn er sah sich schreiten. Und die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis.

„Die Haustür, sie ist nur angelehnt. O, einzutreten, heimzufinden, zurück zu mir!“

Ein Knall riß ihn empor. Zwei Soldaten warfen die Köpfe nach links und grüßten, Hand an der Mütze, die starr glotzenden Augen herausgedrückt, den Offizier.

„Geh mit!“ Er ging mit. Folgte dem Offizier in den Stadtpark, wo die Militärkapelle spielte und die geputzte Menschenmenge promenierte in dem sonndurchwirkten Laubgang alter Bäume.

Jürgen wurde oft und achtungsvoll gegrüßt und dankte nie. Lange beobachtete er einen Jüngling, der, im Blick noch die große Frage an das Leben, die eleganten Kaufleute, Studenten, Offiziere und Beamten betrachtete, schüchtern und ganz erfüllt von der Sehnsucht, ebenso elegant, fertig und sicher, Blume im Knopfloch, hier spazieren zu können.

„Spucken Sie auf dieses Ziel“, sagte er lächelnd und deutete auf die Promenierenden. „Vielleicht werden Sie dann nicht in der Leere ersterben sondern in Qualen leben.“

Vorbei promenierte eine Gruppe Studenten, welche, Armmuskeln gespannt, Ellbogen weggestreckt, ihre roten Mützen knapp an der Brust langsam herunter bis zum Knie und ebenso krampfhaft-feierlich wieder kopfwärts führten, während die Gegrüßten das selbe mit ihren grünen Mützen taten, die zerhauenen Biergesichter starr ins Profil zu den Rotmützen gestellt.

„Kampf und Vernichtung dieser Ordnung, die solche Söhne hervorbringt! Wehe, sie sind die Söhne ihrer Väter! Wehe, sie werden zu Staatsanwälten und zu Richtern werden! Ihrem Kopf und Herz sind Kultur und Fortschritt der Menschheit anheimgegeben? Nie! Nie! Niemals! Sie alle werden Jürgens werden. Bestenfalls!“ Er lachte in Hohn und Ekel vor sich selbst.

Da schritten, in dem Tempo von Menschen, die woher kommen und einem Ziele zustreben, Katharina, der Agitator, der Metallarbeiter mit der verstümmelten Hand und der Holzarbeiter, dessen verhutzeltes Gesicht nicht mehr viel größer war als eine Faust, wie ein Fremdkörper durch die gespreizt promenierende Menge.

Ein riesengroßes, sammetschwarzes Tuch verhing den ganzen Himmel. Und als es wieder dämmerhell wurde und Laubgang, Blumenrondells, Musikkapelle und Spaziergänger sich drehend ineinander türmten, wußte Jürgen nicht mehr, wen er gesehen hatte.

Knapp vor ihm begegneten sich wieder die Studenten, die erst kurz vorher einander gegrüßt hatten, und führten, da vielleicht ein noch nicht gegrüßter Student zu der einen oder der andern Gruppe gekommen sein konnte, wieder die Mützen hart an der Brust herunter, die Gesichter ins Profil gestellt.

Mit einem jähen Satz sprang Jürgen dazwischen, faßte mit großer Handbewegung die ganze Menge zusammen in Eine Person und begann zu brüllen, in maßloser Wut.

Erst viel später – er stand schon, ohne zu wissen, wie er dorthin gelangt war, vor der Kirche, brausende Orgeltöne drückten die Kirchgänger aus dem Portal heraus und um ihn herum – erinnerte er sich der Einzelheiten des Tumultes, den er verursacht hatte durch seine Ansprache.

Seine Zähne bleckten in Haß und Abwehr beim Erblicken der Kirchgänger. „Ein- und das selbe Gesicht, dort wie hier, weltenweit entfernt von dem Bewußtsein, das zum Schwanz verkümmert ist.“

Die Mitglieder sämtlicher Gesangvereine Europas standen und sangen in seinem Gehirn; die Verwandlung aller Knabenklassen in geschützdurchdonnerte Infanterieregimenter vollzog sich schmerzhaft hinter seiner Stirn; Studenten soffen und fochten und zogen die Mützen in seinem Hinterkopf; Millionen Bürger zuckten, begleitet von Militärmusik und Orgelspiel, ablehnend die Schultern, breiteten bedauernd die Arme aus, daß Jürgens Schläfen zu platzen drohten.

Er wühlte sich durch die Menge, sprang durch ein Durchhaus und stand, zuckend in allen Nerven, in einer menschenleeren, immer sonnelosen, vor Feuchtigkeit grünen Gasse.

„Nieder!“ zischte er, beide Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Nieder! Nieder mit dem Ganzen!“

In der feuchten Gasse war es still wie in einem Abgrund. „Aber wie? Durch welche Macht? Durch welches Mittel?“

Plötzlich glaubte er, starrend auf den Streifen irisierenden Schaumes, der aus der feuchten Mauer quoll, das einzige Mittel werde ihm in der nächsten Sekunde einfallen. Beide Arme ausgebreitet, Hände gegen die Mauer gepreßt, stand er wie ein Gekreuzigter, lauschend und wartend. Der menschengefüllte Stadtpark tat sich auf. Sofort war das ganze Bild wieder mit dem sammetschwarzen Tuch verhangen. Erinnerungsqual versank in Schwindelgefühl, aus dem, so unentrinnbar wie damals, als er bei der Straßenkreuzung Abschied genommen hatte von Katharina, der Zwang emporwuchs, genau gezählte zehnmal durch die feuchte Gasse zu gehen. Hin, her, hin.

„Achtmal“, zählte er, blickte hinaus, wo die Sonne schien, ballte die Fäuste, in dem Bemühen, die Gasse vorher verlassen zu können. Da riß es ihn herum. Geduckt marschierte er weiter.

In der Kellerwohnung schlug ein Mann seine Frau. Wildes Geschrei. Das fahle Gesicht des weinenden Söhnchens erschien am eisenvergitterten Fensterquadrat knapp über dem Pflaster.

„Und in zwanzig Jahren schlägt das Söhnchen seine Frau, und deren Söhnchen weint“, flüsterte Jürgen und durchwanderte zum zehnten Male die schimmelgrüne Gasse. „Welche Macht könnte das verhindern?“

„Wissen Sie es? ... Alles hat seine Ursache. Glauben Sie nicht auch, daß alles seine Ursache hat?“ fragte er auf dem sonnigen Kirchplatz einen schnurrbärtigen Rentier, in dessen Mund eine sorgfältig angerauchte, dicke Meerschaumspitze steckte.

„Man muß die Ursachen erkennen, dann findet man auch das Mittel. Glauben Sie nicht auch?“ Und als der Rentier den Kopf schüttelte:

„Sie sind ein Raucher, nicht wahr? Nichts als ein Raucher! Sie kann man mit der Bezeichnung ‚Raucher‘ benennen. Sie sind harmlos. Tun niemandem etwas.“

Der Rentier ging weiter. Ein Dampfwölkchen stieg empor, zerflatterte. Noch ein Dampfwölkchen stieg empor.

„Oder sind er und die Millionen seinesgleichen vielleicht doch Raubtierchen? Selbstgerechte, zufriedene, ihres Raubes sichere Raubtierchen?“

Ein uraltes Männchen, das auf dem speckigen Rockaufschlag am speckigen Bändchen einen Kriegsorden trug, überquerte trippelnd die Straße. Das vertrocknete Gebilde machte jedes Schrittchen des Alten mit.

„Wie konnten Sie es ertragen, achtzig Jahre nicht eine Sekunde Sie zu sein, nicht einen Atemzug lang Ihr eigenes Leben zu leben? ... Nur in der Kindheit, in der Kindheit! Erinnern Sie sich noch?“

Das Männchen hob mühsam den schweren Kopf: „Oj, oj, ein schlimmes Leben!“ und trippelte weiter.

Täglich, vom frühen Morgen, bis in die späte Nacht hinein, beobachtete und erlitt Jürgen das Leben, suchte er – begleitet von Wahnsinn und Revolver und immer bereit zum Schusse in das Herz – Bewußtsein und Weg. Wurde in seinem Kampfe, der in zweifachem Sinn ein Kampf um Sein oder Nichtsein war, noch wochenlang beständig hin und her geschleudert zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

„Wo ist das Herz?“ hatte er einen Arzt gefragt.

„Zwischen der vierten und fünften Rippe, von oben gezählt.“

Und hatte, zuhause angelangt, an seinem abgezehrten Brustkorb die Einschußstelle abgetastet, entschlossen, nicht eine Sekunde länger zu leben, wenn keine Hoffnung mehr sei.

Beobachtend lauschte er dem Leben und dabei immer in sich selbst hinein, folgte, ein zum Tode und zum Leben Entschlossener, jedem Fingerzeig, den die Umwelt gab, sprach mit Kindern und mit Greisen, mit Soldaten und mit Pferden. Das Erblicken eines Hundes, der, von einer Frau fortgezerrt, auf Jürgen zugestrebt war, veranlaßte ihn, sofort zum Hundehändler zu gehen.

„Haben Sie einen Schnauz, der alles erträgt, nur nicht die Trennung von dem, dem seine Sympathie gehört?“

Im sonnigen Hofe stand reglos ein junger, schwarzer Dackel, der, mit allen Vieren gleichzeitig, plötzlich hochflog, in der Luft herum, und wieder reglos stand, die verdrehten Augen auf Jürgen gerichtet.

„Einen Schnauz nicht. Aber das Mistvieh können Sie billig haben, mitsamt der Leine.“

„Er hat gute Augen. Wird er mit mir gehen?“ Der reglose Dackel starrte auf eine Fliege, hüpfte auf sie zu, starrte in den Himmel.

„Der geht mit jedem.“

Freudig bellend zerrte der Dackel, die Schnauze am Boden, Jürgen hinter sich her, aus dem Hofe hinaus.

Von dieser Stunde an unternahm Jürgen täglich weite Fußtouren. Er beachtete nicht Sonnenbrand, nicht Regen und hatte keine örtlichen Ziele. Für ihn gab es Tag und Nacht, ob er wanderte und sann oder schlief und träumte, nur das eine Ziel. Alles und nichts war ihm Wegweiser. Er existierte zwischen dem Ziele, das, ein farbloses, winziges Pünktchen in immer gleicher Entfernung am Horizont: seine große Hoffnung, und dem Schuß ins Herz, der die Erlösung von dem Wahnsinn: seine letzte Freiheit war.

Der alte Landarbeiter, krummgebogen von der Lebensarbeit, rückte die Mütze und deutete: „Ihr Hund jagt. Wenn ihn der Forstaufseher vor den Lauf bekommt, schießt er ihn.“

Aus dem hochstehenden Kleefeld tauchten, wie bei einem flüchtenden Känguruh, abwechselnd Kopf und Hinterteil des Dackels empor, der die Kleespitzen übersprang und bei jedem Satze mit den Vorderpfoten tief einfiel. Jürgen horchte auf das scharfe, verzweifelte Bellen.

Und da geschah es, daß Jürgen, dem jede Sekunde Zeit unschätzbar teuer war, der um keinen Preis, den dieses Leben zu bieten hatte, eine Sekunde lang das Suchen nach sich selbst unterbrochen hätte, dieses große Suchen auf Leben und Tod unterbrach, um erst den gefährdeten Hund zu suchen.

„Was ist der Mensch und was der Sinn, der ihn bewegt? Wer vermöchte zu sagen, weshalb im Opfer der tiefste Sinn des Menschendaseins ruht?“ flüsterte Jürgen, als er wieder auf dem Wege war, und begann zu weinen, laut und schrankenlos, in plötzlicher, wunderbarer Befreiung.

Der Hund dackelte neben dem Schluchzenden her, hügelan, zum Waldrand. Vor Jürgen lag die Tiefebene, unübersehbar weit und breit.

Zahllose junge Menschen, Mädchen, gebunden fragenden Blickes, Gymnasiasten, Studenten aller Nationen, standen dichtgedrängt, wartend auf das Wort. Immer neue Züge, endlos, traten aus den Wäldern heraus, tauchten hinter den fernen und fernsten Hügelketten auf. Millionen füllten die Tiefebene. Auf der Schulter eines jeden Einzelnen kauerte ein unheimlich und böse blickendes Tier. Aller Augen waren auf Jürgen gerichtet.

„Folgt euren Vätern nicht, den alten Verdienern!“

Da bäumten sich die Tiere, bleckten die Zähne, sträubten die Rückenhaare, schlugen ihre Krallen in die Schultern der stöhnenden Jugend, stießen grauenvolle Töne aus, die Schreck und Machtlosigkeit verursachten im Blick und im Gesichte der Jugend.

„Stoßt sie herunter von euren Schultern! Reißt sie heraus aus eurem Gefühle! ... Macht euren guten Müttern Sorge! Erkennt eure Aufgabe, und dann erfüllet sie! Tut ihr das nicht, dann geht ihr zugrunde, so oder so“, begann Jürgen die große Rede an die Jugend, die zu einer Darstellung seines Lebens wurde und immer wieder von neuem in der Warnung gipfelte, nicht so zu tun, wie er getan habe.

Stunden später blickte Jürgen, sitzend am Fensterplatz des kleinen Cafés und vor sich schon das Glas voll dampfenden Glühweines, dunkel fragend hinüber auf das Knopfexporthaus und wußte nicht, wie und wann und weshalb er hierher gekommen war.

Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt war das immer wieder geschehen, daß Jürgen bei den Wanderungen in und außerhalb der Stadt unversehens sich an Stellen befunden hatte, die durch Erlebnisse in der Vergangenheit für ihn bedeutsam geworden waren.

Da steht ein Mensch plötzlich vor einem schwarzen Tunnelloch, ganz erfüllt von dem Gefühle, vor diesem Tunnelloch schon einmal gestanden zu haben in einem früheren Dasein. Er sitzt auf einem Kilometerstein, sinnend und tief im Leben, und Strauch und Baum, der stille Waldsaum und die schnurgerade Landstraße, die wie ein weißer Pfeil sich in den fernen Horizont verliert, sind rätselhaft vertraut dem unruhvollen Herzen.

Die Wand, die Jürgens Blick in das Gewesene verstellte, rückt lautlos weg, und auf ihn brechen die Erinnerungen ein, so plötzlich und mit so lebendiger Gewalt, daß Jürgen in Abwehr schreit und bebt, gepackt von Angst, erdrückt zu werden von dieser Fülle, von des Bewußtseins blitzesschneller Wiederkehr.

Um nicht Schaden zu nehmen an der Seele, bemüht sich der von Glück und Sein Durchblitzte und Durchstürmte, das wiederkehrende Bewußtsein bewußt nur stückweise in sich einzulassen, lenkt sich ab, zählt, entlang dem Waldsaum, genau dreihundert Tannenstämme. Zählt und zählt, bebt und schluchzt und zählt, bedrängt von dem anstürmenden, von Stamm zu Stamm nachdrängenden Bewußtsein, das eine Sturmflut schmerzhaft lebendiger Erinnerungen mitführt, die ihm zum großen Rückblick werden, tief zurück in das Gewesene.

Viele Tage und in Maß und Abwehr durchwachte Nächte waren vergangen, ehe Jürgen sich bereitet und stark genug gefühlt hatte, bewußt Erinnerungsorte aufzusuchen. Wieder sitzt er eine ganze Nacht in der Verbrecherkneipe und liest von den verwüsteten Gesichtern das schon Gewußte und das Bewußtsein des Verrates, den er begangen hat, sich von neuem in die Seele und weiß, schweren Herzens, wieder: ‚Wer in diesem Leben nicht tief im Leide und im Kampfe steht, steht tief in Schuld.‘

Die Straßenkreuzung, wo er Abschied genommen hatte von Katharina, glüht und brennt. Lange steht er, zögert er. Und plötzlich überquert er sie doch, in fliegender Eile, Schauer im Rückenmark.

In dem Maße, wie er das Bewußtsein wiedergewinnt, bricht auch das Leben in seiner Milliardenfältigkeit, die zu empfangen und zu begreifen der Mensch ein Menschenalter zur Verfügung hat, wieder in ihn ein, stoßweise und mit solcher Wucht, daß er, bebend wie der Auferstandene, vor Sonne, Blau und Lärm steht, vor dem kleinen Leben der Straße, den schweren Pferden, die arbeitstreu das Backsteinfuhrwerk bauwärts ziehen, vor dem Sperling, der auf dem Pflaster hüpft und in die Ritzen pickt.

Den Dackel an der Leine, schritt Jürgen aus der Stadt hinaus, auf der Quaimauer flußentlang, vorüber an einer Reihe Proletarierfrauen, die, kniend am Ufer, farbige Wäsche wuschen, an durchnäßten Kindern vorbei, die Hafenanlagen bauten aus Sand und Dreck.

Die letzten Häuser blieben zurück. Der Fluß glitt blau und grün entlang der sanften Hügelkette. Am Ende der Quaimauer stand ein Angler. Jürgen schritt wie im Traume auf ihn zu. Er wunderte sich nicht. „Sind Sie Herr Knipp?“

„Das ist mein Name.“ Hinter Herrn Knipp lag auf dem Damm ein besonders langer Reserveangelstock modernster Konstruktion. Auch einen neuen Rucksack aus braunem Segeltuch mit Lederbesatz hatte er sich angeschafft und einen Feldstuhl. Der Angler war erst achtundfünfzig Jahre alt und sah, wie er so dastand, zufrieden mit sich und der Welt, ganz unverändert aus, als ob seither kein Tag vergangen wäre.

Wie damals saß Jürgen auf der Quaimauer, Beine flußwärts gestreckt. Millionen kleiner Mücken standen in der drückenden Schwüle knapp über der Wasserfläche. In der Nähe pochte die Stadt. Die Zeit stand still und glitt zurück.

„Erinnern Sie sich noch des arbeitslosen Schwindsüchtigen, mit dem ich hier gesessen hatte?“

Ruhevoll hob Herr Knipp die Angelschnur heraus und senkte sie in schönem Schwunge wieder in das glucksende Wasser. „Heute beißen sie gut an, weil ein Wetter im Anzuge ist ... Der Bursch lebt schon lange nicht mehr. Der war ein Unzufriedener. Den hat die Unruhe aufgezehrt, die Unzufriedenheit mit dem Gang der Welt. Schließlich hat er noch geklaut, kam ins Gefängnis und ist auch drin gestorben.“

Ein Mensch, überschlafen, träge, nimmt sich ein dutzendmal vor, endlich aus dem Bett zu steigen, und bleibt immer wieder liegen. Unversehens sind seine Beine außerhalb des Bettes. Wie in diesem Trägen vielerlei zusammen das plötzliche Aufstehen bewirkt hat, ohne daß das treibende Vielerlei ihm ganz bewußt geworden wäre, tauchten auch in Jürgen die Fahrt mit dem Agitator zur Arbeiterversammlung im ‚Paradies‘, die fünftausend Arbeitergesichter, das fahle Gesicht des Schwindsüchtigen, Katharinas Rufe: ‚Die Befreiung!‘ und seine Empfindungen und Gedanken an jenem Abend nur schemenhaft und unkontrolliert auf; dennoch verursachte all dies zusammen, in Verbindung mit des Anglers Worten, in Jürgen, der sich sofort erhob, plötzlich das feste Gefühl, er habe sich nun lange genug ausschließlich mit sich beschäftigt.

Und aus einer ganz andersartigen Unruhe als der, die ihn veranlaßt hatte, den erinnerungsträchtigen Angelplatz aufzusuchen, löste sich sofort der Gedanke, Bewußtsein und Erkenntnis dürften nicht um ihrer selbst willen erstrebt und gepflegt werden.

„Es ist erfüllt. Nun ist es Zeit“, sagte Jürgen, freudigen und schweren Herzens zugleich, als er zielbewußt weiter schritt.

Der wolken- und sonnenlose Himmel sah krank aus. Die Landschaft glich einem schlechten, leblosen Riesengemälde. Der Dackel zögerte, blieb stehen, legte sich in die Straßenmitte. Die Vögel waren verschwunden. Kein Ton. Jürgen betrachtete das meterhohe Getreidefeld. Die völlige Reglosigkeit der Halme und Ähren machte auf ihn den Eindruck der Unnatürlichkeit und Schaurigkeit. Erst als Jürgen schon weit voraus war, erhob sich der Hund.

Vereinzelte Tropfen fielen schwer in die Wind- und Luftlosigkeit. Als wäre der Himmel zu spannungslos und matt, den Sturm zu entfesseln, endete der Regen wieder. In der Nähe schrie ein Tier angstvoll dreimal. Und eine Sekunde später durchzuckte der trockene Blitz das ganze Tal.

Wie auf ein Zeichen mit dem Taktstock bewegten sich alle Ähren gleichzeitig. Das Tal begann zu singen. Blitze aus weiter Ferne zogen schwachen Donner nach. Der Apfelbaum fröstelte. Ein alter Lappen machte einen Sprung quer über die Straße, blieb einen Windstoß lang ausgebreitet in halber Höhe gegen das Getreidefeld gepreßt und fegte, knapp über den Ähren, davon.

Jürgen hatte die Feldhütte noch nicht erreicht, da krachte der erste Donnerschlag, begleitet von schräg herabplatzenden Wassermassen. Der Dackel saß zu Füßen Jürgens und bellte hinaus in den Wolkenbruch.

Als Felder, Wald und Fluß, das ganze Tal, im Wetter verschwunden gewesen, wie aus dem Nichts wieder entstanden, ging Jürgen auf eine weiße, unübersteigbar hohe Mauer zu, schnellen Schrittes, im Antlitz das Lächeln der Befreiung.

Das schwere Bohlentor öffnete sich, eine Droschke fuhr heraus. Jürgen lief ein paar Schritte, sprang durch das Tor, hinein in die Irrenanstalt. Das Tor schlug zu. „Führen Sie mich zum Arzt.“

Der stand noch in der Freihalle, kam schon geeilt.

„Sie warten wohl schon lange auf mich?“

„Aber nein! Das heißt, ich freue mich natürlich sehr, Sie zu sehen, Herr Kolbenreiher ... Beruhigen Sie sich! Bleiben Sie hier! Nur Ruhe!“ rief er beschwörend Jürgen zu, der ruhig lächelnd zurückblickte.

Der patschnasse Dackel kam, die Leine hinter sich herschleifend, angerast, bellte vorwurfsvoll an dem geschlossenen Tor hinauf und drückte sich, auf der Hinterbacke sitzend, Vorderpfoten aufgestellt, gegen die Mauer, blinzelte unzufrieden in den noch mit schwarzblauen Wolken verhängten Himmel. Rasch hintereinander krachten zwei Donnerschläge.

„Was kostet jetzt der Aufenthalt in Ihrem Hause, mit voller Verpflegung?“

„Das richtet sich nach der Lage und Einrichtung des Zimmers. Sozusagen nach der Klasse. Dreierlei Preise!“

„Wie bei der Eisenbahn!“

„Wir berechnen Ihnen den Aufenthalt und selbstverständlich auch die Behandlung so kulant wie möglich. Sie wollen und werden ja auch wieder gesund werden.“ Der Arzt nannte die Summen.

„Und lebenslänglich?“

„Das verbilligt die Sache allerdings noch erheblich.“

„Dann am besten lebenslänglich, was?“

„Sehr vernünftig!“

„Nicht wahr! ... Sind viele Kranke hier?“

„O, ganz besetzt! Sehr interessante Patienten!“

„Und alle nicht bei sich?“

„Dies allerdings dürfte für alle so ziemlich zutreffen, im großen ganzen ... So kommen Sie doch schon her!“ rief er dem Oberwärter zu.

„Ich wollte, Herr Doktor, ich wollte diese Mauer, diese hohe Mauer, mir nur einmal von innen ansehen. Ich danke schön. Guten Tag, Herr Doktor“, sagte Jürgen, kehrte um und schritt zum Tore hinaus.

„Entronnen!“ Auf der Brücke zog er den Revolver und ließ ihn senkrecht hinunterfallen in das Wasser. „Entronnen!“ In den Schultern fühlte er das Leben und die Kraft zu neuem Anfang.

Jürgen fuhr mit der Straßenbahn bis zur Endstation, erreichte Minuten später die Haustür. Sie war nur angelehnt.

„Ja, was denken Sie! Die ist nie zuhaus“, sagte Katharinas Wirtin. „Jetzt ist das nicht mehr so wie früher. Jeden Tag Versammlungen! Und dann noch in die Redaktion. Jetzt erscheint die Zeitung ja täglich. Und wenn sie ja einmal da ist, sitzt sie gleich die halbe Nacht an der Schreibmaschine. Jetzt gibts viel Arbeit. Ein Buch schreibt sie auch. So dick! Das soll gedruckt werden.“

Ein volles Bücherregal nahm die ganze Längswand ein. Auch ein Teppich verschönte das Zimmer. Auf dem Tische lag ein gedruckter Handzettel: Die Aufforderung zum Besuche der heutigen Massenversammlung im ‚Paradies‘.

Gegenüber dem ‚Paradies‘ standen zwei Schutzleute, unter dem Eingangstor drei Arbeiter, die sich lebhaft unterhielten, und neben einem Stoße Broschüren ein vierzehnjähriger Knabe, der sicheren Blickes auf Jürgen zuschritt: „Der Kampf um den Sozialismus!“

Jürgen kaufte die Broschüre. „Wer spricht heute Abend?“

„Meine Mutter: die Genossin Lenz.“

‚Halt! Halt! Das ist zu viel, zu viel Glück, zu viel Glück.‘ Bebend blickte er auf Katharinas Sohn, der äußerlich ganz und gar so aussah, wie der Gymnasiast Jürgen, der vor dem Buchladen gestanden und nicht den Mut gehabt hatte, einzutreten und die Broschüre zu kaufen.

Mit den drei Arbeitern trat Jürgen in den Saal, schloß leise die Tür. Fernher klang in die Stille die Stimme Katharinas.

Werke von Leonhard Frank

DIE RÄUBERBANDE

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Im Insel-Verlag, Leipzig

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Im Insel-Verlag, Leipzig

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Gebunden. 25. Tausend

Rascher-Verlag, Zürich

Volksausgabe: 80. Tausend

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Anmerkungen zur Transkription

Der Verfasser hat offenbar Absatzumbrüche mitten in Sätzen, meist vor dem Wort während, absichtlich eingefügt, zum Beispiel auf [Seite 204], [Seite 250] oder [Seite 310]. Dies wurde belassen wie in der Druckvorlage.

Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.