7.
Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister Wecker hatte die Aufsicht. Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten Seite, das SALU — — — gesehen. Richtig! sagt’ er, das wollt’ ich nur wissen! nun könnt’ Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert — der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter — als wo sie bloß in die Schule gehen — nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.
Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.
Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R, und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen, ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher. Wollt’ Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten! — So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken, wie es eben kam, und schlichen sich fort.
Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten, und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau, kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie es gehe?
Laß sie nur heut’, sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.
Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht, war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der Pyramide.
Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen „SALUTEM“ ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes „SALUTATE“ geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun rührend anschimmerte: „EX NOTH.“ — Das letzte O aus dem „Bono,“ das nun abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das verwirrte „G Breitenthal“ gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die Summe von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an. —
Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:
Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales Memorial gelesen. Resolution: „Abgeschlagen.“
Gründe:
Tausend, außer diesem!
Ich kenne keine bessern Zeiten, als die schlechten. Was kein ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den wahren menschlichen, so genannten vorigen Stand zurück und, gebe Gott, wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem, alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen — Wer hat in den verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig weniger gegeben als die Reichen? Wer mehr gegeben als die Armen? Vom Thun wollen Wir gar nicht reden! — Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf — sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus — versteht sich Alles nicht in den Topf — und dann die Hände gerührt! So soll es sein, und so muß es werden, so wird es, o Gott, durch die himmlischen — schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude. „Honni soit qui mal y pense!“ Sind die schlechten Zeiten nicht die besten? — Resolution: Ja! — Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den Meinigen, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung verdient, nämlich nach unserm System: Nichts, und daß ich Sie ganz fallen lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu wohnen, wenn Sie nur ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und die Hände rühren — und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen nur! jedem Armen auch! So hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus — Armen-Liebe. Jetzt: Armen-Liebe, aber dann: Menschen-Liebe. Das sind die glücklichen Männer, die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller, Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen, ob etwas — und tadeln, wie etwas gemacht ist, das heißt bei Gott nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe, kurz geradezu Alles — nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen — nur nicht das Menschliche! Wann wird doch die Phantasie einmal das Volk anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg’ ich, und ihn befolg’ ich. Das zu Ihnen gesagt.
P. S.
Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden — meine Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese Revue hat mir meine erspart! Man kann nicht Soldaten machen, nicht ansäen wie Fichten und einhegen — das haben Sie Mir gezeigt, und verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen — aber hab’ ich die Meinung für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will: so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt, ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister, Westen, Mäntel — die Knöpfe nicht zu vergessen!
An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen gern
Ihr
in Affect gerathener
Hannes
Manu propria.
Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis führen sollte, daß er nicht lesen und nicht schreiben könne! Der außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und Buch und Feder und Hand das nicht zu beweisen vermöge. Seine Praxis war hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man jeden Unschuldigen schuldig finden konnte — ad Collubitum. Aus Desperation ward also der Schulmeister Wecker suspendirt „wegen ermangelnder Absicht“; wie statt Obsicht im Urtheil stand.
Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur — Strafe — kein Lohn für alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.