8.

Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt’ er, Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst, Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke, die da zu stecken sind; da geh’ ich nun hin und muß Dich die ganze Woche über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! —

Wein’ ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen Augen an, die sich regten und feucht glänzten.

Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt’ er.

Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir leid, daß Du mich geheirathet hast.

Sie weinte nun wirklich sanft.

Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.

Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.

Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich schäme mich sonst so im Staate.

Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir könnten nicht unglücklicher werden — das sage nicht! Da hätte der Himmel noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!

So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.

Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt’ er sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die Hand hin, die sie ihm küssen würde — er würd’ es verweigern. — Sie sollte in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb ihre — seine — niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt’ er ihre Hand fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd’ ich sein, an seiner Stelle! — Dann wollt’ er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen: Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert! Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen im Schooß. — Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren schlanken Leib — sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal — dann fühlte er leise einen nur angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger — dann sog er an ihren Lippen — dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? — Aber sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie werden sich ja nicht zu mir herablassen. — Du bist ein Närrchen! sagt’ er. Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich nicht? — Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! — Und Du einen grämlichen, einfältigen Mann! — Und nun schämte sich Christel, fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe, wie er gesagt hat. —

Oder:

War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er kam, nur an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah’ sie ihm nach — bat sie ihn wieder zu kommen — sah er sich genöthigt, die Schule mit ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe hier auf dem Heerde immer mit denselben Disteln hundert schöne Stieglitze nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.

Er lächelte nur — auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe, fühlte seinen getreuen Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.

So öffnet’ er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib — Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief ihn an: „Du Dieb! Du Dieb!“ Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus der Kammer herein, die Gelte in der Hand.

Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? — denn zu holen ist bei uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.

Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. — Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham, und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor, mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und zuletzt auf das Brot legte.

Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm’ ich nicht wieder! versetzt’ er im Gehen mit Drohen und Lächeln.

Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein — Sie sind verrufen, und wenn mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm’ ich mir gleich das Leben! Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden solle.

Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn es war Sonnabend, und so legt’ er den Finger auf den Mund und ging ohn’ ein Wort, und der Hund boll um ihn her.

Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote, glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen — Almosen, auch von Golde, verzeih’ mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst Du anders? —

Freilich denk’ ich anders, sagte sie; ich hab’ es gar nicht gesehen! Mein Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die Seligkeit.

Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich hab’ ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.

Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht, und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die Erde mehr unter meinen Füßen.

Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf! Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er mich fragt, sonst auch nicht.

Aber, mein Johannes, geh’ nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht, und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer, weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut, der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.

Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.

Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.