9.

Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte, und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.

So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las: daß der selige Herr geschworen! Christel hatte nicht schwören wollen, da ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. —

Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte, dem ihre Noth zu klagen.

Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. — Wenn Du noch lange Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb’ ich mich noch ein Mal in Dich! — Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter! mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld war verloren — das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr. Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten, und das gemiethete Stübchen war nun ihre Heimath, und Johannes setzte Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war nun erst wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam ihm einen ordentlichen Glanz — und einen bessern Ort; und wo er ging und stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage, die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt’ er zugleich auch den Mangel.

Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der Namen bezahlte.

Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:

Halt fest an Gottes Wort,

Es ist dein Glück auf Erden

Und wird, so wahr Gott lebt,

Dein Glück im Himmel werden.

Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.

Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen, und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.

Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte: Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? — Freilich! erwiederte er; aber nur vor der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.

Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der Waldkapelle!

Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.

Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.

So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn Gevatter-Pathen „Krieg.“ —

Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der Frankfurter?

Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt, daß sie nicht verloren gingen.

Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.

Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die 96 hat 300 Gulden. — Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier hab’ ich’s roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt, und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! — Dann setzt’ er sich wieder an den Weberstuhl. —

Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie bete und danke. —

Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe. Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben! Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals. Mein Brot ist verdient! —

Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand, aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld hinunter fiel.

Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht’ er. Nun leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen — ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?

Christel war böse.

Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr fortkommt, sonst seh’ ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.

10.

So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür — sie waren weg! sie lief hinzu — die Thür stand nur weit offen — sie waren noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon voll ward.

Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt, damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten Namen „Johannes“ und „Martha“ und das: Halt’ fest an Gottes Wort.

Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.

Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.

Du lügst! sagte die Mutter, sieh’, wie Du roth bist! Nun weine nur nicht, mein Kind. Wer hat denn bezahlt?

Mutter! bat Daniel.

Daniel! drohte ihm die Mutter!

Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.

Wovon denn? fragte sie.

Du hast mir ja immer gebracht — Du weißt schon was! sagt’ er.

Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem Schüsselchen komme? — Und Du hast keine gegessen?

Mutter! sagte Daniel.

Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.

Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!

Christel sprang hinaus an den Wagen.

Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig. — Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! —

Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen Namen: Johannes! — Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.

Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.

Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh’ doch, da ist das Geld! sieh’ doch, da ist der Leichenstein! —

— Er schlief. —