I.
In einer der westlichen Provinzen Preußens machte die Aushebungskommission eine Rundreise. Sie pflegt aus vier Herren zu bestehen: einem dazu abgeordneten General, dessen Adjutanten, einem ebenfalls dazu besonders beauftragten Militärarzt und dem Zivilkommissar, einem Regierungsrat, dem der Landrat des betreffenden Kreises zur Seite tritt.
Das Erscheinen der Kommission ruft nun zwar in den Hauptorten der Kreise, worin sie regelmäßig einmal im Jahre vor dem ersten Gasthofe vorfährt, nicht just Schrecken und Entsetzen wie im armen Polenlande oder bei den Rot- und Weißrussen hervor; aber ein unangenehmes Gefühl der Beklemmung dabei ist nur zu natürlich in allen jungen Leuten des Kreises, welchem vom Polizeidiener einige Tage vorher ein ominöses, halbbedrucktes, halbbeschriebenes Zettelchen zugetragen ist; mögen sie nun sich zum ersten Male, oder als »Zurückgesetzte«, als »Ersatzreservisten« usw. usw. zum zweiten oder gar zum dritten Male sich zu stellen haben. Schon die Art und Weise der Untersuchung selbst ist nicht angenehm. Und was dann folgen kann, das Eingestelltwerden, die stramme Zucht, die wie ein böser Meltau in die Blüte der Flegeljahre fällt, auch das scheint manchem Muttersohne bitter; des Daseins süße Gewohnheit übt sich am häuslichen Herde lieblicher als in dem großen Schulgebäude des Krieges, der Kaserne.
Kein Wunder deshalb, daß ein gewisses Widerstreben in der Tiefe vieler jungen, der Blüte des zwanzigsten Lebensjahres sich erfreuenden Gemüter ruht, wenn sie auch in stiller Gefaßtheit und frühreifer Männlichkeit würdig ihr Los tragen, und am Tage der Aushebung selbst, zu blaubekittelten Scharen vereint durch ganz entsetzlich mutwillige Lieder und trunkenes Freudengeschrei sehr merklich andeuten, wie es ihnen eigentlich ums Herz ist.
Aber auch kein Wunder, daß in unsern spekulativen Zeiten hie und da, und jetzt vor Jahren schon eine Industrie sich entwickelt hatte, welche dieses Widerstreben ausbeutet und dem einzelnen Mittel und Wege, in seinem unverjährbarsten Menschenrechte unbehelligt zu bleiben und »frei zu kommen«, bot.
Diese Industrie ward von ländlichen Schlauköpfen oder auch städtisch gebildeten Intelligenzen in der Weise geübt, daß sie in den betreffenden Kreisen Erkundigungen über diejenigen, bei denen der Wunsch, dem Dienste zu entgehen, besonders lebhaft laut ward, und über die körperliche Tüchtigkeit derselben einzogen. Hie und da unterstützte ein Winkelarzt, ein alter Chirurg ihre Bemühungen; sie selbst kannten die Grundsätze, nach welchen die Militärärzte verfahren; und so boten sie denn den jungen Leuten, deren Zustand ihnen Chancen verhieß, ihre Vermittelung an; sie versprachen, sich unter vier Augen freundschaftlich mit dem Aushebungsarzt benehmen zu wollen, wozu dann natürlich eine hübsche, runde Summe gezahlt werden mußte. Leider ist, namentlich auf dem Lande, die Vorstellung von der unerschütterlichen Ehrenhaftigkeit alles dessen, was dem Staate dient, nicht so tief in die Gemüter gedrungen, wie sie es sein sollte — dieser Staat selbst ist eben ein wenig zu langsamer und vielfordernder Natur. Und da den Staat zu hintergehen für keine große Sünde gilt, fanden jene Schwindler vielfach Glauben und Geld!
Sie ließen nun ruhig die Aushebung vor sich gehen, und wenn das Ergebnis derselben ihnen kund geworden, zahlten diese Biedermänner denen, welche tauglich befunden und eingestellt worden, ihr Geld höchst gewissenhaft zurück, »weil sich leider der Militärarzt unzugänglich erwiesen«; denen, welche man unbrauchbar befunden, weil sie es wirklich waren, klopften sie vertraulich lächelnd die Achsel — sie waren ihrer bleibenden Dankbarkeit so gewiß wie des Geldes derselben, das in ihrer Tasche blieb.
Es würde das den Anteil des Arztes an dem Aushebungsgeschäft zu einer unangenehmen Sache gemacht haben, würde sie das nicht schon an und für sich. Daß man geradezu Bestechungsversuche bei ihnen machte, war freilich seltener — obwohl auch das just nicht zu den nicht vorkommenden Dingen gehörte. Es war wenigstens sicher, daß sich der weltkluge, vermögende und vielerfahrene Inhaber des ersten Gasthofes in dem Städtchen, welchem unsere Aushebungskommission eben zufuhr, in dieser Beziehung von seiten seiner Mitbürger im stillen eines allgemeinen Vertrauens auf seine Gewandtheit erfreute.