II.

Die Extrapost mit den vier aushebenden Herren hielt vor dem »Goldenen Löwen« zu G.; Herr Espenbeck, der Wirt, ein stattlicher Mann, elegant gekleidet und von selbstbewußter Haltung, empfing sie mit einer würdigen Zuvorkommenheit und führte den General auf die für ihn bestimmten Zimmer, die nach dem Marktplatz der Stadt hinausgingen und sehr schön und vollkommen modern eingerichtet waren. Die Kellner wiesen die anderen Herren auf ihre Zimmer; Herr Espenbeck aber erschien gleich darauf auch bei ihnen, um sich zu überzeugen, daß alles zu ihrer Bequemlichkeit in gehöriger Ordnung sei.

»Die anderen Herren,« sagte er dabei in dem Zimmer des Stabsarztes, während dieser ging, die auf den Garten hinausgehenden Fenster zu öffnen und die frische Abendluft hereinzulassen, »die anderen Herren haben mir bei ihrer vorjährigen Reise bereits die Ehre ihres Besuches geschenkt — kommen wohl zum ersten Male in diese Gegend?«

»Allerdings,« versetzte der Arzt, ein auffallend hübscher junger Mann mit sorgfältig gescheiteltem, reichem, dunklem Haar und sehr lebhaften dunklen Augen, »ich bin erst seit einem halben Jahre Stabsarzt und mache zum ersten Male das Aushebungsgeschäft mit ... bitte, wollen Sie sich nicht setzen? Der Herr Landrat hat uns gesagt, daß wir auf unserer Reise nirgends so vortrefflich aufgehoben sein würden, wie bei Ihnen; Sie haben in der Tat ein sehr schönes Haus, und der Ausblick hier auf Ihren prächtigen großen Garten ist reizend.«

»Es freut mich, daß Sie das finden,« versetzte geschmeichelt Herr Espenbeck; »mein Haus besitzt allerdings einen guten Ruf, und ich bin dem Herrn Landrat verbunden, wenn er ihn bestätigt; ich hoffe auch, daß Sie zufrieden sein werden; ich habe leider keinen Vorrat von dem Chateau d'Yquem mehr, der im vorigen Jahre dem Herrn General so sehr mundete, und ich bin in Verzweiflung, daß es mir nicht gelungen ist, in der Hauptstadt Schwarzwildbret aufzutreiben, ich habe zweimal darum telegraphiert, aber es ist nicht gekommen, und da man in dieser Jahreszeit kein anderes hat ...«

»Aber Sie halten uns in der Tat für große Gourmands, Herr Espenbeck,« antwortete der junge Arzt, dessen Miene sich eigentümlich bewegt zeigte, dessen Wesen etwas Unstetes, Unruhiges hatte ... es schien dem Wirt aufzufallen, da er ans Fenster trat und sich nun mit der rechten Schulter an den Fensterflügel lehnte, so daß seine Züge beschattet wurden, während er den Vorteil hatte, die des jungen Mannes, der mitten im Zimmer stand, im hellen Lichte beobachten zu können.

»Was mich angeht,« fuhr der Stabsarzt fort, »so bin ich auch ohne Chateau d'Yquem und Schwarzwildbret sehr leicht zu befriedigen; ich bin nicht eben verwöhnt, meine Erziehung ist nicht danach gewesen; mein verstorbener Vater, der von einer Landpraxis lebte, hinterließ mir kein Vermögen, ich hätte nicht einmal studieren können, wenn ich nicht die Aufnahme ins Friedrich-Wilhelm-Institut erlangt hätte ... Sie kennen das, ich bin infolgedessen nun gebunden auf acht Jahre — acht Jahre Militärarzt — doch habe ich schon jetzt eine kleine Zivilpraxis; neben der Berufstätigkeit und dem Studium, das man zum Fortschreiten mit der Wissenschaft gebraucht, ist das zwar sehr anstrengend, aber ich scheue die Arbeit nicht; wenn man arm und ehrgeizig ist und den Drang, sich emporzuarbeiten hat ...«

Während der junge Mann mit einer gewissen Spannung in den Zügen und die Augen bald zu Boden schlagend, bald auf den Wirt richtend, dies alles sehr rasch aussprach, hatte Herr Espenbeck ihn scharf und mit einem überlegenen Lächeln fixiert; er wollte eben antworten, als das letzte Wort des Arztes schon durch den lauten Ruf: »Herr Espenbeck, Herr Espenbeck,« den draußen auf dem Korridor ein hastiger Kellner erhob, abgeschnitten wurde; Herr Espenbeck machte eine Verbeugung, und mit einem: »Ich bitte um Entschuldigung,« eilte er davon, um zu sehen, wo man seiner bedürfe.

Draußen auf dem Korridor rieb er sich lächelnd die Hände.

»Soviel ist klar, mit dem Manne ist ein Geschäft zu machen,« sagte er sich dabei; »der gibt einen Wink mit der Scheunentür, daß ein Esel es sehen müßte. Er erzählt mir seine ganze Lebenslaufbahn, er sagt, er sei vermögenslos, ehrgeizig, wolle vorankommen — und das in der ersten Minute, wo er mich sieht — und das mit scheuen, unsteten Augen — sich bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuße wiegend — liebster Herr Stabsarzt, eine Zivilpraxis mögen Sie haben, aber in anderen Dingen scheinen Sie noch nicht viel Praxis zu haben ... wenn auch auf dem besten Wege dazu!«

Die Treppe hinuntereilend, fiel ihm ein, daß dieser »Wink mit dem Scheunentor«, den der junge Arzt ihm gegeben, um ihm entgegenzukommen, darauf hindeute, daß sein Ruf als Vermittler gewisser das Licht scheuender Transaktionen doch schon eine gewisse Verbreitung gewonnen, sonst hätte der Arzt ihm wohl nicht so viel gesagt; das fiel ihm nun doch ein wenig schwer aufs Herz. Wir müssen doch vorsichtig sein! sagte er sich.