III.
Der Garten hinter dem »Goldenen Löwen« mußte dem jungen Arzte in der Tat sehr anziehend vorkommen, denn als Herr Espenbeck ihn verlassen, setzte er sofort seine Militärmütze wieder auf und eilte hinaus, um sich in diesem Garten zu ergehen. Aber ohne sich um Blumen, Gesträuche, Rasen und ausländische Bäume zu kümmern, warf er nur einmal einen Blick um sich und schritt dann über die bekiesten Pfade rasch dahin. Kannte er den Garten, daß er so sicher hier einer bestimmten Richtung folgte? Wer konnte ihn ihm beschrieben haben? Jedenfalls zeigte er sich vortrefflich orientiert; er folgte einem geschweiften Wege durch ein Boskett am Ende des Gartens nach rechts und gelangte so an einen aus Fachwerk aufgebauten und dicht mit wildem Weine umrankten Pavillon von sehr bescheidenen Dimensionen. Hier löste sich das Rätsel. Zwischen den Kübeln mit rotblauen Hortensien, welche rechts und links die Treppe dieses Pavillons schmückten, unter den tief niederhängenden, wie nach ihr hinablangenden Ranken stand eine andere Blume, eine fleur animée, ein reizendes junges Mädchen, im leichten, grün und weiß gestreiften Sommerkleide, lebhaft mit ihrem grünen Sonnenschirm winkend und nun, da der Arzt schon der Treppe nahe war, ihren Schirm hinter sich werfend und die Stufen hinabfliegend, um sich ihm in die Arme zu werfen.
»Gotthard! bist du's?« flüsterte sie, mit einem vor Freude und Bewegung strahlenden Gesicht zu ihm aufblickend.
Er hatte das Haupt zu beugen, um, während er die zierliche Gestalt umschlang und an sich drückte, ihre reizende, kindlich vorgewölbte Stirn küssen zu können, und dann diese schwellenden und — so geduldigen Lippen zu küssen.
»Ich bin's, Herzlieb — endlich, endlich, endlich bei dir. Es sind sechs Wochen, seit du unsere Stadt verließest, Annchen, und mir scheint's eine Ewigkeit.«
»Ach ja,« seufzte Annchen, »und mir erst!« ... »Die gute, liebe Stadt und die gute, brave Frau Professorin ...«
»War's deine Frau Professorin, der Drache, der dich auf den Klubbällen im Konzert so scharf im Auge hielt, was dein Sehnen weckte?« fiel er lächelnd ein.
»Ach, du weißt's ja, böser Gotthard,« sagte sie mit einem Blick voll Glück zu ihm aufschauend, »aber nun komm, da drinnen im Gartenhaus sieht uns niemand, wir haben jetzt fürchterlich viel zu überlegen.«
Er folgte ihr nach dem Pavillon und setzte sich neben die Geliebte, sie zärtlich umschlingend.
»Wir haben zu überlegen, sagst du? ...« fuhr er fort, »soll ich denn nicht, wie wir schon in der Stadt übereingekommen sind, jetzt frei heraus mit deinem Vater reden? Ich habe ihn schon gesehen und gesprochen; ja, denk' dir — ich habe schon — er gefiel mir so gut, er machte mir solch einen vertrauenerweckenden Eindruck, ganz wie ein durchaus wohlwollender und verständiger Mann ...«
»Was hast du? was hast du? sprich!« unterbrach ihn Anna ängstlich.
»Ich habe schon in gewisser Weise eingeleitet — ich habe ihm ganz unverhohlen und in durchaus wahrhafter Weise Andeutungen über meine Verhältnisse gemacht.«
»O, sei nicht zu rasch, nicht zu rasch, Gotthard,« flüsterte Anna hier ängstlich ...; »in der Stadt dachte ich mir's leichter, seine Einwilligung zu erhalten, als seitdem ich wieder hier bin — in der Stadt, weißt du, denken die Menschen doch nicht gar so entsetzlich klein und beschränkt, aber in solch einem kleinen Neste, wie dieses, sind sie alle so blind für alles, was nicht Geld ist ... und der Vater, ach, der Vater hält auch so viel darauf, und ich fürchte, ich fürchte, er hat schon eine Partie für mich ausgesucht, und wenn das wäre, dann würden wir grausam viel zu kämpfen haben — er kann so schlimm, so gar schlimm sein, du kennst ihn nicht!«
Anna warf ihre beiden Arme um den Nacken ihres Verlobten und legte, in Tränen ausbrechend, ihre Stirn auf seine Schulter.
»Das sind ja böse Dinge, die du mir da mitteilst, Anna,« sagte Gotthard, einen Kuß auf ihren Scheitel drückend.
»Ach ja, wir sind sehr, sehr übel daran, wir armen Kinder, nicht wahr, Gotthard,« sagte sie, mit dem weinenden Antlitz zu ihm aufblickend.
»Gewiß,« versetzte er gerührt und mit zuckender Lippe — »aber was willst du denn, was ich tun soll?«
»Nichts, gar nichts,« antwortete sie höchst lebhaft und, nachdem dem mädchenhaften Bedürfnisse nach ein wenig Mitleid mit sich selber genügt war, wieder in einen heiteren Ton übergehend — »du sollst gar nichts tun; die Mutter, weißt du, die Mutter ist gut, und der Mutter sollst du dich zeigen und ihr gefallen, und dann, wenn du wieder abgereist bist, will ich's ihr sagen, und sie soll dann dem Vater die Sache vorstellen, so nach und nach, weißt du, und dann sollst du zurückkommen, ich schreib's dir dann, wenn es Zeit ist!«
»Aber mein Gott, das zieht ja die Sache endlos hinaus; und ich begreife deine Angst nicht. Was kann denn der Vater wider mich haben? — ich ...«
»Ach, das weißt und begreifst du nicht, wie die Menschen hier sind,« fiel sie lebhaft ein — »du bist ein Fremder, du hast einen anderen Glauben, du würdest mich in Gott weiß welche Ferne entführen, wenn du einmal versetzt wirst — arm bist du auch ... o Gotthard, wir müssen sehr, sehr auf große Hindernisse gefaßt sein!«
»Auf unübersteigliche am Ende?« fiel Gotthard niedergeschlagen ein.
»Laß uns darum den Mut nicht verlieren,« sagte sie leise, die gefalteten Hände auf seine Schulter legend und innig zu ihm aufschauend. »Aber mit dem Vater reden darfst du noch nicht — nicht wahr, du wirst es nicht, du versprichst mir's?«
»Ich verspreche es dir.«
»So komm jetzt, begleite mich durch den Garten zum Hause, es hat niemand ein Arg dabei; du kannst mich ja zufällig hier gefunden und angeredet haben; Mutter wird jetzt am offenen Fenster in ihrem Gartenzimmer sitzen — da stell' ich dich gleich vor und du hältst ein kleines gleichgültiges Gespräch mit ihr. — Willst du?«
»Gewiß, Herz ... nur versprich mir, daß ich dich später noch allein sehen werde ...«
Mit ihren beiden zarten Händen seinen Arm umklammernd, blickte sie zu ihm empor und nickte lächelnd. »Komm nur!« sagte sie. Dann, als sie um das nächste Buschdickicht gegangen waren und das Haus vor sich erblickten, flüsterte sie: »Dort auf der Giebelseite rechts liegt mein Zimmer — komm dahin, nach zehn Uhr; ich werde am Fenster sein.«