V.
Wie das Stelldichein verlief, welche weitere Verabredungen da getroffen wurden, wissen wir nicht, doch mußten sie nicht just sehr befriedigender Natur gewesen sein, denn auf Gotthards Stirn lag am anderen Tage ein düsterer Ernst, während er, in seine Uniform zugeknöpft, seine Funktionen in dem großen menschenüberfüllten Saale des Gasthofes übte, in welchem am oberen Ende die Kommission am grünen Tische saß. Zur Rechten der Kommission stand eine Flügeltür offen — in dem Kabinett dahinter mußten die Burschen sich der Untersuchung unterwerfen; nach jeder derselben gab Gotthard auf die Schwelle tretend sein Verdikt ab, das ein paar Schreiber dann in ihren großen, mit Kolonnen bedeckten Aktenbogen eintrugen. Um Mittag wurde die Arbeit unterbrochen und hastig ein Mahl eingenommen; dann wurde sie neu aufgenommen, und dabei verflogen die Stunden — es wurde halb fünf Uhr, bevor der letzte der jungen Leute sein Schicksal erfahren.
Was war Jansens, Arenhövels, Henricis Schicksal gewesen? Gotthard hätte es nicht beantworten können, er hatte sich so ganz und gar nicht um die Namen all der Leute gekümmert — er hatte in diesen Tagen Tausende von Namen ausrufen und wieder rufen hören, und die drei, welche Herr Espenbeck gestern flüchtig genannt, so wenig im Gedächtnis behalten wie alle anderen.
Man war fertig — der General und die anderen Herren atmeten auf, warfen ihre Papiere den expedierenden Schreibern zu, Gotthard hatte den Vermerk in den Kolonnen zu unterschreiben; unterdes fuhr schon die Extrapost, worin man zum nächsten Kreishauptorte reisen wollte, vor dem Gasthofe vor. Der General, der Regierungsrat, der Adjutant gingen auf ihre Zimmer, ihre Rechnungen zu berichtigen und sich zur Abreise zu rüsten — endlich war auch Gotthard fertig und eilte auf das seine. Er klingelte nach dem Kellner und verlangte seine Rechnung; dann packte er seine Sachen zusammen und harrte. Aber die Rechnung kam nicht ... er klingelte noch einmal — heftig — draußen hatte er längst die Schritte der sich fortbegebenden anderen Herren gehört — endlich kam nach flüchtigem Anklopfen rasch Herr Espenbeck herein.
»Bitte um Entschuldigung,« sagte er flüsternd, hastig. »Ihre Rechnung ist schon bezahlt, Herr Doktor!«
»Schon bezahlt? Von wem?«
Herr Espenbeck legte die quittierte Gasthofsrechnung auf den Tisch — auf derselben lag eine Banknote — ein Hunderttalerschein.
Gotthard blickte starr auf das graugrüne Blatt, dann auf den äußerst freundlich lächelnden Herrn Espenbeck, der sich eben mit einer Verbeugung entfernen wollte, als sich die Tür brüsk noch einmal öffnete — der Adjutant stand auf der Schwelle.
»Zum Teufel, Doktor, wo bleiben Sie?« rief er aus. »Der General sitzt seit zehn Minuten im Wagen und wartet.«
Hatte Gotthard einen Moment vorher den Wirt betroffen angestarrt, so fühlte er jetzt alles Blut zum Herzen schießen und seine Gedanken sich vollständig verwirren. Leichenblaß werdend, griff er nach der Banknote, um sie in seiner Brusttasche verschwinden zu lassen — es war der Trieb des Augenblicks, der ihn beherrschte — es war nicht die Sache der Überlegung, es war instinktartig ... mit zitternder Hand faßte er dann die Mütze — den Reisesack vergaß er — Herr Espenbeck fand es nicht auffällig, er glaubte, ihn zu tragen, überließe Gotthard ihm — so gingen sie heraus, der Adjutant schritt voran und sprang auch unten vor dem Hause zuerst wieder in den Wagen; Gotthard stieg, von Herrn Espenbeck freundlich unterstützt, ihm nach. Espenbeck reichte den Reisesack dem Postillon auf dem Bocke zu, und während er sich dann noch einmal verbeugte und glückliche Reise wünschte, rollte der Wagen davon.
Durch die Glasscheiben in einem kleinen Hinterzimmer hinter der allgemeinen Wirtsstube unten im Gasthofe sahen einige junge Männer ihm lächelnd nach.
»Vivat der Stabsdoktor!« sagte Jansen, ein stämmiger, untersetzter Bursche, der aussah, als könne er Bäume umreißen ... »der Doktor sagte, ich hätte einen Krampfaderbruch — soll mich der Teufel holen, wenn ich's selber gewußt oder je davon gehört habe! Er soll aber doch leben, der Krampfaderbruch so gut wie der Doktor!«
»Und Herr Espenbeck nicht minder,« fiel, mit dem ganzen Gesicht lachend, ein etwas blasser und schmächtiger Jüngling, Herr Henrici vom Nesselwebergeschäft, ein — »an mir fand dieser scharfsinnige Doktor, ich hätte Plattfüße und könnte nicht marschieren.«
»Wollt ihr still sein, ihr unbesonnenen Jungen,« fiel ihnen der Wirt ins Wort; »wenn nun das mein Lohn sein soll, daß ihr's laut ausruft, und hinter der Flasche jedem, der's hören will, verratet, so lauf' ich lieber jetzt noch hinter dem Wagen drein und ...«
»Seid ruhig, Mann,« unterbrach ihn mit einer heisern, keuchenden Stimme Arenhövel, der hoffnungsvolle Sohn des trunkfälligen Vaters, »das hülfe Euch doch nicht; mir hat der Doktor was von affiziertem Kehlkopforgan vorgesprochen und ins Protokoll setzen lassen, daß ich frei bin — widerrufen könnte er's doch nicht mehr jetzt! Aber seid gescheit, Maul halten werden wir schon!«
»Ich bitte es mir aus,« sagte Espenbeck; »ihr wißt, was darauf steht, und werdet weder euch noch mich unglücklich machen wollen.«