VI.

Unterdes rollte der Wagen mit den Herren der Kommission davon.

»Wie haben Sie mich warten lassen, Doktor!« sagte der General, »aber was ist Ihnen, Herr, Sie sehen ja aus so blaß wie eine Leiche?«

»In der Tat,« bemerkte der Regierungsrat; »ist Ihnen nicht wohl, Doktor?«

Der Adjutant sah mit einem stummen Blick auf Gotthard herab — er sagte nichts.

Der kalte Schweiß trat Gotthard unter dem Einfluß dieses Blickes auf die Stirn — er zog sein Tuch hervor und stotterte dabei:

»Es wird vorübergehen — ein wenig Übelkeit ... vielleicht vom Fahren!«

»Nicht doch, das tut der Qualm von all den Menschen, in dem wir aushalten mußten; es war furchtbar, in dem Saale eine Atmosphäre zum Ersticken!« bemerkte der General.

»In der Tat, es ist eine angreifende Sache, in solch einer Luft zu arbeiten,« fiel der Rat ein; »Sie müssen das noch gewöhnt werden, Doktorchen!«

Der Adjutant beharrte in seinem Schweigen.

Gotthard war in einer Gemütsverfassung, die sich gar nicht beschreiben läßt. Seine Gedanken wirbelten durcheinander; es war ihm nicht möglich, nur einen klar zu erfassen: nur einer, einer war in ihm mit schrecklicher Klarheit: der, daß er vernichtet sei. Er hatte ein Gefühl, als stemme sich ein Knie auf seine Brust, als läge eine Schlinge um seinen Hals, und hinter ihm, in seinem Nacken, müsse im nächsten Augenblick die Kurbel umfliegen; dann war's sein letztes Atemholen — er war ein gerichteter, ein verlorener Mensch. Sich bestimmte Fragen vorzulegen, und mit Fassung eine Antwort zu suchen, dazu kam er gar nicht. Was hätte er sich auch antworten sollen? Was hätte er tun können, was konnte er noch tun? Hätte er im ersten Augenblick aufbrausen und — Annas Vater dem eintretenden Adjutanten denunzieren, ihn ins Zuchthaus bringen sollen? Sollte er jetzt reden, jetzt noch, nachdem der Adjutant höchstwahrscheinlich, mehr als wahrscheinlich, auf den ersten Blick die Banknote wahrgenommen hatte — wo dieser sagen würde: aha, jetzt, wo Sie sich durch mich entdeckt wissen, wollen der Herr Doktor den Redlichen spielen!

Es war entsetzlich — es war eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage für den jungen Mann — er zog aber- und abermals sein Tuch heraus, um sich die Stirn zu wischen — seine Hände zitterten dabei; einmal sogar stieß er den General, der sich mit geschlossenen Augen zurückgelegt hatte, um einzuschlafen, an den Arm, dieser sah auf, fixierte ihn eine Weile mit schläfrigem, leblosem Blick, dann rief er plötzlich aus:

»Zum Teufel, Doktor, Ihnen ist ernstlich unwohl ... sollen wir anhalten ... dort ist ein Haus .. ein Glas Wasser wird Ihnen wohltun!«

»In der Tat — ein Glas Wasser wird mir wohltun,« versetzte Gotthard, mit der Hand an seinem Halse niederfahrend, als ob er dort etwas fühlte, was er hinunterschieben müsse ... »und, wenn Sie es erlauben wollten ...«

»Postillon, halt!« rief der General den Schwager an; und sich dann wieder zu Gotthard wendend, sagte er:

»Was soll ich erlauben?«

»Daß ich ... es wäre doch das beste ... daß ich ausstiege und ein wenig zu Fuß gehen dürfte .. zu Fuß in die Stadt zurück ... ich könnte mir dort in der Apotheke das Mittel geben lassen, das ich bei solchen Anwandlungen zu gebrauchen pflege!«

»Zurück wollen Sie gehen? Aber, Herr, wir haben Sie morgen in Thalhausen nötig!«

»Freilich ... ich würde schon nachkommen; die Post wird heute abend dahin gehen.«

»Das ist richtig,« fiel der Regierungsrat ein; »ich rate Ihnen auch, tun Sie das.«

»Nun, so steigen Sie aus,« unterbrach der General, »und holen Sie sich Ihr Pulver ...«

Gotthard stieg aus und machte einen schwachen Versuch zu lächeln, als er sich zum Abschied verbeugte.

»Adieu, lieber Doktor,« sagte der General mit grüßendem Kopfnicken; »ich hoffe, es wird nicht von Bedeutung sein und Sie lassen uns nicht im Stich — also vorwärts, Postillon!«

Der Postillon schlug auf seine Pferde, der Wagen rollte davon — Gotthard atmete tief und schwer auf — es war ihm wenigstens eine Erleichterung, nicht mehr unter den drei Männern im Wagen zu sitzen.

Unter diesen drei Männern, von denen ihn, den Entehrten, jetzt eine Kluft trennte, daß sie ihm zu Wesen aus einer anderen Welt geworden, aus einer Welt, an der er keinen Teil mehr hatte?

Er stand und sah dem Wagen nach. Eine Weile starrte er ihm nach mit Augen, die nichts sahen, mit zuckenden Hirnfibern, die nichts dachten ... und dann zuckte durch diese Fibern ein Gedanke, der wie ein Blitz war und wie ein stechender Schmerz ..., ein leises Aufstöhnen rang sich dabei wie ein unterdrückter Aufschrei aus seiner Brust.

»O mein Gott!« sagte er sich und schlug dabei krampfhaft die Hände zusammen; »da fahren sie hin, ich lasse sie allein dahinfahren — nun wird der Adjutant sofort sprechen! Ich kopfloser Mensch! Ich hätte bleiben — heute abend unter vier Augen mit dem Adjutanten reden müssen — vielleicht hätte er mir geglaubt — jetzt aber ist alles verloren! alles! O mein Gott, alles!«

Er wandte sich und schritt mit hastigen Schritten der eben verlassenen Stadt wieder zu.

Im Wagen unterdes sprach in der Tat der Adjutant.

»Dieser arme Teufel von Pflasterkasten,« hatte der General gesagt, »was mag er nur haben?«

»Gemütsbewegung,« war der Adjutant mit einem boshaften Lächeln eingefallen.

»Gemütsbewegung? Und weshalb?«

»Ich glaube wenigstens!«

»Er war ja auch gestern abend beim Souper schon so still und in sich gekehrt,« fiel der Regierungsrat ein.

»Ich traf ihn vorhin,« fuhr der Adjutant fort, »in einer Unterredung mit unserem Wirte ...«

»Nun, er wird sich doch nicht über die Rechnung so entsetzt haben!« rief der General aus.

»Vielleicht doch darüber, daß er die Rechnung ohne den Wirt gemacht,« fuhr, seine Stimme dämpfend, um vom Postillon nicht verstanden zu werden, der Adjutant fort. »Der Wirt hat eine allerliebste Tochter, die bei einer Professorin in der Hauptstadt in Pension war; dort hat unser Doktor sich in sie verliebt, wie ich von seinen Kollegen gehört habe — höchst ernstlich und gründlich — vielleicht hat er die Gelegenheit benutzt und sich jetzt um sie beworben ...«

»Und einen Korb erhalten?« fiel der General ein.

»Von dem Mädchen wohl nicht, aber vom Vater!« flüsterte der Adjutant.

»I, weshalb — der Doktor, meine ich, könnt solch einem Wirte gut genug sein!«

»Ach, dem Herrn Espenbeck sicherlich nicht,« antwortete der Regierungsrat, »der ist hochmütig und brutal, trotz all seiner gewandten Manieren — er ist ehrgeizig, reich, will sich mit der Klerisei nicht überwerfen, indem er einen Schwiegersohn von einer anderen Konfession nimmt — nein, nein, das hätt' ich dem guten Doktor vorausgesagt! Da ist keine Hoffnung für ihn!«

»Das Mädchen ist bildhübsch!« sagte der Adjutant. »Ich habe ein paarmal im vorigen Winter mit ihr getanzt; und dazu eine gescheite kleine Hexe!«

»Armer Doktor!« sagte der General; »ich hoffe nur, er tritt morgen früh zur rechten Zeit zum Dienst an.«

Dabei lehnte er sich wieder in die Wagenecke zurück und schloß die Augen.