VII.

Gotthard schritt unterdes in die Stadt zurück — anfangs mit unstetem Gange, bald hastig eilend, bald langsam schleichend. Doch je näher er ihr kam, desto fester und gleichmäßiger wurde sein Gang, desto rascher und fester sein Schritt. Es war der Schritt eines Mannes, der nicht mehr in unklarem und wirrem Widerstreit mit sich ist, der einen festen Entschluß gefaßt und das Bewußtsein hat, daß dieser Entschluß mit dem unerbittlichen Muß, einer eisernen und unbeugsamen Notwendigkeit zusammenfällt; daß das Schicksal, indem es seinen Willen bestimmte, mit ihm wie mit einem Willenlosen verfährt und ihn auf den einzigen Ausweg aus seiner Lage zugeführt, der ihm geblieben.

In der Stadt angekommen, schritt er geraden Weges auf die Apotheke zu.

»Geben Sie mir zwei oder drei Gran Amygdalin,« sagte er eintretend mit leiser, aber ruhiger Stimme.

Der blonde Apothekerjüngling, der für den Provisor fungierte und eben eine harmlose Natron-Mixtur verkorkte, sah den fremden Mann mit den bleichen, gespannten Zügen fragend an; dann gab er ihm das unschädliche weiße Pulver.

»Jetzt geben Sie mir ein wenig Emulsin — etwa zehn Tropfen.«

Der Pharmazeut erfüllte seinen Wunsch; weshalb sollte er nicht — Emulsin ist so wenig ein Gift als Amygdalin; beide sind unschuldige Dinge — und doch töten sie auf dem Flecke, augenblicklich, wenn sie zusammen genommen werden.

Das Hinzutreten von Wasserstoff verwandelt sie sofort in Blausäure.

Der junge Pharmazeut schien es nicht zu wissen, nicht daran zu denken; er gab, was man verlangte, und nahm das Geld für seine Ware.

Gotthard ging.

Einen Augenblick stand er draußen auf der Treppe vor der Apotheke, wie sich besinnend — wie ein: wohin nun? sich zurufend — dann ging er die Stufen hinab, und mit demselben festen Schritt, wie vorher der Apotheke, schritt er nun quer über den Marktplatz dem gegenüberliegenden »Goldenen Löwen« zu.

Er wollte nicht seinen Tod für Anna ein Rätsel bleiben lassen; er wollte ihr mitteilen, was ihn aus der Welt treibe; sie sollte es wissen, daß es die Hoffnungslosigkeit sei; daß es die Entehrung sei; daß es eine unbeugsame Notwendigkeit für ihn geworden; daß sie ihn nicht verdammen solle; daß sie seiner gedenken und ihm verzeihen und es tragen solle wie ein unabwendbares Schicksal!

Im Gartenpavillon drüben wollte er es niederschreiben — der Pavillon schien ihm verlassen und still genug dazu — er wollte an dieser Stelle, wo er zum letzten Male in seinem Leben glücklich gewesen, dann sein Leben enden!

Unter der Toreinfahrt im »Goldenen Löwen« saß ein Knecht, der eben die Messingplättchen an einem alten Pferdezaum blankscheuerte; er sah verwundert auf, als er einen der Herren in Uniform, welche vor einer halben Stunde abgefahren, wie aus dem Boden gewachsen wieder vor sich stehen sah.

»Ich bin zurückgekommen,« sagte Gotthard, »weil ich von hier aus eilig einen Brief abzusenden habe — bringen Sie mir Schreibmaterialien, hinten in den Garten, in den Pavillon — hören Sie — rasch! sogleich!«

Gotthard schritt, während der Knecht mit einem »Jawohl, Herr!« sich langsam erhob, in den Garten hinein — durcheilte ihn, und bald berührte sein Fuß die ersten Stufen der Treppe, von der herab vor so wenig Stunden noch Anna ihm entgegengeflogen war.

Die Tür stand auf wie gestern; der Abendwind bewegte leise die herabfallenden Ranken des wilden Weines — tiefe Stille herrschte ringsum in der verlassenen, tiefschattigen Gartenecke, in der eine feuchte und dumpfige Luft brütete — eine schwarze Amsel flog aus dem nächsten Strauchwerk quer an der offenen Tür vorüber und stieß, wie geängstigt, einen Schrei aus.

Gotthard trat ein — um auf der Schwelle wie vom Blitz getroffen, wieder zurückzufahren:

»O mein Gott, Anna — du hier?« rief er aus.

Anna saß im Hintergrunde an einem kleinen Tische, der, weil er nur drei Füße hatte, zu seiner Befestigung an die Wand geschoben war. Sie saß da in ihrem grün- und weißgestreiften Kleide, über ein Papier gebeugt, das sie hastig bekritzelte. Es war ein Brief, den sie schrieb, so gedankenverloren, daß sie die Schritte des Kommenden auf dem weichen Kiesgrunde gar nicht wahrgenommen; ein Brief an Gotthard, ein Brief voll Kummer und Schmerz, mit der Nachricht, daß sie in der Überfülle ihres Herzens der Mutter alles bereits gestanden und daß das Ergebnis ganz das sei, was sie am gestrigen Abend Gotthard vorausgesagt, nachdem sie vorher der Mutter die ersten Andeutungen gemacht — die Mutter, die sonst so gut und nachgiebig gegen sie, habe sich ganz verwandelt gezeigt und —

Anna fuhr bei dieser Stelle ihres Briefes empor — sie sah Gotthard vor sich stehen, und erschrocken rief sie:

»Du, Gotthard? du bist's ... du kommst zurück?«

Gotthard war keines Wortes mächtig. Beim Anblick Annas brach all seine Energie, all sein Mannesmut zusammen; wie niedergeschmettert unter dem Drucke des furchtbaren Gewichtes, das auf ihm lag, brach er auf dem Stuhle zusammen, dem er zugewankt war, legte die Arme, den Kopf auf den Tisch und brach in ein furchtbares Schluchzen aus — in einen wahren Strom von Tränen.

Anna stand wie versteinert bei diesem Anblick. Dann holte sie mehrmals Atem, wie um wider eine Erstickung anzukämpfen, faßte mit beiden Händen seinen Kopf und ihn erhebend, ihn an sich drückend, rief sie:

»O mein Gott, was ist, was ist geschehen? O Gotthard, Gotthard, so sprich doch!«

Er riß sich von ihr los, das Gesicht wieder auf seine Arme pressend, ließ er von neuem seine Tränen strömen.

Zu Annas Schrecken gesellte sich ein Gefühl von Hilflosigkeit bei diesem seltsamen Wesen Gotthards, dann von etwas wie Ärger, wie Zorn beinahe, und noch einmal seinen Kopf mit ihren Händen umspannend, um ihn auszurichten und ihm ins Gesicht zu sehen, rief sie:

»Gotthard — aber so rede doch, ich will wissen, was geschehen ist, wenn du nicht sprichst, so werde ich dir böse, böse aus immer — ich will, daß du endlich sprichst!«

Ihre Brauen runzelten sich, ihr kleiner Fuß stampfte auf den Boden und dabei strömten ihr selbst die Tränen über die Wangen. Gotthard mußte endlich den Mund öffnen, er sprach in einzelnen Ausrufungen, in Sätzen, die Anna kaum halb verstand; es kostete ihr Mühe, bis sie alles herausgebracht, bis sie alles wußte.

Nun stand sie vor ihm, kreideweiß, die Lippe bebend, die Brauen fest zusammengezogen.

»So ist es also wahr, was die Leute sagen, daß der Vater so etwas tut!« flüsterte sie. »Das sei erlaubt, so gut wie Schmuggeln erlaubt sei, und beichten brauche man's nicht, sagen sie. Etwa auch nicht, wenn man einen Menschen damit in den Tod treibt? Nein, es ist schändlich, ganz schändlich. Und der Vater soll es nicht mehr tun; und er soll es büßen ... er soll es büßen!«

Sie schwieg und legte ihre beiden Hände an die Schläfen, als ob sie dieselben zusammendrücke, und als ob sie den Gedanken, der da arbeitete, so fester fassen oder schärfen könne; und dann mit einem plötzlichen Auffahren und Sichwenden ergriff sie Gotthards Hand.

»Komm, komm — du gehst augenblicklich mit mir, Gotthard — so wie du bist — und her mit deinem Gift, du abscheulicher, herzloser, entsetzlicher Mensch!«

»Wohin willst du?«

»Du wirst es sehen — und du folgst mir.«

Sie hatte etwas Gebieterisches, etwas Unterjochendes, das junge Geschöpf mit ihren achtzehn Jahren.

Gotthard folgte der Führung der Hand, die so krampfhaft fest die seine gefaßt hielt.

Sie eilte durch den Garten, durchs Haus, in das Familienzimmer, das auf den Garten hinausging. Die Mutter war nicht auf ihrem gewöhnlichen Platz am Fenster, aber Herr Espenbeck war da; er saß, eine Zigarre rauchend, rittlings auf einem Stuhl, das Antlitz der Rückwand des Zimmers zugekehrt, welche einigermaßen befremdende Stellung dadurch ihre Erklärung erhielt, daß sich an dieser Wand ein Vogelbauer mit einem Hänfling befand, dem Herr Espenbeck eine Melodie aus Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« vorpfiff ... sehr ohne Ahnung, in welche Unterwelt, in welchen Abgrund der nächste Augenblick ihn blicken lassen sollte.

»Vater, Vater,« rief Anna aus, während Herr Espenbeck den Kopf herumwarf und mit großen Augen auf den so grenzenlos verstört aussehenden Doktor und in das so flammend gerötete Gesicht seiner Tochter sah, die da beide so plötzlich wie hereingeschneit hinter ihm standen — »Vater, was hast du getan! Was für eine entsetzliche Geschichte ist das, entsetzlich für dich, für dich am meisten, und dann für uns alle — sieh' hier, mit diesen Tropfen Gift wollte der Doktor sich töten, und du, du wirst verhaftet werden, du wirst ins Zuchthaus kommen, auf Jahre ins Zuchthaus.«

Herr Espenbeck — er hätte Espenlaub in diesem Augenblick heißen müssen, solch ein Zittern ging durch seine Glieder — er ward kreideweiß, er öffnete den Mund und brachte doch keine Silbe hervor.

»Wie ist es möglich, wie ist es nur möglich, daß du so etwas tust — bestechen, einen Ehrenmann, wie den Doktor, bestechen zu wollen ...«

»Aber mein Gott,« stammelte Herr Espenbeck jetzt — »ich habe ihn ja nicht beleidigen wollen, ich habe es ja so nicht gemeint, ich habe nur ...«

»Als ob dir das hälfe, was du gemeint hast,« eiferte Anna weiter — »der Adjutant ist ja ins Zimmer getreten und hat die Banknote gesehen und nun ...«

»Der Adjutant — hat es gesehen?« stieß Herr Espenbeck hervor — mühsam, mit einem Tone, der wie heiser zitterte — und dabei tastete er nach der Lehne des Stuhls, von dem er aufgesprungen war.

»So ist es,« sagte Gotthard leise; »und da durch Sie meine Ehre vernichtet ist, bleibt mir nichts übrig, als meinem Leben ein Ende zu machen.«

»Und dir, Vater, dir ist das Zuchthaus gewiß.«

Herr Espenbeck hob mit einem herzbrechenden Ausdruck der Verzweiflung die Hände in die Höhe — er griff nach seinem Kopfe, wie um ihn festzuhalten, daß er nicht wahnsinnig werde.

Anna aber trat ihm einen Schritt näher, erfaßte heftig einen seiner Arme und diesen an sich reißend, wie man ein böses Kind zum Gehorsam zieht, rief sie aus:

»Hier gibt es keine Rettung — nur eine — nur ich kann dich retten, und ich will es. Ich will den

Doktor heiraten — sobald es möglich ist, und daß wir verlobt seien, muß noch in dieser Stunde im Orte bekanntgemacht werden! Es gibt nur eine, nur eine einzige Art, wie es als eine unschuldige Handlung erscheint, wenn du dem Doktor Geld gibst; nur eine Art, sogleich jeden Verdacht aufhören zu machen. Wir müssen Verlobte sein, du gabst das Geld dem Doktor von meiner Aussteuer, für unsere Einrichtung.«

Herr Espenbeck atmete tief, tief auf; er atmete noch einmal tief auf, und dann sagte er, und die Tränen traten dabei in seine Augen:

»O meine gute, gute Anna, du wolltest das tun? — Aber, du hast recht, ja, du hast recht, nur so kann ich gerettet werden — o mein teures Kind, welch einen Engel hab' ich an dir!«

Herr Espenbeck umarmte seine Tochter; er brach in Schluchzen aus und konnte kaum reden, als er, dem Doktor die Hand hinreichend, sagte:

»Und Sie, Sie, Herr Doktor?«

Gotthard sah aus Annas Gesicht, in dem eine wundersame Mischung von zornigem Trotz, Triumph und Glück lag.

»Können Sie fragen?« stotterte er in unbeschreiblicher Verwirrung, und sich fragend, ob er träume oder wach sei ... »ich, o mein Gott, ich möchte ja vor Ihrer Tochter auf die Knie fallen, um ihr zu danken, daß sie mir das Leben zurückgibt — und welches Leben voll Glück!« — —

Es war besser, daß Gotthard nicht dazu überging, vor Anna zu knien; sie bedurfte ja seiner gehend, hoch aufgerichtet stehend in diesem Augenblick: sonst hätte sie sich nicht an seine Brust werfen und ihr Antlitz daran bergen können ... und das mußte sie doch, ein übermächtiger Drang zwang sie dazu, dies glühende, erregte Antlitz mit allem, was von Trotz und von Scham, von ängstlicher Verwirrung und von Glück darauf lag, an Gotthards Brust zu verbergen.

Die Mutter trat ins Zimmer und blickte wie versteinert auf die Gruppe. Herr Espenbeck sagte ihr, unter dem Einflusse des erlebten Augenblickes noch wirr und kaum verständlich die Worte durcheinander werfend, alles.

Höchst betroffen schaute die kleine Frau darein. Die Blicke, welche sie auf Anna richtete, hätte wohl nur diese verstanden, wenn sie sie jetzt hätte sehen können.

»Du sagst nichts?« rief Espenbeck aus.

»Daß du einmal dich ins Unglück bringen würdest, hab' ich längst gesagt,« versetzte verdrossen die kleine Matrone. Und das war alles, was sie sagte. Auch blieb sie den ganzen Abend auffällig schweigend, ging aber sehr bereitwillig nach einer halben Stunde am Arm ihres Mannes zum Pfarrer der alten Kirche hinüber, um Gotthards und Annas Aufgebot da zu bestellen.

Gotthard nahm am späten Abend Extrapost, um in der Nacht den Herren von der Aushebungskommission nachzufahren. Als er am Ziel angekommen, fand er im Speisezimmer des Gasthofes den Adjutanten noch hinter der Flasche sitzen — er hatte einen alten Kameraden, einen Hauptmann a. D., vorgefunden und die beiden Herren hatten sich trotz der späten Stunde immer noch nicht trennen können.

»Ah, Doktor, Gott sei gelobt, der Doktor!« rief der Adjutant aufspringend aus, als er Gotthard gewahrte; in seiner weinseligen Laune schloß er ihn herzlich in seine Arme — und rief weiter:

»Umarmen lassen Sie sich, daß Sie da sind — frisch und gesund — wir haben alle des Teufels Angst ausgestanden, daß Sie uns morgen fehlen würden und wir einen ganzen Tag lang hier in diesem Neste liegen müßten, ohne etwas tun zu können. Ich muß gleich zum General, ihm die Botschaft zu melden — er hat es befohlen, wenn er auch längst im Bett sei!«

Gotthard sah dem sich Entfernenden mit sich vor Freude rötendem Gesicht nach. Es war offenbar, der Adjutant hatte nichts von der Banknote wahrgenommen! —

Flemmings Dreibogenbücher

Herausgegeben von Carl Ferdinands

Willibald Alexis, Hans Preller von Lauffen.
Mit Zeichnungen von Erich M. Simon
Ludwig Anzengruber, Der starke Pankraz und die schwache Eva.
Mit Zeichnungen von Fritz Schiementz
Achim von Arnim, Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonnedu.
Mit Zeichnungen von Wilhelm Repsold
Clemens Brentano, Geschichte vom braven Kasperl u. d. schönen Annerl.
Mit Zeichnungen von Fritz Schiementz
Joseph v. Eichendorff, Das Schloß Durande.
Mit Zeichnungen von A. O. Hoffmann
Friedrich Gerstäcker, Germelshausen. M. Zeichn. v. Fritz Schiementz
Jeremias Gotthelf, Wie Joggeli eine Frau sucht.
Mit Zeichnungen von Fritz Schiementz
Franz Grillparzer, Das Kloster bei Sendomir.
Mit Zeichnungen von Wilhelm Repsold
Gottfried Keller, Die Geisterseher. Mit Zeichnung. v. Wilhelm Doms
Gottfried Keller, Der Schmied seines Glückes. M. Zeichn. v. Karl Holtz
Gottfried Keller, Die arme Baronin. Mit Zeichn. v. Wilhelm Repsold
Gottfried Kinkel, Der Hauskrieg. Mit Zeichnungen von Karl Holtz
Heinrich v. Kleist, Der Zweikampf. M. Zeichn. v. Georg Walter Rössner
Heinrich v. Kleist, Die Verlobung auf St. Domingo.
Mit Zeichnungen von Wilhelm Repsold
August Kopisch, Der Träumer. Mit Zeichnungen von Wilhelm Repsold
Otto Ludwig, Die Buschnovelle. Mit Zeichnungen von Felix Meseck
Alfred Meißner, Der Spieltisch Peter des Großen.
Mit Zeichnungen von Karl Holtz
Eduard Mörike, Lucie Gelmeroth. Mit Zeichnungen v. Adolph Propp
Edgar Allan Poe, Der Goldkäfer. Mit Zeichnung. v. Wilhelm Repsold
Levin Schücking, Die Bestechung. Mit Zeichn. v. Robert v. Neumann
Theodor Storm, Eckenhof. Mit Zeichnungen von Wilhelm Repsold
Theodor Storm, Eine Halligfahrt. Mit Zeichn. von Wilhelm Repsold
Theodor Storm, Immensee. Mit Zeichnungen v. Wilhelm Repsold
Theodor Storm, Die Söhne d. Senators. M. Zeichn. v. Herm. Scheffler

Jeder Band Goldmark —,45

Zu beziehen durch jede Buchhandlung

Carl Flemming und C. T. Wiskott AG, Berlin W 50

Druck der Flemming-Wiskott AG, Glogau / Berlin / Breslau