DIE AEGYPTISCHE
PFLANZENSÄULE

DIE AEGYPTISCHE
PFLANZENSÄULE


EIN KAPITEL
ZUR
GESCHICHTE DES PFLANZENORNAMENTS
VON
LUDWIG BORCHARDT.

BERLIN
VERLAG VON ERNST WASMUTH
ARCHITEKTUR-BUCHHANDLUNG
35 — Markgrafenstrasse — 35


1897.

[Vorrede.]

Das Manuskript zu der vorliegenden Abhandlung war im Oktober 1895 fertig, und es wurde bereits an der Herstellung der Abbildungen für den Druck gearbeitet, als ich beauftragt wurde, auf längere Zeit zu wissenschaftlichen Untersuchungen nach Aegypten zu gehen.

Dies verzögerte die Beendigung der Drucklegung bedeutend, und das Erscheinen des Heftchens wäre wohl noch weiter hinausgeschoben worden, wenn nicht meine Freunde, die Herren Dr. Schäfer und Prof. Dr. Steindorff sich des verwaisten Manuscripts angenommen hätten, wofür ich ihnen auch an dieser Stelle meinen Dank sage. Andererseits ist aber der Umstand, dass ich die mir bisher nur aus Publikationen und Photographien bekannten Gegenstände meiner Untersuchungen nun in der Wirklichkeit studieren konnte, der jetzt erschienenen Arbeit zu Gute gekommen, wenn auch nur in Einzelheiten und in der etwas veränderten Auswahl der Beispiele.

Für die allgemeine theoretische Auffassung der ägyptischen Pflanzensäule habe ich an den Originalen nichts neues gelernt und darf daher jetzt um so eher mit den hier ausgesprochenen Meinungen hervortreten, als ich nun nicht mehr zu fürchten brauche, dass meine zuerst nur aus Publikationen gewonnenen Ansichten und Theorien der Nachprüfung an den Denkmälern nicht Stand halten werden.

Berlin, im August 1897.

Ludwig Borchardt.

[Inhaltsverzeichniss.]

Seite
Einleitung[1]
I.Die Nymphäensäulen[3]
a.Nymphaea Lotus L.[3]
b.Nymphaea caerulea L.[12]
c.Nymphaea Nelumbo L.[16]
II.Die Liliensäulen[18]
III.Papyrussäulen[25]
IV.Palmensäulen[44]
V.Andere Pflanzensäulen[50]
Schluss[53]

[Einleitung.]

Die der Pflanzenwelt entnommenen ägyptischen Säulenformen sind seit dem Bekanntwerden der reichen architektonischen Schätze des Nilthales der Gegenstand wiederholter Untersuchungen und der verschiedensten Theorien gewesen. Aegyptologen und Kunsthistoriker haben es mit mehr oder weniger Glück versucht, in die bunte Mannigfaltigkeit der Kapitellformen System zu bringen, ohne jedoch bisher zu einem völlig sicheren Resultate vorgedrungen zu sein. Der Grund dieser Unsicherheit mag hauptsächlich darin zu suchen sein, dass jüngere Bearbeiter der Frage das, was die älteren bereits richtig erkannt hatten, wieder umzustossen für gut fanden, ohne etwas Besseres an dessen Stelle setzen zu können.

Namentlich die jüngsten Autoren auf diesem Gebiete[1] haben es mit bewunderungswürdigem Geschick verstanden, das, was früher schon wenigstens in den Hauptzügen feststand, von Grund aus zu verwirren. Während fast von jeder der früheren Arbeiten[2] bei genauerer Untersuchung wenigstens irgend ein Hauptgedanke als berechtigt anerkannt werden muss, stellen uns die letzterschienenen Erörterungen über ägyptische Säulenformen vor die Notwendigkeit, dieses Gebiet eingehend zu revidiren. Bei dieser Revision soll es nun nicht unsere Aufgabe sein, die Theorie jedes einzelnen der früheren Autoren besonders zu widerlegen oder zu bestätigen; wir werden vielmehr versuchen, unsere Ansichten über die verschiedenen Gattungen der ägyptischen Pflanzensäulen, so weit es geht, ohne jede Polemik gegen andere Meinungen zu entwickeln. Der mit dem Gegenstand vertraute Leser wird auch so herauserkennen, wo alte Theorien angenommen, wo sie verworfen, wo neue vorgebracht sind.

Bei unseren Untersuchungen werden wir so vorgehen, dass wir zuerst die in Frage kommende Pflanze nach der Natur schildern — nicht etwa mit gelehrten botanischen Ausdrücken, sondern ganz laienhaft, auf die Gefahr hin, auch wissenschaftlich falsche Bezeichnungen einigen Pflanzentheilen beizulegen. Die Beschreibung wird dadurch den meisten Lesern verständlicher werden, da vermuthlich deren botanische Kenntnisse, wie die des Verfassers, über das Erfassen der äusseren Form der Pflanzen nicht hinausgehen dürften. Zweitens wird dann Umschau zu halten sein, wie die Aegypter die beschriebene Pflanze in ihrer Kunst verwertheten, wie sie sie in Bildern, Reliefs und plastischen Kunstwerken darstellten, um dann endlich unser eigentliches Ziel erreichen zu können und festzustellen, wo wir die fragliche Pflanze in den Säulenformen wiedererkennen. Dass wir dann den auf eine bestimmte Pflanzenform zurückgeführten Säulentypus an Beispielen aus verschiedenen Epochen erläutern müssen, ist ebenso selbstverständlich, wie dass dabei hie und da sich etwas über die geschichtliche Entwickelung der betreffenden Säulenform wird ermitteln lassen.

Unsere Beispiele werden wir den noch erhaltenen Bauten und den altägyptischen Abbildungen, die an Tempel- und Grabwänden in grosser Zahl vorhanden sind, entnehmen können. Bei den nur abgebildeten Beispielen werden wir allerdings etwas vorsichtig zu Werke gehen müssen, da die Phantasie der ägyptischen Maler in vielen Fällen unmögliche Gebilde dargestellt hat, und ausserdem oft die Verschrobenheit der perspektivischen Darstellung das Verständniss des Abgebildeten erschwert. Mit ganz besonderer Vorsicht wird eine Gattung von Säulen zu behandeln sein, die sich häufig auf Darstellungen findet: die Säulen mit mehreren — bis zu fünf — Kapitellen übereinander. Es sind diese Säulen — falls sie überhaupt je so existirt haben — meist Holzsäulen, deren Form sich auf die ägyptische Art zurückführen lässt, Bouquets aus verschiedenen, ineinander gesteckten Blumen zu binden. Für unsere Aufgabe, die den Säulenformen zu Grunde liegenden Pflanzentypen festzustellen, interessirt an diesen „Bouquetsäulen” nur die einzelne Pflanze, das Einzelkapitell, nicht die ganze Zusammensetzung; wir werden daher die Bouquets zerpflücken und die einzelnen so gewonnenen Kapitelle dann bei verschiedenen Abschnitten unserer Untersuchung gesondert besprechen müssen.

Auch von den in natura erhaltenen Säulen werden wir nicht alle gleichmässig als Beispiele benutzen. Da es sich vorläufig darum handelt, die älteren Säulentypen zu analysiren, so können die Formen der Spätzeit, d. h. in diesem Falle der Epoche nach der Eroberung Aegyptens durch die Perser, also hauptsächlich die Säulenbildungen der Ptolemäer- und Kaiserzeit vernachlässigt werden, soweit sie neue Pflanzen als Ornament verwenden. Wir werden diese daher nur in den Fällen — und deren Anzahl ist nicht gering — citiren, wo sie sich an ältere Schöpfungen anschliessen und die alten Formen wieder aufnehmen und fortbilden.

Zum Schlusse der Einleitung möchte ich noch rechtfertigen, weshalb ich ebenso wie andere Autoren, die das hier behandelte Gebiet früher bearbeitet haben, auf eine „schärfere Sonderung der Formen des Höhlen- und Freibaus”, bezw. des Holz- und Steinbaus keine Rücksicht genommen habe. Wie der Schluss lehren wird, ist der den ägyptischen Säulenformen zu Grunde liegende Gedanke ein rein ornamentaler, ohne jede construktive Grundlage. Es ist daher ausnahmsweise möglich, was bei der Behandlung architektonischer Details anderer Epochen ein schwerer Fehler sein würde, bei der Auswahl der Beispiele vollständig von Material und Construktion abzusehen und nur die äussere Form zu betrachten, zumal da es sich hauptsächlich nur um die Ermittelung der den Säulenformen zu Grunde liegenden Pflanzenvorbilder handelt.


[I. Die Nymphäensäulen.]

In Aegypten sind drei Arten von Nymphäen nachzuweisen: Nymphaea Lotus L., Nymphaea caerulea L. und Nymphaea Nelumbo L. Von diesen scheidet die letzte, wie wir sehen werden, als für die Säulenformen nicht in Betracht kommend aus; wir haben uns also nur mit den beiden anderen näher zu beschäftigen.

a. Nymphaea Lotus L.[3]

[Abbildung 1.]

Die hierneben abgebildete Nymphaea Lotus kommt der bei uns heimischen, allgemein bekannten, weissen Nymphaea im Aussehen am nächsten, nur dass sie grösser ist als diese. Die vorn rundlichen, am Sitze pfeilförmig gespaltenen, grünen Blätter mit ihrem in kleinen Bogen ausgezähnten Rande, schwimmen auf dem Wasser. Die Knospen und Blüthen erheben sich auf runden, biegsamen Stengeln (von grüner Farbe mit röthlichem Schimmer) etwas über die Oberfläche. Die Knospen sind von langgestreckter, fast elliptischer Gestalt, mit grünen, oben ein wenig röthlich schimmernden Kelchblättern. Sie zeigen — ausser der Form — als charakteristisches Merkmal von oben nach unten gehende Längsstreifen, die sich sowohl durch etwas andere Färbung als auch durch ganz schwaches Relief von der sonst glatten Fläche der Knospe abheben. Die Blüthe, deren äussere Form in nicht zu weit geöffnetem Zustande fast eine Halbkugel ist, hat vier aussen grüne, oben abgerundete Kelchblätter mit denselben charakteristischen Längsstreifen; zwischen den Kelchblättern treten die weissen, ebenso geformten Blüthenblätter regelmässig geordnet hervor. Auch diese weissen Blätter zeigen bei näherem Zusehen Längsstreifen. Ob ausser der weissen Art auch andersgefärbte Varietäten im alten Aegypten vorkamen, scheint wenig wahrscheinlich. Das Aussehen der Wurzel und der inneren Theile der Blüthe[4] interessirt für die vorliegende Untersuchung nicht und wird daher hier so wenig wie bei den folgenden Pflanzen besprochen werden.

[Abbildung 2.]

Nachdem wir uns so mit dem Aussehen des Lotus bekannt gemacht haben, werden wir ihn leicht auf den Denkmälern wiedererkennen. Die ägyptischen Künstler stellten ihn, wie überhaupt alle Pflanzen, für ihre Verhältnisse, d. h. soweit die Schwierigkeit der perspektivischen Darstellung sie nicht hinderte, recht naturalistisch dar, selbstverständlich, wie das bei ornamentaler Verwendung von Pflanzenformen nicht anders möglich ist, etwas stilisirt.

[Abbildung 3.]

Die folgenden Beispiele sind so gewählt, dass in ihnen nicht nur möglichst verschiedene Kunstgebiete — Malerei, Plastik und Kleinkunst —, sondern auch alle Epochen der ägyptischen Kunstgeschichte vertreten sind. Altes, mittleres und neues Reich, sowie die Spätzeit (a. R.; m. R.; n. R. u. Sp. Z.)[5] werden nach Möglichkeit herangezogen werden.

Gute Darstellungen der Nymphaea Lotus finden wir z. B. im a. R. in dem berühmten Grabe des Ptahhotep bei Sakkara ([Abb. 2]), aus dem m. R. in den Gräbern zu Bersche[6], in denen zu Benihassan ([Abb. 3]) und an der bekannten Gruppe der „Fischträger” aus Tanis ([Abb. 5])[7], endlich aus dem n. R. in den Fayencen aus Gurob und Tell-Amarna ([Abb. 6] u. [7]).

An diesen Beispielen sehen wir, dass die Aegypter die typische Form der Nymphaea Lotus ganz richtig aufgefasst haben. Die Blätter haben die ihnen zukommende Form, nur sind sie stets ganzrandig[8] dargestellt, ohne die Zähnung. Der Grund hierfür mag die Kleinheit der Zähnung gewesen sein.

[Abbildung 5.]

[Abbildung 6.]

[Abbildung 7.]

Die Knospen sind in Form und Einzelheiten richtig, die Blume äusserst charakteristisch, sogar die Längsstreifen sind fast immer wiedergegeben. Fassen wir die Merkmale der Nymphaea Lotus zusammen, welche der ägyptische Künstler als bezeichnend für diese Pflanze erkannt hat und bei keiner besseren Darstellung fehlen lässt, so sind es die folgenden:

[Abbildung 8.]

Bei der Knospe elliptische Form und Längsstreifen, bei der Blume fast halbkreisförmige Umrisslinie, oben abgerundete, bis zum oberen Rande der Blume reichende Kelchblätter mit Längsstreifen und ebensolche, regelmässig dazwischen angeordnete Blüthenblätter. Der Typus ist also mit anderen Pflanzen garnicht zu verwechseln[9], und wir werden nunmehr ohne Schwierigkeiten die Säulen herauserkennen, die auf Nymphaea Lotus zurückgehen. Es sind hier Säulen mit Knospen- und Blüthenkapitellen zu unterscheiden; um jedoch eine gewisse Gleichmässigkeit in der Bezeichnung mit den später zu besprechenden, ähnlich in zwei Gattungen getheilten Papyrussäulen einzuführen, wollen wir die beiden Arten „Säulen mit geschlossenem” und mit „offenem Kapitell” nennen.

Die „Säulen mit geschlossenem Kapitell”, das den Knospen von Nymphaea Lotus nachgebildet ist, kommen bereits im alten Reiche vor. Ein besonders lehrreiches Exemplar entdeckte de Morgan im Grabe des Ptah-schepses bei Abusir (Abbildung 9). Es ist eine aus sechs Hauptstengeln gebildete Bündelsäule. Die Stengel kommen gerade aus der, einen kleinen Erdhügel darstellenden Basis und werden durch fünf Halsbänder unter dem Kapitell zusammengehalten. Das Kapitell ist aus wenig geöffneten Knospen gebildet, die man nach der etwas zu spitzen Form der Blätter vielleicht für Nymphaea caerulea ansehen könnte, die jedoch wegen der Längsstreifen sicher für Nymphaea Lotus zu halten sind. Zwischen die Hauptstengel sind, wie um diese in ihrer richtigen Lage zu halten, unter das Halsband noch sechs kleine, kurze Zwischenstengel gesteckt, die oben in geöffnete Nymphaea Lotus-Blumen endigen. Auf dem Kapitell ruht der ganz einfache, cubische Abakus ohne jede Ornamentirung. Die ganze Säule ist bis auf die Farben äusserst naturalistisch gehalten.[10]

[Abbildung 9.]

Ein weiteres Beispiel aus dem alten Reiche giebt eine Abbildung im Grabe des Ra'-schepses zu Sakkara[11], die gleichfalls aus der Zeit der 5. Dynastie stammt. Es ist auch hier eine Bündelsäule gemeint, wenn auch am Schaft die verschiedenen Stengel nicht besonders bezeichnet sind; die in kurzen Abständen angegebenen Umschnürungen des Schaftes sprechen deutlich für eine Bündelsäule.

Die besten Beispiele für die geschlossene Lotossäule liefert uns das mittlere Reich. Die Säulen dieser Art aus Benihassan sind allgemein bekannt. Hier ist eine derselben nach einer Lepsius'schen Aufnahme[12] in der [Abb. 10] dargestellt. Die flache, kreisförmige Basis soll wohl wieder den Erdhügel vorstellen, aus dem dieses Mal vier zusammengebundene runde, nach oben sich verjüngende Lotusstengel herauswachsen, ohne die bei den Papyrussäulen üblichen Basisblätter, welche ja dem Lotus auch nicht zukommen, und ohne die auch nur beim Papyrus vorkommende Schwellung. Die farbigen Streifen dieser Stengel würde man leicht für die zusammenhaltenden Bänder halten können; mit Rücksicht auf die Farbentheilung der kleinen Zwischenstengel aber, bei denen zusammenhaltende Bänder nicht erforderlich wären, wird man sie jedoch nur für eine willkürliche Farbengebung zu halten haben, da auch ausserdem die Darstellung der sicher für Bänder anzusehenden Ringe dicht unter dem Kapitell dafür spricht, die fragliche Farbentheilung nicht auf Bänder zurückzuführen. Die vier Stengel sind also erst oben dicht unter den Knospen durch fünf Halsbänder zusammengefasst, nachdem zwischen die Hauptstengel noch vier „Zwischenstengel” gelegt sind, die manchmal, wie auch in dem Beispiel aus dem alten Reiche, kleine Knospen oder Blumen tragen. Das Kapitell selbst zeigt vier richtig geformte Knospen von Nymphaea Lotus mit der klaren Wiedergabe der charakteristischen Längsstreifen. Es sind nicht etwa oben abgestumpfte Knospen, die hier zur Darstellung gekommen sind, sondern ganze, wie aus der Bemalung am oberen Ende deutlich zu ersehen ist. Auf den Knospen ruht der das Gebälk aufnehmende sehr flache Abakus, der einzige Theil der Säule, welcher keinen rein ornamentalen Ursprung hat, sondern seine Form construktiven Rücksichten verdankt.

[Abbildung 10.]

Neben den eben beschriebenen scheinen in Benihassan in Grab 18 auch noch andere Säulen derselben Gattung mit drei Zwischenstengeln — einem längeren und zwei kürzeren — zwischen je zwei Hauptstengeln vorzukommen; wenigstens glaube ich es so auf einer Petrie'schen Photographie[13] zu erkennen.

In Abbildungen finden sich diese Säulen naturgemäss auch, so z. B. in Bersche im Grabe des Kej ([Abb. 11]). Diese Zeichnung ist für die verschrobene Art der altägyptischen Darstellung nicht uninteressant. Die Theilung des Schaftes in mehrere Stengel ist nicht angegeben, die Zwischenstengel sind neben die Halsbänder gesetzt, die Knospen der Zwischenstengel haben falsche Richtung, und beim Kapitell könnte man im Zweifel sein, ob eine etwas geöffnete Knospe gemeint ist, oder ob es die vier Knospen des Bündelkapitells in Vorderansicht sein sollen. Man sieht, dass es manchmal nicht leicht gemacht wird, aus der altägyptischen Abbildung das wirkliche Aussehen der Säule zu ermitteln.

[Abbildung 11.]

Als gutes Beispiel einer abgebildeten Säule dieser Art und Zeit mag hier noch eine aus Benihassan, wo solche öfter vorkommen, eine Stelle finden ([Abb. 12]). Sie hat dicht über dem Halsband ein merkwürdiges Ornament, das auf ausgeführten Säulen bisher noch nicht nachweisbar ist. Dass Lotus-Säulen mit geschlossenen Kapitellen übrigens auch ornamental Verwendung fanden, zeigt ein von Petrie in Kahun[14] gefundener Kandelaber, bei dem eine, allerdings nicht ganz regelmässig geformte Lotussäule mit geschlossenem Kapitell den Untersatz für die Schale bildet.

[Abbildung 12.]

Die bisher aufgeführten Beispiele stammen sämmtlich aus dem alten und mittleren Reich; merkwürdigerweise fehlt aus dem neuen Reich diese Säulenart gänzlich — wenigstens ist uns nichts davon erhalten. Erst in der Ptolemäerzeit sind wieder Beispiele und zwar in Philae und in el-Kab nachweisbar. Diese lehren uns jedoch für das Verständniss der älteren Exemplare nichts Neues; es mag daher an der Säule aus Philae ([Abb. 13]) nur auf eine uns hier zum ersten Male entgegentretende Eigenthümlichkeit der späten Säulen hingewiesen werden. Dieselben haben nämlich sehr häufig die Halsbänder nicht direct unter dem Kapitell, sondern ein ganzes Stück tiefer und zeigen zwischen Halsband und Kopf noch die richtigen Formen der Stengel, aus denen sich die Säule zusammensetzt. Unter dem Halsband sind diese späten Säulen meist glatt, d. h. ohne struktives Ornament, die für die Säulenformen unwesentlichen Bilder und Inschriften nicht zu rechnen. Merkwürdig ist bei den zuletzt citirten Säulen der Spätzeit noch, dass die dreifachen Zwischenstengel auf, nicht zwischen den Hauptstengeln sitzen.

[Abbildung 13.]

[Abbildung 14.]

[Abbildung 15.]

Reconstruktion d. Querschnitts.

Die „Säulen mit offenem Lotus-Kapitell” sind ebenso wie die mit geschlossenem bereits im alten Reich nachzuweisen. Die ältesten ([Abb. 14]) dürften die von Petrie in Isbayda aufgefundenen sein[15]; an diesen verräth aber nur der äussere Contour ihren Zusammenhang mit Nymphaea Lotus — sie mögen unvollendet sein. Durch verhältnissmässig zahlreiche, noch dem alten Reiche entstammende Abbildungen, die uns in verschiedenen Gräbern dieser Zeit erhalten blieben, ist es jedoch möglich, sich ein richtiges Bild von den ältesten offenen Lotus-Säulen zu machen. Ein sehr gutes Beispiel findet sich in Giseh, Grab 16 des Imeri, veröffentlicht in L. D. II, 52. Der Publication nach würde man allerdings kaum eine Blüthe von Nymphaea Lotus in diesem spitzblättrigen Kapitell erkennen, befragt man aber den Abklatsch, nach dem unsere Abbildung gezeichnet ist, so ist die uns bekannte Lotus-Form deutlich wiedergegeben ([Abb. 15]). Aus der wieder einen Erdhügel darstellenden Basis erwachsen vier runde schlanke Stengel in der durch den rekonstruirten Querschnitt angegebenen Anordnung.[16] Auf den Stengeln sitzt die geöffnete Blüthe mit richtigem Halbkreiscontour und den oben abgerundeten Blättern, die bis zur oberen Begrenzung des Kapitells gehen; unter der Blume sitzt ein merkwürdiger Ansatz, den man jedoch nicht etwa für den Fruchtboden ansehen darf; derselbe stellt vielmehr die „Halsbänder” dar. Die Zwischenstengel fehlen bei diesem Beispiel. Sie scheinen jedoch bei einem anderen, gleichfalls aus Giseh, Grab 89 des Sechem-ke-re' (Dyn. 5, L. D. II, 41b) stammenden vorhanden zu sein.[17] Aus dem Vorkommen der Zwischenstengel, der Halsbänder und der Schafttheilung sehen wir deutlich, dass es sich fast immer um Bündelsäulen handelt; es ist also wohl anzunehmen, dass die immer nur einfach gezeichnete Blume als Kapitell dem unbeholfenen Maler gewissermaassen nur die Signatur bildete für die sich ineinander verschneidenden vier Lotus-Blumen, die er nicht darstellen konnte.

[Abbildung 16.]

Auch die anderen Beispiele aus dieser Zeit, die Säule aus dem Grabe des Chunes (Nr. 2) in Sawijet el Meitin[18] und dem Grabe Nr. 14 des Hepi ebenda[19], beide Dyn. 6, zeigen dieselben Eigenthümlichkeiten wie die bisher genannten. Hierher gehören auch die Darstellungen aus dem Grabe 1 und 2[20] daselbst, welche Lotusbündelsäulen mit sehr gut dargestellten offenen Kapitellen in Flachrelief als vortrefflich gewählte Pfeilerverzierungen zeigen ([Abb. 16]). Hier scheinen die Zwischenstengel auch offene herabhängende Blüthen zu tragen; bei den anderen Beispielen waren es wohl eher Knospen.

Man sieht, das offene Lotus-Kapitell ist im alten Reiche häufig; ich möchte es daher nur für einen Zufall halten, dass aus dem mittleren Reiche uns nur ein Beispiel bekannt ist, und zwar ist dies eine gemalte Säule in Grab 5 des Ke-nacht zu Bersche (Newberry, el Bersche, II, 15). Auch im neuen Reiche sind diese Säulen spärlich. Ich kenne die offenen Lotus-Kapitelle für diese Zeit nur von einigen abgebildeten Bouquetsäulen, z. B. aus Tell-Amarna, Grab 6, aus der Zeit Amenophis' IV. (Ende der 18. Dyn.)[21] und aus dem Grabe des Sen-nudem zu Theben (Dyn. 20).[22] Bei beiden kommt das offene Lotuskapitell mit den später zu erwähnenden Papyrus- und Lilienkapitellen zusammen vor. Das letztcitirte Beispiel giebt die Pflanze sogar farbig wieder. Thörichterweise hat hier aber der Maler dem Schafte der Säule die den Papyrusbündelsäulen zukommende Form und Theilung gegeben.

[Abbildung 17.]

Für den Mangel an wirklich guten, ausgeführten Beispielen aus dieser älteren Zeit entschädigen uns aber vorzüglich durchgeführte, sehr reiche Kapitelle der uns augenblicklich beschäftigenden Gattung aus der Spätzeit. Eines davon aus Edfu ptolemäischen Ursprungs ([Abb. 17]) mag hier als Beispiel dienen. Es zeigt natürlich wieder die schon oben besprochene Eigenthümlichkeit seiner Zeit, indem es noch von den Stengeln der Blumen zwischen Halsband und Kapitell ein Stück sehen lässt. Dies Kapitell erklärt uns, was mit den älteren Abbildungen gemeint war. Vier grosse offene Lotusblumen sitzen dicht nebeneinander, dazwischen je drei Blumen — eine grössere und zwei kleinere — auf Zwischenstengeln, wie wir sie auch schon oben einmal bei den geschlossenen Lotuskapitellen beobachten konnten. (S. [S. 8], Anm. 1.) Damit wäre es eigentlich genug, und die alten Muster wären erreicht. Dem ptolemäischen Künstler genügte dies jedoch wohl noch nicht, und so setzte er noch zwischen je zwei der schon vorhandenen 16 Blumen noch eine ganz kleine — also im ganzen fernere 16. Auch führt er die Zwischenstengel tiefer herunter als die älteren Meister, da ja die Halsbänder, hinter denen sie stecken, tiefer sitzen als in älterer Zeit.

Der niedrige Abakus dieser Säule hat keinerlei Ornament und sitzt wie auch bei den übrigen Säulen ganz unorganisch auf dem Kapitell. Er hat eben nur eine constructive Function und ist meist so klein, dass er bei den weit ausladenden offenen Kapitellen von unten kaum zu sehen ist.

Somit hätten wir die Entwickelung der geschlossenen und offenen Lotussäule durch die ganze ägyptische Baugeschichte verfolgt und wenden uns nun zu der Pflanze, welcher die zweite Art der ägyptischen Nymphaeensäulen nachgebildet ist.