b. Nymphaea caerulea L.
Die Nymphaea caerulea hat, wie unsere Abbildung ([Abb. 18]) zeigt, ein von dem der Nymphaea Lotus wesentlich verschiedenes Aussehen. Stengel und Blätter sind noch am ähnlichsten, nur dass die Blätter ohne Zähnung, also ganzrandig sind. Die Knospen sind jedoch spitzig, während die von Nymphaea Lotus elliptisch waren; auch sieht man unten schon etwas von dem gelblich schimmernden Fruchtboden. Die vier Kelchblätter der Knospe und Blüthe sind unten gelblich grün, höher hinauf ausgesprochen grün, von spitziger Form und mit kleinen, schwarzen oder röthlichen Haaren besetzt. Die wie bei Nymphaea Lotus regelmässig angeordneten Blüthenblätter sind ebenso geformt wie die Kelchblätter, und in der Farbe weiss mit violett sich abtönenden Spitzen. Nach den altägyptischen Abbildungen zu urtheilen, könnte es wohl sein, dass noch anders gefärbte Varietäten, nämlich solche mit ganz violetten bezw. bläulichen Blüthenblättern, früher in Aegypten heimisch waren.
Die Beispiele von ornamentaler Verwendung der Nymphaea caerulea sind ungeheuer zahlreich. Die blaue Nymphaea scheint die beliebteste Pflanze für decorative Zwecke gewesen zu sein. Aus dem alten Reich mag als Beispiel eine Reliefdarstellung aus Giseh, Grab 24 des Mer-eb ([Abb. 19]) aufgeführt sein. Aus dem mittleren Reiche kann eine farbige Darstellung aus dem Sarge des Mentuhotep ([Abb. 20]) und ein Stück von einem Wandgemälde aus Benihassan ([Abb. 21]) genügen; auf diesem sind auch Knospen und Blätter mit dargestellt. Auch ist hier nochmals auf das Titelbild von Newberry's el-Berscheh, Theil I, zu verweisen, auf dem man gut den Unterschied in der farbigen Darstellung von Nymphaea Lotus und Nymphaea caerulea sehen kann. Die Verschiedenheit der Contourierung zeigt oben unsere Abbildung 2 sehr anschaulich. Von den zahlreichen Beispielen des neuen Reiches sind nur ein Fries aus Tell-Amarna ([Abb. 22]) und eine Innenverzierung einer blauen Fayenceschale ([Abb. 23]) gewählt worden; weitere Beispiele wird der Leser mit Leichtigkeit in den Publicationen und Museen finden.
Nebenbei soll noch erwähnt werden, dass die Blätter von Nymphaea caerulea ein beliebtes Motiv für Fächerformen[23] bildeten, da sie vermuthlich in früher Zeit selbst als Fächer Verwendung fanden. In der Schrift kommt das Blatt (s. [Abb. 18] u. [21]) als Silbenzeichen und als Zeichen für 1000[24] vor.
Aus den aufgeführten Beispielen können wir ohne Weiteres das entnehmen, was dem ägyptischen Maler als charakteristisch für Nymphaea caerulea aufgefallen ist: Das Blatt erhält fast immer seine richtige, naturalistische Form; Fälle, in denen es einmal etwas anders gezeichnet erscheint ([Abb. 23]), sind selten. Die Blüthe ist stets spitzig, grün mit gelblichem Fruchtknoten; die Härchen auf den Kelchblättern sind in zahlreichen Fällen durch Strichelchen wiedergegeben. Die beiderseitigen äusseren Umrisslinien der Blüthe sind wie in der Natur stets etwas steif und gerade; selten zeigt sich nur eine leise Biegung nach aussen. Die stets spitzen Kelch- und Blüthenblätter berühren natürlich in allen Fällen den oberen Contour.
Wir haben hiermit die Beschreibung der Darstellungen von Nymphaea caerulea erschöpft und kommen nunmehr zu der eigentlichen Aufgabe dieses Abschnitts, die von Nymphaea caerulea abgeleiteten Säulentypen zu bestimmen.
Es muss sogleich vorausgeschickt werden, dass ausgeführte Säulen mit Nymphaea caerulea-Kapitell überhaupt nicht erhalten sind; ein einziges Säulenfragment zeigt unter dem eigentlichen Kapitell eine Verzierung von plastisch nachgebildeten Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea[25], und zwei neuerdings im Arsnuphistempel zu Philae gefundene Säulentrommeln aus Ptolemäischer Zeit[26] zeigen Zwischenstengel mit Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea. Verschiedene Abbildungen lassen jedoch darauf schliessen, dass Säulen mit dem fraglichen Kapitell vorkamen. Und zwar nur Säulen mit offenem Kapitell; mit geschlossenem haben sich bisher noch keine nachweisen lassen. Die Knospe findet höchstens auf den Zwischenstengeln Verwendung.
Die ältesten Säulen mit offenen Nymphaea caerulea-Kapitellen kommen erst im neuen Reiche vor; es sind zwar in Lepsius' Denkmälern einige Kapitelle abgebildet, die man wegen ihrer spitzen Blätter für Nymphaea caerulea halten könnte, jedoch liegt der Verdacht nahe, der auch durch den Vergleich mit den noch vorhandenen Abklatschen bestätigt wird, dass die Publication in diesen Fällen ungenau ist und sich im Originale Nymphaea Lotus-Kapitelle dargestellt finden.
Unter Amenophis II. erscheinen die ersten Beispiele in Gräbern zu Qurna, merkwürdigerweise mit einer sonst nicht vorkommenden Zuthat. Zwischen Kapitell und Abakus ist nämlich eine Platte mit vier Löwen- (s. [Abb. 24]) oder an einer anderen Stelle mit Sperberköpfen eingefügt.[27] Unsere Abbildung stellt wohl wieder eine Bündelsäule mit offenem Kapitell und mit Knospen tragenden Zwischenstengeln vor. Letztere sind, wie wir das bereits bei anderen Darstellungen kennen, neben die Halsbänder anstatt durch dieselben gesteckt abgebildet. Zu bemerken ist, dass die Halsbänder bei diesen Säulen vielfach über einen weiteren Raum vertheilt sind, als bei anderen Arten üblich. Der Schaft ist meist ganz gerade, oft ohne jede Basis, jedoch kommen auch Schäfte mit Schwellung vor ([Abb. 25]), die irrthümlich von Papyrussäulen entnommen sein dürften. Bei dem zuletzt citirten Beispiel tritt uns zum ersten Male eine Eigenthümlichkeit entgegen, die an Säulen aller Gattungen unter der 18. Dynastie, besonders aber unter Amenophis IV. vorkommt: die von den Halsbändern abflatternden, verschiedenfarbigen Bandenden. Nach den Abbildungen, welche uns solche festlich geschmückten Säulen zeigen, lässt sich jedoch die Frage nicht entscheiden, ob diese Bandenden jemals in der eigentlichen Architektur eine Rolle gespielt haben und ob sie etwa in flachem Relief auf den Säulenschäften unter den Halsbändern dargestellt wurden. Nur bei den später zu besprechenden Palmensäulen findet sich Aehnliches, worauf noch unten ([S. 48] u. [49]) zurückzukommen sein wird.
Als letztes Beispiel einer offenen Nymphaea caerulea-Säule aus dem neuen Reiche mag hier noch eine solche ([Abb. 26]) aus einer Abbildung aus dem Grabe des Huj zu Qurnet Murrai dienen; dieselbe ist mit Farbenangabe publicirt; man sieht daraus, wie wenig sich die ägyptischen Architektur-Maler in vielen Fällen an die natürlichen Farben hielten.
Hiermit ist die Reihe der Beispiele natürlich noch nicht erschöpft, auch in etwas späterer Zeit kommt das offene Nymphaea caerulea-Kapitell noch vor, z. B. in der bereits oben bei Nymphaea Lotus citirten Bouquetsäule aus dem Grabe des Sen-nudem in der 20. Dyn.[28]; später jedoch scheint es ausser Mode gekommen zu sein. Aus der Spätzeit ist mir wenigstens kein Beispiel bekannt, wenn man nicht die schon oben erwähnten Säulentrommeln ([Abb. 27]) vom Arsnuphistempel auf Philae hierher rechnen will, welche Nymphaea caerulea als Blüthe und Knospe auf den dreifachen Zwischenstengeln zeigen.
Damit wären die Nymphaeensäulen sämmtlich besprochen; wir haben also drei Arten derselben: die geschlossene Nymphaea Lotus-Säule, die offene von derselben Pflanze abgeleitete und die offene Nymphaea caerulea-Säule. Wir müssen jedoch noch einer dritten Art von Nymphaeen, die zeitweise in Aegypten vorkam, Erwähnung thun, wenn auch nur um zu zeigen, dass sie ohne jeden Einfluss auf ägyptische Kunstformen geblieben ist: