c. Nymphaea Nelumbo L.
Diese von den bisher besprochenen Nymphaeen gänzlich verschiedene Art macht, wie die Abbildung 28 zeigt, überhaupt nicht den Eindruck einer Nymphaee. Die weit aus dem Wasser hervorstehenden, napfförmigen Blätter bilden ganze Gebüsche, aus denen die rosenartigen Blumen hervorsehen. Am merkwürdigsten ist der Fruchtstand, den Herodot[29] sehr ansprechend mit einem Wespennest vergleicht und den Neuere nicht übel mit der Brause einer Giesskanne verglichen haben.
Altägyptische Darstellungen von Nymphaea Nelumbo finden sich nicht, wohl aber haben sich einige auf Kunstwerken der Spätzeit nachweisen lassen. Im Ptolemäischen Tempel zu Esneh[30], auf dem Mosaik von Palestrina und auf der berühmten vatikanischen Nilstatue finden sich Exemplare von Nymphaea Nelumbo abgebildet; an der zuletzt erwähnten Stelle übrigens nur Früchte mit falschen Blättern. Dieses späte Auftreten von Nymphaea Nelumbo in den Darstellungen ist nicht weiter wunderbar, da die Pflanze, wie neuere Arbeiten[31] gezeigt haben in Aegypten ursprünglich nicht heimisch war, und auch heutigen Tages dort nicht mehr wild vorkommt. Herodot ist der erste, der um 450 v. Chr. über sie berichtet, und Prosper Alpinus, der um 1580 n. Chr. die ägyptische Flora beschreibt, erwähnt sie schon nicht mehr. Die Ansicht Schweinfurth's scheint daher sehr annehmbar, dass Nymphaea Nelumbo durch die Perser aus Asien nach Aegypten eingeführt worden ist, sich aber auf die Dauer dort nicht halten konnte.
Das Fehlen von Nymphaea Nelumbo in der älteren Zeit, in der die Säulenformen sich bildeten, verbietet es also, irgend eine ägyptische Kapitellform auf die Blüthe oder, wie es auch geschehen ist, auf das Blatt dieser Nymphaea zurückzuführen.
Zum Schlusse der Besprechung wollen wir noch einmal kurz die Merkmale der Nymphaeen-Säulen zusammenstellen, durch welche sie sich von der ihnen gegenüberstehenden Kategorie der Papyrussäulen unterscheiden:
Die Basis fehlt manchesmal, was bei Papyrussäulen nie der Fall zu sein scheint. Der Schaft hat keine Schwellung und keine „Fussblätter”, wie wir sie bei den Papyrussäulen kennen lernen werden. Die Zwischenstengel sind wie die Hauptstengel mit Nymphaeenknospen oder Blumen gekrönt, deren Umrisslinien von denen der Papyrussäulen äusserst verschieden sind. Die „Kopfblätter”, d. h. die Kelchblätter des Kapitells gehen bis zum oberen Rande, während sie bei den Papyrussäulen wesentlich kürzer sind.
[II. Die „Lilien”-Säulen.]
Bei diesem Kapitel muss der Abschnitt mit der Beschreibung der der Säulenform zu Grunde liegenden natürlichen Pflanze in Fortfall kommen, da es bisher noch nicht gelungen ist, die betreffende Pflanze, welche als Wappenpflanze von Oberägypten ungeheuer häufig in der ägyptischen Kunst auftritt, botanisch sicher zu bestimmen. Wir werden daher gut thun, nur die Pflanze, soweit sie im Ornament vorkommt, zu analysiren und dann aus ihren Merkmalen zu zeigen, weshalb sie mit keiner der sonst gebräuchlichen ornamentalen Pflanzen identisch ist, und warum wir ihr am besten den Namen „Lilie” beilegen.
Das älteste Beispiel der Lilie findet sich auf der bekannten Darstellung des Königs Mer-en-rē'-Pepy bei Assuan ([Abb. 29]). Leider ist hier die Lepsius'sche Publication nicht correkt und in dem de Morgan'schen Catalogue des Monuments (I, 17, No. 78) die Ungenauigkeit der Zeichnung mit übernommen, ich habe daher die Darstellung an Ort und Stelle nochmals verglichen und hier corrigiert beigegeben. Danach scheint es also, dass bereits die später übliche Form der „Südpflanze” schon im alten Reiche gebräuchlich gewesen ist.
Aus dem mittleren Reiche sind die Beispiele zahlreicher: auf dem Throne der Statue Usertesen's I. aus Tanis (jetzt im Berliner Museum, [Abb. 30]) findet sich der Lilientypus deutlich. Fragmente der Lilien sind von dem Throne Amenemhet's III. zu Biahmu erhalten[32], an anderen Königsstatuen derselben Epoche[33] sind gleichfalls die Lilien stets deutlich charakterisirt.
Im neuen Reiche zeigt die Pflanze zuerst noch keine wesentliche Aenderung des Typus; selbst noch unter der 19. Dynastie kommen Lilien vor, die bis auf die Einrollung der beiden Seitenblätter den älteren Exemplaren völlig gleichen ([Abb. 31] u. [32]), jedoch sind auch noch in späterer Zeit Beispiele nachweisbar, die in nichts von den alten abweichen. Häufiger findet sich jedoch eine wohl unter der 18. Dynastie ausgebildete Variante mit je einem Anhängsel an jedem der beiden äusseren Blätter ([Abb. 33]).
Diese letztgenannte Form erfährt dann, vielleicht — wie bereits Sybel[34] annahm, unter asiatischem Einfluss — weitere Ausgestaltung; der mittlere Kolben oder auch die Anhängsel vervielfachen sich, oder eine Art Palmette oder mehrere Voluten entwickeln sich aus dem Kelche, und Aehnliches. Diese manchmal recht abenteuerlichen Gestaltungen, die für die Ornamentik des neuen Reiches von grosser Bedeutung sind, interessiren uns für die Säulenfrage jedoch nicht, da derartige Gebilde erst an ganz späten Säulen auftreten; wir können uns vielmehr mit der Kenntniss der einfachen Lilie und der „Lilie mit Anhängseln” für unseren Zweck begnügen.
Die charakteristische Form derselben ist schnell beschrieben: aus einem dreiblättrigen, meist gelben Hüllkelch, der auf grünem oder blauem Stengel sitzt, erwachsen zwei schlanke, oben nach aussen überfallende Blätter von blauer, manchmal auch grüner Farbe; zwischen diesen äusseren Blättern erhebt sich ein roter, oben abgerundeter Kolben. Die gleichfalls kolbenförmigen Anhängsel sind auch stets rot. Die Pflanze hat also mit keiner der sonst bekannten ägyptischen Ornamentpflanzen irgendwelche Aehnlichkeit. Dass sie wirklich ein Gebilde für sich ist und nicht etwa nur eine Ableitung aus einer anderen Pflanze, zeigen schlagend die Kapitelle mancher „Bouquetsäulen”, bei denen die Künstler absichtlich die verschiedenen ihnen geläufigen Pflanzen vereinigten, um den Eindruck einer möglichst reichen Prunkarchitektur hervorzubringen. So z. B. die schon öfters angeführte im Grabe des Sen-nudem abgebildete Säule ([Abb. 34]). Hier hat der Künstler zuerst Nymphaea Lotus, dann Nymphaea caerulea, dann unsere Lilie und endlich Cyperus Papyrus dargestellt und somit fast seinen ganzen Formenschatz an Pflanzenkapitellen erschöpft.
Eine besondere Pflanze ist also die in Rede stehende jedenfalls; warum haben wir ihr aber den Namen „Lilie” gegeben? Weil sie am ehesten einer schematisch dargestellten Liliacee oder besser einer Irisart entspricht. Namentlich die überfallenden Blätter mit den Anhängseln erinnern an die äusseren umgeklappten Blüthenblätter mancher Irisarten, während der mittlere Kolben die inneren aufrecht stehenden Blätter versinnbildlichen könnte. Die später hinzutretenden roten „Anhänger” könnten vielleicht die Köpfe der Staubfäden darstellen, die bei manchen Irisarten unter den sich einrollenden — allerdings inneren — Blättern so geschützt liegen, dass nur die rotbraunen, kolbenförmigen Enden darunter hervorsehen.
Es ist jedoch bei diesem Gleichstellungsversuch die eine Hauptschwierigkeit nicht zu übersehen, dass nämlich bisher keine Lilien- oder Irisarten in Aegypten nachgewiesen sind. Und die fragliche Pflanze muss doch im Alterthum so häufig oder für ihr Gebiet so charakteristisch gewesen sein, dass man sie als Wappenpflanze für Oberägypten wählte, im Gegensatz zu dem für sein Gebiet ebenso bezeichnenden unterägyptischen Papyrus, der allerdings heute auch schon aus ganz Aegypten verschwunden ist.
Wir wollen daher vorläufig in Ermangelung einer richtigen Bezeichnung den Namen „Lilie” nur zur leichteren Verständigung gebrauchen, bis die Botaniker die wahre Bedeutung der Wappenpflanze[35] Oberägyptens festgestellt haben werden.
Bei der eben gegebenen Aufzählung von Lilien aus verschiedenen Epochen wird es manchem Leser aufgefallen sein, warum das älteste Beispiel nicht genannt worden ist, zumal dies allgemein bekannt ist: die Lilien von den Thronen der Chefren-Statuen zu Giseh. Die absichtliche Fortlassung dieses Beispiels nöthigt mich zu einem kleinen Excurse über das Alter dieser Statuen.
Ueber Figur, Gesicht und Tracht des Chefren zu sprechen, ist hier nicht der Ort, auch nicht über die Inschriften, die Form der Hieroglyphen und die Art der Behandlung des Löwenthrones; uns wird hier allein das Vereinigungszeichen an den Seiten des Thrones beschäftigen. Da wir nach den oben angeführten Beispielen aus dem alten und mittleren Reiche, die sich namentlich für das letztere noch bedeutend vermehren liessen, genau wissen, wie ein solches Zeichen aussehen muss, so werden wir leicht sehen, wie es der Künstler der Chefren-Statuen missverstanden hat.
Das Zeichen der Vereinigung beider Länder besteht nämlich aus dem eigentlichen, bisher noch nicht gedeuteten Zeichen Sảm, das etwa einem Spaten nicht unähnlich ist: unten das bei guten Beispielen in vier Felder getheilte Blatt, dann ein horizontal gerippter Stiel und oben ein eckiges, flaches Stück. Auf der einen Seite desselben stehen am Fusse in spitze Blätter gehüllt oder auch in einem Wasserbecken[36] mehrere Exemplare der Nordpflanze, des Papyrus; zur anderen Seite, aus einem Zeichen
ḥsp (Land, Gau) hervorwachsend, ebensoviele der Südpflanze, der Lilie. Von beiden Pflanzen ist je ein Stengel um das mittlere Zeichen geknüpft.
So sollte das Symbol der Vereinigung beider Länder unter normalen Umständen aussehen. Und was ist auf den Chefren-Thronen ([Abb. 36]) daraus geworden? Das einzige, was richtig wiedergegeben ist, sind die Papyrusbüschel, alles andere ist mehr oder weniger falsch. Die Lilien sehen nicht so aus wie sonst üblich, sondern ähneln den Darstellungen von Palmen, die wir noch später kennen lernen werden; das Sảm-Zeichen hat eine Palmenbekrönung; die Blättchen am Fusse der Nordpflanze ähneln einem Geflecht, aus dem sich die Papyrusstengel herausdrängen, und die drei horizontalen Striche des ḥsp-Zeichens sind in drei dicht aneinander liegende Stricke[37] verwandelt, welche die Lilien zusammenzwängen. Auf den anderen Chefren-Statuen sind diese Darstellungen wenn möglich noch toller; auf ihnen hat die Palmen-Lilie sogar vier Blätter und ausserdem noch Halsbänder.
Solche ungeheuerlichen Lilienformen kenne ich nur noch dreimal in der ägyptischen Kunstgeschichte: auf einem in Koptos gefundenen, angeblich aus dem mittleren Reiche stammenden Thronfragment[38] mit dem Reste eines Sảm-Zeichens, auf einem ebensolchen aus dem neuen Reiche unbekannter Herkunft im Kairiner Museum, und auf einer Ptolemäischen Säule[39]. In die Datirung des Stückes aus Koptos[40] möchte ich Zweifel setzen. Mir scheinen vielmehr diese ganzen missverstandenen Sảm-Zeichen aus einer späten Epoche zu stammen, da ich nicht annehmen kann, dass gerade in den ältesten Zeiten derartige Symbole, die doch eben erst künstlich zusammengestellt sind, bereits so unvernünftig umgestaltet worden sein können. Da ich also die Chefren-Statuen für Werke einer späteren Epoche, vielleicht auch nur für Wiederholung älterer Monumente nach vorgefundenen Resten wirklich alter Statuen halten muss, habe ich die an ihnen auftretenden Lilien oben nicht als Beispiele aus dem alten Reiche mit angeführt.
Nach diesem Excurse kehren wir zurück zu unseren Liliensäulen, mit denen wir schnell genug zu Ende kommen werden, da dieselben bis zum Ende des neuen Reiches nur spärlich auftreten. Aus dem alten und mittleren ist mir kein Beispiel bekannt. Im Anfang des neuen kommt das erste vor, aber dieses ist eigentlich auch nur mit demselben Rechte hierher zu rechnen, wie wir etwa die sculpirten Pfeiler aus Sawijet el Meitin bei den offenen Nymphaea Lotus-Säulen mit erwähnten. Es sind die oft abgebildeten[41] Thutmosispfeiler aus Karnak ([Abb. 37]).
Die hier dargestellten Pflanzen geben getreu die übliche Lilienform wieder; besonders bemerkenswert sind die nur hier allein deutlich dargestellten Füsse der Stengel. Dieselben haben gelbe Hüllblätter, genau wie sie sonst der Papyrus hat, auch die nur diesem eigene Schwellung zeigt sich hier; wir können jedoch nach diesem einmaligen Vorkommen nicht sagen, ob der Fuss dieser Säulenart so aussah, oder ob unser Beispiel nur seinem Pendant, der Papyrusform, angepasst ist, wie wir das ja sogar schon bei Nymphaeensäulen beobachten konnten. Der Lilie ist die Schwellung des Stengels sonst nicht eigen, wie die Darstellung der Sảm-Zeichen darthun, bei welchen dem Papyrus stets die Schwellung gegeben ist, während die Lilie immer glatt aus dem Boden hervorkommt. Sonst lässt sich das Lilienkapitell, von dem wohl nicht erst besonders gesagt zu werden braucht, dass es nur offen vorkommt, ausser an einigen Baldachinen, welche auf Särgen der 19. und 20. Dynastie dargestellt sind ([Abb. 38]) nur noch an Bouquetsäulen nachweisen; z. B. an der schon öfter herangezogenen aus dem Grabe der Sen-nudem ([Abb. 34]) und einigen anderen. Beachtenswert ist unter diesen letzteren nur eine Darstellung aus Grab 6 zu Tell-Amarna ([Abb. 39]). Hier ist nämlich der mittlere Kolben der Lilie nicht mit abgebildet, und dies scheint mir bereits zu den Lilienkapitellen der Spätzeit überzuleiten, bei denen der Kolben auch nicht plastisch dargestellt, sondern vielleicht nur in Farbe auf dem Kapitelle angegeben wurde, während die blauen überfallenden Blätter sculpirt hervortreten. Diese späten Lilienkapitelle sind äusserst häufig; es mögen solche aus Kôm-Ombo als Beispiel genügen ([Abb. 40]). Hier ist die Anordnung ganz ähnlich wie bei dem oben ([S. 11]) angeführten späten Nymphaea Lotuskapitell, nur dass die zuletzt zwischengesetzten Pflanzen jungen, noch geschlossenen Papyrus darstellen sollen. Die Anhängsel an den überfallenden Blättern fehlen, wie schon oben bemerkt, in der Spätzeit nie.
Hierher gehört wohl auch die von Petrie aufgenommene Vorzeichnung eines Kapitells aus den Steinbrüchen vom Gebel Abu Fodah ([Abb. 41]). Die Kreise an der rechten Seite des Kapitells scheinen mir wenigstens den Aufriss eines Anhängsels darzustellen.
[III. Papyrussäulen.]
Hier können wir wieder den geordneten Gang einschlagen und mit der Beschreibung der Pflanze nach der Natur beginnen.
Das Aussehen des Cyperus papyrus L. ist zwar so hinreichend[42] bekannt, dass wir uns bei seiner Beschreibung sehr kurz fassen können; nur auf die Hauptpunkte, welche für die Säulenfrage wichtig sind, wird es nöthig sein an der Hand unserer Abbildung 42 hinzuweisen.
Die einzelnen, buschartig zusammenstehenden, sich nach oben stark verjüngenden Stengel der Pflanze wachsen aus einem sie dicht umgebenden Kranze von lanzettlichen, meist gelbbraunen Blättern hervor und erheben sich oft — in Kew Gardens bei London sah ich einen Stengel von über 3,00 m — beträchtlich über das Wasser, das ihre Wurzeln verbirgt. Der Querschnitt des Stengels ist dreieckig, am Fussende mit abgerundeten Ecken (siehe den Querschnitt in [Abb. 42]), mehr nach oben scharfkantiger. Am oberen Ende jedes Stengels sitzt die Blüthendolde, welche rings von Blättern, ähnlich denen am Fussende, umschlossen ist; bei jungen noch geschlossenen Dolden sind diese Blätter grün, bei geöffneten meist gelbbraun. Die einzelnen, übrigens sehr zahlreichen grünen Strahlen der Dolde sind äusserst fein und gegen die Mitte ihrer Länge noch in feinere Strahlen getheilt, an deren Ende dann die kleinen bräunlichen Blüthen sitzen.
Die charakteristische Umrisslinie der Dolde ist für das junge, noch ganz oder fast geschlossene Exemplar leicht zu bestimmen; es erinnert etwas an die Linie der Knospe von Nymphaea caerulea, nur dass die Spitze nicht scharf ist wie bei dieser, sondern etwas abgestumpft; eine nur ganz wenig geöffnete Knospe von Nymphaea caerulea würde dieselbe Umrisslinie haben, wie der geschlossene Papyrus. Schwieriger ist es zu sagen, welche Linien für die geöffnete Dolde bezeichnend sind, da ihre Strahlen sich scheinbar regellos nach allen Seiten ausbreiten. Bei nicht zu weit geöffneten Büscheln sieht man jedoch, dass die Enden der Strahlen mit den Blüthen ungefähr eine oben etwas abgeplattete Kugelfläche bezeichnen, die sich in der Seitenansicht etwa als wenig gedrückter Bogen darstellen würde. Die einzelnen Strahlen zeigen eine je nach ihrer Stellung in der Dolde verschiedene Linie; während die mittelsten mehr oder weniger gerade sind, zeigen die seitlichen geschwungene Curven, die untersten sind ganz schwach wellenförmig gebogen. Die ganze Dolde hätte demnach ungefähr diesen Contour:
Dem nicht unähnlich sind auch die von den ägyptischen Künstlern dargestellten Papyrusdolden, die eines der beliebtesten Motive der ägyptischen Kunst aller Epochen bilden. Eines der ältesten Beispiele ist das hier abgebildete ([Abb. 43]), einen Papyrus darstellende Hieroglyphenzeichen w3ḏ (s. a. L. D. II, 3). Der Papyrus ist natürlich stilisirt wiedergegeben, aber unverkennbar. Der Blattkranz am unteren Ende — den wir der Kürze halber im Folgenden als „Fussblätter” bezeichnen wollen — ist zwar vorhanden, aber etwas deformirt; die Blätter sind sämmtlich, wie auch bei anderen Darstellungen derselben Pflanze, zu kurz gerathen. Dass die Blätter sich theilweise überdecken, ist richtig beobachtet. Der Stengel verjüngt sich nach oben, hat jedoch am unteren Ende eine geringe Schwellung, die bei der natürlichen Pflanze nur vorhanden ist, wenn die Fussblätter anliegen. Für die Darstellung des Papyrus und für seine Verwendung als Säulenmotiv ist diese Schwellung bezeichnend und überträgt sich von den Papyrussäulen, wie wir gesehen haben, auch auf andere Pflanzensäulen, von denen eigentlich sonst keine von Hause aus die Schwellung zeigen sollte. Bei den Hüllblättern der Dolde — den „Kopfblättern” — tritt dasselbe ein, wie bei den Fussblättern: sie werden meist — mit wenigen Ausnahmen[43] — zu kurz und nicht so spitzig, wie sie eigentlich sein sollten, gezeichnet.
Die Darstellung der Dolde selbst musste den Alten natürlich viele Schwierigkeiten machen; auf die Möglichkeit, sie durchsichtig darzustellen, verzichten sie von vornherein, sie geben die Umrisse ungefähr so, wie wir sie uns oben angemerkt hatten, jedoch meist nicht so weit ausladend, sondern steiler; nur selten kommen breitere Dolden vor. Eine Wiedergabe der einzelnen Strahlen lassen sie in den meisten Fällen gar nicht eintreten, höchstens deuten sie dieselben durch einige Striche in dem grün ausgefüllten Doldencontour an. Die Blüthen oder vielleicht auch die vertrockneten Spitzen der Strahlen geben sie durch gelbe Färbung des oberen Randes[44], in dem oben angeführten Beispiel, bei dem die Farben jetzt fehlen, nur durch die Doppellinie des oberen Randes wieder.
Die Beispiele von Papyrusdarstellungen sind für das alte Reich unzählbar: Papyrusernte[45] zum Bootsbau und zu anderen Zwecken, Papyrussümpfe[46] als Jagdreviere für Vogel- und Fischfang und Aehnliches finden sich zur Genüge dargestellt. Zwischen den offenen Pflanzen finden sich auch häufig junge, noch geschlossene Exemplare ([Abb. 44]). Diese haben, wie schon oben bemerkt, in der Umrisslinie Aehnlichkeit mit den spitzen Blüthen von Nymphaea caerulea, bei guten Darstellungen sind sie jedoch nicht ganz spitzig, sondern etwas abgestutzt. Bemerkenswerth ist die falsche Darstellung der Kopfblätter hierbei; dieselben hüllen in Wirklichkeit fast die ganze junge Dolde ein, in den Darstellungen sind sie aber meist ebenso kurz angegeben wie bei den geöffneten Büscheln. Nur in einigen Typen aus dem neuen Reiche kann man, wie wir hier vorwegnehmen wollen, eine wesentliche Verbesserung in dieser Hinsicht bemerken. So zeigt eine Fayenceform aus Tell-Amarna ([Abb. 45]) uns eine junge Papyrusdolde mit langem, spitzen Hüllblatt, neben dem schon einige Doldenstrahlen hervorsehen.
Aus dem mittleren Reiche mag hier ein Beispiel Platz finden, das auch den verbissensten Lotomanen deutlich über den Unterschied zwischen Nymphaea und Papyrus belehren wird ([Abb. 46]). Die biegsamen Stengel einiger Nymphaeen sind hier um drei starre Stiele Papyrus herumgelegt; der Papyrus hat seine Fussblätter, die bei der Nymphaea natürlich fehlen; die bewegten Seitencontouren der Papyrusdolde weichen deutlich von den straffen Aussenlinien der Nymphaeen ab, dem entsprechend auch die oberen Begrenzungslinien; die Kopfblätter des Papyrus sind nur kurz, während bei der Nymphaea alle Blätter bis zum oberen Rande gehen; endlich ist die Papyrusdolde mit einzelnen Strahlen gefüllt und die Nymphaeablüthe mit ihren spitzigen Blättern versehen.
Um noch aus einer späteren Epoche ein Beispiel anzuführen, ist hierneben ein Papyrusornament aus einer Schale des neuen Reiches abgebildet ([Abb. 47]). Hier sind nur aus Flüchtigkeit die Fussblätter fortgelassen, sonst ist die Darstellung genau wie die übrigen.
Decorativ wurde der Papyrus bekanntlich ungeheuer oft verwendet. Als Füllornament an den Scheinthüren des alten Reiches dienten zwei gegeneinander gelegte, zusammengebundene Dolden ([Abb. 48]). Auch noch im mittleren kommen sie so vor ([Abb. 49]). Als freie Endigung ist Papyrus in jeder Epoche verwendet worden: an Stühlen[48], Sceptern[49], Kahnenden[50] und Aehnlichem. Ferner ist er sehr häufig als Griff von Spiegeln[51], Wedeln[52] u. s. w. Hierbei soll nicht unerwähnt bleiben, dass neben der bisher geschilderten Papyrusform, die uns für unsere Säulenfrage einzig und allein interessiert, noch eine zweite Form vorkommt, die in der Ornamentik auch häufige Verwendung findet; nämlich die Form, welche durch Zusammenfassen einer Dolde am unteren Ende entstanden ist ([Abb. 50]).
Wie der Papyrus im Ornament äusserst häufig Verwendung findet, so ist er auch für die ägyptische Säule das beliebteste Motiv; auf 10 Säulen kommen etwa 8 bis 9 Papyrussäulen. Dies mag wohl daher kommen, dass der Papyrus die architektonische Idee der ägyptischen Säule, von der wir noch zu sprechen haben werden, am besten verkörpert und daher wohl den ägyptischen Künstlern für die Säulenform am sympathischsten war.
Bei diesen Säulen haben wir ähnlich wie bei den Nymphaeensäulen zu unterscheiden zwischen solchen mit geschlossenem und mit offenem Papyrusdoldenkapitell. Der früher gebräuchliche Ausdruck Knospensäulen für die geschlossenen Papyrussäulen hatte zwar so lange eine gewisse Berechtigung, wie man die Kapitelle dieser Säulenart als Lotusknospen gelten liess, da sie jedoch weder mit den Nymphaeenknospen und noch weniger mit Papyrusknospen etwas zu thun haben, muss auch der Ausdruck Knospenkapitell verworfen werden, und wir wollen lieber dafür die oben angeführten, genaueren Bezeichnungen anwenden.
Ferner haben wir auch hier wie bei den Nymphaeensäulen einfache und Bündelsäulen, die letzteren ganz wie dort in der Ueberzahl. Ja, man könnte sogar fragen, ob einfache Papyrussäulen nicht überhaupt nur ganz vereinzelte Erscheinungen wären, da nur verhältnissmässig wenig sichere Beispiele von solchen wirklich erhalten sind[53], und die abgebildeten immer die Frage offen lassen, ob der ägyptische Künstler nicht etwa nur eine Papyrusstaude gezeichnet hat, um sich die complicirte Darstellung eines Bündels zu ersparen, wie wir ja Aehnliches bereits bei den Nymphaeensäulen beobachten konnten. Auffällig ist es jedenfalls, dass alle einfachen Papyrussäulen bis auf zwei weiter unten noch anzuführende Beispiele stets Halsbänder zeigen, die im Grunde doch nur den Bündelsäulen zukommen sollten.
Da sich jedoch bei den später zu besprechenden, sicher einfachen Palmensäulen auch Halsbänder zeigen, so kann man das Auftreten oder Fehlen der Halsbänder auch nicht als Kriterium für einfache oder Bündelsäulen ansehen. Trotz dieser Schwierigkeit haben wir die einfachen Säulen von den Bündelsäulen zu trennen versucht, müssen jedoch bei einigen der einfachen die Frage offen lassen, ob sie nicht besser zu den Bündelsäulen zu zählen sind.
Bevor wir nun in die Betrachtung der Papyrussäulen mit geschlossenem Kapitell eintreten, wollen wir, um Wiederholungen zu vermeiden, noch kurz auf die charakteristischen Unterschiede hinweisen, welche die Papyrussäulen von den Nymphaeensäulen trennen. Es sind naturgemäss dieselben, welche wir in der Ornamentik im allgemeinen beobachten konnten. Die Papyrus-Säule hat Blätter an der Basis, Schwellung des Schaftes am unteren Ende, dreikantiges Stengelprofil und kurze Blätter am Kapitell.
Die einfache Papyrussäule mit geschlossenem Kapitell lässt sich, wenn anders wir die Abbildung richtig verstehen, schon im alten Reiche nachweisen. In den Gräbern zu Sawijet el Meitin erscheint bereits die Darstellung eines solchen Kapitells ([Abb. 51]). Mangels jeder inneren Zeichnung lässt sich jedoch weiter nichts darüber sagen, als dass die äussere Contour auf Papyrus zu deuten scheint. Ebenso steht es mit den Säulenabbildungen aus dem Grabe des Si-renpowet bei Assuan[54], bei denen man auch nur aus der äusseren Form schliessen kann, dass Papyrussäulen gemeint sein dürften. Ob in beiden Fällen wirklich einfache Säulen dargestellt sein sollen, mag unentschieden bleiben. Aus dem mittleren Reiche fehlen wohl nur zufällig Beispiele der äusserst seltenen einfachen Papyrussäule mit geschlossenem Kapitell, dafür sind im neuen wieder einige Exemplare nachweisbar.
Von einer wohl als Bündelsäule gedachten, aber nur mit einfachem Kapitell dargestellten Säule aus der Zeit Thutmosis' III.[55] aus Semneh abgesehen, kommen zwei sehr charakteristische Beispiele aus der Zeit Amenophis' III. vor, beide im Grabe des Cha'-em-hēt zu Qurna.[56] Es sind Beispiele von schlanken Holzsäulen an Baldachinen ([Abb. 52]); über der Erdhügel-Basis entwickelt sich mit sanfter Schwellung ein Papyrusstengel von spitzen Fussblättern umgeben, den sich nach oben verjüngenden Schaft fassen Halsbänder mit den in jener Zeit gebräuchlichen frei flatternden Bandenden unter dem Kapitell; dieses hat die charakteristische Form des geschlossenen Papyrus, der bis auf die zu kurz und zu rundlich angegebenen Kopfblätter naturgetreu wiedergegeben ist; ein kleiner unscheinbarer Abakus stellt die Verbindung mit dem Gebälk her. Das zweite[57] hier nicht abgebildete Beispiel gleicht dem ersten bis auf eine unwesentliche Abänderung am Halsband und bis auf die ihm fehlende Basis, die bei keiner ägyptischen Säule absolut notwendig zu sein scheint.
Aus derselben Zeit, dem Ende der 18. Dynastie, stammt noch die Abbildung einer Säule ([Abb. 53]), welche wohl auch hierher zu den einfachen geschlossenen Papyrussäulen zu rechnen ist, trotzdem die gedrungene Form gar nichts mehr von der Schlankheit dieser Säulenart hat, sondern vielmehr an die geschlossene Bündelsäule erinnert. Die übereinander greifenden Fuss- und Kopfblätter lassen jedoch nur die Deutung einer einfachen Säule zu, falls man nicht etwa einen Irrthum des alten Malers oder ein Herübernehmen von Formen der offenen Papyrussäule annehmen will.
Damit sind die Exemplare der einfachen, geschlossenen Papyrussäule erschöpft. Aus der Spätzeit sind keine mehr bekannt, trotzdem geschlossene Papyrusdolden ganz in der Form der eben besprochenen Kapitelle an den Ptolemäischen Bündelsäulen zwischen anderen Pflanzen zu Haufen vorkommen.[58]
Die nun folgende Gattung der Papyrusbündelsäulen mit geschlossenem Dolden-Kapitell ist in der ägyptischen Architektur so zahlreich vertreten, dass wir die bisher wenigstens angestrebte Vollständigkeit in der Aufführung der Beispiele schon von vornherein aufgeben müssen und nur die besten Exempel heranziehen können, an denen sich die im Laufe der Zeiten mit dieser Säulenart vorgegangene Veränderung am deutlichsten zeigt.
Das einzige und auch nur fragmentarisch erhaltene Beispiel aus dem alten Reiche ([Abb. 35]) können wir schnell übergehen, zumal da man wirklich nur raten kann, ob wir hier eine Papyrusbündelsäule der fraglichen Art vor uns haben.[59]
Um so besser sind aber die Beispiele aus dem mittleren Reiche, in welchem unser Typus besonders beliebt gewesen zu sein scheint und auch von den alten Architekten noch ganz verstanden wurde, während später, wie wir sehen werden, das Verständnis dieser Säulenart immer mehr abnahm, so dass endlich aus unseren geschlossenen Papyrusbündelsäulen Gebilde entstanden, die die Kunsthistoriker für Lotusknospensäulen ansehen konnten.
Als klassische Beispiele der zu besprechenden Art können die Granit- und Kalksteinsäulen gelten, welche zu dem Tempel aus der Zeit Amenemhet's III. vor dessen Pyramide bei Hawara gehörten[60] ([Abb. 55]). Acht regelmässig geordnete Stengel, deren Querschnitte nur die Deutung als Papyrus zulassen, wachsen aus der wieder als Erdhügel zu denkenden Basis hervor. An jedem einzelnen Stengel sieht man ein langes, spitzes Fussblatt, das bis über die dickste Stelle des bei Papyrus naturgemäss mit Schwellung versehenen Schaftes emporreicht. Unter dem Kapitell sind die sich verjüngenden Stengel durch fünf Bänder gefasst, über denen sich dann die acht geschlossenen Dolden entwickeln. Jede einzelne Dolde zeigt eines ihrer Kopfblätter, die anderen sind (ebenso wie schon bei den Fussblättern) im Innern der Säule auf der dem Beschauer abgekehrten Seite des Einzelstengels sitzend zu denken. Dass die geschlossenen Dolden im Kapitell denselben dreikantigen Querschnitt haben wie die Stengel am Schafte, ist nicht weiter wunderbar, da die geschlossene, von den Hüllblättern noch ganz umgebene Dolde in der Natur wirklich den Dreiecksquerschnitt aufweist. Der ägyptische Architekt hat die geschlossene Dolde ganz richtig dargestellt, nur hat er sich erlaubt, die Hüllblätter zu kurz wiederzugeben, wie das ja, wie wir bereits oben bemerkt haben, in der Ornamentik auch geschieht.
Auf dem Doldenbündel ruht dann der bei allen ägyptischen Säulen übliche, dürftige Abakus.
Wie das schon bei den Nymphaeensäulen zu beobachten war, so scheint auch bei unseren Säulen der Architekt das Gefühl gehabt zu haben, dass die zusammengebundenen Stengel sich nicht in ihrer Lage halten würden, wenn er nicht unter den Halsbändern ihnen eine sichere Packung verschaffte. Deshalb nimmt er auch hier wieder kleine Zwischenstengel und zwar acht Bündel zu je drei Stengeln. Diese werden besonders, im vorliegenden Falle genau wie die Hauptstengel mit fünf Bändern, unter den Dolden zusammengebunden und so hinter die fünf grossen Halsbänder hineingeschoben. Dass diese Zwischenstengel wirklich Papyrus mit Dolden sind, zeigen deutlich die allerdings nur an guten Beispielen vorkommenden Fuss- und Kopfblätter.
So muss also eine gute Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Dolden-Kapitell aussehen. Viele klare Beispiele[61] davon sind aber leider nicht vorhanden, denn schon im Ende des mittleren Reiches beginnt die allmähliche Veränderung dieser Säulenart; die weiter um sich greifende Verwilderung, die schliesslich die alte Form kaum noch erkennen lässt, tritt allerdings erst im neuen Reiche auf. Zuerst verlieren die Zwischenstengel ihr selbstständiges Profil[62] und bilden zwischen den jetzt auch ohne Kopfblätter auftretenden Hauptstengeln glatte Stücke, auf denen nur die Halsbänder und die vertikalen Trennungen durch schwach eingeritzte Linien angegeben sind ([Abb. 56]). Dann fallen auch diese nur schwach angegebenen Rillen fort, man begnügt sich, die Theilung und die Halsbänder der Zwischenstengel nur aufzumalen. Die Hauptstengel haben jedoch hierbei, wenigstens bei den besseren Beispielen, noch scharfes Papyrusprofil, dessen Kante sich namentlich zwischen den Zwischenstengeln gut markirt.
Die Zeit bald nach dem Ende der 18. Dynastie — vielleicht schon die Periode Amenophis' IV. — bringt bereits durchgreifendere Veränderungen. Von unwesentlichen, rein decorativen Neuerungen abgesehen — wie z. B. das Heraufrücken der Bänder an den Zwischenstengeln[63], die Verzierung der oberen Enden der Zwischenstengel durch Uräen[64], die Schmückung der Schäfte durch angehängte Opfergänse[65], die Auflösung der Dolden des Kapitells in mehrere ganz unverstandene Stengel[66] und ähnliche, wenig nachahmenswerthe phantastische Gebilde, welche ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie spontan auftauchten — hiervon also abgesehen, ist als wichtigste Aenderung das Aufgeben der Schaft- und der Kapitelltheilung in acht Stengel zu nennen.
Da auf die Darstellungen, die uns in dieser Zeit bereits völlig — an Schaft und Kapitell — abgedrehte Säulen zeigen[67], wegen der manchmal zweifelhaften Correktheit der Publication nicht viel zu geben ist, so ist es sicherer, das Vorkommen von Bündelsäulen mit Schäften von kreisförmigem Querschnitt erst für die Zeit nach dem Ende der 18. Dynastie anzunehmen. Die nach dieser Zeit zu constatirende Glättung des Schaftes mag sich wohl hauptsächlich auf die Sucht der Aegypter, alles mit Inschriften und bildlichen Darstellungen zu versehen, zurückführen lassen. Auf einem so stark profilirten Säulenschaft, wie der der Papyrusbündelsäule ist, lässt sich nur schwer eine Inschrift setzen[68], daher glättete man den Schaft lieber, ohne auf seine ursprüngliche Structur Rücksicht zu nehmen. Des weiteren ist an dieser Umwandlung wohl die Art der Ausführung der Säulen schuld; dieselben wurden nämlich im Rohbau aus ganz runden Trommeln errichtet und erst später weiter sculpirt. Da mag wohl hin und wieder Eile oder Mangel an Mitteln dazu getrieben haben, die weitere Sculpirung nicht durchzuführen und den Bündelsäulen einen runden Schaft zu belassen.
Nebenher mag hier — da es zur Erklärung einer später zu besprechenden Art der Kapitellbemalung dient — bemerkt werden, dass bei dem zuletzt abgebildeten Beispiel die Halsbänder der Zwischenstengel schon merkwürdig weit nach oben sich erstrecken und für die Entwicklung der Köpfe der Zwischenstengel nur äusserst wenig Raum übrig lassen.
Mit der 19. Dynastie scheinen also die Bündelsäulen zuerst die abgedrehte Form anzunehmen, womit nicht etwa gesagt sein soll, dass sich von da ab keine richtigen Bündelsäulen mehr fänden.[69] Zuerst zeigen sich ganz schüchterne Anfänge. An Säulen aus der Zeit Seti's I. ([Abb. 57]) ist das obere Kapitell-Ende, das aus technischen, hier nicht weiter zu erörternden Gründen mit dem Abakus zusammen aus einem Stücke gearbeitet ist, ohne weitere Aussculpirung der Papyrusform glatt gelassen worden — ob mit voller Absicht oder aus Nachlässigkeit mag dahingestellt bleiben. Zu bemerken ist hier noch, dass die Stengel ihre scharfe Kante nur zwischen den Zwischenstengeln zeigen und sonst rund sind. Die Halsbänder der Zwischenstengel haben sich vermehrt.
Unter demselben König Seti I. kommen aber auch schon neben diesen Säulen mit beginnender, solche mit vollständiger Abdrehung der Stengelprofile vor. Zwei Beispiele davon mögen genügen. Das eine aus Gurna[70] zeigt nur in der äusseren Umrisslinie noch den Anklang an die alte Bündelsäule und hat ausserdem die Zwischenstengel, Halsbänder und dergleichen am oberen Ende des Schaftes und am unteren des Kapitells nur aufgemalt. Sehr eigenthümlich wirken die zwischen den Zwischenstengeln scharfmarkirten Papyrusstengelkanten. Das zweite Beispiel aus Karnak ([Abb. 58]) geht darin sogar noch weiter, indem es nur die Kopfblätter der Hauptstengel spitz zwischen den Bündeln der Zwischenstengel hervorsehen lässt. Verstanden dürfte der alte Architekt diese Dinge wohl kaum noch haben, sonst hätte er wohl seine Reihen von Namensringen mit Uräen, und sonstiges symbolisches Ornament mehr, wie es geschehen ist, der Structur der Säule anzupassen verstanden.
| A. | B. |
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| A) aus Medinet Habu; n. R.;Dynastie 20; Zeit Ramses' III.;nach Berl. Museum Ph. 126. | |
| B) aus Karnak, Chonstempel;n. R.; Dynastie 21; Zeit desHeri-hor; nach Berl. MuseumPh. 106. | |
| Vollständig abgedrehte Papyrus-Bündelsäulen mit geschlossenen Doldenund ganz verwildertem Ornament. | |
Zum Schlusse dieses Abschnitts wollen wir noch zwei Beispiele von vollständig tollgewordener Bemalung an geschlossenen Papyrusbündelsäulen anführen: zwei Säulen aus den Zeiten Ramses' III. und des Heri-hor ([Abb. 59]). Bei der einen greifen die Zwischenstengel oben über die Kopfblattspitzen der Hauptstengel fort, bei der anderen sind die Halsbänder der Zwischenstengel so oft wiederholt, dass von den Köpfen der Zwischenstengel fast nichts mehr übrig geblieben ist. Ob die Architekten sich dabei überhaupt noch etwas gedacht haben?
Wir haben bisher uns meist nur um das Aussehen unserer Säulen an der kritischen Halsstelle gekümmert und das Uebrige ganz vernachlässigt. Es ist auch darüber nicht viel zu sagen, wenn man nicht etwa die fast selbstverständliche Bemerkung für der Erwähnung werth halten will, dass die Fussblätter bei den abgedrehten Säulen — d. h. nur bei guten Beispielen — neben einander stehen, da sie ja aus den einzelnen Fussblättern der acht Stengel entstanden sind, während die Fussblätter der offenen Papyrussäule sich theilweise überdecken. An diesem Kriterium würde man schon aus dem unteren Ende des Schaftes die Kapitellform errathen können, wenn nicht auch hier wieder die Anordnung der Fussblätter von der einen Säulenart bald auf die andere übertragen worden wäre.
Aus der Spätzeit ist die Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Doldenkapitell uns nur in einem Beispiele aus dem Tempel von Medamôt ([Abb. 60]) bekannt. Ausser einigen Veränderungen in den Proportionen giebt dies aber nichts Neues. Sie lehnt sich, selbst bis zu der Behandlung der einzeln stehenden Fussblätter hinab, besser an die älteren, guten Vorbilder an, als dies bei den Beispielen aus der Ramessidenzeit der Fall war.
Da die einzelnen geschlossenen Dolden, welche häufig in den Bündelkapitellen der Ptolemäer- und Kaiserzeit auftreten, keine selbstständige Bedeutung haben, so können wir nunmehr zu den Papyrussäulen mit offenem Doldenkapitell übergehen.
Bei dieser Säulengattung, die fast ebenso häufig ist, wie die vorher abgehandelte mit geschlossenem Doldenkapitell, scheinen in älterer Zeit nur einfache Säulen vorzukommen, während uns erst die Spätzeit sichere Beispiele von Bündelsäulen bringt. Gerade die ältesten Exemplare sind als einfache Säulen anzusprechen. Es ist dies vornehmlich ein von Petrie in Kahun gefundener etwa 0,5 m langer Säulenstumpf mit Kapitell, aus dem mittleren Reiche stammend ([Abb. 61]). Hier ist die Nachahmung der Natur sogar so weit getrieben, dass selbst der dreikantige Querschnitt des Papyrus genau wiedergegeben ist, trotzdem er für einen Säulenschaft die denkbar ungeeignetste Form bietet. Die offene Dolde ist, wie das ja nach den gemalten und ornamental verwendeten Darstellungen von Papyrus zu erwarten war, massiv dargestellt und hat nichts von der ihr in der Natur eigenen Leichtigkeit. Die Kopf- und Fussblätter, welche dem Papyrus sonst eigenthümlich sind, fehlen hier, wohl nur wegen der Rohheit unseres Beispiels. Zu beachten ist endlich das bei einer einzelnen Dolde eigentlich garnicht anders mögliche Fehlen des Halsbandes. Aber leider giebt es nur zwei sichere derartige Beispiele ohne Halsband[71], beide aus Kahun, ein drittes Exemplar gleicher Provenienz, zeigt bereits das bei einer einfachen Dolde ohne die Annahme einer Entlehnung von Bündelsäulen ganz unerklärliche Band unter dem Kapitell[72], welches bei der ältesten Abbildung einer solchen Säule allerdings wiederum fehlt ([Abb. 62]). An dieser Abbildung ist ersichtlich, dass die Bemalung unserer Säulenart die für Papyrus übliche war: die Dolde grün, die Kopfblätter gelb.
Wenn man bei den Beispielen aus dem mittleren Reiche noch mit Sicherheit zu der Ansicht gelangen konnte, die offene Papyrussäule sei als Einzelsäule aufzufassen, so ist bei den aus dem neuen Reiche stammenden Säulen derselben Art die Entscheidung dieser Frage schwieriger. Sie haben nämlich samt und sonders das nur an Bündelsäulen verständliche Halsband, das freilich auch den sicher einfach gedachten Palmensäulen eigen ist, und ausserdem fast alle einen völlig runden Querschnitt, den man, wie wir das oben bei den geschlossenen Papyrusbündelsäulen gesehen haben, leicht als eine abgedrehte Form eines ursprünglich sculpirten Bündelquerschnitts erklären könnte. Einige gute Beispiele[73] aber zeigen trotz des kreisförmigen Querschnitts des Schaftes an drei Stellen desselben ganz schwach angedeutete vertikale Kanten. (S. [Abb. 65] links.) In diesen Fällen muss man also annehmen, dass der Architekt nur den ursprünglichen Papyrusquerschnitt, um ihn der Säulenform besser anzupassen, voller und runder gestaltet hat. Gegen die Annahme einer Bündelsäule spricht ferner das Fehlen von Zwischenstengeln und die Anordnung der Fuss- und Kopfblätter, welche sich bei unseren Säulen stets überdecken (s. [Abb. 63], [64], [66] u. s. w.) und gewissermaassen in zwei Reihen stehen, während sie bei Bündelsäulen sich nur berühren dürften, wie wir das oben bei den geschlossenen Papyrusbündelsäulen gezeigt haben. Man wird also die älteren Beispiele wohl alle für Einzelsäulen ansehen müssen, die nur aus ästhetischen Gründen das Halsband von Bündelsäulen entlehnt haben.
Offene Papyrus-Doldensäulen aus Luksor; n. R.; Dynastie 18; Zeit Amenophis' III. und Twet-anch-amun's; nach Berl. Museum Ph. 1412. und einer Photographie der Leipziger Universität.
So dürftig für unsere Säulenart die Anzahl der älteren Beispiele ist, so zahlreich sind die jüngeren von Dynastie 18 ab, so dass wir hier wieder nur mit Auswahl vorgehen können. Hierbei wollen wir ein Beispiel nicht vergessen, das eigentlich nur indirect hierher gehört, nämlich den Papyrus von den Granitpfeilern Thutmosis' III. zu Karnak ([Abb. 63]), welcher besonders durch seine noch erhaltenen Farbenreste lehrreich ist. Die Basis ist, wie gewöhnlich, als Erdhügel gedacht und daher rothbraun, die Fuss- und Kopfblätter sind gelb, Stengel und Dolde grün, die oberste Fläche der Dolde, wo in der Natur die kleinen braunen Blüthen sitzen (s. [Abb. 64]), ist roth bemalt. Von diesen Färbungen kehren die der Fuss- und Kopfblätter, sowie die des oberen Kapitellrandes auch auf anderen Säulen wieder, die Farbe des Stengels und des Kapitells wird jedoch sonst selten oder nie mit dem richtigen, natürlichen Grün wiedergegeben.
Abbildung 66a.
Am Kapitell versuchen die Künstler die einzelnen Doldenstrahlen durch Relief wiederzugeben, wie wir das zum Beispiel an einem recht guten Exemplar aus den Zeiten Amenophis' III. und Twet-anch-amun's aus Luksor sehen ([Abb. 65]). Dieses Beispiel zeigt ausser den schon oben erwähnten drei Kanten des Papyrusstengels noch ebenso wie einige aus der Zeit Amenophis' IV.[74] verhältnissmässig lang und spitzig geformte Kopfblätter; an späteren Kapitellen runden sich diese mehr und mehr ab und werden kürzer.
Dass auch bei dieser Säulenart die im Ende der 18. Dynastie modern werdenden flatternden Bänder[75] sowie die Kranz- und Gänsedecorationen[76] vorkommen, bedarf wohl kaum der Erwähnung.
Unter der 19. Dynastie drängen sich auch bei dieser Säulengattung Motive ein, welche mit der eigentlichen Structur der Säule nichts zu thun haben. Bilder, Inschriften und Reihen von Uräen bedecken nicht nur die Schäfte, auch auf den Kapitellen befinden sich zwischen die Doldenstrahlen eingestreute Namensringe (s. [Abb. 66]). Die Strahlen selbst werden abwechselnd mit den Blüthen bezw. Dolden der beiden Wappenpflanzen von Ober- und Unterägypten, Lilie und Papyrus gekrönt.
Ein Zeichen des geringen Verständnisses der Künstler jener Zeit für die structiv richtigen Formen dieser Säulengattung ist ferner darin zu sehen, dass sich im Ramesseum bereits Säulen mit offenem Papyruskapitell finden, deren Basis die sonst nur bei geschlossenen Papyrusbündelsäulen übliche Anordnung der Fussblätter zeigen.[77]
Auch diese Art von Säulen befindet sich also ebenso wie die geschlossene Papyrussäule im neuen Reiche bereits in einem vorgeschrittenen Stadium der Verwilderung.
Um so wunderbarer ist es, dass die bereits an der Grenze der Spätzeit stehenden Taharka-Säulen im ersten Hofe des grossen Amonstempels zu Karnak[78] sich wieder mehr an die richtigen Formen des Papyrus anlehnen. Es fehlt diesen Säulen zwar die Schwellung, auch laufen die Doldenstrahlen wieder in Lilien und Papyrus aus, aber die Umrisslinie, sowie der feine obere Rand des Kapitells und namentlich die recht gut gezeichneten Kopf- und Fussblätter geben dem Ganzen dennoch ein fast naturalistisch zu nennendes Gepräge, das sie weit über die plumpen Gebilde der Ramessidenzeit erhebt.
Selbstverständlich tritt auch bei unseren offenen Papyrussäulen in der Spätzeit die allen Säulengattungen eigene Herunterschiebung des Halsbandes ein, wie beispielsweise eine noch unfertige Säule ([Abb. 67]) aus Giseh zeigt.
Ebenso selbstverständlich ist es, dass unsere offene Papyrusdolde in der Ptolemäer- und Kaiserzeit häufig wieder auftritt und zwar hier zum ersten Male sicher als Bündelsäule ([Abb. 68] u. [69]). Daneben treten allerdings auch noch Einzelsäulen mit offenem Doldenkapitell auf. Unter letzteren ist besonders ein Beispiel erwähnenswerth, das von dem sonst in der Ptolemäischen Epoche üblichen Typus der Säulen abweicht: eine Säule aus Kôm-Ombo[79], die die Herunterschiebung des Halsbandes nicht hat. Bemerkenswerth ist ausserdem hier und auch bei anderen Beispielen der Spätzeit die merkwürdig verständige Behandlung der einzelnen Doldenstrahlen.
Wir sind nunmehr mit unserer Besprechung der Papyrussäulen zu Ende und wollen daher, da diese Säulen früher vielfach mit den bereits oben genügend charakterisirten Nymphaeensäulen zusammengeworfen wurden, nochmals kurz die Merkmale aufzählen, durch welche sich diese von jenen unterscheiden:
Die Basis fehlt bei den Papyrussäulen nur ganz ausnahmsweise, bei den Nymphaeensäulen öfter.
Der Schaft der Papyrussäule hat Schwellung und Fussblätter, welche beide der Nymphaeensäule ursprünglich fehlen.
Die Zwischenstengel, welche nur bei der geschlossenen Doldensäule vorkommen, haben wie die Hauptstengel Papyrusformen, bei den Nymphaeensäulen dagegen Formen von Nymphaea-Knospen und Blüthen.
Die äusseren Umrisslinien der geschlossenen wie offenen Papyruskapitelle sind wesentlich unterschieden von denen der geschlossenen und offenen Nymphaeensäulen.
Die Kopfblätter reichen beim Papyruskapitell nie[80] bis zum oberen Rande, beim Nymphaeakapitell stets.
[IV. Die Palmensäulen.]
Bei dieser Art von Säulen können wir auf die Beschreibung der ihr zu Grunde liegenden Pflanze und der ägyptischen Darstellungen derselben verzichten, da seit dem Bekanntwerden der ersten Säulen dieser Art es nie zweifelhaft war, welche Pflanze in dem architektonisch ausgebildeten Säulentypus gemeint war, und da auch gar keine Möglichkeit vorliegt, diese Pflanzensäule mit irgend einer anderen zu verwechseln, was bei den bisher abgehandelten eher möglich und auch leider reichlich der Fall war. Es mag daher die hier gegebene Abbildung ([Abb. 70]) und der Hinweis auf die Beschreibung der Dattelpalme „Phoenix dactylifera L.” genügen, welche sich sehr ausführlich in der Description de l'Égypte, Theil 19, S. 435 ff. und Taf. 62 findet. Des Weiteren haben wir noch eine Auswahl von abgebildeten Dattelpalmen hier hinzugefügt, welche uns die mehr oder minder stilisirte Auffassung zeigen sollen, welche die Aegypter in den verschiedenen Epochen von dieser Pflanze hatten ([Abb. 71] bis [73]). Natürlich ist die Art der Darstellung im neuen Reiche lebendiger als im mittleren, besonders mag auf die detaillirte Wiedergabe der Borke bei dem einen Beispiel aus dem neuen Reiche aufmerksam gemacht werden.
Die Stilisirung der Dattelpalme für ihre Verwendung als Säule ist höchst einfach. Sie ergiebt eine Säule ohne Schwellung, ohne Fussblätter, oft auch ohne Basis. Die leicht nach aussen gebogenen Blattwedel, die mehr oder weniger durchsculpirt sind, ergeben das Kapitell, auf dem ganz simpel der kleine, unbedeutende Abakus aufruht. Merkwürdig ist nur das auch bei dieser Säulenart unter dem Kapitell angebrachte, meist fünftheilige Halsband, das hier um so weniger Sinn hat, als in keiner Epoche Palmenbündelsäulen nachweisbar sind. Man muss sich also dieses Halsband, wie wir das ja auch bei den älteren Papyrussäulen mit offenem Kapitell thun mussten, als von anderen Bündelsäulen übertragen denken.
Abbildung 72a.
Die Palmensäule, von der wir im alten Reiche nur eine zweifelhafte Spur[81] nachweisen können, scheint im mittleren schon sehr beliebt gewesen zu sein. Ausser dem klassischen aus Berscheh stammenden Beispiele aus dieser Zeit ([Abb. 74]) haben sich in Kahun[82] mehrere Kapitellreste in verschiedenen Grössen gefunden, eins davon sogar mit recht gut ausgearbeiteter Fiederung der Palmenwedel. Auch in Benihassan finden sich Darstellungen dieser Säulenart.[83]
Auch das neue Reich ist nicht gerade arm an Beispielen, die freilich meist bereits etwas graciöser ausgefallen sind als die älteren. In einem Grabe zu Gurna sehen wir einen Monolithen sich unter den Händen der Steinmetze und Polierer zu einer Palmensäule umbilden ([Abb. 75]). Im Palaste Amenophis' IV. finden wir sie öfter abgebildet, hier natürlich wieder mit den obligaten flatternden Bändern[84], mit äusserst schlanken Kapitellen[85], aber auch mit der bei Palmensäulen eigentlich ungehörigen Schwellung.[86] Reste von den Originalen dieser eben erwähnten Abbildungen haben sich bei den Petrie'schen Ausgrabungen im Palaste zu Tell-Amarna gefunden, und wir können aus diesen allerdings nur geringen Ueberbleibseln[87] einen Schluss auf die Pracht der Ausführung dieser Säulen machen. Die Fiedern der Palmenwedel waren mit grünen, rothen und blauen Pasten incrustirt, der dazwischen stehen gebliebene Kalkstein vielleicht vergoldet. Die Reconstruction in Petrie's Tell el Amarna, Taf. VI, giebt davon ein schwaches Bild, das die Schönheit der Linien und den Glanz des Materials dieser Säulen ahnen lässt. Den eleganten Palmensäulen von Tell-Amarna stehen jedoch wieder andere aus derselben Zeit oder doch nur wenig später entgegen, welche wieder fast so gedrungen sind wie die des mittleren Reiches. Es sind dies Säulen aus Soleb ([Abb. 76]) und Sesebi.[88]
In der Spätzeit zeigt sich wieder durchweg der schlanke Typus, der dieser Gattung mit Recht eine bevorzugte Stellung unter allen ägyptischen Säulen sichert. Merkwürdig ist an diesen späten Säulen eine Erscheinung, welche man vielleicht auf die des öfteren schon erwähnten flatternden Bänder aus der 18. Dynastie zurückführen muss. Von dem Halsband hängt nämlich eine aus drei Bandlagen gebildete Schleife herab ([Abb. 77]), die dann auf noch späteren Beispielen zu einem Kranze von languettenartig geordneten Bändern wird ([Abb. 78]). An dieser letztgenannten Säule beobachten wir wieder die in der Spätzeit übliche Herabrückung der Halsbänder, wodurch dann über denselben ein Teil des schuppigen Palmenstammes sichtbar wird. Als neues Motiv tritt hier ferner noch die Anbringung von Datteltrauben zwischen den Palmenwedeln auf. Dass es in der Spätzeit auch nicht an unsinnigen Zuthaten bei Palmensäulen, wie z. B. Fussblätter über der Basis[89], fehlt, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung.
[V. Andere Pflanzensäulen.]
In diesem Kapitel sollen noch kurz zwei Arten von Pflanzensäulen besprochen werden, die sich den bisher erwähnten grossen Gattungen nicht einordnen lassen, und welche ausführlich in besonderen Kapiteln abzuhandeln wegen der geringen Anzahl von Beispielen, die bislang bekannt geworden sind, nicht lohnt. Da bei diesen, meist nur in ein oder zwei Exemplaren auf uns gekommenen Säulenarten es schwierig, ja fast unmöglich ist, die ihnen zu Grunde liegende Pflanze genau zu bestimmen, so werden wir uns hier nur mit der allgemeinen Angabe der betreffenden Pflanzengattung zufrieden geben müssen, die bei den anderen Kapiteln gegebene Beschreibung der Pflanze etc. fällt also hier fort.
Zuerst sind zwei Beispiele von Rohrsäulen zu erwähnen. Da von beiden weder Kapitelle noch Basen, sondern nur Schaftfragmente auf uns gekommen sind, so sind wir hier gleich der Mühe überhoben, der Rohrart[90], welche in diesen Bruchstücken gemeint ist, näher nachzuspüren. Wir sehen nur an den in Tell el Amarna gefundenen Fragmenten ([Abb. 79]), dass wir es hier mit einem Säulenschaft, der ein Bündel gelber, runder Rohrstengel darstellt, zu thun haben. Die Kerben auf den einzelnen Stengeln bedeuten die Stellen, wo ehemals die Blätter sassen, und die darüber angedeuteten Dreieckchen sollen die in der Blattachsel sitzenden Knospen andeuten. Ein Stück einer ähnlichen Säule aus etwas späterer Zeit ([Abb. 80]) ist wie das vorige im Berliner Museum aufbewahrt. An diesem Stück fehlen die Kerben auf den einzelnen Stengeln, dafür sind aber die zusammenhaltenden Stricke recht naturalistisch wiedergegeben.
Eine Abart dieser Rohrsäulen scheinen die Schilfbündel-(?)-säulen zu sein, von denen Petrie eine nach den in Tell el Amarna gefundenen Fragmenten bis auf das Kapitell wohl sicher richtig reconstruirt wiedergiebt.[91] Die gelblich grünen Schilfblätter dieser Säulen waren aus Fayencestücken gebildet, von denen einige auf der vorigen Seite dargestellt sind ([Abb. 81]); die Bänder, von denen das Schilf zusammengehalten war, waren wohl in andersfarbiger Fayence gehalten oder theilweise auch in Bronce ausgeführt, und griffen über den wohl an beiden Seiten, oben und unten angebrachten Falz der vertikalen Fayencestücke (s. in der Abb. links unten) über. Leider reichen aber auch hier die Fragmente nicht aus, um die Pflanze, welche gemeint ist, mit hinreichender Sicherheit zu bestimmen.
Die zweite Art, von der gar nur ein Beispiel und auch das nur in Abbildung auf uns gekommen ist, scheint von einer Winde[92] hergeleitet zu sein. Convolvulus- oder Gentiana-(?)-Arten finden sich öfter ornamental verwendet, wie ein vorstehend gegebenes Beispiel aus einem gemalten Kranze von der Brust eines Sargdeckels in Mumienform aus dem Funde der Amonspriester von Dêr-el-baḥri zeigt ([Abb. 82]). Man sieht an diesem Beispiele deutlich, wie aus dem kleinen Kelche die glockenförmige Blüthe ohne Theilung in einzelne Blüthenblätter herauswächst; auf die Färbung, die vom Gelb am Kelch in Roth und endlich in Grün oder Blau übergeht, dürfte ebensowenig etwas zu geben sein, wie auf die Bemalung der einzig publicirten Windensäule ([Abb. 83]), welche ihre Farbenfülle zuerst wohl der Phantasie des ägyptischen Künstlers und in zweiter Linie der Schönfärberei der modernen Publication zu danken haben dürfte.
Bei diesem Beispiel, das, wie die Zwischenstengel zeigen, als Bündelsäule aufzufassen ist, erinnert nur die äussere Form des Kapitells an die oben gezeigte Windenform, die Bemalung und streifenförmige Eintheilung der Blüthenglocke ist völlig willkürlich. Sehr getreu aber sind die Knospen auf den Zwischenstengeln der Natur abgelauscht; das Hervorbrechen der noch spitz zusammengedrehten Blüthenglocke aus den wenig geöffneten Kelchblättern ist den Winden so eigenthümlich, dass der ägyptische Künstler mit seinem gewohnten Scharfblick für das Charakteristische der einzelnen Pflanzenarten es anbringen musste.
[Schluss.]
Aus den vorstehenden Kapiteln wird der Leser die Ueberzeugung gewonnen haben, dass die früher vielfach gehegte Ansicht, die ägyptische Architektur verfüge nur über eine verhältnissmässig geringe Anzahl von Pflanzensäulen — meist wurde ja alles für Lotus erklärt und ausserdem höchstens noch die Palmensäule zugelassen —, dass diese Ansicht, die dann womöglich noch diesen Säulenarten irgend eine gesuchte symbolische Bedeutung unterlegte, angesichts der grossen Menge von verschiedenartigen Pflanzengattungen, welche die altägyptischen Künstler zu Säulenformen umzustellen vermochten, als veraltet zu bezeichnen ist. Mit den verschiedenen sieben bis acht Arten von Pflanzen, die in allen Stadien ihrer Entwicklung, geschlossen oder offen, als Knospen oder Blumen, zu Säulen geformt uns im Laufe der vorstehenden Abhandlung entgegengetreten sind, werden wir den Formenschatz der alten Künstler voraussichtlich noch nicht erschöpft haben; an den Säulen der Spätzeit, die ja in gewissem Grade von der Besprechung ausgeschlossen waren, treten noch einige weitere Pflanzen auf, auch kann uns jeder Tag unerwartete Funde bringen, welche wie die reiche architektonische Ausbeute aus Tell el Amarna uns neue Gestaltungen von Pflanzensäulen zu zeigen vermöchten.
Es muss sich uns infolge dieser Mannigfaltigkeit die Frage aufdrängen, weshalb die alten Architekten mit solcher Vorliebe Pflanzen zu Säulenmotiven verwendeten. Irgend welche Symbolik, dass etwa die eine oder die andere Pflanze dem Gotte, in dessen Tempel sie als Säule stand, heilig gewesen wäre, oder dass sie wie Papyrus und Lilie, die Wappenpflanzen von Unter- und Oberägypten, zur Bezeichnung der Nord- und Südhälfte des Tempels unter Anspielung auf die beiden Reichshälften[93] dienen sollten, derartige Symbolisirungen sind ausgeschlossen, da man sonst irgend eine Regel in der Anwendung der verschiedenen Pflanzenmotive müsste entdecken können. Die einzelnen Pflanzensäulen werden vielmehr ohne jede erkennbare tiefere Absicht, rein nach dem Geschmack des Architekten, in der Spätzeit sogar mit Vorliebe in buntem Durcheinander angeordnet. Es muss also wohl eine andere Bewandtniss damit haben.
Bereits Maspero hat in seiner Archaeologie égyptienne, S. 88, bei Besprechung der Innendecoration der Tempel uns den richtigen Weg zum Verständniss des Wesens der Pflanzensäulen gewiesen, leider jedoch ohne seine Theorie bis zu den letzten Consequenzen, d. h. bis zu ihrer Anwendung auf die Säulen selbst durchzuführen.
Nach Maspero war der Tempel bezw. das architektonisch durchgebildete Innere eines Hauses dem Aegypter ein Abbild der Welt. Der Fussboden stellte die Erde dar, über ihm breitet sich der Himmel, die Decke, aus. Dieser Vorstellung passt sich die ganze Decoration des Raumes an. Die Decke ist nur mit himmlischen Dingen geschmückt: Sterne in regelmässiger Vertheilung, fliegende Vögel, Darstellungen von Sternbildern und des Sonnenlaufs, ja selbst Sternverzeichnisse sind dort angebracht. Im Gegensatz dazu erhält alles, was dem Boden nahe ist, pflanzliches Ornament, das meist noch so aufgefasst wird, als wüchse es aus dem Boden heraus. Die Mauersockel sind mit langen Reihen von Papyrusstauden verziert, Büsche von anderen Wasserpflanzen kommen daneben vor, die Basen der Säulen sind von Blattwerk umgeben — Nein! nicht nur das, vielmehr sind die ganzen Säulen Pflanzengebilde, die aus der Erde emporspriessen und frei in den Himmel hineinragen.
Eine merkwürdige, phantastische Auffassung, auf der wir da die sonst so prosaischen Aegypter ertappen. Und dass hier nicht etwa blos eine vom Kunsthistoriker den schaffenden Künstlern untergelegte Anschauung zu Tage tritt, das lässt sich zum Ueberfluss noch haarscharf beweisen. Ein glücklicher Zufall hat uns nämlich „die breite und die tiefe Halle”, gewissermaassen das Speise- und Empfangszimmer des Palastes Amenophis' IV. in Tell el Amarna vollständig erhalten. Dies „vollständig” ist nicht zu viel gesagt; wir haben nämlich die Grundrissmauern mit den prachtvoll erhaltenen Estrichen[94], zur Reconstruction völlig ausreichende Fragmente der Säulen[95] und last not least mehrere alte untereinander übereinstimmende Abbildungen dieser Säle[96]. Die Estriche sind herrlich bemalt, in der Mitte sind Teiche mit allerlei Fischen und Wasservögeln; umgeben sind dieselben von Rohr-, Papyrus- und Schilf-Dickicht, in welchem wieder verschiedene Thiere sich tummeln, des Weiteren folgen ornamentale Gefässdarstellungen und, da der Estrich in einem Königspalast liegt, im Mittelgang die Figuren von Gefangenen, die gefesselt am Boden liegen und über die der König hinwegschreiten soll. Alles deutet also darauf hin, dass der Fussboden wirklich als Erde aufgefasst ist. Die Säulen, welche in der Mitte der Säle in Reihen standen, stellen Pflanzen und zwar Palmenstämme und Schilfbüschel dar, die um die Teiche des Estrichs herum stehen. Wie die Decke darüber aussah, auch das hat uns ein ägyptischer Maler in seiner kindlichen Manier überliefert ([Abb. 84]). Als er jene Darstellung des Palastes, den er, nach allen Details zu urtheilen, genau kannte, entwarf, da wollte er auch den gemalten Himmel an der Decke der Säle wiedergeben. Er wusste, dass dieser Himmel, wenn er, im Saale stehend, ihn betrachtete, stellenweise durch die oberen Theile der Palmensäulen verdeckt wurde. Das richtig darzustellen überstieg aber seine perspectivischen Kenntnisse. Er malte daher ganz dumm seinen Himmel und zwar die Hieroglyphe
für Himmel — hinter die obersten Theile der Säule, dicht unter die Deckenlinie.[97] Darunter stellte er dann noch die an die Decke gemalte strahlende Sonne dar. Sehr schön ist ja diese zeichnerische Leistung nicht, aber wir sehen doch wenigstens daraus, wie die Decke in jenem Saale decorirt war.
Die Ausschmückung der Räume des Palastes von Tell el Amarna ist also ein vollgültiger Beweis für die oben angeführte Theorie, dass die Aegypter die Innenräume ihrer Tempel und Häuser „à l'image du monde” aufgefasst und demgemäss decorirt haben, und dass nur eine nothwendige Folge dieser Auffassungsweise das Vorkommen von Pflanzensäulen ist. Diese Säulen sind also keineswegs nur wie klassische oder mittelalterliche Säulen mit Pflanzenkapitellen als Säulen mit ornamentalen, pflanzlichen Zuthaten anzusehen, sondern stellen in ihrer ganzen Grösse von der Basis bis zum Kapitell nur eine Pflanze oder ein Pflanzenbündel dar.
Nebenbei mag erwähnt werden, dass die Fiction, der Boden sei die Erde und die Decke der Himmel, noch einer anderen Gattung von Säulen das Leben gegeben hat, die ganz diametral den Pflanzensäulen gegenüberstehen. Während nämlich letztere, wie wir noch weiter auszuführen haben werden, frei in den Himmel, d. h. gegen die Decke emporstreben und den Gedanken eines Tragens gar nicht ausdrücken sollen, so bedeuten jene direct Stützen des Himmels, und ihre Formen sind verschiedenen mythologischen Symbolen nachgebildet, von denen es wohl in der religiösen Litteratur der Aegypter hiess, dass sie die Himmelsdecke tragen. Zu diesen „Symbolsäulen” rechne ich die Sistrumsäule und die Dedsäule. Die erste, früher unter dem Namen „Säule mit Hathorkapitell” allgemein bekannt, stellt ein vollständiges Sistrum
dar, wie ein Vergleich mit den in den Museen in natura oder in Fayencenachbildungen aufbewahrten Exemplaren dieser Klappern sogleich darthut. Der Säulenschaft (s. [Abb. 85]) ist der Stiel der Klapper, Kapitell und Abakus bildet das auf Hathormasken sitzende, hohl zu denkende Kapellchen mit den seitlich anschlagenden Metallfedern. Diese Säulenart kommt, wie schon Lepsius in seinen Tagebüchern vermuthet, anscheinend nur in Tempeln weiblicher Gottheiten[98] vor und wohl meist auch da nur in solchen, deren Göttinnen mit der Hathor irgendwie confundirt werden können.
Eine ägyptische Sage, in der eine Anspielung auf das Sistrum als Himmelsstütze vorkäme, ist mir nun zwar nicht bekannt, wohl aber giebt es, worauf mich Herr Prof. Erman freundlichst aufmerksam machte, im Berliner Museum eine Fayencedarstellung der Himmelserhebung durch den Gott Schu, auf welcher zwei Sistren an jeder Seite den Himmel stützen ([Abb. 86]).
Die zweite Symbolsäule, die Ded-Säule, welche vielleicht nach ägyptischer Anschauung das Rückgrat des Osiris versinnbildlichen sollte, kann ich als Himmelsstütze nur dadurch belegen, dass sie erstens in Verbindung mit der Sistrumsäule[99] und zweitens als Stütze bei Baldachinen, unter denen Osiris sitzt[100] ([Abb. 87]), auftritt.[101] Man könnte andererseits auch die Entstehung derselben so erklären, dass die hieroglyphische Bedeutung der ihnen zu Grunde liegenden Zeichen
sšš „Freude, Jubel”[102]
ḏd „Beständigkeit, ewige Dauer” Veranlassung gegeben hat, diese Hieroglyphen symbolisch als Säulen zu verwenden.
Wie dem auch sei, jedenfalls haben wir in den Symbolsäulen eine den Pflanzensäulen der Idee nach völlig entgegengesetzte Kategorie von Stützen zu sehen, die aber ebenso wie jene ihren Ursprung der Vorstellung der Aegypter verdankt, dass der Innenraum des Tempels eine Wiedergabe der Welt sein soll.
Indem wir uns nun zum Schlusse wieder den Pflanzensäulen zuwenden, wollen wir noch auf ein wichtiges Moment unser Augenmerk richten. Es ist oben schon kurz bemerkt worden, dass der Aegypter sich seine Pflanzensäule als frei zum Himmel emporragend denkt, dass also die Idee des Tragens, die man bisher immer in einer Säule verkörpert zu sehen erwartete, bei der ägyptischen Pflanzensäule überhaupt nicht zum Ausdruck kommt.
Da wir es hier also mit einem eclatanten Falle zu thun haben, bei welchem der Satz: „Jeder Bautheil zeigt seine Function durch Form und Ornamentirung an”, durchbrochen wird, so müssen wir wohl unsere Ansicht vom Wesen der ägyptischen Pflanzensäule noch etwas weiter begründen.
Die ganze Auffassung des Tempels als Welt weist uns ja schon darauf hin, dass die zu Säulen verwendeten Pflanzenformen nicht als wirkliche Stützen gedacht sein können, denn wer würde wohl auf die Idee gekommen sein, den Himmel von Blumen tragen zu lassen. Es herrscht vielmehr die Vorstellung, dass die Himmelsdecke über den Pflanzen der Erde frei schwebe. Constructiv ist das natürlich nicht möglich, der Architekt braucht ein Bindeglied, das die Last der Decke auf die Säulen überträgt. Diesen Bautheil, der ihm in seine ideale Conception gar nicht hineinpasst, versteckt er aber so viel als möglich: Der Abakus der ägyptischen Säule ist stets klein, ohne Ornament und in den meisten Fällen von unten überhaupt nicht zu sehen, er ist dem ägyptischen Künstler eben nur ein unvermeidlicher Constructionstheil, den er braucht, da er seinen frei schwebend gedachten Himmel über den Pflanzensäulen sonst nicht festhalten kann.
Früher wurden gerade immer die damals sogenannten Lotusknospen- und Lotusblüthensäulen — d. h. unsere geschlossenen und offenen Papyrusdoldensäulen — als schöne Beispiele dafür angeführt, wie durch die Form des Kapitells das Tragen versinnbildlicht werde; seitdem wir aber gesehen haben, dass diese Formen der freien, unbelasteten Papyrusdolde nachgebildet sind, kann von einer Versinnbildlichung des Tragens natürlich keine Rede mehr sein. Man könnte sich wirklich nichts Ungeeigneteres für die Aufnahme von Lasten denken, als so eine leichte Papyrusdolde, die kaum unter ihrem eigenen Gewicht sich zusammenzuhalten vermag. Zum Ueberfluss tritt noch das hinzu, dass wir denselben Pflanzenformen, welche zu Kapitellen Verwendung fanden, in der ägyptischen Kunst auf Schritt und Tritt da begegnen, wo sie absolut keine tragenden Functionen auszudrücken haben: Als Scepterbekrönungen[103], Knöpfe[104], freistehende Verzierungen an Stühlen[105], ja sogar als Quasten[106] finden wir dieselben Pflanzen wieder.
Die Theorie, dass jeder Architekturtheil seine constructive Function auch äusserlich zeige, ist also wenigstens für die ägyptische Architektur — oder jedenfalls für die Bildung der ägyptischen Pflanzensäule — angesichts der aufgeführten Thatsachen direct zu leugnen, wir kommen hier vielmehr, so paradox es klingen mag, zu dem Schluss:
„Der Aegypter dachte sich seine Pflanzensäulen als freie Endigungen und ornamentirte sie wie solche”.

