Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am [Ende des Buches].


Erziehung zur Mannhaftigkeit


Ludwig Gurlitt

Erziehung zur
Mannhaftigkeit

Berlin W. 50
Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock
1906.


Alle Rechte vorbehalten


MEINEN LIEBEN SÖHNEN

Erwin, Helmut, Winfried

gewidmet,
auf daß sie
aufrechte deutsche Männer werden.


[Vorwort.]

»Erziehung zur Mannhaftigkeit«, keine psychologisch-theoretische Abhandlung und kein Lehrbuch in paragraphos wohl eingeteilt. Lehren kann man nur, was man selbst weiß, kann, hat und beherrscht. Mannhaftigkeit sollten unsere Erzieher sich erst erwerben. Daß das als wünschenswert, ja notwendig, als möglich und allgemein verbindlich erkannt werde, deshalb diese Schrift! Daß sie mangelhaft disponiert, nicht frei von Wiederholungen ist und noch manche andere Kunstfehler hat, das weiß niemand besser als ich: Aber all das schadet nichts, wenn sie nur wirkt, was sie wirken soll: ein Selbstbesinnen, ein Erwachen, ein Sichaufraffen, einen Willen zur Tat aller derer, die Volkserzieher im weitesten Sinne sind.

Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diese Schrift in den Bergen geschrieben habe, deshalb fast nur auf meinen eigenen Kopf, nicht auf eine starke Bücherei angewiesen war. Wo ich aber nur immer konnte, zwang mich doch meine verwünschte Ehrlichkeit, die Gewährsleute (Männer darf man nicht mehr sagen, da auch Frauen mitarbeiten) selbst sprechend einzuführen. Ich muß mir diese Tugend nun aber doch endlich abgewöhnen. Sie zerstört mir jedesmal den einheitlichen Stil meiner Arbeiten. Es werden gewiß allerlei sachliche Fehler, falsche Zitate u. dgl. zu finden sein. Ich bitte diese zu entschuldigen, sich darob nicht allzusehr zu entsetzen. Wo man mir Fehler derart nachweist, werde ich sie ausmerzen, falls eine zweite Auflage gebraucht wird.

Ton und Form werden manchen Lesern mißfallen; man wird besonders in Fachkreisen oft den »sittlichen Ernst« vermissen. Zwar kennt und schätzt jeder Philologe das Wort von Horaz, daß man die Wahrheit auch lachend sagen dürfe, aber das besteht, wie so vieles, nur im gelehrten Wissen; das darf man beileibe heute nicht wahr machen wollen!

Plato und Cicero liebten auch den Dialog. Man findet ihn dort anmutig und liebenswürdig, selbst wenn er zur Behandlung wissenschaftlicher, auch philosophisch-ethischer Stoffe verwendet wird; wenn ich dieselbe Form hier zuweilen einflechte, nicht aus Vorsatz und gelehrter Nachahmung, sondern – ita supercilium salit – weil mich der Teufel zwickte, so möge man sich getrost darüber entrüsten.

Ich gebe mich bewußt und mit kühner Ablehnung herkömmlicher Schulmeisternüchternheit genau so, wie ich nun einmal bin. Weshalb sich verleugnen? Zudem gibt es viele verwandt gestimmte Seelen, die mich schon verstehen werden. Auch glaube man ja nicht, daß die Erzieher aus solchen Schriften nichts lernen könnten. Fast täglich laufen bei mir Briefe von Lehrern ein, die mich durch Zustimmung und Zuspruch erfreuen. So schrieb mir dieser Tage einer, der selbst ein achtbarer Schriftsteller ist, als Widmung in sein neuestes Werk: »Dem Verfasser von ›Der Deutsche und seine Schule‹ als meinem am höchsten verehrten Lehrer in Dankbarkeit und Treue gewidmet. Keinem anderen Buche schuldet der Lehrer in mir soviel wie diesem!« – Nutzlos ist also meine Schriftstellerei nicht, so gern man das auch im Lager meiner Gegner behauptet.

Mir ist hier angesichts der Dachsteingletscher so froh, so frisch, so frei, so stolz zumute, daß ich aller Spötter spotte.

Möchte doch von meinem eigenen Behagen und von meinem Lebensmute auch in dieses Buch ein frischer Hauch eindringen! Nichts tut unserer müden und kranken Zeit mehr not, als Zuversicht und froher Kampfesmut.

Ich habe viele alte Schlacken aus Kopf und Brust weggeräumt. Jetzt fühle ich mich nicht, sage ich, »wie neugeboren«; denn Neugeborene sind weinerlich und machen einen traurigen, hilflosen Eindruck, aber rein, wie innerlich frisch gewaschen.

Ich komme mir selbst wieder komplet vor und könnte mich endlich ohne jedes Unbehagen auch wieder im Spiegel besehen, nicht weil ich »schön« wäre, aber weil ich mich innerlich endlich wieder ganz selbst gefunden habe und weil ich mich für einen halbwegs anständigen Kerl halte.

Es geht doch nichts über dieses Kraft- und Glücksgefühl.

Sommerfrische in Altaussee i. Steiermark,
den 10. September 1906.
Ludwig Gurlitt,
Steglitz b. Berlin, Arndtstr. 35, I.


I.
Begriffsbestimmung.

»Mit Worten läßt sich wacker streiten.«

(Goethe.)

Vorauf muß ich schleunigst eine genaue Begriffsbestimmung der Mannhaftigkeit geben, sonst ergeht es mir, wie voriges Jahr (1905) in Hamburg auf dem Philologentag, wo ich über Pflege der Persönlichkeit sprach. Da fielen gleich ein Gymnasialdirektor und zwei Geheime – oder waren es gar Wirkliche Geheime? – über mich her und sagten: ich hätte meine Sache schlecht gemacht. Erst hätte ich eine Definition der Persönlichkeit geben müssen. Aha! – Was nämlich eine Persönlichkeit ist, das weiß in Deutschland kaum einer, da muß man, wie mir der Herr Direktor sagte, entweder in Leipzig bei Wundt, dem Professor der Philosophie, studiert oder doch dessen dicke Bücher gelesen haben. Da steht alles drin.

Um diesen Herrn zufrieden zu stellen, würde ich also zu untersuchen haben:

a) Was ist Erziehung? – Erziehung ist die bewußte Beeinflussung älterer Leute auf – – usw.

b) Was ist Mannhaftigkeit? – Mannhaftigkeit ist – –

c) Was heißt Erziehung zu etwas?

usw. das Alphabet durch. Vielleicht gelänge es mir auch, aber ich fürchte, ich würde wenige Leser finden und nichts damit ausrichten.

Vielleicht steht auch schon alles über die Mannhaftigkeit bei Wundt. Da mag man also nachschlagen. Ich kenne die Bücher dieses Herrn, der allen Ernstes ein sehr gelehrter und bedeutender Psychologe sein soll, noch nicht. Sie sind mir auch hier unerreichbar. Ich sitze nämlich in einem steirischen Bauernstübl, rings umgeben von hohem felsigen Gebirg. Im weiten Umkreis keine philosophischen Bücher. Schulferien sind vorbei, also auch nirgends ein Mensch, den ich um Rat fragen könnte. Nirgends, soweit ich die Stimme, die rufende, schicke, ein preußischer Gymnasialdirektor, nirgends ein Geheimer oder Wirklicher Geheimer Rat. Eher, glaube ich, könnte ich jetzt hier in den Bergen einen alten Gemsbock greifen.

Und doch soll und will ich weiterleben, weiterdenken, weiterschreiben – sogar über Erziehung zur Mannhaftigkeit schreiben! Versuchen wir es also auf gut Glück, wenn's einmal sein muß, mit unserer eigenen Begriffsbestimmung!

Erst muß ich bemerken, daß mir das Wort Mannhaftigkeit in der Regel zu eng gefaßt zu werden scheint, nämlich fast ausschließlich in Beziehung auf kriegerische und dem verwandte Betätigungen.

Unser Thema hat, was man so zu nennen beliebt, ein »aktuelles Interesse«, denn es hat unseren Kaiser und folglich auch unsere Presse in letzter Zeit beschäftigt.

Anläßlich eines vom Norddeutschen Regattenvereine diesen Sommer (1906) in Cuxhaven veranstalteten Festes sagte nämlich unser Kaiser wörtlich wie folgt:

»Der Sport, den wir betreiben, hat auch einen ernsten Hintergrund, und das ist das zweite, was zu unserer Entwicklung notwendig ist, daß wir Männer, daß wir Charaktere haben, daß unsere Männer sich bewußt sind der Wichtigkeit der deutschen Männlichkeit. Der deutsche Manneswert kann sich bewähren auf verschiedenen Gebieten, im Heere, im Zivildienst, auf der Flotte, im Dienst in den Einzelstaaten, in den Gemeinden, aber am besten wird er ausgebildet, am besten und klarsten wird unseren Deutschen das Auge gemacht, wenn sie auf das Salzwasser kommen. Daher begrüße ich in jedem von Ihnen einen meiner Mitkämpfer und Mitarbeiter an dem Werke, unsere deutschen Männer zu erziehen, damit sie in der Lage sind, mit offenem Blick ihr ganzes Sinnen und Trachten in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Daß unserem Vaterlande eine solche schöne Entwicklung beschieden sein möge, daß unser Segelsport gewinnen und blühen möge, daß Sie ein fröhliches und lustiges Segeln auch in diesem Jahre haben mögen, darauf leere ich mein Glas. Es leben die Segler! Hurra, hurra, hurra!«

Männer setzen Knaben voraus. Wenn wir Männer und Charaktere haben wollen, müssen wir sie heranbilden oder wenigstens wachsen lassen. Das ist also eine Sache der Erziehung. Da haben alle Eltern und Lehrer nicht bloß mitzusprechen, sondern auch mitzuhandeln. Das gibt uns ein Recht, die Ratschläge des Kaisers zu prüfen.

Wir unterschätzen gewiß alle weder unser Heer, unsere Marine, noch den Segelsport, erkennen alle sehr wohl die stählende Kraft, die in dem Umgang und Kampfe mit dem Meere liegt, halten aber doch die Frage für berechtigt, ob sich denn wirklich der deutsche Manneswert nur im Heere, im Zivildienst, auf der Flotte, im Dienst der Einzelstaaten, in den Gemeinden bekunden und bewähren kann? Wenn es sich nur um diese Richtung und Ausbildung des Manneswertes handelte, so bedürfte es kaum erneuter und besonderer Anstrengungen. Das deutsche Volk hat sich vor dem Feinde, in Gefahr und Not noch stets bewährt. Auf der weiten Erde steht unser Volksheer in dem Rufe der Unbesieglichkeit. Die staunenswerten Kriegstaten von 1864, 66, 70–71 rechtfertigen dieses Urteil. Nicht minder ruhmeswert ist das, was seit drei Jahren unsere Truppen unter unsagbaren Schwierigkeiten des tropischen Klimas in Afrika leisten.

Ultra posse nemo obligatur – lautet ein alter Rechtssatz. »Über sein Vermögen wird niemand verpflichtet«. Diese Männer aber überbieten fast das menschliche Vermögen und bestehen Heldentaten, während ihr Leib in der Dürre der Wüste schon zu Tode verschmachtet. Ihre Leistungen an Willenskraft sind noch nie übertroffen worden.

Und wahrlich, nicht umsonst versiegt all das kostbare deutsche Blut, fließt all der saure Schweiß unserer Brüder in Afrikas Wüstensand: Mag der volle äußere Erfolg auch noch ausstehen: das eine lehren diese Helden uns und vor allem auch unsere Feinde, daß der Deutsche heute so gut wie jemals für seine Ehre und für seine Pflicht ohne Klagen mannhaft zu leben und zu sterben weiß.

So werden ihre Taten uns den kostbaren Frieden in Europa bewahren helfen, der bedroht war, weil unsere Neider den Wahn verbreiteten, die deutsche Einheit und Kraft gehe in die Brüche, zumal im Heere, das man durch politische Verhetzung und durch moralischen Verfall des Offizierstandes wurmstichig und im innersten Kern krank glaubte.

So schnell sinkt ein Volk von seiner Höhe nicht herab, so schnell läßt Art nicht von Art. Was ist denn geschehen im Bösen und Niedrigen, daß wir berechtigt wären, die Söhne der Sieger von Wörth und Sedan für minderwertig zu halten? Kein einziger ernster Vorfall in Heer und Marine, der zu wahrer Besorgnis Anlaß gäbe. Höchstens die Soldatenschinderei; aber die ist unbestreitbar im Abnehmen. Liebeshändel aber und dann und wann ein Jeuchen hat es gewiß nicht minder in dem Musterheere des Großen Fritz gegeben. Auch unsere Sieger von 1870/71 waren in dieser Hinsicht keine Tugendbolde.

Was geschehen könnte, um bei uns die kriegerische Tüchtigkeit von Offizieren und Mannschaften noch zu steigern, darüber müssen wir die Herren vom Fach entscheiden lassen.

Unser Heer, einschließlich natürlich die Marine, ist jedenfalls eine so bewährte Schule zur Mannhaftigkeit, daß es neu erfunden werden müßte, wenn es noch nicht bestände. Es ist die großartigste organisatorische Schöpfung der neuen Welt. Das alte Rom hatte in seiner Glanzzeit etwas Ähnliches, blieb aber doch mit seinem Heere hinter dem zurück, was wir vor Augen haben. Etwas anderes ist es natürlich, ob dieses nach wie vor tapfere Volk in Waffen gewillt sein und bleiben wird, dem Geiste und der politischen Richtung zu dienen, die zurzeit in Deutschland beliebt sind. Auch der russische Soldat ist tapfer und hingebend. Er hat es besonders im letzten Türkenkriege bewiesen. Schlecht regiert, konnte er aber seine Tapferkeit sogar gegen die eigenen Offiziere wenden. Mannhaft sind die Revolutionäre auch, die jetzt Heeresrevolten machen und mit Aufopferung ihres eigenen Lebens Bomben werfen – aber diese Art von Mannhaftigkeit wollen wir uns doch sorgsam vom deutschen Volksleibe halten! Das ist Sache der Regierung und der gesetzgebenden Körperschaften. Und da liegt auch der Schwerpunkt der Frage. Ebensowenig wie an eine bestimmte Regierungsform ist die Tugend der Mannhaftigkeit an irgendeinen Stand oder an irgendein Alter gebunden. Sie ist dem besseren Menschen angeboren, kommt nur in bestimmten Berufen, wie im Heere, am besten zur Ausbildung und am sichtbarsten zum Ausdruck.

Die zahlreichen Beweise von Heldentum, die auch im zivilen Leben vorfallen und wie sie uns die Zeitungen berichten, werden leider nicht gesammelt. Eine solche Statistik würde geeignet sein, unser nationales Selbstgefühl stark zu heben.

Wie viele Medaillen für Errettung aus Todesnot und mit eigener Lebensgefahr werden jährlich in Deutschland verteilt? Wie viele Feuerwehrmänner, See- und Bergleute, wie viele Bergführer finden in treuer Ausübung ihres Berufes und aus edelster Hingabe für andere den Tod?

Wir lasen von Knaben, die Heldentaten begingen, um ihre Geschwister oder Freunde zu erretten. Wir lasen vor einigen Jahren, daß bei dem Untergang eines Vergnügungsdampfers in der Elbemündung ein junger Kellner, der dem sinkenden Schiff entronnen war, trotz aller Bitten seiner Braut fünfmal in die Fluten zurückkehrte, um kleine Kinder vor dem Tode zu erretten, bis er selbst in den Wellen den Tod fand. Hätte das vor 3000 Jahren ein junger Spartaner oder Athener geleistet, sein Name lebte noch heute im Munde aller deutschen Kinder. Wir sind nicht umsonst ein »klassisch« gebildetes Volk!

Wenn wir die sozialistischen Blätter lesen, so wird uns darin erzählt, daß nur der Proletarier, der Mann der arbeitenden Klasse, zu so selbstloser Hingabe fähig sei. Richtig ist, daß man dort ein größeres Verständnis für die menschliche Not und einen stärkeren Willen findet, sie zu teilen und mit zu bekämpfen. Werktätige Nächstenliebe ist in den unteren Gesellschaftsschichten, die uns von reaktionslüsternen Nichtkennern als verroht und verkommen gezeichnet werden, gegenwärtig sehr stark entwickelt. Aber nur Partei- und Klassenhaß kann behaupten, daß die oberen kirchlich korrekten Gesellschaftskreise von solcher Gesinnung ganz ausgeschlossen wären. Was Ärzte, barmherzige Schwestern und Pflegerinnen aus vornehmen Häusern auf den Schlachtfeldern, in den Baracken von Cholera- und Typhuskranken allezeit geleistet haben, darf nicht verschwiegen bleiben. Häufig auch lasen wir, daß junge Offiziere Ertrinkende mit eigner Lebensgefahr errettet haben; und daß jeder Offizier, wie Bismarck ihm nachrühmte, seinen Mann aus dem dichtesten Kugelregen herausholt, daran hat sich seitdem auch nichts geändert. Den deutschen Offizier macht uns auch heute noch niemand nach.

Mit den Tätigkeiten, die unser Kaiser besonders erwähnte, sind also die Gelegenheiten, deutschen Manneswert zu bewähren, keineswegs erschöpft. Auch auf dem Gebiete der Forschung, der Wissenschaften, Literatur und Kunst werden Heldentaten begangen, die oft unbekannt, aber bewundernswerter sind als der Ansturm eines Offiziers auf eine feindliche Schanze. Der Ritter Frundsberg hatte wohl recht, als er in Worms dem Pfäfflein Martinus Luther sagte, er gehe einen schwereren Gang als er oder sonst ein Kriegsmann je gegangen wäre. Die Frage des Berliner Tageblattes war deshalb berechtigt: »Bedeutet schließlich die Ausbildung der menschlichen Individualität gar nichts mehr gegenüber den Anforderungen, die das staatliche oder kommunale Gemeinwesen an die Fähigkeiten der Menschen stellt?« Und sehr mit Recht wurde auch gesagt: »Unbeschadet des hohen Wertes jener in den öffentlichen Dienst gestellten Tugenden und Fähigkeiten darf man es getrost behaupten, daß in der einseitigen und übertriebenen Wertschätzung jener Betätigungen, die lediglich auf die Entwicklung der materiellen Kräfte in Staat und Gesellschaft abzielen, eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Entwicklung der Kultur im allgemeinen und der deutschen idealgerichteten Geistesbildung im besonderen liegt. Nur in einer harmonischen Ausgleichung der ideellen und materiellen Interessen eines Volkes liegt die sichere Gewähr für seine gedeihliche zukünftige Entwicklung.«

Wie also soll nun unsere Definition lauten?

Unter Mannhaftigkeit verstehen wir den Inbegriff all der Tugenden, die das Wesen eines echten Mannes ausmachen, als da sind: Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Ausdauer, Treue, Edelmut – ach nein, ich sehe, so geht es doch nicht. Was ist lächerlicher, als in dieser Weise das Herrlichste, was Gott erschaffen kann – einen wahren Mann –, auf gelbem Konzeptpapier frei konstruieren wollen? Es geht nicht, geht auch nicht auf dem von den Behörden vorgeschriebenen halbbrüchigen weißen Aktenpapier Nr. F. Es ist mit einer solchen papiernen Tugendsammlung wie mit der Abbildung des Pferdes, das mit allen Pferdekrankheiten behaftet ist: Hahnentritt, Spat, Rotz und grauem Star. So wenig ein solches Pferd je gelebt hat, so wenig gab und gibt es den Mann, der mit allen wahrhaftig männlichen Tugenden behaftet war. Auch der tugendhafte Schüler lebt nicht, der, den zahllosen ihm vorgestellten Mustern gemäß, mild und sanft wie Christus, stark und trotzig wie Bismarck, begeisterungsfähig wie Schiller, ruhig und besonnen wie Moltke ist. Man darf unserm Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen wollen. Er läßt sich keine Vorschriften machen, das Konzept nicht korrigieren. Mannhaft waren Walther, Luther, Ulrich von Hutten, Lessing, Goethe, Schiller, Bismarck, aber auch Richard Wagner, Beethoven, Moritz von Schwind und der körperlich kleine Menzel – jeder aber mannhaft auf seine Art, keiner ein Komplex bestimmter abstrakter Tugenden.

Ludwig Richter hat uns ein entzückendes Bildchen hinterlassen mit den Versen:

»Marthens Fleiß,
Mariens Glut,
Schön wie Rahel,
Klug wie Ruth,
Mägdlein bestes Heiratsgut.«

Das glaub' ich! Daraus macht eine umsichtige Mama nicht eine, sondern vier gute Partien!

Da wird wohl Unmögliches gefordert: Wer Mariens religiöse Glut hat, dem fehlt Marthens wirtschaftlicher Sinn, wer schön wie Rahel ist, pflegt nicht klug wie Ruth zu sein. – Auch bei den Frauen finden wir selten solch wandelnde Ideale, und wenn sie erscheinen, so sind sie mehr Naturwunder als Erziehungsprodukt. Allzu ideal wünscht man sie auch gar nicht, es würde ihnen damit wohl das Beste, die Individualität, oder – um dieses wahrhaft abscheuliche Wort nicht zu gebrauchen – die schlichte Natürlichkeit und Menschlichkeit verloren gehen. Damit sage ich nichts Ungalantes. Das liegt mir ganz fern, denn ich bin durchaus eines Sinnes mit dem jungen Kommis, der behauptete, daß die Frauen jedenfalls in dieser Branche das Beste sind, was wir haben.

Doch zurück zum Mann. Ich erinnere mich einiger Verse von W. H. Riehl:

»Wer weiß, was er will,
Und will, was er kann,
Und kann, was er soll,
Der ist ein ganzer Mann.«

Das mag man gelten lassen.

Fassen wir das Gemeinsame in den Lebensäußerungen all jener bedeutenden Männer zusammen, so ergibt sich als Merkmal ihrer Mannhaftigkeit das Einsetzen ihrer ganzen Kraft für das, was ihnen als edel und erstrebenswert erschien. Aber nein, auch das befriedigt mich noch nicht! Wir müssen noch eine Stufe höher steigen. Das Tun dessen, was edel erscheint, ist ein »Edel-sein-wollen«, also ein Umweg über das Ideal, dem man nachstrebt, wodurch man seine Selbstachtung befriedigen will, nicht der unmittelbare Weg zur eigenen Natur selbst. Mannhaft ist das furchtlose Tun des Notwendigen, ist einfach das Leben, wie man seiner Natur nach leben muß.

Für das Erstrebenswerte hat man bei uns die vage Bezeichnung: ideal. Ich gebrauche dieses Wort nicht gern, weil es durch Mißbrauch um seinen guten Ruf gekommen ist. Die meisten Menschen denken sich heute unter Idealismus irgendeine feine, zarte, duftige, in den Wolken schwebende Sache, die nur für die »ganz Gebildeten« ist. Die Ästheten und altklassisch Humanen haben uns dieses an sich schon undeutsche Wort arg heruntergebracht, indem sie es gar so hoch bringen und dem täglichen Gebrauche entrücken wollten. »Ideal« sind angeblich der junge Poet, der Gymnasialdirektor und seine mit Plato- und Cicerogeist leicht angehauchten Primaner. Den idealen Jüngling denkt man sich blondgelockt und mit schmachtenden, wasserblauen Augen. Den altklassischen Idealismus, mit dem man noch so viel Wesens macht, hat es in der Form, die in unseren Gymnasien ihr Scheinleben führt, selbst niemals gegeben. Die Griechen und nun gar die Römer waren derbreale Völker. Was man aber mit Recht als »ideal« bezeichnen könnte, das ist recht eigentlich eine germanische Kulturfrucht. »Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen treiben.« Also heißt deutsch sein, auch ideal sein. Wer eine Sache um ihrer selbst willen treibt, ist von ihrer Notwendigkeit so überzeugt, daß er ihr jedes Opfer zu bringen vermag. Ihr dienen, ist ihm nicht einmal ein Opfer, sondern wahrer Lebensberuf, Befriedigung des innersten Triebes, ist ihm Notwendigkeit und so selbstverständlich, wie dem Baume das Blühen und Früchtetragen selbstverständlich sein mag. Kein Mensch rechnet es dem Apfelbaum als Idealismus an, daß ihm die Äste vor Fruchtbarkeit brechen wollen, auch nicht der Häsin, daß sie jährlich zwei Dutzend Junge wirft, nicht der Henne, daß sie für ihre Küken mit dem Raben auf Tod und Leben kämpft.

Ebensowenig will sich ein Künstler anstaunen lassen, weil er für seine Kunst auch hungert, das versteht sich ihm ganz von selbst, – oder ein Offizier, weil er für seine Ehre und sein Vaterland in den Tod geht, oder ein schlichter Lotse, weil er Ertrinkenden Rettung bringt.

Idealismus ist gerade die derbste, handfesteste Sache, ist schweres Hausbackenbrot, nicht Konfekt für Leckermäuler. Bei jedem wahren Idealismus geht es auf Leben und Tod. Mit sentimentalem Gesäusel kommt man ihm nicht nahe; mit all dem beliebten Ei, ei, ei, und Ach, ach, ach trifft man sein Wesen nicht. Wer auf große Kunstwerke in dieser schwächlichen Weise reagiert, der beweist damit nur, daß ihm das Wesen der Kunst überhaupt noch gar nicht aufgegangen ist. Nicht bloß die Schlachten, jede Kulturtat wird mit Blut erkauft. In jedem Werke gibt der wahre Arbeiter und Künstler ein Stück und immer gerade das beste Stück seines Lebens hin. Es ist damit wie mit dem Eierlegen des Schmetterlings. Er lebt dafür und stirbt daran, und daß er beides kann und darf, das macht ihm das Leben lebenswert und den Gedanken an den Tod erträglich. Wer dieserart seine Natur und damit seinen Lebenszweck gefunden hat, der wird in jeder Lebenslage mannhaft sein, er müßte sonst seine Natur geradezu verleugnen.

Auch diese Begriffsbestimmung wird die Theoretiker nicht befriedigen. Am besten wohl, wir bescheiden uns mit diesem Mißerfolg.

Was ein Mann ist, dafür brauchen und haben wir keine vollgültige Definition.

Was ein ganzer Mann ist, das merken wir gleich, wenn er uns einmal entgegentritt. Wenn es Philosophen und Stubengelehrte nicht wissen sollten, so mögen sie ihre Frauen fragen. Die wissen's, wenn vielleicht auch nur e contrario. Vielleicht wissen es sogar auch die Töchterchen schon. Ein junger unverdorbener Bursch weiß es auch. Was nun vollends ein echter deutscher Mann ist, das brauchen wir wirklich nicht erst aus den Büchern zusammenzulesen. Wir tragen es im Herzen, und wir haben es mit eigenem Auge gesehen, jedenfalls wir Älteren. Es ist uns zum freudigen und zugleich tief erschütternden Erlebnis geworden, als wir vor dem greisen Bismarck standen und seine Worte hörten, die uns wie eherne Pfeile ins Herz drangen: jeder Satz ein Glaubensbekenntnis, hinter jedem Gedanken die Lebensüberzeugung eines Aufrechten, der sich seine innere Welt selbst erstritten und erbaut hat. An ihm sahen wir lebendig, was uns Ernst Moritz Arndt in seiner für unser Gefühl etwas theatralischen Sprache als das wahre Wesen des Mannes, des deutschen Mannes, vorgezeichnet hat: »Wollt ihr das irdische Paradies wissen?« so fragte er seine deutschen Brüder und gab ihnen die Antwort: »Es heißt Arbeit und Mühe, und Freude und Genuß nach Arbeit und Mühe. Anders wird auf Erden kein glückliches Leben, keine Freude des Herzens, kein Götterstolz der schwellenden Brust gewonnen. Es heißt arbeiten und wirken, streiten und ringen, Mut frisch zu leben und tapfer zu sterben. Weg mit euren Mondgesichtern, eurem seligen Schlaraffenlande, mit allen euren weinerlichen Tugenden und tugendhaften Weinerlichkeiten! Freies Auge, festen Arm, kühnes Wort, freudiges Leben und frischen Tod, das will ich an Männern; die Würde des Geschlechts, den Verstand der Welt, das hohe Ideal der Ewigkeit in Wort und Tat sollen sie aufrechthalten; darum sollen sie gerüstet sein zu Zorn und Tod, zu jedem hohen Gefühl und jedem hohen Opfer.«

Mag uns also mit dieser Erklärung genug sein. Sie ist keine Begriffsbestimmung, aber sie trifft das Wesen der Sache, von der wir handeln.

Im weiteren Verlaufe dieser Darstellung wird dann noch deutlicher hervortreten, was wir unter Mannhaftigkeit verstehen.


II.
Begrenzung des Themas.

Die Deutschen zur »Mannhaftigkeit« erziehen, heißt, sie ihrer eignen Natur zuführen. Bismarck, der seine Deutschen wie wenige kannte, teilte die Völker in männliche und weibliche. Den männlichen zählte er die Deutschen zu. Dabei handelt es sich, wie schon gesagt, nicht allein um Tapferkeit vorm Feinde, scheinbar die männlichste aller Tugenden, sondern um die ganze innere Kraft und Beharrlichkeit, um die ruhige, sichere Lebensführung. »Tapfer«, sagt derselbe Bismarck, »sind alle Völker.« Tapfer sind in Wahrheit die Franzosen und nicht minder die Japaner, tapfer die Türken und die Hereros. Einer unserer Afrikaner erzählte mir, daß er nach dem Gefechte tote Hereros gefunden habe, die sich selbst in die Wunden Grasbolzen gestopft hatten, um bis zum letzten Atemzuge mitzukämpfen. Wer also könnte die Tapferkeit dieser »Wilden« noch überbieten? Tapfer sind alle die Völker, die für ihre Freiheit, ihren Glauben, ihren Herd und ihre Heimat kämpfen. Feig sind nur Sklaven, die nichts zu verteidigen haben, was den Einsatz des Lebens lohnte. Je mehr unabhängige, freie Männer ein Volk hat, um so waffengewaltiger und unwiderstehlicher wird es sein. Das wußten die großen Volkserzieher sehr wohl, die vor jetzt hundert Jahren in Preußen aus Leibeigenen freie deutsche Bauern machten.

Eine Erziehung zur Tapferkeit gibt es eigentlich nicht. Schon Sokrates legte sich die Frage zweifelnd vor, ob es möglich sei, aus einem feigen Menschen einen tapferen zu machen. Er erkannte richtig, daß man ihn dahin bringen könne, durch Gewandtheit und Kraft die Gefahren und damit die Furcht zu vermindern. Er war aber der Meinung, daß ein in schwerer Rüstung erprobter Spartaner seinen Mut verlieren würde, wenn man ihn plötzlich leichtbewaffnet mit Pfeil und Bogen auf ein wildes Pferd setzen wollte – und umgekehrt. Das ist ganz richtig. Ich beobachte hier die verwegensten Bergsteiger unter den steierischen Bauern, die durch keine Bitten und Vorstellungen dazu zu bringen wären, bei Sturm ein Boot zu besteigen.

Tapfer vor dem Feinde oder im Wogendrang sind die Deutschen und werden es ihrer Natur nach im wesentlichen auch immer bleiben, wenn sie zu Land und zu Wasser eine tüchtige Ausbildung erhalten und wenn sie nicht durch eine ungeschickte Regierung und durch eine ungünstige wirtschaftliche Entwicklung wieder tiefer in eine menschenunwürdige Abhängigkeit gebracht werden. Die Gefahr ist allerdings vorhanden, und die Bahn, in der sich unsere sogenannte Kultur entwickelt, führt unsere Volksmasse eher in die Tiefe, als in die Höhe. Drei starke Mächte untergraben unbewußt und unbeabsichtigt, aber de facto doch die Mannhaftigkeit unseres Volkes: Hierarchie, Bureaukratismus, Kapitalismus.

Mit diesen drei Mächten werden wir uns auch in dieser Schrift herumschlagen müssen. Das sieht aus wie eine Abweichung vom Thema, ist es aber nicht. Kein Erzieher, der den allgemeinen Erziehungsfragen nachgeht, kommt um diese Probleme herum.

Es ist überhaupt ein gar wunderlich Ding mit der Erziehung. Wo immer man ansetzt, um irgendeiner Erziehungsfrage auf den Grund zu gehen, da gerät man sofort in die allgemeinen großen und letzten Fragen der Menschheit, des sozialen und staatlichen Lebens. Man wirft uns pädagogischen Schriftstellern vor, daß wir anmaßend und geschwätzig wären. Mag sein, daß wir es sind, aber es ist fast eine Notwendigkeit, denn unser Studiengebiet ist die gesamte Menschheit, und es hängt darin wie in einem großen Gewebe eines mit allem zusammen.

Ein besonderes Thema aus der ethischen Erziehung herauszugreifen ist, wie ich zu spät einsehe, eigentlich etwas Halbes, Einseitiges, Verkehrtes. Es ist, als wollte einer z. B. über die Gesundheit oder Pflege der menschlichen Hand ein Lehrbuch schreiben, ohne zugleich den gesamten übrigen Leib zu behandeln und ohne Kenntnis alles organischen Lebens und Wachstums. Ist der ganze Leib gesund, so wird es auch die Hand sein oder werden. Dagegen kann die Hand nie gesund sein und werden, wenn der übrige Leib krank ist. Ein Leib ist eben ein geschlossener Organismus. Ebenso ist das menschliche Geistesleben eine Einheit, ist ein Volk eine Einheit, ist Volkserziehung ein einheitliches Thema. Wo immer man ansetzt, stets führt die Untersuchung vom Einzelnen ins Allgemeine, und ehe der Schulmann sich versieht, eilt sein Geist und seine Feder aus der Schul- und Kinderstube hinaus in die weite Welt und sucht ringsum, selbst in der alten Geschichte und in entfernten Gegenden, die notwendigen Ergänzungen und Belehrungen.

So wird sich auch dieses Buch, dem ich enge Grenzen und ausschließliche Beschränkung auf das Gebiet der Jugenderziehung zugedacht hatte, auf sein eigenstes Thema nicht beschränken lassen. Vor allem stellt sich immer wieder heraus, daß Jugenderziehung und allgemeine Menschenerziehung nicht zu trennen sind. Schon deshalb nicht, weil nur selbst erzogene Menschen erziehen können, weil jede Erziehungsschrift sich an die Erwachsenen wenden muß und weil notwendige Voraussetzung einer jeden guten Erziehung die rechte Organisation von Staat, Haus, Schule und öffentlichem Leben ist.

Die größten Philosophen und Staatsmänner waren deshalb auch in der Regel zugleich die besten Erzieher ihres Volkes. Bismarck hat für die moralische Erziehung unseres Geschlechtes mehr geleistet als zahlreiche Erzieher von Beruf zusammengenommen. Ebenso Kaiser Wilhelm I. Das Vorbild gilt mehr als die Lehre, »exempla trahunt« sagten die Römer.

Wenn Plato lehrt, der weiseste Philosoph müsse König sein, so müßte der Weiseste zugleich Erzieher sein. Stillschweigend wird das auch durch die Praxis schon anerkannt, denn die Erziehung holt sich ihre geistigen Hilfstruppen nur aus den Regionen der höchsten menschlichen Kraft. Das Tiefste, Edelste, Größte und Schönste, was je gebildet, gedacht und geleistet worden ist, ist uns für unsere Erziehungszwecke eben gut genug. Nichts liegt uns so fern, nichts so hoch, wonach wir Lehrer nicht unsere Hände ausstreckten.

Wir haben ein Recht dazu, denn wir walten in Wahrheit eines königlichen Amtes und unser Reich ist nicht minder groß und schön, als das der Mächtigsten unter den gekrönten Häuptern. Die Berechtigung aber, auch an der Erziehung der Eltern zu arbeiten, wird man uns nicht zugestehen. Dem Prediger ist sie nie bestritten worden. Er hat die höhere Weihe. So auch der Jurist, der den ererbten, nicht immer begründeten Ruf allumfassender Kenntnisse und Fähigkeiten genießt, zumal wenn er sich mit dem Scheine eines Staatsmannes zu umkleiden weiß. Dahinter wittert der gewöhnliche Sterbliche eine ganz profunde geistige Kapazität und deutet selbst das Schweigen als ein Siegel tiefer Gedanken. Dabei ist es oft das ganz natürliche Zeugnis geistiger Impotenz. Wir wissen, wie geringschätzig Bismarck über diese Zunft der Völkerlenker dachte. Bauern, Zolleinnehmer und Krämer kamen ihm mit ihnen verglichen als wahre Leuchten vor. Mir erzählte einmal Exzellenz v. Oehlschläger, Bismarck habe ihn zum Unterstaatssekretär mit der Begründung gemacht, daß er ein Jäger (!) sei. Jäger hätten ein gutes Auge und ein gesundes Urteil. Man lese, wie verächtlich auch Maximilian Harden von der Zunft spricht, die die Welt mit so wenig Verstand regiert.

Man wird vielleicht, wie nach dem Schmerzenstage von Tilsit, noch einmal zu der Überzeugung kommen, die Fichte den verzagten Deutschen predigte, daß alles Heil von der Erziehung kommen müsse. »Unsere Verfassung wird man uns machen,« sagte er damals in seinen Reden an die deutsche Nation, »unsere Bündnisse und die Anwendung unserer Streitkräfte wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird man uns leihen, selbst Gericht und Urteilsspruch und Ausübung desselben wird man uns bisweilen abnehmen. Mit diesen Sorgen werden wir auf die nächste Zukunft verschont bleiben. Bloß an die Erziehung hat man nicht gedacht: suchen wir ein Geschäft, so laßt uns dieses ergreifen! Es ist zu erwarten, daß man in demselben uns ungestört lassen werde. Ich hoffe, daß ich einige Deutsche überzeugen und sie zur Einsicht bringen werde, daß es allein die Erziehung sei, die uns retten könne vor allen Übeln.«

Wir leben bei allem äußeren Glanze und bei aller Selbstgefälligkeit in Zeiten, die uns durch die schwüle Stimmung an den Niedergang Preußens, an die Vorboten von Jena und Auerstedt erinnern. Jedenfalls ist die Klage Dr. Heinrich Ilgensteins (Blaubuch 1906 Nr. 34) berechtigt, daß seit den Zeiten des seligen Metternich nie so dunkel, so öde, so entwicklungsfeindlich, so gegen das Volk und seine vitalsten Bedürfnisse regiert worden ist. Wo die Staatsinstitute so schmerzlich versagen und aus den Behörden heraus kein befreiendes Wort zu vernehmen ist, wird man wohl wieder nach freien »Männern« Ausschau halten. Vielleicht findet man den einen oder den anderen unter den Lehrern, den berufensten Kulturträgern, der sich seiner Mission bewußt wird. Schon der »Rembrandt-Deutsche« sprach die Überzeugung aus, daß wir, um ein einiges Volk zu werden, noch einen zweiten Bismarck brauchten, und das müsse ein pädagogischer (oder, wie er unzutreffend sich ausdrückt, ein philologischer) sein. Vielleicht helfen auch diese Rufe mit, ihn aufzuwecken und zur Tat zu begeistern. Den Lehrer aber hat man leider nie nach seiner Bedeutung bewertet. Deshalb vor allem ist er in der Regel hinter seiner wahren Aufgabe auch weit zurückgeblieben. Jetzt vielleicht noch mehr als in früheren Zeiten. Denn jetzt ist der Lehrer mehr als je – Beamter. Als solcher hat er ein Amt, aber keine Meinung. Der Mensch wird eben schließlich zu dem, wofür man ihn nimmt.

Friedrich der Große, sonst wirklich groß und ehrlich gewillt, ein freidenkendes Volk zu beherrschen, dachte doch so niedrig über die geistigen Ansprüche, die au deutsche Jugenderziehung zu stellen seien, daß er Unteroffiziere dazu glaubte abkommandieren zu können. Das war vielleicht schon ein Fortschritt. Denn der Unterricht lag damals noch in den Händen von Handwerkern, die ihn im Nebenamt betrieben. Der Lehrer rangierte auf dem Lande jahrhundertelang in einer Linie mit den Kuhhirten und den Totengräbern. Sein Gehalt ist auch jetzt noch in Preußen das eines Subalternbeamten, obschon Luther, der große Lehrmeister der protestantischen Welt, gesagt hatte: »Einen fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister oder wer es ist, der Knaben getreulich zeucht und lehret, den kann man nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen: noch ist's bei uns so schändlich veracht, als sei es gar nichts, und wollen dennoch Christen sein. Und ich, wenn ich vom Predigtamt und andern Sachen ablassen könnte und müßte, so wollte ich kein Amt lieber haben, denn Schulmeister und Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dieses Werk nächst dem Predigtamte das allernützlichste, größeste und beste ist, und weiß dazu noch nicht, welches unter beiden das beste ist.« So also sprach Luther. In unseren Herrscherhäusern aber ist man dem Lehrerstande nicht aufrichtig gewogen, auch heute noch nicht. Ja, heute vielleicht weniger als vordem. Friedrich Wilhelm IV. hielt ihn für verantwortlich für den durch die Aufklärung »verirrten Zeitgeist« und erklärte, daß die Lehrer nicht auf Bildung, sondern auf Gesinnung ihrer Schüler zu halten hätten.

Auch unser Kaiser hat die Überzeugung, daß die Sozialdemokratie mit ihrem mangelnden kirchlichen Sinne und ihrer gegen die Regierung ablehnenden Haltung zu solcher Macht nicht hätte gelangen können, wenn die Lehrer ihre »Pflicht« getan hätten. Sie haben auch bisher vom Kaiser kaum noch Beweise der Gnade erhalten. Wir bewegen uns eben noch in den Bahnen der von Friedrich Wilhelm IV. begonnenen Reaktion. Ziel des Schulunterrichtes ist nicht sowohl die freie Entfaltung aller eingeborenen menschlichen Kräfte, als die Heranzüchtung von brauchbaren Beamten und ruhigen Bürgern oder lieber noch – »Untertanen«. Denn daß es bei uns vor dem Gesetze nur noch Bürger, nicht mehr Untertanen gibt, davon will man in den höchsten Regionen nicht viel wissen. Leider lassen sich unsere Zeitgenossen die Freiheiten und Rechte, die ihnen ihre Väter erkämpft haben, in ihrer beschämenden Untertanengesinnung ohne Widerrede wieder wegnehmen. Daher sprechen unsere Zeitungen in unseren konstitutionellen Staaten immer noch von Monarchen und Untertanen und die Leser nehmen es hin ohne Erröten und ohne Erbitterung.

Es steckt eben dem armen, durch Jahrhunderte hindurch so miserabel behandelten Deutschen leider die Bedientengesinnung noch zu tief in den Knochen. Sie lebendig zu erhalten und recht gründlich zu pflegen, scheint man als Hauptaufgabe des Lehrerstandes anzusehen, dem selbst vor allem Gehorsam und Bescheidenheit zur Pflicht gemacht wird. Davon unten mehr! – Unsere Regierungen geben auch heute noch Gesetze für die Volksschulen, ohne deren Lehrer selbst zu hören. Die Erzieher der deutschen Jugend können bis jetzt, wenn sie nur Volksschullehrer sind – »Volk« bedeutet nämlich bei uns noch etwas Niedriges –, in unserem Volksheere nicht einmal Reserveoffizier werden. Das sagt alles![1]. Das beweist, wie niedrig man den Bildungsstand und die moralische Tüchtigkeit dieser Herren einschätzt, die nach meinen Erfahrungen jetzt in ihren besten Vertretern den Vergleich mit unseren Linien- und Gardeoffizieren kaum zu scheuen brauchen. Ich bin überzeugt, daß sie ganz besonders tüchtige Offiziere abgeben würden. Denn sie kennen das Volk und haben die Jugend gründlich studiert, viel gründlicher jedenfalls als der adlige Offizier, der vor seiner Dienstzeit mit dem niederen Volke selten in einem lebendigen Verkehr steht. Sie haben auch alle sonstigen geistigen und moralischen Qualitäten dazu. Wer das bezweifelt, der besuche die Verhandlungen dieser Lehrer und höre ihre Vorträge an. Auf den »Kunsterziehungstagen« wußten wir Zuhörer, wenn wir nicht das gedruckte Programm einsahen, nicht, ob da ein Hochschullehrer oder »bloß« ein Volksschullehrer spreche. Unsere Universitätsprofessoren, die jetzt die Volksschullehrer aus persönlichen Beziehungen kennen lernen, sprechen mit großer Anerkennung von ihnen. Prof. Theobald Ziegler aus Straßburg sagte ihnen auf dem Münchener Lehrertag dieses Jahres offen ins Gesicht, daß heute in dem Stande der Volksschullehrer ein höherer Bildungsdrang und idealerer Sinn wohne als in irgendeinem anderen Stande. Das ist auch meine Erfahrung. Und unter diesen mehr als 150 000 deutschen Männern sollte keiner sein, – oder jetzt doch zwei, aber nur zwei – die sich zum Reserveoffizier qualifizieren? Unglaublich! Um so unglaublicher, als unsere von Beamten, Offizieren, Königen und Fürsten mit erhobener Hand und unter Anrufung Gottes beschworenen Verfassungen anordnen, daß vor dem Gesetze jeder Bürger gleich sei, daß Ämter und Ehren nur nach Verdienst und Würdigkeit vergeben werden müssen. Das ist also Gesetz! Man beruhigt sich aber bei uns – weil wir ein militärfrommes und ein doch zu wenig mannhaftes Volk sind – mit der Tatsache, daß hier eine Rechtsbeugung vorliegt, und wenn man die Sache einmal ernstlich zur Sprache bringt, dann fehlt es nie an irgendeiner gesetzwidrigen und unhaltbaren Ausrede. Dazu gehört in unserem Falle die, daß der Volksschullehrer keine »gute Kinderstube« hinter sich habe – und doch läßt man ihn Kinder erziehen? – daß er mithin noch nicht ganz – na sagen wir mal – noch nicht ganz »stubenrein« sei. Der wahre Grund liegt aber wo anders.

Die Lehrer, niedere und selbst höhere, sind eben bei uns noch die Parias der gebildeten Gesellschaft. Wenn wir für unsere Schulen in einer sittlich erregten Sprache reden, dann erheitert man sich über uns. Einen Oberlehrer nimmt man ja schon ernster. Wie aber kann ein Mensch, der ein kleiner Beamter ist, jährlich kaum mehr als 1000 Mark zu verzehren hat, wie kann ein solcher Mensch sich erlauben, über allgemeine Kulturfragen, über Politik, Regierungsgeschäfte, Nationalökonomie, soziale Fragen, über Volksleben und nun vollends über Kirchenfragen mitreden zu wollen?

Auch den »höheren« Lehrer möchte man ja am liebsten auf seine Klasse und sein Studierzimmer beschränkt haben. Nur daraus ist die oben schon erwähnte Zurückhaltung dieses Standes in allen großen öffentlichen Kulturfragen zu erklären. Beamtengehorsam macht Schweigen erwünscht. Wer davon abweicht, erregt unangenehmes Aufsehen. Solche Herren kommen mit ihren sehr unerwünschten, sogenannten »ethischen« Fragen, stören mit ihrem unfruchtbaren Gerede den ruhigen Geschäftsgang. (In Deutschland ist jetzt nämlich alles zur bloßen Verwaltungssache heruntergekommen. Ethische Fragen gibt es nicht mehr!) Dazu sind die Lehrer anmaßend, nie zufrieden, für sich selbst maßlos begehrlich, drängen sich in die höheren Stände hinein und wollen vor allem eben immer über Dinge mitreden, von denen sie nichts verstehen. Da gilt der Satz: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Der Lehrer soll den Kindern nach Anweisung seiner Behörden und unter Aufsicht eines Geistlichen den rechten Glauben, Gottesfurcht, Liebe zum Herrscherhause und dann die verschiedenen Lehrgegenstände beibringen: Schreiben, Lesen, Rechnen, Deutsch, auch Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Mathematik usw. Hat er damit nicht genug zu tun? Da redet ihm auch niemand hinein. Niemand macht ihm seine Lehren von den lateinischen und griechischen hypothetischen Sätzen streitig. Weshalb also bleibt nicht auch er auf seinem eignen Boden, bei seinen dienstlichen Pflichten?

Nun eben aus dem Grunde, weil es unmöglich ist, über Erziehungsfragen zu sprechen, ohne zugleich Staat und Gesellschaft auf ihren Zustand zu prüfen. Wer Rousseau und Pestalozzi nur ein wenig kennt, weiß das selbst schon.

Ich will aber diese Behauptung doch durch zwei Beispiele noch begründen:

Wir nehmen an, die Lehrer haben sich dahin geeinigt, daß ihre Schüler allwöchentlich ihren arbeitsfreien Nachmittag haben und unter der Leitung eines Herrn bei Jugendspielen oder Jugendwandern in der Natur verbringen sollen. Die Eltern gestatten aber ihren Kindern nicht, daran teilzunehmen, weil sie ihre Hilfe im Hause brauchen und weil die Wege aus der Großstadt aufs Land zu weit, zu zeitraubend, zu kostspielig sind. Da werden sich also die Lehrer mit den Problemen der städtischen sozialen Not zu beschäftigen haben.

Das zweite Beispiel: Die Schule ordnet bei einem patriotischen Feste öffentlichen Umzug der Schüler an. Mehrere Eltern reichen ein Gesuch ein, ihre Kinder davon zu dispensieren, da dieses Fest gegen ihre politische Überzeugung verstoße. Gleich steckt man mitten drin in den politischen Streitfragen und in der Untersuchung, wie die Befugnisse der Schule und die des Hauses gegeneinander abzugrenzen seien.

Die Antwort auf diese Beispiele wird lauten: Darüber hat die vorgesetzte Behörde zu entscheiden. Gesetzlich – ja! Aber ist deshalb der Lehrer die Probleme los? Wird er nicht den Beruf in sich fühlen, Konflikte, die entstehen, selbst eingehend bis in die Quellen zu prüfen und sich ein selbständiges Urteil darüber zu bilden? Unterläßt er das, so wird er bald mit seinem Gewissen in Konflikte kommen oder mehr und mehr zur willenlosen Staatsmaschine werden. Wer ihm das zumutet, der entwertet den Lehrerstand und vergeht sich damit am öffentlichen Wohle. Am deutlichsten tritt das in die Erscheinung auf dem religiösen Gebiet. Auch da wollen Kirche und Staat dem Lehrer die Gesinnung vorschreiben, ihm schweigenden Gehorsam zur Pflicht machen. Ein unmögliches Ansinnen. Daran muß der Lehrerstand innerlich zugrunde gehen. Er wird daher aus dem Triebe der Selbstachtung, der Selbsterhaltung, auch aus pflichtgemäßer Fürsorge für die ihm anvertraute Jugend und damit aus patriotisch-nationalem Gewissen in die kirchenpolitische Agitation und Schriftstellerei mit eintreten, in der wir jetzt unseren Volksschullehrerstand tatsächlich finden. Das sind wahrhaftig keine Übertritte in fremdes Gebiet. Da streitet der Lehrer für sein eigenstes Feld und auf diesem. Anders denkt freilich die Geistlichkeit, die stets sehr erregt wird, wenn die Lehrerschaft sich ihrer Gängelung entziehen will. Aus Pastorenfeder stammt jedenfalls auch der köstliche Ausfall, den ich hier als Gesinnungs- und Stilprobe wiedergeben muß:

»Schulmeisterei und Schulmeister. Auf die preußische Kultur, die so zart zu sein scheint wie die Blaublümelein, droht wieder einmal ein tötlicher Reif zu fallen. Angst und bange muß es einem werden, wenn man die Klagetöne über die drohende Konfessionalisierung der Volksschulen anhört. Wir entdecken jählings die ungeheuren Segnungen der Simultanschule, deren Licht hell durch das konfessionelle Duster leuchtet, und ziehen den Kriegsmokassin an, um mannhaft für Freiheit des Geistes und Fortschritt einzutreten. Eine würdige Sache ist gefunden, in deren Dienst der mannhafte Hase seine radikalen Raubtierinstinkte austoben kann. Allen voran aber zieht, als Rufer im Streit, der freiheitsdurstige »Schulmann«. Seit die Schulmeister die Schlacht bei Sadowa gewonnen haben, ist ihnen ein gewaltiger Stolz in die Krone gefahren. Es ist mit der Würde des Volkserziehers unvereinbar, die Bälge zu treten oder dem Pastor in den Talar zu helfen. Beim Schweineschlachten vermag auch die größte Wurst den Pädagogen nicht mehr zu locken, der sich sehnt, die Bank des Kollegs zu drücken und Reserveoffizier zu sein. Statt den Bakel zu schwingen, erregt er die Aufmerksamkeit des Schülers und vertieft dessen Interesse; statt der Fibel, deren Titelblatt der stolze Hahn ziert, wälzt er dicke Schmöker, in denen die unverdaulichen und zähen Brocken aus philosophischen Schüsseln zu einem breiten, leicht eingehenden Brei verkocht sind. Er interessiert sich für alles, namentlich wenn es aus zweiter Hand kommt. Er betrachtet die Welt und ihre Probleme mit arrogant-bescheidenem Verständnis. Er begeistert sich für das Wahre, Gute und Schöne und streut mit verschwenderischer Hand Keime des Edlen aus. Und er handhabt den Idealismus wie ein geschickter Wilddieb die Flinte, um jedem individualistischen Bock das Leben auszupusten. Kurz, er wird seinem Kollegen der höheren Observanz, dem Gymnasialobermeier, immer ähnlicher. Den aber packt der bleiche Schreck, er könne mit dem Volksschulmeister verwechselt werden, und darum trachtet er nach faustdicken Titeln: Gymnasialreferendar, Gymnasialassessor, Professor – und begehrt Einlaß in die erhabene vierte Ratsklasse. So flüchtet er auf der Leiter der Würden immer vor dem Rivalen aus der unteren Schicht her – aufwärts; aber schließlich werden beide auf dem höchsten Gipfel der Wertschätzung ankommen, und wenn der Obermeier an die Stelle des Erzengels Gabriel einrückt, wird der Meister der Schule nicht säumen, die Erbschaft Rafaels anzutreten. Heilig sind die Seelen der zu erziehenden Kinder. Heilig, heilig ist die Schule. Heilig, heilig, heilig ist der Pauker. Die Welt ist ein Institut, in der einer immer den andern erzieht, und der liebe Gott ist der Oberschulmeister, obwohl er noch nach veralteten Methoden arbeitet und bei Gelegenheit feste zuhaut.« (Die Funken.)

Man sieht, dem Pfäfflein ist es betrübend, daß ihm der Lehrer über den Kopf zu wachsen droht und sich nicht mehr mit der Ehre begnügt, für ihn den Balg der Orgel zu treten und ihm mit devotem Eifer in den schwarzen Talar zu helfen. Daher die Erregung! Nichts erheiternder als so ein polternder Kapuziner! Ich sehe voraus und hoffe, daß die Geistlichkeit und die ihr allzu willfährigen Regierungen an den Lehrern, die jetzt erwacht, organisiert, zum Bewußtsein ihres nationalen und sittlichen Berufes, zugleich auch zum Bewußtsein ihrer Macht gekommen sind, noch ihr blaues Wunder erleben werden. Wir stehen im Anfange einer Entwicklung, die nicht mehr einzuhalten ist. Der Lehrer steigt in dem Maße, wie der Geistliche sinkt. Dies – in Parenthese – meine Überzeugung!

Welches also wird, um die Frage zu wiederholen und endlich auch zu beantworten, welches wird die Begrenzung dieses Themas sein? Nun, am liebsten gar keine. Schulmeisterarroganz weicht, wie wir lasen, vor keiner Schwierigkeit zurück. Es soll also nichts abgewiesen werden, was mit unserem Thema in einem inneren lebendigen Zusammenhang steht. Erschöpfen läßt sich auch bei großer Einschränkung unser Thema nicht, noch weniger zu allgemeiner Zufriedenheit lösen. Schon jetzt wissen es alle Klerikalen, alle bureaukratisch und plutokratisch infizierten Leser, daß es »lauter Unsinn« sein wird, was nun folgt.

Nur eine Beschränkung schließt das Thema leider schon in sich ein: den Ausschluß der Mädchenerziehung. Mir wäre es leid, wenn man daraus falsche Schlüsse zöge, als ob ich diese für minder wichtig als die Knabenerziehung hielte. Es ist auch kein gewollter, kein absichtlicher Ausschluß. Auch Mädchen sollen zu Persönlichkeiten herangezogen werden, am besten gemeinsam mit den Knaben. Zu Männern aber und »mannhaft« wünscht man sie doch nicht.

Mir fällt dabei der Pastor ein, der seiner eben ihm angetrauten Gattin, als sie sich trotz dreimaligen Signales der Bahnglocke den Armen ihrer Mutter nicht entwinden konnte, das stolze Wort zurief: »Luise, sei ein Mann!«

Wer, wie ich, Pestalozzi verehrt, der weiß, daß alle Erziehung in der Kinderstube wurzelt und daß die Mutter die erste und die wirksamste Erzieherin der Kinder ist.

Haben wir tüchtige Mütter, so wächst auch eine tüchtige Jugend heran. Das ist eine alte Weisheit und allen Völkern bekannt. Die Mütter bedürfen keines neuen Ruhmes, sie dürfen stolz sein auf die Ehrennamen, die ihnen die Sprichwörter aller Völker geben. »Muttertreu', sagt der Deutsche, wird täglich neu. – Ist die Mutter noch so arm, gibt sie doch dem Kinde warm. – Wer der Mutter nicht folgen will, muß zuletzt dem Gerichtsdiener folgen. – Besser einen reichen Vater verlieren, als eine arme Mutter. – Was der Mutter ans Herz geht, geht dem Vater nur ans Knie. – Im Hindostanschen heißt es: Mutter mein, immer mein, möge reich oder arm ich sein. – Der Venetianer sagt: Mutter, Mutter! Wer sie hat, ruft sie, wer sie nicht hat, vermißt sie. – Der Russe sagt: Das Gebet der Mutter holt vom Meeresgrund herauf. – Tscheche und Lette sagen: Mutterhand ist weich, auch wenn sie schlägt. – Fast alle Völker haben das Sprichwort: Eine Mutter kann eher sieben Kinder ernähren, als sieben Kinder eine Mutter. – Über den Verlust der Mutter sagt ein russisches Sprichwort: Ohne die Mutter sind die Kinder verloren wie die Bienen ohne Stachel.«

(Ich fand diese schöne Zusammenstellung in irgendeiner Tageszeitung, kann leider nicht mehr sagen, in welcher.)

Ich maße mir nicht an, einen Prälaten, Generalsuperintendenten oder Geheimrat irgendeines Kultusministeriums davon zu überzeugen, daß ihre Tätigkeit die Mannestugenden des deutschen Volkes schädige. Ich erwarte und finde es selbstverständlich, daß sie sich darob entrüsten oder wohl lieber mit spöttischem Lächeln daran vorübergehen. Das ist ihr gutes Recht, ebenso wie es mein gutes, mir verfassungsmäßig zustehendes Recht ist, solche Behauptungen nach meiner ehrlichen Überzeugung auszusprechen und zu verfechten.

Als ich mit meinen ersten pädagogischen Schriften hervortrat, hatte ich noch den naiven Wunsch, anders Gesinnte zu überzeugen, und den noch naiveren Glauben, von ihnen gerecht beurteilt zu werden. Beides habe ich seitdem gründlich aufgegeben.

Wenn jetzt einer kommt und sagt mir: »Sie hätten das und das nicht schreiben dürfen; Sie hätten die Sache so und so darstellen müssen,« dann habe ich für solchen Fall eine prächtige »Abfuhr« erfunden. Meine Antwort lautet:

»Mein Herr, Sie befinden sich in einem fundamentalen Irrtum!«

»Na, erlauben Sie mal! Wieso denn?«

»Ja, mein Herr, Sie meinen, daß ich Ihre Ansichten vortragen wollte. Das lag mir völlig fern. Ich wollte nur sagen, was mir richtig scheint. Das haben Sie offenbar nicht beachtet.

Auf recht baldiges Wiedersehen! Meine besten Empfehlungen an Ihre verehrte Frau Gemahlin!«


III.
Pädagogische Vorbilder.

Am liebsten freilich würde ich persönlich auf die Erziehungsweisheit der Vergangenheit an dieser Stelle verzichten. An lehrreichen Abhandlungen, an Doktorarbeiten über die Erzieher aller Völker und Zeiten ist kein Mangel. An historischem Wissen fehlt es uns wahrhaftig nicht. Daß auch ich die Pädagogik früherer Jahrhunderte, auch die anderer Völker, einigermaßen kenne, wird man mir glauben. Wenn nicht, so schadet es auch nichts. Man hat jetzt so vortreffliche Handbücher über die Geschichte der Pädagogik, daß einer ja mühelos in einem Monate darin zu einem Kenner werden kann. Verzichten möchte ich, weil wir an sich schon in Überlieferung und in historischer Bildung ersticken. Was wir brauchen, ist die Tat.

Was würde wohl Jesus Sirach dafür gegeben haben, wenn er einen flüchtigen Blick in unsere heutige Erziehungspraxis hätte tun können? Was Habakuk – der einzige von allen kleinen Propheten, zu dem ich von Kindheit an in einem herzlichen Verhältnis stehe; ich sprach freilich seinen Namen früher etwas unkorrekt als Haferkuck aus und stellte ihn mir als einen kleinen neckischen Kobold vor, der sich auf der Tenne und beim Futterkasten im Pferdestall durch Neugier bemerklich machte, daher das frühe Interesse und Verständnis für ihn –. Was würden dessen Kollegen von der »kleinen Prophetie«, deren Namen, aber auch rein nichts als eben diese Namen, seit Luthers Tagen Millionen, nein, ich glaube Milliarden von blonden Bauernkindern kennen und hersagen lernten – Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja, Maleachi – ein Lautgeklingel, den Kindern weniger wertvoll als der Spielreim:

Ene mene mink mank
Pinkpank
Use buse packe dich
Eier beier weg! –

Was würden also wohl diese schwarzgelockten Hebräer, was die ernsten Griechen, etwa ein Sokrates, ein Plato, Aristoteles, was Cicero, Seneca, der heilige Augustin, was Luther, Goethe, Fichte und andere große Erzieher der Vorzeit darum gegeben haben, wenn sie einen flüchtigen Blick in die heutige Erziehungspraxis hätten tun können?

Wenn man einen dieser Männer gefragt hätte: »Wie sollen die Deutschen im 20. Jahrhundert ihre Kinder erziehen?« so würden sie gewiß – da sie ja eben gescheite Leute waren – wie aus einem Munde jeder in seiner Sprache gerufen haben: »Ja, was woas denn i? Des müssen doch de alloanig wissen!«

Man lege sich einmal selbst die Frage vor: »Wie soll im Jahre 3000 die deutsche Jugend erzogen werden?« Getraut sich irgend jemand dazu nur ein einziges Wort von Bedeutung zu sagen?

Wenn ich heute die Ehre hätte, mit Ernst Moritz Arndt zu sprechen, so würde er fragen, ich antworten, nicht umgekehrt.

»So, ihr habt also endlich ein einiges Deutsches Reich? Famos! Sagen Sie mir: Besteht denn det olle Gymnasium noch immer? Sollt's nicht glauben! Ja, ja, so alte Einrichtungen haben ein zähes Leben. Also geturnt darf jetzt in den deutschen Schulen wieder werden? Na, gottlob! Das muß ich doch meinem Freunde Jahn erzählen. In unserer Zeit galt es einmal für staatsgefährlich. Wird das euren Kindern auch in der Schule erzählt? Denkt man noch an mich, an den großen Befreiungskrieg, an unser herrliches Leipzig? Gelten unsere Namen der deutschen Jugend noch etwas? Oder leben da in höherem Ansehen noch der alte Aristides, der so gerecht war, daß er nicht einmal Staatsgelder defraudierte, Hippias, der sich bestechen ließ, vom Erbfeinde – oder der Erzschelm, der Aristomenes – nee, nee, wie hieß doch der Athener, der sein Vaterland mit Hilfe der Spartaner bekämpfte?«

»Herr Professor, Sie meinen den Alcibiades?«

»Ja ja, ganz recht, Alcibiades. An den liederlichen Burschen habe ich freilich lange nicht mehr gedacht.

Na, und dann die scharmanten Römer? Fabricius, der nicht einmal vor einem Elefanten ausriß, Horatius Cordes, der allein mit einem ganzen Etruskerheere fertig wurde – Herrgott, was konnten die alten Römer schön lügen! Und der eisigkalte Sulla, Marius, der Bluthund, mein alter Schulfreund Cicero, ›Quosque tandem, Catilina‹! (Sie sehen, es sitzt noch immer), der lustige und verliebte Ovidius Naso, – der dann im südlichen Rußland so elend einging – seine Amores lasen wir heimlich deutsch – auch der Virgilius, der mit so vollen Backen sang, der alte gemütliche Horatius mit seiner netten Lalage? – alle noch auf dem Posten? Ja? Und trotzdem habt ihr also ein großes Deutsches Reich? Sehen Sie mal an!

Na, Gurlitt, da setzen Sie sich mal her! Sie müssen nun ordentlich erzählen, wie das alles gekommen ist. Aber, bitte, recht genau, recht ausführlich! Sie sind ja Lehrer, also auch die Erziehungsgeschichte! Alles, alles! Es interessiert mich wirklich über die Maßen.«

»Herzlich gerne, aber Sie verzeihen; eigentlich war es meine Absicht mir bei Ihnen, Herr Professor, Rat zu holen.«

»Bei mir?«

»Ja, eine Belehrung darüber, wie wir die deutsche Jugend erziehen sollen, besonders in Rücksicht auf die Mannhaftigkeit. Ich hoffte, daß Sie –«

»Ach, Unsinn, Sie oller Schulmeister! Von mir können Sie da nichts lernen. Jedes Volk, jede Zeit muß eigne Erzieher haben. Oder haben die Athener jemals danach gefragt, wie man in Sparta die Kinder erzog, wie bei den Persern? Oder umgekehrt? Haben sich jene Völker, die Sie immer noch mit Eifer studieren, jemals um fremde oder alte Schulrezepte gekümmert? Nein? Na, sehen Sie!

Erziehen Sie die deutsche Jugend nach den Bedürfnissen und sittlichen Anschauungen Ihrer Tage, sonst wird nichts Vernünftiges daraus. So gut wie jeder einzelne Mensch hat jede Zeitepoche ihr Eigen- und Einzelleben« –

»Gewiß, mein Herr, das verstehe ich wohl, aber wir müssen doch immer die historische Entwicklung berücksichtigen.« –

»Historische Entwicklung? Das ist wohl wieder eine von euren neuen Entdeckungen? Ja, entsprach es denn der historischen Entwicklung, daß Karl der Große den Sachsen eine Religion mit Glaubenssätzen aufzwang, die ihnen so fremd waren, wie die Feigen und Datteln, die aus gleicher Gegend stammen? Entspricht es der historischen Entwicklung, daß ihr eure Jungen immer mit der Kultur von Palästina, Hellas und Rom abspeist und dabei sorglos über Jahrhunderte der Geschichte hinwegspringt? Hat sich mein Freund Napoleon um die historische Entwicklung gekümmert, als er die deutschen Staaten zertrümmerte? Ist nicht fast alles wahrhaft Große, ist nicht Luther, ist nicht Christus selbst eben deshalb zunächst verfolgt worden, weil ihr Streben gegen die vermeintliche historische Entwicklung verstieß?«

»Ich wage nicht zu widersprechen, mein sehr verehrter Herr Professor. Es ist in der Tat wohl so, daß alle Neuerungen den bewußten, tatkräftigen Willen eines Reformators voraussetzen und die Außenstehenden meist als Gewaltsamkeiten anmuten. Ich las in diesen Tagen einen pädagogischen Aufsatz über das Thema »Gefahren der Staatsschule für die Pädagogik«[2]. Da fragt grade auch ein neugieriger Schulmann höchst respektlos: »Ist denn die heutige deutsche Volksschule wirklich das Produkt einer Entwicklung, die nie gestört worden ist und nie gestört werden darf?« Und antwortet sich selbst darauf: »Ich glaube vielmehr, alle Fortschritte sind mehr oder minder gewaltsam in sie hineingedrungen. Gerade das letzte Produkt dieser sogenannten Entwicklung, die Verstaatlichung der Schule und der Schulzwang, sind Gewaltstreiche, vielleicht notgedrungene Zugeständnisse der Regierungen gewesen.« Auch haben wir jetzt ein neues Volksschulgesetz erhalten, das gegen den Willen der Lehrerschaft die Volksschule konfessionalisieren soll. Mir will das auch nicht wie eine historisch notwendige Entwicklung vorkommen.«

»Gewiß nicht! Sie sehen, darauf ist nichts zu geben. Historische Entwicklung! Mit dieser Phrase scheint man den Fortschritt der Menschheit hemmen zu wollen. Handelt nur, mein Verehrtester, nach eurer ehrlichen Überzeugung, wie es alle tüchtigen Männer zu allen Zeiten getan haben! Kein Gedanke, kein Wunsch, keine Handlung fällt nur so vom Himmel nieder. Es gibt nichts auf Erden, was nicht diese eure berühmte historische Entwicklung hätte. Alles braucht Zeit zum Keimen, Wachsen und Reifen, auch die Gedanken und Handlungen der Menschen. Wir kennen aber oft diese verborgenen Keime nicht, brauchen uns um sie auch nicht zu kümmern. Beschwert euch doch nicht mit historischen Erwägungen! Für die Einordnung eurer Taten in den geschichtlichen Zusammenhang laßt getrost die Historiker der nächsten Generation sorgen! Die werden euch schon beweisen, daß alles so kommen mußte, werden Ihnen sogar das bißchen Ehre und Stolz rauben, das Sie wirklich mit eigenem Kopfe gedacht, mit eigenem Herzen gestrebt hätten. Während Sie sich jetzt vielleicht einbilden, daß Ihre Taten einmal wie eine stolze Säule hervorragen werden, wird man sie später als ein notwendiges schlichtes Glied in einer langen Kette der Entwicklung betrachten lernen.

Ja, ja! daran aber erkenne ich meine lieben Landsleute wieder. Bleiben sich doch immer gleich! Wenn eine Sache nicht theoretisch entwickelt, nicht ins System gebracht und gelehrt begründet ist, dann ist sie für meine Deutschen überhaupt nicht da. Bei ihnen soll alles mit Gelehrsamkeit geschafft werden. Sind also bei euch die Federfuchser noch immer so in Flor? Armes Vaterland! Ich habe diese Kerle mein Lebtag gehaßt. Sie verdarben uns mit ihrer giftigen schwarzen Galläpfeltinte jedesmal was wir mit frischem roten Blute angeregt und erstritten hatten.

Aber genug! Ich verfalle in greisenhaftes Gerede und komme vom Thema ab. – Also: »Erziehung zur Mannhaftigkeit?« Da kann ich leider nur wiederholen, was ich schon gesagt habe: Das müssen Sie besser wissen als ich, denn Sie leben – ich leider nicht mehr – der Lebende aber hat recht. Meine Pädagogik lehrte mich die auf uns lastende Fremdherrschaft: Napoleon war unser Zuchtmeister, unser Erzieher. Wäre er nicht gewesen, hätte er uns nicht mißhandelt, so wäre ich nicht zum Volkserzieher geworden, ebensowenig wie Freiherr vom Stein, wie Scharnhorst, Fichte und die anderen; jedenfalls wäre auf unsere Worte nicht gehört worden. Was nur damals passend war, werden Sie wohl nicht brauchen können. Ich meine: Jede Zeit hat eben ihre besonderen Aufgaben, ihre eigenen politischen und sozialen Bedürfnisse. Danach wird sich auch ihre Pädagogik richten. Es gibt ebensowenig eine allgemein giltige praktische Erziehungslehre, als es eine für alle Zeiten gesetzmäßig festgelegte Wirtschaftslehre, Staatslehre, Politik oder Kunstlehre gäbe. Das wechselnde Leben schafft sich seine wechselnden Bedürfnisse und diesen angepaßt seine stets veränderlichen Kulturformen. Nur die Orthodoxen meinen, eine endgiltig für alle Christen aller Zeiten und Völker festgesetzte religiöse Erziehungsweisheit ererbt zu haben. Diesem Wahne opfern sie ihren Einfluß und ihren wahren Beruf, Dolmetscher, Führer und Erzieher der tiefsten, ehrlichsten und strebsamsten Geister zu sein und zu bleiben, wie es seiner Zeit die jüdischen Propheten waren, und leben heute von dem Weihrauch, den ihnen die Gedankenlosen, Müden, Bequemen und Feigen spenden. Der Lebende soll nicht immer von dem Toten lernen wollen; denn – wie gesagt – der Lebende hat recht!

Ewige Wahrheiten! Ob es solche wohl überhaupt gibt? Ich bezweifle es. Nur eine Wahrheit möchte ich für ewig halten, nämlich die, daß alles im ewigen Wechsel ist. Alles fließt! Selbst die Wahrheiten, die für alle Ewigkeit begründet schienen. Sie wissen jetzt, weshalb ich Ihrem Wunsch nicht nachkommen kann. Ich habe viel Dringlicheres zu tun, nämlich Sie auszufragen.

Doch vorher nur noch ein letztes Wort! Bei Lehrern werden Sie über Erziehung zur Mannhaftigkeit wenig finden. Denen ist's immer ums Wissen. Fragen Sie doch lieber bei so alten Haudegen, wie dem Blücher, an, oder, wenn's schon ein Mann von der Feder sein soll, bei dem alten Fichte.

Oder zeigen Sie Ihrer Jugend das Lebensbild unseres Freiherrn vom und zum Stein. Sehen Sie, das war ein ganzer Mann, ein Mann nach meinem Herzen: In seinen Gesinnungen und Grundsätzen immer der Zuverlässige und Unwandelbare; was gut, tapfer, frei, menschlich und christlich deutsch war, hat in Rat und Tat in ihm immer den wärmsten Freund, Verteidiger, Lobredner gefunden; und wenn die Spur seiner äußeren Wirksamkeit, seiner äußeren Werke und Taten vielleicht schon verwischt sein wird, so wird und muß doch sein innerer Schatz, die Liebe, Treue, Hingebung für sein Volk und sein Vaterland, wird das Unsichtbare und Unbewußte, das unsterbliche, unvergängliche Abbild des geistigen Wirkens eines edlen und biedern Mannes noch in dem Enkel und Urenkel des deutschen Volkes fortleben und fortwirken. Oder ist es nicht so?

Gott hatte ein feuriges, gewaltiges, mutiges Herz in seine Brust gelegt, ihn mit einer raschen, blitzschnellen Auffassung, einem kühnen, geschwinden Verstande gerüstet: Geschwindigkeit, Kühnheit, Hastigkeit – das war er selbst. An Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Offenheit hat kein Mensch ihn übertroffen, er sah und wandelte stracks und gerade vor sich hin. Das war sein Glaube, daß durch Wahrheit, Einfalt und Redlichkeit alle Dinge allein gewonnen werden sollen und erhalten werden können und daß kein Weg, der irgend krumm sein muß, Segen bringe. Das war sein Spruch: Es darf nichts getan werden, was nicht gerade und offen getan werden kann. Also: offener Weg, hohe Zwecke und reine Mittel zu den Zwecken.

Da haben Sie das lebendige Beispiel, wonach der Erzieher sich richten soll, wenn er Männer erziehen will. Ewig dauere das Gedächtnis des deutschen Biedermanns! Frisch stehe seine Tugend in jeder ernsten Zeit vor euch, damit ihr wißt, wie ihr handeln und leiden sollt, wenn das Vaterland euch aufruft. Ich frage Sie, zeigt man unserer Jugend noch dieses Vorbild?«

»Gewiß, wir zeigen es ihr, wir geben ihr auch gerne einen Einblick in Ihre Schriften, Herr Professor. So las ich jüngst in einem ›Lesebuche für die höheren Schulen Deutschlands‹ von Dr. Alfred Puls, in Gotha bei E. F. Thienemann herausgegeben, Auszüge aus Ihren Werken: »Erinnerungen aus dem äußeren Leben« und »Schriften für und an seine lieben Deutschen« und darin gerade auch Ihre Würdigung des Freiherrn vom Stein.«

»Gut, gut! Das freut mich von Herzen – aber:

Warum denn überhaupt bei uns Alten anfragen? Haben Sie denn inzwischen in Deutschland gar keine Männer erlebt, die Ihrer Jugend als Vorbild dienen könnten? Ich meine eben gerade für die Mannhaftigkeit als Vorbild? Zeitgenossen, Männer, die Ihre politischen und sozialen, kurz alle Ihre kulturellen Verhältnisse selbst kannten und umgestalten halfen? Das wäre doch das Wichtigste!«

»Ach ja, mein Herr, gewiß, Zum Beispiel den Bismarck.«

»Wie heißt der?«

»Fürst Otto von Bismarck, Gründer des neuen Deutschen Reiches und dessen erster Kanzler.«

»So? O, herrlich! Na, erzählen Sie mal!«


Ich möchte nicht dahin verstanden werden, als glaubte ich, wir könnten ganz auf die Lebenserfahrungen und die pädagogische Weisheit früherer Geschlechter verzichten. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß es auf unserem Gebiete der Erziehung kaum möglich ist, Gedanken zu finden, die nicht vor uns schon gedacht und sorgfältig begründet worden wären. Es hat bei historischen Rückblicken nur den Übelstand, daß sich jeder immer nur das aussucht, was ihm gerade in seine Gedankenkreise paßt, wodurch jetzt alle jene alten Autoritäten kaum noch Gewicht haben.

Es gibt keinen Menschen, der sich nicht auf Goethe als Kronzeugen beriefe. Da die Erde rund, ein Menschenleben wechselnd und die Gedanken in stetem Flusse sind, so kann es leicht kommen, daß man jemanden, der viel geschrieben hat, immer wieder mit seinen eigenen Worten widerlegt. Ehe eine Zeit für gewisse Gedanken nicht gleichsam reif geworden ist, bleiben sie unverstanden oder doch unbefolgt. Sie brauchen oft ihre hundert Jahre, ehe sie zur Tat werden. So ist es z. B. leicht nachweisbar, daß wir »modernen« Pädagogen zum Teil unbewußt und unbeabsichtigt ganz in Herders Spuren wandeln, also auch in Goethes, der in paedagogicis Herders gelehriger Schüler war. Wer das noch nicht weiß, der lese eine kleine Schrift von Achim von Winterfeld (A. v. Waldberg, »Gesunde Jugenderziehung, Schulreform und Herder als ihr Vorkämpfer«, Leipzig, Felix Dietrich, 1906). Dieser Nachweis ist natürlich nicht neu. Schon der große Germanist und Reformer des deutschen Unterrichts, Dr. Rudolf Hildebrand in Leipzig, war sich seiner Abhängigkeit von Herder bewußt und sagte: »Ich will gleich selbst aussprechen, daß ich keineswegs ganz Neues aufzustellen wähne; doch gewisse Grundgedanken, die in dem wohl noch ziemlich Neuen stecken, durchkämpfen zu helfen, das möchte ich gern,« und weist uns dabei selbst auf Herder, als seinen ersten bedeutsamen Vorgänger hin. Was also Hildebrand und vor ihm Herder für den deutschen Unterricht anstrebten, das deckt sich fast durchaus mit den allermodernsten Wünschen und Vorschlägen »unruhiger Neuerer«.

Ich will das kurz mit Stellen aus Herder belegen, die auch schon längst Rudolf Dietrich (im »Hildebrand-Heft« S. 504) gesammelt hat:

Im Jahre 1769 auf seiner »Fahrt aus Riga in die weite Welt« malte sich Herder das »Ideal einer Schule« aus, das er in seinem »Reisejournal« beschrieb. Hier lesen wir über den Sprachunterricht:

»Alles lebendige Übung. Nur spät, und wenig aufschreiben; aber was aufgeschrieben wird, sei das Lebendigste, Beste, und was am meisten der Ewigkeit des Gedächtnisses würdig ist. So lernt man Grammatik aus der Sprache, nicht Sprache aus der Grammatik. So lernt man Stil aus dem Sprechen, nicht sprechen aus dem künstlichen Stil … So wird's Gang, erst sprechen, d. i. denken, sprechen, d. i. erzählen, sprechen, d. i. bewegen zu lernen … Die Sprache soll nicht aus Grammatik, sondern lebendig gelernt werden: nicht fürs Auge und durchs Auge studiert, sondern fürs Ohr und durchs Ohr gesprochen, ein Gesetz, das nicht zu übertreten ist.«

Später, 1796, forderte er (in einer Schulrede über die »Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen«): »die Kunst der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen auszubilden müsse ein Hauptgeschäft der Schulen sein … Denn nur durch Reden lernen wir sprechen … Wahrheit, Wahrheit bilde unsern Ausdruck auch im Ton der Stimme … Die Rede hat ein weites Reich von Gegenständen, Gesinnungen, Leidenschaften, Empfindungen, Zuständen der Seele usf., deren Ausdruck sie zu schaffen und auf die mächtigste angenehmste Weise darzustellen hat. Daß sie dieses zu tun vermöge, dazu gehört Übung. Lesen heißt diese Übung; aber ein Lesen mit Verstand und Herz, ein Lesen im Vortrage jeder Art, und neben ihm eigene Komposition und ein lauter lebendiger Vortrag derselben … Dies laute Lesen, auswendige Vortragen bildet nicht nur die Schreibart, sondern es prägt Formen der Gedanken ein und weckt eigene Gedanken; es gibt dem Gemüt Freude, der Phantasie Nahrung, dem Herzen einen Vorschmack großer Gefühle, und erweckt, wenn dies bei uns möglich ist, einen Nationalcharakter.«[3] – Man staunt, daß es beinahe anderthalbhundert Jahre brauchte, ehe so einleuchtende Gedanken anfangen, Gemeingut der Lehrer zu werden!

Ein zweites Beispiel zum Beweise dafür, daß wir die alten Pädagogen nicht unterschätzen! Der alte Pestalozzi behauptete, daß er während 30 Jahren kein Buch mehr gelesen habe. Jetzt rechnen ihm zwar Gelehrte nach, daß das nicht genau stimme: Er habe doch dann und wann noch gelesen – mag sein. Jedenfalls war er in seinem Denken so selbständig, als ob vor ihm außer etwa Rousseau niemals ein Mensch über Erziehung geschrieben hätte. Er selbst verfuhr also ganz unhistorisch, und deshalb vielleicht kam er auch so weit. Deshalb aber waren ihm die Zünftler auch so gram. Schade, daß sie sich ihm nicht mit Haut und Haar verschrieben. Hätten sie es getan, so wären wir heute mit unserem Erziehungs- und Schulwesen viel weiter. Wir hätten dann den ganzen undeutschen Neuhumanismus nicht erlebt, hätten die jetzt vor allen von Professor P. Natorp in Marburg unter Berufung auf Pestalozzis geniale pädagogischen Lehren und Taten wissenschaftlich sicher begründete »Sozialpädagogik« in Deutschland schon durchgeführt; hätten damit eine einheitliche nationale Schule; brauchten nicht erst wieder da einzusetzen, wo Pestalozzi aufhörte.

Unser neuester pädagogischer Kurs geht nämlich endlich, endlich unter der Flagge des »nationalen Humanismus« – man sollte dafür lieber mit zwei guten deutschen Worten der »deutschen Bildung« sagen – Der Weg zur deutschen Bildung führte bekanntlich über Palästina, Athen, Sparta und Rom und kehrte dann im großen Bogen wieder zu Pestalozzi zurück – aus jenen Bahnen, die man vor 100 Jahren eben auf Anraten meiner im übrigen auch von mir hochverehrten engeren Herren Kollegen von der klassischen Philologie betreten hatte, nämlich des großen Latinisten Johann August Ernesti (1707–1781) – der Mann soll den ganzen Cicero auswendig gewußt haben, war deshalb der geborene Erzieher der deutschen Jugend –, der nicht minder großen Gräzisten Christian Gottlob Heyne (1729–1812), Friedrich August Wolf (1759–1824) und anderer großer von Lessing und Winckelmann in den sonnigen Süden entführter Geister. Ach, ja: »Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.«

Dort suchte man echte Humanität, fand auch so was Ähnliches, es erwies sich aber trotz aller erdenklichen Mühe schließlich doch als unbrauchbar für unsern rauhen und grauen Norden. Das einzusehen bedurfte es leider mehr als dreier Menschenalter. Ein witziger Kopf hat einmal gesagt: »In Deutschland braucht man hundert Jahre, etwas Verkehrtes einzuführen; zweihundert Jahre, es wieder abzuschaffen.« Der Mann scheint recht zu haben. – Außerdem hatte man ja zu Hause schon seine bodenständige echte Menschlichkeit und ›Bildung‹ – Pestalozzi selbst hatte dieses Wort erst geprägt –, und das ist eben auf gut deutsch dasselbe, was so gelehrt mit Humanität bezeichnet wird, nur daß man diese heimische Bildung nicht nach Gebühr achtete und trotz Pestalozzis eindringlichen Lehren nicht gehörig pflegte.

Jetzt also macht man in Deutschland zum zweiten Male die überraschende Entdeckung, daß dem deutschen Volke eine deutsche Erziehung und deutsche Bildung angemessen sei. Es geht uns wirklich wie dem Knaben des Märchens, der in die Fremde zog, um das Glück zu suchen. Die Verirrung liegt aber vielleicht weniger bei den Gründern des Gymnasiums, als bei dessen Ausgestaltern, eben bei jenen »Provisoren alles Giftes«. Das Gymnasium hatte es ursprünglich auf ein Allerweltswissen gar nicht abgesehen, auch nicht auf Gelehrtenkultur, sondern auf – Menschenbildung, und zwar mittels der lateinischen Sprache, die eben damals noch als internationale Gelehrtensprache unentbehrlich war.

Ich berufe mich auch hier auf einen als Gelehrten wie als Erzieher und kerndeutschen Mann allseits Anerkannten, den verstorbenen Dr. Rudolf Hildebrand, Professor für Germanistik an der Universität zu Leipzig, den ich schon oben nannte. Dieser drückte vor 20 Jahren schon sein Bedenken gegen das herrschende deutsche Schulwesen in den Worten aus: »Was gerade jetzt zu bessern ist, das ist wohl auch im allgemeinen klar genug, wenn man nur auf die Stimmen hört, die immer lauter ertönen auch aus den Kreisen unbefangenster und wohlwollendster Beobachter, von Leuten, die froh und frei genug stehen im Geiste, um den rechten Weg und das rechte Ziel finden zu helfen. Fast macht das Ganze den Eindruck, daß man beim höheren Unterricht, auf Gymnasien wie Realgymnasien und selbst auf höheren Töchterschulen, bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, und nur vom Zuge der Zeit mitgetrieben, das als Ziel annimmt, daß es da gelte, kleine Gelehrte zu bilden, nicht – Menschen, was noch in meiner Schulzeit auch für das Gymnasium eigentlich das Ziel war aus der Überlieferung des vorigen Jahrhunderts, ja aus dem 16. Jahrhundert her, wie schon in dem alten Stichwort humaniora trefflich und kräftig ausgesprochen ist: ›mehr Mensch‹ zu werden war das Ziel. Das schöne Wort wird ruhig noch mit fortgeführt im Hausrat der gelehrten Schulen, gleicht aber nun wirklich mehr einer alten Kiste, die im Winkel steht mit Sachen aus dem Haushalt der Großeltern. Die Zeit ist da, eigentlich nicht lange erst, auf einen verhängnisvollen Irrweg geraten, von dem man wird umkehren müssen, es fragt sich nur, wieviel Schaden der Gesundheit der Nation, der äußeren und der innern, noch geschehen soll bis zur entschlossenen Umkehr. Lasse man die Gelehrsamkeit der Universität, die wahrlich für ihre schwere Arbeit nichts nötiger braucht, als gesunde ganze Menschen, wie unsere Zeit überhaupt, und diese müssen ihr die Gymnasien liefern.«[4]

Freilich, wenn man so früh sein Vaterhaus verläßt, sich in der Fremde herumtreibt und dort sein Herz vertändelt, dann wird man mit der Zeit heimatlos, fremd im eigenen Vaterhause und muß sich nachher bei alten Leuten erkundigen, wie es in älteren Zeiten eigentlich darin gehalten wurde.

Aus diesem Grunde wird es auch hier ohne historische Rückblicke leider nicht ganz abgehen. Es fehlt uns eben eine stetige, ununterbrochene Tradition im Schul- und Erziehungswesen, wie sie meines Wissens die glücklicheren Engländer seit den Zeiten Humes haben.

Den wahren, letzten Grund aber, weshalb ich so scheu an die historischen Vorbilder herangehe, habe ich noch immer nicht verraten. Nun muß er endlich doch ans Licht: »Die Menschen lernen nichts aus der Geschichte – nichts, rein gar nichts!«

So wenig ein junger Mann seine Lebenserfahrung vom Vater und Großvater ererbt, ebensowenig wollen sich ganze Völker von früheren Geschlechtern das Leben vorleben lassen. Jeder Mensch, jedes Volk will seine eigenen Dummheiten machen und am eigenen Schaden klug werden.

(Zwischenruf: »Na, erlauben Sie mal!«)

Was ich hier gesagt habe, habe ich im vollen Ernste gesagt und kann es beweisen:

Vor mehr als 100 Jahren entdeckten Winckelmann, Lessing und Goethe den harmonischen Menschen, den Normal- und Idealmenschen in den altklassischen Hellenen. Hier sahen sie alle menschlichen körperlichen und geistigen Anlagen durch eine gleichmäßige Ausbildung zu herrlicher Entfaltung gebracht. Nun meinst du, liebwerter Mitbürger, natürlich, daß diese schöne Erkenntnis zu einer entsprechenden Tat geführt habe.

Ja, das meinst du in deinem törichten Laienverstande. Da kennst du aber die Menschen schlecht, kennst vor allem die geistigen Oberpriester nicht, die bei uns Kultur machen!

»Aber, mein Gott! Sie sagten doch eben selbst, daß man die rechten Vorbilder der Menschheit gefunden habe? Fehlte es vielleicht an einer Anleitung, wie man eine solche menschliche Vollkommenheit erreichen könne?«

»I, Jott bewahre! Man hatte ja die Bücher, in denen genau berichtet wird, wie die Athener, wie die Spartaner ihre Kinder zu schönen, gesunden, heiteren, kunstsinnigen, glücklichen, tapferen, vaterlandsliebenden Männern und Frauen heranbildeten.«

»Hatte man diese Bücher? So richtete man sich also nach ihnen? Erzog die Kinder nach diesen Anweisungen?«

»I, Jott bewahre! Das muß man ganz anders machen. Sehen Sie, mein Lieber: die Griechen sprachen und schrieben doch Griechisch, nicht wahr? Also muß man doch vorerst ihre Sprache, Griechisch, lernen, um diese Anweisungen lesen zu können, nicht wahr? Aber damit nicht genug. Es muß doch auch aus der alten Geschichte erst der Nachweis erbracht werden, daß, wo, wann, wie, warum, wie oft, wo nicht, wann nicht, wie nicht, warum nicht, wie oft nicht diese Tüchtigkeit der altgriechischen Erziehung sich bewährte – nicht wahr? Man mußte doch alle die Männer auf – ides, – iades, – on und – kles gleichsam von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mußte ebenso die Orte, Städte und Felder bei Namen kennen lernen, wo sich ihre Tüchtigkeit bewährte, nicht wahr? Wir können doch nicht weiter kommen, wenn unsere Knaben von Plataeae, Aegospotamoi, Kunaxa, von den Arginusen, vom Eurymedon, von Tanagra, Sphakteria und Kynoskephalae nichts wissen?«

»Ja, aber –«

»Bitte, kein ›ja aber‹! Die Sache ist völlig klar. Es gehört die ganze Zeit, Kraft und Energie einer Jugend dazu, um die alten Sprachen nach jeder Richtung hin und ebenso die alte Geschichte so beherrschen zu lernen, daß man in ihr seine geistige Heimat findet.

Deshalb richtete man ja doch nach griechischem Vorbilde Gymnasien ein. Sie wissen, γυμνὸς heißt nackt, γυμνάσιον heißt ein Ring- oder Turnplatz für nackte Knaben; deshalb nannte man diese Schulen humanistische Gymnasien, weil eben in ihnen diese altgriechische allseitige menschliche Ausbildung, diese Harmonie des Lebens erreicht werden sollte.«

»Ja, turnen denn da die Kinder wirklich nackt? Ringen, springen, singen sie darin frisch umher?«

»Nein, das nun eben nicht. Aber die beschäftigen sich doch mit dem Studium jener alten vorbildlichen Welt und das gibt ihnen eine geistige Gymnastik von unschätzbarem – – –«

»Geistige Gymnastik? Also eine Art geistigen Nacktturnens? – – – Gestatten Sie mir gütigst, das für einen kleinen Blödsinn zu erklären.«

»Eine Stählung des Willens, gleichsam ein geistiges Jungbad, ein Sichemporrecken nach idealen Vorbildern« – –

»Bei uns hatte sich mal ein Primaner in der Klasse, wohl nach idealem Vorbilde oder weil's sehr heiß war, Schuh und Strümpfe ausgezogen. Himmel, gab das eine Berammelung! Den ›respektlosen, unsittlichen, verkommenen Burschen‹ hätten sie beinahe ins Zuchthaus gebracht. Und dabei war's doch in der Homerstunde geschehen! Hihihi!« – –

»– Ein unausgesetzter Kampf mit den Schwierigkeiten der Sprachen, in denen die Weisheit und Schönheit jener alten Welt verschlossen liegt – –«

»Und wenn einer heute seine nackte Schönheit zeigen wollte, dann steckt ihr ihn in Arrest? Müßten mal bei so einem echten Sophokles-Direktor die Primaner völlig nackicht antreten! Na, Badehose möchte noch gestattet sein. Hihihi!«

»Bitte, so lassen Sie doch endlich Ihre faden Bierzeitungswitze und ihr läppisches Gelache! – – Die Weisheit, sagte ich, und Schönheit verschlossen liegt – – Und eben durch diesen Kampf endlich ein siegreiches Gelingen, über das dann in den Abschlußprüfungen, dieser unersetzlichen Kraftprobe, Zeugnis abgelegt wird.«

»Ja, sind denn die Geprüften dann, die armen Hasen, die aus den alljährlichen Herbstbürgerjagden zwar noch mit dem Leben davonkommen, aber mit zahlreichen Schroten im Pelze, mit unvergeßlicher Angst im Herzen, sind das dann wirklich nun die glücklichen, gesunden Normalgeschöpfe? Das wäre doch das Entscheidende. Wird man denn wirklich stark, froh, schön, gesund und mannhaft, wenn man in Büchern jahrelang nachliest, wie andere dazu gekommen sind? Ich sollte meinen – verzeihen Sie einem Laien eine solche, wohl etwas dreiste Bemerkung – ich sollte meinen, man müßte lieber die Bücher zuschlagen und die Kinder einfach auch nackt umherspringen, sich tummeln und in jedem Wettkampfe üben lassen.«

»Ich bitte Sie, mein Freund, lassen Sie solche törichte und rein barbarische Ketzereien keinen anderen altklassischen Philologen hören, sonst –«

»Ja, – sagen Sie einmal selbst, aber, bitte, ganz ehrlich: habe ich denn nicht recht?«

»Im Vertrauen und ins Ohr gesagt: Ja, natürlich haben Sie in einer gewissen Hinsicht recht, vollkommen recht– gewissermaßen, nur –.«

»Was! Ich habe recht? Ja, zum Donnerwetter noch einmal, weshalb quält und vermurkst man mir denn dann meine armen Buben so elendiglich mit dem alten Schulkram? Weshalb dulden denn das die Eltern? – –«

»Ruhe, Ruhe, mein Lieber! Vergessen Sie nicht, wo wir sind! Wir leben in Deutschland, in Preußen. Wir sind preußische Untertanen, nicht athenische Vollbürger. Die Erziehung unserer Kinder liegt in der Hand des Staates, der mit Umsicht und –«

»Ach was, Umsicht? – mit Unsinn …«

»Mein Verehrtester, seien Sie vorsichtig! Bitte, vergessen Sie nie, daß wir mit Erregung und Leidenschaft in solchen Fragen nicht weiter kommen. Also Ruhe, mein Lieber, Ruhe, Mäßigung, Besonnenheit! Wenn unsere weisen Behörden, beraten von den erfahrensten und gelehrtesten Männern der pädagogischen Wissenschaft, wenn sie, gestützt auf die Erfahrung einer jahrhundertjährigen Schul- und Erziehungspraxis, mit Ihren Kindern so verfahren, so werden Sie sich, als ein schlichter Mann des Volkes, dem doch zu fügen haben, werden nur darauf halten, daß alle Anordnungen der Schule auch stets pünktlich und gewissenhaft –«

»Ja, mein Gott, bin ich denn der Büttel der Schule? Sind es denn meine Kinder oder die Kinder des Kgl. Provinzial-Schulkollegiums!? Wie? Was? – –«

»Mein Herr! Ich muß Sie doch um Mäßigung bitten, muß Sie auch bitten, auf meine Standesehre Rücksicht nehmen zu wollen!«

»Auf was für 'n Ding?«

»Auf meine Standesehre! Als staatlich angestellter wissenschaftlicher Lehrer, auch als Vertreter meiner altphilologischen Kollegen muß ich Sie bitten, sehr dringend bitten, alle Bemerkungen zu unterlassen, durch die etwa die Ehre dieses Standes, die auch ich zu vertreten habe, – –«

»Mein werter Herr Oberlehrer, vertreten Sie sich doch, was Sie wollen! Wenn ich aber für meine lieben Buben eintrete, so soll daran kein Mensch ein Ärgernis nehmen. Liegt darin etwa schon eine Herabsetzung Ihrer Person oder Ihres Standes? Ich verstehe Sie tatsächlich nicht. Nichts lag mir ferner, als Sie kränken zu wollen oder nun gar den angesehenen, mit Recht hochangesehenen Lehrerstand herabzusetzen. Die Herren tun ja auch nur schlecht und recht ihre Pflicht, wie der Dienst sie ihnen vorschreibt. An deren Ehre kann doch wohl mein ja vielleicht etwas übereiltes Wort nicht heranreichen. Ist denn diese Ihre Standesehre ein gar so gebrechlich Ding, daß sie ein leiser Hauch aus meinem Munde schon bedrohen kann? Ich denke, Herr Oberlehrer, wir sprechen uns hier offen und ehrlich aus und wollen uns doch gegenseitig nichts weis machen, nicht wahr? Wir brauchen, dachte ich, als deutsche Männer uns gar so zart nicht anzufassen. Die Hauptsache ist doch wohl, daß wir uns gegenseitig verständigen. Und wenn wir hier über Erziehungsgrundsätze verhandeln, so hat das mit der Ehre oder Unehre keines Menschen was zu schaffen, keines einzigen, auch keines Standes. Das erst recht nicht! Aber, Herr Oberlehrer, Sie widersprechen. –«

»Ich breche ab! Ich sehe, Sie sind nicht zu belehren.«

»Na, Sie aber ooch nich, mein verehrtester Herr Ober – Ober – Oberlehrer!! Sie altklassischer Philologe, Sie!«

»Mein Herr, ich verbitte mir alle Injurien!«

»Schon recht, ich gehe ja schon, Sie oller Qu – –«

»Gut! Ich werde mich beim Königlichen Provinzial-Schulkollegium über Sie beschweren, verstehen Sie?«

»Wacker! Tun Sie das! Und fahren Sie fort, meine Knaben fleißig zur Mannhaftigkeit zu erziehen! – zu echten, wahren, klaren, aufrechten deutschen Männern zu erziehen! Adieu!«


»Empörend! Es wird wirklich alle Tage unerträglicher. Tagsüber macht man in Tricotagen und frischen Importen und abends hält man einem alten Gymnasialprofessor pädagogische Vorträge.«

Nun möcht ich blos wissen, weshalb unser einer jahrelang studiert, seine Examina gemacht hat, ein Probejahr, fünf hungrige Hilfslehrerjahre und dann zwanzig weitere Jahre unter strenger Aufsicht geschulmeistert hat, wenn jeder Spießer es besser versteht und einem belehrende Vorträge halten will! Leiden aber kann uns niemand.

Unglaublich, was man sich als Lehrer bieten lassen muß! – Was dabei das Schlimmste ist: die Leute haben nicht einmal so unrecht. Noch schlimmer ist nur noch eines: wenn man nämlich versucht, eigenen gerechten Wünschen und denen des Volkes in seinen vernünftigen Vertretern nachzugeben, so bekommt man es mit der Behörde zu tun, die nicht liebt, daß einer sich Extratouren erlaube. Zwar verkündet man von oben herab mit feierlichen Worten, daß der Lehrer sich freier bewegen und nicht eingeengt fühlen solle, zwar haben wir oben Männer von weitestem Blicke – ich nenne nur Matthias und den einflußreichen Wilhelm Münch –, aber, wenn – – wenn man einmal wagt, diese schönen Worte wahr zu machen, dann – dann – – – ja, Bauer, dann ist das ganz anders gemeint! – – Dann –

»Doch birst mein Herz, denn schweigen muß der Mund!«

Nun, es kommt hoffentlich auch ein Tag, der das Reden zur Pflicht machen wird. Ich werde bis dahin mich begnügen, auf Wilhelm Münchs schönes Buch »Eltern, Lehrer und Schüler in der Gegenwart«[5] hinzuweisen. Das ist einer von den wenigen, die nach allen Seiten hin gerecht sein wollen. Was er zum Schutze von uns Lehrern schreibt, das sollte jeder lesen, der überhaupt über uns und unsere Arbeit zu sprechen wagt. Er wird dann erkennen, daß die Vorwürfe, die den Lehrern gemacht werden, deshalb zum großen Teil ungerecht sind, weil diese selbst nur die unfreien Werkzeuge eines höheren Willens sind. Ich muß hier Münch selbst zu Worte kommen lassen, denn was er Seite 58 sagt, das ist Wort für Wort zutreffend und wert, laut in die Lande hineingerufen zu werden.

»Es ist nicht bloß die moralische Situation, die dem Lehrer Gefahr bringt, sondern auch die physische. Was es heißt, eine Reihe von Unterrichtsstunden in lebendigem Tempo, mit gleichzeitig voller Aufmerksamkeit auf den Lehrstoff und seine Entwicklung, auf Form und Sprache, auf das äußere Verhalten aller der zahlreichen Schüler, auf die angemessene Heranziehung der einzelnen usw. gut zu geben (und lässig gegebene Stunden werden immer weniger geduldet und seltener gefunden), was es auch heißt, sich überhaupt mit vielen Menschen zugleich in einem inneren Rapport zu fühlen, wie das zwar zunächst anregend, auf die Dauer aber reizend und überreizend wirkt, wer das weiß, der wird billiger urteilen, als es üblich ist. Noch sind – gerade in Preußen und den ihm in Schulsachen sich anschließenden deutschen Staaten – den Lehrern auf den höheren Schulen so viel wöchentliche Unterrichtsstunden auferlegt, daß sie in Verbindung mit der sehr bedeutenden Vor-, Nach- und Nebenarbeit des Amtes und in Verbindung namentlich mit den gegenwärtigen Anforderungen an Straffheit des Unterrichts eine ruhig freie Lebensstimmung nicht leicht bestehen lassen. Die didaktisch tadellosen Stunden, die man nun verlangt, lassen sich um so eher verwirklichen, je weniger dicht sie aufeinander folgen sollen.« (Und doch darf es vorkommen, daß ein einzelner älterer, zudem kranker Lehrer unausgesetzt drei Stunden hintereinander Probelektionen halten muß!?) »Und ebenso kann jene ruhige und freie Stimmung, das Erhabensein über alle Gereiztheit, Ungeduld, Unfreudigkeit eigentlich nur bei einem verhältnismäßig freien, einem nicht allzu unfreien Leben gedeihen.« Vortrefflich!

»Die Ferien sind natürlich der Jugend wegen eingerichtet, die man doch noch nicht immer anspornen, einengen und zwingen will, die zu Zeiten noch sich selbst und ihrem Spiel soll leben dürfen; aber wenn die Ferien nicht da wären, würden die Lehrer alle an nervöser Überreizung zugrunde gehen. (Sehr richtig!) Im ganzen würden minder belastete Lehrer nicht bloß den Stand besser vertreten und heben, sondern auch als um so viel geeignetere Erzieher sich bewähren. Das Erziehen muß man nicht fabrikmäßig betreiben sollen. Jetzt kommt bei der Schulerziehung wirklich viel Fabrikware heraus. (Also doch!) Aber daran sind weder die Werkmeister, noch die einzelnen Arbeiter schuld, sondern die Organisation.«

Wenn also zugestandenermaßen die Organisation nichts taugt, so ist es doch wohl Pflicht, diese Organisation zu ändern. Auch sonst erkenne ich aus Münchs Buch, obschon es hier und da auch gegen mich gerichtete Spitzen haben mag, daß er die Berechtigungen unserer Reformvorschläge vielfach zugibt. Er klagt über ›gigantische Einseitigkeiten‹ und über die Heftigkeit der Polemik. Man kann ihm getrost in beiden recht geben und doch bei der alten Taktik verbleiben, die sich bewährt hat. Denn sie hat schon gute Erfolge zu verzeichnen. Wenn die Presse einem so festgefügten Organismus gegenüber, wie es unsere staatliche Schule ist, irgend etwas ausrichten will, so muß sie ihren Angriff mit gesammter Kraft auf deren schwächste Stellen richten. Daß bei einem solchen Sturme unnütz viel geschossen und Hurra gebrüllt wird, ist auch ein Stück allgemeiner Lebenserfahrung, die den weltweisen Münch nicht verwundern sollte.

Zieht man die Summe seiner so ruhig abwägenden Betrachtungen, so gewinnt man die unleugbare Überzeugung, daß er im wesentlichen die Berechtigung unserer Beschwerden anerkennt, daß er seine bedeutende Kraft gerne mit einsetzt, um bessere Zustände herbeizuführen. In welcher Tonart ein jeder seine Musik machen will, das überlasse man getrost seiner eigenen Natur. Besonders würde es nutzlos sein, einen vor Schmerzen Schreienden darüber freundlich belehren zu wollen, daß er zu laut sei.

Ich halte es für einen großen Gewinn unserer neuen Zeit, daß man in ihr wieder Naturlaute zu hören bekommt.

Was mich selbst betrifft, so lege ich mir nur den Zwang auf, den Kampf nicht ins Persönliche hinübergleiten zu lassen, im übrigen bekenne ich mich möglichst wahr, ehrlich und ohne jegliche Pose und glaube, so komme ich am weitesten. Die Gründe werden zwar nicht zwingender, wenn man sie laut vorträgt, aber sie werden dann doch gehört. Und wenn man es mit Schwerhörigen zu tun hat, bleibt einem nichts anderes übrig, als sein Organ anzustrengen.


IV.
Befähigungsnachweis.

»Heiße Doktor und Magister gar
Und ziehe schon die dreißig Jahr –«

Meine Leser werden aber gemerkt haben, daß mir trotzdem die Frage Sorge macht, ob ich, da ich eben »nur« Lehrer und Staatsbürger, nicht Staatsmann bin, auch den Beruf dazu habe, in einer so ernsten nationalen und politischen Angelegenheit öffentlich zu sprechen und Kritik zu üben. Daher mein vielleicht vergeblicher Versuch eines Befähigungsnachweises. Der Deutsche braucht einen solchen, sonst ist ihm selbst nicht wohl und sicher zumute. Es ist das ein Stück deutscher Gewissenhaftigkeit, die sich freilich ins Philisterhafte und ins Chinesentum auswächst. Man empfindet auch das Lächerliche und Hemmende dieses Zustandes immer deutlicher und gibt ihm lauten Ausdruck.

»Leider ist es ja wahr,« sagt Heinrich Steinhausen, »daß immer noch Menschen unter uns etwas sein und etwas bedeuten wollen, die keine Berechtigungs- und Abgangszeugnisse aufzuweisen haben, wie das jüngst von Literaten, Schriftstellern, überhaupt Federherren bekannt geworden ist. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und die ist und bleibt: Ohne Schein kein Sein, ohne Schule kein Schein, also ohne Schule kein Sein, sondern das Nichts. Dieser Schluß ist demantfest.« Immer wieder, schreibt die »Neue freie Presse« in Wien, wird der Versuch gemacht, den Spielraum des Talents durch Befähigungsnachweise einzuengen, durch ein System von Prüfungen, durch einen geregelten Stufengang. Der Gewerbsmann will durch die Kautelen des Befähigungsnachweises sich den Konkurrenten vom Halse schaffen, den Lebenskampf, in dem nur der Tüchtigste besteht, mildern. Der Staat erzieht sich durch ein kompliziertes System von Prüfungen seine Beamten, schreibt ihnen den Studiengang vor und läßt sie langsam von Stufe zu Stufe vorrücken. Das Leben wird reglementiert und in bestimmte Ordnungen gezwängt. Aber es gibt etwas, was stärker ist als alle diese Beschränkungen: das ist das Talent. Es braucht einen gewissen Spielraum zu seiner Entwicklung, es gedeiht am besten in der Freiheit, mitten im vollen Leben. Gerade die stärksten Talente werden den Drang in sich fühlen, von den markierten Wegen des Lebens abzuweichen und sich durch Gestrüpp und Wildnis einen Weg zu bahnen. Dieser Kampf mit dem Leben, dem man Aug ins Aug blickt, diese Auserprobung aller Kräfte, dieses mutige Ringen erzieht kräftige, energische, kühne Menschen, und solche sind es, die das moderne Leben braucht, dessen Schauplatz so weit geworden ist, dessen Aufgaben so groß und mannigfach sind.

Wir verlangen aber in Deutschland nach wie vor, daß einer erst seine Papiere vorzeige, ehe wir ihn hören und ihm glauben wollen. Die Amerikaner tun das nicht und kommen damit schneller voran. Sie sehen sich den Mann, sehen sich seine Arbeit an und danach urteilen und entscheiden sie.

Keine Frage, daß unser ganzes Berechtigungswesen veraltet und verzopft ist. Dabei wuchert es aber gerade jetzt in beispielloser Üppigkeit. Es werden dadurch eine Menge bester Kräfte lahmgelegt und – was vielleicht noch schlimmer ist – es werden die durch ihre Examen Privilegierten unmäßig überschätzt und dadurch zu selbstbewußt und viel zu einflußreich.

Aus allen Berufsklassen bleiben fähige Köpfe allein deshalb ausgeschlossen, weil sie den üblichen Instanzenweg der Fachbildung nicht durchgemacht haben. Überall steht ihnen der anspruchsvolle Fachmann im Wege, der seine Zeugnisse und sonstigen Papiere in Ordnung hat, dabei aber eine Null sein kann, eine dicke, fette, korrekte, runde Null, und oft auch ist. Die Abgestempelten sind nicht immer die wahrhaft Großen. Es läßt sich auf jedem Gebiete des Kulturlebens nachweisen, daß es in der Regel die Außenstehenden, die Nichtfachmänner sind, die den Fortschritt bringen. Sieht man z. B. die Geschichte der Pädagogik durch, so findet man das mit Staunen bestätigt. Die Bahnbrecher waren fast sämtlich ungeprüfte Leute, ohne Staatsexamina, ohne »Fakultäten«, überhaupt ohne eine amtliche Lehrberechtigung. Man denke an Hume, an Rousseau, denke vor allem an Pestalozzi. Dieser seltene Mann, der Theologe, dann Jurist werden wollte, es später als Landwirt versuchte, rief erst im vierzigsten Lebensjahre das entscheidende Wort: »Ich will Schulmeister werden!« – Keine Behörde im heutigen Deutschland würde eine solche »gescheiterte Existenz« mit irgendeinem Lehramte betrauen. Er müßte sein Heil als Literat versuchen und würde auch da schwer Gehör finden, schon weil er keine Examina hinter sich hat.

Heute verzeihen es die waschechten Zünftler dem Literaten nicht, daß er im großen Stile über Erziehung zum deutschen Volke zu sprechen wagt, wenn er vorher »nur« Volksschullehrer war. Der echte Fachmann belächelt solchen Übermut und weist den Gedanken weit von sich, als könne er von einem solchen Menschen etwas lernen. Die Folge ist, daß der selfmademan – außer auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete – fast gar nicht vorkommt. Jammerschade! Denn das sind die Besten! Da kommen wir wieder auf unsere Mannhaftigkeit. Es ist unmännlich, feig und kurzsichtig, daß wir stets »Schriftliches« verlangen, um einen Menschen gelten zu lassen. »Auch noch Geschriebenes forderst du Pedant?« Der beste Befähigungsnachweis ist die Tat.

Maximilian Harden war Schauspieler. Darauf wurde er Literat. Auf diesem Boden herrscht noch gottlob freie Konkurrenz. Da kann sich ein Talent seinen Platz noch selbst bestimmen, braucht sich nicht von irgendeinem breitschultrigen Vordermann Licht und Luft und alle Entwicklungsmöglichkeiten rauben zu lassen. Von der Kunstkritik ging er über zur Politik. Heut ist er eine Macht auf beiden Gebieten. Wer hat ihn dazu gestempelt?

Seine Worte finden Widerhall in ganz Deutschland und darüber hinaus. Wen er haßt, der sorge dafür, daß er nur bald in Sicherheit komme, sei er ein Dichter oder ein Minister. Natürlich wurde auch ihm von den zünftigen Zeitungsschreibern arg zugesetzt, aber sie hatten doch keine gesetzlichen Mittel, diesen »Eindringling« von einer Tätigkeit auszuschließen, zu der er – wenn einer – den inneren Beruf hat. Anfangs witzelte man natürlich über den »frechen Preßbengel« – Mannhaftigkeit gilt bei uns bekanntlich als Frechheit – jetzt sehen wir ihn umworben von all den Mächten, die man als »tonangebend, maßgebend, autoritativ« oder wie sonst ehrend bezeichnet.