(Große Ursachen – kleine Wirkungen.)
Was uns Harden jüngst mitgeteilt hat, das war für mich mitbestimmend, ja geradezu entscheidend für diese Schrift. Mit Schaudern las ich nämlich die Enthüllungen über die Amtstätigkeit des Herrn von Holstein. Da erfuhren wir, daß ein dem deutschen Volke unbekannter, aber amtlich abgestempelter Mann im Ministerium saß und von da aus das Wetter in Deutschland und Europa machte. Er wünschte auch Krieg mit Frankreich, meinte, daß die Marokkofrage zum Ausbruch Gelegenheit bieten müsse und arbeitete höchst gefährlich auf dieses Ziel hin. Ein dunkler Ehrenmann, nein, ein Giftmischer, der sich
»in Gesellschaft von Adepten
In die schwarze Küche schloß,
Und nach unendlichen Rezepten
Das Widrige zusammengoß.
– – – – – – – – – – – –
Hier war die Arzenei –
Die Patienten starben,
Und niemand fragte, wer genas.
So hat dieser Mann
– – mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.«
Diesem Manne also hätten wir beinahe einen Krieg mit den verbündeten Engländern und Franzosen zu danken! So Ungeheuerliches wagt bei uns ein angeblich dazu »Beamteter«!
Gut, sagte ich mir, wenn es in Deutschland möglich ist, daß ein einzelner Mann das Leben und Lebensglück von Hunderttausenden, den Bestand unseres Reiches und unseres ganzen Volkes so leichtfertig aufs Spiel zu setzen wagt, wenn er sich durch seine Examina und seine amtliche Tätigkeit den »Befähigungsnachweis« zu einem solchen Verbrechen glaubt erworben zu haben, dann kann ich wahrhaftig mit gutem Gewissen einer Entwicklung unseres öffentlichen Lebens entgegentreten, die solche Gefahren erst möglich macht und aufkommen läßt. Oder muß man sich seine Vaterlandsliebe und das Recht, sie zu betätigen, auch erst auf dem Amte bestätigen und abstempeln lassen?
V.
Bedürfnisfrage.
»Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,
Wer legt noch die Hände jetzt feig in den Schoß,
Pfui, über dich Buben hinter dem Ofen,
Unter den Schranzen, und unter den Zofen –
Bist doch ein ehrlos, erbärmlicher Wicht!«
Körner.
Viel wichtiger als der Befähigungsnachweis ist die Bedürfnisfrage. Als Bismarck ging, war Frankreich isoliert, heute ist es Deutschland. Der Dreibund hat seine Bedeutung verloren. Darin stimmen alle unsere Politiker, die ein freies Wort wagen, mit bedauerlicher Einstimmigkeit überein. Da man mich als Politiker vielleicht nicht anerkennen wird, so lasse ich andere sprechen, deren Urteil mir am schwersten wiegt, deren Voraussagen ihr Urteil bisher am besten bestätigt haben. Ein solcher ist nach meinen Beobachtungen Carl Peters. Ich lese regelmäßig seine wertvollen politischen Aufsätze, die »Die Finanz-Chronik«, Wochenschrift für finanzielle und wirtschaftliche Interessen, in London erscheinen läßt, und bedauere stets von neuem, daß unserem Staatsdienste seine bedeutende Kraft entzogen ist.
Er schreibt am 1. September: – »Der Schwerpunkt der großen Entscheidungen hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr von Berlin nach London verlegt. In der europäischen Politik ist die englisch-französische Entente cordiale jetzt der Rocher de bronze. – – Sie ist heute fester als je. – – Die vereinten Westmächte planen, zurzeit wenigstens, keinen Angriffskrieg gegen uns. Aber sicherlich ist es unbequem für die deutsche Politik, daß wir gegen Westen das alte gute ›divide et impera‹ so gar nicht mehr anwenden können. Die Algeciras-Konferenz ist ein kleines Vorspiel für das, was wir in der kommenden Zeit von internationalen Kongressen zu erwarten haben: ›Einer gegen alle‹ ist stets ein gefährliches Spiel. – – Eine Umwandlung der konservativ-slawischen Großmacht in einen liberalen oder gar republikanischen Staat wäre eine direkte Gefahr für unsere internationale Stellung. – – Erst ein konstitutionelles Rußland wird Ernst machen mit der französischen Allianz und mit der britischen Entente. Deshalb war das Wort des britischen Premierministers: ›la Douma est morte; vive la Douma!‹ kein bloßer Einfall, sondern ein wohlüberlegter staatsmännischer Akt. – – Damit wäre dann die Isolierung Deutschlands eine vollendete Tatsache; und unsere Feinde könnten anfangen, von einem Angriffskrieg gegen uns zu träumen. – –
Diesen Möglichkeiten und Gefahren gegenüber haben wir im wesentlichen nur unsere eigene Wehrkraft. Fortdauernd bleibt der alte Friedericianische Grundsatz für uns bestehen: ›toujours en vedette‹; oder, wie Kaiser Wilhelm es faßte: ›Wir müssen unser Pulver trocken halten‹. Das Deutsche Reich, solange es sich selbst treu bleibt, ist so stark, daß selbst das vereinigte Europa es sich zweimal und dreimal überlegen wird, darüber herzufallen. Und wenn das Germanentum (?) einer Koalition aller Weltmächte gegenüber treten müßte: unter allen Umständen würde das Ende stolz und ruhmvoll sein. Und was will eine Nation schließlich mehr! Das Dasein als solches ist nicht gerade ein absolutes Gut, für die Völker ebensowenig wie für die einzelnen.«
All dem muß man leider als richtig zustimmen, nur dem Schlußgedanken nicht, daß Deutschland nicht mehr zu wollen habe, als ein stolzes und ruhmvolles Ende.
Soviel aber ist gewiß. Unsere Zukunft hängt allein von unserer Kraft ab. Wir stehen allein, und nur Eintracht und Mannhaftigkeit können uns beschützen. Damit ist auch die Bedürfnisfrage für eine Erziehung zur Mannhaftigkeit schon beantwortet. Man könnte höchstens sagen, es geschähe schon alles Notwendige, es könne sich nur um eine gewissenhafte Beibehaltung unserer »altbewährten« Praxis handeln. Darauf ist zu antworten, daß sich diese Praxis eben zu unserem Herzeleid nicht bewährt, jedenfalls nicht in vollem Umfang bewährt.
Es kommt nicht allein darauf an, daß wir im Kampfe auf Leben und Tod unseren Mann stehen, sondern viel wünschenswerter ist es, daß wir es als ein starkes Volk gar nicht so weit, zu einer solchen nationalen Pferdekur, kommen lassen. Mit dem »rühmlich Untergehen« hat es noch Zeit, das pressiert nicht. Wir wollen doch lieber rühmlich leben. Tun wir das, dann wird uns und anderen der Gedanke an einen Niedergang oder Untergang gar nicht kommen. Der Starke will vom Sterben nichts hören. Erst wenn es einem hier und da zu zwicken anfängt, stellen sich die Todesgedanken ein.
Weshalb waren wir denn zu Bismarcks Tagen so lebensfroh und lebenszuversichtlich? Wir hatten damals kein größeres Heer, keine größere Flotte, keine besseren Waffen, von allem das Gegenteil, aber wir hatten dafür etwas, was alles andere aufwiegt, wir hatten große Männer an der Spitze. Jetzt erkennen wir am eigenen Staatsleibe, was ein Mann vermag, was wahrer Manneswert bedeutet: die Geschichte enthüllt es immer deutlicher, daß das Deutsche Reich die Schöpfung fast des einen Bismarck ist und lehrt uns wieder mit eindringlicher Sprache, daß es nicht die Massen, nicht Konferenzbeschlüsse und politische Organisationen sind, sondern daß es vor allem der klare Wille einzelner Männer ist, der die Welt vorwärts bringt.
Wichtiger noch als Anschaffung neuer Gewehre und neuer Kriegsschiffe ist tatsächlich eine Erziehung der Jugend zur Mannhaftigkeit. Darin hat unser Kaiser recht. Zur Mannhaftigkeit aber in dem Sinne, daß sie freidenkende, selbständig handelnde und mutvoll ihre Überzeugung wagende Männer werden. Wir haben in Deutschland zuviel »Jasager«, zu viele in ihrer Jugend schon gebrochene Existenzen, zu viele treue Diener, zu viele »brave« Beamte, zu wenig Männer.
Hätte Bismarck sich mit dem Ruhme begnügt, ein gehorsamer Fürstendiener zu sein, so hätten wir kein Deutsches Reich. Alle großen Fortschritte der preußisch-deutschen Entwicklung hat er seinem mit Hingabe geliebten königlichen Herrn abtrotzen müssen. Wir haben die Überzeugung, daß heute kein Mann in Deutschland lebt, der ihm in gleicher Stellung einen solchen Mannesstolz nachleben würde. Das ist der springende Punkt! Im Felde versagt kaum einer.
Es leben im deutschen Heere »Leonidasse« und »Pelopidasse« zu Dutzenden, zu Hunderten, ja, ich glaube, zu Tausenden. Sprechen wir doch nicht weiter von einer Tugend, die auch den Mamelucken ziert! Es handelt sich um etwas viel Höheres, als um brutale Gewalt, als um den Mut der Verzweiflung eines in seiner Existenz bedrohten großen Volkes.
Wer in dieser Hinsicht eine Kraftprobe mit unserem Volke wagen will, der wird sein blaues Wunder erleben. Aber bei Hof, in den »Ämtern« und in den Parlamenten vermißt man immer schmerzlicher, mit immer lauteren Klagen die Bismarck-Naturen, ja, selbst solche Leute, die Männer wachsen lassen.
Er hat leider wenig Schule gemacht. Genie läßt sich freilich nicht vererben, aber er selbst meinte, daß man in seinem Hause doch wenigstens ein »bißchen Vornehmheit« hätte lernen müssen. Was er darunter verstand, ist leicht ersichtlich: vor allem eben doch Mannhaftigkeit, ein offenes, ehrliches, freimütiges, tapferes Wesen, nicht etwa jene glatte gesellschaftliche Politur, jenes gleißende Nichts, das Walther von der Vogelweide sehr treffend als »geliehene Zucht« bezeichnete.
Man führt uns immer wieder auf den Wahn, als ob sich der Mannhafte nur mit Flinte und Säbel bewähren könne. Ich habe so manchen Ritter des Eisernen Kreuzes als Subalternbeamten kennen gelernt, der nichts mehr von einem Helden an sich hatte, wohl aber jenen Blick und jenes Benehmen, das uns an einen homerischen Vers erinnert (Il. I, 225). Es ist viel leichter, einen Befehl ausführen, dem Willen eines anderen folgen, als sich seine eigenen Gesetze schreiben und mit diesen zur Not einem höheren Willen auch trotzen. Wir finden viele Tausende, die ohne Zögern eine feindliche Stellung stürmen helfen, aber nur wenige darunter, die ihrem Chef offen ihre Überzeugung ins Gesicht sagen. Ja, was gäbe mancher Subalterne dafür, wenn er seinen Geheimrat einmal vor die Pistole laden dürfte! – Ihm aber widersprechen? Lieber nicht. Man hat Weib und Kind, ein Avancement steht in Aussicht, nächstes Jahr ist man mit dem Kronenorden an der Reihe, man mag sich doch nicht von allen Kollegen verachten lassen. Also, – nieder mit dem Ärger, und wenns eine Gallenkolik gibt! Lieber nichts merken lassen, still seinen Dienst tun, Zufriedenheit und Zustimmung heucheln. »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.« Man tut halt seine sog. Pflicht und sieht nicht nach rechts und links … Oller tüchtiger Beamter!
Ein Fabrikarbeiter kündigt und geht seiner Wege. Wohin soll der entlassene Beamte gehen? Es gibt für ihn kaum einen anderen Weg als den ins Elend.
Derselbe Geist herrscht überall, wo der Staat der dienstgebende Herr ist. Also auch in der Schule für Lehrer und Schüler.
»Das ist ja eben«, wird man mir zurufen »die hohe, sittliche, bildende, erziehliche Kraft des Staates! Wehe dem, der daran rüttelt! Das sind die Säulen, die unser Reich tragen, das ist die hohe Schule der Zucht und Ordnung. Dadurch ist Preußen und Deutschland groß geworden: das allein kann uns auch in Zukunft erhalten. Das ist unsere Macht, unser Stolz, darum beneiden uns alle Nachbarstaaten, das ist der Fels, an dem alle Bemühungen der Wühler, Nörgler, Aufhetzer, all der gewissenlosen offenen oder versteckten Vaterlandsfeinde elend scheitern werden.«
Ich kenne all diese Behauptungen so gut, weil ich sie selbst lange vertreten habe und sie jetzt von den »Stützen von Thron und Altar« ja täglich wieder hören muß – in allen Tonarten vom freundlich-belehrenden Piano bis zum polternden Furioso, selbst in erregt vibrierendem Prophetentone mit dem Posaunenklang des jüngsten Gerichtes.
»Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«
Ob unsere nationale Erziehungspraxis im weitesten Sinne gefaßt eine Reform braucht, darüber ist allein unser Volk in seiner Gesamtheit Richter. Und dieses unser Volk spricht immer lauter, immer vernehmlicher seine Unzufriedenheit über den herrschenden Geist unseres öffentlichen Lebens aus, fordert immer lebhafter, daß auch die Schule eine geistige Verjüngung herbeiführen helfe.
Dagegen begnügten sich bisher viele mit der wohlfeilen Auskunft, daß die Unzufriedenheit nur ein Kunstprodukt sei, erzeugt durch Verhetzung der urteilslosen Massen von selten gewissenloser Agitatoren. So denkt vielleicht noch heute der ostelbische Agrarier, so denken unsere »korrekten« Behörden, so denkt der Adel und die ihm verbündete orthodox-konservative Partei. Diese lernen auch aus der Geschichte nichts und wollen aus ihr nichts lernen, selbst wenn sie eine so eindringliche Sprache spricht wie jetzt in Rußland.
Es wird also gut sein, sie über das aufzuklären, was unser Volk – und nicht gerade die Schlechtesten unseres Volkes – jetzt beunruhigt, und was zu Reformen an Haupt und Gliedern immer unaufhaltsamer drängt.
Wir beobachten mit steigender Sorge das Anwachsen der Menge von wirtschaftlich und auch innerlich gebrochenen Menschen, die nicht mehr die Kraft, den Mut und den Trieb haben, nach eigener Bestimmung, eigener Überzeugung, eigenen Idealen zu leben. Wir sehen trotz aller Fortschritte im wirtschaftlichen Leben »eine ungeheure Rückständigkeit, sehen in Kirche und Schule eine schlimme Geistesverkrüppelung«, im Rechtswesen das Gegenteil von dem, was Geheimrat Prof. Dr. Gierke unserem Kaiser vortrug, daß nämlich »in der Tiefe des Volksgemütes ein felsenfestes Vertrauen auf die Gerichte unerschüttert« sei, wir sehen, daß die aufrechten und wahrhaften Männer immer weniger zu Wort kommen, daß auch in der Presse Überzeugungstreue und Mannhaftigkeit immer mehr schwinden, um einer glatten und bequemen Gesinnungslosigkeit das Feld zu räumen; sehen eine unheilvolle Trennung des im Formalismus und Bureaukratismus versinkenden amtlichen Lebens vom Privatleben; sehen eine gerade von den herrschenden Kreisen ausgehende Verflachung des Daseins, die unsere Offizierkreise und das feudale Korpsleben zuerst erfaßte und dann immer tiefer auch in die Beamtenkreise und in das begüterte Bürgertum eindrang, sehen eine von den Regierungen begünstigte Klassenwirtschaft, eine gefährlich anwachsende Zersplitterung unseres Volkes nach Konfessionen, Ständen und Kasten, sehen ein unheilvolles Regiment des Buchstaben und der Paragraphen eifrig bei der Arbeit, alles geistige Leben zu nivellieren, alle Persönlichkeit zu erdrücken. Die Menschen werden zu Maschinen herabgewürdigt, werden als Nummern in zahllosen Akten und Listen geführt, werden herz- und geistlos nach »Schema F« abgefertigt. Ein Wald von Vorschriften engt unser Leben ein und wir drohen unter Aktenpapier und in Tintenfluten zu ersticken. Alles das ertragen wir mit wachsendem Unwillen.
Wir sehen, um mit Tacitus zu sprechen, unser Volk in die Knechtschaft hinabgleiten. Byzantinismus, unmännliche Ergebenheit Würden und Titeln gegenüber, Bewunderung des äußeren Scheines, protzenhaftes Verachten aller tiefliegenden geistigen und ethischen Schätze und bei allem großtuerischen Gebahren in entscheidenden Stunden doch Verzagtheit und Feigheit. Wir haben den Eindruck, daß unsere Kultur krank, zumal daß jene berühmten »Stützen« innerlich hohl sind, wir sehen, daß dem Rechtsbewußtsein, dem Wahrheitsbedürfnisse, dem Entwicklungstriebe unseres Volkes von seiten der Regierungen und Behörden entgegengearbeitet wird. Wir beklagen es bitter, daß die Regierung das Volksempfinden unausgesetzt verletzt.
Während unser Volk nach Aufklärung, nach Befreiung aus überlebten Geistesfesseln ringt, wird ihm von der Regierung und einem Klassenparlamente ein reaktionäres Schulgesetz aufgenötigt, das »unsere Lehrer durch die mittelalterlichsten Verordnungen zu besseren Drahtpuppen macht«. Wir sehen, daß ein Kultusminister, den man ohne Widerspruch in der Presse »den Feind jeden Fortschrittes, den König der Dunkelmänner, den unvolkstümlichsten und volksfeindlichsten aller Minister« (Das Blaubuch 1906 Nr. 34) nennt, von unserem Kaiser sogar in den Adelstand erhoben wird.
Immer weniger kommt in einem Parlamente, das nur den Großgrundbesitzern und der Geistlichkeit zu Willen ist, der Wunsch unseres Volkes zum Ausdruck. Es ist, als triebe man »oben« geflissentlich das, was man in Österreich als »Justement-Politik« bezeichnet: »Ihr wollt für das Abgeordnetenhaus eine Wahlreform? Wollt darin auch den Mittelstand, den Arbeiterstand, die Intelligenz vertreten sehen? An die Gewehre! Laßt Kanonen auffahren!«
»Die Studenten rufen nach akademischer Freiheit? Gut, aber auch die katholischen Korporationen sollen die Freiheit haben, den Geist der Freiheit zu zerstören. »Ihr Lehrer wollt Aufklärung? Nun gerade nicht! Zurück in eure Seminare und unter geistliche Zucht!«
Nirgends beobachten wir einen Fortschritt unseres Volkes zu politischer Selbständigkeit. Im Gegenteil, wir entwickeln uns rückwärts auf einer Bahn, die zum Absolutismus führt. Immer lauter wird deshalb der Ruf nach Männern, die uns erlösen sollen.
Gibt es in Deutschland denn nur noch Hofschranzen, Ordensjäger, Karrieremacher, Streber, Gedankenlose und Untertanen? Haben wir keinen freien Bürgerstand mehr? Aber das Unerträglichste wird schon schweigend hingenommen. Paraden, Gedächtnisfeiern und anderes Schaugepränge müssen uns ein Glück vorgaukeln, das unserem Herzen fremd ist. In den wichtigsten Fragen, die unser Volk im Innersten seines Wesens treffen, versagt die Mitarbeit der sog. Intelligenz. Man ist angeblich zu guter Patriot, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen, in Wahrheit fehlt es an Überzeugungen und an Mannhaftigkeit; es fehlt an dem Willen zur Macht.
Unser gutes deutsches Volk ist schon in Grund und Boden regiert. Das sind die Früchte unserer sog. guten Erziehung, die man so ehrend gar nicht benennen dürfte. Nicht Erziehung, sondern Abrichtung! Abrichtung zu stillen Untertanen und untertänigen Beamten. Von Kindheit an zum Schweigen erzogen, zum sog. Anstand, der zumeist gleichbedeutend mit Charakterlosigkeit ist, zur Botmäßigkeit, zur Bewunderung der »vorgesetzten« Einsicht, zum Gehorsam gegen all die staatlichen Machthaber in den Schulen, im Heere, auf dem Amte und der Polizei, und stets geduckt vor Höherstehenden, die den Bestand des Geldbeutels, die soziale Stellung, die öffentliche Wertschätzung des Mannes durch Gunst oder Ungunst eigenmächtig bestimmen! Dazu kommt dann die Kirche, die unter Berufung auf: Römer Kap. 13, 1 (»Eine jegliche Seele sei den höheren Gewalten untergeben; denn es gibt keine Gewalt, außer die von Gott. Die es aber gibt, die sind von Gott geordnet. Wer demnach der Gewalt widersteht, widerstehet Gottes Ordnung.« Vgl. Rußland!) stillen Gehorsam gegen die »Obrigkeit« predigt und die Feigheit noch mit einem Glorienschein umstrahlt.
Als Bismarck das stolze Wort sprach: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt«, gab er der Tatsache wahren Ausdruck, daß wir keinem äußeren Feinde im Felde weichen würden.
Nach seinem Rücktritte aus dem Amt wird er seine Meinung wohl eingeschränkt haben. Wir Deutschen fürchten außer Gott, ja oft mehr als Gott, unsere Vorgesetzten und das Urteil unserer Umgebung. Wir fürchten Konflikte mit den Behörden, mit den Gerichten, mit der Polizei, fürchten die Ungnade der »Maßgebenden«, fürchten die Kritik unserer Berufs- und Standesgenossen, fürchten uns sogar vor der Konsequenz unserer eigenen Gedanken und ziehen uns lieber scheu in das Faulbett des Herkommens zurück, als daß wir den Kampf in dem Staube der Arena wagten.
Die notwendigsten Schlachten auf dem Gebiete des Geisteslebens bleiben deshalb ungeschlagen, weil sich nicht genug Kämpfer dazu bereit finden. Uns erschreckt die Riesenaufgabe, daß wir uns eine neue Welt der Gedanken aufrichten müssen. Wir flicken lieber ängstlich an dem alten Bau, als daß wir beherzt zu einem Abbruch und zu dem Neubau des neuen Hauses schritten. Uns hält die Scheu vor der Tradition, die Rücksicht auf alte, zu alte »Ideale« und ihre alten Vertreter, eine unmännliche Pietät davon ab, das Gestrige abzutun und heute zu leisten, was uns der Tag gebietet. Wir können eine Scheinkultur nicht sterben lassen, die nur mit Kunstmitteln noch ihr mattes Dasein fristet.
Wie werden unsere Söhne später über uns urteilen? Ich fürchte, wir werden schlecht vor ihnen bestehen.
Wir fühlen ja selbst schon mit Beschämung, wie uns der Wille und die Kraft entschwunden sind, als ein selbstherrliches, mannhaftes Volk unsere Geschicke selbst zu bestimmen. Wir lassen uns regieren und benutzen nicht einmal die uns verfassungsmäßig zustehenden Rechte zur Mitarbeit. Das ist Pflichtversäumnis, denn Rechte sind zugleich Pflichten.
Bei der neuen preußischen Schulvorlage fielen die höheren Lehrer fast ganz aus. Höchst achtbarer Beamtengehorsam und das Bewußtsein, was sie sich als akademisch Gebildete schuldig sind, mag sie zu besonnener Zurückhaltung begeistert haben. Das wird sich an ihnen vielleicht noch rächen; denn man wird im Volke aufhören, sie als Vorkämpfer unserer geistigen Kultur zu schätzen. »Res ad triarios venit!« würde Cäsar sagen. »Die Volksschule vor!« so lautete auch der Schlachtruf. Kampf und Ehre wird also den Herren »Elementarlehrern« allein zufallen.
Erst spät, zu spät, um zu wirken, traten Herren der Hochschule noch ins Feld.
»Sind denn die Gneist und Mommsen ganz ausgestorben?« fragte mit Verwunderung Prof. Paul Natorp (Marburg) in der Frankfurter Zeitung, »geht die Staatsrechtslehrer, die Geschichtslehrer die Sache etwa nichts an? Spüren unsere freigesinnten Theologen nicht, wie sehr die Richtung dieses Entwurfs auch ihrem ganzen Bestreben an den Hals geht? Kann irgendeiner, dem die ›Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre‹ mehr als eine Phrase ist, gleichgültig zusehen, daß die Mächte, die von jeher deren ergrimmteste Gegner gewesen sind, mit dem Durchgehen dieses Entwurfs einen gewaltigen, vielleicht entscheidenden Sieg erringen würden? Oder ist man so kleinmütig geworden, daß man fürchtet, unser einmütiges besonnenes, aber unverblümt deutliches Wort werde im Volke angehört verhallen? Sind nicht die Lehrer der Volksschulen unsere Brüder, unsere nächsten Arbeitsgenossen? Können wir vor der Geschichte die Verantwortung tragen, sie auch jetzt wieder im Stich gelassen zu haben? Empfinden wir nicht, daß wir durch Schweigen uns zu Mitschuldigen machen? daß wir die Folgen eines solchen Sieges der Lichtfeinde zu allererst zu spüren bekommen werden? Unsere Hochschulen haben soeben, in im ganzen löblicher Tendenz und erfreulicher Einmütigkeit der Lehrenden und Lernenden, um die ›akademische Freiheit‹ gekämpft; soll die Freiheit ein Privileg der Hochschulen sein? und steht nicht das, worum wir gestritten haben, in höchster Gefahr, wenn erst die größte Provinz des nationalen Bildungswesens sozusagen ohne Schwertstreich in die Hand des Gegners gefallen ist, dessen offen erklärtes, mit zäher Energie und unleugbaren Erfolgen schon längst verfolgtes Ziel die Konfessionalisierung auch der höheren Schulen und der Universität ist?«
Lange meinte ich, meine schlechte Stimmung könnte eine persönliche Schwäche sein: geistige Überanstrengung, dienstlicher Verdruß, gestörte Verdauung, schlechter Schlaf, heruntergekommene Nerven. Aber ich empfing, als ich zum ersten Male meine Klagen laut werden ließ, tausendfach ermutigenden Zuspruch. Ich sehe seitdem, daß selbst meine Widersacher verstummen, daß selbst die Klarsichtigsten in immer wachsenden Kreisen meine Mißstimmung und Besorgnis teilen.
Ich muß auch hierfür Zeugnisse beibringen, sonst beliebt man vielleicht, mir diese Tatsache einfach abzuleugnen. Es genügte freilich auf das Türmer-Jahrbuch zu verweisen, das ein ehrlicher Spiegel der öffentlichen Meinung ist, oder auf die »Zukunft«, die seit Jahren, eher als alle anderen, den Niedergang angezeigt hat. Am 14. Juli 1906 lesen wir dort:
»Das unbehagliche Gefühl, spottschlecht regiert zu werden, die Furcht, von schwer erklommener Höhe mählich herabzugleiten, schleicht von Mond zu Mond schneller durchs Land, und die Presse, die nicht aufhören möchte, Ausdruck der öffentlichen Meinung zu sein, darf sich nicht länger sträuben, der Drängnis eine Zunge zu leihen. Ich will«, fährt Harden fort, »nur fromme Stimmen zitieren; nur aus den letzten Tagen: »Das Maß, in dem die verantwortlichen Männer ihre Haltung nach den Wünschen und Anschauungen des Staatsoberhauptes orientieren, geht gelegentlich über das Notwendige, Richtige und Nützliche hinaus. Dadurch wird nicht nur die Stellung der Minister, das Ansehen der Regierung und schließlich die Staatsautorität geschädigt, sondern direkt gegen den Geist des konstitutionellen Systems verstoßen, das selbstbewußte Männer an den verantwortlichen Stellen verlangt. Aus Männern mit eignen Gedanken, eigenem Wollen werden Handlanger eines höheren Willens. Das Staatsgefühl geht zurück und mit ihm, trotz aller hohen und hohlen Worten, die innerliche Achtung vor dem Staat.« (Hannoverscher Courier.) »Der Kaiser wird über die Einzelheiten der innerpreußischen Politik in so mangelhafter Weise unterrichtet, daß für die Zukunft die ernstesten Besorgnisse berechtigt sind.« (Tägliche Rundschau.) »Der Kaiser zwei Tage lang in Hamburg, als Taufpate und als Schiffsprediger, als Kriegsherr und als hoher Gönner des Rennsports, immer um die Elbhöhe herumgefahren und dem Standbild Bismarcks keinen Besuch abgestattet! Millionen treuer Söhne ihres Vaterlandes werden peinlich und schmerzlich empfinden, daß dies möglich werden konnte.« (Deutsche Stimmen, Wochenblatt für die nationalliberale Partei.) »Man wird mit Fug erklären dürfen, daß die Bevölkerung der vielen umfangreichen Mitteilungen über Reisen und Reden der Fürsten allgemach müde wird. Es wäre daher kein Unglück, wenn politische Fürstenbesuche, die sich in den letzten Jahren allzu oft wiederholt haben, einmal geraume Zeit unterblieben. Man ist so ziemlich überall zufrieden, wenn sie vorüber sind, ohne einen Mißklang erfahren oder zurückgelassen zu haben.« (Vossische Zeitung.)
»Endlich!« ruft Harden aus und fährt mit der gleichberechtigten Bemerkung fort: »Wäre vor sechzehn Jahren so gesprochen worden, dann sähe es im deutschen Land heute besser aus. Jetzt genügen so sanfte, in Watte gewickelte Andeutungen nicht mehr. Bleiben auch allzu vereinzelt. Morgen wird da wieder Weihrauch gespendet, wo sich gestern kritisches Bestreben zeigte. Jetzt muß so ernst, so vernehmlich gesprochen werden, daß keine Möglichkeit eines Mißverständnisses bleibt. So, wie es bisher war, kann's nicht weitergehen. Die ganze Methode unserer Politik muß geändert werden. Schnell; jede Woche häuft neue gefährliche Fehler.«
Stets die gleiche Klage, daß es an Männern fehlt. So schreibt H. Ilgenstein im »Blaubuch« 1906, Nr. 34:
»Was uns nottut, das ist eine Revolution der Geister, ein Erwachen, ein Wille, eine Kraft. Man tue sich (in gesetzmäßiger Weise) allenthalben zusammen! Man verkünde allerorten, daß man sich für einen Minister bedankt, der bei längerer Tätigkeit denn doch dem Lande eine ernste Gefahr bedeutet. Herr von Studt kommt in das Haus, in dem neben einer volksfeindlichen Majorität auch einige Männer sitzen, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Ist keiner unter diesen Männern, der diesem Minister für Geistesknechtung einmal auf gut deutsch die Wahrheit sagt? In den Verwaltungsbehörden unserer Städte herrscht größtenteils eine liberale, durchaus nicht fortschrittsfeindliche Gesinnung. Von diesen könnte den merkwürdigen Sondererlassen des Herrn Ministers doch eine recht gesunde Obstruktion gemacht werden. Erst neulich (Nr. 32 des »Blaubuch«) machten wir auf den widerlichen Unteroffizierston aufmerksam, in dem unter der Ära Studt die Unterrichtsbehörden mit den Lehrern verkehren. Sollte es nicht Pflicht der Gemeinden sein, in deren Dienst die Lehrer stehen, dem Minister es einmal recht klar zu machen, daß selbst preußische Volksschullehrer noch Menschen sind? Wenn alle Faktoren, die sich jetzt nur ›ärgern‹, nur eine Zeitlang auf ihrem Posten wären, dann bliebe dem Dunkelmanne nur noch der Rückzug. Aber vorläufig sind wir noch nicht auf dem Posten.«
Über die Stimmung der deutschen Volksschullehrer, mit der man sich im sog. gebildeten Publikum besser vertraut machen müßte, belehrt der »Bund der deutschen Volkserzieher« unter der Leitung Wilhelm Schwaners. Wenige Deutsche, von den Volksschullehrern abgesehen, lesen dessen »Volkserzieher«, der eine Macht im Volksleben geworden ist. Die Lehrer lesen ihn nach vielen Tausenden und halten zu ihm in begeisterter Hingabe zu Schutz und Trutz.
Ich gebe eine Stimmungsprobe aus dem Hefte 17 des X. Jahrganges (1906), einen Aufruf von Hans Würtz in Altona:
»Der Bund Deutscher Volkserzieher ist eine Gemeinschaft von deutschen Männern und Frauen, die sich zusammengeschlossen haben zu Rat und Tat, zu mutigem Kampfe und ewiger Fehde gegen die Giftmischer des Geistes und der Gesinnung, gegen Tyrannen und gegen Knechtsseelen, gegen die Orthodoxen der Religion, des Rechts und der Hygiene, gegen Papst- und Pfaffentum, gegen Feigheit und Reaktion, gegen Anarchie und Revolution – zum ernsten Streben und Tun für die höchsten und herrlichsten Güter unseres Volkes: Wahrung, Erneuerung und Kräftigung echt germanischer Art in Religion, Sitte und Gesamtkultur gegenüber der römischen Scheinkultur, Umwandlung der papiernen Gewissensfreiheit in staatlich anerkannte Freiheit des Wissens und Glaubens, Wertung der Individualität.
Darum finden sich bei uns auf gemeinsamem Boden des Verstehens: die Philosophen und Theosophen, die Mystiker und Wirklichkeitsmenschen, die Abstinenten, Vegetarier und Gemäßigten, die Männer der Tat und die in der Welt der Kunst und Schönheit träumen. Den neuen Frühling des Germanentums wollen wir herbeiführen: darum stellen wir naturgemäß die Tatreligion, die wir in den alten und neuen Schriften unserer germanischen Rasse niedergelegt finden, höher als die offizielle jüdisch-christliche Scheinreligion der Kirchen. Die Religion der deutschen Propheten, der Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Lagarde, Emerson, Friedrich II., Wagner, Bismarck u. a. hat unser Führer in der »Germanenbibel« aufgebaut, und wir Bundesmitglieder haben dieses bahnbrechende Werk zu unserm Hausbuch erhoben. Freunde, laßt euch von Berlin Prospekte der »Germanenbibel« schicken und sorgt für Verbreitung des Werkes, damit unsere Ideen auch auf diesem Wege ins Volk dringen! – – –«
Noch deutlicher und deutscher spricht Wilhelm Schwaner selbst, ein ehemaliger gemaßregelter Lehrer, dem die rechte Kirchengläubigkeit fehlte, ehedem ein harmloses Wiesenbächlein, das man hätte sollen gewähren lassen, jetzt zum reißenden Strom angeschwollen.
»Es ist richtig,« schreibt er in einem Aufsatz über »Schulproletarier« im »Volkserzieher« X, Nr. 17, »daß in Zukunft preußische Volksschullehrer im Gehalt hinter den Schutzleuten zu rangieren haben, obgleich ihnen vor den ehemaligen Sergeanten die Offizierskarriere und der regelrechte Besuch bestimmter Universitäten und damit die Ministerlaufbahn offensteht.
Aber es ist trotz der hundserbärmlichen Entlohnung, insbesondere der meisten Landlehrer, unrichtig, von Schulproletariern zu reden. Denn wenn es schon welche gibt, welche jährlich 720 M. Gehalt beziehen – ich selber habe drei Jahre lang pro anno 600 M. (hört, hört) gehabt, also weniger als ein Großknecht, weniger als jeder mittelmäßige Fabrikarbeiter, weniger sogar als eine sechzehnjährige Kontoristin der Großstadt – so sind sie doch noch lange keine Proletarier. Unsere Lehrer haben nämlich, was den unglücklichen Proletariern der roten Partei absolut fehlt, immerhin eine gewisse wissenschaftliche Bildung, und sie haben, was sie gegenüber den Millionären des Kapitals zu Milliardären erhebt, Ideale, unverwüstliche, hohe und heilige Ideale. Gewiß, die stempeln unsere Schulmeister zu Revolutionären des Geistes – eine eingehende Geschichte des Lehrerstandes würde zu überraschenden Entdeckungen führen, wenn es auch den Juristen Studt wenig interessieren mag, was für »Kerle« gerade auf dem von ihm beaufsichtigten Felde Bahnbrecher und Führer geworden sind – aber zu Revolutionären der Straße werden die deutschen Lehrer niemals werden. Obgleich es auch unter ihnen gelegentlich einen richtigen Umreißer geben kann, ähnlich wie die neuere Geschichte einen Anarchisten Johannes Miquel gekannt hat, den der nachmalige Kaiser Wilhelm II. ›seinen Mann‹ nannte.
Seit der beste Teil der Lehrerschaft angefangen hat, sich auf sich selbst zu besinnen, Selbsterziehung zu üben durch Alkohol- und Nikotinabstinenz oder gar durch Fleischenthaltung und vor allem durch sittenstrengen Lebenswandel; seit die Lehrer durch Selbsthilfe und energisches Studium sich die Quellen der Wissenschaft und damit die Tore zum Tempel der Weisheit erschlossen haben; seit wir eine Volkserzieherbewegung kennen und hinter ihr als Rückgrat und Träger in die Zukunft einen Bund, der alle deutschen Gaue überspannt: seitdem, ihr Leute vom ›Vorwärts‹, die ihr als Millionär Paul Singer und als Schloßbesitzer August Bebel ja selber keine Proletarier seid, seitdem ist es mit eurer Hoffnung auf eine rote Avantgarde aus Schulmeisterkreisen ein für allemal vorbei. Es hätte auch noch schlimmer kommen können, als es ja leider Gottes schon ist, so würden wir doch nicht unseren Patriotismus ›revidieren‹. Denn unsere Gesinnung hängt nicht wie die eurige oder wie die der Agrarier, Industriellen, Junker und anderer Sippen vom ›Brotkorb‹ ab, sondern von der Höhe unseres Seelen- und Geisteslebens, das eben lediglich und allein durch uns selbst bestimmt wird! (Mitläufer, Schmarotzer, Feiglinge, Mantelträger, Rückenmärker und dergleichen Gelichter selbstverständlich ausgenommen. Auch die Bierbank-, Schnaps- und Weinhelden, die als Lehrer regelmäßig dem kirchlichen Abraham im Schoße sitzen, wie sie als Arbeiter und »Proleten« für die Paule der roten Partei unentbehrlich bleiben, weshalb man ja auch auf den sozialdemokratischen Parteitagen niemals die Alkoholfrage zur Hauptdebatte stellen läßt: zur politischen Revolution haben eben wie zum Verrat Elende des Alkohols nötig.) Uns ›Schulproletariern‹ wird man Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen und andere nicht so leicht entreißen, wie man aus eurem Zentralorgan die Leute der besseren Feder und des einfachen politischen Anstandes weggebissen hat. Denn bei uns wird ebensowenig die Knute des Despoten je etwas erreichen wie die Phrase des Pöbels. Wir bauen uns eben unsere eigene Welt, die deutsch und pädagogisch ist!«
Ideale, mein lieber Schwaner haben die Sozis auch, nur etwas andere als wir beide. Ich nenne jeden Menschen einen Idealisten, der sich für seine Überzeugung einsperren läßt. Aller andere sog. Idealismus beruht auf Selbsttäuschung.
Und während ich diese Zeilen schreibe – buchstäblich zu verstehen – reicht mir das Sopherl, das mich bedient, einen Brief herein, in dem ich von einer Redaktion aufgefordert werde, über die »Pflege der Willenskraft in der Erziehung« zu schreiben, »als Grundlage einer gesunden deutschen Erziehung, die an die Stelle treten müsse der zur tatenlosen Träumerei verführenden Drillmethode der alten Lernschule«. Der Briefschreiber ist Schuldirektor!
Überall die gleiche Sehnsucht nach einer inneren geistigen Reform. Das Notwendigste aber hat doch wieder Harden gesagt (»Zukunft« 1906 Nr. 38):
»Im Reichstag sitzen gescheite und redliche Männer, die etwas leisten können. Weshalb finden wir, wenn monatelang gedroschen ist, die Tenne leer? Weil dieser Reichstag nicht zur Regierung berufen, sondern nur als Ornament gedacht ist. Weil die Regierenden sich bemühen, ihn schmeichelnd zu überlisten und er selbst in technischem Kleinkram, in Paragraphenflickerei, die jeder Geheimrat besser besorgt, seine Aufgabe sieht. Weil der Wille zur Macht ihm versiegt ist. Die Änderung oder Ablehnung eines Gesetzes, nach Jahren vielleicht die bundesrätliche Zustimmung zu einem Initiativantrag: das kann er erreichen; mehr nicht. Keinen Kanzler noch Staatssekretär stürzen; seiner Majorität nie die Wirkensmöglichkeit erobern. ›Wenn die Kerle sich ausgeschimpft haben, sind sie wieder still‹; und die Karre rumpelt, als sei nichts geschehen, ein Stückchen weiter bergab. Wer mag für solchen Preis das Leben einsetzen? Wer sich mutwillig die Exzellenten verfeinden, die er doch nicht vom Thrönchen stoßen kann? Da sie bleiben, solange es dem Kaiser paßt, stellt man sich mit ihnen lieber auf leidlichen Fuß und bekümmert sich eifriger um ihre Umgangsformen als um ihre Leistungsfähigkeit. Dieser Reichstag hat kein Ziel vor, keinen Willen zur Herrschaft in sich; er ist zum Disputierkränzchen geworden und drischt in jedem Herbst wieder dasselbe Stroh. In England, Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Belgien, Skandinavien, in Österreich und den Balkanstaaten sogar regiert das Parlament, in Rußland heischt es Konventsrechte; in Deutschland redet es den Regierenden ins Handwerk drein und knickert ihnen unklug die Pfennige ab. There's the respect that makes calamity of so long life. Dieser Zustand darf nicht noch länger dauern. Das nächste Ziel politischen Trachtens muß die Sicherung des parliamentary government nach britischem Muster sein.
Übt euch in zähem Widerstand gegen Ungebühr! Warnt das Volk, sein Geld einer schlechten Regierung anzuvertrauen! Und stählt den Willen zur Macht!«
Ganz meine Meinung! Wir witzeln über den unfähigen Reichstag, tuen aber nichts ihn zu stärken. Noch fehlt dem Reichstagsgebäude die Aufschrift. Erträgt das unser lammfrommes Volk noch weitere Jahrzehnte?
In allen großen Kulturfragen unseres Volkes wollen und werden wir uns erlauben mitzureden, werden auch die Amtstätigkeit unserer Beamten öffentlich kritisieren, wenn sie uns gemeingefährlich erscheint. Paul de Lagarde verlangte schon eindringlichst, daß die Beamten für ihre Verfehlungen regreßpflichtig gemacht würden. Was sagt man nun zu folgender ›amtlichen‹ Angelegenheit? Man lese das Buch ›Mein gutes Recht‹ des deutschen Kaufmanns Karl Paasch (Kommissionsverlag von Meyer & Hendeß in Zürich, 1906), den man für verrückt erklärt hat, weil er über deutsches Kolonialwesen die unglaublichsten Dinge veröffentlicht hat. Nach den jüngsten Erfahrungen wird er auch für Unglaubliches jetzt Gehör finden.
Lehmann-Hohenberg, auch so ein Unbequemer, der in alle dunklen Ecken unseres Reiches hineinleuchtet, nennt in seinem »Rechtshort« (1906, Nr. 13/16) diesen Paasch einen modernen Michael Kohlhaas und ruft, nachdem er den wirklich ganz ungeheuerlichen Fall in großen Zügen dargestellt hat, in Erregung aus: ›Ward je ein Fürst und Volk schändlicher betrogen und verraten!?‹ – – »Hier kann und darf keine Aufklärung gescheut werden! Stecken wir schon mitten in vollster Korruption? Das deutsche Volk hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie es hiermit steht, und daß mit stählernem Besen die Stuben unseres Beamtentums ausgefegt werden, wenn die Angaben von Paasch auch nur zu einem Teil auf Wahrheit beruhen.«
Um mich etwas verständlicher zu machen, will ich mit seinen eigenen Worten andeuten, worum es sich handelt, mache dabei auf die Tatsache aufmerksam, daß verwandte Anschauung und Stimmung hervorleuchten aus »den Briefen, die ihn nicht erreichten«. Paasch also schreibt:
»Weil meine geschäftlichen Projekte bei den chinesischen Behörden gute Aufnahme und Beachtung gefunden, weil sie die allerbesten Aussichten auf Erfolg hatten, eben deshalb, und nur deshalb wurde meine Beseitigung beschlossen, v. Brandt und v. Ketteler wollten mit einem Schlage reiche und wenn möglich berühmte Leute werden. Geld, Geld und wieder Geld war das Hauptmotiv für alle Handlungen dieser Herren. Was still und ruhig mit den chinesischen Behörden verhandelt war, was ruhig in den Geheimarchiven der deutschen Gesandtschaft ruhte und bestimmt war, dem Fürsten Bismarck vorgelegt zu werden zur Ehre und zum Vorteil Deutschlands, das wurde von diesen beiden Herren verplempert, verraten und wahrscheinlich einfach verkauft zu ihrem Vorteile …«
»Nachdem das Attentat (!!) auf mich mißlungen war, verfügte Herr v. Brandt plötzlich über Geld und wollte mir kürzlich erst abgeborgte 20 000 Mk. zurückgeben; auch Herr v. Ketteler wollte plötzlich eine ›Erbschaft‹ gemacht haben. Merkwürdig, sehr merkwürdig! …«
»Nachdem bei solcher Lage der Dinge v. Brandt nicht abberufen wurde, da war das ganze Geschäft natürlich für Deutschland verloren. Die Chinesen hatten ja die ganze im Interesse der Hochfinanz ins Werk gesetzte Intrigue durchschaut, ehe ich sie ihnen mündlich und schriftlich berichtet hatte. Niemand geringeres als der Vizekönig Li-Hung-Chang hat mir das selbst erzählt. Der Verlust, der für Deutschland daraus entstanden ist, läßt sich annähernd kaum abschätzen. Ich beziffere ihn auf Milliarden. Man denke nur, China hätte derzeit die von mir vorgeschlagenen Projekte ausgeführt, was wären dann die Folgen gewesen? Wir hätten in China auf lange Zeit hinaus festen Fuß gefaßt, nicht auf Grund kriegerischer Ereignisse, sondern in freundschaftlicher Weise, so daß die Chinesen ein Interesse daran gehabt hätten, gerade uns Deutsche im Lande, wenigstens noch für lange Zeit, zu halten. Damals waren wir Deutschen geradezu eine bevorzugte Nation bei den Chinesen, während heute das Gegenteil der Fall sein dürfte. Der Gesandtenmord und die daraus resultierende Chinaexpedition wären uns erspart geblieben, und was sonst noch für Vorteile für uns in ostasiatischen Angelegenheiten erwachsen wären, mag sich ein jeder selbst auskalkulieren, der sich für diese Dinge interessiert.«
Gehen uns diese Dinge wirklich nichts an? Müssen wir Bürger nicht die hohe Zeche bezahlen, bezahlen sogar mit unserem Blute, mit unserer nationalen Ehre?
Ich kann nicht beurteilen, ob Paasch im Rechte, ob er normal oder geistig krank ist, aber ich möchte als Staatsbürger über diese Frage aufgeklärt werden.
Keines der Preßzeugnisse, die ich hier beigebracht habe, entstammt einem sozialistischen Blatte. Keiner der genannten Zeugen würde sich abstreiten lassen, daß es ein guter Patriot sei. Nicht die sind unsere guten Freunde, die über unsere Schwächen schweigen, sondern die, welche es wagen, uns freimütig das zu sagen, was man »die Wahrheit« nennt, also ihre ehrliche, wenn auch tadelnde Überzeugung. Noch eins: Auffallend wie wenig bei uns die aufklärende und fortschrittliche Arbeit der Männer mit der unserer Frauen Schritt hält. Nichts ebenbürtiges haben wir der starken Propaganda der Frauenbewegung innerhalb der letzten zehn Jahre an die Seite zu stellen. Mit dem Kultureifer unserer jungen Damen verglichen macht der gebildete Korpsjüngling eine schlechte Figur. Ideenloser und nüchterner, als diese vermeintliche Blüte der deutschen Nation, deren Umgang jungen kaiserlichen Prinzen gestattet wird, flacher, unmännlicher kann man unmöglich sein. Wenn sie noch jugendlich froh und ausgelassen wären! Aber auch das nicht, sondern nur patent und korrekt, schon in jungen Jahren auf Karriere spekulierend, auf Protektion, die das eigene Denken und Arbeiten ersetzen soll. Ihr Mannesmut erschöpft sich auf dem Paukboden bei der Mensur: einer mittelalterlichen, wohl mutstählenden Spielerei, die man anerkennen und sogar begünstigen dürfte, wenn sie nicht mit unseren Staatsgesetzen und mit dem öffentlichen Rechtsbewußtsein in Widerspruch stände – für entsprechende Handlungen kommt nämlich der Arbeiter ins Gefängnis – und wenn sich dabei nicht der Mannesmut des jungen Herren ganz zu verausgaben schiene. Zu diesem zwar blutigen, aber im Grunde doch ungefährlichen Spiele würden sich für angemessene Bezahlung auch Dienstmänner abrichten lassen. Was wir vermissen: eigene, mannhafte Überzeugungen, jugendliche Geistesfrische, den »Zorn der freien Rede«, das begeisterte Eintreten für alle wahren Menschheitsideale, davon finden wir in dieser vornehmen jungen Vertretung der herrschenden Kasten nichts. Da waren die alten Burschenschaften mit ihren Brauseköpfen und dem Überschwang hoher Gefühle doch ganz andere Kerle!
Als jüngst eine Dame in öffentlicher Versammlung wegen sog. »Schürzenpolitik« unfreundliche Worte zu hören bekam, sagte sie entrüstet: »Wir lassen uns von den heutigen Männern Deutschlands nicht mehr verspotten. Wo wir einmal eine wahrhaft mannhafte Tat brauchen, da wenden wir uns an eine – Frau. »Wenn ich«, sagte sie, »auf der Straße elegante Herren mit Zylinder und schwarzen Aktenmappen darum bat, mir als Zeugen bei empörender Pferdequälerei zu dienen, so erhielt ich noch jedesmal die gleiche Antwort: ›Bedaure, gnädige Frau; ich befasse mich nicht gern mit dergleichen. Man hat nur Schererei davon.‹ Wandte ich mich an Damen, so fand ich selten eine Ablehnung.«
Ich muß gestehen, daß ich selbst als Vorstand eines Tierschutzvereins gleiche Erfahrungen nicht selten gemacht habe und der Beifall, der jener Dame gespendet wurde, sprach für die Allgemeingültigkeit ihres Urteils.
Die empörendste Pferdeschinderei gehört in und um Berlin zu den scheinbar unausrottbaren Übeln, die der Mensch als ein Gegebenes ertragen muß. Wenn ich von den noch brutaleren Griechen und Italienern absehe, so kenne ich im übrigen Europa keinen Platz, wo sich vor aller Augen rohe und vielfach versoffene Kutscher dergleichen offene Verhöhnung aller Menschlichkeit gestatten. Dies wäre ganz unmöglich, wenn jeder deutsche Mann seine Pflicht täte. Aber da fehlt es eben. Man wendet den Blick ab, will lieber nichts gesehen haben und macht sich durch solche Schwäche zum Mitschuldigen. Es müßte doch wunderbar zugehen, wenn alle gesitteten Leute einer Großstadt unfähig sein sollten, eine solche öffentliche Schmach auszurotten! Aber man begnügt sich bestenfalls mit einer Anzeige bei der Polizei und hat davon – wie ich selbst immer wieder durchmache – tatsächlich viel Schererei. Dazu kommt, daß der bedrohte Kutscher natürlich saugrob wird – denn er lebt noch immer des Wahns, Pferdeschinden wäre sein gutes Kutscherrecht –, das gibt dann noch Beleidigungsklagen und weitere Umständlichkeiten.
Warum ist es denn bei anderen gesitteten Völkern möglich, das Übel abzustellen? So in England, wo ich nie eine Pferdeschinderei gesehen habe? Dort würde eben nicht nur ein Mann, sondern gleich 20, 30, 40 Mann dem Kutscher sofort ihre geballten Fäuste (mit und ohne Glaçé) unter die Nase halten, so daß ihm auch das Schimpfen gleich vergehen sollte. Ein stolzes, gesittetes, selbstherrliches Volk! – Wir werden natürlich auf die Polizei verwiesen, wie Quartaner, die dem Herrn Ordinarius Anzeige zu machen haben. Und diese Polizei? Man betritt mit entblößten Haupte das Wachtzimmer, bietet artig seinen »Schönen guten Morgen« und beginnt schüchtern seinen Vortrag: »Ich wollte mir gestatten, Ihnen usw. … wollen Sie so freundlich sein« usw. … Keiner von den blauen Bären erhebt sich vom Sitze, über die Achsel hin wird man mit kritischem Blicke betrachtet und dann kommt, nachdem anderes Wichtigeres seine gemütliche amtliche Erledigung erfahren, auch der unbequeme Gast zu Verhör.
Dabei haben die Behörden selbst die Bürgerschaft öffentlich zur Mithilfe im Kampfe gegen ein Übel aufgerufen, dessen sie eingestandenermaßen selbst nicht Herr werden. Ein Recht zur Klage haben wir Deutsche deshalb nicht, weil jedes Volk die Polizei, die Kutscher, die Pferdeschinderei hat, die es verdient. Man kann daran – nicht etwa deutsche Gemütsrohheit – wohl aber deutsche Untertanenschwäche studieren.
Wer kennt nicht Prof. Rudolf von Jerings tapferes Schriftchen »Der Kampf ums Recht«? Für mich bedeutete es eine Entwicklungsstufe in meinem Leben. Es lehrte mich, daß jeder berufen ist, Mitstreiter für das Recht zu sein. Die meisten gebildeten Deutschen drücken sich heute von dieser Pflicht. Diese Drückebergerei, das Nichtsehenwollen, das Ablehnen von jeder Verantwortung, der Mangel an Sozialgefühl, an anderen als rein selbstischen Wünschen, das sind unzweifelhaft Anzeichen der Décadence. Dabei bückt sich die bürgerliche Ehrbarkeit bis tief zum Boden und der Korrekte erfleht sich den kirchlichen Segen für seine armselige Tugendhaftigkeit.
Wann endlich wird sich das deutsche Volk ermannen? Friedrich Hebbel, einer der Mannhaftesten, den je die Erde trug, litt sein Leben lang an der deutschen Demut und Unmännlichkeit. »Das Volk wird nicht bloß geschunden, es ist dahin gebracht, daß es sich selbst schinden muß« (Tagebuch, 12. Febr. 1841); »Ich weiß im Ernst nicht«, schrieb er am 25. Sept. 1840, »wer eher geköpft zu werden verdient: der, welcher bei Shakespeare kalt bleibt, oder der leidenschaftliche Mörder. Aber das Nichts gilt für den Inbegriff aller Tugenden«: – »Die Menschen haben viele absonderliche Tugenden erfunden, aber die absonderlichste von allen ist die Bescheidenheit. Das Nichts glaubt dadurch etwas zu werden, daß es bekennt: ich bin Nichts« (ebenda 19. Okt. 1843). »Er nahm einen Fußtritt hin, aber er mußte von einem gewichsten Stiefel apliziert werden« (13. Okt. 1840).
Man liest jetzt oft Vergleiche zwischen unseren Tagen und der Zeit von Jena und Auerstedt. Ich halte den Vergleich für falsch. Nein, wir leben in einer neuen Metternich-Periode, wieder ist nach glänzender Waffentat dem guten, opferfreudigen Volke sein Lohn ausgeblieben, wieder haben wie damals Hierarchie, Staatsanwälte, Polizei und die ganze schwerlastende Bureaukratie auf den Lebensfrühling ihre Nachtfröste gesandt, wieder dieselbe Entmündigung, Abrichterei, Gängelung und Frommacherei des Volkes, das endlich doch der Kinderstube entwachsen sein dürfte.
Aus der Ära Metternich errettete uns die Revolution von 1848. Wenn nicht Umkehr in der öffentlichen Politik eintritt, scheint mir eine ähnliche Katastrophe nicht ausgeschlossen. Die Mißstimmung wächst von unten auf immer bedrohlicher und ergreift schon Kreise, die noch vor wenigen Jahren bei keinem Kaiserkommerse vermißt wurden.
Wir wünschen und hoffen, daß es eine rein geistige Revolution sein möge, diese aber sehnen wir herbei, weil sonst das Volk verkommt, weil wir sonst unseren Beruf versäumen, Bahnbrecher und Fackelträger der Menschheit zu sein. Den Ruhm, gehorsame Untertanen und sanfte Schafe der Kirche zu sein, gönnen wir unseren Brüdern in Rußland und Spanien. Der Kurs führt von Luther, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Nietzsche, de Lagarde, Bismarck auf den Bahnen der Aufklärung zu einer germanischen Gesittung und Kultur. Der Weg nach Rom ist eine Umkehr ins dunkelste Mittelalter. Dort ist keine Kultur zu holen, sondern nur ein cäsarisches Imperium und geistige Entmündigung – ein Cäsareopapismus nach russischem Muster.
Im Jahre 1816 sang Ludwig Uhland ein Lied, das heute im Jahre 1906 nicht weniger Gehör verdient, jedermann kennt es, aber wenigen ist es noch tief ins Herz geschrieben. Wir stehen vor der Gedächtnisfeier von Jena. Da ist es gut, sich auch daran zu erinnern, was auf Jena und Leipzig folgte: