VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand.
U
nter der Konstanzer Brücke entströmt dem Schwäbischen Meer der smaragdgrüne Rheinstrom, so schön und rein wie nur irgendeiner seinesgleichen. Wer sich ihm auf dem Schaffhauser Dampfschiff anvertraut, dem bietet sich bei der Fahrt eine ungeahnte Fülle prächtiger Landschaftsbilder. Aus der Spiegelfläche des Untersees winkt das liebliche Eiland der Reichenau mit seinen Erinnerungen an alte Kultur, und das reiche Grün der Rebgelände und Obstgärten, die satte Farbenpracht der Blumenbeete vor den Wohnstätten des Inselvölkchens zaubert uns die Erinnerung herauf an Rudimann den Kellermeister, an Heribald und seine Gäste, an die Gesandtschaft des Kämmerers Spazzo und alle die lebenswahren Gestalten, denen Scheffel in seinem Ekkehard eine so wohlverdiente Auferstehung bereitet hat. Über der Insel grüßt der trotzige Hohentwiel herüber und trägt auch seinerseits dazu bei, uns auf ein Viertelstündchen hinüberdämmern zu lassen in luftige Träume im Rundbogenstil.
Am schweizerischen Ufer haben wir den Arenenberg Napoleonischen Andenkens, darüber auf steiler Höhe das Schlößchen Salenstein, weiter unten engt sich der Fluß wieder in eine schmale Rinne ein, und zu beiden Seiten wechselt in rascher Folge ein malerisch freundliches Bild mit dem andern, bis man am Fuß des fernsichtgesegneten Burgberges von Hohenklingen, an dem der feurige „Beerliwein“ wächst, das alte Stein am Rhein, ein malerisches Nürnberg im kleinen, erreicht.
Abb. 50. Lothenbachklamm bei Bad Boll.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 76].)
Der Rhein von Stein bis Waldshut.
Die Fahrt geht zwischen freundlichen Hügeln weiter unter einer mächtigen Eisenbahnbrücke und später unter der alten Holzbrücke von Dießenhofen durch, bis zum Landeplatz der ansehnlichen, viel Altertümliches bietenden Stadt Schaffhausen, die vom Bodensee her auch mittels zweier Eisenbahnlinien zu erreichen ist. Wenig unterhalb Schaffhausen hat sich der Rhein seinen Weg in weltberühmtem Falle über die harten Bänke des Jurakalkes hinab gegraben, dann umschlingt er in spitzig ausgezogener Schleife die Halbinsel mit dem alten Kloster Rheinau, geht bei Eglisau, wo er von der gewaltigen Hochbrücke der Eisenbahn Schaffhausen-Zürich überschient wird, von der südlichen wieder in die Westrichtung über, und strömt nun friedlich rauschend in weltabgeschiedener Einsamkeit an dem alten, steilgebauten Städtchen Kaiserstuhl und an den Wasserstelzschlössern vorbei, die mit ihrer lieblichen Umgebung durch Gottfried Kellers „Hadlaub“ unserem Empfinden so wertvoll geworden sind. Wer stille Gänge und Wasserfahrten liebt und gern mit seinen Gedanken allein ist, dem sei diese wenig bekannte Strecke des Oberrheinlaufes zu behaglichem Schlendern ganz besonders warm empfohlen. Auf der unfernen Küssaburg mag sich der Wanderer weiten Umblicks und schöner Alpenaussicht erfreuen, das Städtlein Zurzach aber weckt ihm die Erinnerung daran, daß hier dereinst die in der Peutingerschen Tafel verzeichnete Römerstraße von Vindonissa (Windisch bei Brugg) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar den jungen Strom überbrückte. Eine kurze Strecke noch, und wir haben bei Koblenz = Confluentes den Zusammenfluß der Aare mit dem Rhein, und jenseits, auf hoher Flußterrasse, das Städtchen Waldshut (340 m) erreicht. Damit sind wir ins Schwarzwaldgebiet eingetreten, und zwar auf einem der schönsten Zugänge, die sich machen lassen. Auf alle Fälle ist dieser Weg jedem, der nicht mit seiner Zeit zu geizen braucht, warm zu empfehlen.
Abb. 51. Die Wutachschlucht. (Zu [Seite 77].)
Donau und Rhein.
War bisher der Rhein unser Begleiter, so kann bei vielen, die von Osten und Nordosten kommen, auch die Donau die Führerrolle übernehmen. Von Ulm her, wo mancherlei Straßen zusammenstreben, folgen wir dem Fluß durch Oberschwaben nach dem malerisch gelegenen Sigmaringen, der schmucken Hohenzollernresidenz, dann ziehen wir durch das obere Donautal bis Immendingen und bewundern auf dieser Strecke ebenso die Natur, die dem Fluß einen fast rätselhaft scheinenden Weg durch wilde Felsschluchten mit weißschimmernden Kalkwänden gebahnt hat, als die Kunst, welche diese Engen dem Straßen- und Bahnbau zugänglich machte. Von unersteiglich scheinenden Schrofen schauen das Bronnener Schlößchen, Werrenwag und die Feste Wildenstein herab, in einer grünen Talweitung liegt das kunstsinnige Benediktinerheim Beuron, bei der gewerbereichen Stadt Tuttlingen nimmt unsere Linie die von Stuttgart her auf, und bei Immendingen (658 m), wo die Donau unterirdisch einen großen Teil ihres Wassers durch die Klüfte des Jura an die Hegauer Aach und damit an den Rhein abgibt, schneidet unser Weg den, welcher vom Bodensee nach Donaueschingen und weiter über den Schwarzwald in die Rheinebene führt. Wir aber streben Waldshut zu und benutzen darum die sogenannte strategische Bahn, die gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Umgehung des rechtsrheinischen Schweizer Gebietes bei Schaffhausen gebaut worden ist. Im breiten und einförmigen Aitrachtal haben wir bald Zollhaus (702 m) und damit eine der auffälligsten Stellen der Donau-Rhein-Wasserscheide erreicht.
Abb. 52. Frauentracht von Neustadt.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg.
(Zu [Seite 78].)
Etwa 40 km westlich von hier sammeln sich im Feldsee (1113 m) am Fuße des Feldbergs die Quellbäche eines Flüßchens, das erst Seebach, vom Titisee ab Gutach und weiter abwärts Wutach heißt. Bei Achdorf (540 m), ein kleines Stündchen von Zollhaus entfernt, aber rund 160 m tiefer gelegen, biegt die Wutach aus ihrer bisherigen Ostrichtung nach Südwest um und erreicht den Rhein nahe der Aaremündung oberhalb Waldshut. In alter Zeit aber hat sie ihren Lauf weiter nach Osten genommen und ist durch das Tal der Aitrach der Donau zugeströmt, welch letztere also ihr Stromgebiet bis zu den höchsten Schwarzwaldbergen ausgedehnt hatte. Wir erkennen diese Tatsache an dem Vorhandensein reichlicher Schwarzwaldgeschiebe im Aitrachtal, dessen Breite und Form außerdem zu dem kleinen Wasserlauf der Gegenwart in gar keinem Verhältnis steht. Die hochgelegenen Flußterrassen über der Wutach westlich von Achdorf zeigen ebenso deutlich, daß der Fluß einst in einem Bett strömte, das höher lag als die jetzige Wasserscheide bei Zollhaus. Was hat ihn aus der alten Bahn abgelenkt? Das war die allmähliche Tieferlegung des Rheines im Schiefergebirge unterhalb Bingen, wodurch alle Zuflüsse im oberen Rheingebiet zur Steigerung des Gefälles und damit zu verstärktem Einschneiden in ihre Unterlage veranlaßt wurden. Ein Wasserlauf, der in der Richtung Stühlingen-Waldshut strömte, nagte sich darum immer tiefer nach rückwärts in den Gebirgskörper ein und zapfte schließlich in der Gegend des jetzigen Achdorf die hoch oben nach Osten fließende Wutach an. Indem sie nun in steilem Gefäll ihr Wasser nach Südwesten abgab, entstand im alten Tallauf eine Wasserscheide; die unterste Strecke der alten Wutach, die heutige Aitrach, behielt die frühere Richtung und das alte, schwache Gefälle bei, der Oberlauf aber suchte sein Gefälle auszugleichen und nagte sich deshalb tief ein zum jetzigen Schluchtlauf. Das wurde ihm durch das meist leicht zerstörbare Gestein der Juraschichten dieser Gegend erleichtert, und so haben wir bei Zollhaus in breitem Hochtal eine erst in jüngster geologischer Vergangenheit entstandene Verschiebung der europäischen Hauptwasserscheide. Wir haben aber noch mehr, nämlich eine Unterbrechung derselben durch eine Wassergabelung oder Bifurkation, die freilich nicht so großartig ist wie die des Cassiquiare in Südamerika. Der Quellbach der jetzigen Aitrach läßt sich nämlich durch eine Schleuse unfern von der Bahnstation Zollhaus nach Westen ableiten und ergießt sein Wasser dann in das „Schleifenbächlein“, das an dem alten, ruinenüberragten Blumberg vorbei eiligen Laufes zur Wutach hinunterstürzt.
Abb. 53. Der Titisee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 78].)
Abb. 54. Titisee-Moräne. (Zu [Seite 78].)
Die strategische Bahn.
Um den bedeutenden Höhenunterschied zum Rhein hinab zu überwinden, muß unsere strategische Bahn, die in Rücksicht auf die Schnelligkeit und Sicherheit großer Truppentransporte in der Richtung auf die burgundische Pforte kein stärkeres Gefälle als 1 : 100 hat, eine Luftlinienentfernung von 9,6 km auf eine Streckenlänge von 23 km ausdehnen, sie macht also, bis sie die Talsohle der untern Wutach gewinnt, ungeheure Schleifen, darunter in dem 1700 m langen Stockhalden-Kehrtunnel eine solche über sich selbst weg. Die Strecke bis nach Weizen hinab ist eine Gebirgsbahn allerersten Ranges und steht an Schwierigkeit der technischen Probleme, welche der Bau in den hier weit verbreiteten weichen Tonen und Schiefern der Juraformation stellte, kaum der Albula- oder Gotthardbahn nach. Die Viadukte bei Epfenhofen und Fützen ([Abb. 32]), die Wutachbrücke unterhalb Blumegg, die überraschenden Ausblicke über weite Hochflächen und dann wieder in die schauerliche Gebirgswildnis, die bei den zahlreichen Richtungsänderungen der Linie ununterbrochen wechseln, machen diese im höchsten Grade interessant.
Bei Weizen zweigt die neue, bei dem Städtchen Stühlingen, das von dem Schlosse Hohenlupfen überragt ist, die alte Landstraße nach Bonndorf und damit auf den hohen Schwarzwald ab, deren Fortsetzung um den Juraklotz des Randen herum nach Schaffhausen gerichtet ist; vor der Eisenbahnzeit war diese Straße eine der wichtigsten von Freiburg und der Rheinebene her nach Südosten. In dem nun einförmiger gewordenen Wutachtal ist bald die Station Oberlauchringen an der Linie Konstanz-Schaffhausen-Basel, und bald darauf das Städtchen Thiengen erreicht, von wo es nun hoch über dem nahen Rhein nach Waldshut geht ([Abb. 33]), nachdem man kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof gerade gegenüber der Aaremündung einen schönen Blick in die Schweiz hatte, bei klarem Wetter auch einen solchen auf die Eishäupter der Alpen.
Waldshut.
Von Waldshut führen Bahnlinien über Winterthur in die Ostschweiz, über Baden im Aargau nach Zürich und am linken Flußufer hin nach Basel, wozu natürlich noch die rechtsrheinische, direkte Linie Konstanz-Basel kommt. Da außerdem die Wutach und ihre Zuflüsse, sowie manche kleinere Tälchen eine ansehnliche Zahl von Zugängen zum inneren Schwarzwald eröffnen, so ist Waldshut, das heute gegen 4300 Einwohner zählt, seit alters ein wichtiger Mittelpunkt für die Umwohner geworden und hat neben den drei anderen „Waldstädten“ am Oberrhein, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden, in der Geschichte der Landschaft stets eine bedeutsame Rolle gespielt. Die Hauptstraße macht einen sehr malerischen, altertümlichen Eindruck, der durch Türme und Tore, Stadtmauer und Graben noch stark gehoben wird. Die freien Ausblicke von den bequem zugänglichen Höhen der Umgebung, besonders auch der Niederblick auf die grünen Fluten des mächtig hinströmenden Rheins in seinem tiefgegrabenen Bette, bieten eine Fülle schönster Bilder.
Abb. 55. Oberer Anfang des Höllentals, in die Moränen-Landschaft eingeschnitten. (Zu [Seite 80].)
Hauenstein.
Immer dem Strom entlang führt uns die rechtsuferige Land- und Schienenstraße über Albbruck, wo das Albtal ausmündet, zu der Burg Hauenstein, an deren Fuß die kleinste Stadt des Deutschen Reiches liegt. Sie trägt mit der Burg den gleichen Namen, zählt wenig über 200 Einwohner und besteht aus den Häuserreihen einer einzigen Gasse, die hart am Rheine hinzieht. Einst war sie Hauptort der weit über den südlichen Schwarzwald ausgedehnten Grafschaft Hauenstein. Das Hauensteiner Land war Jahrhunderte hindurch der Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der Bevölkerung und ihren Herrschaften. Das Gebiet war schon bald nach seiner ersten Besiedlung bei der Kargheit des Bodens und der Rauheit des Klimas nicht imstande, die zu dichte Bevölkerung auch nur halbwegs auskömmlich zu ernähren ([Abb. 34]). Zur Einführung des Hofgüterrechts ist es in der Gegend nie gekommen, und so war es die wirtschaftliche Not, welche das Volk zu blutigen Aufständen, besonders gegen die reiche und mächtige Abtei St. Blasien, trieb. Nach kurz wirkenden Erfolgen steigerten sich die Unterdrückungen nur um so mehr, kleinliche Maßregelungen verbitterten das Volk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in steigendem Maße; Verschlossenheit, Unnahbarkeit, heimtückisches Wesen wurden allmählich die herrschenden Charakterzüge der Hauensteiner, und immer wieder gelang es fanatisierten Führern, die Massen zu rohen Gewaltakten fortzureißen. Religiöses Sektenwesen gesellte sich dazu, und so hatten, seit den Zeiten des Bauernkrieges bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die Behörden schweren Stand gegenüber dem kaum auszurottenden Mißtrauen der Hauensteiner gegen alles, was man Staatsraison nennt, ja gegen offenen Aufruhr. Nur das „Haus Österreich“ und der Papst wurden als Obrigkeiten anerkannt, gegen die vom Freiburger Erzbischof gesandten Geistlichen war der Widerstand ebenso groß wie gegen die badischen Beamten. Von dem Führer in einem der vielen Aufstände, dem Salpetersieder Peter Albiez, nannten sich die Sektierer Salpeterer oder Albiezler; sie sind heute noch nicht ganz ausgestorben, obwohl es in der Hauptsache endlich gelungen ist, der Bewegung Herr zu werden, und zwar auf friedlichem Wege. Scheffels „Trompeter“ gibt uns eine Schilderung der Verhältnisse im „Hauensteiner Rummel“, und aus der großen einschlägigen Literatur mag wenigstens auf eine neuere, hierher gehörige Arbeit des Schwarzwälder Volksschriftstellers Hansjakob hingewiesen werden. Die alte Hauensteiner Tracht ([Abb. 35]) ist fast ganz abgekommen und nur noch gelegentlich zu treffen. Zu ihr gehören bei den Männern vor allen Dingen kurze, schwarze Pumphosen, welche „Hotzen“ heißen und der Bevölkerung den Namen „Hotzen“, ihrem Wohngebiet die Bezeichnung „Hotzenwald“ eingebracht haben ([Abb. 36]).
Abb. 56. Eingang ins Ravennatal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 81].)
Die Laufenburger Enge.
Unfern Hauenstein — wir haben soeben einen kurzen Tunnel durchfahren — stellt sich unsern Augen ein wirkliches Juwel prächtigster Landschaftsschönheit dar ([Abb. 37]), das freilich zurzeit wesentlich verändert wird und sich starke Einbußen gefallen lassen muß. Es ist das badische Städtchen Klein-Laufenburg, durch eine zur Hälfte gedeckte Brücke mit dem aargauischen Groß-Laufenburg verbunden, eine der früher österreichischen „Waldstädte“, die von dem Schloß Laufenburg-Habsburg überragt ist. Die Stromschnelle des Laufen, gerade zwischen den zwei Städtchen, in welche sich der Rhein auf etwa 20 m einengt, aber bis zu 30 m tief ist, kommt dadurch zustande, daß sich hier der Fluß durch ein nach Süden vorspringendes Stück Schwarzwaldgneis durchgenagt hat. Die grauen Felswände mit ihren vom Wasser gerundeten Formen und ihren Strudellöchern bilden groteske Gestaltungen phantastischster Art, zwischen denen der Gischt des Gewässers in wildem Aufruhr sich tosend durchzwängt. Große Anlagen zum Salmenfang, der hier sehr ergiebig ist, sind in den Strudel kunstvoll hineingebaut. Jetzt aber ist man damit beschäftigt, die gewaltigen Wasserkräfte durch elektrische Übertragung der Industrie dienstbar zu machen. Die Flußenge wird kanalisiert, kahle, gerade Uferwände werden aufgesetzt, Schleusen eingebaut, Fabrikanlagen fangen schon an, den Fluß beiderseits einzusäumen, und in kurzer Zeit wird das malerische Laufenburg dem industriellen Platz gemacht haben. Vom Standpunkt des Naturfreundes mag das herzlich bedauert werden; aber schließlich, wer kämpft gegen den Strom der Zeit?
Abb. 57. Der Hirschsprung im Höllental.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 81].)
Säckingen.
Wieder ein Stück flußabwärts liegt die dritte der Waldstädte, das trompeterberühmte Säckingen ([Abb. 38]), dessen Scheffelerinnerungen heute sicherlich mehr Anziehungskraft in alle Welt hinaus üben, als die geschichtliche Bedeutsamkeit des Ortes. Über der schmucken Stadt, die industriell lebhaft aufgeblüht ist und mehr als 4600 Einwohner zählt, breitet sich trotz ihrer großen Fabriken ein feuchtfröhlicher Hauch von poetischer Verklärung aus. Kein Deutscher, besonders keiner, der einst die Wonnen des Burschenlebens auf hohen Schulen gekostet hat, wird ohne einen Anflug von Rührung auf der alten holzverschalten Brücke stehen und nach dem Schönauer Schlößchen hinblicken, keiner das Grabdenkmal Werners und Margaretens am hohen Fridolinus-Münster sehen, vor welchem sich nun das wohlgelungene Denkmal des Dichters erhebt, der sich vor mehr als fünfzig Jahren in die Herzen von Hunderttausend hinein zu trompeten angefangen hat. Und wer von Heimat, Liebe, Jugendtraum schwärmen will, der findet dazu leicht Gelegenheit und Stimmung nicht nur im grünen Tannendunkel am unfernen Waldsee, sondern auch beim Schoppen — und ohne den dürfen wir uns Josef Viktor Scheffel und seine guten Säckinger nicht denken — in der Margaretenlaube, im Trompeter, im Schwarzen Walfisch oder im Goldenen Knopf mit seiner Rheinterrasse. Alles atmet Scheffel, und die Säckinger sind nicht umsonst dem Rechtspraktikanten, der hier 1850 bis 1852 amtierte, dichtete und trank, von Herzen dankbar. Jedenfalls sind in der weiten Welt draußen die Säckinger Badequelle und sogar der heilige Fridolin, der Apostel des Oberrheingebietes, dessen Fest am ersten Sonntag im März für das Landvolk ringsum allerdings hohe Bedeutung hat, weniger berühmt als der „Trompeter“.
Abb. 58. Terrassen am Ausgang des Höllentals. (Zu [Seite 81].)
Von Säckingen nach Rheinfelden.
Bei Brennet mit seinem forellenberühmten Gasthause mündet die Wehra in den Rhein, weiter abwärts spiegelt sich das Gebäude der einstigen Deutschordens-Kommende Beuggen in den Fluten des Stromes, dann wird Rheinfelden erreicht. Die alte, einst wohlbefestigte Waldstadt, die überaus malerisch auf dem hohen Schweizer Ufer liegt, spielte einst eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Gegend, besonders während des Dreißigjährigen Krieges, der ihr 1638 eine Belagerung durch Bernhard von Weimar brachte. Das Rheinfelder Solbad erfreut sich berechtigten Ansehens und lebhaften Besuches.
Abb. 59. Haus im Engetobel beim Hirschsprung. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 81].)
Badisch-Rheinfelden.
In der Umgebung des Bahnhofes Badisch-Rheinfelden hat sich seit wenig Jahren eine Umwandlung des ganzen Landschaftsbildes vollzogen, wie sie im Rheintal mit seiner alten Besiedlung und Kultur weniger zu erwarten war als etwa im fernen Westen Amerikas. Es ist nämlich hier eine neue Stadt „Badisch-Rheinfelden“ entstanden in einer so kurzen Zeit, daß man meinen möchte, sie sei aus dem Boden herausgezaubert worden. Wohnten doch auf der Fläche der beiden anstoßenden Dorfgemeinden Nollingen und Karsau mit ihrer bisher ausschließlich Landwirtschaft treibenden Bevölkerung 1890: 1534 Einwohner, 1905 aber 3915. Dieses außerordentliche Wachstum erklärt sich dadurch, daß die Stromschnellen bei Rheinfelden in umfangreichster Weise nutzbar gemacht worden sind, um der weiteren Umgebung bis tief in die Schweiz und ins badische Markgräflerland hinein durch elektrische Übertragung Licht und Kraft zu übermitteln. Das hat nun zur Anlage großer Fabriken in unmittelbarster Nähe geführt; bedeutende elektrochemische Fabriken, Aluminiumwerke usw. sind rasch entstanden, und um sie die neue Stadt „Badisch-Rheinfelden“ mit gegen 2500 Einwohnern. Zum Zwecke ihrer einheitlichen Verwaltung ist kürzlich die Gemarkungsgrenze zwischen den zwei obengenannten Landgemeinden verlegt und eine ganz neue Organisation geschaffen worden. Ein größerer Gegensatz als der zwischen diesem neuen Rheinfelden und seiner graben- und turmumwehrten älteren Schwester drüben über dem Rhein ist kaum denkbar. Am Schweizer Ufer efeuumranktes, malerisches Altertum in ruhiger Beschaulichkeit, und auf der anderen Seite der Brücke der kräftigste Pulsschlag allermodernsten Lebens.
Wyhlen.
An Wyhlen vorbei, wo die letzten größeren Stromschnellen des Rheines ebenfalls der Technik dienstbar gemacht werden und wo ein Salzwerk betrieben wird, ist nunmehr, indem wir weiter am Fuße des steil ansteigenden Dinkelberges mit seinen großen Muschelkalkbrüchen entlang fahren, bald Basel erreicht und damit die Südwestecke des Schwarzwaldes.
Abb. 60. Auf der Wallfahrt. Giersberg bei Kirchzarten.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 81].)
Abb. 61. Freiburg vom Schloßberg aus gesehen. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 89].)