VII. Das südwestliche Vorland von Basel bis Freiburg.
Basel.
B
asel gehört seit 400 Jahren dem Bunde der Eidgenossen an und ist heute mit rund 135000 Einwohnern das zweitgrößte Gemeinwesen der Schweiz. Sein Dasein ist aber mit dem der nahen Schwarzwaldgebiete durch so vielerlei Fäden so innig verbunden, daß wir seiner an dieser Stelle gedenken müssen, und das um so mehr, als es im Verkehrsleben der angrenzenden deutschen Landschaften eine geradezu beherrschende Stellung einnimmt. Mündet doch hier nicht nur die Bahn vom Bodensee und die Wiesentalbahn vom Feldberg her; wir haben auch die rechtsrheinische badische Hauptbahn über Freiburg nach Heidelberg und weiter nach Mittel- und Norddeutschland, sowie die linksrheinische, elsässische Linie nach Mülhausen, wo der kürzeste Weg durch die Burgundische Pforte und über das Plateau von Langres nach Paris abzweigt, nach Straßburg, zum Niederrhein und nach England. Hunderttausende von Reisenden nach der Schweiz, nach Südfrankreich und nach Italien, denen sich in Basel nach diesen Zielen zahlreiche Linien zur Verfügung stellen, berühren alljährlich die Stadt und legen hierdurch glänzendes Zeugnis ab von ihrer hervorragend günstigen Verkehrslage.
Abb. 62. Inneres des Freiburger Münsters.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 89].)
Diese Lage hatte schon seit dem Jahre 27 v. Chr. die unferne Römerkolonie Augusta Rauracorum ausgenutzt. Nach der Zerstörung durch die Alemannen entstand seit 374 n. Chr. Basilea = Basel auf hoher geschützter Flußterrasse unmittelbar über dem Rheinknie und beherrschte von nun ab zu allen Zeiten seine Umgebung in Handel und Verkehr, Politik und geistiger Kultur, und wurde neben Straßburg, Speier, Worms, Mainz und Köln eine der wichtigsten Städte längs der rheinischen „Pfaffengasse“. Trotz der Nähe Frankreichs war es immer eine deutsche Stadt nach Bauweise, Sprache und Sitte, nach seinen Betätigungen auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet. Und auch heute noch ist Basel deutsch, woran manche französischen Geschäftsaufschriften und andere derartige Äußerlichkeiten nichts ändern.
Abb. 63. Das Münster in Freiburg vom Schloßberg aus gesehen.
Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu [Seite 89].)
Dem Verfasser dieser Zeilen ist Basel oft als ein unschöner, ja widerwärtiger und sogar unausstehlicher Ort bezeichnet worden. Genauere Nachfrage nach der Begründung dieses Urteils ergab in allen Fällen, daß diejenigen, die es fällten, von der Stadt nichts kannten als die zwei Bahnhöfe und ihre Schienenverbindung, daß sie von nichts zu sagen wußten, als von der Hast des Umsteigens und des Gepäckschleppens, dem Ärger der Zollplackerei, dem Gedränge am Fahrkartenschalter und der Widerwärtigkeit des Geldwechselns. Nun, diese Dinge sind gerade keine Annehmlichkeiten, sie kommen aber an jeder Grenze vor und sind nicht der Mühe wert, den Gebildeten aus seinem geistigen Gleichgewicht zu bringen. Vor allem geben sie kein Recht, eine Stadt zu beurteilen, von der man nichts anderes kennt als diese negativen Zugaben zum Reisevergnügen.
Alle, die den Rat befolgten, nicht bei jeder Schweizerreise und Italienfahrt nur durch Basel durchzustürmen, sondern der Stadt auch einmal einen eingehenden Besuch zu machen, sind bald Verehrer und Freunde derselben geworden. In der Tat gewähren die drei stattlichen Rheinbrücken den Ausblick auf eines der packendsten Städtebilder, das wir genießen können; die Aussicht von der Pfalz oben am gotischen Münster unmittelbar auf den herrlichen Strom hinab und hinüber auf die nahen Schwarzwaldhöhen ist entzückend, der Kreuzgang am Münster mit seinen lauschigen, spitzbogenumrahmten Höfen und seinen Denkmälern aus mehreren Jahrhunderten ist einer der schönsten seinesgleichen. Steigen wir dann eines der steilen Gäßchen hinab in die belebten Straßen, die nach dem Marktplatz mit seinem alten, glücklich erneuerten Rathaus und weiter kreuz und quer zu dem massigen Bau des Spalentores führen, so bekommen wir den stimmungsvollsten Eindruck einer Stadt mit alter, hoher Kultur, in der aber das moderne Leben darum doch nicht minder lebhaft pulsiert. Das historische Museum, in der ehemaligen Barfüßerkirche aufs glücklichste und unter geschickter Anpassung an die gegebenen Räume trefflich untergebracht, wird den Altertumsfreund lebhaft fesseln; die Kunstsammlungen im Museum sind bekannt in ihrer hohen Bedeutung für die ältere deutsche Malerei, in erster Reihe für Holbein. Daß von dem Basler Böcklin, der in jungen Jahren die Wände im Treppenhaus mit großen Gemälden schmückte, nicht wenige seiner Schöpfungen in einem eigenen Saale vereinigt sind, verleiht der Galerie in neuerer Zeit eine besondere Anziehungskraft.
Abb. 64. Das Kaufhaus in Freiburg.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 89].)
Die naturwissenschaftlichen Sammlungen sind mit denen der Kunst unter einem Dach untergebracht, ebenso eine ethnographische Sammlung; der sehr schön angelegte und an seltenen Tierformen reiche zoologische Garten befindet sich im Südwesten vor der Stadt.
Abb. 65. Rathaus in Freiburg.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 89].)
All das und vieles andere von hervorragendem Wert ist entstanden durch den hoch entwickelten Bürgersinn der Basler, die ihre Stadt schon früh zu einer sehr reichen gemacht haben, indem sie die Vorzüge ihrer glücklichen Lage für Handel und Verkehr zu allen Zeiten auszunützen verstanden. Von dem in weitem Umkreis sprichwörtlich gewordenen Basler Reichtum zeugt auch die 1460 gegründete, blühende Universität, die bis zur Stunde von der Stadt allein erhalten wird; von ihm zeugen die zahllosen Wohltätigkeitsanstalten jeder Art und die in der ganzen Welt tätige Basler Mission. Von der Basler Gediegenheit bekommt aber schließlich nur der die richtige Vorstellung, dem gelegentlich ein Blick in eines der stolzen Patrizierhäuser zu tun vergönnt wird. Da ist nichts zu sehen von modernem Firlefanz, alles atmet altüberkommene, gewichtige Pracht. Kein Wunder darum, daß die Stadt für die Umgebung der Inbegriff des Großen und Vornehmen ist, daß sie anzieht wie ein Magnet. Waren doch 1888 schon von den Bewohnern nur 28% Stadtbürger, dagegen 37% sonstige Schweizer und 35% Ausländer, von denen weit über die Hälfte aus Baden stammte, und seither hat sich diese Zuwanderung, besonders aus dem Schwarzwald, noch wesentlich verstärkt. Schon vor hundert Jahren war Basel für den weitesten Umkreis schlechtweg „die Stadt“ und es entspricht ganz dem Empfinden von Tausenden, wenn der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, der übrigens bei einem vorübergehenden Aufenthalt seiner Eltern 1760 in Basel geboren wurde, in einem seiner Gedichte sagte:
Isch Basel nit e schöni, tolli Stadt?
’s sin Hüser drin, in mengem Dorf isch d’Chilche nit so groß,
Un Chilche, ’s sin in mengem Dorf nit so viel Hüser.
Leopoldshöhe. Lörrach.
Kaum haben wir den badischen Bahnhof der Grenzstadt, der zurzeit seiner Verlegung und Vergrößerung entgegensieht, verlassen, um uns in nördlicher Richtung wieder dem eigentlichen Schwarzwalde zuzuwenden, so erreichen wir sofort wieder Reichsgebiet und damit die Station Leopoldshöhe, am Fuße einer mächtigen Terrasse diluvialer Geschiebe gelegen, die uns vor Augen führt, wie hoch einst der Rhein den Graben zwischen Schwarzwald und Wasgenwald mit von ferne hergebrachten Gesteinsmassen auffüllte, und wie tief er sich später sein Rinnsal in diese selbst gebildeten Ablagerungen einsägte. Von hier führt eine Bahnlinie westwärts über den Strom zu der ehemaligen Reichsfestung Hüningen, um dann an das Elsässer Bahnnetz anzuschließen, und eine ebensolche östlich unter dem Tüllinger Berg (409 m) durch nach Lörrach im Wiesental, um weiterhin von Schopfheim aus und durch das untere Wehratal nach Säckingen zu gelangen. Sie umgeht das Schweizer Gebiet bei Basel und bildet ein Glied jener strategischen Linie, die den Zugang von Osten her auf Belfort und die Burgundische Pforte erschließt.
Abb. 66. Die Kaiserstraße mit dem Martinstor in Freiburg.
Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu [Seite 89].)
Abb. 67. Mädchen aus dem Haslachtal bei Lenzkirch.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg.
(Zu [Seite 95].)
Abb. 68. Zipfelhof im Bärental mit dem Feldberg.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 95].)
Der Isteiner Klotz.
Nun geht es weiter durch eine kleine weingesegnete Ebene voll stattlicher Ortschaften, alles beliebte Ausflugsziele für die Basler, bis sich im Jurakalkrücken des Isteiner Klotzes ([Abb. 39]) das Gebirge unmittelbar zum Rhein vorschiebt und die Bahnlinie zwingt, in drei Tunnels die weißen Felsen zu durchbrechen. Mancherlei Sagen und Legenden knüpfen sich an diesen Punkt, die stimmungsvollste verarbeitete Scheffel zu seinem „Hugido“. Seit etlichen Jahren ist die Felszinne des Isteiner Klotzes in eine starke Befestigung umgewandelt worden, die das Rheinknie und Oberelsaß beherrscht. Damit ist auch die Zugänglichkeit dieses einst so gefeierten Aussichtspunktes unmöglich gemacht worden. Früher gab es hier ein genußreiches Wandern und Klettern, und niemand, der sich Zeit lassen konnte, hat es bereut, von Istein aus den malerischen Felssteig zu benutzen und zu der in die senkrechte Kalkwand hineingehauenen Veitskapelle und weiter in die Höhe hinaufzusteigen, wo seiner die herrlichste Aussicht harrte. Unmittelbar zu Füßen strömt der majestätische Rhein in seinem kanalisierten Bett, läßt aber in zahlreichen Altwassern und Verlandungen sein früheres Überschwemmungsgebiet und zugleich den Gewinn der großen Flußkorrektion erkennen. Darüber hinaus breitet sich das Elsaß aus, überragt vom Wasgenwald und vom nahen Schweizer Jura. Über dem Klotz erhebt sich in nächster Nähe der eigentliche Schwarzwald mit seinen dunklen Waldbergen, an deren Fuß, soweit das Auge blickt, reiche Rebgelände sich anschmiegen.
Abb. 69. Der Feldberger Hof im Winter.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 96].)
Müllheim.
Noch geht’s eine kurze Zeit hoch über dem Rhein hin, dann tritt das Gebirge und mit ihm die Bahnlinie allmählich mehr nach Osten zurück und bald ist Müllheim erreicht, ein behäbiges Landstädtchen, ganz in den rebenbewachsenen Lößhügeln und etwas höher ansteigenden Vorbergen versteckt, zwischen denen sich eine Nebenbahn durchschlängelt, die uns in einem halben Stündchen durch das Klembachtal hinauf nach Badenweiler (427 m) führt.
Das ist nun einer der bevorzugtesten, fast möchte man sagen gottbegnadetsten Punkte des Schwarzwaldes ([Abb. 40]). Er liegt 200 m über der nahen Rheinebene windgeschützt auf einer Terrasse des höher ansteigenden Gebirges derart, daß gar häufig die herbstlichen und winterlichen Nebel der Niederung nicht bis zu ihm hinauf dringen, und daß schon hier sich die Wärmeumkehr der Höhen geltend macht. Dazu kommen die Thermen von 26 bis 28° C, die an der hier durchlaufenden Hauptverwerfungsspalte des Schwarzwaldes austreten und schon vor 1800 Jahren zur Anlage des Römerbades und einer nicht unbedeutenden Siedlung geführt haben. Auch der Bergbau, hauptsächlich auf silberhaltigen Bleiglanz, der längs eines weithin zu verfolgenden Quarzitganges durch lange Jahrhunderte lebhaft blühte, hat einst zur Hebung des Ortes beigetragen. Heute erinnern daran nur noch die den Sammlern von Mineralien bekannten Halden an der Sophienruhe, am Felsen des Alten Mannes über der freundlich gelegenen Kuranstalt Haus Baden und an anderen Orten.
Badenweiler.
Das Landschaftsbild von Badenweiler und Umgebung ist berückend schön. Wandert man durch den wohlgepflegten Kurpark mit seiner überraschenden Fülle von herrlichen Baumgestalten, unter denen viele Vertreter ferner Florenreiche nicht fehlen, wie z. B. prachtvolle Zedern, Wellingtonien, überhaupt Nadelhölzer allerart, so wird man die Geschicklichkeit bewundern, mit welcher hier die an sich schon so schöne Natur wahrhaft künstlerisch noch gehoben worden ist. Bald ist der Hügel erstiegen, auf dem sich weit nach Westen vorgeschoben die Schloßruine erhebt. Das altbadische Herrenhaus wurde 1678, wie so viele andere am Oberrhein in jenen schweren Zeiten, von den Franzosen zerstört und bietet von seiner obersten Warte einen entzückenden Blick auf den gesegneten Gau zu Füßen. Im Osten das Klembachtal, von hohen Waldbergen umrahmt, unter denen der nahe Blauen bis zu 1165 m aufragt, nach Süden die fruchtbare Vorbergzone, unten das Tal mit seinen in Obstgärten verhüllten Ortschaften, dann die weite Rheinebene, der silberglänzende Strom, drüben im Westen das Elsaß mit den schön gezeichneten Bergkonturen der Vogesen.
Abb. 70. Bismarckdenkmal auf dem Feldberg.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 96].)
Badenweiler selbst ist ein kleiner Ort, der aber mit seinem schmucken großherzoglichen Schloß, seinen Villen und Gasthäusern, alles in schöne Parkanlagen und Gärten zerteilt, einen unendlich lieblichen Eindruck macht. Sehenswert ist — nahe bei dem im Kurpark gelegenen offenen Schwimmbassin — das nach dem Vorbilde altrömischer Bäder gebaute „Markgrafenbad;“ es umfaßt ein Marmorschwimmbad, dessen bezaubernde Lichteffekte, welche durch die gefärbten Glasscheiben der Decke hervorgebracht werden, jeden Besucher bestricken, und Einzelbäder. Die Ruine des Römerbades führt uns die Anlage einer der hervorragendsten unter den nordalpinen Römerbauten vor Augen und gibt eine Vorstellung von der Art, wie das große Kulturvolk seine Heil- und Luxusbäder einzurichten pflegte. Sie ist 1784 entdeckt und freigelegt worden und hat 66 m in der Länge, 19,5 m in der Breite. Neben Vorhöfen und kleineren Räumen, wie Warte- und Salbzimmer, Schwitz-, Dampf- und Einzelbäder, finden wir große Schwimmbäder (Piscinen), kalte Bäder (Frigidarien), warme Bäder (Tepidarien). Alle Einrichtungen sind doppelt vorhanden, offenbar um die Benutzung gleichzeitig für Männer und Frauen zu ermöglichen. Ein Altarstein im Vorhof trägt eine Widmung an die Diana Abnoba.
Umgebung von Badenweiler.
Über dem Dorf betreten wir den herrlichsten Hochwald mit seinen wunderbar gepflegten Wegen, die sich jeder Art von Bewegungsbedürfnis anpassen, vom kurz dauernden Gang ohne jede Steigung bis zur lohnendsten Hochwanderung, die stundenlang ausgedehnt werden kann. Von der Überfülle schöner Ausflugsziele mögen nur zwei genannt werden, der Sirnitzsattel (1072 m) am Wege zum Belchen, der durch das felsen- und wasserfallreiche Klembachtal entweder auf neuer prachtvoll angelegter Kunststraße oder auf dem alten Wege längs des rauschenden Bergbaches erreicht werden kann, sodann der Gipfel des aussichtsreichen Blauen (1165 m), auf den eine Fahrstraße und ein ganzes Labyrinth von prächtigen Fußpfaden führt.
Überaus lohnend ist auch das langsame und behagliche Schlendern durch die Vorbergzone, etwa nach Bürglen (667 m), einer ehemaligen Propstei des Stiftes St. Blasien, und weiter nach dem freundlich gelegenen und ansehnlich gebauten Industriestädtchen Kandern, einst berühmt durch seine Hochöfen, welche die Bohnerze der Gegend verarbeiteten, jetzt durch seine Brezeln, seine Tonwarenfabriken und seine blühende Kunsttöpferei. Im Kandertal aufwärts liegt über dem freundlichen Dorfe Marzell ([Abb. 41]) die Lungenheilanstalt Friedrichsheim, das Tal hinab führt eine Nebenbahn an der malerischen Felslandschaft der Wolfsschlucht vorbei und durch mehrere schmucke Dörfer in der Richtung auf Basel.
Abb. 71. Im tiefen Schnee.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 97].)
Abb. 72. Kartrichter am Feldberg und Zastler-Loch mit Zastler-Hütte.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 97].)
Wie im Süden von Badenweiler, so haben wir auch im Norden dieses Kurortes einen reichen Wechsel von lieblichen Landschaftsbildern voll freundlicher Ortschaften in ihrem reichen Garten-, Obst- und Rebenschmuck mit ernsteren Wald- und Berggegenden, die vom Rande der Ebene bis zu den höchsten Kämmen des Gebirges ansteigen. Der Blick, den die Eisenbahnfahrt von Müllheim bis Freiburg auf den Schwarzwald gewährt, ist an manchen Stellen geradezu großartig, besonders von Heitersheim bis Krotzingen, wo die mächtige Kuppe des Belchen (1413 m) gewaltig aufragt, mit dem südlich anstoßenden Horn des Hochkelch eine imponierende Berggestaltung. Zu diesen Höhen erschließen kurze und im oberen Teil steil ansteigende Täler prächtige Zugänge. So gelangen wir von Heitersheim mit seinem Deutschordensschloß aus dem Jahre 1524 nach dem eng zwischen die Berge geschobenen Sulzburg, einem alten Bergwerksstädtchen am Fuße des weinberühmten Kastelbergs, dessen Ruine vielfach als die eines Römerturmes angesehen worden ist. Etwas weiter oben im traulichen Waldtale liegt das Sulzburger Bad, für Ruhe- und Erholungsbedürftige wie geschaffen, aber auch ein Stützpunkt für Wanderungen nach allen Richtungen.
Das Münstertal.
Bei Krotzingen mündet das vom Neumagen durchströmte Münstertal in die Ebene; eine Nebenbahn, deren Verlängerung durch das reich gesegnete Hügelland nach Sulzburg führt, läßt uns in kurzer Fahrt das hübsche Städtchen Staufen erreichen, dessen Hauptstraße und Marktplatz einen malerisch-altertümlichen Eindruck machen. Vom rebenumpflanzten Schloßberg grüßt altes Gemäuer auf das frische Leben der Gegenwart herab. Die Aussicht, die sich uns oben erschließt, steht in nichts der von der Burg Badenweiler nach. Hinter Staufen ragt der Belchen in unmittelbarer Nähe dräuend auf, die Höhen-Differenz von mehr als 1100 m wirkt fast erschreckend ([Abb. 42]); aus anderen Mittelgebirgslandschaften läßt sich der Anblick mit dem der Schneekoppe vom Riesengrund aus vergleichen. Vor dem Fuße des Bergkolosses gabelt sich das Münstertal, dessen früherer Bergwerkssegen sich erschöpft zu haben scheint. Der eine Talast, Untermünstertal, führt zum Sattel am Haldenhof (931 m), nicht weit von der Sirnitz, und dann ins Gebiet des mittleren Wiesentals; der andere, Obermünstertal, am alten Kloster St. Trudpert ([Abb. 43], [44]) vorbei zum mächtig aufragenden Porphyrfelsen des Scharfensteins ([Abb. 45]) und auf die Wiedener Eck (1137 m), von wo ins obere Wiesental abgestiegen wird.
Rasch ist nun von Krotzingen ab Freiburg im Breisgau erreicht, die natürliche Hauptstadt des Schwarzwaldes. Auch diese Fahrtstrecke wird jeden befriedigen, der sich offenen Sinnes und frischer Genußfähigkeit erfreut. Denn die gartengleich angebaute, dicht besiedelte Landschaft, welcher die Ebene, sanft geböschte Lößhügel und kräftiger modellierte Vorberge stets wechselnde, aber immer schöne Züge verleihen, hat etwas unendlich Liebliches, am meisten in den Frühlingstagen der Obstbaumblütenpracht, wo besonders die anderwärts selteneren Pfirsichbäume mit ihrem entzückenden, zarten Rot ganz bezaubernd zur Geltung kommen.
Abb. 73. Am Zeiger.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 98].)
Abb. 74. Der Feldsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 97].)