I.

Breslau 5. Juni 1847.

Hochverehrter Herr!

Gestatten Sie mir, Ihnen aus der Ferne noch einmal zu sagen, daß ich mich herzlich der Stunde freue, welche mir Ihre Persönlichkeit in die Seele führte und daß ich Ihnen sehr dankbar dafür bin, daß Sie mir gütig und wohlwollend entgegentraten.

Wir Jungen sind schlimm daran; wir bleiben in vieler Beziehung roh und dünkelhaft, weil uns der lebendige Verkehr mit dem Größten der Gegenwart und nächsten Vergangenheit so sehr fehlt. Da formt denn Jeder so für sich an seinem Seelchen, saugt in sich, was grade in seinen Kreis fällt und hält sich endlich für fertig und etwas Großes, weil die Andern eben so klein sind. Ihnen mag das wohl manchmal gar kläglich und lächerlich erscheinen, das wunderliche Spreizen und Stolziren einer unreifen, kraftlosen Jugend, mich aber, der ich mitten darin stecke, beängstigt das doch. Wie lange ist’s, daß Göthe noch lebte, noch hat ein gnädiges Geschick uns Ihr Bild erhalten; und wohin sind wir gekommen? Ist mit Ihnen und Ihren Freunden der starke Quell poetischer Kraft dem deutschen Volk versiegt, wenigstens für die nächste Zeit? Oder ist es ein Glück für uns, daß wir Alle, Publicum, Theater und Dichter recht dumm geworden sind, damit wir auf eigenen Beinen stehn lernen? „Gott weiß es“ — das aber fühlt sich für einen Jüngern heraus, daß es viel werth ist, einmal Einen zu sehen, der ein Held ist aus der Väter Zeit.

Und deßhalb wiederhole ich Ihnen, hochverehrter Mann, jetzt wenige Tage nach Ihrem Geburtsfeste, die Versicherung treuer Ergebenheit und ehrerbietiger Zuneigung.

Zürnen Sie nicht, daß ich ein Paar Bände meiner Fabrik beilege; ich wünsche sehnlichst, daß Sie die Güte haben möchten, meine Valentine zu lesen und grade jetzt habe ich selbst kein Exemplar, ich habe zu wenig für den Manuscriptdruck abziehen lassen, doch habe ich für eins gesorgt und bitte um die Erlaubniß, dasselbe unter Kreuzband, sobald es in meinen Händen ist, nachsenden zu dürfen.

Haben Sie die Güte, Frau Gräfin Finkenstein von meiner respektvollsten Ergebenheit zu versichern.

Mit Ehrerbietung

Freytag.