I.

Wien, den 19ten May 1817.

Verehrter Freund!

Ich bin so frey Ihnen durch Herrn Büsching in Breßlau beyfolgende 4 B. meiner dramatischen Dichtungen zu senden, und ersuche Sie dieselben als ein Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit betrachten zu wollen, indem Sie, obgleich ich in ganz anderer Art arbeite, dennoch durch Ihre Dichtungen seit früher Zeit mein Lehrer gewesen sind. Friedrich den Streitbaren, den Sie im Manuscripte lasen, werden Sie hier sehr verändert treffen, so auch Bela, den Sie aus der ersten Auflage kennen. Ich hoffe, Sie befinden sich jetzt besser, als seit einiger Zeit her, denn ich hörte, sie seyen fortwährend unpäßlich gewesen. Ich bin jetzt nach Hof gekommen, und Erzieher des Prinzen von Parma geworden, bin verheirathet, habe drey Kinder; kurz, Sie können sich keinen vollständigeren Hausvater denken. Wie oft habe ich an jene schöne Zeit zurück gedacht, wo ich das Glück hatte, Sie, den ich bis dahin nur aus Entfernung verehrt hatte, persönlich kennen zu lernen! mein guter Bruder ist uns seitdem vorausgegangen; Ihre nähere Bekanntschaft war für ihn von den fruchtreichsten Folgen gewesen. Wie sehr er Sie ehrte, habe ich in dessen Lebensbeschreibung, die dem letzten Bande seiner Werke beygefügt ist, klar genug dargestellt. Ich werde, so wie ich eine schickliche Gelegenheit finde, Ihnen, da ich einige besondere Abdrücke der Biographie machen ließ, ein Exemplar zuschicken, da ich hoffe, es werde Sie diese Biographie wegen so mancher darinn entwickelten Eigenheiten Wiens und des hiesigen Lebens interessiren. Wenn Sie sich noch an das, was ich zwar bezweifle, erinnern sollten, was Sie mir über Fried. den Streitbaren und Bela bemerkten, so werden Sie finden, daß ich, so viel es mir möglich war, Ihre Bemerkungen benützte. Ich habe eigentlich die Absicht bey meinen, vaterländischen Stoff enthaltenden dramatischen Arbeiten ein größeres in sich zusammenhängendes Werk von 10 bis 12 Schauspielen zu bilden, welche die Zeit Leopold des Glorreichen und Friedrich des Streitbaren bis zur Herankunft Rudolfs von Habsburg umfassen sollen. Ich lasse aber für jetzt diese Schauspiele außer der Ordnung drucken, weil ich vorerst bemerkbar machen will, daß jedes ein für sich bestehendes in sich abgeschloßnes Ganzes sey. Ich ersuche Sie recht sehr, Ihrer Abneigung gegen Briefe-Schreiben ungeachtet, mir Ihre Bemerkungen ohne Umschweife mitzutheilen, und mich auf dasjenige aufmerksam zu machen, was ich nach Ihrer Meynung etwa versäumt oder verfehlt haben könnte. Sie kennen mich hinlänglich, um zu glauben, daß ich dieß Ersuchen, in ganz reiner Absicht an Sie stelle; nur bitte ich dieß eine gegenwärtig zu halten, daß der eine Theil der Geschichte, den ich bearbeite, es erfordert, der Leidenschaftlichkeit einzelner Charaktere nur geringen Raum zu gönnen, und alles mehr im Gleichgewichte des Gefühls zu halten, als z. B. Shakespeare gethan hat. Auch werden einige mit eingeflochtene ritterliche Lustspiele, wenn das Ganze vollendet seyn wird, den Charakter des Ganzen außer allen Zweifel stellen. Von dem, was bis jetzt gedruckt ist, sind die Schauspiele im 3. Bande das erste oder früheste: es wird aber auch der Herr Kaspar von Rastenberg mit dessen traurigen Küchenbegebenheiten, die Sie im Manuscripte lasen, freylich überarbeitet, in der Sammlung erscheinen.

Wenn Sie jetzt wieder nach Wien kämen, würden Sie es gar sehr, und ich glaube nicht zu seinem Vortheile verändert finden. Diese letzten Kriege haben den Volkscharacter gleichsam sich selbst entwandt, und ihm ganz fremdartige Eigenheiten aufgeprägt. So strebt auch z. B. das Leopoldstädter Theater jetzt nach Bildung, und kaum vermag das entschiedene Talent einiger Komiker die alte Weise jener Bühne noch einigermaßen dort festzuhalten. Die alte Treue, wenn sie auch hin und wieder noch dieselbe ist, hat doch ein anderes Gesicht angenommen, und schämt sich der ehemaligen Einfalt. Uebrigens ist jetzt bey uns die Zeit eingetreten, wo auch der Bürger die Kunst Geld zu machen für die edelste der Künste hält. Mit Poesie beschäftiget man sich mehr als sonst; aber ich glaube gar nicht, daß dieß wie ein gutes Zeichen zu betrachten sey, da der Oesterreicher weit mehr für ein poetisches Leben als für Kunstbetrachtungen geschaffen ist; ich glaube dadurch meinen Landesleuten und mir selbst keineswegs etwas nachtheiliges zu bezeugen, sondern will nur sagen, daß dieses Haften an den Kunstproducten, dieß Umkehren und Wenden und Bekritteln uns ganz fremd sey.

Ich habe jetzt den Fortunat mit sehr großem Vergnügen gelesen, und insbesondere die große Kunst bewundert, mit der Sie einen dramatischen Zusammenhang in diesen höchst schwierigen Stof zu bringen gewußt haben. Ich glaube aber es wäre besser gewesen, drey Theile statt zwey zu bilden, so daß der erste mit der Vermählung Fortunats aufhörte, der dritte aber mit der Reise Andalosia’s anfinge. Wenn etwa im 4t. Band das Donauweibchen kömmt, will ich mich im Voraus als einen glücklichen Menschen betrachten, wenn ich mir die Stunden vorstelle, wo ich dieß Stück lesen werde; denn ich kann an die Bruchstücke, die sie uns vorlasen, nie ohne Begeisterung denken. Man hat jetzt Hoffnung das Originalmanuscript des Frauendienstes aus der Dunkelheit hervor zu ziehen, wo wohl die jetzt bestehenden Lücken ausgefüllt sich finden würden. Herr Schottky, der von Breßlau hieher kam, ist diesem Manuscripte auf der Spur; ich wünsche ihm alles mögliche Glück. Jetzt ist man hier beym Theater sehr auf Trauerspiele in Form der Schuld erpicht, ich bitte aber meinen Butes nicht dazu rechnen, den ich schon 1806 so entworfen hatte, wie er jetzt erscheint. Friedrich Schlegel läßt gar nichts von sich hören, ich habe ihm gestern geschrieben. Ich bitte mich den Ihrigen unbekannter Weise zu empfehlen. Mit vollkommenster Hochachtung

Ihr

ergebenster

M. Collin.