II.
Leipzig, den 24. August 1822.
Verehrtester Herr und Freund!
Das Conversations-Blatt und Ihr Versprechen einen Aufsatz für dasselbe einzusenden haben Sie wahrscheinlich mit einander vergessen, und obschon ich kaum hoffe, Sie durch eine erneuerte Bitte zur Erfüllung jenes Versprechens zu bewegen: so kann ich es mir doch nicht versagen, Sie einmal zu erinnern, da es mir das Vergnügen verschafft, Ihnen schreiben zu können. Und weil ich denn einmal im Erinnern bin: so nehmen Sie es mir nicht übel, wenn auch ich Sie an die Einlösung der großen Schuldbriefe, die Sie an Mit- und Nachwelt ausgestellt haben, mahne. Denn jeder sollte es thun, der Sinn für das Große in der Litteratur hat. Was andere sich vorzüglich auslesen mögen, weiß ich nicht: mir würde das Werk über Shakespear über Alles gehen, da ich glaube, daß, wenn es von Ihnen ungeschrieben bleibt, Jahrhunderte vergehen werden, ehe alles dazu Erforderliche sich wieder auf diese Weise in eines Menschen Geist vereinigt. Und außer dem, was wir Reales daraus lernten — wenn irgend etwas unsere matt gewordene Kritik wieder erfrischen kann: so wäre es ein Werk wie dieses. Dazu kommt, daß Sie, als ein Überreicher, mit Ihren Schätzen so wenig haushalten, daß die armen Gesellen, die umher stehen, gierig nach den Brosamen haschen, die von Ihrem Tische fallen. So hat Franz Horn neulich im Conversationsblatt, als Probe herauszugebender Vorlesungen über Shakespear einen Aufsatz über Macbeth abdrucken lassen, dessen Hauptgedanken, freilich auf seine Weise dargestellt, er Ihnen zu danken hat; dabey unterläßt er aber natürlich nicht, ausdrücklich zu versichern, daß er ihm gehöre. Ohne Zweifel wird er noch manches andere erhorcht haben und sich damit auf dieselbe Weise schmücken. Wollen Sie dulden, daß ein Theil Ihres Besitzthums auf solche Art verzettelt wird? daß Ihr Gold in zusammengeflickte Gewänder eingewebt werde? Erheben Sie sich doch in Ihrer Kraft und machen Sie solche Gesellen schamroth! Bringen Sie doch Niemanden mehr zu der Klage jenes Schäfers bey Lessing, der die Frösche nur hörte, weil die Nachtigall schwieg.
Sollte ich in einen Ton gefallen seyn, der mir, Ihnen gegenüber, nicht ganz ziemt — verzeihen Sie es der Sache. Ein Schüler ist seinem Meister nie ganz fremd, und wie viel ich in meiner Bildung Ihnen zu verdanken habe, kann ich mit Worten kaum ausdrücken. Leben Sie wohl.
Ihr
ergebenster
Loebell.