II.
Stift Joachimstein, 15. Mai 1820.
Mein theurer geliebter Freund! ich habe mich selbst um die größte Freude gebracht, indem ich erst jetzt die Feder ansetze, Ihnen meinen herzlichsten Gruß zu bringen. Durch unseren Freund Malsburg werden Sie unterdeßen von meinem Ergehen immer Nachricht gehabt haben, an dem, ich weiß und schätze es, Sie wohlwollend und freundlich Theil nehmen. In diesen Nachrichten aber lagen zugleich die Entschuldigungen wegen meines bisherigen seltenen Schreibens, denn es ist mir meistens nicht gegangen, wie der wärmere Frühlingshauch mich hoffen ließ, und auch jezt bin ich, bei übrigens ganz gutem Befinden, an meinen gewöhnlichen Schmerzen so leidend, daß ich die Absicht, unseren Freund in seine Väterburg zu begleiten, und somit die Hoffnung, Ihrer bei der Durchreise mindestens einige Tage lang wieder froh zu werden, aufgeben mußte. Daß ich es recht oft und schmerzlich vermiße, des mir durch freundliche Sterne gewordenen Freundschaftsumgangs mit Ihnen auf so lange wieder zu entbehren, das fühlen Sie gewiß aus meiner Seele und ganzem Wesen heraus, denn ich bin es überzeugt und halte es freudig fest, daß Sie wißen, wie viel Sie mir sind und wie gern ich Ihnen so unendlich viel verdanke. Ein frühes Ahnen und Verlangen meiner Seele flog Ihnen zu, es hielt sich an Ihre Werke, mußten sie aber nicht den Durst nähren, und zugleich durch ihre Höhe der Sehnsucht des Jünglings eine unzugängliche Ferne zeigen? Nun aber traten Sie selbst in milder Freundlichkeit auf mich zu, und wie ich früher aus Ihren mir liebsten Werken in jener Huld, Sanftmuth und Melodie Sie festhielt, die mir die innersten geheimnißvollen Engel Ihres Dichterwesens scheinen: so lernte ich Sie nun, mehr und mehr in Ihrer schönen Klarheit und Hellsichtigkeit erkennen, und davon strömten Strale auf mich aus, die mir manche Dunkelheiten, manche Unentschiedenheiten und Kämpfe in mir erhellten, und mir gleichsam lichte Panzer anlegten, um zu siegen und Ihrer werth mich zu zeigen in jenem streitenden Gewühl. Gerade recht an einer Gränze meines ganzen Strebens empfingen Sie mich, reichten mir, wie der Ritter einem treuen Knappen, die Hand, und eröffneten mir ein größeres und bestimmteres Feld. Da kehrte mir jenes Bewußtseyn so schön zurück, das Sie mich von jeher — nach dem ersten Anfange des Guido lernte ich das Erste von Ihnen kennen — als meinen eigentlichen Meister betrachten ließ, und mit Dank und Freuden will ich Sie gern immer so nennen, vor Ihnen immer gern ein Lehrling bleiben.
Laßen Sie mich aber nun auch recht bald wißen, wie Ihr eigenes Befinden ist, mein theuerer Freund, an dem ich wahrlich den zärtlichsten Antheil nehme. Sie sind nun gewiß in der neuen Wohnung, möge dieselbe Ihrer Gesundheit und auch unserem Sehnen nach dem Phantasus, dem Werk über den göttlichen Shakespeare, der schönen Tischlergeschichte u. s. w. recht förderlich seyn! Wäre ich nur da, mit Ihnen auf der Gallerie und in der freundlichen Gegend den Geist und die Schönheit beider doppelt zu empfinden! Luft, Blüthe und Vogelsang hier um mich her aus der ersten Hand möchte ich Ihnen dagegen manchmal schicken und vor Ihr Quartier rücken laßen, denn sie sind gar zu lieblich. Auf diesen Wellen rudre ich nun jezt meinen Karl den Großen mit seiner Hildegard hin, sie tragen mir auch einen Gruß auf und werden die Fahrt zu Ihnen als eins Ihrer liebsten Ziele betrachten. Jetzt ist noch viel Weg zurückzulegen, aber Freude scheint mir rechts und links zu stehn. Der liebliche Tristan, der hohe Shakespeare (in den Übersetzungen, denn ich kann kein englisch noch) werden nie zur Hand genommen, ohne stillen Frühlingsgruß an Sie. Der Gräfin, allen den lieben Ihren, meine herzlichsten Empfehlungen, der freundlichen Pflegerin meines goldenen Vögleins den schönsten Dank. Unser Gott mit Ihnen Allen!
Ewig Ihr Loeben.
Meine Frau ist vielleicht, während ich dies schreibe, in Ihrer Nähe. Die anderen Werke Solgers muß ich schon als Commentare des gelesenen herrlichen mir zu lesen wünschen. Davon ein andermal.