II.
Bad Soden im Taunus, den 18ten July 1845.
Hochgeehrtester Herr Geheime Rath!
Haben Sie tausend Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 8ten, die ich erst gestern von einer kleinen Reise zurückkehrend empfing und nun zu beantworten eile. Hr. v. Küstner hat die Partitur meiner Musik zum Ödipus bereits in Händen, und ohne Zweifel wird für das Ausschreiben derselben und für die weiteren Vorbereitungen Sorge getragen, so daß meine persönliche Gegenwart nur zu den eigentlichen Musikproben erforderlich sein wird. Da nun Se. Majestät der König, wie Sie mir sagen, das Ende dieses oder den Anfang des nächsten Monats zur Aufführung festgesetzt hat, so habe ich mich darauf eingerichtet, gegen Mitte August, also 3 Wochen vorher, in Berlin einzutreffen, und von meiner Seite wird also kein Hinderniß dem Königl. Befehle entgegenstehen. Sehr dankbar würde ich nun aber Ihnen, verehrtester Herr Geheime Rath sein, wenn Sie mit den Vorbereitungen für die Tragödie selbst und die darin mitwirkenden Schauspieler denselben Termin festhalten, und auch Hrn. von Küstner wo möglich dahin bestimmen wollten die Aufführung nicht länger, als bis zur angegebenen Zeit zu verzögern. Der König kommt, wie mir Herr von Massow schrieb, in jedem Fall gegen Ende August wieder nach Sans-Souci, geht aber früh im September zu den Manoeuvres und kommt dann erst gegen Ende September zurück. Würde nun die Aufführung verschoben, so müßte sie auch gleich bis Ende September ausgesetzt bleiben, wodurch ich in eine sehr große Verlegenheit geriethe, da es mir sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein wird, zu Ende September in Berlin zu sein, während ich mich, wie gesagt, auf die jetzt bestimmte Zeit nun schon eingerichtet habe. Daher bitte ich Sie recht inständig und dringend, verehrtester Herr Geheimerath, mit den Vorbereitungen der Schauspieler &c. sogleich Hand ans Werk zu legen, und auch Hrn. von Küstner zu möglichst energischen Vorbereitungsmaßregeln zu bestimmen, damit wenigstens von unsrer Seite die Zeit, welche Se. Majestät der König bestimmt hat, eingehalten werden kann. Sie erweisen mir persönlich noch einen sehr großen Gefallen dadurch.
Wie freue ich mich nun, Sie von Angesicht wiederzusehen und Ihnen den Dank für so viele große und schöne Genüsse, die ich Ihnen verdanke, und all meine Freude daran — abermals zu verschweigen! Denn mit dem Aussprechen davon ist es nicht gethan, und mir gelingt es immer am wenigsten damit. Aber hoffentlich treffe ich Sie in gestärkter Gesundheit und unveränderter geistiger Fröhlichkeit und Kraft! Stets Ihr ergebner
Felix Mendelssohn-Bartholdy.