VIII.
(Ohne Datum.)
Mein geliebter theurer Freund!
Nur um Ihr Haupt mit feurigen Kohlen zu sengen und Ihnen zu sagen, daß Sie ein recht abscheulicher Freund sind, nehme ich die Feder in meine vor Wuth zitternde Hand und gebe Ihnen Zeichen eines Lebens, das Sie diesmal mit gehörigem Gleichmuth zu betrachten scheinen. Und doch, denke ich mir, welch’ eine Marter es ist, wenn man nicht gern Briefe schreibt, gern schreiben mögte und es doch nicht kann, wie diese Marter eben größer ist, je mehr man den liebt, an dem man sich versündigt, so fühle ich einen solchen Vorrath von Liebe und Rührung in mir, daß ich Ihnen nicht einmal ernsthaft böse seyn kann, sondern nur daran eine hämische Lust empfinde, wie ich Sie, wenn wir uns wiedersehen, mit Ihrem Vergehen quälen will, daß Sie doch manches Mal im Stillen wünschen sollen, Sie hätten mir geantwortet. Was meiner Langmuth sehr zu Hülfe kommt, ist von Kalkreuth zu wissen, daß Sie wohl und munter sind, auch welche große Leute Sie gesehen haben, z. B. Fouqué, nur daß Sie nicht selbst hierüber schreiben, nicht sagen, was sie Dummes und Kluges geschwatzt haben, das ist für mich ein großer, unersetzlicher, fast literarischer Verlust und im Nachdenken hierüber würde es mir ein Leichtes werden, mich wieder in Zorn zu schreiben, wenn ich es nicht lieber gewaltsam abbrechen wollte. Ihren lieben Frauen und Kindern nehme ich es fast noch ungnädiger, daß auch sie nicht einen Hauch aufs Papier für mich thun, da man weiß, daß Frauen wie gern sprechen auch gern schreiben und sie zum Theil bey der frommen Wallfahrt nach Mariaschein wohl gelernt haben sollten, daß die Krone und Zier der Frauen, die einzige Himmelsfrau, mildthätig war und keinen Gruß ohne Erwiederung ließ. Sehen Sie, wie groß ich thue, wenn ich mich einmal außer Schuld weiß, das aber will ich mir wenigstens nicht wieder sagen lassen, daß ich aus Angst kurz vor dem Thorschlusse geschrieben hätte, denn wenn Sie es anders wollen, so haben Sie noch volle Zeit zu antworten (aber nach Cassel, von wo wir erst Ende dieses Monates abgehen.) Thun Sie es nur, dann verspreche ich Ihnen auch ein parlamentarisches Silentium über Ihre Grausamkeit sowohl als über den gleichen Thorschlußfall. Auch unser herrlicher Loeben theilt oft Wehmuth und Schmälen über Sie, aber wir sind Beyde so außerordentlich gut, daß wir schon dahin gekommen sind, Sie gegenseitig durch das Grauen zu entschuldigen, das Ihnen der Gedanke an Zwey auf Einmal schreiben zu müssen einflößen werde. Punktum.
Wir haben, mein Geliebter, den Sommer dichterisch aber nicht dichtend durchlebt und sehen nun doch fast mit Freude auf den gelbenden Blättern den Abschied von hier und das Wiedersehen und Wiederschaffen in Dresden geschrieben. Wie die Blätter es anfangen, so löst sich auch allmählig das Leben aus unserm hiesigen Kreise ab. Erst reisten Mutter und Schwester meiner Schwägerin, dann bald dieser, bald der, und gestern komme ich mit dem Freunde über Paderborn und Neuhaus, wo Loeben seine Cousine wiedersah, von Detmold zurück, bis wohin wir die gute und geistreiche Fräul. Calenberg auf der Reise ins Stift begleitet haben. Bald reisen auch wir (nächste Woche zuvor mein englischer Vetter), mein Vater geht nach Cassel und nach genossener Waidlust, im November, führe ich Ihnen einmal Bruder und Schwägerin ins Haus.
Auch zu einem rechten ächten Lesen hat es ein Leben nicht kommen lassen, das fast noch zerstreuter war als das Winterleben, über das Sie so oft schelten und ich selbst seufze. Jetzt eben aber bin ich mit einem Buche beschäftigt, das Sie gewiß auch kennen und für mich gern in den Katalog der verbotenen Bücher gesetzt haben würden, denn es ist selbst ein Katalog, nämlich der Eschenburgische, in welchem ich aus Bosheit alle Artikel doppelt anstreiche, von denen ich denken kann, daß Sie sie haben mögten, z. B. die dramatischen, theatralischen u. dgl. Den Ärger bin ich wenigstens dem Racheteufelchen schuldig, daß Sie mit Nichts großzufüttern wissen. Wollen Sie aber Schreckliches verhüten, so entschließen Sie sich schnell mit umgehender Post zu schreiben, denn Anfang Oktober gehen meine Commissionen nach Braunschweig. In dieser Hoffnung lassen Sie sich von uns beyden Freunden umarmen, Sie lieber Gottloser, und umarmen Sie die Lieben, die Sie noch umgeben und die Freunde, die etwas weiter wohnen wieder von Ihrem
Ernst Malsburg.
N. S. Die Kinder kriegen diesesmal zur Strafe nichts. Das ist ja herrlich mit Ihrem Fleiße und der neuen Novelle! wie freue ich mich darauf und auf das Wiedersehen meiner Reisenden, mit denen ich die Verlobung schon vorausgefeyert habe.