XVI.

Düsseldorf, den 29. März 1840.

Theuerster Gönner!

Wollte ich Sie quälen, so könnte ich, Ihren drei Nummern entsprechend, sagen

1) 2 Theile Hafner sind verloren gegangen; schießen Sie nun wie Bassanio zu Antonio sagt, noch einen Pfeil desselben Weges, d. h. theilen Sie mir ein zweites vollständiges Exemplar mit, so finden Sie vielleicht das erste wieder;

2) Johnson ist mir auf der Herreise abhanden gekommen;

3) Münchhausen ist vergriffen, der Verleger scheute aber dennoch das Risico einer zweiten Auflage, ich kann daher mit Tom. I. u. II. nicht dienen.

Allein

ad 1. Ich habe nach Hafner in Weimar redlich gesucht, jedoch nichts gefunden. Der Kanzler v. Müller theilte mir nun die Vermuthung mit, der verstorbene Großherzog könne ihn (nämlich Hafner, nicht v. Müller;) vielleicht in eine Soirée zur Heigendorf geschleppt haben und erbot sich, danach zu recherchiren. Ich mußte nun meinen Substituten, den mitgebrachten Theil zur Legitimation da lassen. Gestern habe ich an Hrn. v. Müller geschrieben und ihn gebeten, Ihnen im glücklichen Falle beide Theile, im nichtglücklichen Nichtfindungsfalle aber wenigstens das Depositum zu remittiren.

ad 2. 3. Johnson und Münchhausen erfolgen. Ersterer mit schönstem Danke, letzterer auch mit Dank für gütige Erinnerung.

Ich hätte Ihnen längst geschrieben, allein ich wollte gern mein neues Buch beilegen, welches schon im Herbst herauskommen sollte. Nun ist es noch nicht da. Sobald es erscheint, sende ich es Ihnen. — Obgleich Sie mir nur ein Paar Zeilen zugewendet haben, so bin ich doch sehr dadurch erfreut worden

Sie sehen, daß Sie mich in die Numeromanie getrieben haben.

1) weil es ein Meerwunder ist, daß Sie überhaupt schreiben und man sich über jedes Wunder in einer rationalistischen Zeit freuen soll;
2) weil Sie in einer so allerliebst heitern Stimmung geschrieben zu haben scheinen. —

Das ist hübsch von Ihnen, Sie alter, lieber Herr, bleiben Sie uns fein lange heiter und frisch.

Mir ist es den Winter über wohl ergangen. Ich danke Gott und der Natur, daß ich endlich einfache, solide Verhältnisse habe. Man fühlt sich dadurch erst als Mensch und Bürger, und auch mit den Studien und der Poesie soll es nun, denk’ ich, erst recht angehen. Am Tristan wird fleißig geschrieben, der 2te Gesang ist fertig, der 3te wirds in dieser Woche. Ich habe sehr lange daran gesonnen, nun fließt es nur so, Gott gebe, nicht wie Wasser. Ich bin während der Arbeit ganz frei geworden über das Thema. Das conventionell Ritterliche oder Romantische, wie man es nennen will, würde mich geniren und kein Leben unter meiner Hand gewinnen; nun dichte ich ihn mir um in das Menschliche und natürliche Element, und mache mir einen übersprudelnden Liebesjungen zurecht, wie er mutatis mutandis auch allenfalls heut zu Tage noch zur Welt kommen könnte.

Dann machte ich eine Arbeit: Düsseldorfer Anfänge, worin ich eine neue schon abgewichene Jugendperiode unserer hiesigen Zustände zu schildern versuchte. Lesen Sie sie doch, wenn sie Ihnen vorkommt. Sie erscheint in der deutschen Pandora, welche das Literaturcomtoir in Stuttgart herausgiebt. Viel beschäftigte ich mich dabei mit Aristophanes und Platon, den ich noch so gut als gar nicht kannte. So ging denn ein Tag nach dem andern rasch hin. Außerdem brachte ich mit hiesigen Malern und Dilettanten etwas ganz Curioses zu Stande, was aber noch eine Überraschung für Sie bleiben soll.

Recht von Herzen dankbar sind wir Ihnen — meine Frau und ich, für die guten Tage geblieben, die wir bei Ihnen verlebt haben. Es ist eine schöne Erinnerung! — Meine Frau denkt mit großer Liebe an Sie und Ihre väterliche Güte, sie empfiehlt sich Ihnen, der Frau Gräfin und Dorotheen angelegentlichst. Ist es Dorotheen lieb, so sagen Sie ihr, daß sie meiner Frau ganzes Herz gewonnen hat, und daß diese oft das größte Verlangen empfindet, mit Ihrer Tochter zusammen zu seyn. — Jetzt sind hier bei mir allerhand kurze Waaren eingerückt, als da sind Wickelbänder, Jäckchen und Mützchen, ich weiß nicht, was die Bescherung bedeuten soll. Von Uechtritz die schönste Empfehlung und die Nachricht, daß er Sie im Herbst besuchen werde. Er schreibt an seinem zweiten Theile und ich höre, daß dieser noch im Sommer herauskommen soll.

Die deutsche Bühne fährt fort, zu jedem Tage ihr Scherflein Unsinn beizusteuern. Otto III. hat begonnen auf seinen Stelzen als großes Meisterwerk die Runde durch Deutschland zu machen, in Berlin geben sie Schwärmereien nach der Mode, worin ein pietistischer Bösewicht durchgehechelt wird, nachdem man einen harmlosen Scherz über den Gegenstand, die Schule der Frommen, den ich vor einigen Jahren schrieb und der sich auf der Bühne ganz gut macht, zurücklegte „weil die Zeitumstände die Darstellung verböten.“ — Ich bin froh, daß der Theaterteufel mich verlassen hat.

Haben Sie Wilhelm v. Schütz „Maria Stuart“ gelesen. Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr alter Freund solche Advocatenstreiche machen könnte. Maria und Bothwell sind ein Paar platonisch Liebender, bis ganz zuletzt, wo das Dritte, was nach Pater Brey zu jeglichem Sacrament gehört, hinzugekommen ist. Unter Andrem erfährt man auch aus dem Buche, daß Shakespeare’s ganze dramatische Laufbahn ein Abfall vom Katholicismus war. Es wäre zu wünschen, daß der Herr uns mehr dergleichen Apostasieen beschert hätte.

Leben Sie wohl, mein theurer Gönner! Ich lasse diesen Brief doch den Büchern vorangehen, damit Sie in einigen Tagen wenigstens Antwort bekommen. Die Bücher schleichen hinterher mit Buchhändler-Gelegenheit. Nochmals Lebewohl und die Bitte, daß Sie lieb behalten mögen

den

Ihrigen

Immermann.