I.
Frankfurt, 21. Jul. 1822.
Wenn ich seit den schönen Tagen, die ich in Dresden verlebte, und deren Genuß durch Ihre Güte, Hochverehrtester Herr und Freund, und durch die Güte der theuren Ihrigen, mir und meiner Frau so ungemein erhöht worden ist, Ihnen kein Wort dankbarer Erinnerung und kein Lebenszeichen zugesendet habe, so bitte ich Sie, dies nicht einem Mangel an herzlichem Vorsatze, sondern so manchen Abhaltungen und Hindernissen, wie der Tag sie auf den Tag fortzupflanzen pflegt, zuschreiben zu wollen. Wir waren, nachdem wir Sie verlassen, und nach heiterm Verweilen bei Freunden in andern Gegenden Sachsens, kaum nach der Heimath zurückgekehrt, als uns die Nachricht, daß mein Bruder seine treffliche und uns Allen theure und geliebte Frau, nach einer unglücklichen ersten Entbindung, verloren habe, ungeahndet, wie ein Blitz aus heiterm Himmel, zu Boden schreckte, und die von einer genußreichen Reise mitgebrachten heitern Bilder und Erinnerungen gewaltsam in den Hintergrund drängte. Nachdem die erste Bewegung heftigen Schmerzes über diesen manche schöne Pläne für’s Leben auch für mich und meine Frau zerstörenden Verlust vorüber war, und die freundlichen von Ihnen mitgebrachten Erinnerungen wieder ihr Recht zu behaupten anfiengen, war es oft mein Vorhaben, Ihnen ein Wort der Verehrung und des Dankes zuzusenden, aber es fiel mir, ohne bestimmtern äußern Anlaß schwer, den Faden aufzufassen, und so verstrichen über anderthalb Jahre, ohne daß mein Vorsatz zur Ausführung gedieh. Um so rascher ergreife ich die Einladung eines gütigen Freundes, des Herrn Grafen von Beust, ihm etwas nach Dresden, wohin er, auf einer weitern Reise gelangen werde, mitzugeben, um Ihnen endlich zu sagen, wie dankbar wir Ihrer und Ihres theuern Kreises, und der vielen Güte gedenken, die wir von Ihnen erfahren haben. Mögen wir hoffen dürfen, daß diese Zeilen Sie und die theuren Ihrigen bei erwünschtem Wohlseyn treffen. Ich, mit meiner Frau, befinde mich Gottlob im Ganzen wohl, und vor wenigen Wochen ist mir auch die Freude zu Theil geworden, meinen Bruder, den ich seit dem Winter 1819 und seit jenem seinem schmerzlichen Verluste, nicht gesehen hatte, und der diese ganze Zeit hindurch in Frankreich geblieben war, wieder hier bei uns zu sehen, und mich wenigstens von seinem Wohlbefinden, das lange für uns ein Gegenstand schwerer Sorge gewesen war, zu überzeugen. Ich hoffe ihn, der jetzt sich auf kurze Zeit von uns entfernt hat, vor seiner Rückkehr nach Frankreich, wo er wenigstens ein Jahr noch zu verweilen gedenkt, noch einmal hier zu sehen, und dann bis in die Gegend von Strasburg zu begleiten, um den spätern Sommer dann mit meiner Frau in dem paradisischen Baden zu verleben.
Noch muß ich meinen und meiner Frau, die sich Ihnen und den theuern Ihrigen mit mir herzlich empfiehlt, wärmsten Dank für die schönen Worte ausdrücken, die Sie in das von der Gräfin Eglofstein für uns bestimmte Buch eingezeichnet haben. Diese liebenswürdige Freundin hier zu sehen, hegen wir seit kurzem einige, obwohl bis jetzt nur sehr schwache Hoffnung. Sollte sie sich erfüllen, so wird dies unser Verlangen nach Dresden, wo wir zuerst ihre Bekanntschaft machten, erhöhen, und auch den von uns herzlich gehegten Wunsch, Sie, theuerster Freund und die theuern Ihrigen, am Rheine oder an der Elbe, einmal wieder zu sehen, noch in uns mehren. Erhalten Sie sämmtl. uns indessen Ihr gütiges Wohlwollen. Sollte Ihr Herr Schwager Möller und dessen Gemahlin bei Ihnen seyn, so bitte ich auch diesen uns herzlich zu empfehlen.
Mit verehrungsvollster Ergebenheit
Ganz der Ihrige
F. Schlosser.