I.

Leipzig, 12ten Okt. 1829.

Verehrter Herr Hofrath.

Hätte nicht schon die innigste Verehrung und Freundschaft mich zu Ihnen hingezogen, so würde die Pflicht der Dankbarkeit es von mir unerläßlich gefordert haben, nach meiner Rückkehr von Teplitz Sie zu besuchen. Auch befand ich mich bereits an Ihrer Thür, erfuhr aber, daß Sie ausgegangen waren. Bis ich von Leipzig zurückkomme, kann ich es nicht verzögern Ihnen zu sagen, welche große, fast an Beschämung grenzende Freude, Sie mir durch Zueignung des dritten Bandes Ihrer Werke verursacht haben.

Kann wohl etwas wünschenswerther seyn, als daß wir nicht, wie ein Schiff auf dem Meere, hinter welchem die Wellen zusammenschlagen und die Furche des Kiels verwischen, spurlos vorübergehn? — Durch dieses öffentliche Zeugniß Ihres Wohlwollens haben Sie die Mitwelt mir befreundet und mein Andenken für die Nachwelt aufbewahrt und mich ohne Mühe und Verdienst, zum berühmten Manne gemacht; also für mich gethan, was ich nicht zu erreichen vermocht hätte.

Dies und noch vieles habe ich Ihnen zu sagen und zu danken. So auch die Abschrift des Prologs zum Faust und die Aufführung des Fausts selbst. Doch hievon mündlich ein Mehreres und für jetzt nur so viel; daß der Prolog als ein Wort zur rechten Zeit und am rechten Orte, nicht nur auf die große und schwerfällige Masse des Volks die rechte Wirkung belehrend hervorbrachte, sondern auch dem mit Göthe vertrauten und begeisterten Verehrer ward das Innigste und Tiefste dieses gewaltigen Dichters, mit seiner kräftigen und sonnigen äußern Erscheinung, in einer umfassenden Anschauung, vor die Seele geführt. Als ich die Rede vernahm, war mir zumuthe, wie es einem großen plastischen Künstler seyn muß, denn in mir gestaltete sich Göthes Bild zu einer colosalen Statue.

Bey einigen Mängeln im Einzelnen, war die Aufführung doch sehr gelungen, denn die Hand, welche alle Figuren lenkte und führte, hielt das Ganze kräftig zusammen und hielt es empor. Sowohl die Folgsamkeit mehrerer Talente als auch der Zuschauer, muß Sie sehr erfreut und für große Anstrengungen belohnt haben. Nur der Teufel[3] schien Ihnen nicht gefolgt zu haben und trug seinen Pferdefuß zu sehr zur Schau und obwohl dieser Geist mich bisweilen störte, so ergriff mich doch das Ganze allmächtig und eine solche Wirkung von der Bühne habe ich fast noch nie erfahren.

Immer hat sonst der Faust beym Lesen eine tiefe Schwermuth zurückgelassen; so war es aber nicht, nachdem ich die Darstellung gesehn hatte.

Der Mensch ringt und quält sich nur so lange, als ihm noch eine Hoffnung bleibt und fügt sich klaglos, ernst und fest der Nothwendigkeit. Nun wurde mir es bey der Darstellung recht klar, daß Gretchen in Fausts Armen unabänderlich zermalmt, daß sie in diesem Riesenkampfe eines Geistes, wie Faust ringt, untergehen muß und darum trat auch die Fassung über ihr Schicksal ein. Auch ist es, als wenn durch die ungeheuren Leiden, Liebe, Reue, Wahnsinn, in der letzten Scene alle Schuld abgebüßt und durch den letzten Schmerzensschrey: Heinrich! Heinrich! die Seele alle Qualen ausstieße, und sich von ihnen und dem Leben befreyt und gerettet losrisse, wodurch eine Versöhnung eintritt, die allen Schmerz hinter sich liegen und keinen übrig läßt.

Der Faust selbst aber führt eine solche Kraft in und mit sich, daß diese auf den Zuschauer überströmt und ihn aufrecht erhält.

Ueber alles dieses bedarf ich von Ihnen Aufklärung und Belehrung und freue mich Sie recht bald zu sprechen. Empfehlen Sie mich unterdeß der Frau Gräfin und Ihrer verehrungswürdigen Familie, der ich mit größter Hochachtung und Dankbarkeit verbleibe

Ew. Wohlgeboren

ganz ergebenster Diener

Quandt.

Mein guter Wagner, der eben bey mir war und Ihrer mit wahrer Verehrung gedenkt, läßt sich Ihnen freundschaftlich empfehlen.