I.

Breslau, d. 16t. Febr. 1820.

Verehrtester!

Mit einer etwas verspäteten Erwiederung Ihres Schreibens vom 22ten Junius vorigen Jahres, welches mir durch Karl von Raumer zugekommen war, sandte ich Ihnen die beiden Schauspiele: Fair Em und Arden of Feversham, denen ich einige selbst verfaßte Lustspiel-Makulatur beigelegt hatte. Da ich nicht wußte, daß Sie zur Zeit der Absendung, von Ziebingen bereits ab und nach Dresden gereist waren, hatte ich das Paket nach dem ersteren Ort adressirt und abgeschickt. Es kam nicht zurück und ich setzte demnach voraus, es sey Ihnen nachgesandt worden. Von dieser Voraussetzung unterrichtete ich Sie durch einige nach Dresden geschriebene Zeilen. Da Sie, böser Mann, mir nun auf meine beiden Epistelchen nicht ein einziges kleines Sylblein geantwortet und mir den Empfang des Uebersandten keineswegs bestätigt haben; so kann ich es nun nicht länger anstehen lassen, und muß Ihnen hiermit noch einmal schriftlich zu Leibe gehen und Sie bey Shakspeare’s Schatten beschwören, mich recht bald wissen zu lassen: ob die dramata questionis in Ihren Händen sind; ob Sie selbige noch länger zu behalten wünschen; ob sie Lust haben sie zu übersetzen — nemlich die Englischen in’s Deutsche, nicht etwa meine Chosen in’s Englische; — was Sie davon halten u. s. w.

Ich bin seit dem 1. Januar anni currentis ein Zeitungsschreiber geworden und gebe hierselbst vom Fürsten Staatskanzler berechtigt und begünstigt eine politisch-szientivisch-artistische mit einem sogenannten Intelligenzblatt versehene Zeitung unter dem Titel Neue Breslauer Zeitung im Vereine mit einem sehr tüchtigen Mitarbeiter, meinem Freunde dem Doktor Löbell, einem Ihrer größten Verehrer, heraus. Meine hiesigen Freunde, Steffens, der sich sehr freundlich und lebhaft für mein Unternehmen interessirt, Hagen, Büsching, Menzel u. a. nehmen thätigen Antheil an meinem Blatt, mit dessen Erfolg ich für den Anfang alle Ursache habe zufrieden zu seyn. Auch Raumer hat mir schon einige Mittheilungen von Berlin aus gemacht, mit denen sich etwas sehr Spaßhaftes zugetragen hat, indem er jetzt selbst als Mitgleid der Ober-Censur-Commission über ein Paar Aufsätze zu richten hat, die er mir anonym geschickt hatte und denen von der hiesigen Censur das imprimatur verweigert wurde. Sie haben doch Nachrichten von ihm? Sein Aufenthalt in Berlin ist ihm durch Manches verleidet, besonders durch Solgers Tod, der auch Ihnen höchst schmerzlich gewesen seyn muß. Solgers trefflicher Schwanengesang, die Beurtheilung der dramaturgischen Vorlesungen Schlegel’s, ist mir im höchsten Grade erfreulich und belehrend gewesen. Könnten Sie nicht einen besonderen Abdruck dieses Aufsatzes veranlassen? mir scheint ein solcher sehr wünschenswerth und ersprießlich. In den geistreichen, tiefen, und zum Theil ganz neuen Ansichten sowohl Shakspeares als auch Calderons ist Ihre Mitwirkung unverkennbar. Warum lassen Sie Einen denn so ungebührlich lange schmachten und zappeln nach Ihrem Werke über Meister William, ach und nach so vielem, vielem Anderem!!??

Vielleicht ist es Ihnen nicht uninteressant zu erfahren, daß auf meine Anregung unser Theater sich kürzlich an eine Aufführung von Romeo und Julie, nach Schlegels Uebersetzung und sehr mäßig gestrichen, gewagt und zwar mit sehr glücklichem Erfolge gewagt hat. Ich habe mich in meiner Zeitung über dieses Wagstück des Breiteren vernehmen lassen. Der jetzige Dramaturg unserer Bühne, ein Regierungsrath Heinke, mit dem ich in gutem Vernehmen stehe, der sehr auf mich hört und achtet und Sinn für das Bessere und Beste hat, will im Laufe dieses Jahres noch mehrere Shakspeariana möglichst unbeschnitten auf unser hiesiges kleines o bringen[14].

Doch genug, vielleicht schon zu viel des Gekritzels! Ehe ich aber die Ehre habe zu seyn &c. wage ich doch noch eine Bitte an Sie. Sie sollen sich nemlich zur Strafe, daß Sie mir noch nicht geschrieben haben, nicht nur die Verpflichtung auflegen: mir wirklich bald zu schreiben, sondern sich als Extra-Pönitenz noch zu irgend einigen Notizen verpflichten, die Sie mit Hochdero Namensunterschrift dem Herausgeber der Neuen Breslauer Zeitung als eine höchst erfreuliche Gabe zukommen lassen. Bitte, bitte, bitte!

Vale et fave

Tuo Tuissimo

K. Schall.