II.
Wien, den 12ten April 1837.
Euer Wohlgeboren!
Verehrtester Herr!
Ich habe mit übergroßer Freude aus einem von dem Schauspieler Kriete an Herrn Lembert gerichteten Brief entnommen, daß der Adept Gnade vor Ihren Augen gefunden hat, und dieß reicht vollkommen hin, mich über die kühlere Aufnahme des Stückes auf einigen Bühnen zu trösten. Auf der hiesigen ist es unlängst zum zwölftenmale bei übervollem Hause gegeben worden.
In der Anlage wage ich, Ihrer Einsicht und Beurtheilung mein dramatisches Gedicht Camoëns zu übergeben.
Wenn ich schon einmal bei Gelegenheit der Griseldis vor Ihrer Bemerkung über diese Novelle des Boccacio in den dramaturgischen Blättern zu zittern und zu beben hatte, so scheint dieß jetzt noch mehr der Fall seyn zu müssen, da meine schwache Schülerhand einen Camoëns zu schaffen wagte, nachdem bereits ein so großer unerreichter Meister ein unsterbliches Gemälde jener Zeit und jenes Mannes hingestellt.
Man würde indeß Unrecht thun, wenn man mir das Erscheinen des Camoëns in dieser Beziehung als Anmaßung anzurechnen versucht wäre, indem dieß Stück schon seit zehn Jahren in meinem Pulte liegt, und den Grundzügen nach bereits fertig gewesen ist, ehe Sie vielleicht noch an Ihren Camoëns gedacht hatten. Uebrigens glaube ich, muß auch die Verschiedenheit der Form bei jedem Billigdenkenden meinen Camoëns vor dem Wahnsinn einer Vergleichung mit dem Ihrigen schützen. Wenn Sie den Stoff in reicher epischer Fülle entfalten, uns ein bis in die kleinsten Züge vollendetes Gemälde jenes Zeitalters, jenes Volkes, seiner Gesinnungen und seiner Sitten aufrollen, uns in einem rührenden Stilleben die Heroengestalt des vaterländischsten aller Dichter mit würdevoller Erhebung, mit allen zerstörten Hoffnungen seines sturmbewegten Lebens abschließend vor die Seele führen konnten; wenn Sie mit einem Worte: uns der Gegenwart entrücken, und in eine frischere, lebenskräftigere Vergangenheit versetzen durften; — so war es meine Aufgabe, die Gegenwart nie vergessend, sie vielmehr nur in den Gestalten der Vergangenheit abzuspiegeln. Das Drama, dessen Natur Kampf und Versöhnung ist, zwang mich der Sage zu folgen, und den Zuschauer an das Sterbebett Camoën’s im Hospitale zu führen. Sie gaben mit dem Sehergeiste des Dichters Camoëns, wie er war; ich mußte mich bemühen, ihn zu geben, wie er damals sein konnte, und wie er unter gleichen Verhältnissen heute gewesen seyn würde. Ich mußte, um den Interessen der Gegenwart getreu, meine Ideen über Dichterberuf, Dichterpflicht und Dichterlohn in einer Zeit entwickeln zu können, die so oft und in so vielen Beziehungen an den Tag gelegt hat, wie sehr sie die Wesenheit der Dichternatur mißversteht,.... ich mußte alle zuckenden Fibern des zerrissenen Dichtergemüthes aufdecken, in alle offnen Wunden der Dichterbrust meine Finger legen, und die Versöhnung von Oben herabholen, wo Sie nur die Narben der Wunden zu zeigen, und die Verklärung schon vorausgesetzt und gegeben im Stoffe zu entwickeln brauchten.
Doch genug von der Verschiedenheit zweier Werke, die schon der Name ihrer Verfasser hinlänglich begründet.
Was den Umfang meines Camoëns betrifft, so verkenne ich nicht, daß sein Leben einer andern vollständigeren, dramatischen Bearbeitung fähig ist, und daß sich einer solchen mit Vortheil Ihre Novelle zu Grunde legen ließe. Die Idee meines Werkes aber wies mich ausschließend an sein Ende, und ich glaube, es fehle ihm trotz des Mangels an Begebenheiten nicht an dramatischem Leben. Mir wenigstens scheint die durch das Gespräch mit dem Kaufmann immer steigende Zerfallenheit Camoëns’ mit seiner Laufbahn, die als tragische Verwickelung in der Zusammenkunft mit Perez ihren versöhnenden und erhebenden Abschluß findet, den Erfordernissen des Drama’s — wenn auch vielleicht nicht des Theaters — hinreichend zu entsprechen.
Der Erfolg auf hiesiger Hofbühne war ein sehr günstiger.
Somit überlasse ich vertrauensvoll und mit bescheidener Ergebung in Ihre bessere Einsicht mein Werk Ihrer Beurtheilung, sowohl hinsichtlich seines inneren Werthes, als seiner Eignung zur Aufführung auf der Dresdner Hofbühne, und schließe diese Zeilen mit dem Ausdruck der unbegränzten Hochachtung, die seit der ersten Lesung des Phantasus in meinem zwölften Jahre, für Sie und Ihre Werke in stäter Steigerung erfüllt
Ew. Wohlgeboren
ergebensten Diener
Münch.
N..... Wilh.
Ueber den Schreiber nachstehender zwei Briefchen (dessen Familienname wie billig nur durch Punkte angedeutet wird), wissen wir nichts Näheres, als was sich in dem Briefe eines Herrn M. S. aus Winterthur angegeben findet, worin es heißt: „Hr. Prof. E. sagte mir, N. ist nun zerknirscht; und dieß ist das Gute, was sein Austritt in die Welt bewirkt hat. Er wähnte, daß ihm dort Alles offen stände, und hat jetzt gesehn, wie viel ihm fehlt.“ —
Diese offenbar erbetene Nachricht, so wie eine Stelle in Wolfgang Menzel’s erstem Briefe zeigen deutlich, daß Tieck trotz seines Zürnens, doch nicht aufgehört hat, an dem jungen Menschen, der ihn vielfach betrogen, Theil zu nehmen und sich nach ihm zu erkundigen.
Jedenfalls sind diese beiden Blättchen geeignet, sowohl psychologische Betrachtungen über ihren Absender als auch Mitleid für Tieck zu erregen, der während seines vieljährigen Aufenthaltes in Dresden unglaublich oft vom Andrange ähnlicher Gesellen zu dulden hatte, und dennoch jeder neuen Täuschung, mit ewig-jugendlicher Hingebung, zugänglich blieb.
Ueberraschend wird dem Leser die Kunde aus Amerika sein, welche David Strauß in einem seiner Briefe an T. über diesen N. ertheilt.