II.

München, den 6. Jänner 1828.

Ihren Brief vom 12. November v. J., — mein hochverehrter Freund, — hat mir Baron von Freyberg überbracht und wenn ich Ihnen meine Freude darüber, meinen Dank dafür nicht sogleich schriftlich ausdrückte, so bitte ich Sie, die Schuld dieser Säumniß nur meinen, während der gegenwärtigen Versammlung unserer Stände noch vermehrten Berufs-Geschäften zuzurechnen. — Von meinen Empfindungen für Sie sind Sie gewiß überzeugt; die Gefühle der höchsten Verehrung, ich darf sagen, der innigsten Liebe für Sie sind durch das mir zu Theil gewordene Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft wohl erhöht, aber nicht erst hervorgerufen worden; schon vor zwanzig Jahren entstanden sie in der Brust des 18jährigen Jünglings und innig hatte ich mich darauf gefreut, Ihnen jene Gefühle in München als einem der herrlichsten Mitglieder unserer wissenschaftlichen Anstalten besthätigen zu können.

Diese Hoffnung ist nun verschwunden und was mich am meisten betrübt ist das Hinderniß selbst, welches sich Ihrer Uebersiedelung nach München entgegenstellte, — nämlich der schwankende Zustand Ihrer Gesundheit. Möge sich diese dauernd stärken und Ihnen vielleicht später die Erfüllung unseres lebhaften Wunsches, Sie hier zu besitzen, möglich machen. In jedem Falle aber, — Sie mögen Sachsen oder Bayern angehören, — bitte ich Sie um die Fortdauer Ihres Wohlwollens und um die Erlaubniß, mich mit Ihnen zuweilen schriftlich unterhalten, Sie um Rath und Belehrung ersuchen zu dürfen. —

Daß ich Sie um diesen Rath in Beziehung auf Belisar nicht vor dem Hervortreten dieses Stückes auf die deutschen Bühnen gebeten, geschah aus einer vielleicht grundlosen Schüchternheit, aus vielleicht zu weit getriebener Bescheidenheit; ich legte auf das Werk, obgleich ich mir meines ernsten, aufrichtigen Wollens und Strebens bewußt war, in objektiver Hinsicht keinen bedeutenden Werth, ich wollte nur sehen, ob jenes Streben bey meinen Mitbürgern Anerkennung finde und wagte, aufgemuntert von einigen Freunden und von unserm Könige, die Darstellung des Stücks auf der hiesigen Bühne. Der glückliche Erfolg täuschte oder verblendete mich nicht, denn ich sah weit geringere Produkte mit demselben Beyfall belohnt. Noch weniger Eindruck machten auf mich die darüber laut gewordenen Stimmen der öffentlichen Blätter, denn weder Lob noch Tadel traf den rechten Punkt und hielt das rechte Maaß. Dazu kam der Drang der Berufs-Geschäfte, die meine Gedanken von diesem Gegenstand ganz ablenkten, so daß ich selbst die Briefe der verschiedenen Theaterdirektionen, die das Stück zu besitzen wünschten, nur spät beantwortete.

Um so mehr haben die wenigen Bemerkungen, die Sie, mein verehrtester Freund, mir über Belisar mitzutheilen die Güte hatten, mich erfreuen, ja mich begeistern müssen. Ein Wort der Anerkennung meines Strebens aus Ihrem Munde gilt mir mehr als alles Lob aller deutschen Tageblätter zusammengenommen und Ihr Tadel erhebt mich, weil er mich belehrt und weiter bringt. Ihre Bemerkung, daß die Handlung in den lezten Akten vernachläßigt sey, trifft den Nagel auf den Kopf; ich wußte lange Zeit nicht, was ich aus dem lezten Akt, — in dem mir gleich Anfangs blos die lezte Scene, der Tod Belisars, klar vor der Seele stand, machen sollte und habe denselben zweymal umarbeiten müssen. Es ist unvermeidlich, daß man diese Verlegenheit dem Stücke ansehe. Die Scene der Antonina in diesem lezten Akt ist eine offenbare Nachahmung jener herrlichen Scene der Kaiserin Mutter in Ihrem Octavian, den ich während der Universitäts-Jahre beynahe auswendig gelernt hatte. Auch fürchte ich, daß man der Diktion die ängstliche Feile zu sehr ansieht; die Regellosigkeit der Trochäen unserer beyden berühmtesten Schicksals-Tragödien, Schuld und Ahnfrau, vermeidend und die geregelte Form der spanischen Redondillen und Assonanzen streng durchführend, fiel ich in den entgegengesetzten Fehler.

Ihr Wunsch, das Stück in Dresden erst dann geben zu lassen, wenn es dort gut gegeben werden könne, — ein Wunsch, in dem ich den theilnehmenden, wohlwollenden Freund erkenne, ist ohne mein Zuthun und gegen meine, Ihrem trefflichen Pauli ausgedrückte Bitte leider unerfüllt geblieben. Man hat dort den Belisar aufgeführt, ohne einen Belisar zu haben. Doch will ich dieses unangenehme Ereigniß gerne verschmerzen, wenn Sie, mein verehrter Freund, mich nur nicht für mitschuldig an demselben halten. —

Was ich seitdem gedichtet, ist ziemlich unbedeutend. Ein vor Belisar gedichtetes, allein erst später aufgeführtes Trauerspiel „Henriette von England,“ über dessen Werth oder Unwerth ich sehr zweifelhaft bin, werde ich Ihnen nächstens mit der Bitte um Ihr aufrichtiges Urtheil zusenden. Die Uebersetzung des Dante schreitet nur langsam vorwärts.

Darf auch ich eine Frage an Sie wagen, mein geliebter Freund? Seit zwey Jahren sehnen wir uns nach der Ausgabe Ihrer Werke, vorzüglich nach der Vollendung Ihres herrlichen Sternbald, — dann nach Ihrer Uebersetzung des Shakespear und hoffen noch immer vergebens. Ihre Cevennen haben uns nach jenen lang erwarteten Schätzen nur noch lüsterner gemacht. Ihre Meisterschaft scheint mit jedem Werke zuzunehmen, obgleich mir Genoveva und Octavian, vielleicht weil es dramatische Werke sind und sich bey mir in die schönsten Erinnerungen meiner Jugend verweben, doch immer die liebsten von Ihren Schöpfungen sind. —

Schelling hat hier ein neues Leben begonnen, reich an Wirksamkeit und Segen. Seine philosophischen Vorlesungen sind von dem glücklichsten Einfluß auf den Geist unserer Hochschule; sie versammeln einen Kreis von 3–400 Zuhörern aus allen Ständen. Uebrigens hat sein philosophisches System erst jezt seine wahre Begründung durch das Christenthum und zwar nicht im rationalistischen, sondern im althergebrachten, buchstäblichen Sinne, genommen.

Mit innigster Verehrung und Liebe

der Ihrige

Eduard Schenk.