III.

Frankfurt a/M., 6. Jun. 1842.

Hochverehrtester Freund!

Hierher zurückkehrend von einer vierwöchentlichen kleinen Rheinreise, fand ich vor wenigen Tagen die mir durch Ihre Güte zu Theil gewordene Anzeige der Verlobung Ihrer Fräulein Tochter vor. Mit innigem Antheil vernahmen wir, ich und meine Frau, diese Nachricht, und herzlich vereinigen wir uns in dem Wunsche, daß die Verbindung, deren Kunde wir Ihrer Güte und Freundschaft verdanken, für die Verbundenen und für Sie, in jedem Sinne recht glücklich und erfreulich seyn, und sich reicher ungetrübter Segen daran knüpfen möge. Haben Sie die Güte Ihrer theuern Fräul. Tochter und dem Verlobten derselben diesen unsern herzlichen Antheil und unsre herzlichsten Glücks- und Segenswünsche auszusprechen, und mögen Sie selbst uns immer Ihre uns unschätzbare Freundschaft erhalten.

Wir sind im Begriff, nächstens, so Gott will, nicht später als gewöhnlich, uns ins liebliche Neckarthal zu übersiedeln. Sollten freundliche Sterne Sie dort in unsre Mitte führen, so würde es für uns ungemein erfreulich seyn. Meine Frau, die sich Ihnen herzlichst empfiehlt, bittet mit mir, uns auch dem gütigen Andenken der Frau Gräfin v. Finkenstein empfehlen zu wollen.

Mit inniger Verehrung und Ergebenheit

Ganz der Ihrige

F. Schlosser.


Schmidt, Friedr. Ludwig.

Geboren zu Hannover 1772, gestorben in Hamburg 1840.

Er begann seine Schauspielerlaufbahn in Braunschweig, kam dann zu Döbelin, wurde Regisseur der Magdeburger Bühne, ging von da nach Hamburg, und übernahm 1806 aus Schröders Händen die Direktion des dortigen Stadttheaters, die er erst mit Herzfeldt, dann mit Lebrün u. A. vierunddreißig Jahre hindurch geführt. So lange das Schrödersche Haus „am Gänsemarkte“ der Schauplatz blieb, blieben auch die wohlthätigen Grenzen gesteckt, welche äußerlichen Tand und Prunk ausschließend, dem inneren künstlerischen Zusammenwirken eine Schutzmauer gegen andringende Neuerungen waren. Mit dem Bau des großen Hauses löseten sich diese schönen Verhältnisse; steigende Ansprüche des Publikums nach „Ausstattung“ steigerten den Etat; das Ensemble zerfiel im weiten Raume; Gastspiele jagten und hetzten sich; aus dem ernsten Schüler Schröders wurde nach und nach ein moderner Unternehmer; man speculirte in Decorationen, Pomp und Ballet; man durfte auch in Hamburg sprechen: c’est chez nous comme partout! Gleichwohl hielt Schmidt noch immer fest an ihm heiligen Traditionen; er blieb mitten im Geräusch und Tumult der Gegenwart immer noch der eifrige Repräsentant theatralischer Zucht und Ordnung; der gewissenhafte Vertreter des Zunftwesens aus einer Zeit, wo es Lehrlinge, Gesellen und Meister gegeben; der „alte deutsche Komödiant“ im üblen — dagegen auch im edelsten Sinne des Wortes. Er bewahrte bis in den Tod, (welcher im ersten Jahre nach seinem goldenen Schauspieler-Jubiläum erfolgte) feurige Begeisterung für die Sache, der er mit allen Kräften gedient. Er konnte wüthen, wenn jüngere Leute neben ihm all zu leicht nahmen, was ihm so wichtig war. Dann lachte er höhnisch: „Herrliche Fortschritte! Meister wohin man spuckt; aber brauchbare Lehrlinge sind mit der Laterne zu suchen!“

Wir hatten Gelegenheit, ihn in Tiecks Abendkreise (in Dresden) zu beobachten, als bei vierundzwanzig Grad Réaumür, und bei fest geschlossenen Fenstern, einer schier verschmachtenden Gesellschaft „Romeo und Julia,“ ohne Weglassung einer Silbe, vorgelesen wurde. Wir Alle standen förmlich ab, wie Fische in warmem Wasser. Der alte Schmidt hielt sich munter. Er lauschte Tiecks beredeten Lippen eben so andächtig die Schlußworte des Fürsten ab, wie er andächtig in der ersten Scene gelauscht. Der Kunstenthusiasmus des Greises überbot den manches Jünglings.

Was er als Bühnenschriftsteller geleistet, gewann sich überall Geltung: Der leichtsinnige Lügner. — Die ungleichen Brüder. — Berg und Thal. — Die Theilung der Erde. — Gleiche Schuld, gleiche Strafe. — Mehrfache Bearbeitungen &c.

Seine dramaturgischen Schriften zeichnen sich durch praktische Nutzbarkeit vor vielen theoretischen Salbadereien vortheilhaft aus. Vorzüglich die dramaturgischen Aphorismen (1820.)

Er faßte gern, was die Zeit eben bewegte, in Epigramme, die er jedoch nur näheren Bekannten vertraulich mittheilte, wobei er zu äußern pflegte: „da sind mir wieder einige politische Würmer abgegangen!“

In seinem Hause gastfrei, unterhaltend, belehrend; in öffentlichen Verhältnissen hochgeehrt; als Schauspieler (wenn auch nicht frei von Manier) sehr bedeutend;... so geleitete ihn die allgemeine Achtung seiner Mitbürger zu Grabe.

Hamburg, d. 24ten April 1824.

Wohlgeborner
Hochgeehrtester Herr Doctor!

Es war schon lange mein innigster Wunsch, mich dem Manne einmal brieflich zu nähern, dessen geistreichen Schriften ich so viel verdanke. Ich wähle dazu einen Augenblick, wo ein Bändchen meiner Lustspiele erschienen ist und würde mich geehrt fühlen, wenn Sie dasselbe einer critischen Beleuchtung werth achteten.

Ich weiß nicht, ob meine Kürzungen des zerbrochenen Krugs Ihre Billigung erhalten werden; doch ich darf sagen, daß ich um jede Strophe einen Kampf gekämpft habe, ehe ich mich daran vergriff; aber meine Vorliebe für den herrlichen Dichter mußte ich verläugnen, wenn es mir einigermassen gelingen sollte, die Dichtung bühnengerecht zu machen. Traurig genug, daß man so herrliches Gut gleichsam einschmuggeln muß! Es gehört dies zu der Tirannei, der man sich, wie Sie kürzlich so treffend bemerkten, leider zu fügen hat.

Verleiht Ihnen jedoch der Himmel noch recht lange Lust und Humor für die Critik der Bühne: so dürfte doch über kurz oder lang eine bessere Aera anbrechen. Wie erfreut mich Ihre öftere Erinnerung an Schröder! Ich war so glücklich in den letzten 15 Jahren seines Lebens sein täglicher Hausgenoß zu seyn und darf mich seines wahren Vertrauens rühmen. Einen Schatz von Bemerkungen hab’ ich aus jenen Zeiten aufbewahrt, aber eingezwängt in das Directoratsjoch, bleibt mir nur zu wenig Zeit, mich in dem Rosengarten der Erinnerung zu ergehen.

Herzlichen Dank für den 1ten Band Ihrer Shakespeareschen Vorschule! Wer durch Sie diesen poetischen Löwen nicht kennen lernt, gebe die Hoffnung auf, ihn je kennen zu lernen.

Leben Sie wohl, mein Hochverehrter! Möchte es Ihnen gefallen, noch einmal einen kleinen Ausflug zu unserm Elbgestade zu machen. Wir Hamburger würden uns bemühen Ihren Aufenthalt in so viel Festtage zu verwandeln. Bis dahin lassen Sie sich einiger Zeilen Antwort nicht gereuen, womit Sie gar hoch erfreuen würden

Ihren höchsten Verehrer

F. L. Schmidt.

P. S. Die Einlage, bitt’ ich gütigst, abreichen zu lassen.


Schmidt, Heinrich.

„Erinnerungen eines weimarischen Veteranen,“ heißt das Buch, welches Herr Heinrich Schmidt — ebenfalls ein Theaterdirektor, wie der vorhergehende F. L. — als sehr bejahrter Mann und von Geschäften zurückgezogen in Wien lebend — erscheinen ließ. Aus diesem Buche erfahren wir, daß er bei Goethe, Herder, Schiller u. s. w. aus- und einging; daß diese Männer ihm Berather waren, da er „zum Theater laufen wollte;“ daß er längere Zeit hindurch die Fürstl. Esterhazysche Bühne in Eisenstadt geleitet; daß er nach mannigfachen Versuchen und Hindernissen zuletzt die Theaterdirektion in Mährens Hauptstadt übernommen.

Worüber in jenem Buche nichts geschrieben steht, wovon man jedoch in der Theaterwelt unterrichtet war, ist der günstige Erfolg, den auch dieser Schmidt errungen, was seine Kasse betrifft. Der Brünner wie der Hamburger Schmidt wurden wohlhabende Unternehmer; mithin beachtenswerthe Ausnahmen von der Regel; und jedenfalls auch achtenswerthe. Denn wer bei’m Theater reich wird, muß seine Sache verstehen; mag er’s nun so, oder so angreifen; er muß nothwendigerweise rechtlich handeln. Ob höheren künstlerischen Interessen folgend?... das steht auf einem anderen Blatte.

Heinrich Schmidt, in ökonomischer Verwaltung seiner „Entreprise“ die trockene Prosa, liebte und pflegte als Mensch die Poesie, und erholte sich gern vom Rechnen durch Dichten. Er hat viele Dramen geschrieben, deren jedoch nur wenige den Weg auf die Bretter fanden. Fast alle trugen das Gebrechen, welches er an den ihm eingesendeten Arbeiten Anderer unerbittlich rügte: sie waren zu poetisch und nicht bühnengerecht.

Brünn, 27ten Aug. 1830.

Ew. Wohlgebohren.

Kaum darf ich hoffen, daß Ew. Wohlgeb. sich meiner noch erinnern werden, wiewohl es kaum 18 Monate sind, daß ich Ihrer Güte das Glück verdanke, an zwey der interessantesten Abenden meiner damaligen Reise Ihren Vorlesungen in Dresden beywohnen zu können. Doch Sie breiten mit wahrhaft dichterischer Munifizenz diese schöne Gottesgabe über so viele Reisende aus, daß sich der Einzelne kaum schmeicheln darf mit der Hoffnung, in Ihrem Andenken eine kleine Spur zurückzulassen. Und doch wag’ ich es, dem Ueberbringer diese Zeilen mitzugeben? — Eben dieß Wohlwollen nicht allein, das ich aus eigener Erfahrung kennen gelernt, sondern auch die Ueberzeugung, die ich gewonnen habe, daß Ueberbringer, Herr von Wekherlin, Sohn des verstorbenen Finanz-Ministers in Stuttgard, ein gebildeter Mann, der im Auftrag des Staats eine wissenschaftliche Reise unternimmt, ein eben so großer und inniger Verehrer von Ihnen ist, wie ich selbst, haben mich dazu ermuthigt. — Herr von Wekherlin hat keinen weitern und innigern Wunsch für seinen Aufenthalt in Dresden, als des Glückes Ihrer Bekanntschaft theilhaftig zu werden. — Sollte Sie dieß nicht diesem Wunsch geneigt machen? — O gewiß! Der Dichter des Oktavians, des Fortunats, der Genofeva — deren Lektüre ich jetzt eben wieder einen so herrlichen Genuß verdanke — einen Genuß, den ich dem Dichter selbst als beßten Lohn für diese reiche Spenden seiner Muse gönnte — ist nicht bloß in seinen Werken so überschwenglich theilhaftig für seine Mitwelt! — Diese Werke liegen eben um mich her. — Besonders merkwürdig ist mir Genofeva. An sie knüpfen sich die lebendigsten und tiefsten Erinnerungen aus meiner Jugend, als ich noch in Jena studirte. — Wie wir da, einige 20 Bursche, unter Vorsitz eines gewissen Burkhardt, der bey Professor Mereau wohnte — dieses treffliche Gedicht — das wohl damals gerade erschienen war — in den Mitternachtsstunden zusammen andächtig lasen, welche Freuden, welcher Jubel! — An die Rolle des Golo mit seinen wiederkehrenden Erinnerungen an das stille — dann ernste — Thal schloß ich mich innig an; ich betrachtete sie als die schönste Aufgabe für den jugendlichen Schauspieler. — Wie viel Ehrfurcht hegten wir für die nicht unempfindliche und doch heilige Genofeva! — Und wie trat alles dieß mahnend auf mich zu, als ich auf jener Reise in Weimar das Skandal erlebte, die Raupachische aufführen zu sehn — eine preußisch protestantisch leichtfertige — der zu Liebe und zum Triumpf des Unsinns doch auch Wunder über Wunder geschehn, die selbst Golo — wiewohl er gleich in voller Leidenschaft auftritt — von der Begleitung Siegfrieds abhalten &c. Doch ich fürchte ins Schwatzen zu kommen, worein der Glückliche so gern fällt und der Genuß, den mir Ihre Dichtungen jetzt wieder verschafft haben, hat mich ganz glücklich gemacht. — Empfangen Sie demnach zugleich meinen innigsten Dank dafür. — Es ist der reinste für die schönsten Freuden dieses sublunarischen curiosen Lebens.

Mit tiefster innigster Verehrung

Ew. Wohlgeboren

Ergebenster Diener

Heinrich Schmidt, Direktor,

in Brünn No. 64 in eigenem Hause.


Schmidt, Friedr. Wilh. Valentin.

Geb. zu Berlin am 16. Sept. 1787, gestorb. daselbst am 15. Oktober 1831.

Seit 1813 Professor am Cölnischen Gymnasium, 1821 außerordentlicher Professor der Litteratur an der Universität, von 1829 Custos an der königl. Bibliothek, fand er bei letzterer keinen sichern Halt, trotz seiner Verdienste als gelehrter Forscher, die sich vorzüglich in dem Werke: Beiträge zur Geschichte der romantischen Poesie (1818) documentiren. Was er in seinen Schriften über Bojardo, Calderon &c. geleistet, ist bekannt und anerkannt. Das völlige sich Versenken und Aufgehn in des Letzteren ächt-spanischen Katholizismus, hatte auch den unbedingten Verehrer dieses großen Poeten katholisch gemacht. Doch weil in jener Epoche solche Richtung von Oben höchst übel vermerkt wurde, hatte ihm sein Minister kund gethan, daß er als Convertit den Platz an der Bibliothek verscherzen würde. Schmidt war ein sanfter, ängstlicher, bald verzagender Mensch. Energische Opposition lag ihm fern. Er fügte sich schüchtern der Drohung (die doch schwerlich in Erfüllung gegangen wäre), und stellte sich zufrieden mit innerem Uebertritt. Der damalige katholische Pfarrer Fischer, ein ehrwürdiger, milder, verständiger Priester (in Frankenstein i. Schles. als Stadtpfarrer gestorben, und heute noch lebend im treuen Andenken aller Konfessionen) tröstete ihn, und versprach ihm: er solle dennoch in geweiheter Erde ruhen. An dieser Zuversicht labte sich des treuen Valentin’s gläubige Seele. Da brach die Cholera aus; er fiel, eines der ersten, gewaltsamsten Opfer. Und im wilden Drange jener unruhigen Tage konnte das ihm gegebene Versprechen nicht erfüllt werden. Er liegt auf dem allgemeinen Cholera-Friedhofe und ist als Protestant begraben worden.

Seine Freunde haben wohl darüber gelächelt, doch mit Thränen im Auge.