XII.

Wien, den 12ten May 1813.

Geliebter Freund.

Ich benutze die Abreise des Grafen Finkenstein, um Dir wenigstens mit einigen Worten für Deinen Brief und alles Uebersandte zu danken. Es sind jetzt eben die Tage der bangen Erwartung, zum Theil auch schon der ängstlichen Sorge; man wird so hin und hergerissen von Furcht und Hoffnung, von widerstreitenden Nachrichten, daß man kaum zu sich selber kommt. Recht sammeln kann ich mich nicht; erwarte daher nicht mehr als meinen herzlichen Gruß und Dank. Diesen statte ich Dir ab für alles Eigne und auch für Deine gütige Bemühung und Fürsprache wegen des Heldenbuchs, wofür ich auch der Familie sehr verbunden bin. — Das Minnebuch habe ich mir noch zurückgelegt, für ruhigere und frohere Zeiten. An dem Phantasus aber hatte ich mich schon vielfältig erfreut, sowohl an dem alten als an dem neuen, schon ehe ich das von Dir gesandte Exemplar erhielt, welches erst vor Kurzem in meine Hände gelangte. Ueber Deine neu belebte Thätigkeit habe ich eine große Freude gehabt, und für Deine freundschaftliche Erwähnung Unsrer sage ich Dir herzlichen Dank. Gewiß wird sich auch Wilhelm sehr darüber freuen, sobald er es erfährt. Ich hatte es ihm zwar geschrieben, ob er aber meine Briefe erhalten hat, weiß ich immer noch nicht. Höchst wahrscheinlich kommt er mit den Schweden nach Deutschland; das wirst Du vielleicht früher erfahren als ich.

Mein nächster Wunsch geht nun darauf, daß ich Beyträge von Dir zum Museum erhalten möchte, und zwar je eher je lieber. Nimm nicht übel, daß Du dieß Jahr kein Exemplar erhalten hast. Der Buchhändler hat mich sehr darin beschränkt, ist überhaupt filzig, freilich ist auch die Zeit sehr ungünstig für den Absatz in Deutschland, und auf das hiesige Publikum allein war das Ganze nun einmal nicht berechnet. — Ich hoffe, Du wirst die Hefte von diesem Jahrgange doch gesehn haben, und lege indessen eine Ankündigung bey. — Im Ganzen ist diese Zeitschrift mehr für Prosa als für Poesie bestimmt. Indessen darf ich Dir nicht erst sagen, daß mir von Dir alles willkommen ist. Am liebsten wäre mir der Aufsatz über das Mittelalter. Da Du diesen aber nicht sogleich senden kannst, so gieb indessen eins oder das andre von dem was Du über Shakespeare fertig hast. Dieß hindert ja den Abdruck des ganzen Werkes über Shakespeare nicht, falls dieses für das Museum zu lang ist; es kann dann als Probe und Ankündigung des ganzen Werks dienen. Ich sehe es besonders bey dem hiesigen Publikum deutlich, daß der eigentl. gründliche Unterricht in der Poesie, die erste Erweckung des Sinns dafür durchaus mit dem Shakespeare anfangen muß. Ich erwarte mir daher auch sehr viele gute Wirkung von Deinem Werke.

Warum hast Du denn die Melusine nicht in den Phantasus aufgenommen, oder soll dieß noch in der Folge geschehen? — Daß Fouqué zu viel dichtet, eben darum einiges auch sehr flüchtig, daß er sich wiederhohlt, will ich Dir gerne zugeben, wenn Du das manierirt nennst; aber wenn dieß mit solcher Poesie verbunden seyn kann, wer ist denn wohl ganz frey von Manier? Ich liebe F. sehr und meine Freude an ihm mag freylich auch durch den vorhergehenden Abscheu an Arnim und all den andern Fratzen noch sehr erhöht worden seyn.

Von Deinem Bruder hab’ ich noch diesen Winter einmal einen recht freundlichen Brief erhalten, nebst ein paar antiquarischen Blättern, die Du im 3ten Heft des Museums wirst gefunden haben.

Daß Du ohne Nachricht von Deiner Schwester bist und außer Verbindung mit ihr, hat mich sehr befremdet. Ich habe seit undenklicher Zeit nichts von ihr gehört. Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele sehr zerrüttet.

Czerni hat sich sehr darüber gefreut, daß Du Dich seiner erinnert hast. Seinen Brief wirst Du erhalten haben.

Daß Philipp auch zur Armee gegangen ist und beym Lützowschen Corps steht, ist Dir wohl schon gemeldet worden. Er liebt Dich, wie von seiner Kindheit an, so auch noch jetzt ganz besonders. Meine Frau nimmt den herzlichsten Antheil an Dir. Empfiehl uns den Deinigen; wie würde ich mich freuen, die erwachsene Dorothee wieder zu sehn und die schönen Erinnerungen unsrer Jugend zu erneuen!

Ich habe noch nie eine so lebhafte Sehnsucht empfunden, meine Freunde im nördlichen Deutschland und vor allen Dich wieder zu sehen, als eben jetzt. Freylich sieht es noch trübe aus, auch ist meine eigne Bestimmung noch ganz unentschieden, ob ich wieder für die allgemeine Sache werde thätig sein können, oder was mir sonst vorbehalten ist. Indessen wer weiß was noch geschieht; eine Reise zu Euch ist wenigstens jetzt möglicher und wahrscheinlicher, als sie es in den vorigen Jahren war. Auf den Fall, daß dieser Wunsch sollte erfüllt werden können, melde mich nur bey Burgsdorf an und frage ihn, ob er in diesem Falle mich auf ein acht Tage aufnehmen kann, die ich denn bei Euch zubringen und genießen möchte.

Dein Freund

Friedrich Schlegel.