XXXVIII.

Berlin, Hôtel de Russie, d. 7ten Aug. 41.

Theuerster Freund!

Gestern Abend fand ich die Einladung in einem Billet des kauderwelschen Skandinaviers Steffens vor, habe sie aber huldreich abgelehnt.

Um jeder Irrung bei dem mir versprochenen Besuche vorzubeugen, melde ich Dir nun schriftlich, daß das Hôtel de Russie, wo ich in dem Zimmer Nr. 9 wohne, bei der Schloßbrücke liegt, nur wenige Schritte rechts, wenn man vom Brandenburger Thor hereinkommt. Ich werde bis 3 Uhr zu Hause bleiben. Du kannst bei mir ein zweites Frühstück einnehmen. Solltest Du, was ich kaum glaube, die Nacht in Berlin bleiben, so könntest Du auch Zimmer im Hause finden. Jagor, der Sudelkoch, wohnt nicht weit von mir. Hr. von Olfers ebenfalls, und wenn Du zu ihm fährst, um im Triumph eingeführt zu werden, so werde ich Dir einen guten Stadtwagen besorgen. Es dauert gewiß bis 8 Uhr Abends:

Das war ein Toben, war ein Wüthen;

Ein jeder schien ein andres Thier.

Gewissermaßen ist es vorsichtig von mir gehandelt, daß ich mich nicht einstelle, denn ich hätte mich nicht enthalten können, Dich als den Preußischen National-Gott Potrimpos oder Pikallos, nach Deiner eignen Wahl, auszurufen.

Grüße Deine edle Freundin und liebenswürdige Tochter, und sage Ihnen, wenn ich ein Landgut bei Potsdam hätte, würde ich Ihnen die Speisen aus meiner Hofküche senden. Nächstens kommt ein Küchenzettel.

Dein in Dich vernarrter und überhaupt
närrischer Freund und Bruder

Wilhelm Martell.


Schlegel, Friedrich.

Geb. am 10. März 1772 zu Hannover, gestorben am 12. Januar 1829 zu Dresden.

Lucinde, Roman (1799.) — Alarkos, Trauerspiel (1802.) — Florentin. — Gedichte (1809.) — Ueber die Sprache und Weisheit der Inder (1808.) — Geschichte der alten und neuen Litteratur, 2 Bde. (1815.) — U. a. m. — Sämmtl. Werke, 12 Bde. (1822 und später).

Wie zwei Brüder nach gemeinsam begonnenem, weltstürmendem Auftreten in Wissenschaft und Poesie, Beide in die Mysterien altindischer Weisheit sich vertiefend, und darin wandelnd, an ganz entgegengesetzten Ausgängen anlangend, einander fremd werden konnten — ja mußten, das wird aus diesen, an einen gemeinschaftlichen Vertrauten ihrer schönen Jugend gerichteten Briefe recht klar. Der ältere August Wilhelm, den Friedrich einen „Pedanten“ schilt, klagt über Friedrichs Verirrung, wie er es nennt, in religiösen und philosophischen Dingen, und daß der Bruder ihm völlig unverständlich geworden sei.

Tieck stand zwischen ihnen. In der durch den Lauf der Jahre oftmals entschlummerten, niemals erstorbenen Anhänglichkeit für diesen Zeugen erster schäumender Jugendkraft, finden sie sich denn wohl wieder, gleichsam auf neutralem Boden. Der Jüngere schied zuerst. —

Wir lassen seinen Briefen zwei Zuschriften der ihn überlebenden Gattin folgen; die zweite, so mild-versöhnliche, als schönstes Denkmal für den Verstorbenen, und für die ihn Ueberlebende!