I.

Leipzig, den 28sten März 1823.

Verehrter Herr Doktor!

Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie brieflich belästige — verzeihen Sie mir es um so mehr, als Sie vielleicht durch die Nichtbeantwortung meines früheren Schreibens, worin ich Sie um Ihr gütiges Urtheil über meine Uebersetzung und Bühneneinrichtung des König Lear bat, mir andeuten wollten: daß ich Sie künftig mit ähnlichen Bitten verschonen möge? Es schmerzt mich indeß zu tief, von dem einzigen Kopfe, der den Geist Shakspears ganz ergründete, auch nicht die kleinste Belehrung darüber erhalten zu sollen: ob ich in meinen Bestrebungen, den größten dramatischen Dichter auf die jetzige Bühne zu bringen, irre, oder recht gehe? Daß Sie mir wenigstens nicht zürnen werden, wenn ich den Versuch einer ähnlichen Bitte, wie die mir früher nicht erfüllte, von neuem wage.

Sie erhalten durch meinen Freund Winkler hier Shakspears What you will, von mir für die Darstellung eingerichtet, und im Anfang zugleich nach eigner Ansicht umgeformt. Das: Warum? dieser Umformung ist vielleicht eine Kühnheit, die zu tadeln ist — doch geschah es nicht aus bloßer Laune, und um das Publikum mit einem Erzeugniß meiner Fantasie bekannt zu machen; sondern aus der Absicht: den Zuschauer allmählich auf den höchst originellen Boden zu führen, auf welchem das ganze Stück steht. Sie werden ohne Mühe erkennen, was mein, und was aus Shakspear genommen ist? mögte das Erstere Ihnen wenigstens mein Bestreben andeuten, in der Art des großen Dichters darstellen zu wollen, ohne die Charakteristik seiner poetischen Menschennaturen zu verlöschen. Könnten Sie sich entschließen, verehrter Herr Doktor, meine Arbeit mit ruhigem Sinne durchzulesen, und mir Ihr Urtheil über dieselbe, ohne alle Rücksicht unumwunden mitzutheilen, so würden Sie dadurch eine Blume auf den Weg meines Künstlerlebens streuen, die mir nie verwelken kann.

Der leider ganz versinkenden Schauspielkunst durch würdige Aufgaben die Möglichkeit einer neuen Erhebung zu bewirken, ist mein Zweck in allem, was ich mit der Feder für die Bühne thue — und frey von jedem Eigendünkel, muß ich dabey die Belehrung des Mannes — der endlich seine Stimme erhob, und der Bühne unverholen sagt: was sie ist und was sie seyn sollte, was außer ihr heut zu Tage Niemand mehr weiß noch sagen kann — suchen, und sollte ich sie finden, jede seiner Andeutungen, gleich den Worten eines Propheten, beherzigen.

Gleichfalls zur Erreichung meines oben angegebenen Zweckes habe ich zwey Holbergische Lustspiele: der Geschäftige und der geschwätzige Barbier, für die Darstellung bearbeitet, und dem Herrn Geheimen Rath von Könneritz Abschriften davon zur gefälligen Prüfung eingesandt. Der Barbier ist fast ganz der Urgestalt gleich, und nur mit Weglassung desjenigen, was dem heutigen nicht reinen Publikum unrein erscheinen dürfte, von mir nach Hamburg gesandt worden — dort so gegeben und völlig durchgefallen. Daß dies am Stücke nicht liegt, darf ich Ihnen nicht sagen — wohl aber ist es ein Beweis, daß wir keine Schauspieler mehr haben, die einen Holbergschen Charakter darstellen können! Die Ueberzeugung hievon hat mich nun vermocht, dem Lustspiele jezt durch Abkürzungen und Hinzufügungen eigner Ideen, eine den Darsteller des Gert mehr unterstützende Gestalt zu geben; und bin ich nicht aus dem Charakter gewichen? so glaube ich fast, daß Gert Westphaler jezt auf der Bühne von Wirkung seyn dürfte.

Ich habe Herrn von Könneritz gebeten, über meine Arbeiten Ihre Meinung zu hören. Möchten Sie die Güte für mich haben, auch mir diese unverhohlen mitzutheilen.

Zwar kann ich kaum glauben, Ihnen, verehrter Herr Doktor, durch wesentliche Gegendienste das Glück je vergelten zu können, was Sie mir gewähren, wenn Sie mich Ihrer Belehrungen würdigen, denn ich fühle meine Unbedeutendheit zu sehr in allem, wodurch ein Geist wie der Ihrige erfreut werden könnte! Doch will ich Ihnen wenigstens das Einzige nennen, wodurch Sie selbst sich vielleicht durch mich etwas Angenehmes bewirken können.

Ihres Neffen Aufenthalt hier in Leipzig, so wie sein innerer und äußerer Zustand, ist Ihnen ohne Zweifel bekannt. Wilhelms Vormund, Baron von Fouqué, hat mich mit dem Auftrage beehrt: den Wandel des sich oft verirrenden jungen Mannes durch Rath und That zum Guten zu leiten, so viel es in meinen Kräften steht; und ich habe die Erfüllung dieses ehrenden Auftrages als heilige Pflicht übernommen. Ist es für Sie, verehrter Herr Doktor, von Interesse, auf das geistige Leben Ihres Neffen in Einwirkung zu treten, und wollen auch Sie, wie Fouqué, mich hierin zum Mittler gebrauchen, so hoffe ich Ihnen durch den Eifer, womit ich Ihre Wünsche erfüllen werde, meine hohe Ehrfurcht für Sie an den Tag legen zu können.

Sehen Sie in diesem Erbieten meine ehrlichste herzlichste Absicht: Sie von den Gesinnungen überzeugen zu wollen, womit ich mich ungeheuchelt nenne

Ihr

innigster Verehrer

v. Zieten,

Regisseur des hiesigen Stadttheaters.