IV.
Berlin, d. 16t. Jan. 1825.
Wenn ich so lange zögerte Ihnen wieder zu schreiben, mein theurer Freund, so war es, um meinen Unmuth zu bekämpfen, mit dem mich das endliche Resultat meiner Engagementsangelegenheit in Dresden erfüllte. Herr von Lüttichau wird Ihnen den Inhalt meines Briefes mitgetheilt haben, ich habe alle Unterhandlungen abbrechen müssen. Graf Brühl hat sich gleich nachdem er in Dresden von Herrn v. Lüttichau das Geheimniß erfahren, nach allem erkundigt, und von Seifersdorf aus noch einen Bericht an den König abgeschickt; ich habe diesen Bericht nach Empfang der abschlägigen Antwort vor mehreren Tagen gelesen. Ich kann nicht anders sagen, als daß der Graf, die Vortheile des ihm zur Verwaltung anvertrauten Instituts im Auge behaltend, sehr wohlwollend gegen mich gehandelt hat, er machte dem Könige den Vorschlag, unsere hiesige Existenz zu verbessern, oder uns die Entlassung zu gewähren. Gleich nach der Rückkehr des Grafen Brühl äußerte der König gegen ihn, daß er uns unter keiner Bedingung entlassen würde. Dieß wurde mir unter der Hand notifizirt, ich nahm aber darauf keine Rücksicht und betrieb mein Entlassungsgesuch, bis denn endlich die Cabinetsordre erschien, die in schmeichelhaften Ausdrücken uns den Abschied und jede Verbesserung verweigert.
Noch blieb mir übrig, mich zum zweitenmale an den König zu wenden, und ich machte bereits die erforderlichen Schritte, als mir angezeigt wurde, daß jedes neue Gesuch an die General-Intendanz übergeben würde, die mich nicht verabschieden dürfe, und ich mich der Ungnade des Königs aussetzen würde. Damit war die Sache abgemacht. Wollte ich mir meine hiesige Existenz nicht verderben, da ich mich auf keine Weise meiner Kontraktsverbindung erledigen konnte, so mußte ich mich ruhig verhalten. Es sollte mich wirklich recht schmerzlich bekümmern, wenn Sie glauben könnten, daß ich nicht mit der tiefsten Wehmuth von dem Gedanken scheide, mit Ihnen vereint zu leben und zu wirken; ich hatte mich mit dieser Hoffnung schon so vertraut gemacht, daß ich mit der bittersten Empfindung mein Luftschloß zusammenstürzen sah. Aber was konnte ich weiter thun? Die Bequemlichkeit des Dienstes in Dresden gegen den hiesigen alle Kräfte in Anspruch nehmenden, der Reitz der Natur in der schönen Umgebung Ihres Ortes, vor Allem aber die Gelegenheit mit Ihnen vereint ein tüchtiges, auf wahre Kunst gegründetes Theater, wie wir es bis jetzt nur in Gedanken hatten, in der Wirklichkeit zu bilden, sind zu lockende, zu wünschenswerthe Hoffnungen für mich gewesen, als daß ich den Schmerz über den Verlust aller dieser Aussichten so bald werde verwinden können. Habe ich je das Handwerk in meiner Kunst, das Pflichtmäßige in meinem Dienste gefühlt, so ist es jetzt in dieser Zeit des Unmuths, wo mir der Plan zu einem tüchtigen Kunstverein, das Bild eines angenehmen Künstlerlebens noch so nahe vor Augen liegt. Sie werden vollenden, was ich zu schaffen träumte, ich bin für Ihre großen Hoffnungen gestorben. Möchte ich mir bey dem Fehlschlagen meiner Wünsche nicht auch noch die Ungnade Ihres Hofes zugezogen haben, und mir doch wenigstens die Aussicht bleiben, vor Ihnen noch einmal mich als Künstler zu versuchen. —
Wenn Sie mir wieder schreiben, mein Freund, sagen Sie mir doch ein Wort über den jungen Menschen, der sich der Bühne widmen wollte, den jungen Convay[15], dessen Eltern mich mit ängstlichen Besuchen bestürmen.
Auch habe ich auf meiner Reise vergangenen Sommer ein Lustspiel entworfen, und in dieser Zeit, wo mir Zerstreuung nothwendig war, ausgearbeitet, das ich Ihnen mittheilen möchte. Geben Sie mir die Erlaubniß so sende ich es zuerst an Sie, und es gehe durch Ihre Hand an die Intendanz.
Leben Sie wohl mein Freund. Bin ich durch die Verhältnisse aus Ihrer Nähe auch auf’s Neue verbannt, so haben die glänzenden Aussichten, ob sie auch verschwunden, mein Herz und meinen Geist noch enger an Sie gefesselt, und ich verbleibe mit ewiger Anhänglichkeit
Ihr
treu ergebner
P. A. Wolff.
X.
Königl. Kammermusikus in Berlin. — Wir unterdrücken den Namen des Mannes, dem wir zwar den Muth zutrauen, daß er frei vor seinen Kollegen vertrete, was er muthig gegen Ludwig Tieck ausgesprochen; dem wir jedoch eine ganze Schaar von Widersachern nicht auf den Hals hetzen wollen. Wir können ja, da er uns völlig fremd ist, gar nicht wissen, ob ihm nicht Verdrüßlichkeiten daraus erwüchsen? Dennoch durften Aeußerungen nicht unterschlagen werden, die so selbstständig, und für einen „Musiker vom Fach“ unerhört klingen, aber eben deshalb um so schätzbarer sind.
Berlin, den 7ten Juli 1841.
Zuerst, hochgeehrter Herr Hofrath, muß ich um Verzeihung bitten, daß ich nicht noch vor meiner Abreise erschien, aber das Gewitter verhinderte mein zeitiges Zurückkommen in die Stadt. Es erfüllte mich mit Unzufriedenheit und Unruhe, Sie nicht noch gesehen zu haben, und doppelt fühlte ich mich getroffen, da nach meiner Rückkunft mich Mad. K. mit den Worten empfing: Sie haben mir einen Brief mitgebracht! — wobei sie in jugendliche Verzückung gerieth.
Wir haben jetzt einen hohen Genuß durch die Darstellungen der Pasta. Sie hat einzelne Scenen aus Semiramis gegeben und den dritten Akt des Othello; — im königstädter Theater: Anna Bolena. Hier fand ich vorgeführt — nicht was man um sich sieht, noch sich vorstellen kann, — sondern eine Welt, erschaffen voll wahrer Empfindungen. Sie gab in einzelnen recitirten Worten die ganzen Verhältnisse, nicht nur subjectiv, vielmehr in Beziehung zu allen Uebrigen, unverkennbar kund. Das war so groß, daß man nicht allein erblickte z. B. Stolz — Verachtung — Mitleid u. s. w. in bestimmten Scenen;... nein, daß man überhaupt mächtig ergriffen fühlt und empfindet: was ist Stolz, was ist Mitleid, was ist Verachtung! Daß man es durch sie lernt!
Die Musiker vom Fach, und Andere so ihnen nachbeten und sich ein Ansehn geben möchten, sprechen nur von den „unreinen Tönen,“ und daß es „ihren Ohren weh thäte!“ — Oder sie betonen ihr Alter und ihren Bart!
Es ist wahr, sie singt zuweilen schneidend unrein; doch soll man sich zum Sklaven seines Ohres machen? Und die Höhe ist glockenrein, in voller Lieblichkeit und Fülle.
Auch hier erinnerte ich mich Ihrer Worte, daß die Berliner im Theater stets kritteln, einst auch ihren Fleck nicht anerkennen wollten. Die Kritik hat schon manchen Genuß verdorben. So viel ist gewiß: die Pasta ist die schönste Ruine, die jemals bewundert werden konnte.
Da eben ein bedeutender Bücherkatalog erschienen, bin ich so frei, Ihnen Hochgeehrtester denselben zu senden. Hoffentlich trifft er sie noch an, und ich denke Sie haben jetzt mehr Muße, dergleichen zu durchblättern, als in Sanssouci.
Ich lebe in der Hoffnung, Sie alsbald in Ihrer Vaterstadt zu sehen.
Ihr Sie hochverehrender
X. X.
Y..... von.
Dieser Brief eines jungen Kavallerie-Offiziers, den wir aus mehrfachen Gründen, ohne Bezeichnung seines Regimentes und dessen Standquartieres geben, verdient wohl zunächst um des Schreibers, wie um Tiecks Willen öffentlich bekannt zu werden.
Dann aber kann es, denken wir, auch gar nicht schaden, wenn solch’ psychologisch-wichtiges Bekenntniß einer gewissen Klasse vornehmthuender Personen, die über Verächtlichkeit der Roman-Lektüre, Alles in einen Topf werfend, naserümpfend dociren, unter ihre verehrlichen Nasen gerieben wird. Sie mögen daraus lernen, daß auch aus „Romanen“ gar viel zu lernen ist.... vorausgesetzt, daß Einer lernen will, und kann!
... den 19ten Oktober 1831.
Verehrter Herr Hofrath.
Sie werden gütigst verzeihen, daß ein Unbekannter es wagt Ihnen einige Momente Ihrer kostbaren Zeit zu rauben und Sie mit diesem Schreiben zu belästigen, allein ich kann nicht anders, mein innerstes Gefühl treibt mich dazu. So eben nämlich lege ich das Buch aus der Hand, das mir in der letzten Zeit steter Begleiter gewesen und mir einen unendlichen Genuß verschaffend, mich so ergriffen hatte, daß ich die Stunden, die ich seiner Lectüre widmete, als die Hauptaugenblicke des Tages betrachtete. Gern riß ich mich von aller Gesellschaft los, zog mich auf mein Zimmer zurück, um ungestört dem William Lovell in den Verschlingungen seines wunderbaren Schicksales zu folgen. Haben Sie den größten, innigsten Dank, verehrtester Herr Hofrath, daß dieser Schatz nicht Manuscript blieb, sondern von Ihnen auf so schöne Weise an das Licht gestellt, die Gelegenheit darbot, daß jeder fühlende Mensch nicht allein hohen Genuß, sondern auch die tiefste Belehrung daraus zu ziehen vermochte. Welches Gefühl muß es gewesen sein, Schöpfer dieser Welt zu werden, denn anders als eine Welt, ein ganzes Universum, kann ich William Lovel, dieses Meisterstück, nicht nennen. Welchen Genuß muß es Ihnen gewährt haben, einen Stein des herrlichen Gebäudes in den andern zu fügen, bis es endlich sowohl zur staunenden Bewunderung Aller, als auch gewiß zur innigen Freude des Meisters in seiner hohen Vollendung dastand. Sollte mir der gütige Gott je die Freude schenken, Verfasser eines Werkes zu sein, das nur in einigen Punkten entfernt wagen dürfte, sich diesem an die Seite zu stellen, ich glaube, mir würde der Zweck meines Lebens großentheils erfüllt zu sein scheinen. Sie lächeln vielleicht, verehrtester Herr Hofrath, und meinen, daß ich etwas lovelisire, allein, was ich bis jetzt gesagt, mußte ich sagen, um meinen Gefühlen über den gehabten Genuß etwas freien Lauf zu lassen. Gehe ich aber zu einer näheren Definition über, was mich eigentlich so tief ergriffen, so ist es dies, daß Lovel’s sowohl, wie seiner Freunde Leben mir in mannigfacher Beziehung der Schlüssel zu meinem eignen geworden und ich Vieles nun in voller Klarheit sehe, was mir vordem düster, verhüllt und unentwirrbar erschien. Ganze Stellen, ja ganze Briefe sind geschrieben, als wenn ich Ihnen offenherzige Bekenntnisse gemacht, die Sie hernach dem Papier anvertraut hätten. Ich stehe jetzt im 24sten Jahre und kann nicht läugnen, daß grade wie Sie, verehrter Herr Hofrath, Lovel schildern, ich in manchen Punkten fühlte und noch fühle. Dies stete Treiben und Drängen nach etwas Ungewissem, noch nie Erhörtem, Wunderbarem bewegte so oft meine Brust und übergab mich tausend räthselhaften Gefühlen. Die Ueberzeugung, wie ich gedacht, habe noch nie ein Anderer gedacht, ich sei ein ganz besonderes, befähigtes Individuum, mir könne Niemand nachempfinden und nachfühlen, verfolgte mich überall. Ohnerachtet ich schon theilweise durch Erfahrung dahin kam, zu gewahren, daß viele Gedanken, die ich als eine mir nur ausschließlich zuertheilte Gabe betrachtete, doch auch schon in den Köpfen anderer Leute gewesen und nur mein Mangel an Menschenkenntniß mich dies nicht habe erkennen lassen, ohnerachtet ich mich mit dem Schwunge meiner himmelanstrebenden Gedanken alle Augenblicke ganz niedrig und dicht an der Erde kriechend entdeckte, ohnerachtet aller dieser Bemerkungen konnte ich mich doch eines gewissen Gefühles von Hochmuth nicht erwehren, indem ich andere Menschen mit mir verglich. Hierin wurde ich noch mehr dadurch bestärkt, daß zuweilen, wenn ich Ansichten über Gegenstände aussprach, die Leute mich nicht begreifen konnten und das fast für verrückt erklärten, was doch nur das natürliche Resultat meiner innersten Ideenfolge war. Dies betrübte mich aber sehr, namentlich bei jungen Leuten meines Alters, wo ich mich anschließen wollte und immer mißverstanden, nie einen eigentlichen Freund fand und gefunden habe. Ich dachte öfters an die Worte eines Dichters:
Ich kanns der Welt nicht nennen
Was meine Sehnsucht hegt.
Sie würde doch verkennen
Was niemals sie bewegt.
Drum berg’ ich meine Thränen
Und laß sie Niemand sehn,
Sie soll’n mich glücklich wähnen
Weil sie mich nicht verstehn.
Deßhalb ergriff ich auch die Rolle eines sogenannten amüsanten Menschen, zog über mein ganzes Wesen eine gewisse schimmernde Lustigkeit, tanzte leicht auf der Oberfläche des Lebens dahin und war Allen angenehm, indem ich Niemand in die Nothwendigkeit versetzte, viel oder tief zu denken, und zuweilen den Leuten das Zwergfell angenehm erschütterte, aber innerlich blieb Unruhe und Zweifel und Balders verwegner Drang den Vorhang, der uns ja überall dicht umgiebt, den Vorhang einer neuen uns geahnten Geisterwelt zu lüften. Wie schön ist der Charakter von Balder durchgeführt, wie wahr dieses dem jungen Menschen so eigne Anstemmen und Anspringen gegen die uns umgebende beengende Körperwelt, es ist wirklich zu schön. Doch ich hatte mir vorgenommen ganz ruhig zu bleiben, indem ich dies schriebe, aber wenn nun das Gelesene mir wieder vor die Seele tritt, mit dieser umfassenden Menschenkenntniß, dieser in der tiefsten Brust geschöpften Wahrheit, so erhebt sich mein Enthusiasmus immer von Neuem. Ich fahre in der Schilderung meines eignen Ichs fort, aber bloß um Ihnen, allverehrter Herr Hofrath, zu zeigen, wie mich Lovell in den innersten Fibern meines Wesens berühren und erschüttern mußte. Durch dieses Sinnen und Grübeln in stillen Stunden, wenn das Gelächter und Geräusch um mich her verhallt war, kam ich auf den gefährlichen Weg, welchen Sie Andrea Casino wandeln lassen, nämlich den, mit Menschen spielen zu wollen. Da ich von Kindheit an einen überwiegenden Hang zur Bühne hatte, auch da wo ich in Liebhabertheatern auftrat, nicht ohne einigen Beifall spielte, so fand ich den abgenutzten, aber doch wahren Vergleich des Menschenlebens mit einem großen Drama, ganz vortrefflich und beschloß meine Rolle recht con amore zu spielen. Dann ging ich hin, beobachtete die Menschen, lauerte ihnen ihre Schwächen ab, was ja oft so leicht ist, wußte sie zu gewinnen, sprach mit diesem über die ernsthaftesten, heiligsten Gegenstände, mit jenem im Augenblicke darauf über die frivolsten mit gleichem Feuer und gleicher Lebendigkeit, und fand mich dann der dunkelnde Abend in meiner Behausung, so dachte ich oft: was für ein Mensch bist du! wie hast du dein Wesen in der Gewalt! mit welcher Leichtigkeit springst du von einem Pol deines Seins zum andern! wie leicht kannst du dich in jede Rolle werfen! Ich verblendeter, eitler Thor, ich glaubte nun die wahre Lebensphilosophie gefunden zu haben, und bedachte nicht, daß während mir die Menschen als Spielbälle erschienen, ich vielleicht der in der Hand von hundert anderen war. Sonderbar erschien ich mir nie als Heuchler, denn in eine Rolle mit rechtem Eifer hineingegangen, währte es nicht lange, daß ich fühlte, was ich nur zu spielen beabsichtigte. Doch, verehrtester Herr Hofrath, wäre dies so fortgegangen ohne alle Gegenwirkung, ich befände mich jetzt schon da, wohin Andrea Casino in seinem 80sten Lebensjahre gelangt. Aber dies Gegengewicht war auch bei mir, worauf Sie im Lovel immer so überaus rührend und heilig hinweisen, die Erinnerung aus der Kindheit. Von einer frommen verständigen Mutter erzogen, war mir der Glaube an einen allgütigen, allliebenden Schöpfer so fest eingewurzelt, und hoffe ich zu Gott, wird es auch immer bleiben, daß wenn mich meine gute Mutter recht ernst und liebevoll darauf zurückführte, es nie seine große Wirkung verfehlte, und ich Tage und Monden hindurch jedes Forschen in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängte. Dann erschien mir das Leben so unendlich einfach, alle Verhältnisse so leicht, trat mir aber wieder der Zweifel näher, dann thürmten sich Berge hinter mir, Berge vor mir und Beklommenheit, Angst, unendliche Angst zogen von Neuem in mein Herz. In diesem Zustande befand ich mich wieder in der letzten Zeit; ein älterer Kamerad der theilweise meine Gemüthsstimmung zu ahnden schien, schlug mir vor den Lovel zu lesen, ich las, ich las wieder immer von Neuem und — doch Herr Hofrath Ihnen wird aus meinem Schreiben klar geworden sein, wie er mich ergreifen mußte. Ich habe Predigten, Erbauungsbücher mit vieler Aufmerksamkeit gelesen, aber ganze Compendien über die Religion und ihre Theorieen konnten mir nicht soviel wahrhaften Nutzen bringen, wie Lovel es gethan. Zwar hat meine Eitelkeit den furchtbarsten Stoß erlitten, zwar liegt das ganze Gebäude meiner innern Selbstgefälligkeit, meines geistigen Anschauungsvermögens, meiner noch nie gedachten Gedanken, in Schutt und Trümmern, denn ich, der ich glaubte ein Original zu sein, finde mich in einem Buche wieder, daß verfaßt wurde, ehe ich das Licht der Welt erblickt hatte; von der isolirten Höhe, wohin mich mein irrer Wahn geführt, steige ich herab und sehe, daß ich ein ganz gewöhnlicher Mensch bin. Alle meine wunderbaren Gedanken, mein Forschen, Grübeln, alles ist schon einmal dagewesen und ich ausgezeichnetes Original bin nichts als eine schlechte Kopie, denn halten Sie mich nicht für anmaßend genug, verehrter Herr Hofrath, mich etwa Loveln oder einem der andern Erscheinungen in diesem Buche an die Seite stellen zu wollen; nein so hoch stehe ich gar nicht, nur in einigen Zügen gleiche ich ihnen und die dienen dazu, mich tief bis in das innerste Gemüth zu beschämen. O so aus seinem Himmel, seiner selbstgeschaffnen Welt der Einbildung und Selbstgefallsamkeit herausgestürzt zu werden ist hart, sehr hart, doch tröstet mich der Gedanke, daß es wenigstens durch Ihre, durch die Meisterhand des Genies geschah. Wie wahr sagen Sie vom Enthusiasmus, daß er nicht ein regelloses, zerstörendes Feuer, sondern eine durch den Verstand geläuterte, sanft erwärmende Flamme sein müsse. Nun ist mir auch klar geworden, was mich in Ihren Werken, Ihren Novellen anzog, eben dieser durch den Verstand gebändigte Enthusiasmus oder besser gesagt, diese durch den Verstand geregelte und gedämpfte Poesie und Phantasie. Doch ich fange an abzuschweifen und, allverehrter Herr Hofrath, Sie könnten auf den Gedanken kommen, daß ich einer jener Menschen bin, die, sobald sie mit einer ausgezeichneten Persönlichkeit, einem berühmten Schriftsteller in Berührung kommen, rasch alle ihre Verstandeskräfte zu concentriren suchen, sie künstlich zusammenschrauben, um nur auch recht geistreich in der Nähe dieser großen Geister zu erscheinen. Ich habe diese Bemerkung schon öfter im Leben gemacht, und hat es mich immer sehr unangenehm berührt, wenn die Menschen und namentlich Frauen in ganz gleichgültigen Aeußerungen ausgezeichneter Persönlichkeiten, immer einen tiefen Sinn zu finden suchten, um eben nur auch recht tief und gehaltvoll antworten zu können, und dann gewöhnlich irgend ein verschrobenes Gewächs geistiger Affektation zu Tage förderten. Nein Herr Hofrath, vor Ihrem umfassenden Geiste will ich nichts, gar nichts sein, mein Stolz ist durch William Lovel dahin geschwunden, und ich denke nur, zu welcher vollendeten Lebensanschauung Sie jetzt im späteren Alter gelangt sein müssen, da William Lovel als Produkt Ihrer jüngeren Jahre schon so ganz den Stempel der Vollendung trug. Doch zu lange habe ich Ihre Geduld ermüdet, verehrter Herr Hofrath, ich hoffe aber Sie werden die Absicht dieses Schreibens nicht verkennen, dem innige, tief gefühlte Dankbarkeit zum Grunde liegt. Eine ältere Dame, der ich davon sprach, daß ich Ihnen schreiben müßte, sagte: wer wird denn einen ganz fremden Menschen so au fait von seinen Gefühlen setzen? sein sie nicht zu offenherzig; der Schriftsteller ist, wenn er schreibt, ein Anderer, als im gewöhnlichen Leben. Doch ich habe mich nicht abschrecken lassen, ich bin überzeugt, Sie nehmen den Zoll meines Dankes, den ich Ihnen mit aller Offenheit einer jugendlichen Brust darbringe, freundlich und nachsichtig auf und verzeihen mir meine Kühnheit, die die Veranlassung wurde, daß Sie sich einige Augenblicke mit einer so unbedeutenden Persönlichkeit wie der meinigen beschäftigen mußten.
Mit der allerausgezeichnetesten Hochachtung
von Y.....,
Lieutenant im .......... Regiment.
Zedlitz, Josef Christian, Freiherr von.
Geb. am 28. Februar 1790 zu Johannisberg in österreichisch Schlesien, — aus dem alten Geschlechte der Z. von Nimmersatt, deren Stammburg noch zu sehen ist auf dem Wege von Hirschberg nach Bolkenhayn, — gestorben in Wien 1862.
Todtenkränze (1827.) — Lyrische Gedichte (1832.) — Dramatische Werke, 4 Bde. (1830–36.), darunter: Turturell — Zwei Tage zu Valladolid — Kerker und Krone. — (Den Lope de Vega’schen Stern von Sevilla, den Malsburg nur aus der Umarbeitung des Trigueros übersetzte, weil das Original fehlte, versuchte Z., auf jenes spanischen Umarbeiters Andeutungen fußend, der ursprünglichen Dichtung gemäß wieder herzustellen, und zwei weggestrichene Akte zu ergänzen.) — Waldfräulein (1843.) — Soldatenbüchlein, 2 H. (1849.) — Altnordische Bilder, 2 Th. (1850.) — Byrons Child Harold übertrug er sehr frei. — Seine Soldatenlieder (1848–49.) — haben ihn zum Liebling des tapferen österreichischen Heeres gemacht.
Wien, d. 17. Decemb. 1833.
Hochverehrter Herr!
Ich übersende durch Madame Brede der Hoftheater-Direction meine neuste dramatische Arbeit „Kerker und Krone.“ Ich kann das Stück nicht an seine Bestimmung abgehen lassen, ohne der wohlwollenden Gesinnungen gedenk zu seyn, mit denen Sie, wie ich erfuhr, die Aufführung meiner Bearbeitung des Sterns von Sevilla vielfach mit Rath und That unterstützten. Wenn auch das Interesse, das Sie dem Stücke zuzuwenden die Güte hatten, zunächst nur dem großen Erfinder, und nicht mir, seinem schwachen Nachbildner gelten konnte, so wird meine Verpflichtung dadurch nicht geringer, und endlich bin ich froh, dabei zugleich Gelegenheit zu finden, dem Meister, der durch Lehre und Beispiel vor Allen fruchtbringend gewesen, die Hochachtung und Verehrung ausdrücken zu können, die ich für ihn hege. — Ich bin im Stoffe meines Schauspiels zufällig mit Raupach zusammen getroffen, indeß ist die Behandlung desselben so durchaus verschieden, daß unsere Stücke, außer der historischen Grundlage durchaus nichts Aehnliches haben. Raupach’s Arbeit schließt sich unmittelbar an das Göthe’sche Stück an, und sucht eine genaue Fortsetzung desselben zu bilden. Ich hatte nie den Muth, etwas dergleichen zu versuchen, und mochte mich auch nicht entfernt dem Nachtheile aussetzen, dem eine solche gewagte Annäherung niemals wird entgehen können. Wenn daher Raupach’s Stück mehr die Verhältnisse Tasso’s zum Hofe zu Ferrara nach der gegebenen Grundlage Göthe’s fortzuspinnen sucht, so kommen dieselben in meinem Stücke nur insoweit zur Sprache, als sie nicht umgangen werden konnten, und die Aufgabe die ich mir gestellt habe, war vorzüglich die, zu zeigen, wie eine wahre, hohe Dichternatur siegreich aus jedem Kampfe mit den äußern Verhältnissen hervorgehe, und wie drückend diese immer erscheinen mögen, das Genie in sich selbst Halt genug finde, ihrer Herr zu werden. Ich bin mir durchaus keiner noch so entfernten, fremden Einwirkung bewußt, und wenn bei anderen früheren Arbeiten mir mehr oder weniger Muster vorschwebten, die nicht ohne Einfluß auf dieselben blieben, so ist diese durchaus aus meinem innersten Wesen hervorgegangen, und in dieser Beziehung mag sie wohl ziemlich Alles enthalten, was ich zu leisten vermag. —
Vielleicht ist es mir möglich im nächsten Jahre nach Dresden zu kommen, und mich Ihnen persönlich vorzustellen, ein Wunsch, der schon seit Jahren zu meinen liebsten gehört. Als Sie zuletzt in Wien waren, war ich leider auf meinem sehr entfernten Gute in Ungarn, und die flüchtige Begegnung, der ich mich vor vielen Jahren bey meiner Durchreise durch Dresden zu erfreuen hatte, und die wohl schon zu fern liegt, als daß Sie sich derselben noch erinnern sollten, hat mich nur seither inniger nach dem Glücke verlangen gemacht, einmal einige Zeit in Ihrer Nähe zubringen zu können. Möge kein ungünstiger Zufall die Erfüllung dieses Wunsches allzusehr hinausschieben, und mir bald die Freude zu Theil werden, Ihnen mündlich sagen zu können, wie hoch ich Sie verehre, und mit welcher Bewunderung und Liebe ich bin
Ihr
innigstergebner Diener
Zedlitz.
Zieten, Karl Friedrich Daniel von (genannt Liberati).
Geboren am 5. Januar 1784 zu Neubrandenburg in Mecklenburg, gestorben 1844 zu Berlin.
Die Familie Z. theilte sich von Alters her in zwei Linien; die eine: Dechtow (die sogenannte schwarze, jetzt Graf Z.), und die andere: Brunne-Wustrau-Wildberg (die sogenannte blonde). Letztere zweigte sich früher schon in drei Aeste ab. Wustrau ist ausgestorben mit dem Sohne des „alten Zieten“ aus Friedrichs des Zweiten Zeit.
Liberati’s Vater gehörte zur Brunner Linie, welche mit Wildberg noch in Lehnsverband steht. Er war verheirathet mit Johanna Bertha von Niesemeuschel aus Schlesien, war Lieutenant bei Zieten-Husaren, zog dann nach Mecklenburg, hielt ein bedeutendes Vermögen nicht zu Rathe, nahm späterhin Würtembergische Dienste und starb 1812 in Stuttgart als Obrist und Chef des Ehren-Invaliden-Bataillons. Er hinterließ zwei Söhne, deren ältester unser Z. Liberati.
Dieser ist anfänglich in preußischen Diensten, entweder beim Regiment Kunheym- oder auch bei Zieten-Husaren (?) gewesen, ist nach 1806 Mecklenburgischer Forstmeister, dann Schauspieler, 1813 wiederum Soldat, 1814/15 wiederum Schauspieler geworden, und hat sich mit Ulrike Prinzessin von Nassau, die er in Wiesbaden kennen lernte, vermählt. Selbige Ehe ist, weil der Prinzessin Vater sie desavouirte, bald wieder aufgelöst, ihm jedoch von der geschiedenen Gemahlin, nach deren Tode von ihren Erben, Pension gezahlt worden. Eine Zeitlang führte er mit Feige das Cassel’sche Theater, schied aber 1816 aus der Direktion und spielte nur als Ehrenmitglied, ohne Gage.
Nachdem Küstner das Leipziger Theater in Blüthe gebracht, fungirte Liberati als Regisseur und Schauspieler daselbst. Aus dieser Epoche, in welche seine Bestrebungen fallen, Shakspeare und Holberg auf deutschen Bühnen heimisch zu machen, stammen auch die Briefe an Tieck.
Er schloß das zweite Ehebündniß mit einer sehr hübschen Frau, die ihn nicht glücklich machte. Ueber seine Schicksale vom Zerfall des Leipziger Theaters bis in die dreißiger Jahre konnten wir nichts Näheres in Erfahrung bringen. Sicher ist, daß er um 1837 Mitdirektor der für Danzig, Elbing, Tilsit &c. konzessionirten Schauspieltruppe war. Diese Existenz drückte ihn, und sein häusliches Verhältniß erhob ihn nicht. Sobald 1839 sein Bruder gestorben und ihm wieder einiges Geld zugefallen war, benützte er diese Hilfe, sich vom Theaterwesen gänzlich loszureißen, und begab sich nach Berlin, wo er frühere mechanische und technische Studien praktisch zu verwerthen gedachte. Sein letztes Erzeugniß litterarischer Thätigkeit gilt nicht mehr Shakspeare’s Einbürgerung, sondern der Seidenraupenzucht. Die kleinen Reste aus mehrfachen Schiffbrüchen geretteten Vermögens wurden nach und nach verexperimentirt — und er entsagte dem Leben. Ein genialer, vielbegabter, durch Herzensgüte und Geist gleich ausgezeichneter Mensch ist in ihm untergegangen. —
Und so beschließt den langen Reigen wechselnder Gestalten, die in diesen Büchern an uns vorüber zogen, ein Mann der den Namen eines Helden aus dem siebenjährigen Kriege führt; des Krieges von dessen heroischen Nachklängen Ludwig Tieck’s bürgerlich-treu-preußisches Vaterhaus wiederhallte, mit denen das Kind aufwuchs. — Ein Mann, den poetisch-dunkler Drang auf die Bretter führte; nach welchen Tieck der Jüngling sich schwärmerisch gesehnt; — ein Mann, der sich in Shakspeare’s Herrlichkeit versenkte, und manche jener ewigen Schöpfungen glücklich darstellte; — ein Mann endlich, der kein Glück in Ausübung der Kunst, keinen Frieden im Streben, keine Ruhe auf Erden fand, der Ruhe in der Erde gesucht hat, Frieden im Jenseits!