II.
Berlin, den 15t. März 1833.
Hochzuverehrender Herr Hof-Rath!
Endlich bin ich im Stande, Ihnen die zwei Bändchen Novellen, welche aus meinem Ihnen im vorigen Sommer vorgelegten Manuscript herausgedruckt worden sind, zu übersenden. Als ich damals Ihren gütigen Brief erhielt, der mir die Erlaubnis ertheilte, Ihnen diese kleinen poetischen Versuche widmen zu dürfen, hoffte ich noch, daß ich Ihnen den Druck zum Frühling dieses Jahres persönlich würde überreichen können. Diese Hoffnung hat sich fast gänzlich zerschlagen, da ich zu dieser Zeit wohl schwerlich die Mittel zu einer Reise nach Dresden möchte aufbringen können, zum Sommer aber meine Vorlesungen an der hiesigen Universität beginnen muß. Nehmen Sie deshalb nicht weniger gütig auf, was ich Ihrem Genius aus reiner, inniger Verehrung darbringe, und entschuldigen Sie die Bitte, mir den großen Verlust einer mündlichen Unterredung mit Ihnen durch ein Paar Zeilen schriftlicher Unterhaltung wenigstens einigermaßen zu ersetzen. — Ich fürchte fast, daß ich meine poetischen Kleinigkeiten im Druck Ihnen weniger behagen werden, als nach einigen günstigen Aeußerungen zu urtheilen, es im Manuscript der Fall gewesen zu sein scheint. Mir selbst genügen sie immer weniger, und nachdem ich vor kurzem Ihren Sternbald wieder einmal durchgelesen habe, wünsche ich fast, sie wären lieber gar nicht gedruckt worden; so weit scheinen sie mir von der hohen Vollendung meines Vorbildes und Musters entfernt zu sein. Schon daß sie an dieser herrlichen Dichtung ein Vorbild und Muster haben, kann ihnen nicht zum Vortheil gereichen; besonders aber erscheinen in jener die freien, selbstständigen Gestalten des Lebens, wie sie die Poesie kraft ihrer göttlich-wirkenden Gestalt erschaffen und hinstellen soll, mit dem Wesen und Leben der Kunst, in welchem sich die ganze Dichtung bewegt, so schön und innig verschmolzen und unbeschadet ihrer gegenseitigen Unabhängigkeit vereinigt, daß mir dagegen in meiner Erzählung beide Elemente ganz auseinander zu fallen, und wie zu einer unnatürlichen Verbindung zwischen Poesie und philosophischer Aesthetik zusammengezwängt zu sein scheinen. Dazu der Mangel an poetischer Farbe der Zeit, in welcher meine Novellen spielen; die überall nur angedeutete, nirgend tiefbegründete Charakteristik; der Mangel an aller Erfindung und poetischer Verwickelung der Lebensverhältnisse; der jugendliche Anstrich des Ganzen u. s. w. u. s. w. Was kann da noch Gutes übrig bleiben? Jedenfalls der gute Wille und die begeisterte, heilige Verehrung der Kunst, deren ich mich bewußt bin; vielleicht entzündet diese manches gleichgestimmte Gemüth zu schöneren, glänzenderen Funken, und dann hätten meine anspruchslosen Kinder vollkommen ihre Bestimmung erfüllt. — Legen auch Sie, hochverehrter Herr Hof-Rath, keinen größeren Maßstab an; — das Gemessene möchte sonst in Nichts verschwinden.
Indem ich mich Ihrem ferneren geneigten Andenken gehorsamst empfehle, wage ich die Bitte zu wiederholen, mir, wenn es Ihre Zeit erlauben sollte, durch ein Paar Zeilen gelegentlich Nachricht von Ihnen zukommen zu lassen, damit eine der schönsten Hoffnungen meines Lebens mir bleibt, doch noch dereinst Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und dann bereits eine befreundete Erinnerung in Ihrer Seele zu finden.
Empfangen Sie nochmals die Versicherung meiner innigsten Verehrung und tiefgefühlten Hochachtung, mit der ich verharre
Ihr
ganz ergebenster
H. Ulrici, Dr.
Ungher-Sabatier, Caroline.
Das war ein üppiger Frühling voll süßer Blüthen und Töne, da in der Kaiserstadt Rossini seine Opern mit den besten Sängern gab; da Lablache, Ambrogi, Donyelli, David, Rubini, die Fodor-Mainville in voller Jugendkraft schwelgten; da Carl Maria kam, die Euryanthe mit Therese Grünbaum, Forti, Haizinger, Henriette Sontag zu studiren; da Caroline Ungher ihre ersten Triumphe als „Libussa“ feierte...! Auch dieser Frühling mußte scheiden, und seine Sänger verflogen sich über Land und Meer. — Sechzehn Jahre später begegnen wir Frau Ungher-Sabatier, die Gattin eines französischen Publicisten, wie sie auf ihrer Kunstreise auch Dresden berührt, und durch dramatische Wahrheit ihrer Gesangs- und Darstellungs-Kunst sich Tieck’s Anerkennung gewinnt. — Dies Briefchen zeigt, wie sehr die geistreiche Frau zu würdigen wußte, was ihr Talent sich errungen.
Linz, am 22. August 1839.
Mein verehrter Freund!
Sie sehen, daß es mir unmöglich wird so lange zu harren, als meine Reise dauert, um den ersehnten versprochenen lieben Brief zu erhalten, der meine schönste Krone seyn soll, welche mir als Künstlerin wird, und ein liebes Pfand Ihrer mir so unendlich werthen Freundschaft.
Die schönen Tage in Aranjuez sind vorüber —! o! zögern Sie nicht lange mit dem lieben Briefe, wenn ich Sie nicht hören kann, so will ich Sie doch lesen, um so mehr als ich hoffen darf, Sie werden mich recht strenge zurechtweisen.
Der liebenswürdigen Frau Gräfin meinen dankbarsten Gruß für alle Freundlichkeit, so auch Ihrer lieben Familie; wenn Sie recht schnelle schreiben, so kann ich in Wien die Antwort bekommen und dies wäre mir sehr lieb, da ich in Wien recht liebe Freunde habe, die mein Schatz wie mich selbst erfreuen würde. Wollen Sie so gütig seyn, Baron Lüttichau mich zu empfehlen? Tausend Herzensdank noch für die schönen Stunden, die ich in Ihrem Hause verlebte. Die Erinnerung wird nie aus meinem Herzen entschwinden.
Ihre
ergebenste
Caroline Ungher.
Vaerst, Eugen, Baron.
Geb. am 10. April 1792 zu Wesel, gest. im Jahre 185? auf Gut Herrendorf bei Soldin.
Nach Beendigung der Feldzüge von 13–15, die er tapfer mitgemacht, trat er als Hauptmann aus den preuß. Garden und führte lange ein, von tausenderlei sich durchkreuzenden Plänen und Unternehmungen, bewegtes Dasein. Verschiedene Ziele verfolgend, schien er bisweilen die fabelhaften Abenteurer zum Vorbild nehmen zu wollen, die gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zahlreich aufgetreten; dann wieder widmete er sich ernstlich schön-wissenschaftlichen Studien, schmiedete Sonette nach strengster Form, und ging ausschließlich mit Gelehrten, Dichtern und Künstlern um; dazwischen spielte er, unter glänzenden Auspicien, an der Pariser Börse und gewann bedeutende Kapitalien; dann abermals durch politische Rückschläge dieses Gewinnstes beraubt, ergriff er das alte Waffenhandwerk, begeisterte sich für’s katholisch-monarchische Princip und unternahm einen Ritterzug zu Don Carlos nach Spanien — nicht um dort als Marquis Posa aufzutreten, sondern um einen strahlenden Ordensstern heimzubringen. Schon bei Karl Schall’s Lebzeiten hatte er diesem das Erbrecht an die „Breslauer Zeitung“ abgekauft. Es bedurfte aber vieler Bemühungen seinerseits, und mancher einflußreicher Protektionen, bis er, nach Schall’s Tode die Concession auf seinen Namen erhielt. Hier zeigten sich nun Vaerst’s praktische Talente. Er lernte bald diese bisher vernachlässigte Unternehmung zu einer sehr lukrativen machen; und entfaltete noch regeren Spekulationsgeist, wie er späterhin das neuerbaute Breslauer Theater in Pacht nahm. Etwas Anderes wie Spekulationen sind ihm beide Institute nicht gewesen, und was er in den Briefen an Tieck über Heranbildung des Publikums spricht, dürfte er während des Schreibens spöttisch belächelt haben. Seinen Zweck erreichte er, ward ein wohlhabender, folglich angesehener Mann, gab seine Diners, verkehrte mit Aristokratie und haute finance — sollte aber sein Glück nicht genießen, denn er verfiel einem furchtbaren Rückenleiden, welches ihn mit langsam-tödtenden Qualen in’s Grab gemartert hat. Es fehlte ihm weder an Lobern noch an Tadlern. Uns wollte immer dünken: „Die Welt“ — was man so nennt — habe seinen Geist auf Kosten seines Herzens zu viel gelobt; und er selbst war eitel auf dergleichen tadelndes Lob. Wer für seine Verwandte, besonders aber für seine Mutter thut, was Vaerst mit kindlich treuer Ausdauer gethan, auch in Epochen eigenen Mangels; wer sich und seiner höchst sensuellen Natur jeglichen Ueberfluß versagt, und lieber selbst darbt, als es der Mutter am Geringsten fehlen läßt,... der hat ein Herz, und dem sitzt es auf dem rechten Flecke. Im Uebrigen .... er hat endlich abgebüßt, was er sonst verschuldet haben könnte; denn die Vehemenz seiner Leiden wird nur durch die lange Dauer derselben überboten.
Unter dem Autornamen Peter Lelly hat er Mancherlei gedichtet und sonst geschrieben. Am bekanntesten wurden die größeren Werke: Cavalierperspektive (1836.) — Die Pyrenäen, 2 Bde. (1847.) — Gastrosophie, 2 Bde. (1852).
Wie das letzte dieser Bücher, welches fast nur aus sublimirten Küchenzetteln und kompilatorischen Raisonnements über Feinschmeckerei besteht, auf solchem Kranken- und zehnjährigem Sterbe-Lager gemacht und diktirt werden mochte?... das zu erläutern geht über unsere Kräfte.