IV.

Leipzig, 28 März 1833.

Mein verehrter Freund!

Nicht ohne einigen Neid lasse ich Ihnen dies Blatt durch X. Marmier aus Besançon reichen, um ihn bei Ihnen einzuführen, den er durch seine Werke und durch mich lieben und verehren gelernt hat. Er will deutschen Sinn und deutsche Art kennen lernen, und ist vermöge seiner Landesart und Jugend empfänglich. Gönnen Sie ihm also immer, Ihr Bild mit sich in die Heimat zu nehmen, wo es ja jetzt immer willkommener wird! Gönnen Sie ihm während seines Aufenthalts Abende wie mir und Andern, manchmal weniger Würdigen! H. Brockhaus und von Raumer, die ihm, wie ich höre, vorangehen, kennen ihn auch, und was seinen Creditbriefen fehlt, mag er durch sich selbst ergänzen.

Nun habe ich beinahe 3 Jahr Stadt und Zimmer gehütet, und wie die Frühlingssonne in meine Fenster hereinlächelt, gemahne ich mich wie ein Schmetterling, der eben die Puppe gesprengt hat und mälich die feuchten Flügel wie Pflanzenblätter entfaltet. Ob ich nun diesen Sommer einmal zu Ihnen fliegen werde können, wollen wir sehen. Lust und Trieb habe ich, und heilsam möcht’ es wol auch seyn. So mancher ist, seitdem wir uns nicht sahen, heimgegangen, vielbetrauert, wie unser Goethe, mein treuer Oppel und wie Mancher noch! Mein lieber Quandt besucht Leipzig nicht mehr. Da muß man denn von Erinnerungen leben. Erinnerungen aber, wie schön und lieb sie seyn mögen, bleiben doch nur Hintergrund und helldunkel im Lebensgemälde. Hauptlicht und Ton muß doch die Gegenwart geben. Das Nachdunkeln bleibt ohnehin nicht aus. Glücks genug, wenn wir indessen durch der Freunde Werke und Thaten es auffrischen! So habe ich gelebt und lebe ich. Mit den Jahren und den Scherereien der Zeit und Welt wächst mir aber doch eine wahrhaft heidnische Leidenschaft und Entzückung für das Licht, und so kommt man über gar Manches hinaus. Es bleibt doch dabei, daß wir unverwüstlich sind, wenn wir nur wollen.

So viel genügt als Lebenszeichen und mithin auch als Liebeszeichen. Von Angesicht zu Angesicht sagt und macht sich freilich Alles anders und besser, als auf dem leidigen Lumpenfelde. Darum will ich hoffen und mit herzlichen Grüßen an all die Ihrigen schließen.

Unverändert

Ihr

Adolf Wagner.

(Der letzte Brief an Tieck, wenig Monate vor W.’s Tode, schon mit unsicherer Hand geschrieben.)


Weber, Gottfried.

Geb. am 1. März 1779 zu Fraunsheim in Rheinbayern, gestorben am 21. September 1839 zu Kreuznach.

Versuch einer geordneten Theorie der Tonsetzkunst, 2 Bde. (1817.) — Allgemeine Musiklehre (in 3ter Auflage 1833.) — u. a. W.

Als Staatsprokurator in Darmstadt angestellt, redigirte er, durch Amtsgeschäfte unbehindert, fortwährend seine musikalische Zeitschrift Cäcilia, und stand im vertrautesten Verkehr mit den edlen Familien, die das dortige Leben geistig schmückten. Sein Haus, eine Heimath der Töne, war auch der Poesie offen; für alles Gute und Schöne gab es dort empfängliches Verständniß. Nicht frei von hypochondrischen Launen, ging er alsbald in Freudigkeit auf, wenn die rechten Saiten angeschlagen wurden. Dann liebte er auch zu erzählen von seinem Namensvetter Karl Maria, von Meyerbeer und ihrem gemeinsamen Lehrer, dem Abbé Vogler. Seine Gattin, Mutter lustiger Kinder, sang reizende Duetten mit ihm, die er auf der Guitarre begleitete. In solchen Stunden war nichts vom Staatsprokurator an ihm zu entdecken.

Darmstadt, den 21. Dec. 1828.

Verehrtester Herr Hofrath.

Mahnbriefe von alten Gläubigern erscheinen nie willkommen, und verdrüßlich werden also auch Sie meinen gegenwärtigen Brief empfangen, welcher sogar dummdreist genug ist, sich gleich von vorne herein geradezu als einen Mahnbrief anzukündigen, statt wenigstens glimpflich hinten herum zu kommen.

Aber da hilft nun einmal Alles nicht, Verehrtester, ich bin in meiner Eigenschaft als Vormund eines braven deutschen Mädchens, obhabender Pflichten halber, nun einmal genöthigt, Sie als deren Schuldner in Anspruch zu nehmen, und alles Ernstes zu mahnen, Sich der, gegen dieselbe übernommenen Verbindlichkeiten ohne weitere Zahlungs-Saumsal zu entledigen. Wie? — oder meinen Sie denn etwa, Herr! — meinen Sie denn, meine arme, durch ihre langjährige unerhörte Liebe zu Ihnen nur schon allzu unglücklich gemachte Cäcilia, nachdem sie erst lange um eine Gunstbezeugung von Ihnen geworben und endlich mit gebrochenem, blutendem Herzen ihren großen Schmerz in den innersten Busen verschlossen und auf die schönste ihrer Hoffnungen resignirt hatte, durch ihre jüngsthierigen freundlichen Blicke aber wieder zu neuen Hoffnungen berechtigt worden war, — meinen Sie denn, Herr! Herr!! das arme Mädchen werde die neugeweckte Liebespein ohne reelle Erhörung, auch jetzt wieder zu ertragen vermögen? Wollen Sie zum Mörder der Unglücklichen werden? Sie Felsenherz!

Ich will Ihnen, lieber Verehrtester, nicht weiter die Zeit lang machen mit Redensarten, sondern recht freundlich bitten: Sie waren bei Ihrer hiesigen Anwesenheit so gütig, mir Ihre Mitwirkung zur Cäcilia zu versprechen: lösen Sie diese freundliche Zusage doch auch bald ein, und lassen Sie sich das hier beiliegende Anschreiben der Verlaghandlung empfohlen sein. Was Sie immer senden wollen, wird dankbar erkannt werden, wäre es auch nur eine Hand voll Gedankenspähne. Daß es durchaus nicht gerade eine Abhandlung über einen musikalischen Gegenstand zu sein braucht, versteht sich ohnehin. Aeußerst erfreulich würden unter Anderem auch etwa eine oder ein Paar Novellen sein, wenn auch nur etwa grade so viel von Musik darin vorkommt, als z. B. in Ihrer vor mir liegenden Novelle: „Glück bringt Verstand“ von der Freimaurerei, oder in: „Der 19. November“ von Schiffbaukunst, oder in beiden von Katzen vorkommt.

Daß die Verlaghandlung das von Ihnen bestimmt werdende Honorar mit Vergnügen leisten wird, habe ich bereits die Ehre gehabt, Ihnen im Voraus zu versichern. Seien Sie nun, verehrtester Herr, so freundlich und lassen uns nicht noch länger auf dem spurlosen Meere der Hoffnungen und Erwartungen herumtreiben.

Möge die Rheinreise Ihr Wohlbefinden haltbar gefördert und wir Hoffnung haben, Sie bald wieder bei uns zu sehen. Lassen Sie mich mit meiner Frau Ihnen und den verehrten Ihrigen empfohlen sein, und genehmigen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung

Ihr

gehorsamster Diener

Weber.


Welcker, Friedrich Gottlieb.

Geb. am 4. Nov. 1784 zu Grünberg im Großherzogthum Hessen, seit 1819 Professor der Philologie an der Universität Bonn.

Hervorragender Alterthumsforscher; vorzüglich berühmt durch seine Schriften über die griechische Tragödie, hauptsächlich über die Aeschyleische Trilogie. — Siehe diese Briefchen.