VIII.
Dresden, Montag Abends,
nach 10 Uhr.
Mein liebster, mein bester Tieck!
O Wehe! da bin ich wieder von Dir gerissen, und muß mich in Gesellschaften herumtreiben, die gegen die Deine so sehr abstechen, wie — die schöne Venus, die ich heute im Antikensaale gesehen habe, gegen den Kerl im Leipziger Garten, der mit dem Schlag 15 sich den Dolch in die Schulter stieß!!
Dresden ist eine köstliche Stadt, aber doch muß ich in dieser Gesellschaft mich hüten, mich nicht zuweilen von unbehaglichen Empfindungen betreffen zu lassen, die das Fremde, Unvertrauliche eines noch ungewohnten Ortes, wo man nicht zu Hause ist, einflößt. Dich am Arm, — so wär’ ich selbst in Kalifornien nicht fremd.
Ich werde nicht die heiligen 7 Tage vergessen, die ich mit Dir verlebt habe! Empfange meinen feurigsten Dank für Deine Freundschaft, mein zärtlich geliebter Tieck!
Sonnabend, als wir Abschied nahmen, war mir natürlich sehr fatal. Wir aßen Mittag in Hubertsburg, wo ein altes und ein neueres Schloß sich gut präsentiren; und Abends in Meißen (10 Meilen von Leipzig). Gestern früh besahen wir hier auf dem Berge den Dom und bestiegen seinen Thurm, der von oben eine göttliche Aussicht hat. Der ganze Berg liegt äußerst malerisch. Der Weg von Meißen bis Dresden (3 Meilen) verdient das Lob, das ihm jeder giebt. Er zieht sich beständig längs den gelben Fluthen der Elbe hinunter und wird immer von grünen Weinbergen begleitet, aus denen tausend kleine weiße Häuser, Thürmchen u. s. w. hervorglänzen. Ich genoß diese Schönheiten in stummer Stille, und hegte allerhand poetische Empfindungen dabey.
Die Aussicht von der Dresdner Brücke ist fast dieselbe, und daher mitten in der Stadt von unschätzbarem Werth. Gestern Abend haben wir die ziemlich schlechte Secondasche Truppe gesehen, wie sie Liebhaber und Nebenbuhler in Einer Person, aufführte. Herr Kordemann (vermuthlich der Berliner) spielte den verkleideten Ritter. Heut früh haben wir die Antikensammlung, die nächst der Kapitolinischen, Vatikanischen und Florentinischen die erste in der Welt ist, und heut Nachmittag die Bildergallerie besehen, doch so, daß ich bey beyden kaum Zeit hatte, einige wenige der vorzüglichsten Stücke nur flüchtig anzusehn. Gehts irgend an, seh’ ich beydes noch einmal.
Sonntag oder Montag früh reisen wir weg. Dienstag oder Mittwoch sind wir in Berlin. O dann komm doch so bald als möglich!! Bin ich in Berlin, so schreib’ ich Dir gleich. Schreib Du, je ehr je lieber!
Bleib gesund: grüße Burgsdorf, Reichardts, und — die Giebichensteiner Felsen. Lebe wohl Du Theurer: Dein Bild steht mir ewig vor der Seele; und die 7 Tage, besonders den in Wörlitz, vergesse ich nie.
Es wird mir schwer, mich von Dir zu trennen, aber die Zeit will’s! Leb wohl.
Ewig
Dein Dich liebender
W. H. Wackenroder.
In Berlin erzählen wir uns noch viel. Da hörst Du noch alles von Dresden.