IX.

Novb. 92, Sonnabend Vormittag.

Mein geliebter Tieck.

Daß Du mir nicht sobald schreiben würdest, habe ich wohl gedacht, ich freue mich nur, daß ich nun höre, daß Du gesund und auf Deiner Reise vergnügt gewesen und jetzt mit Göttingen so zufrieden bist. Ich kannte aber in der That kaum mehr Deine Hand auf dem Kouvert, als ich den Brief bekam; so lange hab’ ich nichts von Dir gesehn. Indeß vermied ich, mit Aengstlichkeit an Dich zu denken; und ich bin nun nur vergnügt, daß ich mir Dich in Göttingen gesund und wohl vorstellen kann. Ich bin gesund gewesen, und habe mancherley Zerstreuungen gehabt. Bernhardi und Rambach, (beiden hab’ ich zu ihrer Freude Deinen Gruß bestellt,) grüßen wieder und hoffen auf Briefe. Bernhardi hab’ ich wenig sehn können bis itzt; aber Mittwochs sind wir mehrmals zusammen in ein Konzert gegangen, wo ich mich abbonnirt habe, haben uns zusammen in einen Winkel gestellt oder gesetzt, und Gutes und Schlechtes nicht nur angehört, sondern auch, wie Du denken kannst, vom Grund des Herzens bewundert, bekritisirt, bedisputirt, belacht und bespottet. Ich glaube, hätten wir unsern Willen, so würde Er gleich ein Baumeister, aus Liebe zur Kunst, ich ein Musiker, — wenigstens auf einige Monathe lang. Rambach hat mir neulich Etwas aus seinen Syrakusern vorgelesen. Bernhardi und ich finden, daß er hierin seinem Styl eine Vollendung und seinen Gedanken und Empfindungen eine Würde und Wahrheit gegeben hat, die er bey seinen vorigen Fabrikwaaren, aus leidigem Zwange, verläugnen mußte. Er selbst gesteht, daß er dies mit ungleich mehr Besonnenheit und Ueberlegung geschrieben. Ich habe gesehen, wie viel er vermag.

Es hat mich gefreut, daß Du in Leipzig wieder an mich gedacht hast, aber leid gethan, daß diese Erinnerungen Dich einen Tag trübe gemacht haben. Die Truppe „wobey Herr Kordemann Hauptrollen spielt“ habe ich in Dresden gesehen. (Herr Kordemann machte den Ritter in Liebh. und Nebenb. in Einer Person.) Es ist wahr, daß die Komödianten alle an einer unglücklichen Mittelmäßigkeit oder gar Schlechtheit laboriren. Der Herr Geiling ist im Komischen noch erträglich, aber doch Karrikatur und hat, wie Du an allen wirst bemerkt haben, ein abscheulich häßliches und widriges Gesicht. — N. B. Vorige Woche sind: „Die heimlichen Vermählten,“ die wir in Leipzig mit so vielem Vergnügen sahen, hier aufgeführt — aber — wie Du vielleicht schon zur Ehre und großem Ruhm aller Ohren des Berliner Publikums ahnden wirst, mit großer Gleichgültigkeit aufgenommen. Doch mag das dazu beytragen, daß man hier die Musik nicht mit dem Feuer und der Lebhaftigkeit spielt wie da, (so habe ich gehört, ich habs hier noch nicht sehen können,) vornehmlich aber, daß — Du wirst erschrecken — die Stelle des jungen Menschen, über dessen unnachahmliche Leichtigkeit und Natur und Anmuth in Geberden und Gesang wir uns so freuten, hier von dem steifen, hölzernen Herrn Franz ersetzt wird, der blos — gut singt. Lippert mag jenem Italiäner in affektirten Armschleuderungen nichts nachgeben. Das artige junge Mädchen wird von der M. Müllern gespielt. Die Wittwe ist die Baranius; die andre die Unzelmann. Er, Unzelmann, der den komischen Alten spielt, soll, wie leicht zu erachten, das Stück hier allein noch heben. Heut ist wieder ein neues kleines Lustspiel von Babo, „die Mahler.“

Deine Gasthofs-Arbeit ist freilich im Ganzen nichts Außerordentliches. Aber ich bin dabey auf die Gedanken gekommen, daß ein Mensch, der poetische Natur durch Uebung und Kritik gereinigt und geläutert und gebildet hat, einer, der eine Anna Boleyn schreiben kann, (wenigstens anfangen kann — verstehst Du?) auch in der kleinsten Armseligkeit, die er hinwirft, nicht durchaus, nicht gänzlich sich so herablassen kann, daß kein Funken von seinem Talent erkennbar seyn sollte. Ich habe immer geglaubt, daß der größte Kopf auch einmal, aus hunderterley möglichen Veranlassungen, das fadeste Zeug schreiben kann; allein ich halte dafür, daß auch in diesem elenden Zeuge, immer etwas ist, wär’s auch nur ein Einziges Wort, das im kleinen ein Miniaturbild seines Genies ist, und daß ihm vielleicht so zu sagen wider Wissen und Willen entschlüpft ist. — Die letzte Strophe Deines Gedichts ist recht schön. In den andern ist Manches, was mir nicht gefällt. Schiefes und Queres und Reimzwang. Aber erkläre doch, die (ganz bekannt seyn mögende, mir aber immer etwas räthselhaft gewesene und gebliebene) Phrase: nach Thränen, Seufzern und dergleichen die Stunden zählen! — Uebrigens muß ich Dir in allem Ernst sagen, daß jedes kleine Geschöpf Deiner Muse, es mag so roh seyn als es will, mich doch immer leichter in den poetischen Humor stimmt, als sonst etwas. Aber überhaupt habe ich gemerkt, wenn ich von Dir nichts höre und sehe, — so feiert meine Muse, ich vergesse sie. Ist’s doch, als wäre Dein Geist ein Theil von ihr, als zöge sie aus ihm nur Nahrung, als wäre sie nichts ohne ihn. Es ist mir gar auffallend, daß, sobald ich was von Dir lese oder, noch besser, mit Dir mündlich in das Feld der Poesie hineinschweife, mein Blut sich erwärmt, und ich meine lebhaftern Empfindungen in Rhythmen daher ströhmen zu lassen versucht werde. Jetzt habe ich wenig Zeit; allein sollte ich etwas dichten, so schick’ ichs Dir. Doch zweifle ich, bald.

Viva vox docet, ist ein Sprüchwort, was mir bey sehr vielen Wissenschaften, bey historischen z. B., wenig Kraft zu haben scheint. Aber daß die viva vox eines Freundes nöthig ist, um dem Freunde Geist und Frohsinn in die Adern zu gießen, das fühl’ ich. Täglicher Umgang, wie ich ihn habe, erschlafft und verdirbt. Doch es wird anders werden.

Grüße Burgsdorf von Herzen. Was macht sein Carneval, und Karl und Montmorin?

Bernhardi lachte sehr, als ich ihm Dein Urtheil von Heynens Kollegium sagte: er glaubts gern. Ich? auch! Aber kurios ists um die Fama, dieses großsprecherische Geschöpf mit aufgeblasenen Backen. — Solltest Du in Göttingen einmal den Professor Forkel, der eine Geschichte der Musik, eine musikal. kritische Bibliothek u. s. w. geschrieben, und ein vortrefflicher musikalischer Kritiker ist, kennen lernen, so schreib mir von ihm. Schreib mir doch ja, ob er Kollegia über die Musik itzt liest? Er ist mir ein interessanter Mann.

Ich habe nicht mehr Zeit. Bald mehr. Sey nur hübsch ordentlich im Schreiben. Ja? Schreib recht bald. An mir soll’s nicht fehlen. Leb’ wohl und vergiß mich nicht.

Wackenroder.