X.

Berlin, den 27ten November,
Dienstag, Abends. 1792.

Mein innigstgeliebter Tieck!

Es sieht zuweilen wohl so aus, als wenn ich ohne Dich eine Zeitlang so nothdürftig vergnügt leben könnte; aber im Grunde ists doch nicht wahr, und ich betrüge mich selbst, wenn ich mir so viel zutraue. Du kannst versichert seyn, daß ich in dieser Stunde aus wahrem Bedürfniß an Dich schreibe: es ist mir, um diesen Abend noch mit Ehren und guter Manier zu erleben, so nothwendig, als Dir, etwas Theatralisches zu dichten. Wo sind die schönen Zeiten, da ich keinen Nachmittag oder Vormittag ruhig seyn konnte, wenn ich Dich nicht gesehn hatte; da ich an jedem Tage mit Dir 1 oder 2 Stunden zusammen genoß und unsre Seelen sich einander umarmten? Wie oft strichen wir gegen Mittag, wie oft zur Zeit der untergehenden Sonne im Thiergarten herum, den ich nun wohl über einen Monat nicht gesehn habe! Und wenn wir Abschied nahmen, thaten wir es nie, ohne voraus zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen würden. Einst, da ich Dich an einem Sonntag Nachmittag aufsuchen wollte, lief ich die Stadt herum, suchte vorm Komödienhause und 2 mal vor Deiner Thür, kehrte zurück und gieng in meiner Stube eine halbe Stunde auf und nieder und weinte. O wenn Du wüßtest, ja fühlen könntest, wie diese Thränen für Dich voll Wonne waren! — Aber was hilft mir die freundschaftliche Unfreundlichkeit, Dich an diese Vergangenheiten zu erinnern! Ich war gerade in einer so weichen Stimmung.

Und ich merke, daß ich sie nicht sogleich verliere, weil sie mir so süß ist.

An Rambach und Bernhardi hab’ ich Deinen Gruß bestellt: sie freuten sich sehr darüber. Letzterer hat auch Deinen Brief mit großem Vergnügen gelesen: Er, der einzige, dem ich mich jetzt vertraulich mittheilen, und aus dessen Geist ich Nahrung schöpfen kann (denn bey meiner täglichen Gesellschaft muß er gewöhnlich die Fasten observieren). Er ist auch so gebunden als ich und seine Zeit ist eingeschränkt. Arbeiten fürs Seminarium haben ihn gehindert, daß ich ihn seit einiger Zeit in 8 Tagen etwa nur einmal gesehen habe. —

Aber ich will nicht klagen. Was sind das alles auch für Kleinigkeiten gegen die Zukunft, die mich so unendlich belohnen soll?

Was mit dieser Zukunft zusammenhängt, will ich Dir doch zuerst melden. Der Prediger Schuderoff hat neulich an meinen Vater und mich geschrieben, und auf meine Anfrage mir mit heitrer Miene und freundschaftlichem Händedruck geantwortet, daß er uns beyde mit offenen Armen auf Ostern aufnehmen wolle. Oder vielmehr nach Ostern, denn in den Festtagen selbst ist er mit Predigten u. s. w. so überhäuft, daß er blos für sein Amt leben kann. Mit inniger Freude hat er uns zugleich bekannt gemacht, und mit der wärmsten Theilnehmung haben wir es angehört, daß er im Januar ein herzlich gutes Mädchen aus der Nachbarschaft heirathen wird. Er hat mir mit der lebhaftesten Freude geschrieben, wie er uns mit seiner Künftigen, und mit den herrlichen Gegenden worin er so glücklich lebt, und mit den benachbarten Städten u. s. w. bekannt machen, und uns wohl gar auf den Weg nach Erlangen bringen wolle. Und es ist ihm sehr lieb, Dich zu sehn und zu sprechen, da ich ihm schon mehrmals von Dir erzählt habe, wie das denn natürlich ist. Er kann auch schon recht artig Deinen Namen schreiben. Seiner Braut hat er auch schon gesagt, daß wir kommen würden. Kurz sein Brief ist so voll Zärtlichkeiten, daß ich meiner Hoffnung nicht ein besseres Fest zu geben weiß, als sie auf künftige Ostern hinzuweisen. Ich denke, wir werden dann sehr glückliche Tage haben. —

Sieh einmal, wie ich immer in die Extreme falle! Mit dem Vergangenen fieng ich an! — Ein Sprung, ein paar Zeilen kostet er und ich in der Zukunft. Soll ich einmal wider meine Natur (contra naturam meam et indolem) mich auf die goldene (vielmehr nur vergoldete) Mittelstraße begeben und von der Gegenwart sprechen? — (Von der ich, im Vorbeygehen sey es gesagt, noch diesen Sommer ein merkwürdiges Gegen-Argument aufgefunden, indem ich in dem Dorfe Falkenberg, 1 Meile von Berlin, im herrschaftlichen Garten, eine hölzerne Brücke mit eigenen Augen gesehen, wo die goldene Mittelstraße sicher ins Wasser führte, und man sich nur den Extremen der Seitenpfosten überlassen mußte, um sein Leben zu fristen. Wer weiß, ob bey der berühmten und berufenen Bittermannischen Hünerstall-Brücke die Excellenz nicht blos darum das Malheur gehabt, weil sie jener elenden Schulregel gefolgt ist? Sie sieht mir indolent genug dazu aus, mit allen Phlegmatikern ein Anhänger dieses gemeinen aber nichts weniger als allgemeinen Gemeinplatzes zu seyn. Und, quae cum ita sint, um, Kürze halber, von dem zweifelhaften: Wer weiß, sogleich zur Gewißheit überzuspringen; weil dem also ist, sag’ ich, so ist handgreiflich, daß die verdammte Mittelstraße auch im Drama den größten Schaden anrichtet. Denn wenn die Excellenz nur ein wenig mehr Genie gehabt hätte, so hätte sie sich an die Extremitäten des Seitengeländers gehalten, hätte sich in ihrem Leben nicht so blamirt, den Rock vor dem honorablen Publiko auswässern zu müssen, und, worauf ich hier besonders ziele, hätte nicht die Sünden der Autoren vermehrt durch Hinzufügung des 1000sten schlechten Tragödienplans zu den bereits vorhandenen 999.) Ich will es einmal thun. (Besuche die vorige Seite, wenn Du wissen willst, worauf dies geht.)

Ich weiß aber nicht, wie ich in diesen Ton falle. Es läßt, als sollte dies eine Probe von meinen künftigen witzigen Schriften seyn, zu denen doch, bild’ ich mir ein, in meiner Seele nie ein Embryo lag. Ich thue Dir vielleicht in dem Augenblicke, da Du dies liest, einen sehr schlechten Gefallen damit. Doch Du mißverstehst mich doch nie, und erkennst, als ein rechtschaffner Botaniker, den Grund und Boden auch aus den seltenen Gewächsen (N.B. neulich fand ich in einem alten Musikalienkatalog: „Koncert-Gewächse!!!“), die sich darauf befinden.

Ich wollte von der Gegenwart reden. Dahin gehört, daß ich neulich 2 mal in der Komödie gewesen bin. Zuerst hab’ ich die Räuber gesehen. Fleck strengte sich diesmal sehr an und zeigte sich als ein Genie: vornehmlich in dem ächten Ausdruck der Wuth und in der Natur abgestoßner leidenschaftlicher Interjektionen. Czechtizky, bey dem ein verzerrter Mund, wolfsartig gewiesene Zähne und ein aus dem Hinterhalt hervorglotzendes Auge Universalzeichen für alle Leidenschaften sind, wie er es mit denen, die ihn applaudiren, verabredet zu haben scheint, daß sie es seyn sollen, — verläugnete als Franz, wie man denken kann, sein Charakteristisches weniger als je. Einige Stellen gelangen ihm vielleicht. Aber ich kann nur oberflächlich darüber urtheilen, weil mein Platz mir nicht zuließ, strenge Acht zu geben. Die Herdt als Amalie ist ein Muster zu allem, was zu einem elenden Spiele gehört. Die Räuberscenen werden immer abscheulich, besonders durch Kaselitz, wenn er im Hemde erscheint. Garly spielte den Kosinsky mit sehr gewählten und schön in einander fließenden Gebehrden, die nur noch etwas zu sehr, wie mich dünkt, den gebildeten Hoff-Acquis verriethen. Franz sah als Grimm wie der niederträchtigste und ruppigste Schuhflicker aus; und Berger verdarb eine andre Räuberrolle.

Das zweytemal das ich in der Komödie war, hab’ ich die erste Wiederholung eines hervorgesuchten alten Stückes: Athelstan, nach dem Engl., Trauerspiel in 5 Akten, gesehn. In langer Zeit ist mir kein so plump anfängermäßiges und seichtes, schwaches Stück vorgekommen, wo jedes Wort, jeder Gedanke von der Heerstraße genommen ist (nach Deinem artigen Ausdruck); Du wirst es wohl kennen. Aber was mich entschädigte, war Flecks unendlich schönes Spiel. Sein Athelstan brachte mir seinen König Lear sehr lebhaft ins Gedächtniß. Er griff sich sehr an und traf wieder mit den glücklichsten Gebehrden, mit dem wahrsten Accente des Tons, das Heftige, das Ueberströhmende der Leidenschaft. Es ist mir so erfreulich als überraschend gewesen, ihn 2 mal hintereinander in solchen großen Rollen so glänzen zu sehn. Für’s erstemal kann ich Bernhardi als meinen Zeugen anführen. Berger ist mir übrigens nie unausstehlicher gewesen, wie er mir als König Harold gewesen ist. Keiner als Du kann ihm den verdammt singenden und abgleitenden und ruckweise von pianissimo zum fortissime übergehenden Ton seiner Rede so gut nachahmen. Alles Affektvolle wird durch das Manierirte seiner Sprache verwischt. — Beym Athelstan gebrauchte man zum Füllstein das Milchmädchen oder die beyden Jäger. Ich sah dies kleine Ding, was sich (mit Vorbehalt meiner allemaligen Grundsätze über die Operetten, sey es gesagt) recht artig und nett ausnimmt, zum erstenmale; sah zum erstenmale den Herrn Greibe erstarren, hörte zum erstenmale (mirabile auditu) sein Herz im Leibe knarren. Greibe spielt wirklich sein Komisches mit einer recht edlen Simplicität. Lippert ist oft gemein. Die Baranius hat einige Arien, die mir sehr wohl gefallen haben; wie ich denn überhaupt von der angenehmen, paßlichen und einfachen Musik viel Vergnügen gehabt habe.

Vielleicht hab’ ichs Dir auch noch nicht einmal geschrieben, daß ich auch vor einiger Zeit den Barbier von Sevilla gesehn habe. In der Musik ist viel schönes; Kaselitz und Unzelmann spielen allerliebst; u.s.w. u.s.w. Du bist doch wohl nachgerade so weit gekommen, meine (unmaaßgeblichen) Urtheile suppliren zu können?

So viel von Theaternachrichten. —

Es wird Dich wohl nicht befremden, wenn ich von Schmohls Briefen weiß. Gütiger Himmel, es ist eine traurige Erfahrung, daß sich Menschen so fürchterlich ändern und so räthselhaft werden! Ich mag kein Wort weiter drüber verlieren. Aber das wünschte ich, dazu beytragen zu können, daß Du Dich beruhigest. Du kannst es Dir ja wohl vorstellen, daß Deine liebe gute Schwester Deine Aeltern und sich selbst mit den natürlichsten Gründen gegen jene mir unbegreiflichen Niederträchtigkeiten besänftiget hat. Gottlob daß Du fort aus Halle bist. Schreiben wirst Du ihm doch gewiß wohl nicht. Ich wünsche von ganzer Seele und bitte Dich inniglich, ihn und seine schlechten Streiche so bald als möglich zu vergessen. Ich mag nichts mehr davon sagen, über diesen unerhörten Vorfall. Ich bitte Dich nur, Dich zu beruhigen, lieber Tieck!


Donnerstag, Abends.

Gestern war ich mit Bernhardi in dem Koncert, wie gewöhnlich des Mittwochs. Weil ich da gewöhnlich sehr aufmerksam bin, so ist es mir besonders auffallend, wie müde die Musik mich immer macht: ich fühle es wirklich sehr, wie die Töne, wenn man sie mit ganzer Seele aufnimmt, die Nerven ausdehnen, spannen und erschlaffen.

Bernhardi grüßt Dich herzlich, wird Dir bald antworten und macht sich zu einer recht fleißigen Korrespondenz mit Dir im Winter Hoffnung. Du hast auch an Rambach geschrieben? und an Deine Schwester? Wir wundern uns alle, aber nicht ohne herzliche Freude, über Deine Sorgfalt und Aemsigkeit im Schreiben. Ich höre Du bist so fleißig in G., und lebst vergnügt. Bleib gesund und arbeite nicht zu viel, damit ich Dich auf Ostern wohlauf sehe.

Du glaubst nicht, wie lebhaft ich gestern Abend, am Ende des Konzerts, als ich im Winkel saß, an unsre herrlichen Tage auf der Reise, besonders an den in Wörlitz dachte. Gott was war das für ein Vormittag! Idealischer hab’ ich nie einen erlebt. Erinnerst Du Dich des halben Stündchens, da wir in dem Felsengemache auf den Steinen saßen, und durch die Oeffnung auf den ruhigen Kanal heruntersahn? Wie lachte alles um uns her, wie milde leuchtete die Sonne, und in welch liebliches Blau hatte sich der Himmel gekleidet! Bey allem dem aber bin ich fast überzeugt, daß ich mir diesen Morgen jetzt noch schöner vorstelle, als er in der That war; und ich glaube, daß es mir mit allen meinen vergangenen angenehmen Schicksalen so geht. In der Erinnerung sondert die Phantasie alles Heterogene von selber ab, scheidet alles stillschweigend aus, was nicht in den Hauptcharakter des Bildes gehört und giebt uns für das immer noch mangelhafte individuelle Bild ein Ideal. Noch eigentlicher ist dies das Geschäft der Hoffnung. Ueberhaupt glaub’ ich, daß in der Welt nichts so schön sey, daß man sichs nicht noch schöner vorstellen könnte, und daß also der so gemeine Ausruf bey einer schönen Gegend: man kann sie sich nicht schöner vorstellen, grundfalsch ist. Einen Strauch hingesetzt, wo ein dürrer Fleck, eine Lücke in der Landschaft war; eine hervorstehende Felsmasse, die eine reizende Aussicht verdeckt, weggenommen; und das Ganze gewinnt unter unsrer schöpferischen Hand unendlich. Doch das ist wohl leicht einzusehn.

Neulich hat der Vater von meinem Herrn Vetter geschrieben. Ich kann es ihm nicht verdenken, daß er es etwas übel genommen hat, wenn ich mich von seiner Gesellschaft so entfernt hielt auf der Reise. Doch, einerley. Sein Sohn wird in Erlangen, vermuthlich mit seinem Vetter, der schon da ist, zusammenziehn. An diesen werde ich schreiben, um mir Quartiere für uns, in Einem Hause zu bestellen. Mich dünkt, Du hast mir auch sonst gesagt, lieber in andern Häusern als in Professorhäusern. — Ich wünsche von ganzer Seele, daß Du mich nicht allzu fade wiederfinden mögest. Ich bin sonst jetzt in der schönsten Schule, es zu werden. Aber noch ein Wort über den Umgang mit meiner täglichen Gesellschaft. Ich kann mich noch immer nicht überzeugen, und werde es auch schwerlich, daß man bey dergleichen Leuten seinen Charakter so ganz offen zeigen, und bey jeder Gelegenheit, wenn auch nicht seine ungewöhnlichern Meynungen mit Indiscretion aufdringen, doch sie ganz rund heraussagen müsse, wenn man dazu veranlaßt würde. Meine Meynung ist: sag’ ich so einem Menschen Einen Satz aus meinem System, äußere ich ihm Eine Behauptung aus meinem eigenthümlichen Vorrath von Grundsätzen, so weiß er das ganze System, sieht gleich, daß ich in die Klasse der Sonderlinge gehöre, und ich komme immer in Kollision mit ihm. Sage ich ihm z. B. der oder jener scheint mir fade, so kommt den Augenblick eine Gelegenheit, wo er mit diesem einerley Meynung ist, mit ihm gleich dumm gesprochen hat. Oder man sieht mich immer als einen Menschen an, der alles besser wissen will (wenn ich auch mit aller Bescheidenheit Paradoxa vortrüge, — und ein Paradoxon ists ja selbst, daß — die Hagestolzen schöner sind als Don Juan); man nimmt wohl zuweilen zu meinem Richter-Ausspruch als zu einem Orakel, seine Zuflucht, aber man hält sich auch hinter dem Rücken über mich auf. Ueberdies traue ich mir nicht zu, diese Rolle beständig und ununterbrochen zu spielen: und eine Rolle ist wirklich mein eigener Charakter bey Leuten wie jene; — ich bin zuweilen auch menschliche, sinnlicher, lustiger, gewöhnlicher; was kann mehr auffallen als diese Ungleichheit? Man wird sich ruhig zurückziehn und kalt gegen mich seyn, auch wenn ich mich recht herzlich über das schöne Wetter freue, oder über eine lustige Anekdote vertraulich mitlachen will. Mich dünkt (wenn meine Worte meine Gedanken jetzt im Augenblick auch nicht passend und glücklich genug ausgedrückt haben), Du kannst mir in dieser Sache den traurigen Ruhm mehrerer Erfahrung wohl zugestehn! — Wenn ich Dir nur noch Beyspiele geben könnte. — Aber mir wollen keine beyfallen. Genug, ich kann meinen wahren Charakter nicht ganz zur Schau stellen; ich würde ihn selbst dadurch vielleicht verderben und ihm eine falsche Richtung geben. Ich überdecke also seine vielleicht anstößigen Stellen. Nun aber glaube ja nicht, ums Himmelswillen nicht, daß ich mich so erniedrige, meine Hauptgrundsätze zu verläugnen. Nichts in der Welt ist mir gehässiger und würde mich selbst mehr mit Schaamröthe beziehn, als wenn ich’s auf ähnliche Weise wie ein Musiker in Berlin machte, der, um nicht anzustoßen, in jeder Gesellschaft, wenn man ihn nach Alessandri’s Musik fragte, vortrefflich, vortrefflich antwortete, ohne ihn je innerlich leiden zu können. Meine Universalmedicin, mein Arkanum, was ich schon so unendlich oft in so unendlich mannigfaltigen Fällen mit Vortheil angewandt habe, ist — das Schweigen, oder auch, was fast eben so viel ist, eine ganz allgemeine, ganz unbestimmte, ganz unbefriedigende Erklärung, die eigentlich die Antwort mehr von sich ablehnt, als wirklich antwortet. Auch hinter spitzfindige Zweydeutigkeiten versteck’ ich mich nicht gern. Folgt’ ich nicht diesen meinen Regeln, so würde ich (Du kannst wirklich das nicht so ganz einsehen als ich) jeden Moment anstoßen. Langeweile, schlechte Gesellschaft, Geschmacklosigkeit, und wer zählt alle die Gegenstände die bey solchen Herren im Gespräch anzüglich seyn können? Du sagst sehr richtig, daß ich mich vor ihnen nicht zu zwingen und zu geniren brauche. Aber was hilfts mir, Streit und mißvergnügte Stunden zu haben? Ich sehe kein ander Mittel, als mich ihnen (hoffentlich weißt Du nun in welcher Hinsicht) etwas zu nähern. — Freilich kann ich nicht läugnen, daß ich mich zuweilen wohl etwas zu weit erniedrige, nur um durch einen Einfall sie zu amusiren und mich vor der Langeweile zu bewahren; allein welche Uebereilung, welche Schwachheit wäre in einer mühseligen Prüfungszeit von 365 Tagen und noch halb 365 Tagen, nicht verzeihlich? Und versichern kann ich auch, daß ich wohl öfter noch, auf der andern Seite, etwas zu sehr in die mir natürliche Hitze komme, wenn ich sehe, daß man gar zu albern spricht und urtheilt. Doch schweig’ ich bald, so gern, so sehr gern ich auch oft meine Leidenschaft ausließe (Du kennst mich). Beide Extreme mußt Dir aber nicht zu übertrieben vorstellen. (Doch, abermals: Du kennst mich; — ich habe ganz aufrichtig geschrieben, wenn auch nicht immer mit den passendsten Worten.) Was meynst Du nun?

Rambach, der mir heut wieder eine vortreffliche Stelle aus seinen Syrakusern (Ist: Hiero und seine Familie genannt) vorgelesen hat (Bernhardi, mit mir, haltens für sein vollendetstes Werk), fragte mich heut auch, ob ich nichts für mich schriebe? Ich habe keine lebendige Aufmunterung; die Hälfte meiner Seele ist von mir gerissen! Und meine Zeit wird von oft nicht würdigen Dingen und Zerstreuungen besetzt. Ach! die Jurisprudenz! Wann werde ich mich überwinden können, nur mein Gedächtniß mit der Terminologie, Definition, Distinktion u. s. w. zu bemühen! Was ist das Römische Recht für ein seltsam Gewebe von Worten und Worten und Worten, womit die einfachsten Sachen umsponnen sind! Und was führt ein Richter für ein Amt! Eine Begebenheit, die Herzen zersprengen und Köpfe wahnsinnig machen kann, eine Sache der Leidenschaft, der menschlichen Seele, wie sieht er sie an? Er sucht unter den verschiedenen barbarischen Namen, welche die Römer den Klagen gegeben haben, den aus, der für den Fall paßt; und nun wird das Uhrwerk aufgezogen; es geht seinen Gang und läuft ab. Es ist grade so, als wenn der Knabe, der rechnen lernt, auf seinem schematisch aufgesetzten Einmal Eins oben 4 an der Seite 5 aufsucht, und mit beyden Fingern zusammenfährt, bis er auf 20 trifft. Ehe diese Sache zu Ende ist, sind schon 100 neue eingelaufen: das Räderwerk geht immer und ewig, — jene Menschen trotzen aller menschlichen Empfindung, nähren sich von Blut und Thränen; — o man kann sich das Bild sehr schrecklich machen! — Aber freilich sprech ich wohl etwas einseitig. Ich selbst indeß mag nie Richter, nie ein großer Jurist seyn. — —

Du bist von mir immer das aufrichtigste Urtheil gewohnt gewesen. Dies und nichts mehr mag die Einleitung dazu seyn, daß ich Dir gestehe, in Deinem Adalbert und Emma, das ich heut Abend durchgelesen habe, wenig Vortreffliches gefunden zu haben. Das meiste ist (ich spreche immer von Dir, und in Vergleichung mit dem was Du vermagst) sehr gewöhnlich, und trägt die deutlichsten Spuren der Flüchtigkeit an sich. Warum müssen doch Leute wie Du, so schnell schreiben! Die Züge, die Du an 10 verschiedenen Orten unter 100 weniger schönen hinwirfst, könnten, zusammengestellt, Meisterstücke geben! Wenn doch mehr vollkommene, wenigstens mehr ausgearbeitete Werke erschienen. — Doch dies paßt hier nicht. — Im Ganzen bleib’ ich hartnäckig bey meinen Gedanken, daß das Charakteristische des Ritterkostums im ganzen Geiste nicht so recht dargestellt ist. Aber darüber ein andermal. Dann kommts mir so vor, als wenn nicht die einzelnen Umstände unter Deiner Hand sich Dir dargeboten und sich zu Deinem Zwecke hingeneigt hätten, sondern, als wenn Du sie immer selbst hättest zusammenholen und zum Ziele bringen müssen. Ich meyne, man sieht zu sehr immer das Bedürfniß des Verfassers; es ist alles zu schwach. Auch sind Deine Schilderungen Dir zu häufig entfahren. Ich könnte Dir viel Belege und Beyspiele zeigen, aber das ist zu weitläuftig. Die Schilderung, wie Emma ihren Adalbert nach und nach vergißt, und Friedrich hingegen das Gegentheil, ist sehr gut. Aber dadurch daß Emma nachher gleich zwischen Wilhelm, den sie zum erstenmale sieht, und Adalbert, einen ehemaligen wahren Geliebten, dessen Gedächtniß in ihrer Seele schlummert, gleich eine so grelle Vergleichung anstellt, ist höchst widrig. Die einzige ächt genievolle Stelle, die mir sich aufgedrungen hat, ist die Schilderung von Adalbert’s Hinreiten zur Friedens-Burg, am Ende: diese ist sehr erschütternd. Die Idee in den letzten Versen am Ende ist sehr artig. Die Stelle: Als er am Morgen aufwachte, war Adalbert und sein Versprechen, sein Erster Gedanke: ist ganz aus der menschlichen Seele geschöpft.

Sonnabend. Gestern Abend hab’ ich Deiner Schwester den neuen Theil des Stücks ganz vorgelesen und mich über ihre Urtheile sehr gefreut. Sie stimmten fast durchaus mit den meinigen überein. Sie sagte sehr richtig bey jener widrigen Stelle: Eine neue heftige Leidenschaft verlischt gänzlich die Erinnerung der alten. In Löwenaus Entschuldigung vor sich selbst sind auch viel wahre und schöne Stellen, nur zerstreut.

Meinen herzlichen Gruß an Deinen Burgsdorf. Wißmann läßt Dich grüßen. Ich freue mich unendlich auf Ostern und auf die Zeit nach Ostern! Ich bestelle Dir noch eine Stube und eine Kammer? — Schreib mir bald, mein liebster, einziger Tieck und bleib’ gesund.

W. H. Wackenroder.