Ludwig Tieck’s
Schriften.
Vierter Band.
Phantasus
Erster Theil.
Berlin,
bei G. Reimer,
1828.
An den
Dr. und Prof. Schleiermacher
in Berlin.
Gern erinnere ich mich der Jugendzeit, als wir uns nahe waren und uns oft bei gemeinschaftlichen Freunden trafen. Mögen Sie in ernsten Forschungen und Geschäften vertieft nicht diese luftigen Gaben der Phantasie verschmähen, sondern sich noch eben so gern, wie ehemals, durch sie erheitern.
L. Tieck.
Inhalt (hinzugefügt):
[Einleitung]
[Phantasus]
[Der blonde Eckbert]
[Der getreue Eckart]
[Der Runenberg]
[Liebeszauber]
[Die schöne Magelone]
[Die Elfen]
[Der Pokal]
Weitere Anmerkungen zur Transkription [am Ende des Buches].
An
A. W. Schlegel.
(Anstatt einer Vorrede.)
Es war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich Dich und Deinen Bruder Friedrich zuerst kennen lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und uns in mannichfaltigen Bestrebungen begegneten. Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen Jahren getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und eben so später in Wien und München, und fortdauernde Krankheit hielt mich ab, Dich an dem Orte Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte nur im Geist und in der Erinnerung mit Dir leben.
Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war ich schon seit einiger Zeit entschlossen, meine jugendlichen Versuche, die sich zerstreut haben, zu sammeln, diejenigen hinzuzufügen, welche bis jezt noch ungedruckt waren, und andre zu vollenden und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren angefangen, oder entworfen hatte. Diese Mährchen, Schauspiele und Erzählungen, welche alle eine frühere Periode meines Lebens charakterisiren, vereinigt durch mannichfaltige Gespräche gleichgesinnter Freunde über Kunst und Literatur, machen den Inhalt dieses Buches. Manches, was ich in diesen Dialogen nur flüchtig berühren konnte, werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen und auszuführen suchen. Diejenigen Dichtungen, welche schon bekannt gemacht waren, erscheinen hier mit Verbesserungen, und in der Summe der sieben verschiedenen Abtheilungen wird man eben so viele neue, als in den Volksmährchen, oder anderswo schon abgedruckte, antreffen. Die größeren Werke, wie der Zerbino oder die Genoveva schließen sich von dieser Sammlung aus.
Es war meine Absicht, meinen Freunden diese Spiele der Phantasie, die sie früher schon gütig aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt vorzulegen. Du warst unter diesen einer der ersten, die mein Talent erhoben und ermunterten, Dein männlich heiterer Sinn findet auch im Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit und gründliche Forschung durch Anmuth belebt: Du wirst gütig diese Blätter aufnehmen, die das Bild voriger Zeit und Deines Freundes in dir erneuern.
Einleitung.
1811.
Dieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich lebhaft an einen der schönsten Tage meines Lebens. In der heitersten Sommerszeit hatte ich die Fahrt über den Lago maggiore gemacht und die Borromäischen Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See ritt ich dann mit dem frühsten Morgen nach Belinzona, das mit seinen Zinnen und Thürmen auf Hügeln und im engen Thal ganz alterthümlich sich darstellt, und uns alte Sagen und Geschichten wunderlich vergegenwärtigt, und von dort reisete ich am Nachmittage ab, um am folgenden Tage den Weg über den Sankt Gotthard anzutreten. Am Fuße dieses Berges liegt äußerst anmuthig Giarnito, und einige Stunden vorher führt dich der Weg durch das reizendste Thal, in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste wechselt, und von allen Bergen große und kleine Wasserfälle klingend und wie musizirend niedertanzen; immer enger rücken die Felsen zusammen, je mehr du dich dem Orte näherst, und endlich ziehn sich Weinlauben über dir hinweg von Berg zu Berg, und verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick des Himmels. Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim Sternenglanz, den mir die grünen Lauben oft verhüllten, rauschten näher und vertraulicher die Wasserfälle, die sich in mannigfachen Krümmungen Wege durch das frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das Echo, das unsere Reden und den Hufschlag der Pferde wiederholte, das Flüstern der Lauben, das Rauschen der Bäume, das Brausen und Tönen der Wasser, die wie in Freundschaft und Zorn abwechselnd näher und ferner schwazten und zankten, vom Bellen wachsamer Hunde aus verschiedenen Richtungen unterbrochen, machten diesen Abend, indem noch die grünenden Borromäischen Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend und träumend in mir wiederholt. Und — wie ich sagte — dieses romantische Gebirge hier erinnert mich lebhaft an den Genuß jener schönen Tage.
Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie etwas von deinen Reisen deinen nahen und fernen Freunden öffentlich mittheilen wollen?
Nenn’ es, antwortete jener, Trägheit, Zaghaftigkeit, oder wie du willst: vielleicht auch rührt es von einem einseitigen, zu weit getriebenen Abscheu gegen die meisten Reisebeschreibungen ähnlicher Art her, die mir bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir ein ganz andres Bild einer solchen Beschreibung vor; den ältern, unästhetischen lasse ich ihren Werth: doch jene, in denen Natur und Kunst und Völker aller Art, nebst Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der witzig-philosophischen Eitelkeit des Schriftstellers, wie Affen zum Tanze, aufgeführt werden, der sich in jedem Augenblick nicht genug darüber verwundern kann, daß er es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth beschreibt, und der so weltbürgerlich sich mit allen diesen Thorheiten einläßt; o, sie sind mir von je so widerlich gewesen, daß die Furcht, in ihre Reihe gestellt, oder gar unvermerkt bei ähnlicher Beschäftigung ihnen verwandt zu werden, mich von jedem Versuche einer öffentlichen Mittheilung abgeschreckt hat.
Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so schlichte und unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht der Dinge, daß ich mir wohl nach Art eines Gedichtes die Beschreibung eines Landes, oder einer Reise, denken kann.
Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern sich auch diesem Bilde, und es verhält sich ohne Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst zu reisen selbst. Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden von allem Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder bemerken es durchaus gar nicht. Wie glücklich, wem es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne Länder zu machen, dann tritt ihm alles so natürlich und wahr, so vertraut wie Geschwister, entgegen, er bemerkt und lernt, ohne es zu wissen, seine stille Begeisterung umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit freundlichem Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält die Heimath nachher den Reiz des Fremden, er versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger Gegenstände wird ihm ein Sinn für Richtigkeit. So war es wohl gemeint, wenn man sonst junge Edelleute nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn ihm das Fremde nicht mehr fremd ist.
An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten, sagte Theodor, wenn du mir auch unaufhörlich vorwirfst, daß ich meine Reisen, wie das Leben selbst, zu leichtsinnig nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach der Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, und sehr oft ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände, als um irgend eine Belehrung zu thun.
Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen, fuhr Ernst fort, ist jene, wenn die Reise selbst sich in eine andächtige Wallfahrt verwandelt, wenn die jugendliche Neugier und die scharfe Lust an fremden Gegenständen schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit Kenntniß und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen und Grabmäler der Vorzeit tritt, die Natur und Kunst wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums begrüßt, auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt und Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde zerfließen.
Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen, unterbrach ihn Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften Leute, verbindet so widerwärtige Begriffe mit dem Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit einem frohen Spielkameraden; eure Sammlung, euer tiefes Eindringen sehr häufig eine unermeßliche Ferne. Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall du einmal deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen solltest.
Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt und mich kennen gelernt hatte, war ich mit meiner Erziehung, so wie mit allem Unterricht, den ich erfuhr, herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig sei, oder erwähnte es zuweilen nur, um mit hochmüthigem Verhöhnen das zu erniedrigen, was selbst in dieser Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber suchte ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum Trotz und ihrer falschen Bildung, alles als ein Befreundetes und Verwandtes auf, was mir meine Bücher und Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf meinem ersten Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, begeisterte mich an den Denkmalen einer längst verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten und Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und stand bald unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche Alterthümlichkeit, indem ich ihr Nichtbegreifen nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß allen andern der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis zum Schmerzhaften erregten und rührten.
Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals mit deiner Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher Kauz, und ich erinnere mich noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort wieder aufgesucht hatte, und für alles Nützliche, Neue, Fabrikartige fast fantastisch begeistert war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth führte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen und allen klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft schwelgte, und deine Gleichgültigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast für schlechten Herzens erklärt hätte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: endlich, bei den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder auf, es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit hattest, dir die Pergamentblätter zeigen zu lassen, die zur Arbeit gebraucht werden; du bedauertest zu seinem Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen Gedichtes zu entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer kein Blättchen Goldschaum aufgeopfert hätte.
Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden denken und sich auf mannigfaltige Weise interessiren, doch war die ganze Welt damals zu einseitig auf ein Interesse hingespannt, das seitdem auch schon mehr und mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika von Fürth konnte mir freilich wohl neben dem altbürgerlichen, germanischen, kunstvollen Nürnberg nicht gefallen, und wie sehnsüchtig eilte ich nach der geliebten Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte, wo die Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche Sammlungen, Spuren seiner Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof seinen Leichnam selber bewahrte; wie gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die Brücken und Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde aller Art, mich an eine schöne Periode Deutschlands erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen mit Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt waren.
Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so wie in andern Städten, von Geschmackvollen angestrichen, um, wie der Dichter sagt: „zu malen auf das Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.“ — Allein Fürth war auch bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die gedrängt am Jahrmarktsfest durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirthshause, und der Aussicht aus den Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen Tage nicht so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt nur der Himmel, (wie es schon hie und da angeklungen hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung, die ich zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren Uebertreibungen weit überflügeln möchte.
Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt und ins Bewußtsein gebracht wird, sagte Ernst, wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene Vorurtheile der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit und also das Vaterland wahrhafter und inniger lieben, so kann der Nachtheil einer sich bald erschöpfenden Thorheit so groß nicht werden. — In jenen jugendlichen Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, gerieth ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn ich die Beschreibungen unsers Vaterlandes, die gekannt und gerühmt waren, und welche auf allgemein angenommenen Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland verglich, wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen sah; je mehr ich überlegte, nachsann und zu lernen suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von zwei ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland sei überall so unbekannt, wie ein tief in Asien oder Afrika zu entdeckendes Reich, von welchem unsichre Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen Gegenden reizen müsse; und so nahm ich mir damals, in jener Frühlingsstimmung meiner Seele, vor, der Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf diese Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das Ideal einer Reisebeschreibung durch Deutschland, das mich auch seitdem noch oft überschlichen und mich gereizt hat, einige Blätter wirklich nieder zu schreiben. Doch jezt könnt’ ich leider Elegien dichten, daß es nun auch zu jenen Elegien zu spät ist.
Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen doch wohl in den Worten des Klosterbruders.
Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen unsers Dichters über den Münster in Straßburg, die ich niemals ohne Bewegung habe lesen können, dann in den Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren Tagen hat unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe an das deutsche Alterthum erinnert, und mit tiefem Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt, auch hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern verändert, wir achten die deutsche Vorzeit und ihre Denkmäler, wir schämen uns nicht mehr, wie ehemals, Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt mehr an die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben, die Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der neusten Zeit ist fast erstorben, eine höhere Sehnsucht hat unsern Blick in die Vergangenheit geschärft, und neueres Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte den edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren Tagen aber hatten wir noch mehr Ueberreste der alten Zeit selbst vor uns, man fand noch Klöster, geistliche Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte Gebäude waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch aus dem Mittelalter herüber gebracht, die Volksfeste hatten noch mehr Charakter und Fröhlichkeit, und man brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre Gewohnheiten, Gebäude und Verfassungen anzutreffen. Alle diese Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in ein Gemälde darzustellen, war damals mein Vorsatz. Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei, Sculptur und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen jeder Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, zu erforschen, um den Mißverständnissen der neueren kleinlichen Geschichtschreiber zu begegnen; welche Natur jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke gelöst und ausgeführt werden. Den edlen Stamm der Oesterreicher wollte ich gegen den Unglimpf jener Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren Lande und hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; die kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben, die freundlichen, sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben im Garten ihres Landes schildern, von denen schon ein alter Dichter singt:
Ich hab der Schwaben Würdigkeit
In fremden Landen wohl erfahren;
die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, vielfach wechselnden Umgebung, denen damals ihr Bamberg ein deutsches Rom war; die geistvollen Völker den herrlichen Rhein hinunter, die biederben Hessen, die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt und den Blick der alten Ritter aufbewahren; die Niederdeutschen, die dem treuherzigen Holländer und starken Engländer ähnlich sind: bei jeder merkwürdigen Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die alte Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben Thäler und Gebirge zu durchwandeln, unser edles Land, einst so blühend und groß, vom Rhein und der Donau und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und alten Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, gekränzt mit den einzig grünen Wiesen, auf denen so liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt. Gewiß, wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland zu schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen, der würde ohne alle Affektation zugleich ein hinreißendes Dichterwerk ersonnen haben.
Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern müssen, daß wir nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen unsrer Vorfahren aufsuchen, da wir vor allem Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft mit so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle Erinnerungen entzückt fühlen; so wie auch darüber, daß unsre Dichter noch so wenig gethan haben, diesen Geist zu erwecken.
Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, aber schwach, viele verkehrt, und ein hoher Sinn, der Deutschland so liebte und einheimisch war, wie der große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns bisher noch gefehlt.
Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend zu genießen, auf die Vögel aus dem Dickicht des Waldes und auf das Gemurmel dieser lieblichen Bäche zu horchen.
Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein, sagte Ernst; auch wollten wir ja noch die schöne Ruine besteigen, die dort schon vor uns liegt, und auch mit jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit, anderswo die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten der verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt, oder sie verkauft, um alles Denkmal immer mehr dem Staube und der Vergessenheit zu überliefern. Indessen, wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht, um so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben wir doch mehr gewonnen als verloren.
Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, fing Theodor an, einem schönen romantischen Gedichte zu vergleichen? Erst wand sich der Weg labirinthisch auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft erlaubte: so ist die erste Einleitung des Gedichtes; dann geriethen wir an den blauen Fluß, der uns plötzlich überraschte und uns den Blick in das unvermuthete frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, die sich edel und majestätisch erhuben und höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir gingen: so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen ab; dann hatten wir den großen Blick auf ein weit ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern und Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne, wir sahen Wälder, weidende Heerden, Hütten der Bergleute, aus denen wir das Getöse herüber vernahmen: so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die Mannichfaltigkeit der Welt und entfaltet den Reichthum der Charaktere; nun traten wir in den Hain von verschiedenem duftenden Gehölz, in welchem die Nachtigall so lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein Bach so leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd jenen blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die Felsenecke biegend, in aller Herrlichkeit wieder fanden: so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und sucht die verwandte Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz, ganz in dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen, und sich in triumphirende Woge zu verwandeln. Wie wird sich diese reizende Landschaft nun ferner noch entwickeln? Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht, ein genialer Tonkünstler möchte mir voraus arbeiten, um nachher den Text seiner Musik zu suchen; aber warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel einer anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes Gedicht entwickeln ließe.
Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich unser Freund Manfred mit dergleichen Vorstellungen unterhalten, und indem du sprachst, dachte ich an den unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell. Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in unsrer Seele ein Gedicht abgelöset, und wiederholt und vollendet es, wenn er uns immer wieder mit unsichtbarem Zauber umgiebt.
Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung! rief Theodor; Wald und Fluß verschwinden links, unser Weg zieht sich rechts, und viele kleine Wasserfälle rauschen aus buschigen Hügeln hervor, und tanzen und jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur Wiese hinab, um jenem schluchzenden Bach zu widersprechen, und in Freude und Lust den glänzenden Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint, und der so lächelnd zu ihnen herüber winkt.
Sieh doch, rief Ernst, wenn mein geübtes Auge etwas weniger scharf wäre, so könnte ich mich überreden, dort stände unser Freund Anton! aber seine Stellung ist matter und sein Gang schwankender.
Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug, sonst würdest du keinen Augenblick zweifeln, daß er es nicht selbst in eigner Person sein sollte! Sieh, wie er sich jezt bückt, und mit der Hand Wasser schöpft, nun schüttelt er die Tropfen ab und dehnt sich; sieh, nur er allein kann nun mit solchem leutseligen Anstande die Nase in die Sonne halten, — und sein Auge hat uns auch schon gefunden!
Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und sich in schöner Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden, eilten mit frohem Ausruf auf einander zu, umarmten sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine Antwort, drückten sich wieder an die Brust und genossen im Taumel ihrer freudigen Verwunderung immer wieder die Lust der Ueberraschung. O der Freude, dich wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber Freund! Wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja keine Motive) aus diesen allerliebsten Episoden hier in unsre Haupthandlung und Wandlung hinein!
Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst, indem er ihn mit Wehmuth betrachtete.
So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich erst vor einigen Wochen vom Krankenlager erhoben, fühlte heut zum erstenmal die Schönheit der Natur wieder, und ließ mir nicht träumen, daß ihr wie aus dem Himmel noch heut in meinen Himmel fallen würdet. Aber seid mir tausend und tausendmal willkommen!
Man ging, man stand dann wieder still, um sich zu betrachten, sich zu befragen, und jeder erkundigte sich nun nach den Geschäften, nach den Absichten des andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen von hier, über einige alte, sogenannte gothische Gebäude zu unterrichten, und dann in der Stadt ein altdeutsches Gedicht aufzusuchen.
Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit nach nur so mitgenommen worden, weil ich eben weder etwas zu thun, noch zu versäumen hatte.
Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich auf sein schönes Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen hat, da er von meiner Krankheit und Genesung Nachricht bekommen.
Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst.
Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon seit mehr als zwei Jahren verheirathet ist und hier wohnt?
Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe deklamirt, so über alle gepriesene Häuslichkeit gespottet hat, der es zu seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig moralischen Philisterei? Wie ist es möglich? Ei! der mag sich denn nun auch schön verändert haben! Gewiß hat ihn „das Dreherchen der Zeit“ so umgedreht, daß er nicht wieder zu erkennen ist.
Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer Tage oft so grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche Außenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu gehören.
Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar nicht verändert gefunden, er ist eher jünger geworden; seine Haushaltung mit seiner Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner eignen Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, die ich noch gesehn habe, so wie sein Landgut die schönste Lage im ganzen Gebirge hat: ihr thätet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen läßt.
Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe.
Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber Anton noch erzählte, daß sie im nächsten Städtchen die beiden längst gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen, und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so ließ sich Ernst bewegen, seine Antiquitäten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken.
Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie hast du nur so lange krank sein können?
Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe genesen können, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, daß meine Kräfte sich so schnell wieder hergestellt haben.
Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der liebste.
Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir uns in manchen Punkten unsers Wesens am innigsten berührten und am besten verstanden; denn, meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glück hat, mehre Freunde zu besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden sich mannichfache Kreise von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die Gefühle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthümliche Bahn zurück kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur bloß durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gespräch, wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht war manches in Friedrich und mir, was ihr übrigen mißverstandet, was sich in uns ergänzte und durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so daß wir uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber hätten abgewöhnen mögen.
Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu, der Mensch, der überhaupt das Leben und sich versteht, wird mit jedem seiner Freunde ein eignes Vertrauen, eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden, mit herzlichem Glauben und edler Zuversicht auch das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie roh leben diejenigen, und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich verstehn, beurtheilen, abmessen, und dadurch nur scheinbar einander angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel abtragen und Bäche ableiten, um allenthalben flache Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung zu gewinnen, und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht früh genug kann der Jüngling, der so glücklich ist, einen Freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen Forderung unsrer roheren Natur, von diesem Mißverständniß der jugendlichen Liebe entwöhnen.
Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich die Wahrheit, daß es nicht nur erlaubt, sondern fast nothwendig sei, daß Freunde vor einander Geheimnisse haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung, daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen mag, was man gern dem verschweigt, mit dem man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen lebt. Es ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, und vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt und treibt, entspringt der Mangel an Freundschaft, über welchen alle Welt jezt klagt.
Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft aus, in das Gebiet, in welchem unser Friedrich so gerne wandelt! Ihn muß man über diese Gegenstände reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es ist ihm das Element der Freundschaft und Liebe. Verarge doch dem Freunde nicht, sprach er einmal, wenn du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja nur der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die sich ängstlich um dich bewirbt, und sittsam an dich schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch niemals, wie viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen wollt! was läßt sich denn überall in Worten sagen? Ist doch für vieles schon der Blick zu ungeistig und körperlich! — O Brüder, Engelherzen, wie viel thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen!
Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, wie alles thöricht ist, was das Materielle zu verlassen strebt, und wie die Liebe selbst in dieser Hinsicht Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt. Hast du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in der vertrautesten Stunde dem vertrautesten Freunde sagtest? Nicht, weil du ihn für einen Verräther halten konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur in einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe Natur dagegen wenden kann: ja du trauerst wohl selbst über manches, das der Freund in dein Herz nieder legen will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder verstehst du dies so gar nicht und hast es nie erlebt?
Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem er ihn umarmte; du kennst ja meine Art. Schatz, warst du denn nicht eben einverstanden darüber, daß es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese meine Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es nur, das ihr auf eine etwas zartere Art solltet zu ahnden oder zu entwirren streben.
Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird mir noch beschwerlich und greift mich an, ich werde müde und matt in unsre Herberge ankommen. — Er schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache etwas Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein ab, den ihm Ernst anbot, indem er sagte: ihr könnt es nicht wissen, wie erquickend, wie paradiesisch dem Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt, ja Gedanken von frischen Wäldern und Wassern, von kühlenden Schatten säuseln immerfort anmuthig durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll die Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu körperlich und schwer ist dieser süße, sonst so labende Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle Träume meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören.
Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem er einen herzhaften Trunk aus der Flasche that; es lebe die Verschiedenheit der Gesinnungen! Womit aber hast du dich in deiner Krankheit beschäftigen können?
Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich durchaus auf keine Weise beschäftigen, wie denn die Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken fodern; ich weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den Büchern haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen das Lesen eingenommen, er hielt es in meinem Zustande für eine Art von Gift, und doch bin ich überzeugt, daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken habe.
Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, des Ueberreizes und der Abspannung diese Anstrengung eine heilsame sein, und ich fürchte, dein Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt.
Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz falschen Begriff von der deutschen Literatur, so wie von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete mich wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden, Pathetischen und Speculativen, was mir in der That hätte übel bekommen können; sondern ich wandte mich in jene anmuthige Gegend, die von den Kunstverständigen meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer Gewächse, die mein Gemüth gelinde dehnten, gelinde mein Herz bewegten, still mein Blut erwärmten, und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde Langeweile zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel der Dankbarkeit möcht’ ich ihnen genesend widmen; und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so waren es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und ihre Wirkungen beobachtet habe.
Ich bin begierig, sagte Ernst.
Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr Anton fort, begann ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrückliches Verbot, mit unserm deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend Plane und Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen Muße hätte zu Grunde gehen müssen. Kann man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches wahr und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie Charaktere, treffend schildert, und daß die meisten seiner Bücher sich durch eine gewisse Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, viele seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt und befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten dieser guten Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschöpfliche Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige Verführer im großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, und die er leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen, als ich in einem seiner Romane an die ausgeführte Meinung gerieth, mit welcher er den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticität des Körpers und der Seele zuführen, und so schelte mir keiner die großartige Albernheit, denn ich war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte doch noch keine China gebrauchen.
So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtäus Hymnenklang zum Kriegestanze beflügelt. Was folgte nun auf diese Periode?
Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen schon hinter mir, meine mündig werdende Phantasie forderte gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, von denen ich selbst die wieder las, die ich schon in früheren Zeiten kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte ich freundliche Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen, gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß ich einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, Kettenträger, Löwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung einen stärkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der Composition beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden Mittel so wie eine Nachlassung der zu strengen Diät erlaubt und nicht mehr gefährlich.
Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor.
Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die Schwärmereien des Jünglings überstanden, Geschichte und wirkliche Welt lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie. Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefährlich werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Kühles, und ich träumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, und badete mich dann in Morgenluft in den Wogen des grün rauschenden Rheins. In dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem kalten, gesunden, vernünftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager diese vortreflichsten Werke genießen ließen? Ich kann nun sagen: werdet krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben euch gehender Rezensent so eben behauptet.
Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser zu schöpfen, um dir den Kopf naß zu machen, und auf diesem anmuthigen Hügel haben wir keine Quelle in der Nähe.
Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen für seine Kämpen, für seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer und Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein, aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Großherzigen das kühle, herrliche, duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und begleitete dich bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug für Zug mit dir, du Großer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine Gesinnungen, du großer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und deutsch, und alle die Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir eben so viele Herzstärkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug ich auch kein Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter, Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles meiner drängenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich. Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und große Beispiele, denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und daß sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden der Wein die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein großes Bassin sich unten in meinen durstenden Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war ich geheilt, und schon durft’ ich mit Vorsicht kühlende Getränke genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um sie ähnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah bei der ersten Frühlingswärme aus dem Fenster, durfte wieder phantasiren, und nach einigen Wochen konnt’ ich schon die Hoffnung fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben, zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. — Aber eilt, man läutet schon die Abendglocke, wir sind vor dem Städtchen, dort treffen wir die Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen.
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Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen, nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern.
Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres Glück, als Freunde zu besitzen, sie nach Jahren in schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit wieder zu finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten wieder zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern und mit dem Zutrauen allen in die Augen zu blicken, wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur der Friedrich ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber?
Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, es soll nicht lange währen, so wirst du und ihr alle mehr von mir erfahren. Weißt du doch nicht, ob ich nicht vielleicht am Glücke krank liege.
Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur den Arzt noch recht lange von dir entfernt halten. O wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber leider ist die Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit, die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit dem unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende große ernste Thier, die alles erzeugt und alles verwandelt, sie wird freilich machen, daß wir einer den andern und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten Augen ansehn.
Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen, fiel Lothar ein: freilich will uns alles überreden, daß das Leben kein romantisches Lustspiel sei, wie etwa Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß es aus diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch noch so gerne so wollen und wenn es uns auch über die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch, daß es selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es verläuft sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke mit einzelnen schönen Stellen, oder gar wie der herrliche Rhein in Sand und Sumpf.
O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine Freunde, das Leben ist höheren Ursprungs, und es steht in unserer Gewalt, es seiner edlen Geburt würdig zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung in keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen: ja, es giebt eine ewige Jugend, eine Sehnsucht, die ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird; weder getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten Herzen nach sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden Gestalten das Bild der nimmer vergänglichen Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne im Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch, der nur einmal aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes trinken durfte, je wieder zur Nüchternheit, zum todten Zweifel erwacht?
Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen, von dem die Alten gedichtet haben, nicht zu verschmähn; wär’ es auch nur der grauen Haare wegen.
Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit nur empfinden, oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich wäre? Die süße Elegie in der Entzückung, die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der ganzen Natur! dem Flüchtigen nacheilen, es festhalten wollen, das uns selbst in festgeschlossenen Armen entrinnt, dies macht die Liebe, den geheimnißvollen Zauber, die Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde Schmachten möglich.
Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die Ewigkeit an mit ihrem majestätischen Antliz, wenn wir auch das nur als Schatten und Traum besitzen, oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste dieser Erde ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen ermuntern und stärken, zur Tugend, zum Himmel, zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht, deren Entzückung ewige Gegenwart ist.
Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, sagte Anton, und zur Freude sprechen: Was willst du? und zum Lachen: du bist toll!
Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten Rheinwein in die Römer: ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen sind! daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther durchklopfen und ausstäuben können, damit sich keine Motten und andres Gespinst in die Falten nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie ehedem, und daß sich auch keiner von uns das Tabackrauchen angewöhnt hat, thut mir in der Seele wohl.
Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte.
Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele, stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie ein Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue Figur auf derselben Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden hätten sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen, getrunken und sich den Mund abgewischt. „Weiter bringt es kein Mensch, stell’ er sich auch wie er will.“ — O das ist das Erquickliche für unser einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen muß, daß wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Sünder sind, jeder, nachdem sein Genius ihn lenkt.
Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Säuseln des Geistes, welches in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt und dessen heilige Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie an den Ohren ist beschnitten worden.
Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein, Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen philosophisch, und die Hörer oder die Hörenden ist nicht gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, ohne anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehör, wo es paßt, oder das Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden.
Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt.
Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu holen.
Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können, zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, — „nicht laute, aber tiefe“ — wie Macbeth sagt.
Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt; bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten brachte, sonst hätt’ ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar erscheinen müssen.
Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.
Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit, die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch begreif’ ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten dagegen tolerant werden.
Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken?
Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife, oder den hochstrebenden Don Quixote.
Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber hinzu fügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen.
Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so manches verlorne Bedürfniß des öffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch.
Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns diese tiefsinnige Betrachtung wenden, denn am Ende kömmt doch in keiner Tugend der ganze Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in Monaten nicht, die See dampft, und so laßt denn unserm guten Zeitalter auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin ich aber für Manfred, daß er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe möchte angewöhnt haben, um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem Munde, wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu machen, und ich gestehe überhaupt, daß ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen Furcht wieder nähern kann.
Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern Freund in seinem häuslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken können, daß er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil, kann er oft so ausgelassen sein, daß die Schwiegermutter im Hause so wenig lästig oder überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als kühlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten muß.
Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben Fuß eingerichtet ist, so ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt.
Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend, und man glaubt es kaum, daß sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jünger sind.
Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte Theodor, so muß der Umgang mit den Töchtern gar herz- und halsbrechend sein.
Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des Charakters.
Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur; ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten? Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener furchtbaren Zirkel anzuschließen.
Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz, man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer gezwungen, sie aufzusuchen.
Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen, und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den meinigen in Bewegung setzt.
So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn!
Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine Wochenschrift „der Kinderfeind“ zu schreiben, um die Thorheiten lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum und Aufnahme vorzubereiten.
Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher.
Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog. Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib’ es jeder, wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe, daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich, so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen, wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.
Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen.
Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug vertraut hast.
Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück. Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl’ ich mich in eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath.
Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch erwachen und nüchtern werden.
Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl, das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh’ ich und fühl’ ich Glauben und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O, mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja, du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden, und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus.
Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien gebrauchen? rief er verwundert aus.
Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes Angesicht nachblickte.
———
Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt.
Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre Gesellschaft?
Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns hier alle verlieben.
Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin. Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden, dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und langweilig verflossen wären.
Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam genug mit der Flamme zu spielen.
Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie gar alle?
Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn’ ich mich nach euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle eure mannichfaltigen Thorheiten.
Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen?
Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid, wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet! da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält, welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt, weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein.
Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm eingeschlossen hat.
O, ihr! — sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen.
Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser Anton einsam, sanft und stille, sein Gemüth und die schöne Natur betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan.
Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen haben sollte.
Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte Theodor.
Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie zu spielen, ex tempore oder nach memorirten Rollen; es scheint fast, daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.
Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden? fragte Theodor.
Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein; er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt’ er sagen: laßt mich nur gewähren, laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es eben an Boden mangle.
Wollt ihr mir nun nicht auch von mir „ein liebes kräftig Wörtchen sagen?“ neckte ihn Theodor.
An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig, so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen! pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, — doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst auch hierüber.
Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger, mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft so über die Gebühr triebst, daß wir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man, um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer, Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen.
Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man Lothar und Ernst von der Straße des Berges, der über dem Garten und Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, daß die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann, daß er darüber in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie es unserm Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben Affektation und Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben und will sie jedem Freunde und Bekannten abgewöhnen, und damit man ihm nur nicht etwas Unnatürliches zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier, die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt ist.
So will er die Weiber auch immer männlich machen, sagte Theodor, ging’ es nach ihm, so müßten sie gerade alles das ablegen, was sie so unbeschreiblich liebenswürdig macht.
Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, welche er Kindereien überschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trägt, was Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, ja Religion genannt werden muß. Wie die Welt wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen Plane formirt wäre?
Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehörige Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den Euripus zu stürzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, hätte er ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch!
Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, versetzte Anton, ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden.
Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald aus dem nächsten Laubengange heraus, in welchem er alles gehört hatte; könnt ihr euch euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt darüber gedacht habt, was ihr jezt als Spaß aussprecht? Und wenn die Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum soll denn alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht über Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl über Milchstraßen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen.
Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel von der anmuthigen Lage der merkwürdigen Ruine, und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es allenthalben zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere Nachwelt verachten, und über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, wenn sie hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder aus kläglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu uns herüber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn für Vaterland und alles Große wieder aufrichten könnten. So braucht man herrliche Gebäude zu Wollspinnereien und schlägt dürftige Kammern in die Pracht alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum gebräche, um die Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rücken, der in Pallästen der Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt.
Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des Vaterlandes rührende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit ihren unersprießlichen Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß solcher Größe haben mochte.
Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred führte seine Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schöne Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald gesellte sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor einen triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gängen, welche oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten waren, in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar sagte nach einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst, und bedauerten, daß viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen könnten erhalten werden; aber indem ich den Schatten dieser Gänge genieße, erinnere ich mich der seltsamen Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack angelegt sind, um eine unerfreuliche Verwirrung von Bäumen und Gesträuchen an die Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas Schönes zu erschaffen.
Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren ganz verwildert wieder zu finden.
Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten Absicht ist zerstört worden.
Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß angerichtet sei.
———
Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud.
Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste, ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.
Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht.
Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben.
Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt.
Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten; als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.
Doch bitt’ ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.
Dich nehm’ ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist; eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber in aller liebenswürdigen weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus.
Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser eins nachher noch liebenswürdig sein!
Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst.
Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar, so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewußt in den meisten Fällen aussprechen.
Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewußt der Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!
Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.
Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu abgeschmackt zu nennen.
Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr.
O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften die Rezensenten, oder sonst verhaßte Menschen, gleich so auf den Märkten zum Verkauf ausgeboten werden?
Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen, und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen.
Gern, sagte Manfred, hätt’ ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat seine Zeit.
Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe der Dinge ausstreichen willst.
Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spaß an diesem Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist.
Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt, die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt.
Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte.
Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren, weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf einem festen Grunde.
Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren Tagen verspottet hatten.
Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung, ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.
Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch physischen Ekel in uns zu vernichten streben.
Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. — Ein Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.
Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.
Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.
Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär’ ich also, daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in „den Irrungen,“ oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im „Romeo“ und dem „Oldcastle,“ die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in „Was ihr wollt.“ Es ist keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.
Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten Narren beschließt, wie „Viel Lärmen um nichts,“ und „Wie es euch gefällt“ mit einem Tanze endigen, oder das „Wintermährchen“ mit der lebendigen Bildsäule.
Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen lernen, als die übrigen Wissenschaften.
Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige Heiterkeit verbreiten.
Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft niemals eintreten können.
Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt, indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien’ es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.
Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.
Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in Reih’ und Glied bei Tische selber gesessen haben.
Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen des Herzens.
Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß, jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt, um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß, wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.
Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu, sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt, um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.
Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens, Michel Angelo’s jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle Propheten nur haben weissagen können.
Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen worden.
Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche Leben einzulenken?
Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.
Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall einzulassen.
Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.
Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns dunkel dergleichen Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen.
Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich, noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger Zeit an Lothar.
Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch, auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten.
Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen? Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt?
Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu bringen.
Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte.
Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken und eintheilen könnte.
Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.
Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert.
Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor.
Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat, versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter dieses Sinnes zu verachten.
Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen.
Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber bedächtig trank.
Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch niemals ausgesendet hat.
So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen, die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt, ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des Auges nie satt trinken mag?
Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen, um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken.
Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden. Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter; es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden Sehnsucht mehr die Zunge lößt.
Schon glaub’ ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die Gedanken in wilderer Geberde.
Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig witzig, bemerkte Wilibald.
Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.
Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an.
Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können, sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück fallen.
Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann.
Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner Scholaren mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler nannte.
O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht.
Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke, mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor, die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner machen: nun entdeckt’ ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen, und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die Gärten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen erregen.
Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es, im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch, die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und singen.
Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer und freier Räume, wo uns labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen, Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner Einbildung schwebt.
Doch hab’ ich in vielen Büchern gelesen, wandte Emilie ein, daß die Gartenkunst der Italiäner noch in der Kindheit sei, und daß sie weit hinter den Deutschen zurückstehen.
In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit muß preisen hören, und so gehören auch diese Aeußerungen und Glaubensmeinungen in das System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Gärten im sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht sehr Vieles einzuwenden hätte?
Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige empfindsame Reisende haben unsern muntern Garten als altfränkisch getadelt und meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und absteigenden Park mit allen möglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon für meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die selbst in der Stille der Nacht fortlachen, gezittert habe.
Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß zurück gehn, aus welchem unsre Gärten entstanden sind, um auf dem kürzesten Wege einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. Der Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm vor seiner Thür Früchte und Küchengewächse liefert; gern läßt er das Gras zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir in dieser wilden grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese natürlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen Zauber, der uns still und rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann ein solcher Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend sein. Diese sind unter den Gärten die wahren Idyllen, die kleinen Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst völlig ausgeschlossen sind.
Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, sagte Clara, und Lämmchen drinne hüpfend und blökend in der Frühlingszeit, und krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang der Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am frühsten Morgen so himmlische Eindrücke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit erregen, daß unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres wünschen kann.
Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren auf ihren Höhen gewiß nur beschränkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, als mit dem milderen Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen, wie in den Säulengängen und Sälen der Palläste, sie sollten der Geselligkeit den heitersten Raum gewähren, und so entstanden die regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, so wurde der unordentliche Wuchs zu grünen Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedürfniß erinnert, wurde sorgfältigst entfernt; auf großen runden oder viereckten Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten Baumschatten waren zu Bögen gegen die Hitze gewölbt, verflochtene Laubengänge waren künstlich selbst mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, die die Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren geordnete Stralen und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln, Seepferden und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls nach Regeln erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen. Der bunte grünende Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für viele Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem Geräusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher Genuß; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, sondern die lebendige Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines Wesens ewig umschlossen ist.
Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser oft getadelte Garten anzunehmen weiß, wenn er nur seinen Sachwalter findet?
Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel besser und gründlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und mißverstandenen Hanges zur Natur.
Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser Art schön? fragte Auguste.
So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil viele gesehen habe, die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem barocken übertriebenen holländischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz ausmachen soll, die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um fürchterlich verzerrte Bildsäulen auf gefärbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst seine liebliche Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden ist, und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur wie ein ernstes mißbilligendes Auge über dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne über diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die lichten Gedanken im Geschwätz eines Verrückten.
Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft ein kindischer Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um uns plötzlich naß zu machen, sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit natürlichen Erklärungen zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als der Schreck.
Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Gärten sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Künsten die Natürlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den englischen Parks, von denen viele in der That in hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch die Wohnung trüber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu malen, lebendige Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu gewähren. Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten Felde bewegte, eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom zartesten Gefühl für das Romantische der Natur geleitet werden muß, ja, weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so konnte es nicht fehlen, daß man, von jenem ächten Natursinn verlassen, in Verwirrung gerieth, und bald Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als jene holländischen waren. Bald genügten die Effekte der Natur und der sinnigen Bäume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, gothische Burgen, Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Räume am Ende mehr auf ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als für einen stillen Genuß eingerichtet.
Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch, sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern gewöhnlichsten Theater-Effekten gleich.
Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen ist oft hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet. Selbst Schädel und Beingerippe müssen dem Wandelnden zum Ergötzen dienen.
Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die Richtung nach jenem Punkt, allein der Weg läßt sich nicht so gehn, wie du möchtest, bald bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen Hütte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet.
Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben einander befinden, da brummt man was von schöner Natur und rennt aus einander, als müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, die sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon machen möchte; und, siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf quälst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen körperlich berühren, eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanität wegen recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, um nur der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht wasserreichen Wasserfall hinab zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr recht eilig auf die Beine helfen zu können. Das Zeug wächst fast zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume das Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gängen gleich widerwärtig. Wie schön sind unsre alten Linden, die vormals so manche Landstraße zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume der Bergstraße, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken.
In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der schönste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und großen Eindrücken erholen, die die mächtigen Berge beim Durchwandeln in uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde jenen Wäldern und Felsenschluften, den wundersamen Thälern, der majestätischen Einsamkeit gegenüber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren Wäldern und Wasserbächen, und spielt mit seinen Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind in einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche Raum schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergißt man das unfreundliche Land, und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese lieblichen Schatten besucht, müssen sich dieselben heitern Gefühle erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft hier mit dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf sanften Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig wechselt, und durch rührende Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten sein, ein schönes Individuum, das aus dem eigensten Gemüthe entsprungen ist, sonst wird ihm der Vorwurf jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit gewiß nicht entstehn können.
Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von Herzen!
Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit: Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche Mann, unser Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den uns andre Nationen beneiden werden!
Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches Gespräch erinnern wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in unserer Erinnrung in diesem Augenblick!
Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur Liebe sein, und darum laßt uns Schillers Andenken mit seinem Namen vereinigen, dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger unter uns hätte verweilen sollen.
Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem edelsten und freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten Greise, dem es wohl gehn solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge!
Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der Rührung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken.
Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schönen Bewegung, und darum stoßt an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen, witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und wundervollen Ersinnungen: möchte er in diesem Augenblick freundlich an uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er gern und mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm!
Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht gewöhnlich war, das brüderliche Gestirn deutscher Männer, unser Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schönes befördert und geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert!
So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen: der große Britte, der ächte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb, der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt!
Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte: ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andächtig zu unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am würdigsten ein heitrer Genuß; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar: opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth besserer Zukunft.
Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: ihm sollen die Frauen danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde umarmten sich stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. Man ging schweigend in den Garten.
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Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, der in der Mitte des Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getön und fühlte in dieser Pause kein Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte Clara: von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern, es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn wir uns zum Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit; auch tönt ein rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen möchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, daß wir ihn nie ganz abgelegen.
Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, fast begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: nicht so willkührlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, haben die ältesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende Kräfte und ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der Anblick eines großen Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt und verschlingt, wie das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder der Anblick des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser wundervolle Genuß auch nicht, denn wir sind uns, möchte ich sagen, selbst verloren gegangen, unsre Seele mit allen ihren Kräften braust mit den großen Wogen eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, daß wir vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken der Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals gelingen.
Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte Lothar, so sollten es sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, Wasserfälle malen zu wollen, denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus. Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand darstellen.
Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden.
Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle Abschied von mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr nicht seitdem!
So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was ganz gegen die Abrede war.
Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat, und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten, die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in diesen Empfindungen fühl’ ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte aufrufen und erkennen müssen, da hab’ ich dich erst im Triumph dem Tode abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit diesem Gaste sprech’ ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und menschlicher.
Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist.
Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und das uns, möcht’ ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind, und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man antworten: „o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?“
Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann, der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich, nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! — Sollte ein solches Gefühl nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können?
Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen, sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als verständlich.
Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht.
Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor.
Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit, und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus einer Welt des Traumes heraus.
So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.
Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald.
Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage.
Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.
Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig das Lächerliche in sich, um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen.
Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern; dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden, anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte Ausdruck von den Helden der Religion: „sie haben sich zu Thoren gemacht vor der Welt,“ ist vortrefflich.
Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht, ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich nur so wenig von ihm gefunden.
Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten will.
Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können, und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig.
Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können.
Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann, wohlthätig sein mag.
Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort, da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel „Was ihr wollt,“ bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor uns hinzustellen suchten.
Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln.
Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen, unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die Olivia; alles übrige findet sich von selbst.
Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber, der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte, dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern. Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?
Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewußt das, was du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen ihrer Mitglieder.
Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig lassen?
O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.
Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen, wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man es auch rascheln hört, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in derselben Verfassung.
Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzüglich in einem Kreise, wie der gegenwärtige ist. Wir führen wirklich einige Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein wollen, so überwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so manchem Jahre wieder auftreten zu lassen.
Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer Erzählung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz überließen, in welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die Ordnung zu loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art und Weise wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Würze geben können.
So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anführer und Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen werden, die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehören.
Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefährlich, weil sie an den Boccaccio erinnern dürfte.
Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen Novellisten, die mit minder oder mehr Glück von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben.
Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen berühmten Autor erinnern wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit dergleichen ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er nur zu viele erzählt.
Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen, antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darüber erst etwas verständigt haben, was wir ärgerlich oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt sind, vortragen werden, sind Sie hinlänglich gesichert, denn es erfordert das glänzende Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer von den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen — gar des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder des neueren Casti zu geschweigen — bleiben weit hinter ihm zurück, sei nun von Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn davon, muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und freundlichen Gemüthern wirklich anstößig sein könnte.
Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemüth und die höhere Stimmung doch nur zu oft verletzt.
Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am wunderbarsten, reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen wollen, ist vielleicht nur möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird, und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frühling sich mit allen seinen Schätzen aufthut, und die Blumen gedrängt um dich lachen, so kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren, ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu knüpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir erröthend die räthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne die unbescheidenen Namen ein, welche die Königin im Hamlet verschweigt, —
— crow — flowers, nettles, daisies, and long purples,
That liberal shepherds give a grosser name,
But our cold maids do dead men’s fingers call them.
Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch dies nur im Vorbeigehn: fahre fort.
So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe. Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein. Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen, wie jedes Glück ein Geheimniß ist, welches angerührt und ausgesprochen seine Blüte abwirft.
Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie, wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus, nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie, der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem Reinen ist alles rein.
Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele verbunden, in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten Scherze unschuldig.
Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht, eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe? Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm zusammen zu treffen scheinen.
Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine, überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome’s Schriften endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr, denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die Untugend an den Tag zu legen.
Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls anstößig findet.
Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen: für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für gleichbedeutend ausgiebt.
Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere erstrebt.
Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der freilich wohl sein Kapital von der Gaya Ciencia schreiben durfte. Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich, Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll.
Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte: Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen das seinige vor unsre Richter.
Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie ich sie liebe.
So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton.
Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so wie der Frühling und die Pracht der Blumen, es blüht auf in aller Fülle und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.
So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare Sonne. —
———
Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte Natur hin.
Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.
Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen und für die Ewigkeit härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken, — und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen. Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen.
Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:
Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,
Und im Sehnen Thränen uns verklären,
Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,
Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern
Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,
Alle rothen Küsse mitgebracht,
Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,
O dann saugt mit ihrem Purpurmunde
Himmels-Wollust unsre Wunde,
Sie entsaugt das Gift,
Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.
Wie die kleinen fleißgen Bienen
Gehn, um Blumenlippen zu benagen,
Wie sich Schmetterlinge jagen,
Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln
Springen, und die Lieder tönen,
Also gaukeln, flattern, funkeln
Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen
Von der schönsten einzgen Schönen,
Und in tiefer Winternacht
Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,
Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,
Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären
Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,
Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,
Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen
Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.
Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk gewesen? Wo sind die Mährchen?
Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir wirklich Freude machen werden.
Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr ungehalten werden soll.
Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht, was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören.
Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und unserm Musäus bin ich oft recht böse gewesen, daß er mit seinem spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst ergötzlich.
Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin. Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen.
Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt.
Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren Zusammenhanges vergessen kann.
Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will
Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,
Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,
Die reizend unterhalten und zuletzt
Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen vertraut sind.
Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.
Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen, welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse, Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt. Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze, die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen, so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit, in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt, Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen (die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.
Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein fügen. Doch glaub’ ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.
Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche Anlagen umarbeiten möchte. — — Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder natürlich sei?
Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und dasselbe.
Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so, wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.
Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun, wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere Kritik wie dort mit herunter.
Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen, nicht bloß
— wenn es hin zur Fluth euch lockt, —
— zum grausen Wipfel jenes Felsen,
Der in die See nickt über seinen Fuß, —
Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung
Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,
Der so viel Klafter niederschaut zur See,
Und hört sie unten brüllen;
sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere, das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.
Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von dieser Art?
Vielleicht, antwortete Ernst.
Doch nicht allegorisch?
Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante’s Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur die Geschichte ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die ermüdendste Unterhaltung. — Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat.
Anton zog einige Blätter hervor und las: