Phantasus.

Betrübt saß ich in meiner Kammer,

Dacht’ an die Noth, an all den Jammer,

Der rundum drückt die weite Erde,

Daß man nur schaut Trauergeberde,

Daß Lust und Sang und frohe Weisen

Gezogen weit von uns auf Reisen,

Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,

So Furcht wie Angst bei jedem Feste,

Daß jedermann nur frägt in Sorgen:

Wie wird es mit dir heut und morgen?

Dazu war ich noch schwach und krank,

Mir war so Tag wie Nacht zu lang;

Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,

Was ich nicht trinken durft’ und essen,

Wie meine Pein zu lindern wäre,

Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:

So saß ich still in mich gebückt,

Den Kopf in meine Hand gedrückt,

Als ich, so sinnend, es vernahm

Daß jemand an die Thüre kam,

Es klopfte, und ich rief: herein!

Da öffnet schnell ein Händelein

So weiß wie Baumesblüth, herfür

Trat dann ein Knäblein in die Thür,

Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,

Die eben aus den Knospen losen,

Wie Rosengluth die Lippen hold,

Das krause Haar ein funkelnd Gold,

Die Augen dunkel, violbraun,

Der Leib gar lieblich anzuschaun.

Er trat vor mich und thät sich neigen,

Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:

Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,

Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?

Der Frühling geht umher mit Pracht,

Hat Laub des Waldes angefacht,

Es brennt das grüne Feuer wieder,

Und drein ertönen tausend Lieder,

Die Erde trägt ihr Sommerkleid,

Der Plan erglänzt von Blumen weit,

Es spielt der Fisch in blauem See,

Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,

Die Lieb- und Segen-schwangre Luft

Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,

Das Kindlein lacht die Blüthen an

Aus rothem Mund mit weißem Zahn,

Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben

In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,

Sich hebt der Jungfrau schöne Brust

In ahndungsvoller Liebeslust,

Der Greis erfrischt die alten Glieder

Und dünkt sich in der Kindheit wieder,

Und jedermann fühlt freudenschwanger

Den dunkeln Wald, den lichten Anger.

Du nur willst sitzen hier gekauert,

In deinen Sorgen eingemauert,

Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,

In Noth und Zweifeln eingeengt?

Ich kenne dich nicht wieder schier;

Hinaus mach’ stracks dich vor die Thür,

Und thu dein menschlich Angesicht

Hinein in holdes Himmelslicht,

Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,

Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,

Das Auge, das sonst Strahlen scharf,

Von seinem lichten Bogen warf,

Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen

Und schießt nur schwer’ und stumpfe Bolzen;

Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,

Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,

In deiner gelb verschrumpften Haut

Der Kummer sich im Spiegel schaut;

Nicht, Creatur, mach’ Schand’ und Spott,

Der dich geschaffen, deinem Gott,

Schau aus, als seist nach seinem Bilde

Formiret edel, heiter, milde,

Verbrümmelt nicht und ungelachsen,

Als sein in dir zusamm gewachsen

All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,

Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;

Frisch auf, laß dich von mir regieren,

Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.

Er schwang in seiner Rechten zart

Die Tulpenblum seltsamer Art,

Wie er sie auf und nieder regte

Ein farbig Feuer sich bewegte,

Und lichte Sterne kreisten, welche

Sich schüttelten aus goldnem Kelche,

Sie flogen wie die Vöglein munter

Mir um das Haupt, herauf, herunter,

Und neckten mich mit Flammenleuchte,

Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.

Ich sprach halb zornig: wer bist du,

Der mich gestört in meiner Ruh,

Du Knäblein laut, vorwitziglich,

Der du also bespöttelst mich,

Und willst, weil du ein Kindlein frei,

Daß alle Welt auch kindisch sei?

Ich habe mehr gelernt, erfahren,

Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,

Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib

Nicht mehr gefallen meinem Leib,

Auch ist umher die ganze Welt

Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,

Daß der nur Thor jedwedem scheint,

Der sich nicht höherm Zweck vereint,

Du aber, Knäblein, bist inmitten

Der Bildung nicht mit fortgeschritten,

Meinst noch, daß man nach Blum’ und Kraut

Und all den Kinderein ausschaut,

Das hält man jezt für Rauch und Dunst,

Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.

Der Knabe lacht’, daß sich das Gold

Der Locken in einander rollt

Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,

Ich bin der Phantasus genannt,

Heimathlich war ich sonst bei dir,

Dein Spielgefährte für und für,

Als du mich noch am Herzen hegtest

Und väterlich und freundlich pflegtest,

Da war dein Sinn anders gestellt,

Mit dir zufrieden und der Welt

War dir die Arbeit Lust und Scherz,

Frisch und gesund dein junges Herz.

Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;

Du also bist dasselbe Kind,

Das täglich Blumen mir gebracht,

Holdseeliglich mich angelacht,

Das mir verscherzt die muntern Stunden,

Vielfältig Spielzeug mir erfunden?

Seitdem bist du von mir entwichen

Und anderwärts umher gestrichen,

Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,

Und gaben mir in meine Hand

Der Bücher viel und mancherlei

Voll tiefen Sinns, Philosophei,

Ich strebte, mich aus rohem Wilden

Zum wahren Menschen umzubilden;

Drauf ich auch zur Geschichte kam,

Die Noth der Welt zu Herzen nahm,

Die Chronikbücher unverdrossen

Hab’ ich in Nächten aufgeschlossen,

Die Vorzeit stieg zu mir herüber

Und immer ernster wards und trüber:

Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,

Dann glaubt’ ich Wahrheit zu besitzen,

Dann kam die Dämmrung, faßt’ es wieder

Und taucht’ es in die Finstre nieder;

Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,

Das neue Licht macht’ mich noch banger,

Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,

Die Finstre neu draus wird geboren:

So wies Histori mir nur Noth,

Im Leben auch nur Grab und Tod,

Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,

Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,

Und spricht von seinem Felsenthron

Den hohen Göttersöhnen Hohn:

Natur hab’ ich ergründen wollen,

Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,

Verlor mich in ein steinern Reich,

Ich glaubte all’s, nichts doch zugleich,

Wollt’ Pflanz, Metall und Stein verstehn,

Mußt’ mir doch selbst verloren gehn,

Hatt’ viel Kunstworte bald erstanden,

Ich selbst gekommen nur abhanden,

Um endlich wieder zu gelangen

Noch dummer wo ich ausgegangen:

Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,

Hab’ ich in Angst mich abgequält,

Verstehst du wohl die alten Schriften,

Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?

Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,

Komm, laß uns in den schönen Tagen

So spielen, wie wir sonst gepflogen,

Wenn du mir etwas noch gewogen.

Der Kleine schmeichelt’ sich an mich,

Drückt’ an mein Knie mit Lächeln sich,

Wandt’ sich hieher und dorthin nun,

Fast wie die jungen Kätzlein thun.

Da gehn wir aus dem Haus, und warm

Nimmt Sommer mich in seinen Arm,

Die Lerch’ in Lüften jubilirt,

Hänfling und Drossel musizirt,

Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,

Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,

Die Blumen roth, braun, gold und blau

Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,

Die Bienen summen lustig, nippen

Den Honigseim von Blumenlippen,

Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,

Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.

Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,

Von neuem tönt und schwazt der Mund

Der kindschen Quellen, Frühlings Hand

Nahm von den Zungen ab das Band,

Daß Winter jährlich um sie legt,

Daß sich kein lautes Wörtchen regt,

Die Sommergäst’ auch sind mit Schalle

Ins Land zurück gekommen alle.

Indem wand sich der Buchenhain

Vom Plane ab den Weg hinein,

Der Glanz mit Grün schön war gemischt,

Die stille Luft vom Wind erfrischt,

Die wilden Tauben hört’ ich girren,

Zeisig und Fink in Nestern schwirren,

Ein Duft süß aus den Bäumen floß,

Ein Rieseln sänftlich sich ergoß

Aus Tannenbäumen, die vom Winde

Sanft angespielt erklangen linde,

Das all war meinem kranken Leben

Als Labsal und Arznei gegeben.

Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,

Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,

Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,

Willkommen mir ihr Waldesklänge!

Ich war noch nie in den Revieren,

Sprich, wohin willst du mich denn führen?

Er sagte nichts, nur freundlich winkt

Sein Aug’, das mir ins Auge blinkt.

Einsamer ward der dichte Hain,

Gespaltener des Lichtes Schein,

Der sich in Gattern um uns legte

Und mit des Luftes Zug bewegte;

Da hört’ ich Wild von ferne schrein,

Da sangen fremde Vögel drein

Mit wundersamen Ton, es klangen

Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,

Wie Schatten zog es her und hin,

Ein Schauer flog durch meinen Sinn.

Nun wars, als hört’ ich Kinder plaudern,

Hin lief ich ohne länger Zaudern,

Und als ich nach dem Ort gekommen,

Von wo ich erst den Ton vernommen,

Da that sich auf des Waldes Dunkel,

Und vor mir lag ein hell Gefunkel,

Roth sah ich wilde Nelken blühn,

Sammt lichten Sternen von Jasmin,

Und duftend Kraut Je länger lieber,

Das rankte eine Grott’ hinüber,

An die sich hoch der Epheu schlang,

Und aus der Höhle kam Gesang.

Da schaut ich in den Fels hinein,

Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,

Güldnes Gewand den Leib umfloß,

An den sich Spang’ und Gürtel schloß,

Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,

Sie schien in Furcht und Zittern bange

Und schloß sich an ein Mannsgebild,

Das schaute aus den Augen wild,

Doch lächelt’ er mit Freundlichkeit:

Er war in schwarz Gewand gekleidt,

Ein dunkles Haar hing um das Haupt,

Er trug von wildem Wein umlaubt

Den güldnen Stab in seiner Hand,

Geflochten war um sein Gewand

Epheu und Tannenzweig’ in Kränzen,

Wozwischen rothe Rosen glänzen;

Er sprach und sang der Schönen vor,

Und flüsterte ihr oft ins Ohr.

Da fragt’ ich: Kind, wer sind die beide?

Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide

Der ist der Schreck, von Mährchen alten

Beschreibt er gern die Schau’rgestalten;

Das Mägdlein da im lichten Kleid

Ist meine liebe Albernheit,

Sie ängstet sich und um so gerner

Hört sie den andern reden ferner,

Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,

Läßt sich doch spielend davon necken,

Sie lächelt, und vor Schauder weint

Ihr Lachen, das in Thränen scheint,

Sie freut sich und wird voraus bleich,

So spielt sie mit dem Geisterreich,

Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech’ ich jezt,

Was dich recht durch und durch entsetzt!

Dann bittet sie: so schweige lieber, —

Nein, spricht sie dann, erzähl’ es, Lieber;

Nun rauscht der schwarze Tannenhain,

Dann weinen Felsenbäche drein,

Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz

Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.

Da sah ich einen Kleinen gaukeln

Und sich in allen Blumen schaukeln,

Ein herzigs Kind, das auf und nieder

Im Tanze schwang die zarten Glieder,

Bald klettert’ es in Epheuranken

Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,

Bald stand oben am Fels der Lose

Und duckte sich in eine Rose.

So eilig, daß der Stengel knickte

Wie er sich in die Röthe bückte,

Dann fiel er lachend auf die Au

Und war benetzt vom Rosenthau:

In Blättern, aus Jasmin gezogen,

Beschifft’ er dann des Baches Wogen,

Und bracht’ als Kriegsgefangne heim

Die Bienen mit dem Honigseim;

Dann sucht’ er Muscheln sich im Sande

Und Stein’ und Kiesel vielerhande,

Und putzte drin das Felsenhaus

Mit vielen artgen Schnörkeln aus:

Auf einmal ließ er alles liegen

Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,

Nun auf dem höchsten Tannenbaum

Stand er und übersah den Raum,

Mit Riesenstärke bog er dann

Des Baumes Wipfel auf den Plan

Und ließ ihn dann zurücke schießen;

Des Baches Wogen mußten fließen

In Wasserfällen laut und brausend,

Der mächtge Wald dazwischen sausend,

Ein furchtbar Echo, das von oben

Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,

Dazu des Donners Krachen viel,

Schien alles ihm nur Harfenspiel.

Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,

War jezt großmächtig wie ein Berg,

Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,

Zur Höhe des Gebirgs hinauf,

Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,

Die ließ er sich zum Thale wälzen

Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,

Das machte ihn von Herzen lachen,

Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,

So ungeschlacht zur Ebne schollern,

Wie sie die nackten Hauer fletschen

Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.

Da war ich bang und furchtsam fast,

Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,

Der erst ein Kindlein thörigt spielte,

An Bienen nur sein Müthlein kühlte,

Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen

So ungeheuer, ungelachsen,

Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,

Daß sie ihn sich vom Halse hält?

Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,

Der Groß und Klein dasselbe scheint;

Oft ist er zart und lieb unschuldig,

Doch wird er wild und ungeduldig,

So kühlt er seinen Muth, den frechen,

Und all’s muß biegen oder brechen. —

Kann man nicht, fragt’ ich, Sitt’ ihm lehren? —

Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,

Er acht’t kein noch so klug Gebot,

Und schreit nur, das thut mir nicht noth!

So lassen sie ihm seinen Willen. —

Da schlug urplötzlich aus dem Stillen

Der Sang von tausend Nachtigallen,

Die ließen ihre Klage schallen,

Und aus dem grünen Waldesraum

Erglänzt’ ein leuchtend goldner Saum,

Von Purpurkleidern, die erbeben

In Gluth, wie sich die Glieder heben

Vom schönsten weiblichen Gebilde,

Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,

Und kam aus dunkelm Wald hervor

Wie Sonne durch des Morgens Thor,

Das goldne Haar in Wellen fließend,

Das lichte Aug’ die Welt begrüßend,

Das rothe Lächeln Wonne streuend,

Des Leibes Glanz rings all erfreuend;

So wie die Augen leuchtend gingen,

Die Blumen an zu blühen fingen,

Das Gras ward grüner, Wonnebeben

Schien Stein und Felsen zu beleben,

Die Wasser jauchzten, und im Innern

Bewegt ein seliges Erinnern

Der Erde allertiefstes Herz,

Demant erwuchs und Goldes-Erz.

Wer ist, fragt ich, die dort regiert,

So zart und edel gliedmasirt,

Die Klare, Holde, minniglich’?

Nenn’ ihren Namen, Knabe, sprich!

Dir ist es also nicht bewußt,

Sprach, Phantasus, in deiner Brust,

Was Thier’ und Pflanzen, Stein’ empfinden,

Ich muß dir ihren Namen künden?

Die Liebe ist sie! Und alsbald

Kannt’ ich die göttliche Gestalt,

Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig

Komm’ ich zu dir, o sei mir gütig,

Wie du die ganze Welt beglückst,

In jedes Herz die Wonne schickst,

Gedenke mein, laß nicht mein Leben

Als liebeleeren Traum verschweben.

Gebietend hob sie auf die Hand,

Da kamen aus dem grünen Land,

Von Bergen, aus dem niedern Thal,

Die Geister wimmelnd ohne Zahl,

Aus Bächen huben sie sich schnell

Und leuchteten von Schimmern hell,

Die Bäume thaten all sich auf,

Es sprangen vor mit munterm Lauf,

Die zarten Elfen, und aus kleinen

Blümlein wollten sie auch erscheinen,

Gar klein gestalt, in Farben bunt:

Da sang ein tausendfacher Mund

Der hohen Göttin Lob und Dank,

Gar wundersam war der Gesang,

Sie sonnten sich in ihrem Lächeln

Berauscht von ihres Othems Fächeln.

Da wandt’ sich Phantasus zu mir:

Nun, Werther, wie gefällts dir hier?

Ich wollte sprechen: seeliglich

Dünkt mir dies Leben sicherlich,

Doch nahm der allergrößte Schreck

Mir plötzlich Stimm und Othem weg;

Was ich für Grott’ und Berg gehalten,

Für Wald und Flur und Felsgestalten,

Das war ein einzigs großes Haupt,

Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,

Still lächelt er, daß seine Kind’

In Spielen glücklich vor ihm sind,

Er winkt, und ahndungsvolles Brausen

Wogt her in Waldes heil’gem Sausen,

Da fiel ich auf die Knie nieder,

Mir zitterten in Angst die Glieder,

Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:

Sag an, was ist das Große dort?

Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,

Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,

Das ist der Vater, unser Alter,

Heißt Pan, von allem der Erhalter. —

Ein mächt’ger Schauder faßte mich,

Mit Zittern schnell erwachte ich,

Und so bewegt von dem Gesicht

Verkünd’ ichs euch, verschweig’ es nicht.

———

Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen, und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen.

Der blonde Eckbert.
1796.

In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle.

Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melankolie.

Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.

Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurück schreckt.

Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer und vertraulicher.

Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist. — Gern, sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin.

Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten, fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe machte. Sonst hört’ ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.

Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte. Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein unnützes Geschöpf sei.

Die ganze Nacht hindurch weint’ ich herzlich, ich fühlte mich so außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der Verzweiflung nahe.

Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln.

Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken.

Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit, oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.

Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete doch den Tod.

Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun gar nicht fürchterlich.

Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.

Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr folgen.

Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.

Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit freundlichen Geberden zur Alten zurück.

Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also:

Waldeinsamkeit,

Die mich erfreut,

So morgen wie heut

In ewger Zeit,

O wie mich freut

Waldeinsamkeit.

Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne durch einander spielen.

Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl der Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon eingebrochen, alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf einem Wandschranke, fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem glänzenden Käfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht wieder erholen zu können, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede Antwort gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wäre. Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer: denn ihr Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit dem Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr eigentliches Aussehn beschaffen war.

Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte einen ganz kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie faltete ihre knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre Gesichtsverzerrungen machte, so daß es mich beinahe wieder zum Lachen gebracht hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu erboßen.

Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht wachte ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch seltsamern Traum.

Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit an. Ich mußte spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich noch für den Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände umher wurden mir bekannt; nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe, und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn noch prächtiger zeigten.

Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders in der Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit eine Quelle von unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte geschriebene Bücher, die wunderbare Geschichten enthielten.

Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe besucht, nur in einem so kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte Freunde hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen des Hundes besinnen können, so oft ich ihn auch damals nannte.

Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr zwölf Jahr alt sein, als sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein Geheimniß entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige wirthschafte, mich aber nie genauer darum bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in ihrer Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefäßen wohl zu verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger aus, Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere. Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe, ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber. — Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein Leben bis ans Ende fortführen könnte.

Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz, prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu gewinnen. — Ihr lächelt! wir sind jezt freilich alle über diese Zeit der Jugend hinüber.

Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen Wanderungen zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, weit ordentlicher geführt werde, sie freute sich über mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um.

Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden Tone; wenn du so fort fährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät. — Indem sie das sagte, achtete ich eben nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher. Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen.

Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen, daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedächtnisse lag.

Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke, aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir immer wider Willen zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon herrlich geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich meine Geschäfte that, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein Wesen.

An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, daß sie diesmal länger als gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir, als würde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wußte selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich bewußt zu sein.

Nie hab’ ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es war mir enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben, und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir. In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann entzückte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren wunderbaren Mannichfaltigkeiten.

Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang mich unaufhörlich an, der Sonnenschein breitete sich munter über die Felder aus, die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich griff also den kleinen Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel unter den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über diese ungewohnte Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich fürchtete mich, ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, das mit Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen ließ ich stehn.

Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm zur Thür hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, aber er mußte zurück bleiben.

Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging nach der entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen anfangen, aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen.

So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und endlich hörte es ganz auf. Ich weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt, aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.

Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen, als es Abend ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir drohte.

Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran, daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse, im Walde glaubt’ ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegen treten. So legte ich unter Thränen und Seufzern den Weg zurück; so oft ich ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergeßlich ist, so glaubt’ ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in derselben Lage zu sein.

Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir wundersam zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald erkannt’ ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren war. Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend seltsamer Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles war verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, die man damals erst errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn; ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur gestern angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig, — aber ganz fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit drei Jahren mit seiner Frau gestorben. — Ich trat schnell zurück, und ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus.

Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem Reichthume zu überraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden, was ich in der Kindheit immer nur träumte, — und jezt war alles umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.

In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem Garten, und nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß die Alte und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt’ ich im Ganzen recht zufrieden.

Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher nicht wenig, als er in einer Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit einem veränderten Liede. Er sang:

Waldeinsamkeit

Wie liegst du weit!

O dich gereut

Einst mit der Zeit. —

Ach einzge Freud

Waldeinsamkeit!

Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles fiel mir von neuem in die Gedanken, und mehr als jemals fühlt’ ich, daß ich Unrecht gethan hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ängstigte mich. Er hörte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es lauter und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich ihn betrachtete, je bänger machte er mich; ich öffnete endlich den Käfig, steckte die Hand hinein und faßte seinen Hals, herzhaft drückte ich die Finger zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, aber er war schon gestorben. — Ich begrub ihn im Garten.

Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner Aufwärterin an, ich dachte an mich selbst zurück, und glaubte, daß sie mich auch einst berauben oder wohl gar ermorden könne. — Schon lange kannt’ ich einen jungen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand, — und hiermit, Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt.

Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig ein, — ihre Jugend, ihre Schönheit, und welch einen unbeschreiblichen Reiz ihr ihre einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und ich liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein Vermögen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere Verbindung hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. —

Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder an, ist es schon tief in die Nacht geworden, — wir wollen uns schlafen legen.

Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther wünschte ihr mit einem Handkusse eine gute Nacht, und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich kann mir Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und wie Ihr den kleinen Strohmian füttert.

Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale auf und ab. — Ist der Mensch nicht ein Thor? fing er endlich an; ich bin erst die Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, und jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! — Wird er sie nicht mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? Wird er nicht vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen und sich verstellen?

Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von ihm Abschied genommen hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen wäre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Dann warf sich Eckbert wieder sein unedles Mißtrauen gegen seinen wackern Freund vor, und konnte doch nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze Nacht mit diesen Vorstellungen herum, und schlief nur wenig.

Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück erscheinen; Walther schien sich nicht viel darum zu kümmern, und verließ auch den Ritter ziemlich gleichgültig. Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; er besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und sagte, die Erzählung in der Nacht müsse sie auf diese Art gespannt haben.

Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes, und wenn er auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder weg. Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade gepeinigt; er ließ sich zwar gegen Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder mußte doch seine innerliche Unruhe an ihm gewahr werden.

Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward ängstlich, die Röthe von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen wurden immer glühender. — An einem Morgen ließ sie ihren Mann an ihr Bette rufen, die Mägde mußten sich entfernen.

Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken, das mich fast um meinen Verstand gebracht hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. — Du weißt, daß ich mich immer nicht, so oft ich von meiner Kindheit sprach, trotz aller angewandten Mühe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte, mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim Abschiede plötzlich zu mir: ich kann mir euch recht vorstellen, wie ihr den kleinen Strohmian füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hängt dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert?

Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen Gefühle an; er schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr einige tröstende Worte und verließ sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jezt der einzige in der Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem Wege gerückt werden könnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu zerstreuen und auf die Jagd zu gehn.

Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den Bergen und bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der Schweiß stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas in der Ferne bewegen, es war Walther, der Moos von den Bäumen sammelte; ohne zu wissen was er that legte er an, Walther sah sich um, und drohte mit einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther stürzte nieder.

Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein Schauder nach seiner Burg zurück; er hatte einen großen Weg zu machen, denn er war weit hinein in die Wälder verirrt. — Als er ankam, war Bertha schon gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten gesprochen.

Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten Einsamkeit; er war schon sonst immer schwermüthig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte seiner Gattin beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall, der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er ganz mit sich zerfallen. Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor Augen, er lebte unter ewigen innern Vorwürfen.

Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nächsten großen Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wünschte durch irgend einen Freund die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er dann wieder an Walther zurück dachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen Freund zu finden, denn er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit jedwedem Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha in einer schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Mährchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien.

Ein junger Ritter, Hugo, schloß sich an den stillen betrübten Eckbert, und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand sich auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft des Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermuthet hatte. Beide waren nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle möglichen Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen unzertrennlich.

Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fühlte es deutlich, daß ihn Hugo nur aus einem Irrthume liebe; jener kannte ihn nicht, wußte seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert sein könne, ob jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten ihn wieder Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurück. In manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt, daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger Fremdling sei, könne ihn seiner Achtung würdigen. Aber dennoch konnte er sich nicht widerstehn; auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, ob er wohl einen Mörder lieben könne. Hugo war gerührt, und suchte ihn zu trösten; Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt.

Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade in der Stunde des Vertrauens Argwohn zu schöpfen, denn kaum waren sie in den Saal getreten, als ihm beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches Lächeln zu bemerken, es fiel ihm auf, daß er nur wenig mit ihm spreche, daß er mit den Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein alter Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den Gegner Eckberts gezeigt, und sich oft nach seinem Reichthum und seiner Frau auf eine eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten. Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt, er glaubte sich verrathen, und eine schreckliche Wuth bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer hinstarrte, sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch immer hin und ward überzeugt, daß Niemand als Walther mit dem Alten spreche. — Sein Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus, verließ noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine Burg zurück.

Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach zu Gemach, kein Gedanke hielt ihm Stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, daß er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles ward ihm immer mehr ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den Wunsch nach Umgang hatte er nun auf ewig aufgegeben.

Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im stärksten Trabe seines Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er sich plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf er auf einen alten Bauer, der ihm einen Pfad, einem Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte ihm zur Danksagung einige Münzen geben, der Bauer aber schlug sie aus. — Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, ich könnte mir wieder einbilden, daß dies Niemand anders als Walther sei? — Und indem sah er sich noch einmal um, und es war Niemand anders als Walther. — Eckbert spornte sein Roß so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und Wälder, bis es erschöpft unter ihm zusammen stürzte. — Unbekümmert darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort.

Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als wenn er ein nahes munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und er hörte mit wunderlichen Tönen ein Lied singen:

Waldeinsamkeit

Mich wieder freut,

Mir geschieht kein Leid,

Hier wohnt kein Neid,

Von neuem mich freut

Waldeinsamkeit.

Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte sich nicht aus dem Räthsel heraus finden, ob er jezt träume, oder ehemals von einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig.

Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel heran. Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie sie ihm entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo. —

Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, — in welcher entsetzlichen Einsamkeit hab’ ich dann mein Leben hingebracht! —

Und Bertha war deine Schwester.

Eckbert fiel zu Boden.

Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.

Warum hab’ ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet? rief Eckbert aus.

Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe. —

Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen.

———

Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber Anton, daß uns allen jene Thränen eines heimlichen Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus erfüllt. Aber erlauben Sie mir zu fragen: ist diese Erzählung Ihre eigene Erfindung, oder eine nachgeahmte?

Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine Erfindung ausgeben, da ich mich nicht erinnere, eine ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu haben; auch denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß nur selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen; wenigstens habe ich es so verstanden, und ich hoffe, daß auch alle meine Freunde meinem Beispiele heute folgen werden.

Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte Friedrich ein.

Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen, aus welchen Erinnerungen der Kindheit, aus welchen Bildern, die man im Lesen, oder oft aus ganz unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, so könnte man daraus wieder eine Art von seltsamer, mährchenartiger Geschichte bilden.

Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten zu gründlich zu nehmen. Ich erinnere mich mancher Gesellschaft, in der spitz- und salzlose Anekdoten schlecht vorgetragen wurden, die man nachher eben so unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn auch etwas ähnliches hier nicht zu besorgen steht, so wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen Richterinnen sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen sind; ein wesenloser Traum büßt, auch durch geringe Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein.

Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht aus kritischem Interesse, sondern weil ich, was vielleicht Schwäche sein mag, auf die ursprüngliche Erfindung einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der übrigen Kunst gesprochen, etwas so Eigenthümliches, daß ich mich für denjenigen Dichter besonders interessire, welcher nicht nachahmt, sondern zum erstenmal ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift. Beim dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, tritt wohl eine andere Erfindungskunst ein, als beim erzählenden, denn freilich möchte ich lieber eine Scene in „Wie es Euch gefällt“ geschrieben haben, als die Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen ist. Der Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn dieser interessant ist, schmücken und erheben, seinen Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen; ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache zuerst ersonnen, falls sie sich nicht wirklich zugetragen hat?

Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um so lieber, weil ich Ihnen mit meinem Gedichte dann etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens für eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich nicht, als die Vorstellung vom verzauberten Berge der Venus im Mittelalter allgemein verbreitet war, aber das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich damals die Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, in dessen Vorrede ein getreuer Eckart erwähnt wird, der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich vorkömmt, und immer vor dem Berge der Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen, unbestimmten Vorstellungen, in welche ich noch die Sage von dem berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen und verkleidet habe, ist folgendes Gedicht entstanden.

Der getreue Eckart
und
der Tannenhäuser.
In zwei Abschnitten.
1799.