Erster Abschnitt.

Der edle Herzog groß

Von dem Burgunder Lande

Litt manchen Feindesstoß

Wohl auf dem ebnen Sande.

Er sprach: mich schlägt der Feind,

Mein Muth ist mir entwichen,

Die Freunde sind erblichen,

Die Knecht’ geflohen seind!

Ich kann mich nicht mehr regen,

Nicht Waffen führen kann:

Wo bleibt der edle Degen,

Eckart der treue Mann?

Er war mir sonst zur Seite

In jedem harten Strauß,

Doch leider blieb er heute

Daheim bei sich zu Haus.

Es mehren sich die Haufen,

Ich muß gefangen sein,

Mag nicht wie Knecht entlaufen,

Drum will ich sterben fein! —

So klagt der von Burgund,

Will sein Schwert in sich stechen:

Da kommt zur selben Stund

Eckart, den Feind zu brechen.

Geharnischt reit’t der Degen

Keck in den Feind hinein,

Ihm folgt die Schaar verwegen

Und auch der Sohne sein.

Burgund erkennt die Zeichen,

Und ruft: Gott sei gelobt!

Die Feinde mußten weichen

Die wüthend erst getobt.

Da schlug mit treuem Muthe

Eckart ins Volk hinein,

Doch schwamm im rothen Blute

Sein zartes Söhnelein.

Als nun der Feind bezwungen,

Da sprach der Herzog laut:

Es ist dir wohl gelungen,

Doch so, daß es mir graut;

Du hast viel Mann geworben

Zu retten Reich und Leben,

Dein Söhnlein liegt erstorben,

Kann’s dir nicht wieder geben. —

Der Eckart weinet fast,

Bückt sich der starke Held,

Und nimmt die theure Last,

Den Sohn in Armen hält.

Wie starbst du, Heinz, so frühe,

Und warst noch kaum ein Mann?

Mich reut nicht meine Mühe,

Ich seh’ dich gerne an,

Weil wir dich, Fürst, erlösten,

Aus deiner Feinde Hohn,

Und drum will ich mich trösten,

Ich schenke dir den Sohn.

Da ward dem Burgund trübe

Vor seiner Augen Licht,

Weil diese große Liebe

Sein edles Herze bricht.

Er weint die hellen Zähren

Und fällt ihm an die Brust:

Dich, Held, muß ich verehren,

Spricht er in Leid und Lust,

So treu bist du geblieben,

Da alles von mir wich,

So will ich nun auch lieben

Wie meinen Bruder dich,

Und sollst in ganz Burgunde

So gelten wie der Herr,

Wenn ich mehr lohnen kunnte,

Ich gäbe gern noch mehr.

Als dies das Land erfahren,

So freut sich jedermann,

Man nennt den Held seit Jahren

Eckart den treuen Mann.

Die Stimme eines alten Landmanns klang über die Felsen herüber, der dieses Lied sang, und der getreue Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem Berghang und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand neben ihm und fragte: Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch so groß und stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, vor wem darfst du dich denn fürchten?

Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund saß auf einem stattlichen, schön geschmückten Rosse, und Gold und Geschmeide des fürstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß der junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinüber, und der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren hatte:

Wann du willt

Schwerdt und Schild,

Gutes Roß,

Speer und Geschoß

Führen:

Muß dein Mark

In Beinen stark,

Dir im Blut

Mannesmuth

Gar kräftiglich regieren!

Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerührt seine großen hellblauen Augen anschaute. Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört? fragte er ihn dann.

Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut genug gesungen, und bist du ja doch der getreue Eckart, so daß ich gern zuhörte.

Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der alte Vater; er hält mir meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen.

Nimm dein großes Schwerdt und duld’ es nicht, sagte der Sohn; sie müssen ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir beistehn, denn du bist ihr größter Held im Lande.

Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre ich der, für den mich meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt und in seine Hände versprochen.

Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig.

Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein Sohn, die ganze Erzählung davon würde zu umständlich lauten, und du würdest es dennoch kaum verstehn. Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: so meint der Burgund nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen laut, daß er mir Reich und Leben zu danken, ich heiße der getreue Eckart, und so wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß ich ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich geworfen, und jeder, der bei ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet.

Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, daß ihn der Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogthum entreißen. In Betrübniß fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn gefangen genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach dem Leben stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so laß mich nun hingehn, mein alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verständig und dir gewogen werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er ein böser Mann, und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so schnöde deiner großen Dienste vergessen kann.

Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart:

Wenn der Mächtge dein begehrt,

Bist du ihm als Freund was werth,

Wie die Noth von ihm gewichen,

Ist die Freundschaft auch erblichen.

Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: warum machte er mich groß, um mich dann desto tiefer hinab zu werfen? Die Freundschaft der Fürsten ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde nützen kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwürgt.

Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich will ihm alles, was du gethan, was du für ihn gelitten, in die Seele zurück rufen, und er wird wieder seyn, wie ehemals.

Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für Verräther ausgerufen hat, darum laß uns mit einander flüchten, in ein fremdes Land, wo wir wohl ein besseres Glück antreffen mögen.

In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner lieben Heimath noch den Rücken wenden? Nein, laß uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum Burgunder, ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was kann er mir thun wollen, wenn er dich auch haßt und fürchtet?

Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine Seele weissagt mir nichts Gutes, und doch möcht’ ich gern mit ihm versöhnt sein, denn er ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher Haft bei ihm schmachtet.

Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst, mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth freundlicher gegen uns.

Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein leichtes dünkte, das Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewiß zurück, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst, ist keiner mehr von meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich.

Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte Eckart blieb draußen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren, klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn. Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien, daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart.

Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen Thränen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen noch ungemäßigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon überwältigt seid?

Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß.

Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig für mich verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären!

Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm dieses Räthsel aufzulösen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll von unten herauf, wie das Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?

Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin.

Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die Teufel hinein geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof halten, und alle ihre höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht seit undenklichen Zeiten gelegen hat.

Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart.

Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses Niemand zu sagen weiß, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fällt auch keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht die Welt, und spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne weit in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese Klänge vernimmt, der wird von ihnen mit offenbarer, doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort, fort in die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er wandert und wandert und wird nicht müde, seine Kräfte nehmen zu wie seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den Berg hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. Diese Macht ist der Hölle jezt zurück gegeben, und von entgegengesetzten Richtungen wandeln nun die unglückseligen verkehrten Pilgrimme hin, wo keine Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen schon seit lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne Sitten, sie verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und angefaßt, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge, und sie suchen in der Hölle Raum.

Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? fragte Eckart.

Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete der Alte, um die Welt zu durchstreifen, sie wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram zu sterben.

Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung aus seiner Ruhe auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes auf der Welt versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken für wahnwitzig. —

Es war Nacht geworden und wurde Tag, und Conrad kam nicht zurück; da irrte Eckart durch das Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog aus der Burg daher, da trachtete er nicht mehr, sich zu verbergen, sondern er bestieg sein Roß, das frei weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich und guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter ihnen war, erkannten sie ihn, aber keiner wagte Hand an ihn zu legen, oder ihm ein hartes Wort zu sagen, sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben ihn in Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. Einen von den Knechten rief er zurück, und fragte ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht, sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer und Wehklagen erregen. Und Dietrich? rief der Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr, sprach der alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn war gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen zu strafen.

Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und er war vor Schmerz und Wuth sein selber nicht mehr mächtig. Er spornte sein Roß mit aller Gewalt und ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit scheuer Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor den Pallast. Er schwang sich vom Rosse und ging mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan. Bin ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er zu sich selber, der sonst mein Freund war? Er wollte seine Gedanken sammeln, aber immer wildere Gestalten bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in das Gemach des Fürsten.

Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht gewärtig, und erschrak heftig, als er den Eckart vor sich sah. Bist du der Herzog von Burgund? redete dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. Und du hast meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? Der Herzog sagte Ja. Und auch mein jüngstes Söhnlein Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? Worauf der Herzog wieder mit Ja antwortete.

Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen: O antworte mir nicht so, Burgund, denn diese Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß es dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und ich will mich zu trösten suchen; aber so bist du meinem Herzen überall zuwider.

Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, ungetreuer Verräther, denn du bist mir der ärgste Feind, den ich nur auf Erden haben kann.

Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen Freund genannt, aber diese Gedanken sind dir nunmehr fremd; nie hab’ ich dir zuwider gehandelt, stets hab’ ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt, und behüte mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl könnte, die Hand an mein Schwerdt legen sollte, um mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst von deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit sterben.

Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund war in seinem Gemüthe bewegt, doch erschienen auf seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen, die ihn von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren Spießen aus dem Gemache treiben wollten.

Es schwang sich auf sein Pferd

Eckart der edle Held,

Und sprach: in aller Welt

Ist mir nun nichts mehr werth.

Die Söhn’ hab’ ich verloren,

So find’ ich nirgend Trost,

Der Fürst ist mir erbost,

Hat meinen Tod geschworen.

Da reitet er zu Wald

Und klagt aus vollem Herzen

Die übergroßen Schmerzen,

Daß weit die Stimme schallt:

Die Menschen sind mir todt,

Ich muß mir Freunde suchen

In Eichen, wilden Buchen,

Ihn’n klagen meine Noth.

Kein Kind, das mich ergötzt,

Erwürgt von schlimmen Leuen

Blieb keiner von den dreien,

Der Liebste starb zuletzt.

Wie Eckart also klagte,

Verlor er Sinn und Muth,

Er reit’t in Zorneswuth,

Als schon der Morgen tagte.

Das Roß, das treu geblieben,

Stürzt hin im wilden Lauf,

Er achtet nicht darauf

Und will nun nichts mehr lieben.

Er thut die Rüstung abe,

Wirft sich zu Boden hin,

Auf Sterben steht sein Sinn,

Sein Wunsch nur nach dem Grabe.

Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der Eckart gewendet, denn er hatte sich in die wüsten Waldungen hinein verirrt, und vor keinem Menschen ließ er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und es gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne ihn zu fangen. Darum machte er sich an einem Morgen auf, mit einem großen Zuge von Jägern und anderm Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den Eckart aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur ihn völlig sicher stellte. Alle waren unermüdet, und ließen sich den Eifer nicht verdrießen, aber die Sonne war schon untergegangen, ohne daß sie von Eckart eine Spur angetroffen hätten.

Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen sausend über dem Walde hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem ungestümen Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln in den Gebüschen und auf den Fluren zerstreut. Das Roß des Herzogs rannte in das Dickicht hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß stürzte nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern, denn es war keiner, der ihn hören mochte.

Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem Unglücke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer Betäubung seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; unkenntlich wäre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte sein Unglück. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er raufte seine weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin, wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn so alle Macht genommen, daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf? Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht dem den Tod, der meinem Herzen den tödtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es, Wahnsinniger, daß der Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm, dein blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so vor mir stehn! Vergeblich wünsch’ ich jezt die Rache, da der Augenblick vorüber ist.

So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da hörte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm wieder auf die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme, denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, daß der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mörder seiner Kinder war; es überfiel ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er plötzlich inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er faßte die Hand seines Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die Straße vermuthete.

Der Herzog sank darnieder

Im wilden dunkeln Hain,

Da nahm der Helde bieder

Ihn auf die Schultern sein.

Er sprach: gar viel Beschwerden

Mach’ ich dir, guter Mann;

Der sagte: auf der Erden

Muß man gar viel bestahn.

Doch sollst du, sprach Burgund,

Dich freun, bei meinem Worte,

Komm ich nur erst gesund

Zu Haus und sicherm Orte.

Der Held fühlt Thränen heiß

Auf seinen alten Wangen,

Er sprach: auf keine Weis’

Trag ich nach Lohn Verlangen.

Es mehren sich die Plagen,

Sprach der Burgund in Noth;

Wohin willst du mich tragen?

Du bist wohl gar der Tod? —

Tod bin ich nicht genannt,

Sprach Eckart noch im Weinen,

Du stehst in Gottes Hand,

Sein Licht mag dich bescheinen.

Ach, wohl ist mir bewußt,

Sprach jener drauf in Reue,

Daß sündvoll meine Brust,

Drum zittr’ ich, daß er dräue.

Ich hab’ dem treusten Freunde

Die Kinder umgebracht,

Drum steht er mir zum Feinde

In dieser finstern Nacht.

Er war mir recht ergeben,

Als wie der treuste Knecht,

Und war im ganzen Leben

Mir niemals ungerecht.

Die Kindlein ließ ich tödten,

Das kann er nie verzeihn,

Ich fürcht’, in diesen Nöthen

Treff’ ich ihn hier im Hain:

Das sagt mir mein Gewissen,

Mein Herze innerlich,

Die Kind hab ich zerrissen,

Dafür zerreißt er mich.

Der Eckart sprach: empfinden

Muß ich so schwere Last,

Weil du nicht rein von Sünden

Und schwer gefrevelt hast.

Daß du den Mann wirst schauen,

Ist auch gewißlich wahr,

Doch magst du mir vertrauen,

So krümmt er dir kein Haar.

So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im Walde eine andre Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken hervor. Der Herzog fühlte sich schwächer, und wünschte eine Herberge zu erreichen, in der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen, wenn sich der Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der Sturm von unten herauf aus den Bergschluften kam und über ihren Häuptern hinweg ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine Hütte erspähst, zu der wir uns wenden mögen.

Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie ein Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und rief: Im Thal da unten seh’ ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worüber der Herzog anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu. Als sie vor der Hütte standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein öffnete ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ der starke Eckart den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie warf und Gott in einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte. Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den Greis schlafend, der ihm unlängst sein großes Unglück mit seinen Söhnen erzählt hatte, welche er aufzusuchen ging.

Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Güte Gottes wie seine Allmacht haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, und ich wünsche nichts so sehr, als daß Gott mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt habt, will ich vor meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen, schenk’ ich die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß dieser grauenvollen Nacht, den Tannenhäuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir für deine Mühe und Liebe lohnen möge.

Da stand der Eckart von der Erden

Und trat herfür ans helle Licht,

Er zeigt mit traurigen Geberden

Sein hochbekümmert Angesicht.

Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth,

Den Blick des Mannes auszuhalten,

Den Adern sein entweicht das Blut,

In Ohnmacht ist er festgehalten.

Es stürzen ihm die matten Glieder

Von neuem auf den Boden nieder.

Allmächt’ger Gott! so schreit er laut,

Du bist es, den mein Auge schaut?

Wohin soll ich vor dir entfliehn?

Mußt du mich aus dem Walde ziehn?

Dem ich die Kinder hab’ erschlagen,

Der muß mich in den Armen tragen?

So klagt Burgund und weint im Sprechen,

Und fühlt das Herz im Busen brechen,

Er sinkt dem Eckart an die Brust,

Ist sich sein selber nicht bewußt. —

Der Eckart leise zu ihm spricht:

Der Schmach gedenk’ ich fürder nicht,

Damit die Welt es sehe frei,

Der Eckart war dir stets getreu.

So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in sein Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft aber nahm er seine Hand und drückte sie sich gegen seine Brust, und sah ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst beruhigte. Er versammelte alle seine Räthe um sich her, und sagte ihnen, daß er den Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er.

Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleiße an, und jedermann im Lande mußte seinen hohen männlichen Muth bewundern. Es währte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze Land durchziehe und mit seinen Tönen die Menschen entführe, welche verschwänden, ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden könne. Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, und Eckart gedachte des unglücklichen Greises wieder.

Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, sprach er zu den unmündigen Jünglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse befand; euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange, von wo sie weit in das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart unterdrückte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den Bergen herüber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen Klang vernahm.

Kommt es nicht wie Träumen

Aus den grünen Räumen

Zu uns wallend nieder,

Wie Verstorbner Lieder?

Spricht er zu den jungen Herrn,

Vernimmt den Zauberklang von fern.

Wie sich die Tön’ herüberschwungen

Erwachet in den frommen Jungen

Ein seltsam böser Geist,

Der sich nach unbekannter Ferne reißt.

Wir wollen in die Berge, in die Felder,

Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,

Gar heimliche Stimmen entgegen singen,

Ins irdische Paradies uns zu bringen!

Der Spielmann kommt in fremder Tracht

Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,

Und höher schwillt der Töne Macht,

Und heller glänzt der Sonne Licht,

Die Blumen scheinen trunken,

Ein Abendroth nieder gesunken,

Und zwischen Korn und Gräsern schweifen

Sanft irrend blau und goldne Streifen.

Wie ein Schatten ist hinweg gehoben

Was sonst den Sinn zur Erden zieht,

Gestillt ist alles ird’sche Toben,

Die Welt zu Einer Blum’ erblüht,

Die Felsen schwanken lichterloh,

Die Triften jauchzen und sind froh,

Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein

Und will in der Freude heimisch sein,

Des Menschen Seele reißen die Funken,

Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.

Es wurde Eckart rege

Und wundert sich dabei,

Er hört der Töne Schläge

Und fragt sich, was es sei.

Ihm dünkt die Welt erneuet,

In andern Farben blühn,

Er weiß nicht, was ihn freuet,

Fühlt sich in Wonne glühn.

Ha! bringen nicht die Töne,

So fragt er sich entzückt,

Mir Weib und liebe Söhne,

Und was mich sonst beglückt?

Doch faßt ein heimlich Grauen

Den Helden plötzlich an,

Er darf nur um sich schauen

Und fühlt sich bald ein Mann.

Da sieht er schon das Wüthen

Der ihm vertrauten Kind,

Die sich der Hölle bieten

Und unbezwinglich sind.

Sie werden fortgezogen

Und kennen ihn nicht mehr,

Sie toben wie die Wogen

Im wildempörten Meer.

Was soll er da beginnen?

Ihn ruft sein Wort und Pflicht,

Ihm wanken selbst die Sinnen,

Er kennt sich selber nicht.

Da kömmt die Todesstunde

Von seinem Freund zurück,

Er höret den Burgunde

Und sieht den letzten Blick.

So schirmt er sein Gemüthe

Und steht gewappnet da,

Indem kommt im Gemüthe

Der Spielmann selbst ihm nah.

Er will den Degen schwingen

Und schlagen jenes Haupt:

Er hört die Pfeife klingen,

Die Kraft ist ihm geraubt.

Es stürzen aus den Bergen

Gestalten wunderlich,

Ein wüstes Heer von Zwergen,

Sie nahen grauerlich.

Die Söhne sind gefangen

Und toben in dem Schwarm,

Umsonst ist sein Verlangen,

Gelähmt sein tapfrer Arm.

Es stürmt der Zug an Vesten,

An Schlössern wild vorbei,

Sie ziehn von Ost nach Westen

Mit jauchzendem Geschrei.

Eckart ist unter ihnen,

Es reißt die Macht ihn hin,

Er muß der Hölle dienen,

Bezwungen ist sein Sinn.

Da nahen sie dem Berge,

Aus dem Musik erschallt,

Und also gleich die Zwerge

Stillstehn und machen Halt.

Der Fels springt von einander,

Ein bunt Gewimmel drein,

Man sieht Gestalten wandern

Im wunderlichen Schein.

Da faßt er seinen Degen

Und sprach: ich bleibe treu!

Und haut mit Kraft verwegen

In alle Schaaren frei.

Die Kinder sind errungen,

Sie fliehen durch das Thal,

Der Feind noch unbezwungen

Mehrt sich zu Eckarts Quaal.

Die Zwerge sinken nieder,

Sie fassen neuen Muth,

Es kommen andre wieder,

Und jeder kämpft mit Wuth.

Da sieht der Held schon ferne

Die Kind in Sicherheit,

Sprach: nun verlier’ ich gerne

Mein Leben hier im Streit.

Sein tapfres Schwerdt thut blinken

Im hellen Sonnenstrahl,

Die Zwerge niedersinken

Zu Haufen dort im Thal.

Die Kinder sind entschwunden

Im allerfernsten Feld,

Da fühlt er seine Wunden,

Da stirbt der tapfre Held.

So fand er seine Stunde

Wild kämpfend wie der Leu,

Und blieb noch dem Burgunde

Im Tode selber treu.

Als nun der Held erschlagen

Regiert der ältste Sohn,

Dankbar hört man ihn sagen:

Eckart hat meinen Thron

Erkämpft mit vielen Wunden

Und seinem besten Blut,

Und alle Lebensstunden

Verdank’ ich seinem Muth.

Bald hört man Wundersagen

Im ganzen Land umgehn,

Daß, wer es wolle wagen

Der Venus Berg zu sehn,

Der werde dorten schauen

Des treuen Eckart Geist,

Der jeden mit Vertrauen

Zurück vom Felsen weist.

Wo er nach seinem Sterben

Noch Schutz und Wache hält.

Es preisen alle Erben

Eckart den treuen Held.