Kapitel 25

Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge erschienen, sah Grege mit anderen Augen und anderen Gedanken.

— Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern, Reiterschaaren, anstürmend auf feurigen Rossen, in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In schmählicher Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem eine solche Heimkehr beschieden wäre an der Spitze eines kampfbegeisterten Kriegsvolks!

Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel, heroische Phantasien. Auf europäischer Erde findet sich diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit blitzender Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten, war ein Seufzer, jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo der Kampf zwischen Männern nicht mit Worten, sondern mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom Gegner gefordert wurde als Einsatz, sein lebendiges Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg oder Tod!

Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen Stab wie damals, als er ausgezogen . . . Als Fremden zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein mit vollem Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich

straffer Gang, sein raubthierkühner, harter Blick.

Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er bis zum Morgengrauen in Teuta sein und den hohen Rath allarmiren.

Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar vor der verschlafenen Stadt zu rasten, und dann, wenn das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus nächster Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen.

In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete Lagerstätte an der hinteren Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß trug. Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich mit wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts sollte ihn stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens seinen Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die Stürme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief lange, fest, traumlos.

Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine Weckerin. Und er lächelte ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit gemüthlicher Selbstironie.

Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes Gesicht. Was bedeutet das eigenthümliche Getöse, Gesumme, Geflöte von künstlichen Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von

Männer-, Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara — thuuu — stra, Zara — thuuu — stra, Zara — thuuu — stra?

In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch längst vorüber? Aber das festliche Getöse wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, pflanzt sich verstärkt über die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und erfüllt die Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Böllerschüsse werden gelöst, die Pauken und Trommeln wüthend bearbeitet — da defilirt der hohe Rath vor dem Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten . . . Das ist Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein kann. Und Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und König, Gott und Affe zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des großen, freien, gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher Erniedrigung zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist’s nicht so? Ist’s nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blöder Tradition an diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte . . . als gezwungener Komödiant?

Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die

ihm die heißen Strahlenreflexe der Sonne in’s Gesicht schlägt, höher und höher, den Stab krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, weil es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird?

Hat er einen Doppelgänger?

Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses sich aufrichtete und hart an der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit einem Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! Was sich da unten vor ihm abspielt, ist die große Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den Trägern der Götterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs. Unter einem Baldachin, getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen . . . wer denn? Grege’s leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme! Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall und die liturgische Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein Doppelgänger anstimmt: — Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono erwiderte, wie es jetzt erwidert: — Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir lange und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du uns gesetzt, ein Beispiel den Völkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam gemächlich und wundert sich

über nichts, hier der würdevolle Oberpriester, geleitet von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer und Hüter des heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso — Alles echt und dennoch eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege, oder ist er’s nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er stößt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen Schatten an die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen Schritt vorwärts macht, läuft sein Schatten über die Königsterrasse und schlägt die Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in’s Gesicht. Er ist er selbst, Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung an der Mauer suchend, fällt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden, dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen führen, und die unverhältnißmäßig große Gruppe der Büßer in weißen Hemden, die Arme über die Brust gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von einer lichten Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Sünder an Teutas Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen Tänzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? Aber immer lauter und betäubender umbraust sein hohes Versteck der Prozessionslärm, wie Schnauben und Keuchen kommt’s die Freitreppe herauf

. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen der Weihrauchfässerschwinger . . . Der schwarzbärtige Vertreter der Slavakos . . . o Scheußlichkeit! . . . der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o Gaukelspiel und Sinnentrug . . . die heiligen Götterbilder und Symbole auf hohen Tragstangen, die wehenden rothen Banner des Festbundes . . . „Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den . . .

Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das Königsschloß und nimmt hinter dem geschlossenen Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der Hand wie ein Herold . . . Die Stunde ist da! Die Stunde ist da! . . . Außen Bewegung und Schlurfen der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung, Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet sich die Freitreppe herauf und staut sich unten in den weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht das hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem Baldachin hervor und hinauf auf die Portalschwelle die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf der Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten nehmen auf den Polsterstühlen Platz, die Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen Luft . . . Minus erhebt mächtig die Stimme . . . der Aktus beginnt in lautlosem Lauschen des Volkes . . . Minus, der Hüter des heiligen Wortschatzes von Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen Mysteriums in wohlgesetzter Rede, verneigt sich und ersucht den Uebermenschen, seines Amtes zu walten,

sich dem Volke als König vorzustellen und seinen Jahresspruch herzusagen.

Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch:

Aufwärts fliegt unser Sinn,

Achtet der Stunde,

Teuta’s erhabenes Volk — —

Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen Automaten auf und Grege der Pilger schreitet leibhaft hervor.

Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und der hohe Rath blicken entsetzt auf Soundso. Der ist so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen Armbewegungen. Was will der Fremde? ruft Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu . . . Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den Boden . . . Schlägt mit dem Stab dem Automaten die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse hinweg und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin von der Schulter und das goldene Scepter aus der Hand — und der Automat deklamirt, eine entlarvte Puppe, unerschütterlich weiter . . . Ebenso unerschütterlich schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des Volkes in seinem Zerstörungswerke weiter . . .

Will Euer Wille befehlen,

Wohlan, ich bin sein Symbol — —

Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, die Maschine rasselte noch einmal, dann war sie stille.

Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von

Grege erkannt, theilt dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter Kopf rollt ihm von der Schulter, der Purpurmantel entsinkt der Puppe . . .

Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet: — Sprich, wer bist Du, der so Entsetzliches schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in das stumme Schauspiel hinein.

Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo ruft von allen Seiten, von oben bis unten, von Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, der so Entsetzliches schafft?

Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge im Büßerhemde durchbricht die Reihen und stürmt, von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer gemeinsamen Vision magnetisch angezogen, die Treppen hinauf, auf die Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! Zu ihm! Er ist der Befreier!

Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von unten: — Er ist der Befreier! Er ist der Befreier!

Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und schüttelt die Massen, und wie Donnerstimme hallt’s: Heil dem Befreier! Heil dem Befreier!

Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier erkannt, taumelt einen Schritt vorwärts, die ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele gegangen — die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege’s Brust.

Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und Weib, alle Blicke sind starr, jeder Mund ist stumm,

Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an sich preßt: Volk von Teuta, Zarathustras jüngste Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser!

So war das Zeichen zum neuen Leben, zur Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und das weiße Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg, bis der Sieg erfochten.

Als am Abend die Terrasse von den Trümmern des Automaten-Gaukelfestes gesäubert wurde, berührte ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich begann die kopflose Puppe der entlarvten Hoheit zu rasseln: — Ao ist ein Idiot — Bim ist ein altes Grauthier — Titschi ist ein entlaufener Strandräuber — Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie Wanzen ab. — Man muß dem Volk in’s Gesicht schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf — Man muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich der Gottheit nahe . . .

In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen Beschluß des Volkes zum obersten Leiter der gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt.

— Da habt Ihr Euren Tribut.

Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies Quartier im Museum.

Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis zum Anbruch des nächsten Tages Botschaft nach Nordika

zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit dem Brudervolke von Nordika ersetzt.

Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung der Mauer, welche die Stadt der Männer von der Stadt der Frauen trennte.

Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen durchzubrennen und bei Willem Mom am Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und piepste er bis an sein Ende über des Teutareiches Untergang . . .

Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs von der Königsburg in Teuta, bis der volle Sieg über die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner mehr unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen Leben im Lichte der Sonne.

Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt es aus den klatschenden Falten des Banners wie Maikkas Lachen.

Ende.

Druck von C. G. Röder in Leipzig.

[Anmerkungen zur Transkription]

Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: