Kapitel 24
Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in freier Luft zu gewöhnen und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine Strecke der unendlichen Feststraße in Begleitung der Aeltesten vom Festbund abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses Opfer. Nach Aos Gefühl war’s ja einfach menschenunwürdig, überhaupt sich in der Oberwelt zu bewegen. Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht riechen. Und erst das freie Licht! Giebt’s etwas Brutaleres als freie Luft und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natürliche Licht nicht für Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reißen!
Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten.
Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer solchen Abendröthe prachtvoll
werden und das Fest und sein feierliches Gepränge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen.
— Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein unerträglicher Skandal sein.
Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben, diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei ungewöhnliche „Effekte“ sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des göttlichen Uebermenschen Zarathustra
und des großen Mysteriums unserer Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.
Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in einer Sänfte noch in’s Gotteshaus und in’s Museum schleppen lassen, um sich durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der Majestätsperiode früherer Jahrtausende.
So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso’sche Automaten die lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil sie für einen Automaten zu gefährlich war und
leicht zu seiner Entlarvung führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder — alten Münzen nachgeahmte Spielmarken — einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . . Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk würde dabei das Schauspiel einer bis — zur Nacktheit verhüllten wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . .
Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s. w., in verjüngtem Maßstabe nach
berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte.
Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt: zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra’s selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten. Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne.
Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder Nichtglaube.
Diese und andere Vorübungen für das Gelingen des Festes waren beendigt . . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung.
Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe ließe, damit er sich bis morgen von den Strapazen erholen könnte.
Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hieß Soundso.
Athemlos flog der Diplomat herein: — Hoheit, sie will nicht.
— Wer will nicht?
— Jala.
— Der Automat Jala?
— Jala in Person, Hoheit.
— Hast Du sie denn?
— Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß!
— Schweig, mich trifft der Schlag . . .
Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster.
Der hohe Rath wurde herbeigerufen.
Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich heraus, seine Eigenmächtigkeit
zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort persönlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden Tyrannenhänden schildere. Das fehle noch, daß ihm seine That im Interesse des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehört.
Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath überhaupt nicht kümmere. Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen Frauensperson den Verführer Grege eingeliefert, das wäre etwas Anderes gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, den hohen Rath zu interessiren, bestätigte Bim.
Der Automat des galanten Minus träumte schweigend hinter einem Schirm in der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine Stelle.
Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, daß sie in der Schlußnummer des Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil den Grege — diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen — ersetzen müsse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen könne, gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch auf die Spur des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten.
— Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege hat das verliebte Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die Thörin unterwegs sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß!
Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen.
Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm gelüste, diesen Griff zu thun, werde er nicht mit leeren Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des unter so außerordentlichen Umständen ermöglichten Nationalfestes den biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige Jala willfährig zu machen. Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese von der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten werden? Er, Soundso, wasche seine Hände in Unschuld.
Das wirkte.
— Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, daß uns die Tänzerin sofort vorgeführt werde.
Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam.
Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, daß er soeben eingefangen und hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe.
Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos,
zur Nationalfeier eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrüßung melden.
Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, den Mann zu empfangen, er ließe für den Gruß danken und erwidere ihn.
So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mißmuthige Antwort herein, daß es dem obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich nicht bloß um eine förmliche Begrüßung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein stärkeres Interesse zu nehmen hätten, als die Slavakos.
— Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, daß die Ernte mager ausgefallen ist und die Slavakos uns härtere Bedingungen stellen wollen.
— Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann muß sich gedulden bis nach dem Feste. Ich muß mich auch gedulden.
— Ueberdies hab’ ich jetzt die Register nicht zur Hand, fügte Bim mit selbstbewußter Miene bei.
Titschi lächelte wie Einer, dem’s Spaß macht, wenn eine Geschichte verkehrt angefaßt wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält.
Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten
Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die Ecke, Gesicht gegen Gesicht.
Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß diesen der obersten Staatsleitung geweihten Raum betreten.
Es war ein Ereigniß.
Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. Der große, zeltartige Saal erschimmerte in goldenem Licht.
— Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem Oberpriester zu.
Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, daß der Oberrichter Kaspe das Wort führen solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus und Grege Platz, in gespannter Erwartung.
Kaspe begann zu piepsen: — Wir wollen’s kurz machen, Hoheiten. Du bist Jala?
Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, über ihre Züge ein Geist ergossen, der aus einer höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des All-Wissens aus Leid und Liebe und Glückesverzicht.
Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für sich die Beobachtung, daß eine gewisse Linie des Leibes
und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime Mutterschaft verrathe.
— Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter.
— Ihr wißt es.
Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton.
— Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht?
— Ihr wißt es.
Der Ton klang fester.
— Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat Dich Grege das geheißen?
Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, daß es wie leises Beben über ihren Leib lief. Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam.
— Was sagt Grege dazu? rief Kaspe.
Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu.
— Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, würdest Du die Antwort finden, Schweigsame?
Pause.
— Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht?
Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach leise: — Was in ihm ist, ist zugleich außer ihm.
— Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst gethan?
Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie die Lippen aufeinander, daß kein Laut der Klage ihre Seele verrathe.
Der Oberrichter fuhr fort: — Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand die Deinige berührt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht?
Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in seines Grege-Automaten Brust. Ein Wort von Grege jetzt — und Alles war gewonnen . . . oder verloren. Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach der Brust des Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroße Oeffnung im Rücken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen:
— Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß er zunächst selbst für Grege, seinen einstigen Schüler, eine Bitte an Jala richte!
— Hoheit Minus, sprich in Greges Namen!
Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: — Was Du thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist.
Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam, prüfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn.
— Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe.
Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: — Ich habe eine Stimme gehört, aber ich fühle sie nicht.
Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit:
— Ihr habt’s vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefühl für des Volkes Wohl, also auch kein Gefühl für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem Feste ferngehalten werde, und als Flüchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der Schwelle des Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein Antrag!
Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß bei. Er öffnete seinem Grege-Automaten den Mund, daß die weich und volltönenden Worte unter der Hülle wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe erklangen: — Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr noch?
Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger Stimme: — Schweig! Ich verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln bis morgen versparen, wo er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas, seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen Beide ihren Lauf nehme.
Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte hohe Rath einmüthig: — Ja, so geschehe es! Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf!
Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges Worte verschlangen wie ein trüber Strudel den vom
Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen, Tosen, Stoßen, wie der spukartig sich ankündigende Groll des ganzen Volles, der morgen in immer wüster anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr Schweigen wie Greges männlich schönes Wort in den Staub treten wird. Grege . . . und wär’s ein Wahnbild, eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und sein Athem . . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem fühlte sie nicht, mit dem Klang der Stimme ist seine Seele verweht . . . Aber seine Stimme war’s, seine lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine Seele zurückrufen, daß sie auch seinen Athem spüre, was soll sie beginnen, daß er ihr nahekomme mit seinem vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, Niemand, auch Grege nicht . . . Grege? Grege? War das Grege wirklich, war’s nicht ein Gaukelspiel? Wie wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen, sie zu vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor aller Welt, wie ein Löwe sein Eigenthum an sich reißt und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei der ewigen Liebe . . .
— Man führe Grege ab! gebot Kaspe.
Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, dann streckte sie die Arme geradeaus nach vorn, wie beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib zurückfallen.
— Ich werde tanzen.
Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein
Triumph schnellte ihn nicht empor, als ihn die Hoheiten beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte sich nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein solches Weib zu täuschen und unter fremden Willen zu zwingen.
Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort zur Sache gefunden. Die Geschichte ging ihm über den Horizont. — Mechanik und Mystik! murmelte er endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel der Helle für seine Augen.