Kapitel 5

Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne.

Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige Gesang der Wellen am Strande.

Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über die Fluth hinweg in’s Land zu fallen in wüthender Heerfahrt.

Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei günstiger Wetterwende, Etliche, die

sich anzufreunden und innigeres gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen.

Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des Daseins zwischen den Dünen.

Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine Gewalt am schwächeren Nachwuchs.

So gab’s keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen, die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst verschwundenen Epochen bis an’s Meer stießen, den Ur gejagt, war das Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.

Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz.

Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen, die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von

waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen, und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute.

Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß unter ihren Fußtritten die Erde gebebt.

Das Alles war längst, längst vergangen. Aber es hatte seine Spuren zurückgelassen, sogar im Gedächtniß der rundköpfigen, kleingewachsenen Männer mit der unermüdlich behenden Zunge.

Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so außerordentliche Dinge. Aber wenn draußen der Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und der Wolkenhimmel in Schlünden

und Abgründen schmetternd versinken, da klang das alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich.

Nein, es konnte keine Fabel sein.

Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch, wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die große Helle und Stille über sie kam.

Auch die Angelos, die drüben auf der großen Insel, weit weg vom Strande, hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt herüberkamen, bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die aus Teuta stammten, beängstigend erschien und von ihnen als drohende, unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz.

— Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange keinen gehabt, sprach der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermüdlich in alten See- und Räubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in’s Tausendste fabulirt hatte.

— Alles kehrt wieder, Willem Mom.

— Schlechtes Wetter, jawohl.

Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil Alles in den Hütten schlief, der Auffahrt des Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm

der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel. Dicke Schwärze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft.

— Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da draußen ungeheuere eiserne Maschinen in schwarze Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die tausend Menschen faßten.

— Das ist vorbei, Fix.

— Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wägen, einer am andern, die faßten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, über Brücken.

— Das kommt nicht wieder.

— Warum, Willem Mom?

— Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen.

— Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, Flinke. Jeder für sein kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie auch wieder satt.

— Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin.

— Jawohl.

— Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, fingerdick, von schwerem Metall. Jetzt thut’s ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie man will.

— Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prächtigen Donner, he, Willem Mom!

— Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten nicht einmal unterwegs.

— Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab’ ich mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen.

— Ich sag’ Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut, als uns, wenngleich sie sich für das erste Volk auf Erden halten.

— Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon Lust, einmal dahinein zu sehen, nach Teuta.

— O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen.

— Wenn einmal die Wolken ’runterbrechen, müssen sie alle miteinander ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser, Willem Mom!

— Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles trocken über ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Köpfe fallen.

— Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land?

— Das haben sie sich abgewöhnt, Fix.

Fix lachte.

— Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was glaubst Du von ihrem Essen?

— Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt.

Fix lachte wieder.

— Na, hör’ mal, das ist ja geisterhaft. Da können sie ja auch nackt gehen, denn zu sehen ist da wohl nichts.

— Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum verkriechen sie sich tief in die Erde, wo’s hübsch warm ist.

Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht.

— Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. Ist da keine Möglichkeit?

— Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, nur davon zu träumen. Wär’ auch hineinzukommen, heraus kämen wir gewiß nicht mehr.

— Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herübergekommen, hört’ ich.

— Das schon, wenn auch ungeheuer selten.

— Nun also, Willem Mom.

— Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder sie haben etwas Verrücktes angestellt.

— Noch Verrückteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so Einen?

— Jawohl.

— Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu sehen? Es rührt sich nichts.

In der That, die Welt war wie mit Finsterniß verhängt. Auch das Blitzen und Donnern hatte nachgelassen. Das Getöse des Meeres klang gedämpfter.

Plötzlich war’s, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als würden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher Schönheit tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf, gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich in dunkles Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth.

Die beiden Männer standen wie gebannt von so viel Schönheit.

— Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was sagst Du dazu, Willem Mom?

Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte den Kopf vor, um schärfer zu sehen.

— Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du?

— Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo?

— Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebückt.

— Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande sein?

— Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes.

— Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist’s weg, rechts hinein. Am Ende doch nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom? Meinst Du?

— Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet.

Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwärts gethan, als in der That leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des Lichtes wieder in nächtiger Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand grenzte noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab.

— Mehr nach rechts, Willem Mom.

— Dort liegt’s, noch fünfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein könnte?

— Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen.

Und sie stapften in großen Schritten weiter, die Beine hochziehend im nachgiebigen Sande.

— Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom.

Nun standen sie davor.

— Heda! rief Fix.

Willem Mom beugte sich schweigend nieder.

— Greif nicht zu, lass’ mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere Seite tretend. — Heda, rühr’ Dich!

Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende erfaßt und bemühte sich, ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen.

— Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom.

— Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß wir ihn umwenden.

— Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rührt sich nicht. Wär’s nur nicht so stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was wir von oben gesehen. Glaubst Du?

— Lass’ mich nur machen. Faß unten, ziehe die Beine, richte die Füße, Fix.

Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend.

— — Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass’ den Arm und fühle nach dem Puls!

Inzwischen streifte er mit der Hand über den Hals zog die Kapuze zurück und seine Finger verfingen sich in einer Fülle von Haaren.

— Ich finde keinen Puls, Willem Mom.

— Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix?

— Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder sind schlank und zart. Ich will’s noch einmal mit einer Anrede versuchen.

— Schweig’, Fix. Sie ist jung und schön, das sieht man im Finstern. Wir müssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die Handflächen kräftig. Ich will’s an der Brust und im Rücken versuchen.

Und schweigend machten sich die Männer, an’s Werk.

Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen schwankten sanfter an den Strand

und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie elegische Musik.

Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des Weibes. Dann eilte er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu pressen.

Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hände und die Arme.

— Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rührt sich. Ihre Finger zucken.

— Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich nehme sie auf meine Schulter, Fix.

— Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. Ich habe auch Stärkungsmittel. Heda, Weib, komm’ zu Dir und zu mir!

— Sei kein Narr, Fix. Lass’ los, ich bin Manns genug.

— Willem Mom, ich sag’ Dir, sei nicht gewaltthätig. Heda, Weib, schlag die Augen auf! Siehst Du mich?

Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte Willem Mom mit einer raschen kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute.

Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen kürzeren Beinen mühsam hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt, ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend.

Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden Blicken die Finsterniß

durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden, von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt in die Siedlung und zu seiner Hütte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die schlanke Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner rechten Wange, wärmer und wärmer, und plötzlich war ihm als höbe sich ihr herabhängender Arm und suche sich um seinen Hals zu legen.

— Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark.

Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und stürzte mit seiner Last zu Boden.

Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch gewaltsamer an sich preßte.

Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der erste Laut, der wie ‚Grege‘ klang.

— Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme.

— Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemühte sich mit äußerster Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten.

— Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung, das Weib auf sein Knie ziehend.

— Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er fröhlich. Und der Schweiß perlte ihm von den Schläfen und tropfte auf die weiche weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte.

Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen Gesichts zu erspähen.

— Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich schütze Dich!

— Schweig’, Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner Heftigkeit.

Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken.

Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war ansteigend und schwierig, und so war’s das Vernünftigste, sich in die Last zu theilen.

Dann ging’s vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein Wort.

An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die Willem Mom’s, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen.

— Hier Vater, mach Platz’ auf dem Lager, wir bringen menschliches Strandgut. Ein Weib.

— Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe.

Aber da waren nicht viele Umstände zu machen.

— Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens. Warmes Lager und einen warmen Schluck.

Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.

Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte.

— Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.

— Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom.

— Ist Grege da?

Die Männer sahen sich an.

— Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend.

Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt, die Hände über der Brust gefaltet.

Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so edler Schönheit.

Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür.

— Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt.

— Oeffne die Augen, sieh’ uns an, bat Willem Mom.

Endlich bewegten sich ihre Lippen: — Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum Sehen.

— Sie redet irr, flüsterte Fix.

Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems spürte, wehrte sie mit schwacher

Handbewegung ab. Zwischen Daumen und Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern.

Fix entging er nicht.

— Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit eigener Beobachtung beschäftigt.

— Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone. Wie heißt Du?

— Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde.

— Die??

— Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert.

— Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf.

Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: — Nicht möglich? Es giebt kein Unglück, das nicht möglich wäre.

Dann, gegen das Lager gewendet:

— Ist’s wirklich so? Bist Du blind?

Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne.

Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer Schmerzenszug.

— Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet.

Sie nickte und seufzte:

— Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles sagen.

— Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander.

Der Frühwind sprang über’s Meer und jagte die Thür auf.

Flammend grüßte jetzt die Sonne in’s Gemach.

Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren Rettern.

— Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz.