Kapitel 6

Die Luft klar wie Krystall.

Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften getragen.

Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.

Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte.

So ging’s die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.

Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war kaum mehr zu schätzen.

Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben.

Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte.

Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose Flug spottete jeder Berechnung.

Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel.

Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes Land in ungeheuren Flächen zu erkennen.

— Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen zum Verschnaufen, spottete der Jüngere.

— Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta?

— Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen, aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken.

Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst seine Lippen

schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde, nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen Noth.

Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner knirschenden Betäubung vollständig.

Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch.

— So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt.

In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen bestimmten Gedanken denken konnte.

Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an ihn.

— Nimm’s uns nicht übel, wir hatten’s besser mit Dir vorgehabt. Wir werden Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind. Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst Du frei sein, Flüchtling?

Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.

Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in’s Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod Verbündeter.

Nur wenn er an Jala dachte, war’s mit seiner Fassung vorbei.

— Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler Anfang. O über die verwünschte Wunde!

Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele.

Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller Welt, losgelöst

von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte auf die bittere Erregung.

— Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er seine Peiniger.

— Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher schließen den Zweifel aus.

Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben.

Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an.

Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot!

Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er mochte nicht fragen.

Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber.

Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel. In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem Glanz.

Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien.

Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in dieser weltentrückten Höhe,

wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität.

Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben vermochte, in diesen fremden Regionen.

— Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber zu lösen, und über die Stupidität geht nichts.

— Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere.

— Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme, die Augen aufschlagend, wie im Traum.

— Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. Lass’ ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch’ Dir den Mund. Wir thun das Gleiche.

Grege versank in Schweigen, das auf’s Neue zu einem schlummerähnlichen Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem — — so verwandelt — — —

Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen, von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung.

Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten.

Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich damit seinen Bart.

— Originell ist er immerhin, dieser Typus.

— Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer zu stehen kommen.

— Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt vorausgesetzt.

— Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir gondeln bedenklich tief, da unten ist’s Meer. In seinen Schlünden zwischen Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.

Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte es seltsam.

— Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod und Leben.

— Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit

einem Griff und Wurf ists gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?

— Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht von der richtigen Stärke.

— Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt. Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns ein anderes Exemplar einfangen.

Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand! Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und Sinnloses — ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände. Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen — —

Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch.

Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.

— Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht, seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.

Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen, blutigrothe.

— Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.

Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner nieder.

Wie rother Qualm brach’s durch die Luft, und eine frische Strömung hob das Fahrzeug.

— Jala, das dank’ ich Dir! Jala, Lebendige! —